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Timon von Athen.

William Shakespeare

Übersetzt von Christoph Martin Wieland

Personen.

Timon, ein edler Athenienser.
Lucius, Lucullus, Sempronius und Ventidius, Schmeichler und falsche
Freunde des Timon.
Alcibiades, ein General der Athenienser.
Apemanthus, ein Cynischer Philosoph.
Flavius, Timons Verwalter.
Flaminius, Lucilius und Servilius, Bediente des Timon.
Caphis, Varro, Philo, Titus, Lucius und Hortensius, Bediente von
den Gläubigern des Timon.
Ein Poet.
Ein Mahler.
Ein Juweelen-Händler.
Ein Galanterien-Krämer.
Ein Kauffmann.
Drey Diebe.
Etliche Senatoren.
Cupido und Masken.
Phrynia und Timandra, Maitressen des Alcibiades.
Verschiedne Bediente, Soldaten, und andre als stumme Personen.
Die Scene, Athen, und ein nicht weit davon gelegner Wald.

Erster Aufzug.

Erste Scene.
(Eine Halle in Timons Hause.)
(Der Poet, der Mahler, der Juweelen-Händler, der Kauffmann, und
der Galanterie-Krämer treten durch verschiedne Thüren auf.)

Poet.
Guten Tag, mein Herr.

Mahler.
Ich erfreue mich über euer Wohlbefinden.

Poet.
Ich hab’ euch lange nicht gesehen; wie geht’s in der Welt?

Mahler.
So daß es besser seyn könnte, mein Herr.

Poet.
Nun, das ist etwas bekanntes. Aber was giebt es vor besondere
Seltenheiten?* Was ist so ausserordentlich, wovon wir nicht in den
Urkunden der Welt mehr als ein Beyspiel finden?–Seht, o Zauberey
der Freygebigkeit! Alle diese Geister hat deine Macht
zusammenbeschworen, dir aufzuwarten–Ich kenne den Kauffmann.

Mahler.
Ich kenne beyde; der andere ist ein Juweelen-Händler.

Kauffmann.
O! es ist ein würdiger Edelmann!

Juweelen-Händler.
Das ist ausgemacht.

Kauffmann.
Ein recht unvergleichlicher Mann, von einer unerschöpflichen und
immerwährenden Gütigkeit beseelt. Er übertrift —

Juweelen-Händler.
Ich habe hier ein Juweel–

Kauffmann.
O ich bitte euch, laßt mich’s sehen–Für den Lord Timon, mein Herr?

Juweelen-Händler.
Wenn er es so hoch bezahlt als es geschäzt ist; doch was das
betrift —

Poet.
Wenn wir um Lohn den Lasterhaften singen,
So wird auch des Gerechten Lobes Glanz
Dadurch beflekt, das wir der Tugend bringen–

Kauffmann

(indem er das Juweel betrachtet.)

Es ist schön geschnitten.

Juweelen-Händler.
Und reich; was das für ein Wasser ist! Seht ihr?

Mahler (zum Poeten.)
Mein Herr, ihr seyd, däucht mich, im Enthusiasmus, über irgend
einem Werk, das diesem grossen Mann gewidmet werden soll.

Poet.
Es ist eine Kleinigkeit, die mir in einer müssigen Stund’ entgangen
ist. Unsre Poesie ist wie ein Gummi, das daher entspringt, woher es
genährt wird. Das Feuer in dem Kiesel zeigt sich nicht eher bis es
herausgeschlagen wird; unsre anmuthige Flamme entzündet sich von
selbst, und überströmt wie ein reissendes Wasser jeden Damm, der
sie einzwängen will. Was habt ihr hier?

Mahler.
Ein Gemählde, mein Herr–Wenn kommt euer Werk ans Licht?

Poet.
An den Fersen meiner Gegenwart, mein Herr. Laßt mich euer Stük
sehen.

Mahler.
Es ist ein gutes Stük.

Poet.
Das ist es; das reicht an vortrefflich.

Mahler.
Erträglich.

Poet.
Bewundernswürdig! Was für eine Wahrheit, welch ein Anstand in
dieser Stellung! Was für eine geistige Kraft schießt aus diesem
Auge! Was für eine schwangre Einbildungskraft bewegt sich in diesen
Lippen! Selbst die stumme Gebehrde wird hier zum Ausdruk —

Mahler.
Es ist eine ganz artige Nachäffung der Natur; hier ist ein Strich–
Was sagt ihr davon?

Poet.
Ich will nichts sagen, als, er meistert die Natur selbst; eine
künstliche Bewegung lebt in diesen Strichen, die lebhafter ist als
das Leben selbst. (Einige Senatoren zu den Vorigen.)

Mahler.
Wie viel Aufwart dieser Herr hat!

Poet.
Die Senatoren von Athen! Glüklicher Mann!

Mahler.
Seht, noch etliche.

Poet.
Ihr seht diesen Zusammenfluß, diese grosse Fluth von Besuchern–Ich
habe in diesem rohen Werk einen Mann entworffen, den diese
Unterwelt mit überschwenglicher Hochachtung umfaßt, und in die Arme
schließt. Meine freye Absicht hält keinen besondern Lauf, sondern
bewegt sich selbst in einer weiten See von Wachs; keine gesäurte
Bosheit vergiftet ein einziges Comma in dem Lauf den ich halte:
sondern er fliegt einen Adler-Flug, kühn, in einem fort, und läßt
keine Spur zurük.

Mahler.
Wie soll ich euch verstehen?

Poet.
Ich will es euch aufrigeln. Ihr seht wie alle Stände, wie alle
Arten von Leute, sowohl die von glatter und schlüpfriger als die
von spröder und herber Beschaffenheit, ihre Dienste zu den Füssen
des Lord Timon legen: Sein grosser Reichthum, der an seiner
leutseligen und gütigen Gemüthsart hängt, überwältigt alle Arten
von Herzen, und macht sie zu seinen freywilligen Unterthanen; ja,
von dem Spiegelartigen Schmeichler bis zum Apemanthus, der wenige
Dinge so sehr liebt als sich selbst zu verabscheuen; aber auch
dieser gießt sich auf die Knie vor ihm hin, und kehrt vergnügt, und
durch ein Kopfniken des Timons, in seinen Gedanken, höchst glüklich
von ihm zurük.

Mahler.
Ich sah sie mit einander reden.

Poet.
Ich dichte also das Glük, auf einem hohen und anmuthigen Hügel
gethront. Der Fuß des Berges ist mit allen Arten von Personen und
Verdiensten dicht umgeben, die sich bestreben sich auf dem Busen
dieser Sphäre festzusezen. Unter allen diesen Wesen, deren Augen
auf diese allgewaltige Beherrscherin geheftet sind, personificire
ich einen in Timons Gestalt, den Fortuna mit ihrer elfenbeinernen
Hand zu sich winkt, und durch diese Gunst in ebendemselben
Augenblik alle seine Nebenbuhler zu seinen Dienern und Sclaven
macht.

Mahler.
Eine mahlerische Idee! Dieser Thron, diese Fortuna und dieser Hügel,
mit einem Manne, dem aus den übrigen untenstehenden emporgewinkt
wird, und der sein Haupt gegen den schrofen Berg beugt, um zu
seinem Glük hinaufzuklettern, würde, nach unsrer Kunst, wohl
ausgesonnen seyn.

Poet.
Nein, hört mich nur weiter: Alle diese, die so kürzlich erst seines
gleichen waren, einige besser als er, folgen in diesem Augenblik
seinen Schritten, drängen sich aufwartsam um ihn her, regnen
flüsternde Schmeichlereyen in sein Ohr, machen sogar seine
Schuhriemen zu einem Heiligthum, und trinken die freye Luft durch
ihn.

Mahler.
Zum Henker, was wollt ihr mit diesen?

Poet.
Sobald nun Fortuna, in einem Anstoß von Wankelmuth den, der kaum
ihr Liebling war, mit Füssen tritt; so seht ihr, wie alle seine
Verehrer, die mit Knien und Händen sich auf den Gipfel des Berges
hinaufarbeiteten, ihn hinunter schlüpfen lassen, ohne daß nur ein
einziger seinen ausglitschenden Fuß begleiten wollte.

Mahler.
Das ist gemein; ich kan euch tausend moralische Gemählde zeigen,
die dergleichen plözliche Glüks-Streiche weit lebhafter vorstellen
sollen, als Worte. Doch thut ihr wohl, dem Lord Timon zu zeigen,
daß es schon begegnet ist, daß erniedrigte Augen den Fuß über dem
Kopf gesehen haben. * Unser Autor hat, wie der Augenschein zeigt,
seinen Poeten in diesem Stüke zu einem schlechten Kerl gemacht.
Damit sein Charakter aber nicht der Profeßion selbst nachtheilig
sey, so hat er ihn zu einem eben so schlechten Poeten gemacht, als
er ein schlechter Mann ist. Ein untrügliches Kennzeichen von dem
falschen Geschmak und unreiffen Urtheil, so er ihm beylegt, ist
seine Liebe zu allem was seltsam, erstaunlich und abentheurlich,
und eine Verachtung alles dessen, was gewöhnlich oder der Natur
gemäß ist. Warbürton.

(Inspicere tanquam in speculum jubeo)– (Terent.)

Zweyte Scene.
(Trompeten. Timon tritt auf, und wendet sich auf eine leutselige
Art an die verschiednen Personen, die ihm die Aufwartung machen.)

Timon (zu einem Boten.)
Er sizt im Gefängniß, sagt ihr?

Bote.
Ja, gnädiger Herr; Seine Schulden belauffen sich auf fünf Talente,
seine Mittel sind sehr knapp, seine Glaubiger sehr dringend; er
bittet euch, an diejenige, die ihn eingesezt haben, zu seinem Behuf
zu schreiben, und würde ohne allen Trost seyn, wenn ihr ihm diese
Gunst versagen würdet.

Timon.
Der edle Ventidius! Gut! Ich bin nicht von der Art, meinen Freund
zu verlassen, wenn er meiner am meisten nöthig hat. Ich weiß, er
ist ein Edelmann, der wohl verdient, daß man ihm aushelfe; ich will
es thun, ich will die Schuld bezahlen, und ihn befreyen.

Bote.
Euer Gnaden verpflichtet sich ihn auf ewig.

Timon.
Empfehlt mich ihm; ich will ihm seine Ranzion schiken, und ihn,
wenn er wieder frey seyn wird, zu mir einladen. Es ist nicht genug,
dem Schwachen aufzuhelfen, man muß ihm auch den Arm zum Gehen
leyhen. Lebt wohl.

Bote.
Ich wünsche Euer Gnaden tausend Wohlergehen.

(Geht ab.)

(Ein alter Athenienser tritt auf.)

Alter Athenienser.
Lord Timon, hört mich reden.

Timon.
Rede frey, mein guter alter Vater.

Alter Athenienser.
Du hast einen Diener, namens Lucilius.

Timon.
So ist’s; was soll er dann?

Alter Athenienser.
Sehr edler Timon, laß diesen Mann sogleich vor dich kommen.

Timon.
Ist er hier oder nicht?–Lucilius!–(Lucilius tritt auf.)

Lucilius.
Hier, was befehlen Euer Gnaden?

Alter Athenienser.
Dieser Bursche hier, Lord Timon, dieser dein Diener besucht des
Nachts mein Haus. Ich bin ein Mann, der von der Jugend an sich Müh
gegeben hat, etwas zu erwerben, und mein Vermögen erheischt einen
gewichtigern Erben, als einen der auf einem hölzernen Teller ißt.

Timon.
Gut; was weiter?

Alter Athenienser.
Ich hab’ eine einzige Tochter, und sonst keinen Anverwandten, dem
ich vermachen könnte was ich erworben habe. Das Mädchen ist hübsch,
so jung als eine Braut seyn kan, und ich habe keine Kosten gespart,
sie zu den besten Eigenschaften zu erziehen. Dieser dein Diener
bewirbt sich um ihre Liebe; ich bitte dich, edler Lord, vereinige
dich mit mir, ihm ihren Umgang zu untersagen; ich selbst hab’ es
fruchtlos gethan.

Timon.
Der Mann ist ein ehrlicher Mann.

Alter Athenienser.
So wird er’s auch hierinn seyn, Timon. Seine Ehrlichkeit belohnt
ihn durch sich selbst, sie soll ihm nicht meine Tochter kuppeln.

Timon.
Liebt sie ihn?

Alter Athenienser.
Sie ist jung und mannbar; unsre eigene ehmalige Leidenschaften
lehren uns, wie leichtsinnig die Jugend ist.

Timon (zu Lucilius.)
Liebt ihr das Mädchen?

Lucilius.
Ja, mein Gnädiger Herr, und sie ist es zufrieden.

Alter Athenienser.
Wenn sie einander ohne meine Einwilligung heurathen, so rufe ich
die Götter zu Zeugen, daß ich meinen Erben aus den Bettlern auf der
Strasse wählen, und ihnen alles entziehen will.

Timon.
Wieviel soll sie zum Brautschaz haben, wenn sie einen Mann
heurathete, der ihr an Vermögen gleich wäre?

Alter Athenienser.
Drey Talente fürs Gegenwärtige, und künftig alles.

Timon.
Dieser wakere Mann hat mir lange gedient; um sein Glük zu machen,
will ich mich ein wenig angreiffen; es ist eine Pflicht der
Menschlichkeit. Gieb ihm deine Tochter; so viel du ihr giebst, will
ich ihm auch geben, um zu machen, daß er so viel wägen soll als sie.

Alter Athenienser.
Sehr edler Lord, verspreche mir das auf euer Ehrenwort, so soll er
sie haben.

Timon.
Hier hast du meine Hand, mein Ehrenwort ist mein Versprechen.

Lucilius.
Ich danke Euer Gnaden demüthigst; nimmer möge mir das Glük gedeyhen,
welches ich nicht eurer Güte schuldig zu seyn erkenne.

(Lucilius und der Alte Athenienser gehen ab.)

Poet.
Nehmet diese Arbeit so gütig auf, als die Wünsche, die ich für Euer
Gnaden langes Leben thue.

Timon.
Ich danke euch, ihr sollt gleich mehr von mir hören; geht nicht weg–
Was habt ihr hier, mein Freund?

Mahler.
Ein Gemählde, welches ich Euer Gnaden bitte anzunehmen.

Timon.
Mahlerey ist mir allezeit willkommen. Seitdem die Falschheit mit
der Natur des Menschen ein Gewerbe treibt, ist ein gemahlter Mensch
soviel als ein natürlicher; gemahlte Figuren sind gerade das, wofür
sie sich geben. Euer Werk gefällt mir, und ihr sollt finden, daß es
mir gefällt; wartet, bis ihr wieder von mir hört.

Mahler.
Die Götter erhalten euch!

Timon.
Lebt wol, mein Herr; gebt mir eure Hand, wir müssen heute mit
einander zu mittagessen. Mein Herr, euer Juweel hat von
allzugrossem Lob gelitten.

Juweelen-Händler.
Wie, Milord? Ist es mißfällig?

Timon.
Es ist mir bis zum Ekel angepriesen worden. Wenn ich es bezahlen
sollte, wie es geschäzt wird, so müßte ich mich zu Grunde richten.

Juweelen-Händler.
Gnädiger Herr, es ist so geschäzt wie diejenige, die es verkauffen,
es gerne gäben; ihr wißt aber wol, daß Dinge von gleichem Werth,
wenn sie ungleiche Eigenthümer haben, nach ihren Besizern geschäzt
werden; glaubt mir, Gnädiger Herr, das Juweel würde einen noch
grössern Werth erhalten, wenn ihr es trüget.

Timon.
Ihr scherzet mit mir, mein guter Mann.

Kauffmann.
Nein, Gnädiger Herr, er redt nur die gemeine Sprache, die alle
Leute mit ihm reden.

Timon.
Seht, wer hier kommt–Wollt ihr ausgescholten seyn?

Dritte Scene.
(Apemanthus)* (zu den Vorigen.)

{ed.-* Sehet diesen Character eines Cynikers, sehr fein vom Lucian in
seinem Ausruf der Philosophen gezeichnet, und wie gut Shakespear
ihn copirt hat. Warbürton.}

Juweelen-Händler.
Wir wollen’s mit Euer Gnaden theilen.

Kauffmann.
Er wird keinen verschonen.

Timon.
Guten Morgen, mein angenehmster Apemanthus.

Apemanthus.
Warte du auf einen Gegengruß, bis ich angenehm werde.

Poet.
Wenn werden wir das Glük haben, das zu erleben?

Apemanthus.
Wenn du Timons Hund seyn wirst, und diese Schelmen ehrlich.

Timon.
Warum nennst du sie Schelme? Du kennst sie nicht.

Apemanthus.
Sind sie nicht Athenienser?

Timon.
Ja.

Apemanthus.
So nehm’ ich mein Wort nicht zurük.

Juweelen-Händler.
Ihr kennt mich, Apemanthus.

Apemanthus.
Du weißst daß ich dich kenne, ich nannte dich bey deinem Namen.

Timon.
Du bist stolz, Apemanthus.

Apemanthus.
Auf nichts so sehr, als das ich dem Timon nicht ähnlich bin.

Timon.
Wo willt du hin?

Apemanthus.
Einem ehrlichen Athenienser das Hirn ausschlagen.

Timon.
Das wär’ eine That, wofür du sterben müßtest.

Apemanthus.
Richtig, wenn das Gesez eine Todesstrafe auf nichts thun sezt.

Timon.
Wie gefällt dir dieses Gemählde, Apemanthus?

Apemanthus.
Am besten, weil es nichts böses thut.

Timon.
Arbeitete der nicht gut, der es mahlte?

Apemanthus.
Der arbeitete noch besser, der den Mahler machte; und doch ist er
nur ein schlechtes Stük Arbeit.

Mahler.
Ihr seyd ein Hund.

Apemanthus.
Deine Mutter ist von meinem Stamme; was war sie, wenn ich ein Hund
bin?

Timon.
Apemanthus, willt du mit mir zu mittagessen?

Apemanthus.
Nein, ich esse keine grosse Herren.

Timon.
Wenn du es thätest, würden die Damen über dich böse werden.

Apemanthus.
O! die verschlingen gar die grossen Herren, und kriegen dike Bäuche
davon.

Timon.
Das ist ein unzüchtiger Einfall.

Apemanthus.
So nimmst du ihn auf; nimm ihn für deine Mühe.

Timon.
Wie gefällt dir dieses Juweel, Apemanthus?

Apemanthus.
Nicht so wol wie Aufrichtigkeit, die doch einen keinen Heller
kostet.

Timon.
Wie viel meynst du, daß es werth sey?

Apemanthus.
Nicht werth daß ich darauf denke. Wie steht’s, Poet?

Poet.
Wie steht’s Philosoph?

Apemanthus.
Du lügst.

Poet.
Bist du keiner.

Apemanthus.
Ja.

Poet.
So lüg’ ich nicht.

Apemanthus.
Bist du nicht ein Poet?

Poet.
Ja.

Apemanthus.
So lügst du also: schau in dein leztes Werk; worinn du dichtest,
daß er ein würdiger Mann sey.

Poet.
Das ist nicht gedichtet, er ist es.

Apemanthus.
Ja, er ist deiner würdig, und würdig dich für deine Arbeit zu
bezahlen. Wer sich gerne schmeicheln läßt, ist seines Schmeichlers
würdig. Götter! möcht’ ich nur ein grosser Herr seyn!

Timon.
Was wolltest du denn thun, Apemanthus?

Apemanthus.
Eben das was Apemanthus izt thut, einen grossen Herrn hassen.

Timon.
Wie, dich selbst?

Apemanthus.
Ja.

Timon.
Warum denn?

Apemanthus.
Das ich nicht mehr Verstand hätte, als ein grosser Herr zu seyn–
Bist du nicht ein Kauffmann?

Kauffmann.
Ja, Apemanthus.

Apemanthus.
Die Handelschaft verderbe dich, wenn es die Götter nicht thun
wollen!

Kauffmann.
Wenn es die Handelschaft thut, so thun es die Götter.

Apemanthus.
Die Handelschaft ist dein Gott, und dein Gott verderbe dich! (Man
hört Trompeten. Ein Bote tritt auf.)

Timon.
Was für Trompeten sind das?

Bote.
Es ist Alcibiades mit etlichen zwanzig Reitern, die ihn begleiten.

Timon.
Ich bitte euch, geht ihnen entgegen, ladet sie zu mir ein–ihr müßt
schlechterdings mit mir zu mittagessen–Geht nicht von hier bis ich
euch gedankt habe, und nach dem Essen, zeigt mir dieses Stük; ich
erfreue mich euch zu sehen. (Alcibiades und seine Begleiter treten
auf.) Sehr willkommen, mein Herr.

(Sie büken sich, und umarmen einander.)

Apemanthus.
So, so! daß euch die Gicht lähme und ausdörre, ihr biegsamen
Gelenke! Warum sollten auch diese artigen süssen Schelmen einander
nicht lieb haben! Wahrhaftig das menschliche Geschlecht wird zu
lauter Affen und Meerkazen.

Alcibiades.
Ich sehnte mich so sehr euch zu sehen, daß ich es nicht satt werden
kan.

Timon.
Sehr willkommen, mein Herr; ehe wir scheiden, wollen wir einige
Tage mit allerhand Lustbarkeiten zubringen. Ich bitte euch, laßt
uns hinein gehen.

(Sie gehen ab.)

Vierte Scene.
(Apemanthus bleibt; zu ihm Lucius und Lucullus.)

Lucius.
Wie viel ist die Zeit, Apemanthus?

Apemanthus.
Zeit ehrlich zu seyn.

Lucius.
Diese Zeit ist immer.

Apemanthus.
Ein desto schlimmerer Bube bist du, daß du sie immer vorbeylässest.

Lucullus.
Gehst du zu des Lord Timons Gastmahl?

Apemanthus.
Ja, um zu sehen, wie Speisen Schelme fällen, und Wein Narren erhizt.

Lucius.
Lebe wohl, lebe wohl.

Apemanthus.
Du bist ein Narr, daß du mir zweymal lebe wohl sagst.

Lucullus.
Warum, Apemanthus?

Apemanthus.
Du hättest eines für dich selbst behalten sollen, denn von mir
kriegst du keines.

Lucius.
Häng’ dich auf!

Apemanthus.
Nein, ich will nichts thun, das du mir sagst; mache deine
Fordrungen an deinen Freund.

Lucius.
Hinweg du unverträglicher Hund, oder–ich stosse dich mit den
Füssen hinaus.

Apemanthus.
Ich will fliehen, wie ein Hund vor den Hinterfüssen eines Esels.

Lucius.
Er ist ein Antipode der Menschlichkeit. Kommt, wollen wir
hineingehen, und an Lord Timons Freygebigkeit Antheil nehmen? In
der That er übertrift die Güte selbst.

Lucullus.
Das thut er. Plutus, der Gott des Reichthums ist nur sein Haus-
Hofmeister: Das kleinste Verdienst, das sich jemand um ihn macht,
bezahlt er siebenfältig über seinen Werth; und das kleinste
Geschenk das er annimmt, zieht dem Geber eine Erstattung zu, die
alle gewöhnliche Erkenntlichkeit übertrift.

Lucius.
Er hat das edelste Gemüth, das jemals einen Mann regiert hat.

Lucullus.
Mög’ er lang’ in diesem glüklichen Stande leben, wollen wir hinein?

Lucius.
Ich will euch Gesellschaft leisten.

(Sie gehen ab.)

Fünfte Scene.
(Ein grosser Saal in Timons Hause.)
(Eine Musik mit Hautbois; Es wird ein grosses Banquet aufgetragen;
Timon, Lucius, Lucullus, Sempronius und andre Atheniensische
Senatoren, treten mit Ventidius auf. Wenn alle herein gekommen sind,
schlendert auch Apemanthus, mit mißvergnügtem Gesicht, hinter
ihnen drein.)

Ventidius.
Höchstgeehrter Timon! es hat den Göttern gefallen, meinen alten
Vater in seine Ruhe eingehen zu lassen. Er ist glüklich vom
Schauplaz gegangen, und hat mich reich hinterlassen. Ich gebe euch
also, wie die Dankbarkeit gegen euer großmüthiges Herz mich
verpflichtet, diese Talente, durch deren Hülf ich meine Freyheit
wieder erlangt, mit verdoppeltem Dank und Erbietung meiner
Gegendienste zurük.

Timon.
O, das kan nicht seyn, mein rechtschaffner Ventidius; ihr mißkennet
meine Freundschaft: Ich gab sie mit willigem Herzen hin; und wer
kan mit Wahrheit sagen, daß er gebe, wenn er wieder empfängt? Wenn
höhere als wir sind es thun, so steht es doch uns nicht an.

Apemanthus.
Ahme ihnen kühnlich nach; nüzliche Laster sind schön.

Ventidius.
Welch eine edle Denkungsart!

Timon,

(indem er sieht, daß seine Gäste viele Complimente und Umstände
machen, eh sie sich sezen.)

Ceremonien sind nur erfunden worden, um falschen Thaten, holen
Bewillkommungen, und erzwungner Gutthätigkeit eine Glasur zu geben;
aber, wo wahre Freundschaft ist, bedarf es nichts dergleichen. Ich
bitte euch, nehmet Plaz; ihr seyd mir willkommner zu meinem
Wohlstand, als er mir selbst ist.

(Sie sezen sich.)

Lucius.
Wir sind immer davon überzeugt gewesen.

Apemanthus.
Ho, ho, überzeugt gewesen? Daß ihr gehangen wär’t!

Timon.
Ha, Apemanthus! Ihr seyd willkommen.

Apemanthus.
Ich will es aber nicht seyn; ich komme nur, daß du mich zur Thüre
hinausstossest.

Timon.
Pfui, wie grob du bist! Ihr habt da einen Humor angenommen, der
einem Mann nicht gut läßt; es ist gar nicht hübsch. Man sagt sonst,
meine Herren, (ira furor brevis est), aber dieser Mann dort ist
immer entrüstet.

Apemanthus.
Laß mich auf deine Gefahr da bleiben, Timon; ich komme,
Beobachtungen zu machen, ich will dich gewarnt haben.

Timon.
Und ich gebe dir keine Acht; du bist ein Athenienser, und also
willkommen; ich möchte für mich selbst kein Vermögen haben–Ich
bitte dich, laß meine Schüsseln dich zum Stillschweigen bringen.

Apemanthus.
Ich verschmähe deine Schüsseln; ich wollt’ eher dran erworgen, eh
ich dir jemals schmeicheln wollte. O ihr Götter, wieviel Leute
essen den Timon, und er sieht sie nicht! Es schmerzt mich, ihrer so
viele zu sehen, die ihren Bissen in eines einzigen Mannes Blut
tauchen; und das unsinnigste ist, daß er sie noch dazu aufmuntert.
Mich wundert nur, daß es Menschen giebt, die sich bey andern
Menschen sicher halten. Sie sollten einander ohne Messer einladen,
es wäre gut für ihre Schüsseln, und sichrer für ihr Leben. An
Beyspielen fehlt es nicht; der Bursche, zum Exempel, der hier zu
nächst an ihm sizt, das Brodt mit ihm theilt, und thut als ob er
auch den Athem mit ihm theilen wollte, ist alle Augenblike
bereitwillig, ihm einen Dolch in das Herz zu stossen. Es sind
Beweise davon da. Wär’ ich ein grosser Herr, ich hätte das Herz
nicht zu trinken, aus Furcht, sie möchten ausspähen, wo sie meiner
Luftröhre am besten beykommen könnten; grosse Herren sollten nicht
anders trinken, als mit einem Harnisch um ihre Gurgel.

Timon (indem er dem Lucullus zutrinkt.)
Milord, von Herzen; laßt die Gesundheit herumgehen.

Lucullus.
Laßt sie diesen Weg gehen, mein werthester Lord.

Apemanthus.
Diesen Weg gehen–Ein braver Kerl; er weiß die Zeit wol in Acht zu
nehmen; diese Gesundheiten werden noch machen, daß du und dein
Vermögen die Schwindsucht kriegen werden, Timon.

(Er langt ein Stük Brodt und einen Krug mit Wasser aus seiner
Tasche.)

Hier ist etwas, das zu schwach ist, ein Sünder zu seyn, ehrliches
Wasser, das noch niemand in den Schuld-Thurm gebracht hat. Mein
Essen schikt sich zu meinem Trank–

(Er stellt sich hin, das Tisch-Gebett zu sprechen.)

Gastmähler sind zu stolz, den Göttern Dank zu sagen.

Apemanthus (betet:)
(Ihr Götter, ich spreche euch um keine Reichthümer an, denn ich
achte sie für Quark; ich bitte für niemand, als mich selbst.
Verleihet, daß ich niemals so ein guter Narr werde, einem Mann auf
seinen Eyd zu trauen, oder einer Hure auf ihre Thränen, oder einem
Hund, der zu schlafen scheint, oder meinen Freunden, wenn ich ihrer
nöthig habe; Amen, Amen.) Izt zugegriffen! Reiche Leute sündigen,
und ich esse Wurzeln.

Timon.
General Alcibiades, mich däucht, euer Herz ist diesen Augenblik im
Felde.

Alcibiades.
Mein Herz ist allenthalben zu euern Diensten, Milord.

Timon.
Ihr wäret lieber bey einem Frühstük von Feinden, als bey einem
Mittag-Essen von Freunden gewesen.

Alcibiades.
Wenn sie so frisch bluten, so ist kein besseres Gericht als sie;
ich wollte meinen Freund zu einem solchen Schmaus wünschen.*

Apemanthus.
Ich wollte also, daß alle diese Schmarozer deine Feinde wären,
damit du sie umbrächtest, und mich darauf zu Gaste bätest.

Lucullus.
Möchten wir nur das Glük haben, Milord, daß ihr uns einmal durch
etwas auf die Probe sezen wolltet, wobey wir euch unsre Ergebenheit
in etwas zeigen könnten; es würde uns nichts mehr zu wünschen übrig
bleiben.

Timon.
O, meine guten Freunde, ich zweifle keinen Augenblik, daß die
Götter für Gelegenheiten gesorgt haben, wo ich eben so viel Hülfe
von euch erhalten werde; wie wäret ihr sonst meine Freunde gewesen?
Warum trüget ihr diesen herzrührenden Namen, vor tausenden, wenn
ihr mein Herz nicht näher angienget? Ich habe über diesen Punct
mehr von euch zu mir selbst gesagt, als ihr mit Bescheidenheit zu
euerm eignen Behuf sagen könntet. Ihr Götter, denke ich, wozu
brauchten wir Freunde zu haben, wenn wir sie niemals nöthig hätten;
sie würden wie liebliche Instrumente seyn, die in Futteralen
aufgehangen sind, und ihre Töne für sich selbst behalten. Mein
Vertrauen zu euch geht so weit, daß ich mich oft ärmer gewünscht
habe, damit ich euch näher kommen möchte; wir sind dazu gebohren,
Gutes zu thun. Und was können wir gewisser und eigentlicher unser
eigen nennen, als die Reichthümer unsrer Freunde? O! was für ein
unschäzbarer Trost ist das, so viele zu haben, die, wie Brüder,
einer über des andern Glük und Vermögen schalten können! O Freude,
die schon eine Freude ist, eh sie gebohren werden kan! Meine Augen
können nicht Wasser halten, däucht mich; ihren Fehler zu verbessern,
trink ich euch zu!

Apemanthus.
Du weinst nur, um zu machen, daß sie dich trinken.

Lucullus.
Das Vergnügen ward auf die nemliche Art in unsern Augen empfangen,
und kam in demselben Augenblik wie ein neugebohrnes Kind hervor.

Apemanthus.
Ho, ho! ich muß lachen, wenn ich denke, daß dieses Kind ein Bastard
ist.

Ein andrer von den Gästen.
Ich versichre euch, ihr habt mich ausserordentlich gerührt.

Apemanthus.
Ausserordentlich!

(Man hört einen Trompeten-Stoß.)

Timon.
Was will diese Trompete? was giebt’s? (Ein Bedienter kommt herein.)

Bedienter.
Gnädiger Herr, es sind etliche Frauenzimmer draussen, welche gerne
vorgelassen werden möchten.

Timon.
Frauenzimmer? Was wollen sie?

Bedienter.
Sie bringen einen Vorredner mit, der das Amt trägt, ihr Gewerb
anzubringen.

Timon.
Ich bitte, laßt sie hereinkommen. * Diese Scytische Art zu reden,
ist nicht im Character eines Atheniensers, noch des Alcibiades. Der
Alcibiades unsere Autors in diesem Stük gleicht dem Alcibiades, den
Plutarch schildert, wie ein Affe einem Menschen; er ist ein Held in
Ostadens Geschmak gemahlt, oder wie–(Dieu le Pere dans sa gloire
éternelle, peint galamment dans le gout de Wateau.)

Sechste Scene.
(Cupido mit etlichen Weibspersonen, die als Amazonen gekleidet
sind, und ein Balletformiren.)

Cupido.
Heil dir, würdiger Timon, und euch allen, die seine Gütigkeiten
schmeken! Die fünf vorzüglichsten Sinnen erkennen dich für ihren
Gutthäter, und kommen, deiner überfliessenden Großmuth Dank zu
erstatten. Das Ohr, der Geschmak, der Geruch und das Gefühl stehen
befriedigt von deiner Tafel auf, diese hier kommen nun, deinen
Augen einen Schmaus zu geben.

Timon.
Sie sind alle willkommen; laßt ihnen freundlich begegnet werden;
laßt Musik ihren Willkomm machen.

Lucius.
Ihr sehet, Milord, wie ausserordentlich ihr geliebt werdet.

Apemanthus.
Heyda! Was für ein Geschweif von Eitelkeit zieht daher! Sie tanzen,
sie sind dem Tollhaus entloffen, glaub’ ich.*

{ed.-* Apemanthus fährt hier im Original in etlichen Zeilen fort, über
die Weltfreuden und die Schmeichler loszuziehen; es ist aber,
ungeachtet der Bemühung des Hrn. Warbürton, so wenig Zusammenhang
in dieser corrupten Rede, daß man sie lieber gar weggelassen; da es
ohnehin weiter nichts als eine ganz alltägliche Capucinade ist, an
der man wenig verliehrt.}

(Nach geendigtem Tanz stehen die Gäste von der Tafel auf, und
machen dem Timon eine Menge feyrlicher Ehrenbezeugungen: Ein jeder
ließt sich sodann eine Amazonin aus, und so tanzen sie paarweise
einen oder Zween muntre Tänze, und hören auf.)

Timon.
Meine schönen Damen, ihr habt unserer Lustbarkeit einen Reiz
gegeben, ohne den sie nicht halb so schön und anmuthig war. Eure
Gegenwart hat ihr erst einen Werth und lebhaften Glanz gegeben, und
das Vergnügen vollkommen gemacht, das ich meinen Gästen zu
verschaffen gewünscht habe. Ich bin euch sehr dafür verbunden.

Lucius.
Milord, ihr nehmt sie uns gerade wie es am besten gegangen wäre.

Timon.
Mesdames, es ist hier in dem Nebenzimmer eine kleine Tafel für euch
gedekt. Nehmet einige Erfrischungen, wenn es euch beliebt.

Alle Frauenzimmer.
Mit vielem Dank, Milord.

(Sie gehen ab.)

Timon.
Flavius–

Flavius.
Gnädiger Herr–

Timon.
Bringt mir das kleine Kästchen her.

Flavius.
Ja, Gnädiger Herr.

(Bey Seite.)

Noch mehr Juweelen? Man darf ihm nicht einreden, wenn er in einer
Laune ist, sonst sollt ich ihm sagen–Gut!–In der That ich sollte;
wenn es zu späte seyn wird, wird er selbst wünschen, daß man ihm
eingeredet hätte. Es ist zu bedauren, daß die Freygebigkeit hinten
am Kopf keine Augen hat, damit ein ehrlicher Mann nicht durch ein
allzu gutes Herz unglüklich werden könnte.

Lucullus.
Wo sind unsre Leute?

Bedienter.
Hier, Gnädiger Herr.

Lucullus.
Unsre Pferde!

Timon.
O meine guten Freunde!

(zu Lucullus.)

Ich hab’ euch nur ein Wort zu sagen: Sehet hier Mylord; ich bitte
euch, erweißt mir die Ehre, dieses Kleinod anzunehmen und zu tragen,
mein gütiger Lord!

Lucullus.
Ich bin schon so sehr euer Schuldner–

Alle.
Das sind wir alle.

(Lucius, Lucullus, und die übrigen gehen ab.)

Siebende Scene.
(Ein Bedienter zu Timon.)

Bedienter.
Gnädiger Herr, etliche Edelleute, die kürzlich in den Senat
befördert worden, wollen euch ihren Besuch machen.

Timon.
Sie sind höchstens willkommen. (Flavius kommt wieder zurük.)

Flavius.
Ich bitte Euer Gnaden, erlaubet mir ein Wort; es geht euch sehr nah
an.

Timon. Mich? Nun, so will ich dich ein andermal anhören. Ich bitte,
sorge davor, daß wir ihnen mit etwas aufwarten können.

Flavius (vor sich.)
Ich weiß kaum womit. (Ein andrer Bedienter.)

2. Bedienter.
Mit Euer Gnaden Erlaubniß, Lord Lucius macht euch aus Freundschaft
und Erkenntlichkeit ein Geschenk von vier milchweissen Pferden, mit
Silber angeschirrt.

Timon.
Ich werde sie auf eine edle Art annehmen;

(zu Flavius.)

Sorget davor, daß ihnen wohl gewartet werde. (Ein dritter
Bedienter.) Was giebt’s? was neues?

3. Bedienter.
Mit Euer Gnaden Erlaubniß, der hochgebohrne Lord Lucullus bittet
sich Euere Gesellschaft morgen auf eine Jagd aus, und hat Euer
Gnaden zwo Kuppeln Windhunde hergeschikt.

Timon.
Ich will mit ihm jagen; ich will sie annehmen, und nicht vergessen,
ihm einen schönen Ersaz zu thun.

Flavius (vor sich.)
Wo will das hinkommen? Er befiehlt uns immer Provisionen zu machen,
und macht grosse Präsente, und alles aus einer leeren Kiste. Und
doch will er nicht leiden, daß ich ihm zeige, was für ein Bettler
seine Freygebigkeit ist; seine Versprechungen fliegen soweit über
sein Vermögen hinaus, daß er für alles was er spricht, für jedes
Wort, schuldig werden müßte. Er ist so gut, daß er Intressen
bezahlt, um Andern Freygebigkeiten zu erzeigen. Alle seine Güter
stehen in den Schuldbüchern seiner Gläubiger. Gut! ich wollte ich
würde mit einer guten Art meines Diensts entsezt, eh ich gezwungen
werde ihn zu verlassen. Glüklicher ist wer gar keine Freunde zu
füttern hat, als solche, die noch schlimmer sind als seine
erklärten Feinde selbst. Mein Herz blutet mir vor meinen Herren.

(Er geht ab.)

Timon.
Ihr thut euch selbst unrecht, ihr verringert eure Verdienste zu
sehr. Hier, Milord, ein kleines Merkmal unsrer Freundschaft.

1. Lord.
Ich nehm’ es mit höchstem Dank an.

2. Lord.
Er hat das großmüthigste Herz von der Welt.

Timon.
Ah, ich erinnere mich erst izt, Milord, daß euch neulich das
Castanien-braune Pferd, worauf ich ritt, wohl zu gefallen schien:
Es ist euer, weil es euch gefällt.

3. Lord.
O ich bitte euch um Verzeihung, Milord, was das betrift.

Timon.
Nehmt mein Wort dafür, Milord; ich weiß, niemand kan etwas nach
Verdienst loben, als was er liebt. Ich schäze meines Freundes
Geschmak nach meinem eignen! ich spreche in vollem Ernst–Meine
Herren, ich werde mich bey euch melden lassen.

Alle Lords.
O! niemand wird uns so willkommen seyn.

Timon.
Alle Besuche, und besonders die eurigen, sind mir so werth und
angenehm, daß es nicht genug ist, wenn ich euch davor danke; ich
könnte Königreiche unter meine Freunde austheilen, und es nie müde
werden. Alcibiades, du bist ein Soldat, und also selten reich;
deine Einkünfte sind unter den Todten, und deine Ländereyen ligen
in einem Schlachtfeld —

Alcibiades.
Es ist noch Land’s genug einzunehmen, Milord.

1. Lord.
Wir sind euch so gänzlich verpflichtet–

Timon.
Das bin ich euch.

2. Lord.
So unendlich verbunden–

Timon.
Alles auf meiner Seite. Lichter, mehr Lichter!

3. Lord.
Wir wünschen euch eine beständige Dauer der vollkommensten
Glükseligkeit, Lord Timon.

Timon.
Zum Dienst meiner Freunde.

(Die Lords gehen ab.)

Achte Scene.

Apemanthus.
Was das für ein Gelerm ist, für ein Geschnäbel, und für Scharr-
Füsse! Ich zweifle, ob ihre Beine das Geld werth sind, das man für
sie ausgegeben hat. Freundschaft ist voller Hefen; mich däucht,
falsche Herzen sollten niemals gesunde Beine haben. So tauschen
ehrliche Narren ihr Geld an Complimente.*

{ed.-* Wenn in dieser Rede wenig Sinn und Zusammenhang ist, so muß man
wissen, daß sie im Original in Reimen geschrieben ist, wie viele
andre in diesem Stüke. Die Reime scheinen dem Shakespear viel zu
schaffen gemacht zu haben; sein freyer und feuriger Genie geht
darinn wie ein Läuffer in Courier-Stiefeln.}

Timon.
Nun, Apemanthus, wenn du nicht mürrisch wärest, so wollt’ ich gut
gegen dich seyn.

Apemanthus.
Nein, ich will nichts; denn wenn ich auch noch bestochen würde, so
bliebe niemand übrig, der dich durch die Hechel ziehen würde, und
denn würdest du noch mehr sündigen. Du verschenkst so lange, Timon,
besorg’ ich, daß du in kurzem dich selbst weggeben wirst. Wozu
sollen alle diese Gastmähler, dieser Prunk und dieser eitle Aufwand?

Timon.
O wenn du anfängst über alle Geselligkeit loszuziehen, so schwör
ich, ich will dir keinen Blik mehr gönnen. Lebe wohl, und komme mit
einer bessern Musik wieder.

Apemanthus.
So–du willt mich izt nicht hören, du sollst auch nicht! Ich will
dir das einzige Mittel entziehen, was dich noch retten könnte. O,
daß die Ohren der Leute nur für guten Rath taub sind, und nicht für
Schmeicheley.

(Geht ab.)

Zweyter Aufzug.

Erste Scene.
(Ein öffentlicher Plaz in der Stadt.)
(Ein Senator tritt auf.)

Senator.
Und unlängst, fünf tausend; dem Varro und dem Isidorus ist er
neuntausend schuldig, und dann meine vorhergehende Schuld; das
macht zusammen fünf und zwanzig–Nimmt denn die Wuth der
Verschwendung kein Ende bey ihm? Es kan nicht dauern, es kan nicht.
Wenn ich Geld brauche, so darf ich nur einen Bettler-Hund stehlen,
und ihn dem Timon geben; der Hund münzt mir Geld. Wenn ich gern
mein Pferd verkaufte, um zehen bessere dafür zu kauffen, gut, so
geb ich mein Pferd dem Timon; ich verlange nichts, ich schenk es
ihm, gleich wirft es mir zehen tüchtige Pferde. Er hat keinen
Thürhüter an seiner Pforte, sondern einen Kerl der immer lächelt
und alles einlädt, was vorbey geht. Das kan nicht dauern; es ist
vernünftigerweise unmöglich, daß eine solche Wirthschaft dauern
könnte. Caphis, he! Caphis, sag ich. (Caphis tritt auf.)

Caphis.
Hier, mein Herr, was habt ihr zu befehlen?

Senator.
Zieh deinen Rok an, und geh in Eile zu dem Lord Timon; treib ihn
für die Bezahlung der Gelder, die er mir schuldig ist; laß dich
durch keine schlechte Weigerung abweisen, oder durch ein: Mein
Compliment an euern Herrn, zum Schweigen bringen, und dir mit der
Müze in der rechten Hand die Thüre weisen, so–sondern sag ihm, ich
hab es unumgänglich nöthig; der Termin sey verstrichen, und die
Frist die ich ihm gegeben, habe schon meinen Credit geschwächt; Ich
liebe und ehre ihn, aber es sey mir nicht zuzumuthen, daß ich den
Hals breche, um seinen Finger zu heilen; Meine Bedürfnisse seyen
dringend, und können durch Vertröstungen nicht befriediget werden,
sondern erheischen unmittelbare Hülfe. Geh; nimm eine ungestüme
Mine an, mach’ ein Anforderungs-Gesicht; denn ich besorge, wenn
jede Feder in ihrem eignen Flügel steken wird, so wird Lord Timon,
der izt wie ein Phönix schimmert, nur eine nakte Möwe übrig bleiben–
Geh, sag ich.

Caphis.
Ich gehe, Herr.

Senator.
Ich gehe, Herr?–Nehmt die Verschreibungen mit euch, und gebt wohl
auf die Datums Acht.

Caphis.
Ich will, Herr.

Senator.
Geh.

(Sie gehen ab.)

Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in Timons Halle.)
(Flavius tritt mit verschiednen Obligationen in der Hand auf.)

Flavius.
Keine Sorge, kein Maaß noch Ziel! Er bekümmert sich so wenig um
seine Ausgaben, daß er weder darauf denkt wie er sie bestreiten,
noch wie er diesem Strom von Verschwendung Einhalt thun wolle.
Niemals ist so viel Güte mit so viel Thorheit in einem Menschen
beysammen gewesen–Was ist zu thun?–Er wird nicht hören, bis er
fühlt; ich muß freymüthig mit ihm sprechen, wenn er von der Jagd
heimkommt! O! weh! weh! weh! (Caphis, Isidor und Varro treten auf.)

Caphis.
Guten Abend, Varro; wie, kommt ihr auch um Geld zu fordern?

Varro.
Das wird vermuthlich euer Geschäft auch seyn?

Caphis.
Es ist nicht anders, und euers auch, Isidor?

Isidor.
So ist es.

Caphis.
Ich wollte, wir wären alle bezahlt.

Varro.
Mir ist nicht wohl bey der Sache.

Caphis.
Hier kommt der Lord. (Timon und sein Gefolge treten auf.)

Timon.
Sobald wir zu Mittag gegessen haben, wollen wir wieder fort. Mein
Alcibiades–Nun, was ist euer Begehren.

(Sie bieten ihm ihre Handschriften hin.)

Caphis.
Gnädiger Herr, hier ist eine Rechnung von gewissen Schulden —

Timon.
Schulden? Woher seyd ihr?

Caphis.
Von Athen, hier, Gnädiger Herr.

Timon.
Geht zu meinem Verwalter.

Caphis.
Euer Gnaden wollen mir’s zu gut halten, er hat mich diesen ganzen
Monat durch von einem Tag auf den andern vertröstet; mein Herr wird
durch eine dringende Veranlassung genöthiget, das Seinige
einzufordern, und bittet demüthig, Euer Gnaden möchte, nach dero
bekannten Großmuth ihm sein Recht angedeyhen lassen.

Timon.
Mein ehrlicher Freund, komm den nächsten Morgen wieder.

Caphis.
Nein, Gnädiger Herr–

Timon.
Mäßige dich, guter Freund.

Varro.
Eines gewissen Varro’s Bedienter, gnädiger Herr.

Isidor.
Von Isidor, er bittet um schleunige Bezahlung.

Caphis.
Wenn Euer Gnaden die Noth wüßte, worinn mein Herr stekt. —

Varro.
Die Verschreibung, gnädiger Herr, ist schon vor sechs Wochen
verfallen —

Isidor.
Euer Haushofmeister weißt mich ab, und ich bin ausdrüklich zu Euer
Gnaden geschikt worden.

Timon.
Laßt mich nur zu Athem kommen,–

(zu seinen Begleitern)

Ich bitte euch, meine werthesten Herren, gehet hinein, ich werde
euch in einem Augenblik aufwarten–

(Die Lords gehen ab.)

Kommt hieher;

(zu Flavius)

Wie geht das zu, daß ich auf eine so schimpfliche Art mit
ungestümen Anfordrungen wegen Schulden, verfallnen Handschriften,
und Vorenthaltung längst richtig zumachender Zahlungen angefallen
werde?

Flavius.
Mit eurer Erlaubniß, meine Herren; es ist izt keine gelegne Zeit
für euer Geschäfte; wartet bis nach Mittag, damit ich Seiner Gnaden
inzwischen begreiflich machen kan, warum ihr noch nicht bezahlt
seyd.

Timon.
Thut das, meine Freunde.

(zu Flavius.)

Seht, daß ihnen wohl begegnet werde.

(Timon geht ab.)

Flavius.
Ich bitte euch, kommt herein.

(Flavius geht ab.)

Dritte Scene.
(Apemanthus und ein Harlequin zu den Vorigen.)

Caphis.
Wartet, wartet, hier kommt der Narr mit Apemanthus, wir wollen ein
wenig Spaß mit ihnen haben.

Varro.
An den Galgen mit ihm, er wird uns eins anhängen.

Isidor.
Daß ihn die Pest,–den Hund!

Varro.
Wie geht’s, Narr?

Apemanthus.
Redst du mit deinem Schatten?

Varro.
Ich rede nicht mit dir.

Apemanthus.
Das ist wahr, du redst mit dir selbst. Komm, laß uns gehn.

(Zum Narren.)

Isidor.
Der Narr hangt schon an deinem Rüken.

Apemanthus.
Nein, du stehst einzeln.

Caphis.
Weil du noch nicht an ihm bist. Wo ist der Narr hingekommen?

Apemanthus.
Er hat die lezte Frage gethan. Arme Schelme und Wucherers Sclaven!
Kuppler zwischen Geld und Mangel!

Alle.
Was sind wir, Apemanthus?

Apemanthus.
Esel.

Alle.
Was?

Apemanthus.
Wenn ihr euch selbst kenntet, so brauchtet ihr mich nicht zu fragen.
Rede du mit ihnen, Narr.

Harlequin.
Was lebt ihr gutes, meine Herren?

Alle.
Grossen Dank, Narr; was macht eure Frau?

Narr.
Sie sezt eben Wasser über, um solche Hühnchen abzubrühen, wie ihr
seyd. Ich wünschte wir könnten das Vergnügen haben, euch zu
Corinth* zu sehen.

{ed.-* Ein unter gewissen Leuten übliches Wort anstatt Bordell,
vermuthlich von der Ausgelassenheit dieser alten Griechischen Stadt
hergenommen; wovon (Alexander ab Alexandro) sagt:(Corinthi super
mille Prostitutae in templo Veneris assiduae degere &
inflammata libidine quaestui meretricio operam dare & velut
Sacrorum ministrae Deae famulari solebant.) Warbürton.}

Apemanthus.
Grossen Dank für den guten Wunsch! (Ein Page zu den Vorigen.)

Narr.
Seht, hier kommt meiner Frauen Page.

Page.
Wie geht’s, Capitain, Was macht ihr in dieser weisen Gesellschaft?
Wie befindst du dich, Apemanthus?

Apemanthus.
Ich wollt’, ich hätte eine Ruthe in meinem Maul, um dir eine
heilsame Antwort geben zu können.

Page.
Ich bitte dich Apemanthus, lies mir die Aufschrift auf diesen
Briefen; ich weiß nicht, wem jeder gehört.

Apemanthus.
Kanst du nicht lesen?

Page.
Nein.

Apemanthus.
Es wird also an dem Tag, da du gehängt werden wirst, nicht viel
Gelehrtheit sterben–Dieser ist an Lord Timon, dieser an Alcibiades.
Geh, du wardst ein Huren-Sohn gebohren, und wirst als ein Huren-
Wirth sterben.

Page.
Und du wardst als ein Hund geworffen, und wirst verhungern, wie ein
Hund. Antworte mir nicht, ich gehe.

(Er geht ab.)

Apemanthus.
Narr, ich will mit euch zum Lord Timon gehn.

Harlequin.
Wollt ihr mich dort verlassen?

Apemanthus.
Wenn Timon bey Hause ist–Ihr drey dient bey drey Wucherern?

Alle.
Ich wollte, sie dienten uns.

Apemanthus.
Das wollt’ ich auch–Ein so feiner Streich, als jemals ein Henker
einem Dieb gespielt hat!

Harlequin.
Seyd ihr Drey Wucherers-Leute?

Alle.
Ja, Narr.

Harlequin.
Ich glaub’, es giebt in der ganzen Welt keinen Wucherer, der nicht
einen Narren zum Diener hat. Meine Frau gehört auch in diese Zunft,
und ich bin ihr Narr; wenn die Leute zu euern Herren gehn um Geld
zu borgen, so kommen sie traurig, und gehn lustig fort; aber in
meiner Frauen Haus gehn sie lustig hinein, und traurig wieder fort.
Wißt ihr die Ursach?

Varro.
Ich könnte wol eine sagen.

Harlequin.
So thue es dann, damit wir sehen, daß du ein Hurenjäger und ein
Lumpenhund bist; wofür du aber, auch ohne das, nichts desto minder
gehalten werden sollst.

Varro.
Was ist ein Hurenjäger, Narr?

Harlequin.
Ein Narr in hübschen Kleidern, und dir in etwas ähnlich. Es ist ein
Geist; zuweilen läßt er sich in Gestalt eines Edelmanns sehen,
zuweilen in Gestalt eines Advocaten, zuweilen in Gestalt eines
Philosophen, mit zwey Steinen, ohne den Stein der Weisen zu rechnen.
Sehr oft nimmt er die Gestalt eines Soldaten an, und überhaupt ist
keine Gestalt, worinn der Mensch von achtzig Jahren bis zu dreyzehn,
nur immer gesehen werden mag, in welcher dieser Geist nicht spüke.

Varro.
Du bist nicht ganz ein Narr.

Harlequin.
Und du nicht ganz gescheidt; ich habe gerade so viel Narrheit, als
dir an Gescheidtheit mangelt.

Apemanthus.
Das ist eine Antwort, deren Apemanthus sich nicht zu schämen hätte.

Alle.
Auf die Seite, auf die Seite, der Lord Timon kommt. (Timon und
Flavius treten auf.)

Apemanthus.
Komm mit mir, Narr, komm mit.

Harlequin.
Einem Liebhaber, einem ältern Bruder, und einem Weibsbild folg’ ich
nicht allemal; izt will ich einmal einem Philosophen folgen.

Flavius

(zu den Vorigen.)

Seyd so gut, und spaziert ein wenig dort, ich will gleich mit euch
reden.

(Die Gläubiger, Apemanthus und Harlequin, treten ab.)

Vierte Scene.
(Timon. Flavius.)

Timon.
Ihr sezt mich in Erstaunen: Warum habt ihr mir denn meine Umstände
nicht eher vollständig vorgelegt, damit ich meine Ausgaben nach dem
Ertrag meiner Mittel hätte einrichten können?

Flavius.
Ich hab euch in manchen müßigen Stunden daran erinnert, aber ihr
wolltet mich nicht anhören.

Timon.
Ausflüchte! Ihr habt vielleicht gerade die Augenblike ausgesucht,
da ich nicht bey guter Laune war; und izt bedient ihr euch dessen,
euch selbst auf meine Unkosten zu entschuldigen.

Flavius.
O! mein gnädiger Herr, ich brachte meine Rechnungen manchmal, und
legte sie euch vor; ihr warfet sie weg, und sagtet, ihr verlasset
euch auf meine Ehrlichkeit. Wenn ihr, für irgend ein nichtswürdiges
Geschenk von euern Freunden, mir so oder so viel dagegen zu geben
befahlet, schüttelt’ ich den Kopf und weinte; ja, ich übertrat oft
die Geseze des Wohlstands und bat euch, ein wenig sparsamer im
Austheilen zu seyn: Ich bekam nicht selten und nicht kleine
Verweise, wenn ich Euch die Ebbe euers Vermögens, und die grosse
Fluth eurer Schulden vorstellte. Mein allerliebstes Herr, ob ihr
gleich izt zu spät höret, so ist doch noch izt eine Zeit; die Summe
alles dessen, was ihr habt, mangelt nur eine Helfte, um alle eure
Schulden zu bezahlen.

Timon.
Laßt alle meine ligende Güter verkauft werden.

Flavius.
Sie sind meistens versezt, einige gar schon verfallen, oder sonst
veräussert; und der Rest wird kümmerlich zureichen, die
dringendsten Schulden zu verstopfen; die künftige Zeit rükt heran;
wovon sollen wir unterdessen leben, und wie werden wir zulezt mit
unsrer Rechnung bestehen können?

Timon.
Meine Ländereyen erstrekten sich bis nach Lacedämon.

Flavius.
Ach, mein Gnädiger Herr, die Welt ist nur ein Wort; wäre sie ganz
euer, so daß ihr sie in einem Athemzug weggeben könntet, wie
schnell würde sie weg seyn!

Timon.
Ihr habt recht.

Flavius.
Wofern ihr einigen Verdacht in meine Wirthschaft oder Treue sezet,
so fordert mich vor die schärfesten Richter, und stellt mich auf
die Probe. Die Götter seyen mir gnädig, so wie ich die Wahrheit
sage! Wenn alle eure Vorraths-Kammern von schwelgerischen Prassern
erschöpft wurden; wenn die Gewölbe und Deken in euern Sälen von
Wein träuffelten, der in trunknem Muthwillen versprizt wurde; wenn
jedes Zimmer von Lichtern funkelte, und von Spielleuten zertrappt
wurde; zog ich mich oft in einen dunkeln Winkel unter dem Dach
zurük, um meinen Thränen freyen Lauf zu lassen.

Timon.
Ich bitte dich, nichts mehr,

Flavius.
Himmel! rief ich aus! wie gütig dieser Herr ist! Wie manche
verschwenderische Bissen haben in dieser Nacht Sclaven und Bauren
verschlukt! Wer ist izt nicht Timons? Welches Herz, welcher Kopf,
welches Schwerdt, welches Vermögen und Ansehen steht nicht zu
Timons Diensten? des grossen, des edeln, würdigen, königlichen
Timons? Aber wenn die Mittel hin sind, die diese Lobsprüche
erkauften, so ist auch der Athem hin, woraus diese Lobsprüche
gemacht waren–Laßt nur eine einzige Winterwolke schaudern, so
ligen alle diese Fliegen.

Timon.
Komm, es ist genug geprediget! Mein Herz kan mir doch wegen meiner
Gütigkeit keinen Vorwurf machen. Unweislich, nicht unedel hab’ ich
weggegeben; warum weinst du? Kanst du fähig seyn, dir einzubilden,
es werde mir jemals an Freunden fehlen? Beruhige dich! Wenn ich die
Gefässe meiner Liebe anzapfen, und den Inhalt ihrer Herzen durch
Borgen auf die Probe sezen wollte, ich könnte mich ihrer Personen
und ihres Vermögens so frey bedienen, als ich dir befehlen kan zu
reden.

Flavius.
Die Götter geben daß die Erfahrung eure Hoffnung erfülle!

Timon.
Und gewisser Maassen leisten mir diese Bedürfnisse einen Dienst,
der sie in meinen Augen zu grossen Vortheilen macht; denn durch sie
werd’ ich Freunde bewähren. Ihr werdet sehen, wie sehr ihr euch
über meine Glüks-Umstände betrügt; ich bin an Freunden reich.
Herein, he! Flaminius, Servilius!

Fünfte Scene.
(Flaminius, Servilius, und andre Bediente treten auf.)

Servilius.
Gnädiger Herr–

Timon.
Ich will euch an verschiedne Orte schiken; Ihr zu Milord Lucius–
ihr zu Lord Lucullus, mit dem ich heut auf der Jagd war–ihr zu
Sempronius; empfehlt mich ihrer Freundschaft; sagt ihnen, ich sey
stolz darauf, daß ich endlich Gelegenheit finde, ihre Beyhülfe in
einem mir zugestoßnen Geldmangel gebrauchen zu können; begehrt
fünfzig Talente.

Flaminius.
Nach Euer Gnaden Befehl.

(Flaminius und Bediente gehen ab.)

Flavius (bey seite.)
Lord Lucius und Lucullus! Hum!

Timon.
Ihr, mein Herr, geht zu den Senatoren, von denen ich, mit des
Staats gröstem Vortheil, eine solche Gefälligkeit wohl verdient
habe: Sagt ihnen, sie möchten mir augenbliklich tausend Talente
schiken.

Flavius.
Ich bin so kühn gewesen, (weil ich wußte, daß dieses der
gewöhnlichste Weg ist) euern Namen und euer Sigel zu einem solchen
Ansuchen bereits zu gebrauchen; allein, sie schüttelten die Köpfe,
und ich kam nicht reicher zurük.

Timon.
Was sagst du? Ist das wahr? Ist’s möglich?

Flavius.
Sie antworteten alle aus einem Mund und mit einer vereinigten
Stimme, sie seyen eben nicht versehen, sie brauchten Geld, könnten
nicht thun was sie wollten; es sey ihnen leid–Ihr seyt ein Mann
von Verdiensten–Aber doch möchten sie gewünscht haben–Sie wissen
nicht–Es hätte etwas anders seyn mögen–ein edles Naturell könne
sich verschlimmern–Wäre zu wünschen es wär’ alles gut–Sey zu
bedauren–Und hiemit geriethen sie über andre ernsthafte Materien,
nachdem sie mich durch unfreundliche Blike und diese harten Brüche,
mit gewissen halben Winken, und einem kaltsinnigen Kopfniken, zu
erstarrendem Stillschweigen gebracht hatten.

Timon.
Ihr Götter, vergeltet’s ihnen!–Ich bitte dich, Mann, sey ruhig!
Die Undankbarkeit ist bey diesen alten Gesellen etwas natürliches.
Ihr Blut ist geronnen, es ist kalt, es fließt selten; der Mangel an
freundlicher Wärme macht sie unfreundlich; die Natur, so wie sie
nach und nach zur Erde herab sinkt, nimmt auch ihre Eigenschaften
an, und wird schwer und unempfindlich. Geh zum Ventidius–Ich bitte
dich, sey nicht traurig, du bist redlich und ohne Falsch; ich
spreche von Herzen: Es ist nichts an dir auszusezen–Ventidius hat
kürzlich seinen Vater begraben, durch dessen Tod er zu einem
grossen Vermögen gekommen ist; wie er arm, im Gefängniß, und von
jedermann verlassen war, half ich ihm mit fünf Talenten aus der
Noth. Grüß’ ihn in meinem Namen; sag ihm, irgend ein dringendes
Bedürfniß sey seinem guten Freunde zugestossen, welches ihn nöthige
sich dieser fünf Talente zu erinnern. Wenn du sie hast, so gieb sie
diesen Leuten, die diesen Augenblik ihre Bezahlung fordern. Sage
nur niemals, und denk’ es auch nicht, daß Timons Glüksstand mitten
unter seinen Freunden, einsinken könne.

(Er geht ab.)

Flavius.
Wollte Gott, ich könnt’ es nicht denken! Wie geneigt ist ein edles
und gütiges Herz, alle andern auch dafür zu halten.

(Er geht ab.)

Dritter Aufzug.

Erste Scene.
(Des Lucullus Haus in Athen.)
(Flaminius wartet auf Antwort, um vorgelassen zu werden; ein
Bedienter kommt zu ihm.)

Bedienter.
Ich hab euch bey meinem gnädigen Herrn angemeldt; er kommt eben
selbst herab.

Flaminius.
Ich danke euch. (Lucullus tritt auf.)

Bedienter.
Hier ist Milord.

Lucullus.
Einer von Lord Timons Leuten? ein Präsent, denk’ ich; nun, es trift
recht artig zu; ich träumte diese Nacht von einem silbernen
Handbeken und einer Gießkannen. Flaminius, ehrlicher Flaminius, ihr
seyd recht besonders willkommen, mein Herr;–(bringt mir einen
Becher mit Wein)–Und wie befindet sich dann der würdigste,
vollkommenste, großmüthigste Edelmann in ganz Athen, dein sehr
gütiger lieber Herr und Meister?

Flaminius.
Er ist ganz wohl auf, was seine Gesundheit betrift.

Lucullus.
Nun das freut mich ja recht, daß er wohl auf ist–und was hast du
hier unter deinem Mantel, mein lieber Flaminius?

Flaminius.
Mein Treue, nichts als einen leeren Beutel, Gnädiger Herr, Euer
Gnaden zu bitten, daß ihr ihn aus Freundschaft für meinen Herrn
füllen möchtet; der, da ihm eben eine dringende Noth zugestossen,
mich zu Euer Gnaden geschikt hat, mit Bitte, ihm mit fünfzig
Talenten auszuhelfen; nicht zweiflend, daß ihr ihm eure schleunige
Beyhülfe nicht versagen werdet.

Lucullus.
La, la, la, la,–Nicht zweiflend, sagt ihr? Ach, leider! der gute
Herr, er ist ein wakrer Edelmann, das ist wahr; wenn er nur nicht
eine so kostbare Haushaltung führte. Ich hab’ oft und viel mit ihm
zu Mittag gegessen, und es ihm gesagt, und bin wieder zum
Nachtessen zu ihm gekommen, um es zu wiederholen, daß er seine
Ausgaben einschränken sollte: Allein er wollte nie keinen guten
Rath annehmen, und ließ sich meine Besuche nicht zur Warnung dienen.
Jedermann hat seine Fehler, der seinige ist zuviel Ehrlichkeit.
Ich hab’ es ihm oft gesagt, aber ich konnte nie was über ihn
erhalten. (Ein Bedienter kommt mit Wein.)

Bedienter.
Gnädiger Herr, hier ist der Wein.

Lucullus.
Flaminius, ich habe dich allezeit für einen verständigen jungen
Menschen gehalten;–Auf deine Gesundheit!

Flaminius.
Ich danke Euer Gnaden.

Lucullus.
Ich hab immer bemerkt, daß du einen muntern fertigen Kopf hast, und
daß du gescheidt genug bist, dich selbst nicht zu vergessen, und
dich der Zeit zu bedienen, wenn sie dir Gelegenheit dazu giebt. Du
hast hübsche Gaben–

(Zu seinem Bedienten)

Geh deines Weges, Schurke–Komm näher, ehrlicher Flaminius; dein
Herr ist ein gütiger Edelmann, aber du bist verständig, und
begreifst wol, (ob du gleich zu mir gekommen bist,) daß es izt
keine Zeit ist Geld auszuleihen, zumal auf blosse Freundschaft,
ohne Sicherheit. Hier hast du drey Goldgulden, mein guter Junge;
verstehe mich wol, und sage deinem Herrn, du habest mich nicht
gesehen. Lebe wohl.

Flaminius.
Ist’s möglich, daß die Welt sich in so kurzer Zeit so verändert
hat? Weg, verdammte Niederträchtigkeit,

(er schmeißt das Geld weg)

geh’ zu dem, dessen Abgott du bist.

Lucullus.
Ha! Nun seh’ ich daß du auch ein Narr bist, und wol zu deinem Herrn
taugst.

(Lucullus geht ab.)

Flaminius.
Möge geschmolznes Geld deine Strafe in der Hölle seyn, und diese
Goldstüke zu den übrigen kommen, die dir glühend in den Rachen
gegossen werden sollen, du verfluchter Heuchler von einem Freund–
Hat Freundschaft ein so schwaches milchichtes Herz, das in weniger
als zwo Nächten gerinnt? O ihr Götter, ich fühle den Zorn, worinn
dieses meinen Herrn sezen wird. Dieser Nichtswürdige hat in diesem
Augenblik noch meines Herren Mahlzeit im Leibe! Laßt es, anstatt
ihn zu nähren, sich in Gall und Gift verwandeln! Laßt es nichts als
Krankheiten in ihm zeugen, und wenn er auf den Tod darnieder ligt,
o! so laßt jedes Theilchen von Nahrungssaft, wofür mein Herr
bezahlt hat, aller seiner heilsamen Kraft beraubt, zu nichts anderm
dienen als durch langsame Pein seine lezte Stunde zu verzögern!

(Geht ab.)

Zweyte Scene.
(Eine öffentliche Strasse.)
(Lucius tritt mit dreyen Fremden auf.)

Lucius.
Wer? der Lord Timon? Er ist mein sehr guter Freund, und ein
würdiger Edelmann.

1. Fremder.
Wir kennen ihn nicht anders, ob wir ihm gleich unbekannt sind. Aber
ich kan euch soviel sagen, Milord, und ich hab’ es von dem
allgemeinen Gerüchte, daß Lord Timons glükliche Tage vorbey sind,
und daß er sich in schlimmen Umständen befindet.

Lucius.
Ey, nein, glaubt das nicht! Es kan ihm nicht an Gelde fehlen.

2. Fremder.
Seyd versichert, Milord, es ist noch nicht lange, so war einer von
seinen Leuten bey dem Lord Lucullus, und wollte fünfzig Talente von
ihm entlehnen; er betrieb es ungemein, und machte die Noth sehr
dringend, und doch wurd’ es ihm abgeschlagen.

Lucius.
Wie?

2. Fremder.
Was ich euch sage, abgeschlagen, Milord!

Lucius.
Das ist ein seltsamer Zufall! Nun, bey den Göttern! ich schäme mich
für den Lucullus. Einem so angesehnen wakern Mann abzuschlagen! Er
hat sehr wenig Ehre davon, wahrhaftig. Was mich betrift so muß ich
bekennen, ich habe einige kleine Höflichkeiten von ihm empfangen,
Geld, Silbergeschirr, Juweelen und dergleichen Kleinigkeiten, die
in der That in keinen Vergleich mit demjenigen kommen, was Lucullus
von ihm hat; aber hätt er ihn vorbeygegangen und zu mir geschikt,
ich wollt ihm gewiß fünfzig Talente nicht abgeschlagen haben, ob
die Summe gleich nicht gering ist. (Servilius zu den Vorigen.)

Servilius.
Zu gutem Glük, find’ ich hier den Lord Lucius; ich sucht’ ihn schon
in der ganzen Stadt–Gnädiger Herr!

Lucius.
Servilius! Es freut mich euch zu sehen. Lebt wohl, empfehlt mich
euerm würdigen, tugendhaften Herrn, meinem sehr werthen Freund.

Servilius.
Mit Euer Gnaden Erlaubniß, mein Herr schikte–

Lucius.
Ha! was schikt er? Ich bin euerm Herrn schon so viel verpflichtet,
er schikt immer: Wie kan ich ihm meine Erkenntlichkeit bezeugen,
meynst du? Und was schikt er mir dann?

Servilius.
Er schikt Euer Gnaden nur seinen Gruß, mit Bitte, ihm wegen einem
dringenden Anlas der ihm zugestossen, mit fünfzig Talenten
auszuhelfen.

Lucius.
Ich weiß, daß Se. Gnaden nur Scherz mit mir treibt; es kan ihm
nicht an fünfzigmal fünfhundert Talenten fehlen.

Servilius.
Indessen fehlt es ihm doch dißmal an einer viel kleinern Summe,
Gnädiger Herr. Wenn er sie nicht so nothwendig brauchte, würd’ ich
nicht halb so eifrig mich darum bewerben.

Lucius.
Sprichst du im Ernst, Servilius?

Servilius.
Bey meiner Seele, Milord, es ist Ernst.

Lucius.
Was für ein verwünschtes dummes Thier war ich, daß ich mich auf
eine so gute Gelegenheit so sehr an Geld entblößt habe, wo ich
hätte zeigen können, daß ich ein Mann bin, der auf Ehre hält! Wie
unglüklich es doch zutreffen muß, daß er mich gerad in einer Zeit
auf die Probe sezt, da ich ausser Stand bin–In der That, Servilius,
bey den Göttern, ich bin ausser Stand–(ein desto dummeres Vieh,
sag ich) Ich wollte diesen Augenblik selbst zum Lord Timon schiken,
und ihn um eine Summe Gelds ansprechen, diese Herren können
Zeugschaft geben: Aber izt wollt’ ich nicht um alles Geld in Athen,
daß ich es gethan hätte. Empfehlt mich Sr. Gnaden zu geneigtem
Wohlwollen, und ich hoffe, Se. Gnaden werde keine schlimmere
Meynung deßwegen von mir fassen, weil ich nicht im Stande bin, ihm
meine Dienstwilligkeit zu zeigen. Und sagt ihm in meinem Namen, ich
rechne es unter meine grösten Widerwärtigkeiten, daß ich einem so
würdigen Edelmann nicht zu Gefallen seyn könne. Mein guter
Servilius, wollt ihr so viel Freundschaft für mich haben, und ihm
meine eignen Worte hinterbringen?

Servilius.
Ja, Herr, ich will.

(Servilius geht ab.)

Lucius.
Ich will euch eine ziemliche Streke nachsehen, Servilius–Es ist,
wie ihr sagtet; Timon ist hin, in der That; wer kan helfen? Euer
Diener, meine Herren.

(Er geht ab.)

1. Fremder.
Merkt ihr das, Hostilius?

2. Fremder.
Nur gar zu wohl.

1. Fremder.
Das ist der Lauf der Welt; so denken alle Schmeichler: Wer kan den
seinen Freund nennen, der in Eine Schüssel mit ihm taucht? Denn,
wie mir bekannt ist, war Lord Timon wie ein Vater zu diesem Herrn;
er unterhielt seinen Credit und seine Haushaltung aus seinem Beutel,
und bezahlte sogar seinen Bedienten ihren Lohn. Er trinkt nie,
ohne daß Timons Silber seine Lippen drükt; und dennoch–o! was für
ein Ungeheuer ist der Mensch, wenn er aus einer undankbaren Gestalt
hervorgukt! Er schlägt ihm ab, was gutthätige Leute Bettlern nicht
versagen.

3. Fremder.
Die Menschlichkeit schauert vor einer solchen Gefühllosigkeit.

1. Fremder.
Was mich betrift, so hab’ ich in meinem Leben niemals die geringste
Gutthat von Timon genossen, die mich vor andern verbände, sein
Freund zu seyn; und doch versichre ich, um seines edeln und
wohlthätigen Gemüths willen, und aus Hochachtung für seine Tugend,
wollt’ ich ihm die Helfte meines Vermögens geschenkt haben, wenn er
sich in seinem Bedürfniß an mich gewendet hätte, so sehr lieb’ ich
sein Herz; allein, so wie die Welt geht, muß man sein Mitleiden
zurükhalten lernen; denn Klugheit geht über Gewissen.

(Sie gehen ab.)

Dritte Scene.
(Ein dritter Bedienter des Timon mit Sempronius.)

Sempronius.
Mußt’ er denn gerade mich damit beunruhigen? Vor allen andern? Er
hätt’ es bey Lord Lucius oder Lucullus versuchen können, und nun
ist auch Ventidius reich, den er aus dem Gefängniß erledigt hat;
alle diese drey haben ihm ihr Vermögen zu danken.

Bedienter.
O Gnädiger Herr, sie sind alle auf die Probe gesezt und falsch
befunden worden; sie haben ihn alle abgewiesen.

Sempronius.
Wie? Abgewiesen? Ventidius und Lucullus, beyde ihn abgewiesen? Und
nun schikt er zu mir? Drey! hum–Es zeigt wenig Freundschaft oder
Vernunft auf seiner Seite an. Muß ich seine lezte Zuflucht seyn?
Seine Freunde, die gleich Aerzten sich auf seine Unkosten
bereichert haben, geben ihn au? Muß ich nun die Cur übernehmen? er
hat mir eine schlechte Ehre damit angethan; es verdrießt mich, er
hätte wol wissen können, wer ich bin; ich kan keinen Grund erdenken,
warum er nicht zuerst an mich gekommen ist, wenn er jemands Hülfe
nöthig hatte. Auf mein Gewissen, ich war der erste unter allen die
iemals Gutes von ihm genossen haben; und denkt er denn so unbillig
von mir, daß ich der lezte seyn werde, es wett zu machen? Es wird
allen übrigen eine Materie zum Lachen geben, und ich werde der Narr
unter dem Atheniensischen Adel seyn. Ich wollte dreymal so viel als
er von mir verlangt darum geben, er hätte zu mir zuerst geschikt,
wenn es auch nur gewesen wäre, um meiner Gemüthsart Gerechtigkeit
wiederfahren zu lassen; ich wäre so geneigt gewesen ihm Gutes zu
thun. Aber so geh’ nur wieder heim, und seze zu den abschlägigen
Antworten der übrigen, in meinem Namen, noch dieses hinzu: Wer
meiner Ehre zu nahe tritt, soll nimmermehr mein Geld zu sehen
kriegen.

(Er geht ab.)

Bedienter.
Vortreflich! Euer Gnaden ist ein feiner Spizbube. Der Teufel wußte
gewiß nicht was er that, wie er die Leute politisch machte; er
schadete sich selbst dadurch; und ich kan nichts anders als glauben,
am Ende werden sie ihn selbst mit ihren Schelmenstreichen zum
Narren machen.–Das waren nun diejenigen, auf die mein Herr seine
besten Hoffnungen gesezt hatte; nun sind alle zurükgetreten, und
ausser den Göttern bleibt ihm niemand übrig. Seine Freunde sind
todt. Thüren, die so manches glükliche Jahr her nie mit ihren
Schlössern bekannt worden, müssen nun gebraucht werden, ihren Herrn
vor dem Ungestüm seiner Glaubiger sicher zu stellen. Das ist alles,
was er von seiner Freygebigkeit davon trägt!

(Er geht ab.)

Vierte Scene.
(Verwandelt sich in Timons Vorhaus.)
(Varro, Titus, Hortensius, Caphis, und andre Bediente von Timons
Gläubigern treten auf, um auf sein Ausgehen zu warten.)

Varro.
Treffen wir uns hier an? Guten Morgen, Titus und Hortensius.

Titus.
Ebenmässig, mein werther Varro.

Hortensius.
Caphis, sehen wir einander auch hier?

Caphis.
Ich denke wir haben alle einerley Verrichtung. Die meinige ist,
Geld zu fordern.

Titus.
Das ist die unsrige auch. (Philo zu den Vorigen.)

Caphis.
Da kommt auch Herr Philo.

Philo.
Guten Tag allerseits.

Caphis.
Willkommen, Bruder. Wie viel, denkt ihr, ist es an der Zeit?

Philo.
Nicht weit von neun Uhr.

Caphis.
Schon so viel?

Philo.
Hat sich Milord noch nicht sehen lassen?

Caphis.
Noch nicht.

Philo.
Das wundert mich, er pflegte sonst um sieben Uhr schon zu scheinen.

Caphis.
Ja, aber die Tage haben bey ihm abgenommen; ihr müßt bedenken, daß
der Lauf eines Verschwenders dem Sonnenlauf gleich ist, aber ich
fürchte mit dem Unterscheid, daß er nicht wieder von vornen anfangt.
Es ist tiefster Winter in Timons Sekel; das ist, es mag einer tief
genug hinunter langen, und doch nicht viel finden.

Philo.
Das besorg’ ich auch.

Titus.
Ihr könnt bey dieser Gelegenheit eine feine Beobachtung machen:
Euer Herr hat euch geschikt, den Timon um Geld anzufodern.

Hortensius.
So ist’s.

Titus.
Und er trägt in diesem Augenblik Juweelen, die ihm Timon geschenkt
hat, wofür ich die Bezahlung fordern soll.

Hortensius.
Ich thue es ungern genug.

Caphis.
Das ist seltsam, daß Timon mehr bezahlen soll, als er schuldig ist;
und es kommt eben so heraus, als ob euer Herr kostbare Kleinode
trüge, und schikte um Geld dafür.

Hortensius.
Die Götter sind meine Zeugen, daß mich diese Verrichtung recht
sauer ankommt; ich weiß, mein Herr hat dem Timon geholfen, sein
Vermögen durchzubringen; seine Undankbarkeit macht, daß es izt
ärger ist, als wenn er’s ihm gestohlen hätte.

Varro.
Meine Forderung ist dreytausend Cronen; wie viel ist die eurige?

Caphis.
Fünftausend.

Varro.
Das ist viel; aus der Summe sollte man schliessen, euer Herr habe
mehr Confidenz gehabt als der meinige, sonst hätt’ dieser gewiß
seine Fordrung eben so groß gemacht.* (Flaminius zu den Vorigen.)

Titus.
Hier kommt einer von Timons Leuten.

Caphis.
Flaminius! Herr, ein Wort; ich bitte euch, ist Milord noch nicht
fertig heraus zu kommen?

Flaminius.
Nein, in der That, er ist nicht.

Titus.
Wir warten auf Se. Gnaden, seyd so gut und sagt ihm das.

Flaminius.
Das hab ich nicht nöthig ihm zu sagen, er kennt eure Aufwartsamkeit.
(Flavius, in einen Mantel eingehüllt.)

Caphis.
Ha! Ist das nicht der Verwalter, der so vermummt ist? Er lauft wie
in einem Sturm davon; ruft ihn, ruft ihn.

Titus.
Hört ihr, Herr–

Varro.
Mit eurer Erlaubniß, Herr.

Flavius.
Was wollt ihr von mir, mein Freund?

Titus.
Wir warten hier wegen gewissen Geld-Summen, Herr.

Flavius.
Wenn euer Geld so gewiß wäre als euer Warten, so wär’ es sicher
genug. Warum wieset ihr denn eure Rechnungen und Schuld-
Verschreibungen nicht damals vor, als eure verräthrischen Herren
aus meines Herrn Schüsseln assen? Damals konnten sie seine Schulden
anlächeln, und die Interessen in ihren heißhungrigen Rachen
hinunter schluken. Ihr thut euch nur selbst Schaden, wenn ihr mich
aufreizet; laßt mich in Ruhe meines Wegs gehen. Glaubt mir, Milord
und ich sind fertig; ich habe nichts mehr zu rechnen, und er nichts
mehr auszugeben.

Caphis.
Schon recht, aber die Antwort dient nicht–

Flavius.
Wenn sie nicht dienen mag, so ist sie nicht so niederträchtig als
ihr; denn ihr dient Schelmen.

(Er geht ab.)

Varro.
Wie? was brummt seine verwalterische Herrlichkeit?

Titus.
Laßt es gehen–er ist arm, und das ist Straffe genug. Wer darf sich
breiter machen, als einer der kein Haus hat, wo er seinen Kopf
hinein steken kan? Solche Leute dürfen sich wol über Paläste
aufhalten. (Servilius zu den Vorigen.)

Titus.
O, hier ist Servilius; nun werden wir doch eine Antwort kriegen.

Servilius.
Wenn ich euch bitten dürfte, meine Herren, zu einer andern Zeit
wieder zu kommen, so würdet ihr mir einen Gefallen thun. Denn bey
meiner Seele, Milord ist auf eine seltsame Art unmuthig; sein
leutseliges Wesen hat ihn ganz verlassen, er ist gar nicht wohl auf,
er hütet das Zimmer.

Caphis.
Manche hüten das Zimmer, die nicht krank sind; und wenn es so übel
mit seiner Gesundheit steht, so däucht mich, sollt’ er seine
Schulden nur desto eher bezahlen, und sich einen offnen Weg zu den
Göttern machen.

Servilius.
Ihr gütigen Götter!

Titus.
Das können wir für keine Antwort nehmen.

Flaminius (hinter der Bühne.)
Servilius, helft–Milord, Milord! * Ein Wortspiel mit (Confidence),
welches im Englischen Zutrauen und Unverschämtheit heissen kan.

Fünfte Scene.
(Timon lauft in der Wuth heraus.)

Timon.
Wie, ist mir nicht mehr erlaubt zu meiner Thür heraus zu gehen? Ich
bin immer frey gewesen, und soll nun mein Haus mein Kerker werden?
Muß mich die eisenherzige Grausamkeit der Menschen bis in den Plaz
verfolgen, wo ich ihnen Bankette gab?

Caphis.
Bring dein Gewerb’ izt an, Titus.

Titus.
Gnädiger Herr, hier ist meine Obligation.

Caphis.
Hier ist die meinige.

Varro.
Und hier die meinige, Milord.

Philo und die Übrigen.
Und hier die unsrige.

Timon.
Schlagt mich damit zu Boden–Spaltet mich bis an den Gürtel.

Caphis.
Aber, Milord–

Timon.
Schneid mein Herz in Stüke.

Titus.
Meine ist fünfzig Talente.

Timon.
Rechne sie an meinem Blut ab.

Caphis.
Fünftausend Cronen, Milord.

Timon.
Fünftausend Tropfen zahlen das. Wie viel ist eure–und eure?

Varro.
Milord!–

Philo.
Milord!–

Timon.
Hier nehmt mich, zerreißt mich, und die Götter zerschmettern euch,
und die so euch geschikt haben!

(Er geht ab.)

Hortensius.
Bey meiner Treue, ich sehe, unsre Herren können ihre Kappen nach
ihrem Gelde werfen; diese Schulden können wohl verzweifelt genennt
werden, denn der sie bezahlen soll, ist wahnwizig.

(Sie gehen ab.)

(Timon und Flavius kommen zurük.)

Timon.
Sie haben mich ganz ausser Athem gebracht, die Sclaven! Gläubiger!–
Teufel!

Flavius.
Mein theurer Herr–

Timon.
Wie, wenn ich es so machte?

Flavius.
Mein theurer Herr–

Timon.
So soll es seyn!–Mein Verwalter!

Flavius.
Hier, Milord.

Timon.
Du bist schnell da–Geh, lade alle meine Freunde ein, Lucius,
Lucullus, Sempronius, Alle! Ich will diesen Galgenschwengeln noch
einmal zu schmausen geben.

Flavius.
Ach, mein gütiger Herr, ihr sprecht in der Zerstreuung euers
Gemüths; es ist nicht einmal so viel übrig, als zu einer mässigen
Mahlzeit nöthig ist.

Timon.
Bekümmre dich nicht um das; geh’ und lade sie alle ein, laß die
Fluth von Schelmen noch einmal herein; mein Koch und ich wollen
schon davor sorgen.

Sechste Scene.
(Verwandelt sich in das Rath-Haus.)
(Die Senatoren und Alcibiades.)

1. Senator.
Milord, ihr habt meine Stimme dazu, das Verbrechen ist blutig, er
muß dafür sterben; nichts muntert die Sünden mehr auf als
Barmherzigkeit.

2. Senator.
Sehr richtig; das Gesez muß sie zerschmettern.

Alcibiades.
Heil, Ehre und Mitleiden dem Senat!

1. Senator.
Nun, Feldherr–

Alcibiades.
Ich komme, Euern Herrlichkeiten eine demüthige Bitte vorzutragen.
Mitleiden ist der echte Geist der Geseze, und nur Tyrannen machen
einen grausamen Gebrauch davon. Zeit und Unglük verfolgen einen von
meinen Freunden, der in der Hize seines Blutes in das Gesez
gefallen ist, welches für diejenige, die unvorsichtiger Weise
hineinplätschern, eine bodenlose Tieffe zu seyn pflegt. Er ist,
dieses Vergehen bey Seite gesezt, ein Mann von Ehre und Tugend, und
dieses kauft seinen Fehler los. Auch ist seine That mit keiner
Niederträchtigkeit beflekt; sondern mit einer edeln Wuth und einem
ruhmwürdigen Stolz sezt’ er sich seinem Feind, der seiner Ehre eine
tödtliche Wunde beygebracht hatte, entgegen; nachdem er lange genug
seinen Zorn zurük gehalten, und sich mit einem so gemässigten Eifer
vertheidigt hatte, als ob er nur einen academischen Saz behauptete.

1. Senator.
Ihr übernehmt etwas allzu anstößiges, indem ihr euch so viele Mühe
gebt, einer häßlichen That einen schönen Anstrich zu geben; ihr
habt nicht anders gesprochen, als ob ihr im Sinn hättet, den
Menschen-Mord in Schwang zu bringen, und Schlägereyen auf Rechnung
der Dapferkeit zu sezen, die doch bloß von einer unächten
Dapferkeit ihren Ursprung haben, und in die Welt kamen, eh noch
bürgerliche Geseze den neugebohrnen Factionen und Zerrüttungen
Einhalt gethan hatten. Der ist wahrhaftig dapfer, der das ärgste,
was ein Mensch athmen kan, weislich erträgt; und, anstatt
Beleidigungen bis zu seinem Herzen dringen, und es in gefährliches
Feuer sezen zu lassen, sie für Kletten ansieht, die nur an seinen
Kleidern hangen bleiben —

Alcibiades.
Milord–

1. Senator.
Ihr könnt schwarze Verbrechen nicht weiß waschen; Nicht Rache,
sondern Geduld ist Tapferkeit.

Alcibiades.
So vergebet mir dann, gnädige Herren, wenn ich wie ein Soldat
spreche. Warum sind denn die Leute so albern und wagen ihr Leben in
einem Treffen? Und warum erdulden sie nicht lieber alle Drohungen
des Feindes, schlaffen ruhig dabey ein, und lassen sich von den
Feinden, ohne Wiederstand, die Hälse abschneiden? Wenn im Erdulden
eine so grosse Tapferkeit ist, was machen wir im Felde? So sind
also unleugbar die Weiber, die zu Hause bleiben, tapfrer als wir;
so ist der Esel dapfrer als der Löwe; ja ein Kerl der eine Last von
Eisen auf dem Rüken trägt, ist weiser dann ein Rathsherr, wenn im
Tragen Weisheit ligt. O, Milords, wie ihr groß seyd, so seyd auch
gütig und mitleidig; wer kan nicht bey kaltem Blut das Vergehen
eines heissen Bluts verdammen? Morden, ich gesteh es, ist das
schwerste Verbrechen; aber zu seiner Vertheidigung–Bey allem was
billig ist, dieses macht es gerecht. Sich seinem Zorn überlassen,
ist Sünde; aber wo ist der Mann, der nicht zornig werden kan? Wägt
das Verbrechen nur nach diesem ab.

2. Senator.
Du verschwendest deinen Athem umsonst.

Alcibiades.
Umsonst? Die Dienste, die er zu Byzanz und Lacedämon geleistet,
sollten allein vermögend seyn, seine Begnadigung zu erbitten.

1. Senator.
Was ist das?

Alcibiades.
Ich sage, Milords, er hat gute Dienste gethan, und in der Schlacht
manchen von euern Feinden erschlagen. Wie dapfer hielt er sich nur
in dem lezten Treffen, und was für ergiebige Wunden macht’ er nicht!

2. Senator.
Er ist ein vollkommen lüderlicher Mensch; er hat noch eine andre
böse Gewohnheit, die seine Dapferkeit oft in Wein ertränkt; wenn
gleich keine Feinde wären, so wäre das allein genug, ihn zu
übermannen. Man weiß, daß er in dergleichen viehischer Raserey die
grösten Ausschweiffungen begangen, und Tumult angefangen hat. Es
ist uns geklagt worden, seine Tage seyen unnüze, und seine im Trunk
verbrausende Nächte gefährlich.

1. Senator.
Er muß sterben.

Alcibiades.
Hartes Schiksal! Er hätt’ im Kriege sterben können. Milords, wenn
euch seine eigne Verdienste nicht bewegen können, (obgleich sein
rechter Arm seine Sache gut machen sollte, ohne jemand anderm etwas
schuldig zu werden) so nehmt meine Verdienste zu den seinigen; und
da ich weiß, daß euer ehrwürdiges Alter Sicherheit liebt, will ich
euch meine Siege, meine Ehrenzeichen zum Pfand seiner Besserung
geben. Wenn er dieses Verbrechens halben sein Leben dem Gesez
schuldig ist, so laßt ihn’s im Krieg auf eine dapfre Art in Wunden
ausströmen; wenn das Gesez scharf ist, so ist es der Krieg nicht
weniger.

1. Senator.
Wir sind um des Gesezes willen da, er stirbt, treib es nicht weiter,
bey den strengsten Folgen unsers Mißvergnügens; Freund oder Bruder,
wer eines andern Blut vergießt, macht sich seines eignen verlustig.

Alcibiades.
Muß es denn seyn? Es muß nicht seyn; Milords, ich bitte euch,
mißkennt mich nicht.

2. Senator.
Wie?

Alcibiades.
Erinnert euch meiner!

3. Senator.
Was?–

Alcibiades.
Ich kan nicht anders als denken, euer Alter muß mich vergessen
haben; es wäre sonst unmöglich, daß ich so verächtlich in euern
Augen seyn sollte, um eine so gemeine Gnade zu bitten, und
abgewiesen zu werden. Meine Wunden schmerzen mich um euertwillen.

1. Senator.
Trozt ihr unserm Zorn–er braucht wenig Worte, aber die Würkung
reicht weit–Wir verbannen dich auf ewig.

Alcibiades.
Mich verbannen? Verbannt euern Aberwiz, verbannt den Wucher, die
den Senat verachtenswürdig machen!

1. Senator.
Wenn nach zween Tagen Athen dich noch enthält, so erwart’ unser
strengeres Urtheil. Und damit dein unmächtiger Stolz noch mehr
aufschwelle, soll er diesen Augenblik hingerichtet werden.

(Sie gehen ab.)

Alcibiades.
Die Götter lassen euch alt genug werden, daß ihr nur noch in
Knochen lebet, und euer Anblik alle Welt verscheuche! Ich bin mehr
als unsinnig; ich habe ihre Feinde von ihnen entfernt gehalten,
indessen daß sie ihr Geld gezählt, und auf Wucher ausgeliehen haben;
Wunden sind mein ganzer Gewinn dabey–Und alles das für diß? Ist
das der Balsam, den der filzichte Senat in eines Feldherrn Wunden
gießt? Ha! Verbannung! Doch es kommt nicht ungelegen; ich bin es
zufrieden, verbannt zu seyn; es ist mir eine gerechte Ursache,
Athen meine Wuth empfinden zu lassen. Ich will meine mißvergnügten
Truppen aufmuntern, und alles aufs Spiel sezen. Es ist Ehre
einzulegen, wenn man es mit einer überlegnen Anzahl aufnimmt.
Soldaten schluken so wenig eine Beleidigung ein, als die Götter.

(Er geht ab.)

Siebende Scene.
(Verwandelt sich in Timons Haus.)
(Verschiedene Senatoren treten durch verschiedne Thüren auf.)

1. Senator.
Guten Tag, mein Herr.

2. Senator.
Ebenfalls; ich denke dieser würdige Edelmann sezte uns lezthin nur
auf die Probe.

1. Senator.
Ich dachte nur eben auch daran. Ich hoffe, es steht nicht so
schlimm mit ihm, als er vorgab, wie er seine Freunde auf die Probe
sezte.

2. Senator.
Es sollte nicht seyn, wenn man von diesem neuen Banket schliessen
darf.

1. Senator.
Ich kan nicht anders denken; er hat mir eine ernstliche Einladung
zugesandt, die ich wegen vieler nothwendiger Geschäfte gerne
abgelehnt hätte; allein, er hat mich so anhaltend bitten lassen,
daß ich kommen mußte.

2. Senator.
Ich befand mich in gleichen Umständen, allein er wollte keine
Entschuldigung gelten lassen. Es ist mir leid, daß ich nicht
versehen war, wie er um Geld zu mir schikte.

1. Senator.
Es verdrießt mich für meinen Theil nicht weniger, da ich nun merke,
wie die Sachen stehen.

2. Senator.
Es ist keiner hier, dem es nicht eben so ist, wie uns. Wie viel
wollt’ er von euch entlehnen?

1. Senator.
Fünfzig Talente.

2. Senator.
Fünfzig Talente?

1. Senator.
Wie viel von euch?

2. Senator.
Er schikte zu mir–Hier kommt er. (Timon tritt mit seinem Gefolg
auf.)

Timon.
Von Herzen willkommen, meine Herren beyderseits–und wie steht es?

1. Senator.
Aufs allerbeste, da wir gute Zeitungen von Eu. Gnaden hören.

2. Senator.
Die Schwalbe folgt dem Sommer nicht williger, als wir Eu. Gnaden.

Timon (bey Seite.)
Und verläßt den Winter nicht lieber; solche Sommer-Vögel sind die
Menschen–Meine Herren, unsre Mahlzeit wird nicht werth seyn, daß
wir so lange drauf warten; Tractirt indessen eure Ohren mit der
Musik, wenn Trompeten-Schall nicht eine zu harte Speise für sie ist;
wir werden uns gleich sezen können.

1. Senator.
Ich hoffe Euer Gnaden werde keinen Unwillen gefaßt haben, daß ich
euch einen leeren Boten zurükgeschikt habe.

Timon.
O mein Herr, laßt euch das nicht beunruhigen.

2. Senator.
Mein edler Lord–

Timon.
Ah, mein guter Freund, wie gehts?

(Das Essen wird aufgetragen.)

2. Senator.
Mein hochgeehrtester Herr, ich bin ganz krank vor Schaam, daß ich
so ein unglüklicher Bettler war, als Euer Gnaden neulich zu mir
schikte.

Timon.
Denkt nicht an das, mein Herr.

2. Senator.
Hättet ihr nur zwo Stunden eher geschikt–

Timon.
Laßt euch das nicht von angenehmern Erinnerungen abhalten–He,
stellt alles zugleich auf!

2. Senator (zum Ersten.)
Lauter bedekte Schüsseln?

1. Senator.
Ein Königliches Tractament, ich steh’ euch dafür.

3. Senator.
Daran ist kein Zweifel, was Geld und die Jahrszeit aufbringen
können.

1. Senator.
Wie befindet ihr euch? Was giebt’s Neues?

2. Senator.
Alcibiades ist aus der Stadt verwiesen worden.

1. Senator.
Alcibiades verwiesen?

3. Senator.
Es ist nichts gewissers.

1. Senator.
Wie das? wie das?

2. Senator.
Ich bitte euch, weswegen?

Timon.
Meine würdigen Freunde, wollt ihr nicht näher kommen?

3. Senator.
Ich will’s euch sogleich sagen–Wir haben ein prächtiges Gastmahl
vor uns.

2. Senator.
Er ist noch immer der vorige Mann.

3. Senator.
Wird es dauern? wird es dauern?

2. Senator.
Es wird, wenn Zeit und Glük will, und so–

3. Senator.
Ich versteh euch.

Timon.
Ein jeder nehme seinen Plaz, so begierig, als ob er an die Lippen
seiner Liebsten wollte; ihr werdet an allen Pläzen gleich gehalten
werden. Macht nicht eine Stadt-Gasterey daraus, und laßt das Essen
kalt werden, eh man einig werden kan, wer zu oberst sizen soll.
Sezt euch, sezt euch! Die Götter fordern unsern Dank: “Ihr grossen
Wohlthäter, besprengt unsre Gesellschaft mit Dankbarkeit. Macht,
daß ihr für eure Gaben gepriesen werdet; aber behaltet immer etwas,
das ihr geben könnt, sonst möchten Eure Gottheiten in Verachtung
gerathen. Leihet einem jeden genug, damit keiner nöthig habe dem
andern zu leihen; denn wenn Eure Gottheiten selbst dazu kämen, daß
sie von Menschen entlehnen müßten, so würden die Menschen Atheisten
seyn. Macht die Mahlzeit beliebter, als den der sie giebt. Laßt
keine Versammlung von fünfzehn ohne eine Mandel Bösewichter seyn.
Wenn zwölf Weiber an einem Tisch sizen, so laßt ein Duzend von
ihnen seyn–was sie sind–den Rest eurer Feinde, o ihr Götter, die
Senatoren von Athen, nebst der Grund-Suppe des übrigen Volks,
zählet, ihr Götter, dem Verderben zu. Was diese meine Freunde
betrift–So, wie sie für mich Nichts sind, so segnet sie auch mit
Nichts, und zu Nichts sind sie mir willkommen.”

(Man dekt auf, und alle Schüsseln sind mit Hunden von verschiedner
Gattung angefüllt.)

Etliche von den Gästen.
Was meynen Se. Gnaden damit?

Andre.
Das weiß ich nicht.

Timon.
Daß ihr nie keine bessere Mahlzeit sehet, ihr Maul-Freunde; Dampf
und laues Wasser ist euer vollkommnes Ebenbild. Das ist Timons Leze.
Lebt lang, und von aller Welt verabscheut, ihr glatten, lächelnden,
verwünschten Schmarozer, ihr liebkosenden Zerstörer,
schmeichlerische Wölfe, zahme Bären, ihr Glüks-Narren, Teller-Leker,
und Fleisch-Fliegen, ihr Kopf- und Kniebeugenden Sclaven, daß alle
ungezählten Krankheiten von Menschen und Vieh euch in diesem
Augenblik überdeken! Wo gehst du hin! Sachte, nimm erst deine
Arzney ein–du auch–und du —

(Er wirft die Teller nach ihnen, und jagt sie hinaus.)

Halt, ich will dir Geld leihen, ich will keines borgen. Wie? Alle
in Bewegung? Von nun an sey kein Gastmahl, wo ein Bösewicht nicht
willkommen sey! Brenn’ auf den Grund ab, Haus; sink’, Athen; und
Timon hasse von nun an den Menschen, und alles was menschlich ist!

(Geht ab.)

(Die Senatoren kommen zurük.)

1. Senator.
Wie gefällt euch das, Milords?

2. Senator.
Kennt ihr die Beschaffenheit von Lord Timons Wuth?

3. Senator.
Zum Henker, habt ihr meine Müze nicht gesehen?

4. Senator.
Ich habe meinen Oberrok verlohren.

1. Senator.
Lord Timon ist nichts bessers als ein Narr, er läßt sich lediglich
durch die Laune regieren. Lezthin schenkt’ er mir ein Kleinod, und
nun hat er mir’s von meiner Müze abgeworfen. Seht ihr mein Kleinod
nicht?

2. Senator.
Habt ihr meine Müze nicht gesehen?

3. Senator.
Hier ist sie.

4. Senator.
Hier ligt mein Rok.

1. Senator.
Wir wollen uns nicht länger aufhalten.

2. Senator.
Lord Timon ist verrükt.

3. Senator.
Das fühl ich an meinen Beinen.

4. Senator.
Den einen Tag giebt er uns Diamanten, und den andern Steine.

(Sie gehen ab.)

Vierter Aufzug.

Erste Scene.
(Ein Plaz ausser den Mauern von Athen.)
(Timon tritt auf.)

Timon.
Laßt mich noch einmal nach euch zurüksehen, o ihr Mauern, die diese
Wölfe umzingeln! Versink’ in den Erdboden, Athen! ihr vermählten
Frauen, werdet unkeusch! ihr Kinder empört euch wider eure Eltern,
und Sclaven und wahnwizige mögen den ehrwürdigen grauen Senat von
seinen Bänken reissen, und an ihrer Stelle den Staat regieren! Gieb
dich der allgemeinen Unzucht Preiß, unreiffe Jungferschaft, thut es
vor euerer Eltern Augen! haltet fest, ihr Bankerotierer; eh ihr den
Rüken kehret, die Messer heraus, und schneidet euern Gläubigern die
Kehlen ab! Stehlt, ihr Sclaven; euere ehrsamen Herren sind nur
Diebe mit längern Händen, und stehlen unter dem Schuz der Geseze.
In deines Herrn Bette, Mädchen; deine Frau ist im Bordell.
Sechszehnjähriger Sohn, reiß deinem alten hinkenden Vater die Krüke
aus der Hand, und schlag ihm damit das Hirn aus! Furcht und
Mitleiden, Scheu vor den Göttern, Friede, Gerechtigkeit, Wahrheit,
häusliche Zucht, Nacht-Ruhe, Nachbarschaft, Unterricht, Sitten,
Religions-Gebräuche, Unterschied der Stände, Herkommen,
Gewohnheiten und Geseze, artet in euer zerrüttendes Gegentheil aus,
und nichts als die Zerrüttung bestehe!–Ihr Plagen alle, deren der
Mensch fähig ist, häuffet eure gährenden anstekenden Fieber über
Athen zusammen; es ist reif zum Untergang! Du kalte Gicht, mach’
unsre Rathsherren zu Krüppeln, damit ihre Glieder so lahm seyn
mögen als ihre Aufführung! Zaumlose Ueppigkeit und wilde Frechheit
kriech in die Herzen und in das Mark unsrer Jugend, daß sie dem
Strom der Tugend entgegen arbeiten, und sich selbst in
Ruchlosigkeit ertränken! Kräze und Eyterbeulen überdeken jeden
Atheniensischen Busen, und ihr Kropf sey lauter Aussaz; ein Athem
steke den andern an, damit ihre Gesellschaft (wie ihre
Freundschaft) durch und durch vergiftet sey. Nichts will ich aus
dir hinaustragen als Naktheit, du abscheuliche Stadt! Nimm noch,
mit vervielfachten Flüchen, diese Versicherung: Timon will in den
Wald, wo er die wildesten Thiere milder als den Menschen finden
wird. Die Götter verderben (o hört mich, ihr guten Götter alle!)
die Athenienser inner- und ausserhalb ihrer Mauern, und verleihen,
daß mit jedem Tage seines Lebens Timons Haß gegen das ganze
Geschlecht der Menschen wachse!

(Geht ab.)

Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in Timons Haus.)
(Flavius mit zween oder dreyen Bedienten.)

1. Bedienter.
Hört ihr, guter Herr Verwalter, wo ist unser Herr? Sind wir
verdorben, ist alles aus, ist nichts übrig?

Flavius.
Ach, meine lieben Cameraden, was soll ich euch sagen? So wahr als
ich wünsche, daß die wohlthätigen Götter sich meiner erinnern, ich
bin so arm als ihr.

1. Bedienter.
Daß ein solches Haus gebrochen, ein so edler Herr gefallen seyn
soll! Alles hin! und nicht ein einziger Freund, der ihm in seinem
Unglük unter die Arme greiffe?

2. Bedienter.
Wie wir uns von einem Bekannten wegwenden, der in sein Grab gesenkt
worden, so schleichen seine Freunde von seinem begrabnen Glüksstand
alle hinweg, hinterlassen ihm ihre treulosen Schwüre und
Versprechungen; und er selbst, ein dem freyen Himmel preißgegebner
Bettler, mit einem Uebel das alle Welt von ihm scheucht, mit
Dürftigkeit behaftet, geht, bleibt, gleich der Verachtung, allein.–
Noch mehr von unsern Cameraden. (Es treten noch einige Bediente auf.)

Flavius.
Lauter zerbrochnes Geräthe eines zerstörten Hauses!

3. Bedienter.
Doch tragen unsre Herzen noch Timons Liverey, das seh’ ich in euer
aller Gesicht. Wir sind noch alle Cameraden, die, da sie ihrem
Herrn sonst nichts mehr dienen können, ihre Treu durch ihren Kummer
zeigen. Unsre Barke ist lek, und wir armen Tropfen stehen auf dem
sinkenden Verdek, und hören die Wellen dräuen; wir müssen alle in
dem Meer der weiten Luft, jeder so gut er kan, seine Rettung suchen.

Flavius.
Meine guten Cameraden, ich will das äusserste meines Vermögens mit
euch theilen. Wo wir uns jemals wieder antreffen, wollen wir, um
Timons willen, immer gute Freunde seyn, unsre Köpfe schütteln, und
sagen: Wir haben bessere Tage gesehen. Jeder nehme seinen Antheil;
nein, streket alle eure Hände aus–Kein Wort mehr —

(Er giebt ihnen Geld, sie umarmen einander und scheiden, der eine
diesen, der andre einen andern Weg.)

Wer wollte sich Reichthum wünschen, wenn Reichthum in Elend und
Verachtung aufhört? Wer wollte (nach diesem Beyspiel,) sich durch
einen Traum von schimmerndem Glük und Freundschaft täuschen lassen?
Durch ein Gepränge von Herrlichkeit und Wohlleben, aber alles nur
gemahlt, wie diese gefirnißten Freunde! Mein armer redlicher Herr!
durch sein eignes gutes Herz so weit herunter gebracht! Durch Güte
zu Grunde gerichtet! Wie seltsam, daß zuviel Güte eines Menschen
gröste Sünde seyn soll! Unbegränzte Güte macht Götter, und verderbt
Menschen–Mein theurester Herr, einst so glüklich um desto elender,
so reich um desto dürftiger zu seyn; dein grosser Wohlstand ist die
Gelegenheit zu deinen grösten Widerwärtigkeiten worden! Ach! der
gütige Herr! Er ist in Wuth aus dem undankbaren Siz unnatürlicher
Freunde geflohen, und hat nichts mit sich genommen, was sein Leben
unterhalten, oder diesen Unterhalt verschaffen kan. Ich will ihm
folgen und ihn aufsuchen; ich will ihm um seines Herzens willen
immer mit bestem Willen dienen, und, so lang ich Gold habe, immer
sein Verwalter bleiben.

(Er geht ab.)

Dritte Scene.
(Der Wald.)
(Timon tritt auf.)

Timon.
O Sonne, Quelle der segensvollesten Einflüsse, ziehe faule Dünste
aus der Erde, und vergifte die Luft unter deiner Schwester Kreis–
Zwillings-Brüder, zugleich gezeugt, von einer Mutter gebohren und
gesäugt, sind im Glüke getheilt. Der Grössere verschmäht den
Kleinern. Die menschliche Natur selbst, sie, die von so unzählbaren
Uebeln belagert wird, kan zu keinem grossen Glüke kommen, ohne sich
ihrer selbst zu schämen. Erhebt mir diesen Bettler und zieht mir
diesen Lord aus, so wird der Lord so verachtet seyn, als ob er zum
Bettler gebohren worden wäre, und der Bettler geehrt werden, als ob
er kein gebohrner Bettler wäre. Es ist die Weide, die des Widders
Seiten spikt, und der Mangel, der ihn mager macht. Wo ist der, dem
die Aufrichtigkeit seiner eignen unverfälschten Seele den Muth
giebt aufzustehen, und zu sagen: Dieser Mann ist ein Schmeichler?
Wenn einer es ist, sind es alle; denn jede Stuffe des Glüks findt
ihre Schmeichler eine Stuffe niedriger; der gelehrte Kopf bükt sich
vor dem goldnen Narren; alles ist krumm, es ist nichts gerades in
unsrer verfluchten Natur, als unverbesserliche Büberey. So sey dann
alle Gesellschaft und alle Gemeinschaft mit Menschen von mir
verabscheut! Alle von seiner Gattung, ja sich selbst hasset Timon.
Verderben über das ganze Menschen-Geschlecht!–Erde, gieb mir
Wurzeln.

(Er gräbt die Erde auf.)

Wer etwas bessers von dir begehrt, dem würze den Rachen mit deinem
würksamsten Gifte!–Was ist hier! Gold! gelbes, blinkendes, feines
Gold? Nein, ihr Götter, das verlangt’ ich nicht von euch; Wurzeln,
gütiger Himmel! Nur so viel von diesem hier ist genug, weiß,
schwarz; schön, häßlich; unrecht, recht; niederträchtig, edel; ein
altes Gesicht, jung; und eine feige Memme, tapfer zu machen. Ihr
Götter, wozu das? warum das? Ihr Götter! wie, das kan eure Priester
von eurer Seite loken, und Leute mit frischem Herzen ins Grab
befördern; dieser gelbe Sclave kan geheiligte Bündnisse
zusammenkütten und auflösen; dem Verfluchten Segnungen, und dem
grindigen Aussaz Anbetung zuziehen; Diebe zu Ehrenstellen erheben
und ihnen neben den Senatoren, Titel, Kniebeugungen und Beyfall
geben: Diß ist’s, was die bekümmerte Wittwe wieder freyen macht,
und was einer von Geschwüren und Krebsschäden zerfressenen
Candidatin des Siechenhauses, durch seine balsamische Kraft die
frische Anmuth der Jugendblüthe wieder giebt. Komm, du verdammte
Erde, du gemeine Meze des menschlichen Geschlechts, die so viel
Lermens unter der Rotte der Nationen macht–

(Man hört von fern einen Marsch.)

Ha, eine Trummel–Du bist sehr lebendig, aber ich will dich doch
begraben; wenn deine podagrische Besizer nicht mehr stehen, kanst
du noch davon lauffen–Doch nein, bleib noch ein wenig da, ich will
dich für Handgeld gebrauchen.

(Er stekt eine Anzahl Goldstüke zu sich.)

Vierte Scene.
(Alcibiades zieht auf eine kriegrische Weise mit Trummel und
Pfeiffen auf; und Phrynia und Timandra.)

Alcibiades.
Wer bist du hier? Sprich!

Timon.
Eine Bestie, wie du bist. Daß der Krebs dein Herz dafür durchfresse,
daß du mir wieder ein menschliches Gesicht zu sehen giebst!

Alcibiades.
Wie ist dein Name? Ist der Mensch dir so verhaßt, und du bist
selbst ein Mensch?

Timon.
Ich bin Misanthropos, und hasse das menschliche Geschlecht. Was
dich betrift, so wünscht’ ich, du wär’st ein Hund, damit ich dich
ein wenig lieben könnte.

Alcibiades.
Ich kenne dich wol; aber was für Unfälle dir zugestossen seyn
müssen, davon weiß ich nichts.

Timon.
Ich kenne dich auch, und verlange nicht mehr von dir zu wissen, als
ich weiß; zieh deiner Trummel nach, färbe den Boden mit Menschen-
Blut; roth, roth;–Religions-Gebräuche, bürgerliche Geseze sind
grausam, was soll dann der Krieg seyn? Diese faule Meze hier hat
mit allen ihren Cherubin-Bliken mehr Zerstörung in sich als dein
Schwerdt.

Phrynia.
Daß dir die Lippen verfaulen!

Timon.
Das könnte nur begegnen wenn ich dich küßte, und das will ich nicht.

Alcibiades.
Wie kam der edle Timon zu diesem Wechsel?

Timon.
Wie der Mond, weil er kein Licht mehr zu geben hatte; aber ich
konnte mich nicht wieder erneuern wie der Mond, denn es waren keine
Sonnen da, von denen ich hätte borgen können.

Alcibiades.
Edler Timon, was für Freundschaft kan ich dir erweisen?

Timon.
Keine, als mich in meiner Meynung zu bestärken.

Alcibiades.
Was ist diese, Timon?

Timon.
Mir Freundschaft zu versprechen, und keine zu halten. Wenn du mir
keine versprechen willst, so verderben dich die Götter! denn du
bist ein Mensch; und wenn du sie hältst, so sollen sie dich
gleichfalls verderben, denn du bist ein Mensch.

Alcibiades.
Es sind mir einige verworrne Nachrichten von deinen Unglüksfällen
zu Ohren gekommen.

Timon.
Du sahst sie, wie ich im Wohlstand saß.

Alcibiades.
Ich seh sie izt, damals war eine glükliche Zeit.

Timon.
Wie die deinige izt ist, zwischen einem Paar Mezen.

Timandra.
Ist das der allgemeine Liebling von Athen, von dem die Welt so viel
rühmliches sagte?

Timon.
Bist du Timandra?

Timandra.
Ja.

Timon.
Bleib immer eine Hure; die lieben dich nicht, die dich gebrauchen;
häng ihnen Krankheiten an, wenn sie ihre Lust mit dir gebüßt haben;
mach einen guten Gebrauch von deinen bittern Stunden, bringe die
Sclaven zu Schwiz-Kästen und Bädern, bring die rosenwangichte
Jugend zur Hunger-Cur*, und zur Diät.

{ed.-* (Tub-Fast), (Tonne-Fasten) im Englischen. Der Autor zielt auf
die Venerische Seuche und ihre Würkungen. Die Cur derselben wurde
in damaligen Zeiten entweder durch (Guaiacum), oder Mercurialische
Salben gemacht; und in beyden Fällen wurde der Patient sehr warm
und eingesperrt gehalten; das erste, damit der Schweiß befördert
werde; und das andre, damit er sich nicht wieder erkälte, welches
gefährlich war. Das Regimen beym Gebrauch des (Guaiacum), oder
(Lignum Sanctum) (sagt Dr. Friend in seiner Geschichte der Arzney-
Kunst, 2. Theil, S. 380.) war anfangs mit ausserordentlichen
Umständen begleitet, und so strenge, daß der Patient in ein enges
dunkles Loch gesperrt wurde, damit er desto besser schwizen möchte;
und durch diese Veranstaltung wurde, wie sich Fallopius ausdrukt,
der ganze Mensch bis auf die Knochen selbst durchgebeizt. Wisemann
sagt, in England habe man sich zu diesem Zwek, anstatt der
anderwärts üblichen Keller, Bak-Ofen, u. d. gl. einer Tonne bedient.
Was die Unction betrift, so wurde sie zuweilen sieben und dreyßig
Tage fortgesezt, wie er S. 375. bemerkt, und während dieser ganzen
Zeit war eine ausserordentliche Abstinenz nothwendig. Daher dann
das Wort (Tub-Fast.) Warbürton. ** Ein Provinzial-Wort für das
Englische (Slut), für welches dem Uebersezer kein hochdeutsches
Wort bekannt ist.}

Timandra.
An den Galgen, du Ungeheuer.

Alcibiades.
Vergieb, meine liebe Timandra, seine Wiederwärtigkeiten haben
seinen Verstand überwältiget. Ich habe nur wenig Geld übrig, wakrer
Timon, und der Mangel daran verursacht täglichen Aufruhr unter
meiner abgemergelten Kriegs-Schaar. Ich hörte mit Bekümmerniß, wie
das verfluchte Athen, deiner Verdienste uneingedenk, und
undankbarlich der Zeit vergessend, da sie ohne dein Schwerdt und
deine Reichthümer, von ihren Nachbarn mit Füssen zertreten worden
wären —

Timon.
Ich bitte dich, laß deine Trummel rühren, und geh’ deines Wegs.

Alcibiades.
Ich bin dein Freund, und habe Mitleiden mit dir, mein liebster
Timon.

Timon.
Wie kanst du Mitleiden mit dem haben, den du beunruhigest; ich
wollte lieber allein seyn.

Alcibiades.
Nun, so fahr wohl; hier hast du Gold.

Timon.
Behalt es, ich kan es nicht essen.

Alcibiades.
Wenn ich das stolze Athen in einen Steinhauffen umgekehrt habe —

Timon.
Ziehst du gegen Athen?

Alcibiades.
Ja, Timon, und aus einer gerechten Ursache.

Timon.
Die Götter verderben sie alle durch deine Hand, und wenn du sie
vernichtet hast, dich auch!

Alcibiades.
Warum mich, Timon?

Timon.
Weil du gebohren wardst, durch Ermordung von Bösewichtern mein
Vaterland zu Grunde zu richten. Ließ dein Gold wieder auf. Geh
weiter, hier ist noch mehr Gold, geh; sey wie eine Planetarische
Seuche, wenn Jupiter über irgendeine lastervolle Stadt sein Gift in
die sieche Luft aushängt; laß dein Schwerdt nicht einen einzigen
überspringen; schone dem ehrwürdigen Greis nicht um seines weissen
Barts willen, er ist ein Wucherer; schlage die Ehefrau nieder, ihr
Kleid allein ist ehrlich, sie ist eine Kupplerin. Laß nicht die
jungfräuliche Wange dein schneidendes Schwerdt stumpf machen;
schone dieses milchweissen Busens nicht, der unter dem gläsernen
Flor zu den Augen der Männer emporschwillt, er ist ein schändlicher
Verräther. Schone nicht des Säuglings, dessen kindisches Lächeln
Narren zur Erbarmung zwingt; denk es ist ein Bastard, von dem ein
dunkles Orakel vorhergesagt hat, daß er dir die Kehle abschneiden
soll, und zerhak’ ihn ohne Bedenklichkeit. Verschwöre dich wider
jeden Gegenstand, der dein Herz erweichen könnte; leg’ eine Rüstung
um deine Ohren und deine Augen, deren Stählung weder das Heulen der
Mütter, das Geschrey der Jungfrauen, und das Wimmern der Kinder;
noch der Anblik von Priestern, deren Blut über ihre heiligen
Kleider herab strömt, nur um eine Nadelspize durchdringen möge.
Hier ist Gold, deine Soldaten zu bezahlen. Verbreite Verderben um
dich her, geh’, und wenn du deine Wuth ausgelassen hast, so verdirb
selbst! Antworte nicht, geh!

Alcibiades.
Hast du noch Gold? Ich nehme das Gold an, das du mir giebst, und
lasse dir deinen Rath.

Timon.
Du folgest ihm oder nicht, so falle der Fluch des Himmels auf dich!

Timandra, Phrynia.
Gieb uns auch etwas Gold, guter Timon; hast du noch mehr?

Timon.
Genug, um zu machen daß eine Hure ihr Handwerk verschwöre und eine–
Kupplerin werde. Hebt auf, ihr Schlütten**, die Schürze auf! Ihr
seyd nicht eydfähig, ob ich gleich weiß, daß ihr schwören würdet;
schwören, daß die unsterblichen Götter die euch hören, vor Entsezen
schaudern müßten. Spart eure Schwüre, ich will euerm blossen
Versprechen glauben. Bleibt immer Huren, und dem, dessen frommer
Zuspruch euch bekehren will, dem macht es dreymal ärger als den
übrigen; ködert ihn an, brennt ihn bis auf die Knochen; laßt nicht
eher von ihm ab, biß euer Feuer über seinem Rauch Meister wird;
doch sollt ihr dafür alle Jahre sechs Monate eine ganz
entgegengesezte Mühe haben. Sezt euch falsche Haare an, und dekt
eure arme dünne Schädel mit Aufsäzen von Todten (wenn schon einige
davon gehangen sind, das hindert nichts); tragt sie, betrügt damit,
und h** immer auf ihren Credit hin; schminkt euch, bis ein Pferd in
euerm Gesicht steken bleiben möchte; der Henker hole die Runzeln!

Beyde.
Gut, gut, nur mehr Gold; glaubt uns, um Gold thun wir was ihr nur
wollt.

Timon.
Säet Auszehrung in ihre marklosen Knochen, lähmet ihre dünnen Beine,
und dämpfet den männlichen Trieb. Brecht die Stimme des Advocaten,
daß er untüchtig werde schlimme Sachen zu führen, und Rabulisten-
Streiche durch sein Geschrey gut zu machen; stekt den Priester an,
der wider die Triebe des Fleisches eifert und sich selbst nicht
glaubt; herab mit der Nase, platt ab, nehmt ihm den Nasenknörpel
ohne Verschonen, der, seinen Privat-Nuzen ausser Gefahr zu sezen,
das gemeine Beste aufopfert. Macht krausköpfichte Spizbuben kahl,
und laßt auch die jungen Eisenfresser nicht leer ausgehen, die mit
ihren grossen Thaten pralen, und nur nicht eine Narbe davon
aufzuweisen haben. Verpestet alle Welt, und ruhet nicht, bis ihr
die Quelle der Vermehrung selbst gänzlich verstopft und
ausgetroknet habt.–Hier ist mehr Gold für euch, bringt alle andre
ins Verderben, dann verfaulet selbst und Misthauffen mögen euer
aller Grab seyn.

Beyde.
Mehr Rath und mehr Geld, guter Timon.

Timon.
Ihr müßtet es erst besser verdienen; ihr habt nun euer Handgeld.

Alcibiades.
Rührt die Trummel, und gegen Athen zu. Lebe wohl, Timon, wenn es
mir gelungen seyn wird, will ich dich wieder besuchen.

Timon.
Wenn mich die Hoffnung nicht betrügt, werd ich dich nicht mehr
sehen.

Alcibiades.
Ich that dir nie was zu leide.

Timon.
Ja, du redtest Gutes von mir.

Alcibiades.
Nennst du das beleidigen?

Timon.
Die Menschen erfahren es alle Tage. Geh deines Weges, pake dich,
und nimm deine Dachshunde mit.

Alcibiades.
Wir sind ihm nur beschwerlich; rührt die Trummel!

(Alcibiades, Timandra und Phrynia gehen ab.)

Fünfte Scene.

Timon.
Daß die Natur noch zu eben der Zeit hungern soll, da der Unmuth
über des Menschen Unbarmherzigkeit sie des Lebens überdrüßig macht!–
Allgemeine Mutter, du deren unermeßliche Schoos und unbegrenzte
Brust alles gebiehrt und säuget; o du, deren nemliche Zeugungs-Hize,
woraus der stolze Mensch aufdunset, die schwarze Kröte zeugt, und
die blaue Schlange, die goldflekichte Eidechs und den blinden
vergifteten Wurm mit allem andern verabscheuten Ungeziefer, das
Hyperions Feuer belebt: Gieb dem der alle deine menschlichen Söhne
hasset, gieb ihm aus deinem unerschöpflichen Busen eine einzige
arme Wurzel. Verstopfe deine fruchtbare gern empfangende Schooß;
laß sie nichts mehr für den undankbaren Menschen hervorbringen. Geh
nur mit Tygern, Drachen, Wölfen und Bären schwanger; schwill von
neuen Ungeheuern auf, die dein emporgerichtetes Antliz dem
umwölbenden Himmel nie gezeigt hat!–O! eine Wurzel–habet Dank,
ihr Götter!–trokne deine lokern Adern auf, und deine vom Pflug
zerrißne Schollen, aus denen der undankbare Mensch diese geistigen
Säfte und diese niedlichen Bissen zieht, die sein reines Gemüth mit
einem Fett umgeben, woran alle Betrachtung abglitscht.

Sechste Scene.

Timon (zu Apemanthus.)
Wieder ein Mensch? Pest! Pest!

Apemanthus.
Ich bin hieher gewiesen worden. Die Leute sagen, du massest dich an,
meine Lebensart nachzuahmen.

Timon.
So muß es deßwegen seyn, weil du keinen Hund hältst, den ich
nachahmen könnte. Daß du die Schwindsucht kriegtest!

Apemanthus.
Es ist an dir nur etwas erzwungnes, eine arme unmännliche
Melancholey, die bloß aus dem Wechsel deines Glüks entsprungen ist.
Wozu dieses Grabscheit? Warum in diesem Walde? Warum dieser
sclavenmässige Aufzug? Und diese kummervolle Blike? Deine
Schmeichler tragen indessen Seide, trinken Wein, ligen weich,
schwimmen in lieblichen Gerüchen, und haben vergessen, daß jemals
ein Timon war. Entehre diese Kleidung nicht, die dir das Ansehen
und die Vorrechte eines Censors geben soll. Sey du izt ein
Schmeichler, versuch’ es, dich nun durch eben dieses fortzubringen,
was dich zu Grunde gerichtet hat; beuge deine Knie, und laß den
blossen Athem dessen, dem du aufwartest, deine Müze vom Kopf
herabwehen; erhebe seine lasterhaftesten Ausschweiffungen, und
nenne sie vortreflich. So redte man mit dir; und du gabst deine
Ohren dazu her, den Bierwirthen ähnlich, die Schelmen und alles was
zu ihnen kommt willkommen heissen. Es ist höchst billig, daß du ein
Spizbube werdest; hättest du noch Vermögen, so würden Spizbuben es
haben. Affectire keine Gleichheit mit mir, sag ich dir!

Timon.
Wenn ich dir gleich wäre, ich wollte mich selbst wegwerfen.

Apemanthus.
Du hast dich selbst weggeworffen, da du dir selbst gleich warst; so
lang’ ein Unsinniger, izt ein Narr! Wie? denkst du, die kalte Luft,
dein ungestümer Kammerherr, werde dir ein warmes Hemde reichen?
Meynst du, diese bemooßten Bäume, die den Adler überlebt haben,
werden wie Pagen hinter dir hertreten, und dir auf einen Wink
zulauffen? Wird der kalte, mit Eis candirte Bach dir ein Cordial
zum Frühstük geben, um die Unverdaulichkeit der gestrigen
Nachtmahlzeit zu verbessern? Ruffe den nakten Geschöpfen, die der
rauhen Witterung, und den kämpfenden Elementen ihre unverwahrten
Rümpfe entgegen bieten; befiehl ihnen, dir zu schmeicheln; o, du
wirst finden —

Timon.
Daß du ein Narr bist; zieh’ ab.

Apemanthus.
Du bist mir izt lieber als jemals.

Timon.
Und du mir desto verhaßter.

Apemanthus.
Warum?

Timon.
Du schmeichelst der Dürftigkeit.

Apemanthus.
Ich schmeichle nicht; ich sage nur, daß du ein elender Tropf bist.

Timon.
Warum suchst du mich auf?

Apemanthus.
Um dich zu scheeren.

Timon.
Das ist immer die Verrichtung eines Bösewichts, oder eines Narren.
Däucht sie dir kurzweilig?

Apemanthus.
Ja.

Timon.
Was für ein Schurke du bist!

Apemanthus.
Wenn du diesen schwermüthigen kalten Habit angezogen hättest,
deinen Stolz zu züchtigen, so hättest du wol daran gethan; aber du
thust es aus Noth; du würdest ein Stuzer seyn, wenn du nicht ein
Bettler wärest. Freywillige Armuth überlebt ungewisses Wohlleben;
dieses wird immer gefüllt und doch nie voll, jene erreicht ihren
höchsten Wunsch auf einmal; der glüklichste Stand ist mißvergnügt,
der elendeste zufrieden. (Du) solltest zu sterben wünschen, weil du
in einem so armseligen Zustand bist.

Timon.
Nicht weil mir’s einer sagt, der noch armseliger ist. Du bist ein
Sclave, den das Glük nie mit zärtlichen Armen an ihre Brust drükte;
sondern zu einem Hund gebohren. Wärest du wie wir, von der ersten
Stuffe des Lebens an, durch alle die angenehmen Grade von
Glükseligkeit fortgeschritten, die diese kurze Welt denjenigen
gewährt, die sich nur besinnen dürfen, was sie von allen ihren
Waaren haben wollen: Du hättest dich in dem diksten Schlamm der
Lüderlichkeit herumgewälzt, deine Jugend in den schändlichsten
Ausschweiffungen verschwendet, und nimmermehr die kalten
Vorschriften der Mässigung und des Wohlstands beobachten gelernt,
sondern würdest dem verzükerten Spiel vor dir her blindlings
nachgeloffen seyn. Aber daß ich, für dessen Vergnügen die ganze
Welt arbeitete, der die Zungen, die Augen, die Herzen der Menschen
zu seinem Gebot hatte, mehr als ich ihnen Verrichtungen erdenken
konnte, an dem unzähliche hiengen, wie die Blätter an einer Eiche;
die aber alle, von einem einzigen Winter-Anstoß, von ihren Zweigen
abgefallen sind, und mich entblößt und unbedekt jedem Sturm
ausgesezt gelassen haben: Daß ich, der nie etwas anders als bessers
gekannt hat, diß ertragen soll, ist etwas schwer. Dein Wesen fieng
mit Elend an, und die Zeit hat dich dazu abgehärtet. Warum solltest
du die Menschen hassen? Sie haben dir nie geschmeichelt. Was hast
du ihnen geben können? Wenn du fluchen willt, so muß dein Vater,
der arme Lumpenhund, der Gegenstand seyn, der, in einem Anstoß von
Brunst, irgend eine Bettlerin überfallen, und dich armseligen Erb-
Lumpenhund zusammgeflikt hat–Hinweg, pake dich!–Wärest du nicht
zum untersten unter allen Menschen gebohren, so würdest du ein
Spizbube und Schmeichler gewesen seyn.

Apemanthus.
Bist du noch stolz?

Timon.
Ja, daß ich nicht du bin.

Apemanthus.
Und ich, daß ich kein Verschwender gewesen bin.

Timon.
Und ich, daß ich izt noch einer bin. Wär’ aller Reichthum, den ich
hatte, in dir aufgeschüttet, so wollt’ ich dir Erlaubniß geben, ihn
aufzuhängen. Geh deines Weges–O! daß das Leben von ganz Athen in
dieser Wurzel wäre! So wollt’ ich es essen.

(Er ißt eine Wurzel.)

Apemanthus.
Hier, ich will deine Mahlzeit verbessern.

Timon.
Verbeßre erst meine Gesellschaft, und pake dich fort!

Apemanthus.
Was hättest du gern zu Athen–

Timon.
Dich, in einem Wirbelwind; wenn du willt, so sag ihnen, ich habe
Gold; siehst du, daß ich habe.

Apemanthus.
Hier hat es keinen Nuzen.

Timon.
Den besten und sichersten; denn hier schläft es, und thut keinen
gedungnen Schaden.

Apemanthus.
Wo ligst du des Nachts, Timon?

Timon.
Unter dem was über mir ist. Wo futterst du des Tags, Apemanthus?

Apemanthus.
Wo mein Magen Speise findet, oder vielmehr wo ich sie esse.

Timon.
Ich wollte, das Gift müßte mir gehorchen, und wüßte meine Gedanken.

Apemanthus.
Wo wolltest du es hinschiken?

Timon.
Deine Schüsseln zu würzen.

Apemanthus.
Das Mittel der Menschlichkeit hast du nie gekannt, sondern nur das
äusserste von beyden Enden. Wie du in deinen vergoldeten Zimmern,
und von ausgesuchten Specereyen umduftet warst, da trieben sie ihr
Gespötte über deine ausschweiffende Zärtlichkeit des Geschmaks; izt
da du in Lumpen bist, hast du gar keine, sondern wirst des
Gegentheils halben verabscheut. Hier ist eine Mespel für dich, iß
sie.

Timon.
Ich esse von nichts, was ich nicht leiden kan.

Apemanthus.
Kanst du die Mespeln nicht leiden?

Timon.
Nein, ob sie schon dir gleich sehen.

Apemanthus.
Hättest du sie früher nicht leiden können, so würdest du izt besser
mit dir selbst zufrieden seyn. Hast du jemals einen Verschwender
gekannt, den man noch geliebt hat, nachdem er um seine Mittel
gekommen ist?

Timon.
Wen hast du jemals ohne diese Mittel, wovon du redst, beliebt
gesehen?

Apemanthus.
Mich selbst.

Timon.
Ich verstehe dich, du hast einige Mittel, einen Hund zu halten.

Apemanthus.
Was für Dinge in der Welt findst du deinen Schmeichlern am
ähnlichsten?

Timon.
Weiber–Was wolltest du mit der Welt thun, Apemanthus, wenn sie in
deiner Gewalt wäre?

Apemanthus.
Sie den wilden Thieren vorwerfen, damit ich der Menschen los würde.

Timon.
Wolltest du selbst auch das Schiksal der Menschen haben, oder unter
den wilden Thieren ein wildes Thier werden?

Apemanthus.
Das lezte, Timon.

Timon.
Ein bestialischer Wunsch, den die Götter dir gewähren mögen! Wenn
du ein Löwe wärst, so würde dich der Fuchs betrügen; wärst du ein
Lamm, so würde der Fuchs dich fressen; wärst du der Fuchs, so
würdest du dem Löwen verdächtig werden, wenn dich zufallsweis ein
Esel anklagte; wärst du der Esel, so würde dich deine Dummheit
plagen, und du lebtest immer als ein Frühstük für den Wolf. Wärst
du der Wolf, so würde dir deine Gefressigkeit zur Quaal werden, und
du würdest oft dein Leben für dein Mittagessen wagen. Wärst du das
Einhorn, so würde dich Stolz und Grimm verderben, und in Ermanglung
eines andern würdest du die Beute deiner eignen Wuth werden. Wärst
du ein Bär, so würde dich das Roß tödten; wärst du ein Roß, so
würde dich der Leopard ergreiffen; wärst du ein Leopard, so wärst
du des Löwen Vetter, und deine Fleken würden deine eigne Verwandten
gegen dein Leben aufhezen. Alle deine Sicherheit wär’ in Entfernung,
und dein Schuz in der Abwesenheit eines Feindes. Was für ein Thier
könntest du seyn, das nicht einem Thier unterworffen wäre? Und was
für ein Stük Vieh bist du izt schon, daß du nicht siehst, wie viel
du bey der Verwandlung verliehren würdest?

Apemanthus.
Wenn du mir durch irgend ein Gespräch gefallen könntest, so hättest
du es izt getroffen. Das gemeine Wesen von Athen ist ein Wald von
Thieren worden.

Timon.
Wie ist dann der Esel durch die Mauern gebrochen, daß du ausser der
Stadt bist?

Apemanthus.
Dort kommt ein Poet und ein Mahler; die Pest der menschlichen
Gesellschaft falle auf dich! Ich besorge, daß sie mich ansteken
möchte, und will mich mit der Flucht retten. Wenn ich sonst nichts
zu thun weiß, will ich dich wieder sehen.

Timon.
Wenn sonst nichts lebendiges mehr ist als du, sollt du mir
willkommen seyn.

Apemanthus.
Du bist das Oberhaupt von allen iztlebenden Narren.

Timon.
Ich wollte, du wärest sauber genug, daß ich auf dich speyen könnte.
Daß du die Kränke hättest!

Apemanthus.
Du bist ein zu schlechter Kerl, als daß du jemandem fluchen
könntest.

Timon.
Alle Galgenschwengel werden rein, wenn sie neben dir stehen.

Apemanthus.
Es ist sonst kein Aussaz, als was du redst.

Timon.
Wenn ich dich nenne–Prügeln will ich dich; doch, ich würde nur
meine Hände kräzicht machen.

Apemanthus.
Ich wollte, meine Zunge könnte machen, daß sie abfaulten.

Timon.
Weg, du Gezücht eines räudigen Hunds. Ich sterbe vor Zorn, daß du
in der Welt bist; ich fall’ in Unmacht, wenn ich dich ansehe.

Apemanthus.
Daß du bersten möchtest?

Timon.
Hinweg, du verabscheuter Raker; ich fürchte, du treibst mir einen
H*d*n ab.

Apemanthus.
Vieh!

Timon.
Sclave!

Apemanthus.
Kröte!

Timon.
Lumpenhund, Lumpenhund, etc.

(Apemanthus zieht sich zurük, als ob er gehe.)

Ich bin dieser falschen Welt überdrüssig, und will nichts in ihr
lieben, als ihre blossen Nothwendigkeiten. So zögre dann nicht,
Timon, dir dein Grab zu machen, dort, wo der leichte Meerschaum
deinen Grabstein täglich schlagen soll; mache deine Grabschrift,
daß der Tod in mir über andrer Leben lache.

(Er sieht auf das Gold, das zu seinen Füssen ligt.)

O du angenehmer Königs-Mörder! du werthe Scheidung zwischen dem
leiblichen Sohn und seinem Vater! du schimmernder Besudler von
Hymens keuschestem Bette! du dapfrer Mars! du immer junger,
frischer, beliebter, und reizender Buhler, dessen Röthe den
geheiligten Schnee, der auf Dianens Schooß ligt, zerschmelzt! Du
sichtbarer Gott, der Unmöglichkeiten zusammenfügt, und einander
küssen macht! der jede Sprache zu jeder Absicht reden kan! O du
Probstein der Herzen; denke, dein Sclave, der Mensch, empöre sich
wider dich, und seze sie durch deine Macht in eine so zerrüttende
Zwietracht, bis die Herrschaft über die Welt den Thieren bleibt.

Apemanthus.
Ich wollt’ es wäre so, aber nicht eher, als bis ich todt bin! Ich
will sagen, du habest Gold; was für einen Zulauff, du augenbliklich
bekommen wirst!

Timon.
Einen Zulauf?

Apemanthus.
Ja.

Timon.
Deinen Rüken, ich bitte dich.

Apemanthus.
Leb’ und liebe dein Elend!

Timon.
Leb lange so und stirb so! Ich bin quitt.

Apemanthus.
Schau, mehr Dinge die wie Menschen aussehen–iß, Timon, und
verabscheue sie.

(Apemanthus geht ab.)

Siebende Scene.
(Die Diebe treten auf.)

1. Dieb.
Wo mag er wol sein Geld haben? Es wird irgend ein armseliges
Fragment, irgend ein übriges Bißchen sein, das er noch davon
gebracht hat. Nichts anders, als der Mangel an Geld, und der Undank
seiner Freunde, hat ihn zu dieser Melancholey gebracht.

2. Dieb.
Das Gerücht geht, er hab’ einen Schaz gefunden.

3. Dieb.
Wir wollen einen Versuch machen; wenn er nichts darnach fragt; wird
er’s uns gutwillig geben; aber wenn er so geizig ist, daß er’s für
sich allein behalten will, was ist dann zu thun?

2. Dieb.
Er wird den Schaz nicht bey sich tragen; er wird ihn verstekt haben.

1. Dieb.
Ist der nicht Timon?

Alle.
Wo?

2. Dieb.
Der Beschreibung nach ist er’s.

3. Dieb.
Er ists, ich kenn’ ihn.

Alle.
Grüß dich Gott, Timon.

Timon.
He, Diebe.

Alle.
Soldaten, keine Diebe.

Timon.
Beydes, und von Weibern gebohren.

Alle.
Diebe sind wir nicht, aber Leute, die sehr viel Bedürfnisse haben.

Timon.
Euer gröstes Bedürfniß ist, was ihr aller Orten finden könnet: Was
solltet ihr bedürfen? Seht, die Erde hat Wurzeln; innert einer
Meile um uns her entspringen hundert Quellen; die Eichen tragen
Eicheln, die Gesträuche, Hambutten; die gutthätige Hausmutter,
Natur, legt auf jedem Busch ihren ganzen Kram vor euch aus–
Bedürfnisse? Warum Bedürfnisse?

1. Dieb.
Wir können nicht von Gras, Beeren und Wasser leben; wie Thiere,
Vögel und Fische.

Timon.
Auch nicht von den Thieren, Vögeln und Fischen selbst; ihr müßt
Menschen essen. Doch muß ich euch Dank dafür sagen, daß ihr
offenbare Diebe seyd, und euch nicht in heiligere Gestalten
einhüllet; denn es herrscht grenzenlose Dieberey auch in
gesezmässigen Lebensarten. Galgenschwengel, Diebe, hier ist Gold!

(Er giebt ihnen Geld.)

Geht, saugt das flüchtige Blut der Traube, bis das hizige Fieber
euer Blut zu Schaum kocht, und entgeht dadurch dem Galgen. Vertraut
euch keinem Arzt, seine Arzneyen sind Gift, er tödtet mehr Menschen
als ihr beraubt, und nimmt ihnen ihr Geld mit samt dem Leben.
Treibt eure Bubenstüke, treibt sie, weil ihr euch dazu bekennt, wie
ein andres Handwerk; ich will euch Beyspiele genug von Dieberey
geben. Die Sonn’ ist ein Dieb, und beraubt durch ihre starke
Anziehung das weite Welt-Meer. Der Mond ist ein ausgemachter Dieb,
und maußt sein blasses Licht der Sonne. Das Meer ist ein Dieb,
dessen schmelzende Wellen Dämme in salzichte Thränen auflösen. Die
Erde ist ein Dieb, die uns das Futter, wovon sie lebt, aus dem
Unrath aller Dinge zusammenstiehlt; ein jedes Ding ist ein Dieb.
Die Geseze, die euch binden und mit Ruthen streichen, haben
ungestraften Diebstahl in ihrer rauhen Gewalt. Liebt euch selbst
nicht, hinweg, beraubt einander, hier habt ihr mehr Gold; schneidet
Kehlen ab; alle die euch begegnen sind Diebe: Geht nach Athen,
brecht in offne Buden ein, denn ihr könnt nichts stehlen; das nicht
von Dieben verlohren wird; stehlt nichts desto minder, weil ich
euch Gold gebe, und Gold verderbe euch, Amen!

(Er geht ab.)

3. Dieb.
Er hat mir mein Handwerk schier erleidet, indem er mich dazu
aufmunterte.

1. Dieb.
Das ist die allgemeine Bosheit der Menschen; er giebt uns einen
Rath, in Hoffnung, daß er uns an den Galgen bringen werde.

2. Dieb.
So will ich ihm glauben wie einem Feind, und meine Profeßion
aufgeben.

1. Dieb.
Wir wollen erst warten, bis zu Athen Fried’ ist.

2. Dieb.
Es ist kein so schlimmer Zustand, worinn ein Mensch nicht noch gut
werden kan.

(Sie gehen ab.)

Fünfter Aufzug.

Erste Scene.
(Der Wald und Timons Höle.)
(Flavius tritt auf.)

Flavius.
O ihr Götter, ist jener verworfne, zerstörte Mann mein Herr? So
abgezehrt, so eingefallen! O! ein Denkmal, ein Wunder von
übelangewandten Gutthaten! Was für eine Veränderung hat eine
verzweiflungsvolle Dürftigkeit in seiner Gemüthsart gemacht! Was
für ein schändlicheres Ding ist auf der Erde als Freunde, die das
edelste Gemüth zu einem solchen Verfall bringen können! Wie wohl
schikt sich das Gebott, daß wir unsre Feinde lieben sollen*, für
unsre Zeiten! Wenn es mir auch frey stünde, wollt’ ich sie doch
eher lieben als Schmeichler.–Er hat mich wahrgenommen; ich will
ihm meinen redlichen Kummer zeigen, und bis zum lezten Athemzug
sein treuer Diener bleiben.

{ed.-* Hier vergißt unser Autor, daß seine Personen keine Christen sind,
noch seyn können; kein Wunder, da er durch das ganze Stük
vergessen hat, daß sie Athenienser sind.}

(Timon kommt aus seiner Höle hervor.)

Mein theurester Herr.

Timon.
Weg! Wer bist du?

Flavius.
Habt ihr mich vergessen, mein Herr?

Timon.
Wie magst du fragen? Ich habe alle Menschen vergessen; wenn du also
gestehen mußt, das du ein Mensch bist, so hab ich dich vergessen.

Flavius.
Ein ehrlicher Diener–

Timon.
So kenn ich dich nicht: ich habe niemals ehrliche Leute um mich
gehabt; alle die ich hatte waren Spizbuben, um Galgenschwengeln
beym Essen aufzuwarten.

Flavius.
Die Götter sind Zeugen, daß niemals ein armer Verwalter einen
aufrichtigern Schmerz für seinen zu Grunde gerichteten Herrn
gefühlt hat, als meine Augen für euch.

(Er weint.)

Timon.
Wie? weinst du? Komm näher, so will ich dich denn lieben, weil du
ein Weib bist; du kanst aus Mitleiden weinen; das kan das
kieselsteinerne Herz des männlichen Geschlechts nicht; wenn ihre
Augen übergehen, so geschieht es vor Lachen oder böser Lust.

Flavius.
Ich bitte euch, mein gütiger Herr, mich nicht abzuweisen, und mir
zu verstatten, daß ich euern Kummer theile, und so lange dieser
arme Reichthum daurt,

(er zeigt ihm einen Beutel mit Geld,)

euer Verwalter bleibe.

Timon.
Hatt’ ich einen Verwalter, der so getreu, so redlich, und nun so
hülfreich ist? Diß könnte mein verwildertes Gemüth beynahe zahm
machen. Laß mich dein Gesicht sehen; wahrlich, dieser Mann ist von
einem Weibe gebohren. Verzeihet mir mein allgemeines, keine
Ausnahme machendes, zu rasches Urtheil, ihr unsterblichen, weisen
Götter! Ich gestehe nun einen ehrlichen Mann zu; verstehet mich wol,
nur Einen; keinen mehr, ich bitte euch; und der einzige ist ein
Verwalter! Wie gerne wollt’ ich das ganze Menschen-Geschlecht
gehasset haben, und du kaufst dich los; doch alle andre, dich
ausgenommen, mögen meine Flüche treffen! Mich däucht, du seyest
mehr ehrlich als klug; denn, wenn du mich betrogen und verrathen
hättest, so hättest du desto bälder eine andre Bedienstung erhalten
können; viele kommen auf diese Art zu ihren zweyten Herren, auf
ihres ersten Herrn Naken. Aber sage mir aufrichtig, (denn ich muß
immer zweifeln, ob ich gleich niemals weniger Ursach dazu hatte;)
ist nicht diese deine Zärtlichkeit listig und eigennüzig, eine
wuchernde Zärtlichkeit, wie reiche Leute Geschenke machen, um
zwanzig mal so viel dafür zurük zu bekommen?

Flavius.
Nein, mein würdiger Herr, (in dessen Brust Zweifel und Argwohn, ach
leider! zu spät Plaz nehmen;) ihr hättet falsche Freundschafts-
Versicherungen vermuthen sollen, da ihr Bankette gabt. Das was ich
euch zeige, der Himmel weiß es, ist lauter Liebe, Pflicht und
Ergebenheit gegen ein Herz, das seines gleichen nicht hat, Sorge
für euern Unterhalt und euer Leben; und glaubt mir, es ist kein
Vortheil weder gegenwärtig, noch den ich hoffen könnte, den ich
nicht um diesen einzigen Wunsch vertauschen wollte, euch wieder in
Glük und Wohlstand zu sehen.

Timon.
Gut, ich glaube dir, es ist so; du einzelner ehrlicher Mann, hier,
nimm.

(Er giebt ihm einen Sak mit Gold.)

Die Götter haben dir aus meinem Elend einen Schaz zugeschikt. Geh,
lebe reich und glüklich; aber mit dieser Bedingung, daß du von den
Menschen abgesondert wohnen sollst. Haß’ alle, verwünsch’ alle,
thue keinem Gutes; laß einem Bettler eh sein verhungertes Fleisch
von den Knochen fallen, eh du ihm ein Almosen gäbest. Gieb den
Hunden, was du den Menschen versagst. Daß Gefängnisse sie
verschlingen, daß sie in Schulden verderben, daß die Menschen einem
verdorrten Walde gleich sehen, und verpestete Krankheiten ihr
falsches Blut aufleken! Und hiemit lebe wohl, und gedeyhe!

Flavius.
O laßt mich bey euch bleiben, mein gütiger Herr, und euch
unterstüzen —

Timon.
Wenn du meinem Fluch ausweichen willst, so säume dich nicht, flieh;
flieh, weil du noch gesegnet und frey bist. Sieh du keinen Menschen
mehr, und laß dich nimmer vor mir sehen.

(Sie gehen auf verschiedne Seiten ab.)

Zweyte Scene.
(Der Poet und der Makler treten auf.)

Mahler.
Nach der Erkundigung, die ich von dem Ort eingezogen habe, kan er
nicht weit von hier sich aufhalten.

Poet.
Was soll man von ihm denken? bestättigt sich das Gerücht, daß er
soviel Gold haben soll?

Mahler.
Er hat; Alcibiades erzählt es, Phrynia und Timandra haben Gold von
ihm bekommen; er schenkt’ auch etlichen armen verlaufenen Soldaten
eine grosse Menge davon. Man sagt, er gab seinem Verwalter eine
starke Summe.

Poet.
So war folglich diese Bankrutt nur eine Prüfung seiner Freunde.

Mahler.
Nichts anders; ihr werdet ihn bald in Athen unter den Ersten wieder
glänzen sehen. Es wird also nicht übel gethan seyn, wenn wir ihm in
dem Unglüks-Stand’, worinn man ihn versunken glaubt, unsre
Freundschaft bezeugen; es wird uns das Ansehen eines edelmüthigen
Betragens geben; und es ist sehr wahrscheinlich, daß es uns zu
unserm Zwek führen wird, wenn es wahr ist, daß er so reich seyn
soll.

Poet.
Was habt ihr bey euch, womit ihr ihm aufwarten wollet?

Mahler.
Nichts für dißmal als meinen Besuch; allein ich will ihm ein
vortrefliches Stük versprechen.

Poet.
Ich will ihn auf die nemliche Art bedienen.

Mahler.
So ist’s am besten. Versprechen öffnet das Auge der Erwartung, und
macht sich oft für etwas, das niemals gehalten wird, zum voraus
bezahlt. Halten ist allemal der Narr in seinem eignen Spiel; sobald
ein Versprechen gehalten ist, so nüzt es, ausser bey der
einfältigern Art von Leuten, dem Geber nichts mehr. Versprechen ist
hofmännisch, und ein Stük von der feinen Lebensart; Halten ist eine
Art von leztem Willen oder Testament, welches bey dem, der es macht,
eine grosse Krankheit–am Verstand anzeigt. (Timon kommt, ohne daß
ihn die vorigen Personen gewahr werden, aus der Höle hervor.)

Timon (vor sich.)
Vortreflicher Künstler! du kanst keinen so schlechten Kerl mahlen
als du selbst bist.

Poet.
Ich besann’ mich, was ich sagen will, das ich für ihn in der Arbeit
habe–Es muß eine Vorstellung von ihm selbst seyn; eine Satyre über
die Weichlichkeit, die eine Folge des Wohlstands zu seyn pflegt;
mit einer Entdekung der unendlichen Schmeicheleyen, die das Gefolge
von Jugend und Reichthum sind.

Timon.
Must du dich dann in deinem eignen Werk als einen Nichtswürdigen
abschildern? Willt du deine eigne Laster auf andrer Leute Rüken
peitschen? Thue es, ich habe Gold für dich.

Poet.
Wir wollen ihn aufsuchen.

Wer einen Vortheil einzuholen
Zu spät kommt, hat sich selbst bestohlen.

Mahler.
Ihr habt recht.

Poet.
Such’, was dir fehlt, bey Tag, der unbezahlt dir scheint;
Die Nacht im schwarzen Flor ist niemands Freund.

Kommt!

Timon.
Ich will euch beym Umkehren entgegen kommen–Was für ein Gott ist
Gold, daß er in Tempeln verehrt wird, die verächtlicher sind als
die Oerter, wo Schweine ihre Speise suchen. Du bist es der das
Schiff ausrehdet, und die beschäumten Wellen pflügt; du verschaffst
dem Sclaven Bewundrung und Ehrfurcht; niemals möge dein Dienst
abnehmen, und verderbliche Plagen sollen deine Anbeter umkränzen!–
Izt ist es Zeit, ihnen entgegen zu kommen.

Poet.
Heil dir, würdiger Timon.

Mahler.
Einst unser edler Gebieter.

Timon.
Wie, erleb’ ich es, noch zween ehrliche Männer zu sehen?

Poet.
Mein Herr, da wir so viel Gutes von euch genossen haben, und
vernehmen mußten, daß ihr euch entfernt, und daß alle eure Freunde
abgefallen, für deren undankbare Gemüther–(oh,
verabscheuungswürdige Seelen!) alle Ruthen des Himmels nicht
hinreichend sind–Was? von euch? dessen Stern-gleiche Großmuth
Leben und Einflüsse ihrem ganzen Wesen gab? Ich komme ganz ausser
mich, und kan keine Worte groß genug finden, die ungeheure Grösse
dieser Undankbarkeit darein zu kleiden.

Timon.
Laßt sie nakend gehen, so sehen die Leute sie desto besser; ihr,
die ihr ehrliche Männer seyd, macht durch das, was ihr seyd, das
was sie sind am besten sichtbar.

Mahler.
Er und ich haben in dem grossen Regen eurer Freygebigkeit gereißt,
und ihn auf eine angenehme Art empfunden.

Timon.
Ja, ihr seyd ehrliche Männer.

Mahler.
Wir sind hieher gekommen, euch unsre Dienste anzubieten.

Timon.
Sehr ehrliche Männer! Wie kan ich’s euch wett machen? Könnt ihr
Wurzeln essen, und kaltes Wasser trinken? Nein.

Beyde.
Wir wollen thun, was wir nur immer können, um euch Dienste zu
leisten.

Timon.
Ihr seyd ehrliche Männer; ihr habt gehört, daß ich Gold habe; ich
bin versichert, ihr habt’s gehört; sagt die Wahrheit, ihr seyd
ehrliche Männer.

Mahler.
So sagt man, mein edler Lord; allein deßwegen kam ich und mein
Freund nicht hieher.

Timon.
Guter ehrlicher Mann; du mahlst das beste Portrait unter allen
Mahlern in Athen; du bist, in der That, der beste; du mahlst
vortreflich nach dem Leben.

Mahler.
So, so, Gnädiger Herr.

Timon.
Eben so, mein Herr, wie ich sagte.

(Zum Poet.)

Und was deine Gedichte betrift, deine Verse fliessen so voll und
lieblich, daß du in deiner Kunst eben so natürlich bist. Allein
eben darum, meine ehrlich-gesinnten Freunde, muß ich euch sagen,
ihr habt einen kleinen Fehler; der aber in der That euch nicht sehr
entstellt; auch wünscht’ ich nicht, daß ihr euch grosse Mühe gäbet,
ihn zu verbessern.

Beyde.
Wir bitten Euer Gnaden ihn uns bekannt zu machen.

Timon.
Ihr möchtet es übel aufnehmen.

Beyde.
Mit höchstem Dank, Gnädiger Herr.

Timon.
Ist das euer Ernst?

Beyde.
Zweifelt nicht daran, Milord.

Timon.
Es ist niemals einer von euch allein, ohne sich einem Spizbuben
anzuvertrauen, der euch gewaltig hinter’s Licht führt.

Beyde.
Thun wir das, Gnädiger Herr?

Timon.
Das thut ihr, und ihr hört seine Schmeicheleyen; seht wie er sich
verstellt, kennt seine groben Schelmstüke, und doch liebt ihr ihn,
gebt ihm zu essen, und tragt ihn in euerm Busen; aber seyd
versichert, er ist ein ausgemachter Spizbube.

Mahler.
Ich kenne keinen solchen, Gnädiger Herr.

Poet.
Noch ich.

Timon.
Schaut ihr, ihr seyd mir lieb, ich will euch Gold geben, wenn ihr
mir diese Schelmen aus eurer Gesellschaft ausstossen wollt; hängt
sie oder erstecht sie, gebt ihnen Gift ein, oder schaft sie sonst
auf eine Art aus der Welt, und kommt wieder zu mir, so will ich
euch Gold genug geben.

Beyde.
Nennet sie, Gnädiger Herr, wir möchten sie kennen.

Timon.
Geht ihr auf diese Seite, und ihr auf diese–Aber es sollte jeder
allein seyn–wenn jeder von euch ganz allein und einzeln ist, so
hält ihm doch ein Erz-Spizbube Gesellschaft.

(Zum Mahler.)

Wenn da wo du bist, nicht zween Spizbuben seyn sollen, so komm ihm
nie zu nah–

(Zum Poet.)

Wenn du nirgends seyn willt, als wo nur ein Spizbube ist, so
verlaß ihn. Fort, pakt euch, hier ist Gold;

(Er giebt ihnen Schläge.)

ihr kamet um Gold zu kriegen, ihr Sclaven; ihr habt Arbeit für
mich;–hier ist eure Bezahlung–Fort–Ihr seyd ein Alchymist, macht
Gold aus diesem; fort, ihr Lumpenhunde!

(Er prügelt sie, und jagt sie fort.)

Dritte Scene.
(Flavius und zween Senatoren treten auf.)

Flavius.
Es ist umsonst, wenn ihr den Timon sprechen wollt; denn er ist so
gänzlich auf sich allein eingeschränkt, daß er nichts was einem
Menschen gleich sieht, ausser sich selbst, um sich leiden kan.

1. Senator.
Führt uns zu seiner Höle; es ist unser Auftrag, und wir haben uns
den Atheniensern dazu verpflichtet, mit Timon zu reden.

2. Senator.
Die Menschen sind nicht zu allen Zeiten gleich; Umstände und Kummer
haben ihm diesen Humor gegeben; die Zeit, die ihm nun die
Glükseligkeiten seiner ehmaligen Tage wieder anbietet, kan ihn
wieder zu dem vorigen Mann machen; führt uns zu ihm, es mag gehen
wie es will.

Flavius.
Hier ist seine Höle! Fried’ und Zufriedenheit wohne hier, Lord
Timon! Timon, schaue heraus, und rede mit Freunden; die Athenienser
grüssen dich durch zwey Mitglieder ihres höchst ehrwürdigen Senats;
rede mit ihnen, edler Timon. (Timon kommt aus seiner Höle heraus.)

Timon.
Du Sonne, anstatt zu erquiken, brenne!–Redet, und dann geht an den
Galgen! wenn ihr für jedes wahre Wort eine Blatter kriegtet, und
für jedes falsche bis auf die Wurzel eurer Zunge gebrannt würdet,
so würd’ euer Vortrag nicht lange dauern.

1. Senator.
Würdiger Timon–

Timon.
Ja, solcher Leute würdig wie ihr seyd, und ihr des Timons.

2. Senator.
Die Senatoren von Athen grüssen dich, Timon.

Timon.
Ich dank’ ihnen, und wollt’ ihnen die Pest dafür zurük schiken,
wenn ich sie kriegen könnte.

1. Senator.
O vergiß dessen, an was wir selbst ohne Schaam und Kummer nicht
denken können; die Senatoren ruffen dich mit einhelliger
Freundschaft nach Athen zurük, und sind darauf bedacht, dich mit
den ansehnlichsten Ehrenstellen zu überhäuffen, die für dich
erledigt ligen.

2. Senator.
Sie bekennen, daß ihre Unachtsamkeit auf deine Verdienste zu
allgemein, zu groß gewesen; die ganze Republik, (die sonst selten
Palinodien zu singen pflegt,) hat durch das Gefühl, wie sehr ihr
Timon mangelt, eine lebhafte Empfindung von dem Unrecht bekommen,
das sie sich selbst angethan, indem sie dem Timon ihren Beystand
entzogen; und sendet uns nun, dir darüber ihre reuvolle Bekümmerniß
zu bezeugen, und dir zugleich einen Ersaz anzubieten, den ihr
Vergehen nicht um eine Drachme überwiegen soll; ja so überhäufte
Summen von Liebe, Ansehn und Reichthum, daß sie jede Spur der
vergangnen Kränkungen in deinem Andenken auslöschen, und die
Figuren ihrer Liebe so tief in dich eindrüken sollen, daß sie auf
ewig unauslöschlich dauern werden.

Timon.
Ihr bezaubert mich, überrascht mich durch eure Beredsamkeit beynahe
zu Thränen; leiht mir eines Narren Herz, und die Augen eines Weibs,
so will ich über diese tröstlichen Sachen weinen, würdige Senatoren.

1. Senator.
Laß dir also gefallen mit uns zurük zu kehren, und die Ober-
Befehlhabers-Stelle über unser Athen, dein und unser Athen,
anzunehmen: Du sollt mit allgemeinen Dankbezeugungen eingeholt, und
mit dem völligen Ansehn der höchsten Gewalt bekleidet werden; so
werden wir bald die wilden Anfälle des Alcibiades zurük getrieben
haben, der izt, wie ein ergrimmter Bär, den Frieden seines
Vaterlands aufwühlt,

2. Senator.
und sein dräuendes Schwerdt gegen die Mauern von Athen gezükt hält.

1. Senator.
Daher, Timon–

Timon.
Gut, mein Herr, ich will; daher will ich, mein Herr; so, nemlich–
Wenn Alcibiades meine Landsleute umbringt, so laßt den Alcibiades
vom Timon dieses wissen, daß Timon sich nichts darum bekümmert.
Wenn er das schöne Athen zu einem Steinhauffen macht, wenn er eure
wakern alten Männer bey den Bärten zieht, und eure keuschen
Jungfrauen der Beflekung des schaamlosen, viehischen, wüthenden
Kriegs Preiß giebt, so laßt ihn wissen–und sagt ihm, Timon hab’ es
gesagt–Aus Mitleiden mit euern Alten und mit eurer Jugend kan ich
nicht anders als ihm sagen lassen, daß ich–nichts darnach frage.
Und laßt es ihn im schlimmsten Sinn nehmen als er will, denn ihre
Messer fragen auch nichts darnach, daß ihr Gurgeln zum Antworten
habt. Was mich selbst betrift, so ist in seinem ganzen zaumlosen
Lager kein so kleines Taschen-Messer, das ich nicht höher schäze
und liebe, als die ehrwürdigste Gurgel in Athen. Und hiemit überlaß
ich euch der Obhut der Götter, wie Diebe ihren Hütern.

Flavius.
Bleibet nicht länger, es ist alles umsonst.

Timon.
Wie, ich war eben im Begriff, meine Grabschrift zu schreiben;
morgen wird man sie sehen können. Meine lange Krankheit an
Gesundheit und Leben fängt an sich zu bessern, und Nichts bringt
mir Alles.–Geht, lebt immerhin; Alcibiades sey eure Geissel, ihr
die seinige; und so daurt einander aus, so lang es möglich ist!

1. Senator.
Alles, was wir reden könnten ist umsonst.

Timon.
Und doch lieb’ ich mein Vaterland noch; und bin keiner, der an dem
allgemeinen Schiffbruch seine Freude hat, wie die Sage von mir geht.

1. Senator.
Das ist wol gesprochen.

Timon.
Empfehlt mich meinen werthesten Mitbürgern.

1. Senator.
Das sind Worte, die euern Lippen wol anstehen!

2. Senator.
Und in unsre Ohren, wie triumphierende Sieger durch ihre
zujauchzenden Thore, eingehen.

Timon.
Empfehlt mich ihnen, und sagt ihnen, um ihnen in ihren bekümmerten
Umständen, ihrer Furcht vor feindlichen Streichen, ihren Drangsalen,
ihrem grossen Verlust, ihren Liebes-Aengsten, und andern
dergleichen zufälligen Wehen, die das zerbrechliche Gefäß der
menschlichen Natur in der ungewissen Reise des Lebens auszustehen
hat, einige Linderung zu verschaffen, woll’ ich ihnen noch eine
Probe von meiner gütigen Gemüthsart geben, und ihnen ein Mittel
sagen, wodurch sie dem Grimm des Alcibiades zuvorkommen können.

2. Senator (leise.)
Das geht ganz gut; er wird mit uns zurük kommen.

Timon.
Ich habe einen Baum, der hier in meinem Einfang wächßt, und den ich
zu meinem eignen Gebrauch nächstens fällen muß. Sagt meinen
Freunden, den Atheniensern, allen ohne Ausnahm, von dem Höchsten
bis zum Niedrigsten; daß ein jeder der Lust habe, allem seinem Leid
ein Ende zu machen, unverzüglich hieher kommen, und eh noch mein
Baum die Axt gefühlt hat, sich daran aufhängen soll–Ich bitte euch,
richtet es wohl aus.

Flavius.
Beunruhigt ihn nicht länger, ihr werdet ihn nie anders finden.

Timon.
Kommt nicht wieder zu mir, sondern sagt den Atheniensern: Timon
habe seine immerwährende Wohnung an dem äussersten Strande der
gesalznen Fluth genommen, wo die ungestümen Wellen sie alle Tage
einmal mit ihrem schwellenden Schaum bedeken werden. Dahin kommt,
und laßt meinen Grabstein euer Orakel seyn. Schliesset euch nun,
meine Lippen, und macht euern Verwünschungen ein Ende; Pest und
Verderben vollende, was ihr vergessen habt; Gräber allein seyen der
Menschen Arbeit, und Tod ihr Gewinn! Sonne, verbirg deine Stralen!
Timon hat seinen Lauf vollbracht.

(Timon geht ab.)

1. Senator.
Sein Unwille und Gram ist auf eine unzertrennliche Art mit seinem
Wesen zusammengewachsen.

2. Senator.
Unsre Hoffnung auf ihn ist todt; laßt uns zurük kehren, und sehen,
was für andre Mittel uns in dieser äussersten Gefahr noch übrig
sind.

1. Senator.
Wir haben keinen Augenblik zu versäumen.

Vierte Scene.
(Die Mauern von Athen.)
(Zween andre Senatoren mit einem Boten treten auf.)

1. Senator (zum Bot.)
Du hast grosse Mühe bey deiner Auskundschaftung gehabt; sind denn
seine Linien so voll wie man sagt?

Bote.
Ich habe die geringste Zahl angegeben; zudem, so macht er Anstalten,
unmittelbar vor die Stadt anzurüken.

2. Senator.
Wir sind in grosser Gefahr, wenn sie den Timon nicht mit sich
bringen.

Bote.
Ich begegnete unterwegs einem Courier, einem alten guten Freund von
mir; wir sind zwar von entgegenstehenden Partheyen; allein unsre
alte Liebe hatte doch Stärke genug, zu machen, daß wir wie gute
Freunde mit einander sprachen. Dieser Mann war in Eile von
Alcibiades nach Timons Höle abgeschikt mit Briefen, worinn er ihn
einlud, seine Parthey wider eure Stadt zu verstärken, um so mehr
als das Unrecht, so dem Timon angethan worden, eine von den
Ursachen sey, die ihn in Waffen gesezt habe. (Andre Senatoren zu
den Vorigen.)

1. Senator.
Hier kommen unsre Brüder.

3. Senator.
Redet nicht von Timon, erwartet nichts von ihm; man hört schon die
Trummeln der Feinde, und das fürchterliche Stampfen ihrer Tritte
füllt die Luft mit Staub. Hinein, und macht euch gefaßt; ich
besorge, unsre Gegenwehr werde wenig helfen.

(Sie gehen ab.)

(Ein Soldat geht in den Wald hinein, und sucht den Timon.)

Soldat.
Der Beschreibung nach muß dieses der Ort seyn. Wer ist hier?
Antworte! he! Keine Antwort?–was ist diß?–ha! Timon todt
ausgestrekt? Irgend ein wildes Thier muß dieses Grabmal aufgewühlt
haben, denn hier lebt kein Mensch. Er ist todt, so ist’s, und diß
ist sein Grab–Was ist auf diesem Stein? Ich kan nicht lesen; aber
ich will die Schrift in Wachs abdruken; unser General versteht
alles, er ist alt an Wissenschaft, obgleich jung an Tagen; anstatt
ihm seinen Freund zu bringen, bring ich ihm seine Grabschrift.

(Er geht ab.)

Fünfte Scene.
(Vor den Mauern von Athen.)
(Trompeten. Alcibiades zieht mit seinem Heer auf.)

Alcibiades.
Verkündigt dieser feigen und von Wollust aufgelösten Stadt unsre
fürchterliche Ankunft.

(Man hört Schamade schlagen.
Die Senatoren lassen sich auf den Mauern sehen.)

Bis izt habt ihr ohne Scheu euerm ausschweiffenden Uebermuth den
Zügel gelassen, und eure Willkühr zum Zwek der Geseze gemacht.
Lange genug sind ich und andre, die im Schatten eurer Gewalt
schliefen, mit verkehrten Waffen, wie Nachtwandrer, herumgeirret,
und haben unsre Bedrükung umsonst in Klagen ausgehaucht. Nun ist
die Zeit gekommen, da das überladne Mark unter der übermässigen
Last ausruft: Es ist genug*; nun soll die keuchende Beleidigung
sich in eure grosse Lehnstühle werfen, und ausschnauben; und der
aufgeschwollne Uebermuth vor Angst allen seinen Wind fahren lassen,
und mit emporsträubenden Haaren davon lauffen.

{ed.-* Das Mark wurde für die Quelle der Stärke gehalten. Das Bild ist
von einem Cameel hergenommen, welches auf den Knien ligt, um seine
Last aufzunehmen; und gleich aufsteht, wenn man ihm mehr auflegen
will, als es tragen kan. Warbürton.}

1. Senator.
Edler Jüngling, da deine ersten Beschwerden nur noch Gedanken waren,
eh du Macht hattest oder wir Ursache hatten dich zu fürchten;
sandten wir zu dir, deinen Zorn zu besänftigen, und versprachen,
unsre Undankbarkeit mit überschwänglicher Liebe auszulöschen.

2. Senator.
Wir hielten auch durch eine demüthige Gesandtschaft, und mit
versprochner Besserung, bey dem verwandelten Timon an, unsrer Stadt
seine Liebe wieder zu schenken; wir sind nicht alle undankbar, und
verdienen nicht alle unter dem allgemeinen Streich des Krieges zu
sinken.

1. Senator.
Diese unsre Mauern sind nicht von den Händen derjenigen aufgeführt
worden, von denen ihr Beleidigungen empfangen habt; und es wäre
nicht billig, daß diese schönen Thürme, diese Tropheen und diese
Schulen, um der Missethat etlicher Privatleute willen fallen
sollten.

2. Senator.
Diejenigen sind nicht einmal mehr am Leben, deren Bestraffung der
erste Beweggrund euers Auszugs war. Schaam und Verdruß über die
Folgen ihrer Unbesonnenheit hat ihnen das Herz gebrochen. Ziehe nur,
o edler Lord, mit fliegenden Fahnen in unsre Stadt ein; laß, wenn
deine Rache nach einer Nahrung hungert, wovor der Natur grauet, laß
durch das fatale Loos den zehnten Mann sterben, und schone der
übrigen.

1. Senator.
Nicht alle haben gesündiget; es ist nicht billig, an den
Unschuldigen die Rache zu nehmen, die nur die Schuldigen verdient
haben. Verbrechen werden nicht mit den Gütern geerbt. Führ’ also,
theurer Mitbürger, deine Schaaren herein, aber laß deinen Zorn
voraussen; schone deiner Atheniensischen Wiege, und dieser
Geschlechter, die in dem Ungestüm deines Grimms mit denen, so
gesündigt haben, fallen müßten. Komm, gleich einem Schäfer, in die
Hürden, um die angestekten auszusondern, nicht alle zusammen zu
erwürgen.

2. Senator.
Wozu willst du dein Schwerdt wieder uns ziehen, da du uns durch
dein Lächeln leichter zu allem was du willst, zwingen kanst?

1. Senator.
Seze nur deinen Fuß gegen unsre verrigelten Thore, und sie sollen
sich öffnen, wenn du dein gütiges Herz vorausschiken willst, uns zu
versichern, daß du als Freund einziehen werdest.

2. Senator.
Zieh deinen Handschuh, oder gieb uns ein andres Pfand deines
Ehrenworts, daß du deine Macht nur zu deiner eignen
Wiederherstellung, nicht zu unsrer Zerstörung, gebrauchen wollest;
alle deine Kriegsschaaren sollen so lange in unsern Mauern ligen
bleiben, biß deinen Fordrungen völlig genug geschehen seyn wird.

Alcibiades.
So ist dann hier mein Handschuh. Steigt herab, und öffnet eure
wehrlosen Thore; diese Feinde des Timon und die meinige, deren
Verurtheilung euch selbst übergeben seyn soll, diese allein sollen
fallen; und euch zu zeigen, daß ihr von meinen edlern Gesinnungen
nichts zu besorgen habt, so soll keiner von meinen Leuten sein
angewiesenes Quartier überschreiten, oder den Lauf der bürgerlichen
Ordnung in den Bezirken eurer Stadt stören, ohne von den
öffentlichen Gesezen zur schärfsten Verantwortung gezogen zu werden.

Beyde.
Diß ist sehr edel gesprochen.

Alcibiades.
Kommet herab, und haltet euer Wort. (Ein Soldat tritt auf.)

Soldat.
Mein edler Obrister, Timon ist todt; an dem äussersten Ufer des
Meers ist sein Grab, und auf dem Grabstein diese Aufschrift, die
ich in Wachs mit mir genommen habe, damit dieser Abdruk der
Dolmetscher meiner armen Unwissenheit sey.

Alcibiades (ließt die Grabschrift:)

Hier ligt ein unglüklicher Leichnam, von einer
unglüklichen Seele verlassen; sucht meinen Namen nicht! Verderben
über euch Bösewichter alle, die ich hinter mir lasse! Hier ligt
Timon, der alle Menschen hassete; geh’ vorbey, und fluch’ ihm bis
du genug hast, nur verweile dich nicht hier. Dieses drükt die
lezten Bewegungen deiner Seele wohl aus; ob du gleich unser
menschliches Mitleid verabscheuet, und die Thränen verschmähest,
die der kargen Natur entfallen; so lehrte dich doch ein edler Stolz,
den ungeheuern Neptun für ewig auf dein niedriges Grab weinen zu
lassen–Wohlan–die Fehler sollen vergeben seyn–Der edle Timon ist
todt; und sein Gedächtniß soll eine unsrer Sorgen seyn–Führt mich
in eure Stadt, und ich will mein Schwerdt mit Oelzweigen umwinden!–
Rührt die Trummeln, und rükt ein–

(Sie ziehen ab.)

Timon von Athen, von William Shakespeare
(Übersetzt von Christoph Martin Wieland).

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