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William Shakespeare

Perikles

Fürst von Tyrus

Personen

Antiochus, König von Antiochien
Perikles, Fürst von Tyrus
Helicanus
Escanes, Hofleute aus Tyrus
Simonides, König von Pentapolis
Cleon, Statthalter von Tharsus
Lysimachus, Statthalter von Mitylene
Cerimon, ein Hofmann aus Ephesus
Thaliard, ein Hofmann aus Antiochien
Philemon, Cerimons Diener
Leonin, Dionysas Diener
Marschall
Ein Kuppler
Bolz, sein Diener
Gower, an Stelle des Chores
Die Tochter des Antiochus
Thaisa, Tochter des Simonides
Marina, Tochter des Perikles und der Thaisa
Dionysa, Gemahlin des Cleon
Lychorida, Marinas Amme
Diana
Eine Kupplerin
Hofleute, Ritter, Matrosen,
Seeräuber, Fischer, Boten

Die Szene ist in verschiedenen Ländern

Szeneneinteilung

Erster Akt

Zweite Szene: Antiochien. Ein Zimmer im Palast.
Dritte Szene: Daselbst.
Vierte Szene: Tyrus. Ein Zimmer im Palast.
Fünfte Szene: Daselbst. Ein Vorzimmer im Palast.
Sechste Szene: Tharsus. Ein Zimmer im Hause des Statthalters.

Zweiter Akt

Zweite Szene: Pentapolis. Ein offener Platz am Meeresufer.
Dritte Szene: Daselbst. Ein Weg, der zu dem Turnierplatz führt. Ein Zelt an der Seite, zum Empfange des Königs, der Prinzessin, Herren usw.
Vierte Szene: Daselbst. Eine Festhalle. Ein Bankett bereit.
Fünfte Szene: Tyrus. Ein Zimmer im Hause des Statthalters.
Sechste Szene: Pentapolis. Ein Zimmer im Palast.

Dritter Akt

Zweite Szene: Auf einem Schiff zur See.
Dritte Szene: Ephesus. Ein Zimmer in Cerimons Haus.
Vierte Szene: Tharsus. Ein Zimmer in Cleons Haus.
Fünfte Szene: Ein Zimmer in Cerimons Haus.

Vierter Akt

Zweite Szene: Tharsus. Ein offener Platz am Seestrand.
Dritte Szene: Daselbst.
Vierte Szene: Mitylene. Ein Zimmer in einem Bordell.
Fünfte Szene: Tharsus. Ein Zimmer in Cleons Haus.
Sechste Szene: Daselbst. Vor dem Grabmal der Marina.
Siebente Szene: Mitylene. Eine Straße vor dem Bordell.
Achte Szene: Daselbst. Ein Zimmer im Bordell.

Fünfter Akt

Zweite Szene: An Bord von Perikles Schiff bei Mitylene. Ein Zelt auf dem Verdeck mit einem Vorhang davor. Perikles darinnen auf einem Ruhebett. Ein Boot liegt neben dem tyrischen Schiffe.
Dritte Szene: Vor dem Tempel der Diana in Ephesus.
Vierte Szene: Im Tempel der Diana in Ephesus.

Erster Akt

Erste Szene

Gower tritt auf als Vorredner.

GOWER.

Zu singen, was Vorzeit vernahm,
Vom Tode der alte Gower kam,
Nahm an menschlich Gebrechlichkeit,
Daß er Euch Aug’ und Ohr erfreut;
Dies sang man wohl bei Festgelag,
Quatember und auch Feiertag,
In alten Tagen Mann und Weib
Las dieses auch zum Zeitvertreib;
Vor Hochgemüt flieht so Bekümmernus,
Et bonum quo antiquius eo melius.
Kann Euch, geboren in spätern Tagen,
Bei reiferm Witz mein Reim behagen,
Kann, was ein alter Mann mag singen,
Vergnügen, wie Ihr’s wünschet, bringen,
Wünscht’ ich mir Leben, daß ich’s fein
Verbraucht’ um Euch wie Kerzenschein. –
Antiochus, der Große, diese Stadt
Zum Hauptsitz sich erbauet hat,
Die schönst’ im ganzen Syrer-Land
(Wie ich es in den Büchern fand).
Der König nahm ein Weib fürwahr,
Sie starb, ein Töchterlein gebar,
Ganz lustsam, schön und rot und weiß,
Geschmückt von Gott mit allem Fleiß.
Davon der Vater ward gerührt,
Und zur Blutschande sie verführt.
Schlimm Kind, und bös’rer Vater, eigen Blut
Zu reizen, daß es also übel tut!
Gewohnheit bald sie dahin bracht,
Daß es nicht Sünde ward geacht’t.
Mit Schönheit zog das sünd’ge Weib
Dahin wohl manches Fürsten Leib,
Der sie erwählt zum Bettgenoß
Und zu der Eh’lust Spielgenoß;
D’rum ließ er ein Gesetz nun walten,
Zu schrecken, sie für sich zu halten,
Daß, wer nicht, der sie gehrt zum Weib,
Sein Rätsel riet, verlör’ den Leib.
Um sie manch Held gab auf sein Leben,
Wie dort die Häupter Zeugnis geben:
Was noch erfolgt, soll Euch vor Augen leben,
Die können dann am besten Zeugnis geben.

Geht ab.

Zweite Szene

[304] Antiochus, Fürst Perikles und Gefolge.

ANTIOCHUS.

Von Tyrus junger Prinz, du kennst nun ganz
Wie hochgefährlich sei, was du beginnst.
PERIKLES.
Antiochus, mich führt ein solcher Geist,
Von ihrer Schönheit hohem Ruhm entzündet,
Daß Tod mich nicht im Wagestück entsetzt.
ANTIOCHUS.
Musik führ’ unsre Tochter her, im Brautgewand,
Geschmückt wie für des hohen Jovis Bett;
Als sie empfangen, bis Lucina herrschte,
Gab ihr Natur die Mitgift, sie zu zieren,
Daß jeglicher Planet zu Rate saß,
Die höchste Trefflichkeit in ihr zu wirken.

Die Tochter des Antiochus kommt.

PERIKLES.
Sie kömmt, wie Frühlingsglanz, die Königin,
Von aller Anmut, ihrem hohen Sinn
Dient jeder Preis, der Menschen herrlich macht:
Im Angesicht, dem Buch der Schönheit, liest
Man nur die feinste Lust, als sei von dort
[305] Der Gram vertilgt auf immer, mürrisch Zürnen
Auf ewig unbekannt dem heitern Blick.
Götter, die ihr in Liebe herrscht, mich schuft,
Die ihr in meiner Brust Begier entzündet,
Die Frucht von jenem Himmelsbaum zu kosten,
Zu sterben im Mißlingen, seid behülflich,
Wie ich als Sohn und Diener euch gehorche,
So schrankenlose Wonne zu umfassen.
ANTIOCHUS.
Fürst Perikles –
PERIKLES.
Der Sohn sein will Antiochus dem Großen.
ANTIOCHUS.
Es steht vor dir der Hesperiden Garten,
Mit goldner Frucht, gefahrvoll zu berühren,
Denn Drachen, Tod dräu’nd, entsetzen dich;
Ihr himmlisch Antlitz reizt dich, anzuschau’n
Zahllose Wonnen, die Verdienst erringt,
Verdienstlos aber, weil dein Aug’ im Fürwitz
Dahin gestrebt, stirbt alles mit dem Auge.
Schau dort berühmte Fürsten, einst wie du
Vom Ruf gelockt, sich wagend durch Begier:
Es sagt die stumme Zung’, ihr bleicher Schein,
Daß sie, bedeckt allein vom Sternenfeld,
Hier Märt’rer steh’n in Amors Schlacht gefällt;
Mit toten Wangen raten sie Entweichen
Dem Todesnetz, das alle muß erreichen.
PERIKLES.
Antiochus, viel Dank, daß du mich lehrst,
Wie meine schwache Menschheit sich erkennt,
Daß ich bei diesen Schrecknissen bereite
Mich selbst zu dem, was mich, wie sie, betrifft;
An Tod gedenken, heißt im Spiegel schau’n,
Wie Leben Hauch und Irrtum ihm vertrau’n;
Drum an mein Testament; wie Krank’ in When
Die Welt erkennen, Himmel vor sich seh’n,
Und nicht, wie sonst, nach Erdenfreuden haschen;
Dir, allen Edlen sei des Friedens Gut,
Den sollte wünschen jedes Fürsten Mut,
Mein Reichtum sei der Erde, die ihn gab,
Doch dir die reine Flamme meiner Liebe.
Bereitet so zu Leben oder Tod,
[306] Erwart’ ich nun den Schlag, Antiochus,
Vorsicht verschmähend; laß das Blatt mich lesen.
ANTIOCHUS.
Gelesen, nicht erklärt, ist es beschlossen,
Du hast, wie diese hier, dein Blut vergossen.
DIE TOCHTER.
Was du gesagt, sei dir zum Glück beschert,
Was du gesagt, das wünsch’ ich dir zum Heil.
PERIKLES.
Ein kühner Ritter tret’ ich in die Schranken,
Von keinem Sinnen sonst mehr Rat erforschend,
Als nur von Mut und Treue.
Liest das Rätsel.

Ich nähre mich, nicht Viper zwar,
Vom Mutterfleisch, die mich gebar;
Den Mann sucht’ ich, in dem Bemüh’n
Des Vaters Liebe mir erschien,
Er Vater, Sohn ist und Gemahl,
Ich Mutter, Weib und Kind zumal;
Wie das geschieht, da zwei wir sind,
Wollt Ihr nicht sterben, sagt geschwind.
Das letzt’ ist bitt’rer Trank. – Gabt ihr, ihr Mächte!
Des Menschen Tun zu sehn, dem Himmel tausend Augen,
Wie wölken sie nicht immerdar die Blicke?
Ist wahr, was mich im Lesen hier erbleicht? –
Dich liebt’ ich, schön Kristall! Nun stirbt der Wille,
Der reiche Schrein ist nur der Gräuel Hülle;
Ja, jetzt empört dagegen sich mein Herz.
Kein Mann von Tugend folgt so schwachem Rat,
Daß, weiß er Sünde drin, dem Tod er naht;
Schön bist du, Laute, und dein Sinn die Saiten,
Du würdest, recht gerührt, Musik ertönen,
Daß Himmelsgötter kämen, dir zu lauschen;
Doch nun, da du gespielt vor deiner Zeit,
Tanzt Hölle nach dem Ton der Heiserkeit.
Fahr’ hin, du kümmerst mich nicht mehr.
ANTIOCHUS.
Nicht angerührt, mein Fürst, bei deinem Leben!
Denn das ist ein Artikel unsrer Satzung,
Wie jenes, tödlich. Deine Zeit ist um,
Nun lös’ es, oder laß dein Urteil sprechen.
PERIKLES.
Monarch! Ungern hört man die Sünde, gern getan,
Ich schölte Euch zu arg, wenn ich es sagte:
[307] Wer in ein Buch verfaßt, was Kön’ge tun,
Verschließt es sichrer wohl, als er es zeigt;
Erzähltes Laster fährt wie Wind dahin,
Bläst Staub in andrer Augen, sich verbreitend;
Doch ist es endlich nur erkauft zu teuer,
Der Hauch verweht, das kranke Aug’ sieht freier,
Und scheut die Luft; der blinde Maulwurf hügelt
Gen Himmel, klagt, die Erde sei bedrückt
Von Menschen, dafür stirbt der arme Wurm.
Ein Fürst ist Erdengott, Gesetz wird sein Verbrechen:
Schweift Zeus auch aus, wer wird von ihm als Sünder sprechen?
Genug schon, daß du’s weißt, es will sich schicken,
Das, was bekannt verschlimmert, zu ersticken.
Den Leib liebt jeder, der uns Nahrung gibt,
Vergönnt, daß so ihr Haupt die Zunge liebt.
ANTIOCHUS.
O Himmel! Hätt’ ich doch dein Haupt! Er fand den Sinn;
Doch will ich mit ihm heucheln. – Junger Fürst,
Obgleich nach unsrer strengen Satzung Kraft,
Da deine Deutung fälschlich ausgefallen,
Wir deine letzte Stunde könnten messen;
Doch Hoffnung, die so schönem Baum entsprießt,
So edlem Stamm, hat anders uns gestimmt;
Wir gönnen Euch noch vierzig Tage Frist,
Entschleiert das Geheimnis in der Zeit,
Die Güte zeigt, daß Ihr als Sohn uns freut;
Bis dahin wird man Euch hier unterhalten,
Wie’s Eurer Her’ und Eurer Würde ziemt.

Sie gehn ab.

PERIKLES allein.
Wie Höflichkeit die Sünde gern bedeckte
Dann gleicht dem Heuchler die gescheh’ne Tat,
Der Gutes nichts, als nur den Anschein hat;
Denn wär’ es wahr, daß ich hier falsch erklärt,
So hättet Ihr so schändlich nicht befleckt
Die Seelen mit blutschänderischem Greuel;
Wo du nun beides, Vater bist und Sohn,
Dein eigen Kind gottlos in Armen hältst,
(Die Freude, die dem Mann, nicht Vater ziemt)
[308] Und sie sich nährt von ihrer Mutter Fleisch,
Da sie das elterliche Bett entehrt,
Und beide Schlangen gleich, die schöne Blüten
Genießen, und doch tödlich Gift nur brüten.
Fahr’ wohl, du Stadt, denn Weisheit lehrt, daß wer
Nicht Taten, dunkler als die Nacht, vermied,
Nichts scheuen wird, daß sie das Licht nicht sieht;
Denn eine Sünde weckt die andre auch,
Mord ist Nachbar der Lust, wie Flamm’ und Rauch.
Gift und Verrat sind wohl der Sünde Hände,
Ja, Schilde auch, die Schande abzuhalten:
Um euch zu rein’gen, dient euch wohl mein Tod,
Drum flieh’ ich die Gefahr, die mich bedroht.

Geht ab.
Dritte Szene

[308] Antiochus tritt auf.

ANTIOCHUS.

Er fand den Sinn, und drum sind wir gesinnt
Sein Haupt zu haben.
Er soll nicht leben, meine Schande zu posaunen,
Der Welt zu sagen, daß Antiochus
In Sünde lebt so schwarzer Art.
Drum sterbe dieser junge Prinz alsbald,
Denn nur sein Tod ist meiner Ehre Halt. –
Ist niemand draußen?

Thaliard kommt.

THALIARD.
Ruft wohl Eure Hoheit?
ANTIOCHUS.
Thaliard, du bist mein Kämmerer, mein Geist
Vertrautsein Inn’res deiner Schweigsamkeit,
Und deiner Treue halb erhöh’ ich dich;
Thaliard, sieh, hier ist Gift, und hier ist Gold,
Ich hasse den von Tyrus, töte ihn.
Ich will nicht, daß du um die Ursach’ fragst;
Dir genüge: ich befahl es. Ist’s getan?
THALIARD.
Es ist getan, mein König.
ANTIOCHUS.
Nun genug.

Ein Bote kommt.

[309] ANTIOCHUS.
Kühl’ deinen Atem, sage deine Eil.
BOTE.
Geflohen ist Prinz Perikles.
ANTIOCHUS.
Wie du
Das Leben liebst, ihm nach! Und wie ein Pfeil
Aus eines guten Schützen Hand das Ziel
Unfehlbar trifft, so kehre du nicht wieder,
Wenn du nicht sagst, Fürst Perikles ist tot.
THALIARD.
Mein Fürst, kommt er mir nah nur auf Pistolenschuß,
Treff ich ihn sicher. Lebet wohl, mein König.

Geht ab.

ANTIOCHUS.
Leb wohl. Bis Perikles nicht mehr am Leben,
Kann meinem Haupt das Herz nicht Hülfe geben.

Geht ab.
Vierte Szene

[309] Perikles, Helicanus, andere Lords.

PERIKLES.

Es stör’ uns niemand. –
Wie muß denn diese Wandlung der Gedanken,
Befreundet mit blödäugiger Melancholie,
Ein steter Gast mir sein? Daß keine Stunde,
In Tages frohem Glanz, in stiller Nacht,
(Dem Grab der Sorge) Ruhe mir gewährt?
Hier schmeichelt Lust dem Aug’, mein Auge flieht sie;
Dräu’nde Gefahr ist dort zu Antiochien.
Zu kurz scheint wohl sein Arm, mich hier zu treffen;
Doch kann die Lust nicht meinen Geist erfreu’n,
Noch kann die Ferne jenes Trost gewähren;
Natürlich ist’s, die Leidenschaft der Seele,
Die anfangs schwanger von Befürchten wird,
Bekommt von Sorge Nahrung dann und Leben;
Erst ist es Furcht, was wohl geschehen möchte,
Nun älter, Sorge, daß es nicht geschieht.
So ist’s mit mir. – Antiochus der Große,
Den zu bestreiten ich zu klein nur bin,
Setzt durch in Übermacht, was er nur will,
Er meint, ich spreche, schwör’ ich gleich zu schweigen;
Mir frommt nicht, daß ich sag’, ich ehre ihn,
[310] Hat er Verdacht, ich möchte ihn entehren;
Was ihn erröten mag, wird es bekannt.
Rät Wegräumung, wodurch es wird bekannt,
Er wird das Land mit Heerskraft überziehn’,
Und so gewaltig schau’n im Maß des Krieges,
Daß das Entsetzen allen Mut verscheucht.
Mein Volk besiegt, noch vor dem Widerstand,
Gestraft der Untertan, der nie beleidigt.
Aus Sorg’ um sie, aus Mitleid nicht mit mir,
(Der ich den Wipfeln nur der Bäume gleiche,
Die Schirm den Wurzeln sind, durch die sie wachsen)
Mein Leib die Qual, die Seele Angst gewinnt,
Und straft voraus, was er zu strafen sinnt.
ERSTER LORD.
Nur Freud’ und Trost sei Eurer heil’gen Brust.
ZWEITER LORD.
Und mache Euer Herz, da Ihr zurück
Uns kommt, vergnügt, erfüllt mit Frieden.
HELICANUS.
Still! Laßt die Zunge der Erfahrung sprechen!
Die kränken nur den König, die ihm schmeicheln,
Denn Schmeicheln facht, ein Blasbalg, an die Sünde;
Das, dem geschmeichelt wird, ist nur ein Funke,
Vom Winde erst bekömmt es Kraft und Glut;
Doch Tadel, der in Demut vorgebracht,
Geziemt dem König; er ist Mensch, kann irren,
Wenn hier Herr Süß mit Frieden Euch gesegnet,
Es schmeichelt nur, führt Krieg mit Eurem Leben.
Vergebung oder Schlag erwart’ ich hie,
Viel tiefer fall’ ich nicht als auf die Knie.
PERIKLES.
Ihr andern laßt uns, forscht mit Sorgfalt nach,
Was Schiffe hier im Hafen fertig liegen,
Und kommt zurück dann. –

Sie gehn.

Helicanus, du
Bewegst uns; was siehst du in unsern Blicken?
HELICANUS. Ein Zürnen, hoher Herr.
PERIKLES.
Schreckt solches Dräu’n auf eines Fürsten Stirn,
Wie darf dein Wort solch’ Zürnen dort erregen?
[311] HELICANUS.
Wie dürfen Pflanzen auf zum Himmel schau’n,
Von welchem sie doch ihre Nahrung zieh’n?
PERIKLES.
Du weißt, ich kann des Lebens dich berauben.
HELICANUS.
Ich schärfte selbst das Beil, tut denn den Schlag.
PERIKLES.
Steh’ auf, ich bitte! Sitz’, du bist kein Schmeichler,
Ich danke dir dafür. Beim Himmel, nein!
Nie darf ein Fürst dem Tadler feindlich sein.
Du, so geschickt zum Rat und Fürstendiener,
Des Weisheit dir den Fürsten macht zum Diener,
Was willst du, daß ich tu?
HELICANUS.
Zu tragen solchen Kummer mit Geduld,
Den Ihr nur selbst Euch selbst habt auferlegt.
PERIKLES.
Du sprichst, mein Helicanus, wie ein Arzt,
Du überreichst mir einen solchen Trank,
Den du nur selbst mit Zittern nehmen würdest,
So hör’: ich ging nach Antiochia,
Wo, wie du weißt, dem Tode ins Gesicht,
Ich hohe Schönheit zu gewinnen strebte,
Die mir ein solch’ Geschlecht gebären möchte,
Das meine Kraft, des Landes Glück vermehrte.
Ihr Antlitz schien mir mehr als wundervoll,
Das andre, (dir ins Ohr) blutschändrisch schwarz;
Dies fand ich aus; der sündenvolle Vater,
Statt schlagen, streichelte; doch, du wirst wissen,
Zeit ist’s zu fürchten, wenn Tyrannen küssen;
So groß war diese Furcht, ich floh hierher,
Verhüllt von einer Nacht, die für mich sorgte
Und mir Beschützerin schien; hier bin ich nun,
Bedenke, was geschah, was kommen mag;
Er ist Tyrann, Tyrannen Furchtsamkeit
Vermindert nicht, wächst schneller als die Zeit,
Und wenn er glaubt, (wie er gewißlich glaubt)
Daß ich der Luft, der lauschenden, entdecke,
Wie mancher Fürsten Blut vergossen ward,
Das Lager seiner Gräuel zu verbergen. –
Zu töten diese Furcht, bringt er ein Heer,
[312] Schützt Kränkung vor, die ich ihm angetan;
Dann büßt mein Fehlen, (wenn man es so nennt)
Das Volk im Krieg, der keine Unschuld kennt;
Aus Liebe aller, deren einer du,
Der du mich deshalb tadelst. –
HELICANUS.
Ach! Mein König.
PERIKLES.
Flieht Schlaf dies Auge, Röte von den Wangen,
Bedenk’ ich stets mit tausendfält’gen Zweifeln,
Wie ich den Sturm beschwicht’ge, eh’ er kommt;
Ich fand nicht Trost, wie ich auch suchte herzlich,
Drum hielt ich’s Fürstenmilde; klagen schmerzlich.
HELICANUS.
Da Ihr, mein Fürst, mir Freiheit gebt zu sprechen,
So sprech’ ich dreist. Antiochus Ihr fürchtet,
Und nicht mit Unrecht scheut Ihr den Tyrannen,
Der öffentlich mit Krieg, still mit Verrat
Euch nach dem Leben trachten wird.
Drum, eine Zeitlang reiset fort, mein Fürst,
Bis daß sein Zorn und seine Wut vergessen,
Oder Geschick sein Leben ihm zerschneidet.
Gebt andern Händen Euer Reich: wenn meinen,
Soll Licht dem Tage nimmer treuer scheinen.
PERIKLES.
Ich zweifle nicht an deiner Treue;
Doch sollt’ er, wenn ich fort, das Reich bedrücken –
HELICANUS.
Dann fließe unser Blut auf dieses Land,
Das uns gebar, das Mutter wir genannt.
PERIKLES.
So wend’ ich dir den Rücken, Tyrus, reise
Nach Tharsus, wo ich von dir hören werde,
Und mich dann ganz nach deinen Briefen fügen.
Die Sorg’ um meine guten Untertanen
Leg’ ich auf dich, des Weisheit Kraft sie trägt.
Dein Wort ist mir genug, schwör keine Eide,
Wer eins nicht achtet, bricht ohn Anstand beide.
So sicher weben wir in unsern Kreisen,
Uns beiden gibt die Zeit dies Zeugnis immer;
Der Diener wie der Fürst strahlt’ echten Schimmer.

Sie gehn ab
Fünfte Szene

[313] Thaliard tritt auf.

THALIARD. So, dies ist also nun Tyrus, und dies ist der Hof. Hier muß ich den Perikles umbringen, und tu’ ich es nicht, so kann ich sicher sein, zu Hause gehängt zu werden; das ist ein schlimmes Ding. – Ich sehe wohl, der war ein kluger Gesell und von ziemlichem Verstande, der, als ihm der König erlaubte, sich eine Gnade auszubitten, ihn ersuchte, ihm keines seiner Geheimnisse zu sagen. Jetzt seh’ ich ein, daß er Ursache dazu hatte; denn wenn der König von jemand verlangt, er soll ein Schurke sein, so ist er, kraft seines Eides gezwungen, einer zu werden. – Still, hier kommen die Herren von Tyrus.

Helicanus, Escanes und andere Lords.

HELICANUS.

Nicht nötig, habt Ihr, Freund und Reichsgefährten,
Um Eures Königs Reise mehr zu sorgen,
Die Vollmacht, untersiegelt, mir vertraut,
Sagt deutlich: um zu reisen ging er fort.
THALIARD beiseit.
Wie? Der König fort?
HELICANUS.
Doch wollt Ihr noch was Näheres erfahren,
Wie, Eurer Liebe gleichsam hinterrücks,
Er von Euch ging, geb’ ich Euch Licht hierin:
Zu Antiochia –
THALIARD beiseit.
Was gibt’s von Antiochien?
HELICANUS.
Ward ihm (warum, das weiß ich nicht) erzürnt
Antiochus; er glaubt es wenigstens,
Und was er nun gesündigt oder irrte,
Will er an sich mit herber Trauer strafen;
Er unterzieht sich selbst des Seemanns Müh’n,
Den jeder Augenblick mit Tod bedroht.
THALIARD beiseit.
Ich sehe wohl,
Ich werde nicht gehängt, wenn ich auch wollte;
Er ist nun fort, vielleicht ist ihm beschieden
Der Tod zur See, den er zu Land vermieden.
Ich zeige mich. – Den Herrn von Tyrus Friede!
HELICANUS.
Gegrüßt, Lord Thaliard, von Antiochus!
[314] THALIARD.
Er sendet mich
Dem Fürsten Perikles mit Botschaft zu,
Doch, als ich landete, erfuhr ich gleich,
Daß er auf unbekannten Reisen sei:
Drum kehr’ ich mit der Botschaft gleich zurück.
HELICANUS.
Wir haben keinen Grund, darnach zu forschen,
Denn sie geht unsern Herren an, nicht uns;
Doch bitten wir, bevor Ihr reis’t nach Hause,
Seid unser Gast beim freundschaftlichen Schmause.

Sie gehn ab.
Sechste Szene

[314] Cleon tritt auf, Dionysa. Gefolge.

CLEON.

O Dionysa, sollen wir hier ruh’n,
Und mit Erzählungen von fremdem Kummer
Versuchen, unsern eignen zu vergessen?
DIONYSA.
Das hieß’, in Feuer blasen, es zu löschen;
Wer Hügel abgräbt, weil sie aufwärts streben,
Wirft um den Berg, ihn höher zu erheben:
So, trau’rnder Gemahl, mit unserm Kummer,
Wenn wir durch Unglücksaugen ihn beschau’n;
Denn höher wächst der Wald, der erst behau’n.
CLEON.
O Dionysa,
Wem Nahrung mangelt, kann er davon schweigen,
Den Hunger wohl verbergen bis zum Tode?
Laut klagt die Zung’ und schreit des Wehes Bangen
In Luft, es strömen Tränen von den Wangen;
Doch lauter muß die Zunge Klag’ ertönen,
Damit der Himmel aufwacht, wenn er schläft,
Und hülfreich seinen Kreaturen wird:
Drum sprech’ ich unser Weh’, das längst uns quält,
Mit Tränen hilf, wenn mir die Stimme fehlt.
DIONYSA.
Ich tue, was ich kann.
CLEON.
Tharsus allhier, des Statthalter ich bin,
Sonst von des Überflusses Hand gesegnet,
Des Reichtum selber in den Straßen lag,
[315] Des Türme hochgebaut die Wolken küßten,
Daß jeder Fremde staunte, der es sah;
Des Herrn und Frau’n im bunten Schmuck sich spreizten,
Als spiegle sich zum Putz der ein’ im andern;
Ihr Tisch so reich, zur Freude allen Blicken,
Mehr Augenlust, als nährend zu erquicken,
Armut verlacht, so hoch die Hoffart stieg,
Daß man den Namen Hülfe selbst verschwieg.
DIONYSA.
O nur zu wahr!
CLEON.
Doch sieh’ des Himmels Macht in unserm Wechsel!
Die Münde, denen Erde, See und Luft
Zu wenig zur Ergetzung bieten konnten,
Wie sie vollauf die Kreaturen gaben,
(Wie Häuser wohl verfallen, nicht gebraucht,)
Verzehren sich, aus Mangel aller Nahrung;
Die Gaumen, die vor zweien Sommern noch
Erfindung brauchten, Leckerheit zu reizen,
Sie würden jetzt am Brot sich freu’n, drum betteln;
Die Mütter, die zur Pflege ihrer Kleinen
Nichts allzu köstlich hielten, machen sich
Bereit, die zarten Liebling’ aufzuzehren;
So quält der Zahn des Hungers! Weib und Mann
Zieh’n Lose, wer den andern fristen kann.
Hier weint ein Edler, dort die Frau, hin stürzen andre;
Doch jene, die den Fall gesehen haben,
Sind kaum noch stark genug, sie zu begraben.
Ist dies nicht Wahrheit?
DIONYSA.
Zeugnis ist unsre Wang’ und hohles Auge.
CLEON.
Die Städte, die vom Kelch des Überflusses
Und allem Wohlsein nach Gelüsten kosten,
Möcht’ ihre Üppigkeit die Tränen seh’n!
Dies Elend kann auch über sie ergeh’n.

Ein Lord kommt.

LORD.
Wo ist der Herr Statthalter?
CLEON.
Hier.
Sprich eilig aus den Kummer, den du bringst,
Denn allzufern ist Trost für uns und Hoffnung.
[316] LORD.
Wir sahen, nahe schon an unsrer Küste,
Ein stattliches Geschwader hieher segeln.
CLEON.
Das war es, was ich glaubte!
Allein kommt nie ein Kummer, er bringt mit
Den Erben, der in seine Rechte tritt:
Und so geschieht es uns; ein Nachbarvolk
Wird unser schweres Elend nun benutzen,
Und bringt in hohlen Schiffen Kriegesvolk,
Uns zu vernichten, die vernichtet sind;
Mich Unglückseligen zu unterwerfen,
Den zu besiegen großen Ruhm nicht schafft.
LORD.
Das ist die kleinste Furcht, denn nach dem Schein
Der weißen Flaggen bringen sie uns Frieden,
Und kommen wohl als Helfer, nicht als Feinde.
CLEON.
Du sprichst wie der, der nicht belehrt genug;
Der schönste Schein birgt meist den schlimmsten Trug,
Doch bringen sie auch, was sie immer mögen,
Was soll uns neue Not?
Wir sind gestorben halb, das ärgst’ ist Tod.
Sag’ ihrem General, wir warten seiner,
Weshalb, woher er kommt, hier zu vernehmen,
Und was er will.
LORD.
Ich gehe schon.

Geht ab.

CLEON.
Willkommen, bringt er Frieden unserm Land,
Wenn Krieg, sind wir zu schwach zum Widerstand.

Perikles kommt mit Gefolge.

PERIKLES.
Herr Statthalter, (der seid Ihr, wie ich höre)
Nicht sollen unsre Schiff’ und ihre Mannschaft
Ein Feuerturm Euch sein, um Euch zu schrecken;
Wir hörten fern bis Tyrus Euer Elend,
Und seh’n den Jammer hier in Euern Straßen:
Nicht sollen reichlicher die Tränen fließen,
Nein, Euern Kummer wollen wir erleichtern:
Und diese unsre Schiffe, die Ihr wohl
Wie der Trojaner Pferd gefüllet meint
Mit blut’ger Feindschaft, drohendem Verderben,
[317] Sie bringen Korn, und, was Euch höchlich not,
Den Halberstorb’nen Leben mit und Brot.
ALLE.
Die Götter Griechenlands beschützen Euch!
Wir wollen für Euch beten.
PERIKLES.
Stehet auf!
Wir suchen nicht Verehrung, sondern Liebe,
Herberg den Schiffen, uns und unsern Leuten.
CLEON.
Wenn einer Euch nicht alle Lieb’ erzeigt,
Wenn einer in Gedanken undankbar,
Sein’s unsre Weiber, Kinder oder wir,
Den treffe Fluch des Himmels und der Menschen!
Bis dahin, (wie ich hoffe, immerdar)
Seid Ihr mein Fürst, der Stadt und uns willkommen.
PERIKLES.
Wir danken Euch, und bleiben hier als Freund,
Bis unser zorn’ger Stern uns freundlich scheint.

Sie gehn ab.
Zweiter Akt
Erste Szene

[318] Gower tritt ein.

GOWER.

Ein mächt’ger König hier fürwahr
Sein Kind zur Blutschand’ brachte gar,
Ein bess’rer Fürst zeigt auch sich dort,
Der gottesfürchtig war in Tat und Wort.
So seid denn still, und hört es an.
Wie durch das Unglück drang der Mann;
Ihr seht, daß, wer mit Unglück streitet,
Das Sandkorn mißt, den Berg erbeutet.
Der Gute in Gesellenschaft
(Ich geb’ ihm meines Segens Kraft)
Ist noch zu Tharsus, jedermann
Hält heilig, was er sprechen kann;
Zum Angedenken seiner Milde
Verehrt man ihn im auferbauten Bilde.
Doch schlimm’re Nachricht wird vernommen;
Was sprech’ ich noch? Ihr seht sie kommen. –
STUMMES SPIEL.

Es tritt auf der einen Seite Perikles auf, im Gespräch
mit Cleon, der ganze Zug folgt ihnen. Von der anderen Seite kommt ein Edelmann, mit einem Briefe an den Perikles; Perikles zeigt Cleon den Brief, hierauf gibt er dem Boten eine Belohnung und schlägt ihn zum Ritter. Perikles geht auf der einen und Cleon auf der andern Seite ab.

GOWER.
Seht, Helicanus saß daheim,
Schmaus’t nicht, wie Drohnen, Honigseim
Der andern Bienen, sein Bestreben
Ist, Bös ertöten, Gut beleben.
[319] Zu tun, was ihm sein Fürst befahl,
Schreibt er ihm, was gescheh’n zumal:
Wie Thaliard kam mit bösem Sinn,
In Absicht, zu ermorden ihn,
Drum schien er ihm nicht gut zu tun,
In Tharsus länger auszuruh’n.
Er folgt dem Rat und geht zur See,
Da lernt der Mensch oft Ach und Weh;
Der Wind nun mächtig stürmen tut,
Der Donner oben, unten Flut,
Macht solch Gerümmel, daß sein Schiff,
Das ihn behaus’t, zerscheitert bricht;
Der arme Fürst, dem nichts geblieben,
Von Wogen auf und ab getrieben,
Verliert den Schatz und die Gesellen,
Er selber kaum entflieht den Wellen;
Das Glück, ihn zu verfolgen müde,
Wirft ihn ans Land, und gibt ihm Friede.
Hier kommt er, und was nun geschieht,
Das seht ihr, zu lang wird mein Lied.

Geht ab.
Zweite Szene

[319] Perikles tritt auf, ganz durchnäßt.

PERIKLES.

Genug der Wut, ihr zorn’gen Himmelssterne!
Denkt, Regen, Donner, Wind, des ird’schen Menschen
Gebrechlichkeit kann euch nicht widersteh’n;
Auch meines Leibes Schwäche muß gehorchen!
Mich hat die See geworfen auf die Felsen,
Das Leben mir, nach langem Kampf, zu schenken,
Daß ich auf nichts als nahen Tod kann denken;
Genüg’ es euch, ihr allgewalt’gen Mächte,
Ihr raubtet alles einem Könige;
Es soll mein Grab nicht sein in Wassersmitten,
Nun will ich nur um sanften Tod euch bitten.

Drei Fischer treten auf.

[320] ERSTER FISCHER. He! Leder-Wams!
ZWEITER FISCHER. Ja, ich komme schon mit den Netzen.
ERSTER FISCHER. Du! Flick-Hose, du!
DRITTER FISCHER. Was gibt’s, Meister?
ERSTER FISCHER. Sieh’, wie du trendelst! Mach fort, oder ich werde dir übers Fell kommen.
DRITTER FISCHER. Meister, ich dachte meiner Treu eben an die armen Menschen, die vor unsern Augen untergingen in diesem Augenblicke.
ERSTER FISCHER. Jawohl, die armen Leute; es ging mir durch die Seele, daß sie so kläglich schrien; wir sollten ihnen helfen; du lieber Himmel! Wir konnten uns kaum selber helfen.
DRITTER FISCHER. Meister, hab’ ich’s nicht voraus gesagt, als ich die Meerschweine so springen und tanzen sah? Sie sollen halb Fisch und halb Fleisch sein; hol’ sie doch der Henker! Sobald sie sich sehen lassen, kann ich mich auf eine gute Wäsche gefaßt machen. – Meister, wie können doch nur die Fische in der See leben?
ERSTER FISCHER. Nun! Eben so, wie die Menschen zu Lande; die Großen fressen die Kleinen. Unsre reichen Geizhälse kann ich mit nichts so gut, als mit einem Walfische vergleichen; der spielt und bäumt, und treibt die armen kleinen Fische vor sich her, bis er sie zuletzt all’ mit einem Schluck hinunterschlingt. Solche Walfische soll es auch auf dem Lande geben, die solange das Maul aufsperren, bis sie das ganze Kirchsprengel, Kirche, Glockenturm, Glocken und alles hinuntergeschluckt haben.
PERIKLES beiseit. Eine gute Anwendung.
DRITTER FISCHER. Meister, wär’ ich der Küster gewesen, so hätt’ ich an dem Tage im Glockenhause sein mögen.
ERSTER FISCHER. Warum?
DRITTER FISCHER. Dann hätte er mich mit verschlungen; so wie ich nun in seinem Bauche gewesen wäre, so wollte ich mit den Glocken solchen Lärm angefangen haben, daß er keine Ruhe gehabt hätte, bis er Glocken, Turm, Kirche und Sprengel wieder ausgespieen hätte. Wenn aber nur der gute König Simonides meine Gedanken hätte. –
PERIKLES beiseit. Simonides?
[321] DRITTER FISCHER. Dann wollten wir das Land schon von diesen Drohnen reinigen, die den Bienen ihren Honig stehlen.
PERIKLES.
Wie von der Art der schupp’gen Seegeschöpfe,
Sie sprechen von Gebrechlichkeit der Menschen,
So können sie mit ihren Wasserreichen
Der Menschen gut und böses Tun vergleichen.
Glücklichen Fang, ehrliche Fischersleute!
ZWEITER FISCHER. Ehrlich? Lieber Freund, was meint Ihr damit? Ist es ein Tag, den Ihr brauchen könnt, so nehmt ihn Euch nur aus dem Kalender heraus, und kein Mensch wird ihn vermissen.
PERIKLES. Auf Eure Küste warf die See mich aus. –
ZWEITER FISCHER. Welch ein betrunk’ner Schuft von See, dich hier, uns in den Weg auszuwerfen!
PERIKLES.
Ein Mann, den Stürm’ und Wasserfluten hier
In diesem weiten Ballhof umgeschleudert
Zum wilden Spiel, der Euch um Mitleid bittet,
Euch fleht nun an, der niemals betteln lernte.
ERSTER FISCHER. Nicht betteln könnt Ihr, mein Freund? Es gibt ihrer hier in unserm Griechenlande, die mit Betteln mehr verdienen, als wir mit Arbeiten.
ZWEITER FISCHER. So kannst du doch wohl Fische fangen?
PERIKLES. Ich hab’ es nie geübt.
ZWEITER FISCHER. Dann mußt du ohne Frage verhungern, denn hier bringt man heutzutage nichts vor sich, wenn man nicht darnach fischt.
PERIKLES.
Was ich gewesen, hab’ ich schon vergessen,
Bedürfnis lehrt mich, was ich jetzo bin:
Ein Mann erstarrt, den Frost in allen Adern,
Nur kaum belebt, der Zunge so viel Wärme
Zu leih’n, um Euch um Hülfe anzusprechen,
Versagt Ihr die, laßt mich nach meinem Sterben,
Weil ich ein Mensch doch bin, ein Grab erwerben.
ERSTER FISCHER. Sterben sagt er? Das sollen die Götter verhüten! Hier hab’ ich einen Mantel; komm, zieh’ ihn an! Halt’ dich warm. Nun, meiner Seel’, ein recht hübscher Mensch! Komm, du sollst mit mir geh’n, du sollst Fleisch haben für alle Tage, Fische an den Fasttagen, und noch etwas [322] mehr, oder Pudding und Eierkuchen, und herzlich sollst du mir willkommen sein.
PERIKLES. Ich danke dir, mein Freund.
ZWEITER FISCHER. Hört doch, Freund; Ihr sagtet ja, Ihr könntet nicht betteln?
PERIKLES. Ich ersuchte Euch nur.
ZWEITER FISCHER. So! Ersuchte nur? Nun, so will ich auch ein Ersucher werden, um dem Auspeitschen zu entgehen.
PERIKLES. Werden denn alle Bettler hier ausgepeitscht?
ZWEITER FISCHER. O nein, nicht alle, Freund, nicht alle; denn wenn alle Bettler ausgepeitscht würden, so möcht’ ich mir kein besseres Amt, als die Büttelstelle wünschen. Aber, Meister, ich geh’ und zieh’ das Netz auf.

Geht ab mit dem dritten Fischer.

PERIKLES. Wie gut anständ’ger Scherz der Arbeit ziemt.
ERSTER FISCHER. Hört doch! Wißt Ihr denn, wo Ihr seid.
PERIKLES. Nicht recht.
ERSTER FISCHER. So will ich’s Euch sagen. Dies hier heißt Pentapolis, und unser König der gute König Simonides.
PERIKLES. Ihr nennt ihn den guten König Simonides?
ERSTER FISCHER. Jawohl, und er verdient auch den Namen, wegen seiner friedfertigen und guten Regierung.
PERIKLES.
Er ist beglückt, da ihn die Untertanen,
So wie er sie beherrscht, den Guten nennen.
Wie weit ist denn sein Hof von dieser Küste?
ERSTER FISCHER. Nur eine halbe Tagereise. Und hört nur, er hat eine Tochter, deren Geburtstag ist morgen, und Fürsten und Herren sind von allen Teilen der Welt zusammengekommen, um ihr zu Liebe zu tyostieren und zu turnieren.
PERIKLES.
Wär’ meinem Wunsche nur mein Glück gemäß,
So möcht’ ich auch dort einen Ritter machen.
ERSTER FISCHER. Ei, Lieber, jedes Ding geht wie es kann, und was ein Mann nicht zeugen kann, darum muß er auch der Frau kein gutes Wort geben.

Die beiden Fischer kommen und ziehen das Netz auf.

ZWEITER FISCHER. Helft, Meister, helft! Hier hängt ein Fisch im Netz, wie das Recht eines Armen im Prozeß; gar nicht [323] heraus zu kriegen. – Ha! Daß dich der Geier! Nun kommt’s endlich, und ist eine rostige Waffenrüstung.
PERIKLES.
Ha, eine Rüstung! Bitte, zeigt sie mir.
O, Dank dir, Glück, daß, wie du mich verfolgt,
Du mir doch etwas gibst, um mir zu helfen;
Zwar war es mein, ein Teil von meinem Erbe,
Das mir mein teurer Vater hat vermacht,
Mit dieser Weisung, die er sterbend gab:
Bewahr’ es, Perikles, es war ein Schirm
Mir gegen Tod (er wies auf dieses Erz).
Wie’s mich erhielt, so mag es in Gefahren
(O nahten sie dir nie!) auch dich bewahren!
Stets war es wo ich war, so liebt’ ich es,
Die See riß es in Wut zu sich hernieder,
Da sie besänftigt ist, gibt sie es wieder.
Dir sei gedankt! Mein Schiffbruch dünkt mir Glück,
Es kam des Vaters Erbschaft mir zurück.
ERSTER FISCHER.
Was ist Eure Meinung?
PERIKLES.
Von euch die Rüstung, Freunde, zu erbitten,
Denn sie war sonst wohl eines Königs Schirm,
Hieran erkenn’ ich sie; er liebte mich,
Um seinetwillen wünsch’ ich sie zu haben;
Geleitet mich zum Hofe eures Herrschers,
Hiermit kann ich als Ritter dort erscheinen;
Viel Lohn wird euch, hebt mich des Glückes Huld,
So lange bleib’ ich stets in eurer Schuld.
ERSTER FISCHER.
Willst du denn für die Dame turnieren?
PERIKLES.
Ich zeige meine Kunst der Waffen dort.
ERSTER FISCHER. Nun, so nimm es, und die Götter lassen es dir gedeih’n.
ZWEITER FISCHER. Aber, hört doch, Freund, wir waren es, die den Harnisch aus den rauhen Klüften des Wassers heraufholten; es gibt doch so gewisse Trink- und Schmerzensgelder. Ich hoffe, wenn Ihr Glück habt, so erinnert Ihr Euch, von wem Ihr das da bekamt.
PERIKLES.
Das werd’ ich,
Durch euch bin ich in Stahl nunmehr gekleidet,
Und allem wilden Raub der See zum Trotz
[324] Halt’ ich dies Kleinod noch an meinem Arm;
Sein Wert soll mich alsbald beritten machen,
Auf einem Renner, der mit schnellen Sprüngen
Jedweden, der ihn sieht, erfreuen wird. –
Noch, Freund, bin ich verseh’n mit keinen Decken.
ERSTER FISCHER. Wir wollen dich schon damit versehen; du sollst meinen besten Mantel haben, dir welche daraus zu schneiden, und ich will dich selbst an den Hof bringen.
PERIKLES.
So sei denn, Ehre, Diener meinem Willen!
Heut steig’ ich, oder muß das Maß des Unglücks füllen.

Sie gehn ab.

Dritte Szene

[324] Simonides mit Gefolge und Thaisa.

SIMONIDES.

Sind denn bereit die Ritter zum Turnier?
ERSTER LORD.
O ja, mein Fürst,
Sie warten Eurer, um sich darzustellen.
SIMONIDES.
Wir sind bereit! Es sitzt die Tochter hier,
Deren Geburt verherrlicht dies Turnier,
Der Schönheit Kind, so von Natur beglückt,
Daß sie im Anschau’n jedermann entzückt.
THAISA.
Mein Vater, so beliebt’s Euch, mich zu nennen,
Doch darf ich meinen eignen Unwert kennen.
SIMONIDES.
So muß ich denken, Fürsten sind die Muster,
Die nach dem eig’nen Bild der Himmel schafft;
Den Wert verliert ein Kleinod, nicht betrachtet,
So Fürsten ihren Ruhm, wenn nicht geachtet,
Dein ist die Ehre, Tochter, zu erkennen,
Was jedes Ritters Sinnbild sagen will.
THAISA.
Das tu ich, diese Ehre mir bewahrend.
Der erste Ritter geht vorüber.

SIMONIDES.
Wer ist der erste, der sich vorgestellt?
THAISA.
Ein Held aus Sparta, mein berühmter Vater;
Das Sinnbild, das auf seinem Schilde steht:
Ein schwarzer Mohr, der nach der Sonne greift;
Das Wort: Lux tua vita mihi.
[325] SIMONIDES.
Sehr liebt dich, wer nur Leben von’ dir hat.

Der zweite Ritter geht vorüber.

Wer ist der zweite, der sich dargestellt?
THAISA.
Ein macedon’scher Prinz, mein hoher Vater;
Das Sinnbild, das auf seinem Schilde steht:
Besiegt von einer Dam’ ein Held in Rüstung,
Auf spanisch dieses Motto: mas per dulzura che per fuerza.

Der dritte Ritter geht vorüber.

SIMONIDES.
Und wer der dritte?
THAISA.
Von Antiochien;
Sein Sinnbild ist ein Kranz der Ritterschaft;
Das Wort: me pompae provexit apex.
Der vierte Ritter geht vorüber.

SIMONIDES.
Was hat der vierte?
THAISA.
Die Fackel brennend, aber umgekehrt;
Das Wort: quod me alit, me extinguit.
SIMONIDES.
Besagt, daß Schönheit hat die dopple Macht,
Daß sie ertötet wie in Flammen facht.

Der fünfte Ritter geht vorüber.

THAISA.
Der fünfte, eine Hand umhüllt mit Wolken,
Die Gold hinhält und auf dem Probstein prüft;
Der Wahlspruch: sic spectanda fides.

Der sechste Ritter geht vorüber.

SIMONIDES.
Das sechst’ und letzte, das der Ritter selbst
Dir hinhält mit so adligen Gebärden?
THAISA.
Er scheint ein Fremder, und sein Bildnis ist
Ein welker Zweig, nur an der Spitze grün,
Der Spruch: in hac spe vivo.
SIMONIDES.
Sehr schön ersonnen!
Er hofft, es soll durch dich sein Glück von neuem
Aus seinem armen Zustand auferblühn.
ERSTER LORD.
Und wohl bedarf er, daß was andres, als
Sein Äußeres zu seinem Besten spricht:
[326] Denn so verrostet scheint es, daß er wohl
Die Peitsche statt der Lanze sonst geschwungen.
ZWEITER LORD.
Er muß wohl Wunder tun, denn wunderlich
Kommt er hieher zur Feier des Turniers.
DRITTER LORD.
Er ließ den Harnisch rostig und beschmutzt,
Er weiß, im Sande wird er heut geputzt.
SIMONIDES.
Man tört sich oft, wenn man zu kennen meint
Den Mann, so wie er äußerlich erscheint.

Gefecht drinnen; großes Freudengeschrei;

alle rufen der geringe Ritter!

Doch still, die Ritter kommen, laßt uns gehn
Dort in die Galerie.

Alle gehn ab.
Vierte Szene

[326] Simonides, Thaisa, die Ritter, die vom Ritterspiel kommen.

SIMONIDES.

Unnötig, Ritter, wär’s, euch Willkomm sagen,
Dem Buche eurer Taten aufzuschreiben,
Als wie ein Titelblatt, die Ritterwürde,
Was weder ihr erwartet, noch sich ziemt,
Denn selber lobt sich offenbarer Wert.
Seid fröhlich denn, die Fröhlichkeit schmückt Feste,
Denn Fürsten seid ihr all’ und meine Gäste.
THAISA.
Ihr aber seid mein Ritter und mein Gast,
Den ich mit diesem Siegerkranz bekröne,
Als König dieses freudenreichen Tags.
PERIKLES.
Durch Glück begünstigt mehr, als durch Verdienst.
SIMONIDES.
Nennt’s, wie Ihr immer wollt, der Tag ist Euer,
Und keiner hier, so hoff’ ich, trägt Euch Neid:
So wird sich Kunst im Künstlerbilden zeigen,
Dem gibt sie viel, dem andern mehr zu eigen;
Ihr seid ihr Günstling, Königin des Festes,
Nimm, Tochter, deinen Platz, uns zu ergetzen,
Der Marschall wird nach Rang die andern setzen.
DIE RITTER.
Sehr hoch ehrt uns Simonides der Gute.
[327] SIMONIDES.
Ihr freut uns, denn stets werd’ ich Ehre loben,
Wer Ehre haßt, der haßt die Götter oben.
MARSCHALL.
Hier Euer Platz.
PERIKLES.
Ein andrer ziemt mir mehr.
ERSTER RITTER.
Nicht streitet, Herr, denn unser edle Sinn,
(Im Innern nicht und Äußern aufgebläht)
Den Hoh’n nicht neidet, noch den Niedern schmäht.
PERIKLES.
Adlige Ritter seid ihr ganz.
SIMONIDES.
Nun sitzt!
Bei Jupiter, dem König der Gedanken,
Das Mahl mir ekelt, denk’ ich nicht an ihn.
THAISA.
Bei Juno, die der Ehe Königin,
Nur widrig sind die Speisen allzumal
Dem Gaumen, denn ich wünschte ihn zum Mahl. –
Gewiß ist er ein edler Herr.
SIMONIDES.
Ein Edelmann vom Lande;
Er hat nicht mehr getan, als andre Ritter,
Lanzen gebrochen, damit laß es sein.
THAISA.
Er glänzt wie gegen Glas der Edelstein.
PERIKLES.
Mir scheint der König meines Vaters Bild,
Das mich erinnert, welche Pracht er führte,
Den Thron umringt von Fürsten, Sternen gleich,
Er ihre Sonne, der sie huldigten;
Wer ihn nur schaute, senkte vor ihm nieder
Die Kron’ alsbald, den kleinern Lichtern gleich;
Nun ist sein Sohn ein Glühwurm in der Nacht,
Des Glanz im Dunkeln nur wird angefacht.
Wohl seh’ ich, Zeit ist Herrscherin der Menschen,
Erzeugt sie erst, um dann sie zu begraben,
Gibt, was sie will, nicht was sie möchten haben.
SIMONIDES.
Seid ihr vergnügt, ihr Ritter?
DIE RITTER.
Wie anders hier in diesem Königshause?
SIMONIDES.
Mit diesem Kelch, zum Rande angefüllt,
(Und wie ihr eure Damen liebt, schenkt ein)
Trink’ ich auf euer Wohl!
DIE RITTER.
Dank, Eurer Hoheit.
SIMONIDES.
Noch haltet an!
Mich dünkt, der Ritter dort ist allzu traurig,
[328] Als wäre seinem Werte zu gering
Die Festlichkeit an unserm Hofe hier.
Thaisa, siehst du’s nicht?
THAISA.
Was kümmert’s mich, mein Vater?
SIMONIDES.
Nein, wisse, meine Tochter,
So wie die Götter sollen Fürsten sein,
Die frei beschenken, wer mit Ehrfurcht ihnen naht,
Und unfreigeb’ge Fürsten gleichen Fliegen.
Gesumm, Verwundern, wenn sie tot da liegen.
Deshalb, um ihn allhier mehr zu erfreu’n.
Sag’ ihm, daß wir die Schale Weins ihm leeren.
THAISA.
Ach, lieber Vater, das geziemt mir nicht,
So dreist zu sein mit einem fremden Ritter,
Er dürfte wohl es Unverschämtheit schelten,
Ein freundlich Wort muß oft für Frechheit gelten.
SIMONIDES.
Ha! – Tu’, wie ich sage, soll ich dir nicht zürnen.
THAISA.
Bei allen Göttern; nichts tat ich so gern.
SIMONIDES.
Und sag’ ihm, daß wir zu erfahren wünschen
Sein Vaterland und Namen und Geschlecht.
THAISA.
Mein königlicher Vater trinkt Euch zu.
PERIKLES.
Ich dank’ ihm.
THAISA.
Es möcht’ Euch soviel Blut dem Herzen geben.
PERIKLES.
Ich danke ihm und Euch, und tu’ Bescheid.
THAISA.
Dann wünscht er ferner von Euch zu erfahren
Das Vaterland und Namen und Geschlecht.
PERIKLES.
Ich bin aus Tyrus, Perikles mein Name;
Zu Kunst und Waffen ward ich auferzogen.
Nach Abenteuern dann die Welt durchziehend,
Hat Schiff’ und Menschen mir die See geraubt,
Und mich verarmt an dieses Land geworfen.
THAISA.
Er dankt Eurer Hoheit, und heißt Perikles;
Er stammt aus Tyrus, Schiffbruch raubte ihm
Die Schiff’ und Menschen, und er wurde dann
An dieses Land geworfen.
SIMONIDES.
Nun bei den Göttern, sehr beklag’ ich ihn,
Und will aus seiner Trauer ihn erwecken. –
Ihr Herren, kömmt, wir sitzen allzu lange,
Die Zeit vergeht, es wartet andre Lust,
[329] In eurer Rüstung, wie ihr seid gekleidet,
Wird gut ein kriegerischer Tanz sich schicken:
Und kein Entschuld’gen gilt, daß ihr wohl sagt,
Den Damen sei zu rauh derlei Getön;
Der Held im Bett wie Rüstung dünkt sie schön.

Sie tanzen.

Freundlich ersucht und freundlich ausgeführt. –
Kommt, Herr, hier diese Dame möchte gern sich tummeln,
Und wohl sagt man, daß Ihr aus Tyrus
Versteht, im Tanz die Damen umzuschwingen,
So wie Ihr trefflich seid im ernsten Tanz.
PERIKLES.
Mein König, ja, diese die Kunst versteh’n.
SIMONIDES.
Ihr werdet dieser Auffod’rung nicht nein
Antworten wollen. Auf! Zum Tanz! Zum Tanz!

Sie tanzen.

Ihr Herren, Dank, ihr alle tatet gut,
Doch Ihr am besten. – Pagen, kommt zu leuchten
Jedwedem Ritter hin nach seiner Wohnung! –
Ihr sollt zunächst an uns ein Zimmer finden.
PERIKLES.
Stets bin ich Eurer Majestät verpflichtet.
SIMONIDES.
Zu spät, ihr Fürsten, ist’s, von Liebe sprechen,
Denn das ist eure Absicht, wie ich merke;
Jetzt gehe jeder nur, um auszuruh’n,
Und morgen mag das Beste jeder tun.

Alle gehn ab.
Sechste Szene
Fünfte Szene

[329] Helicanus, Escanes treten ein.

HELICANUS.

Nein, Escanes, glaubt sicher und fürwahr,
Antiochus nicht frei des Lasters war,
Wofür die hohen Götter nicht gesonnen
Zurückzuhalten mehr die grause Strafe,
Die solchen schrecklichen Verbrechen ziemt,
Grad’ als er in dem Stolz all’ seines Pomps
[330] Auf einem Wagen saß, unschätzbar köstlich,
Die Tochter mit ihm, Feu’r vom Himmel sandten,
Das beide so versengte, daß sie allen
Nur Ekel waren und Gestank;
Daß, wer vor ihnen sonst tief kniend lag,
Die Hand kaum zum Begräbnis reichen mag.
ESCANES.
Sehr seltsam!
HELICANUS.
Nur gerecht, denn war auch groß
Der König, konnte Größe ihn nicht wahren,
Des Himmels schwere Strafe zu erfahren.
ESCANES. Sehr wahr.

Drei Lords treten herein.
ERSTER LORD.
Sieh’, niemand hat im heimlichen Gespräch,
Im Rate sein Vertrauen, als nur er.
ZWEITER LORD.
Wir tragen nicht mehr still, was uns verdrießt.
DRITTER LORD.
Verwünscht, wer hierbei seine Hülfe weigert.
ERSTER LORD.
So folgt mir. Ein Wort, edler Helicanus.
HELICANUS.
Mit mir? Willkommen! Seid beglückt, ihr Herrn.
ERSTER LORD.
Wißt, unser Kummer stieg zur höchsten Grenze,
Nun überfließt er endlich seine Ufer.
HELICANUS.
Weshalb? Kränkt Euren teuern Fürsten nicht.
ERSTER LORD.
Kränkt Euch nicht selbst denn, edler Helicanus!
Lebt unser Fürst noch, laßt ihn uns begrüßen,
Erfahren, welches Land sein Hauch beglückt;
Lebt er auf Erden, suchen wir ihn auf,
Ruht er im Grabe, finden wir ihn dort,
Und wissen, daß er lebt, uns zu beherrschen,
Oder daß wir ihn tot beklagen müssen,
Und uns dann frei steht eine neue Wahl.
ZWEITER LORD.
Sein Tod ist wohl am meisten wahrscheinlich.
Und da wir wissen, ohne Haupt dies Reich
Gleicht einem guten Hause ohne Dach,
Das in Verderben fällt, erkennen wir
Euch, der am besten die Regierung kennt,
Als unserm Könige das Regiment.
ALLE.
Lange lebe der edle Helicanus!
HELICANUS.
Der Ehre folgt, und laßt die Huldigung,
Laßt dies, liebt ihr den Fürsten Perikles. –
[331] (Nähm’ ich es an, ich spräng’ in eine See,
Wo Lust des Augenblicks für Stunden Weh)
Zwölf Monat länger, laßt mich euch erbitten,
Das Absein eures Königs zu ertragen;
Ist er nach dieser Zeit noch nicht zurück,
Trag’ ich mit altem Gleichmut euer Joch;
Doch kann ich dies nicht eurer Lieb’ abringen.
So geht und sucht wie edle Untertanen,
Wagt euch im Suchen auf so edle Art,
Und findet ihr ihn, kehrt mit ihm zurück,
Und glänzt um seine Kron’ als Diamanten.
ERSTER LORD.
Der ist ein Tor, der nicht der Weisheit folgt;
Da Helicanus unsrer Meinung beistimmt.
So wollen wir auf Reisen uns bemüh’n.
HELICANUS.
Dann Lieb’ und Eintracht, gehn wir Hand in Hand;
Die Edlen so verknüpft, steht fest das Land.

Sie gehn ab.
Sechste Szene

[331] Von der einen Seite tritt auf Simonides, welcher einen Brief liest; die Ritter kommen ihm von der anderen Seite entgegen.

ERSTER RITTER.

Simonides dem Guten Heil und Glück.
SIMONIDES.
Die Tochter will, ich soll euch, Helden, sagen,
Daß innerhalb zwölf Monden sie sich nicht
Vermählen will; den Grund weiß sie nur selber,
Ich kann ihn keineswegs von ihr erfahren.
ZWEITER RITTER.
Und nicht vergönnt ist es, ihr aufzuwarten?
SIMONIDES.
Auf keine Weise; denn sie hält so strenge
Sich eingesperrt, daß es unmöglich ist.
Sie will Dianens Tracht zwölf Monden tragen:
Bei Cynthias Augen hat sie das beschworen,
Und hält den Schwur, bei ihrer Jungfrauenehre.
DRITTER RITTER.
Wir nehmen Urlaub, traurig, so zu scheiden.

Sie gehn ab.

[332] SIMONIDES.
So, sie sind fort! Nun zu der Tochter Brief.
Sie schreibt, vermählt sie sich dem Fremden nicht,
So will sie nicht mehr sehen des Tages Licht.
Recht gut, Fräulein, die Wahl stimmt mit der meinen:
Es freut mich; aber, wie befehlerisch!
Ganz sorglos, ob es mir auch recht mag sein.
Ich lobe ihre Wahl, und will nicht länger
Verzögern, – aber still, hier kommt er selbst;
Ich will mich noch verstellen.

Perikles tritt auf.

PERIKLES.
Simonides dem Guten alles Glück!
SIMONIDES.
Euch ebenfalls! Ich bin Euch sehr verbunden
Für Eure süße Musik gestern abend;
Niemals, beteu’r ich, ward mein Ohr gerührt
Von so anmutig schöner Harmonie.
PERIKLES.
Mich loben ist Euer Hoheit Wohlgefallen,
Denn ich verdien’ es nicht.
SIMONIDES.
Ihr seid ein Meister.
PERIKLES.
Der schlechteste der Schüler, guter Herr.
SIMONIDES.
Laßt mich Euch etwas fragen. Sagt, wie dünkt
Euch meine Tochter?
PERIKLES.
Höchst verehrungswürdig.
SIMONIDES.
Auch schön ist sie; nicht wahr?
PERIKLES.
So wie ein Sommertag; von hoher Schönheit.
SIMONIDES.
Und meine Tochter denkt sehr gut von Euch,
So gut, daß Ihr ihr Meister werden müßt,
Denn sie will zu Euch in die Schule gehen.
PERIKLES.
Unwert bin ich, sie irgend zu belehren.
SIMONIDES.
Sie denkt nicht so, denn lest nur diesen Brief.
PERIKLES.
Wie? Was? Ein Brief, daß sie von Tyrus liebt den Ritter?
Des Königs List, mein Leben mir zu nehmen. –
O edler Herr, nicht sucht mich so zu fangen,
Ein fremder Ritter ich, im Unglück strebte
Niemals so hoch, zu lieben Eure Tochter;
Mein Dienst war ihrer Ehre stets gewidmet.
SIMONIDES.
Bezaubert hast du meine Tochter, bist
Ein Niederträcht’ger.
[333] PERIKLES.
Bei den Göttern, nein!
Auch kein Gedanke hat sie wollen kränken,
Nichts tat ich, ihre Gunst auf mich zu lenken
Und Euern Zorn.
SIMONIDES.
Du lügst, Verräter!
PERIKLES.
Verräter?
SIMONIDES.
Ja, Verräter!
PERIKLES.
In jeden Hals, den König ausgenommen,
Wer mich Verräter nennt, schleudr’ ich die Lüge!
SIMONIDES.
Nun, bei den Göttern, mir gefällt sein Mut!
PERIKLES.
So edel wie mein Sinn sind meine Taten,
Die nimmer noch nach niedrer Abkunft schmeckten,
Um Ehre kam ich her an deinen Hof,
Und nicht, ihr also schändlich abzufallen;
Und wer es immer anders von mir meint,
Dem zeigt dies Schwert, er sei der Ehre Feind.
SIMONIDES.
Nicht? – Hier kommt mein Kind, die es bezeugen kann.
Thaisa kommt.

PERIKLES.
Dann, wie Ihr seid gleich tugendhart und schön,
So sagt dem zornigen Vater, ob ich je
Mit Worten um Euch warb, ob ich das Kleinste
Je tat, um Eure Liebe zu gewinnen.
THAISA.
Und wär’ es auch gescheh’n,
Wen kränkt, was ich mit Freuden würde seh’n?
SIMONIDES.
Ei, Fräulein, seid Ihr denn so übermütig? –
Von Herzen freut mich’s. – Bänd’gen will ich Euch,
Ja, ich will Euch wohl unterwürfig machen!
Wie, ohne meinen Willen
Willst du die Lieb’ und deine Zuneigung
Auf einen Fremden werfen? – (Der, ich glaub’ es,
Und kann nicht anders denken, von Geschlecht
So hoch wohl ist, als ich nur selber bin) –
Drum, Fräulein, hört, entweder meinem Willen
Gebt nach, und Ihr, mein Herr, fügt Euch im Guten,
Wo nicht, so mach’ ich euch – zu Mann und Frau! –
Kommt, Händ’ und Lippen müssen’s auch besiegeln,
Und so vereint, stör’ ich so eure Hoffnung.
[334] Zur Strafe denn – Gott geb’ euch viele Freude!
Nun, seid ihr glücklich?
THAISA.
Ja, wenn Ihr mich liebt.
PERIKLES.
So wie mein Leben, wie mein Lebensblut!
SIMONIDES.
Nun, seid ihr einig?
BEIDE.
Ja, wenn’s Euch gefällt, mein König.
SIMONIDES.
So gut, daß ich euch gleich vermählt will seh’n,
Dann sollt ihr auch alsbald zu Bette gehn.

Sie gehn ab.
Dritter Akt
Erste Szene

[335] Gower tritt auf.

GOWER.

Zum Schlaf streckt sich nun jeder aus,
Kein Schall, als Schnarchen um das Haus,
So lauter aus der vollen Brust,
Die satt vom Pomp der Hochzeitslust.
Die Katz’, mit Augen brennend grün,
Liegt lauernd vor dem Mausloch hin,
Das Heimchen zirpt vom Ofen her,
Die Hitze macht es fröhlicher.
Zu Bett ist nun die Braut gebracht
Von Hymen; sie wird in der Nacht
Zur Frau, und schwanger. Merket auf!
Die Zeit in ihrem schnellen Lauf
Ergänzt durch Einbildung geschickt;
Ich deute, was ihr stumm erblickt.
STUMMES SPIEL.

Auf der einen Seite treten Perikles und Simonides mit ihrem Gefolge ein; ein Bote tritt ihnen entgegen, kniet, und gibt dem Perikles einen Brief, Perikles
zeigt ihn dem Simonides, die Lords knien vor ihm; dann kommt Thaisa schwanger, mit der Amme Lychorida, der König zeigt ihr den Brief, sie ist erfreut, sie und Perikles nehmen Abschied vom Vater, und alle gehn ab.

GOWER.
Mühseliglich an allen Orten
Ist Perikles gesuchet worden,
In Ecken vier, durch die die Welt
Sich gegensteh’nd zusammenhält;
Es ist daran gespart kein Fleiß,
[336] Was Roß’ und Schiff’, und Geld und Schweiß
Vermocht; endlich von Tyrus dann,
Weil scharf die Nachsuchung getan,
Wird an den Hof Simonidis
Ein Brief gebracht, der Inhalt dies:
Nachdem nun tot Antiochus,
Wollten die Edlen von Tyrus
Helicanus sollt’ König sein
Von Tyrus, aber er spricht: Nein;
Zu dämpfen Aufruhr, er verhieß,
Daß, wenn der König Perikles
Nicht in zwölf Monden wiederkehrt,
Er ihres Willens sie gewährt,
Und nimmt die Krone. Alles dies
Schreibt man nun nach Pentapolis;
Da wird die Landschaft freudenreich,
Mit lautem Schall ruft jeder gleich:
Ein König ist der Erbprinz hier!
Wem kam das doch im Traume für?
Kurz, nun nach Tyrus muß der Wert’,
Die schwangre Königin begehrt
Zu reisen mit; wer kann’s versagen?
(Ich schweige von dem Leid und Klagen).
Die Amm’, Lychorida, sie nimmt,
Und so zur See. Das Fahrzeug schwimmt
Auf Neptuns Wogen; halb die Fahrt
Ist schon vollbracht, da läßt von Art
Das Glück wiedrum, der Norden graus
Spei’t solchen wilden Sturm heraus,
Daß wie die Ente taucht hernieder,
So treibt das Schiff auch hin und wider:
Es schreit die Frau, und, helf’ uns Gott!
Fällt gar vor Angst in Kindesnot.
Was nun im Sturme mag gescheh’n,
Das sollt ihr selbst mit Augen seh’n.
Nichts sag’ ich mehr, in Handlung kann
Das andere leichtlich sein getan,
Nicht, was ich euch bis jetzt erzählt,
[337] Wenn Einbildung nur fest behält:
Die Bühn’ ist Schiff, und vom Verdecke
Spricht Perikles, der seebestürmte Recke.

Geht ab.
Erste Szene

[335] Gower tritt auf.

GOWER.

Zum Schlaf streckt sich nun jeder aus,
Kein Schall, als Schnarchen um das Haus,
So lauter aus der vollen Brust,
Die satt vom Pomp der Hochzeitslust.
Die Katz’, mit Augen brennend grün,
Liegt lauernd vor dem Mausloch hin,
Das Heimchen zirpt vom Ofen her,
Die Hitze macht es fröhlicher.
Zu Bett ist nun die Braut gebracht
Von Hymen; sie wird in der Nacht
Zur Frau, und schwanger. Merket auf!
Die Zeit in ihrem schnellen Lauf
Ergänzt durch Einbildung geschickt;
Ich deute, was ihr stumm erblickt.
STUMMES SPIEL.

Auf der einen Seite treten Perikles und Simonides mit ihrem Gefolge ein; ein Bote tritt ihnen entgegen, kniet, und gibt dem Perikles einen Brief, Perikles
zeigt ihn dem Simonides, die Lords knien vor ihm; dann kommt Thaisa schwanger, mit der Amme Lychorida, der König zeigt ihr den Brief, sie ist erfreut, sie und Perikles nehmen Abschied vom Vater, und alle gehn ab.

GOWER.
Mühseliglich an allen Orten
Ist Perikles gesuchet worden,
In Ecken vier, durch die die Welt
Sich gegensteh’nd zusammenhält;
Es ist daran gespart kein Fleiß,
[336] Was Roß’ und Schiff’, und Geld und Schweiß
Vermocht; endlich von Tyrus dann,
Weil scharf die Nachsuchung getan,
Wird an den Hof Simonidis
Ein Brief gebracht, der Inhalt dies:
Nachdem nun tot Antiochus,
Wollten die Edlen von Tyrus
Helicanus sollt’ König sein
Von Tyrus, aber er spricht: Nein;
Zu dämpfen Aufruhr, er verhieß,
Daß, wenn der König Perikles
Nicht in zwölf Monden wiederkehrt,
Er ihres Willens sie gewährt,
Und nimmt die Krone. Alles dies
Schreibt man nun nach Pentapolis;
Da wird die Landschaft freudenreich,
Mit lautem Schall ruft jeder gleich:
Ein König ist der Erbprinz hier!
Wem kam das doch im Traume für?
Kurz, nun nach Tyrus muß der Wert’,
Die schwangre Königin begehrt
Zu reisen mit; wer kann’s versagen?
(Ich schweige von dem Leid und Klagen).
Die Amm’, Lychorida, sie nimmt,
Und so zur See. Das Fahrzeug schwimmt
Auf Neptuns Wogen; halb die Fahrt
Ist schon vollbracht, da läßt von Art
Das Glück wiedrum, der Norden graus
Spei’t solchen wilden Sturm heraus,
Daß wie die Ente taucht hernieder,
So treibt das Schiff auch hin und wider:
Es schreit die Frau, und, helf’ uns Gott!
Fällt gar vor Angst in Kindesnot.
Was nun im Sturme mag gescheh’n,
Das sollt ihr selbst mit Augen seh’n.
Nichts sag’ ich mehr, in Handlung kann
Das andere leichtlich sein getan,
Nicht, was ich euch bis jetzt erzählt,
[337] Wenn Einbildung nur fest behält:
Die Bühn’ ist Schiff, und vom Verdecke
Spricht Perikles, der seebestürmte Recke.

Geht ab.
Dritte Szene

[339] Lord Cerimon kommt mit einem Diener, einige arme Leute folgen.

CERIMON.

Philemon! He!

Philemon kommt.

PHILEMON.
Ruft mein Herr?
CERIMON.
Für diese Armen Feuer gleich und Speise.
Das war ein Sturm und Tosen diese Nacht!
DIENER.
Schon manche sah’ ich; solche Nacht wie diese
Hab’ ich nie überstanden.
[340] CERIMON.
Dein Herr wird tot sein, eh du wiederkommst,
Nichts, was nur heilsam irgend der Natur
Kann ihm mehr helfen. – Dies zum Apotheker,
Und sagt mir, wie es wirkt.

Alle übrigen ab.

Zwei Edelleute kommen.

ERSTER EDELMANN.
Guten Morgen.
ZWEITER EDELMANN.
Euer Gnaden guten Morgen.
CERIMON.
Warum so früh auf, meine Herrn?
ERSTER EDELMANN.
Hart an der See steht unsre Wohnung, Herr,
Sie zitterte, als wenn die Erde bebte,
Es schien das Fundament entzwei zu spalten
Und alles einzustürzen; Furcht und Angst
Hat aus dem Hause uns gejagt.
ZWEITER EDELMANN.
Und darum sind wir Euch so früh zur Last;
Uns treibt nicht Fleiß heraus.
CERIMON.
Ihr seid willkommen.
ERSTER EDELMANN.
Doch sehr verwundert mich, daß Euer Gnaden,
So reich bedeckt, schon zu so früher Stunde
Von sich der Ruhe gold’nen Schlummer schüttelt;
Denn das ist seltsam,
Daß die Natur mit Mühen Umgang hat,
Wenn nicht dazu gezwungen.
CERIMON.
Immer glaubt’ ich,
Daß Kunst und Tugend edler uns begaben,
Als Gold und Adel; denn saumsel’ge Erben
Verdunkeln und verschwenden sie wohl beide;
Den erstern aber folgt Unsterblichkeit,
Sie wandeln um zum Gott den Menschen. Immer
Hab’ ich Physik, geheime Kunst studiert;
Durch Forschungen der Bücher, und zugleich
Durch eig’ne Übung, wurden mir vertraut,
Und dienstbar all die segensreichen Kräfte,
Die in Metallen, Pflanzen, Steinen wohnen.
So mag ich alle Störungen erkennen,
Die die Natur bewirkt und ihre Heilung;
Dies gibt mir größere Lust in wahrer Freude,
[341] Als nach der Ungewissen Ehre dürsten,
In seid’ne Beutel mein Vergnügen binden,
Damit mich Narr und Tod verlachen.
ZWEITER EDELMANN.
Durch Ephesus hier habt Ihr Eure Milde
Ergossen; Hunderte sie nennen sich
Geschöpfe Eurer Liebe, die Ihr heiltet;
Und Kenntnis nicht allein und Müh’, stets offne
Freigeb’ge Hand, hat dem Lord Cerimon
Den Ruhm erbaut, der nie durch Zeit verfällt.

Einige Diener bringen eine Kiste.

DIENER.
So, hergesetzt!
CERIMON.
Was ist das?
DIENER.
Eben jetzt
Warf diese Kist’ an unser Land die See,
Ein Stück vom Schiffbruch.
CERIMON.
Setzt hin; laßt uns seh’n!
ERSTER EDELMANN.
Es gleicht ‘nem Sarge.
CERIMON.
Was es immer sei,
Es ist gewaltig schwer. Gleich brecht es auf!
Hat sich mit Gold der See Schlund überladen,
So ist es gutes Glück, daß sie bei uns
Es wieder ausspei’t.
ZWEITER EDELMANN.
Wohl, mein gnäd’ger Herr.
CERIMON.
Wie fest verküttet, verleimt! Die See warf’s aus?
DIENER.
Nie sah ich solche große Woge, Herr,
Als die’s auf unsre Küste warf!
CERIMON.
Brich auf!
Es duftet lieblich.
ZWEITER EDELMANN.
Trefflicher Geruch!
CERIMON.
Wie ich nur je gefühlt. – So! Nun wär’s auf!
O ihr allmächt’gen Götter! Wie? Ein Leichnam?
ERSTER EDELMANN.
Sehr wunderbar.
CERIMON
In Prachtgewand gehüllt, gebalsamt, Schätze,
Und Beutel voll Spezerei’n, auch Schrift!
Apollo, laß die Züge mich versteh’n!
Durch die Schrift sei es bekannt,
Kommt dieser Sarg jemals zu Land:
[342] Mir, Perikles, starb sie zu Leid,
Die mehr mir als Weltkostbarkeit.
Ein Grab bereit’ ihr, wer sie find’t,
Sie war ein’s reichen Königs Kind,
Und nehm’ zu Lohn die edlen Stein’,
Der Himmel mag ihm günstig sein.
Wenn, Perikles, du lebst, so muß dein Herz
Vor Weh zerbrechen. Dies geschah die Nacht.
ZWEITER EDELMAMN.
Sehr wahrscheinlich.
CERIMON.
Nein, ganz gewiß zu Nacht.
Seht nur, wie frisch sie aussieht. Allzugrausam
War’s, sie ins Meer zu werfen! – Macht drin Feuer!
Bringt alle Büchsen her aus meinem Zimmer!
Tod kann Natur auf Stunden lang bewält’gen,
Und doch die unterdrückten Geister wieder
Des Lebens Funk’ entzünden; einst hört’ ich,
Daß ein Ägypter tot lag schon neun Stunden,
Durch gute Pflege mochte er doch gesunden.

Diener kommen mit Tüchern und Feuer.

So recht, so recht, das Feuer und die Tücher! –
Laßt doch die dumpfe klagende Musik,
Ich bitt’ Euch sehr, ertönen. –
Noch einmal die Phiol’! – Nun, wird’s bald, Block? –
Jetzt die Musik. Ich bitte, laßt ihr Raum. –
Ihr Herrn, die Königin wird leben! –

Natur erweckt aus ihr schon warmen Atem,
Sie war noch nicht verschieden seit fünf Stunden:
Seht, wie sie schon zur Lebensblume auf –
Zublüh’n beginnt.
ERSTER EDELMANN.
Durch Euch vermehrt der Himmel
Die Wunder, und macht ewig Euch berühmt.
CERIMON.
Sie ist belebt! Seht, ihre Augenlider,
Die Einfassung der himmlischen Juwelen,
Die Perikles verlor, zerteilen schon
Die Säume hellen Golds; die Diamanten
Vom allerreinsten Wasser zeigen sich,
[343] Kostbar die Welt zu machen; leb’ und laß uns weinen
Dein Schicksal, schönes Bild, von dir zu hören.

Sie bewegt sich.

THAISA.
Diana! Wo bin ich? Wo mein Gemahl?
Und welche Welt?
ZWEITER EDELMANN.
Ist das nicht seltsam?
ERSTER EDELMANN.
Wunder!
CERIMON.
Still, liebe Nachbarn, leiht mir eure Hand,
Tragt sie ins nächste Zimmer, Leinen schafft!
Viel Sorg’ erfordert’s jetzt; denn tödlich wäre
Ein Rückfall. Kommt, und Äskulap sei gnädig!

Sie tragen sie fort, und alle gehn ab.
Vierte Szene

[343] Perikles, Cleon, Dionysa.

PERIKLES.

Geehrter Cleon, durchaus muß ich gehn,
Entfloh’n sind die zwölf Monden, Tyrus steht
Im zweifelhaften Frieden; nehmt den Dank
Des Herzens, Ihr samt der Gemahlin, und
Die Götter mögen alles Euch vergelten.
CLEON.
Wie tödlich Euch des Glücks Erschüttern jagt,
So wirft es wunderbaren Glanz auf uns.
DIONYSA.
Die holde Königin! Der strengen Mächte!
Daß uns ihr Anblick nicht besel’gen sollte!
PERIKLES.
Wir müssen uns wohl unserm Schicksal fügen,
Und tobt’ und brüllt’ ich, wie die See, die sie begräbt,
So bleibt es, wie es ist. Mein holdes Kind, Marina,
(Weil sie zur See geboren, so genannt)
Vertrau’ ich Eurer Liebe, lasse sie
Als Eure Sorge hier, und bitt’ Euch, fürstlich
Sie zu erzieh’n, daß Sitte und Geburt
Sich gleichen.
CLEON.
Sorgt, mein König, nicht, Ihr habt
Mit Eurem Korne dieses Land gespeis’t,
Wofür das Volk Euch täglich Segen ruft:
[344] Dies wird in Eurem Kind vergolten; wär’ ich
So schlecht, es zu versäumen, zwänge mich
Das Land, das Ihr erlöst, zu meiner Pflicht;
Doch, wenn ich dazu irgend Sporn bedarf,
Räch’ es an mir der Himmel an den Meinen,
Bis zur Vertilgung des Geschlechts.
PERIKLES.
Ich glaub’Euch!
Mich sichern Eure Her’ und Eure Güte
Auch ohne Schwur. Bis sie vermählt ist, bei
Der glänzenden Diana, die wir ehren,
Bleibt diese meine Erbin hier geschwisterlos,
Scheint dies auch Eigensinn. So nehm’ ich Abschied;
Macht, edle Frau, mich in der Sorgfalt glücklich,
Im Auferzieh’n des Kind’s.
DIONYSA.
Ich hab’ ein Kind,
Das soll nicht teurer meinem Herzen sein
Als dies, mein König!
PERIKLES.
Dank Euch und Gebet.
CLEON.
Zum Saum des Meers geleiten wir Eu’r Gnaden,
Um Euch zu übergeben dem verlarvten
Neptun und allen günst’gen Himmelswinden.
PERIKLES.
Ich nehm’ es an; so kommt, Ihr edle Frau –
Nein, keine Tränen, o Lychorida,
Für deine kleine Herrin sorge, der
Du künftig unterworfen bist. – So kommt.

Alle gehn ab.
Fünfte Szene

[344] Cerimom, Thaisa.

CERIMON.

Der Brief hier, edle Frau, und manch Juwel
Lag bei Euch in dem Schrein, es ist das Eure.
Kennt Ihr die Hand?
THAISA.
Von dem Gemahl.
Daß ich ward eingeschifft, erinnr’ ich mich,
Auch meiner Weh’n, doch ob ich ward entbunden,
Das, bei den hohen Göttern, weiß ich nicht;
[345] Doch, da ich niemals wieder seh’ den mir
Vermählten König Perikles, will ich
Gehn in Vestalentracht, mich nie mehr freu’n.
CERIMON.
Wenn Ihr ausführen wollt, was Ihr gesagt,
Es ist hier nahe bei Dianens Tempel,
Da mögt Ihr bis zum letzten Tage wohnen,
Und wenn’s Euch so gefällt, soll meine Nichte
Euch dort bedienen.
THAISA.
Nur Dank statt Lohn, das muß genügend sein;
Mein guter Will’ ist groß, die Gabe klein.

Gehn alle ab.
Vierter Akt
Erste Szene

[346] Gower tritt herein.

GOWER.

Denkt euch zu Tyrus nach Wunsch und Verlangen
Als Herrn begrüßt Perikles und empfangen,
Die Königin bleibt zu Ephesus in Leid,
Und hat sich dort Dianen still geweiht. –
Nun zu Marina kehrt geschwind,
Die die schnell geh’nde Szene find’t
Zu Tharsus, wo die Meister ihr
In Schrift, Musik, in aller Zier
Gibt Cleon; jedermann verehrt
Geschick und Kunst und ihren Wert.
Doch, weh, das Ungeheuer Neid,
Das oft Verderben zubereit’t
Verdientem Ruhm, will drum erheben
Die Hand gegen Marinas Leben.
Denn so hat Cleon gleicher Art
‘ne Tochter, die erwachsen ward,
Zur Ehereif, das Mägdlein hieß
Philoten, es sagt für gewiß
Des Dichters Buch, daß sie allein
Wollt’ immer um Marina sein;
Sei’s, daß sie Seide stickt’ mit Fleiß,
Mit Fingern länglicht, schmal, milchweiß,
Sei’s, daß mit Stichen sie verwund’t
Das Tuch, das davon ward gesund,
Oder daß sie in den Saiten rauschte
Und sang, daß selbst die N’acht’gall lauschte,
Die immer Klage tönt; auch wie
[347] Ihr reicher Griffel dichtete
Dianen, ihre Herrin – stritt
Auch Philoten in allem mit;
Marinas hohe Schönheit war
Wie Taubenglanz von Paphos gar
Zu Kräh’ngefieder, alle Huld
Wird ihr gezahlt wie eine Schuld,
Nicht wie Geschenk, und dunkel scheint
Was Philoten als Zierde meint;
So Bosheit Cleons Weib vergällt,
Daß einen Mörder sie bestellt
Marinen, damit nur ihr Kind
Durch Mord an Herrlichkeit gewinnt;
Wodurch es leichter noch geschah,
Die Amm’ ist tot, Lychorida.
Das Werkzeug dieses bösen Neids
Der Dionysa ist bereits
Schlagfertig. Was noch wird getan,
Das seht nun freundlich selber an;
Ich führte nur beschwingte Zeit
Auf lahmem Fuß des Reims so weit.
Doch geht sie niemals so weit mit,
Folgt eu’r Gedank nicht Schritt für Schritt.
Dionysa mit bösem Sinn
Kommt mit dem Mörder Leonin.

Geht ab.
Zweite Szene

[347] Dionysa, Leonin.

DIONYSA.

Gedenke deines Eids, du schwurst die Tat;
Ein einz’ger Streich, den hier kein Mensch kann seh’n,
Im kurzen Augenblick ist es gescheh’n,
Was dir viel Nutzen schafft; laß das Gewissen,
Das kalt ist, nicht die Brust zu Lieb’ entflammen,
Töricht entflammen, noch laß auch das Mitleid,
Das selbst die Weiber abgelegt, dich schmelzen,
Standhaftigkeit erzeige als Soldat.
[348] LEONIN.
Ich tu’s! doch ist sie wohl ein trefflich Wesen.
DIONYSA.
So besser paßt sie für die Götter. Sieh,
Sie kommt und weint um ihrer Lieben Tod.
Du bist entschlossen?
LEONIN.
Ja, ich bin entschlossen.

Marina kommt mit einem Korbe voll Blumen.

MARINA.
Nein, ich will Tellus ihres Schmucks berauben,
Zu streu’n dein Grab voll Blumen, gelbe, blaue,
Die Purpurveilchen und die Ringelblumen:
Sie sollen Teppich gleich dein Grab bedecken,
So lang der Sommer währt. Ich armes Mädchen,
Im Sturm geboren, als die Mutter starb,
Noch immer ist die Welt für mich ein Sturm,
Der mich von meinen Freunden scheucht.
DIONYSA.
Wie geht’s, Marina? Warum so allein?
Wie kömmt’s, daß meine Tochter nicht bei dir?
Verzehre nicht mit Kummer so dein Blut;
Ich bin dir, wie die Amm’ – ei! Wie verwandelt
Von diesem schlimmen Gram! Gib mir die Blumen,
Und geh’ mit Leonin, bevor die See
Eintritt, lustwandeln dort; die Luft ist frisch,
Und schärft, wie sie durchdringt, den Hunger. Komm!
Fass’, Leonin, sie an, und geh’ mit ihr.
MARINA.
Ich will Euch Euers Dieners nicht berauben.
DIONYSA.
Komm, komm, den König, deinen Vater und auch dich
Lieb’ ich mit inn’gem Herzen; jeden Tag
Erwarten wir ihn, kommt er nun, und findet
So blaß sein weltberühmtes Schönheitsbild,
So reu’t ihn nur die mächtig weite Reise,
Er tadelt mich und meinen Mann, daß wir
Nicht mehr auf dich geachtet. Geh, ich bitte,
Spazier’, und sei von Herzen wieder froh;
Bewahr’ die hohe Schönheit, welche Jung
Und Alt die Augen stahl, und meinethalb
Sei unbesorgt, ich geh’ allein nach Hause.
MARINA.
Ich geh, doch treibt mich nicht mein Wunsch dazu.
DIONYSA.
Komm, komm, ich weiß, es ist dir gut.
[349] Geh, Leonin, ‘ne halbe Stunde mind’stens.
Vergiß nicht, was ich sagte.
LEONIN.
Ganz gewiß nicht.
DIONYSA.
Ich lasse dich ein Weilchen, süßes Mädchen;
Langsam spazier’, erhitze nicht dein Blut.
Ja, ja, viel Sorg’ hab’ ich um dich.
MARINA.
Dank, Liebste.

Dionysa geht ab.

Ist das ein Westwind, der jetzt weht?
LEONIN.
Südwest.
MARINA.
Nord war der Wind, als ich geboren.
LEONIN.
So?
MARINA.
Mein Vater, sprach die Amm’, war nicht in Angst,
Rief: brave Seeleut’! den Matrosen zu,
Rieb wund die Königshand mit Zieh’n der Taue,
Den Mast umklammernd hielt er solche See aus,
Die das Verdeck fast wegriß.
LEONIN.
Wann war das?
MARINA.
Als ich geboren ward.
Nie waren Wog’ und Wind so stürmisch je;
Aus der Strickleiter ward herabgespült
Ein Schiffersjung; ha! Nimmt’s dich? Ruft ein anderer;
Sie springen taumelnd hin und her, vom Schnabel
Zum Hinterteil, es tönt des Bootmanns Pfeife,
Es schrei’t der Schiffspatron und mehrt den Wirrwarr.
LEONIN.
Kommt, betet gleich.
MARINA.
Was wollt Ihr machen?
LEONIN.
Begehrt Ihr einen Augenblick zum Beten,
Der ist gewährt; nur betet nicht zu lange,
Die Götter haben schnell Gehör, und rasch
Mein Werk tu’n schwur ich.
MARINA.
Warum denn mich töten?
LEONIN.
Weil’s meine Herrin so befahl.
MARINA.
Warum will sie mich töten lassen?
So viel ich weiß, hab’ ich, bei meiner Treu,
In meinem Leben ihr kein Leid getan.
Sprach kein schlimm Wort, tat keinem lebenden
Geschöpfe Harm, das glaubt mir auf mein Wort;
[350] Kein Mäuschen macht’ ich tot, kränkt’ keine Fliege;
Mal trat ich auf ‘nen Wurm, ohn’ meinen Willen,
Und weinte drum; wie hab’ ich mich vergangen,
Daß Ihr mein Tod erwünscht ist, oder daß
Gefahr von meinem Leben droht?
LEONIN.
Mein Auftrag
Ist nicht die Tat besprechen, sondern tun.
MARINA.
Gewiß, Ihr tut es nicht um alle Welt.
Ihr seid so gut gebildet. Eure Blicke
Verkünden edlen Sinn; ich sah Euch neulich
Verwunden, als Ihr zwei im Fechten trenntet;
Das stand Euch wahrlich schön! Das tut jetzt auch,
Denn Eure Herrin sucht mein Leben; rettet
Dazwischentretend mich, den Schwächern.
LEONIN.
Nein,
Ich schwur und will es tun.

Seeräuber kommen.

ERSTER SEERÄUBER.
Halt! Schurke!

Leonin entflieht.

ZWEITER SEERÄUBER.
Beute! Beute!
DRITTER SEERÄUBER.
Halbpart, Kam’raden, halbpart!
Kommt, wir wollen sie schnell an Bord bringen.

Sie gehn ab mit Marina.
Dritte Szene

[350] Leonin kommt zurück.

LEONIN.

Vom großen Seedieb Valdes sind die Schelme;
Mitnahmen sie Marina. – Mag sie gehn!
Nie kommt sie wieder. Daß sie tot, beschwör’ ich,
Und in die See geworfen. – Noch verweil’ ich;
Vielleicht vergnügen sie sich nur mit ihr,
Und nehmen sie nicht mit; und wenn sie bleibt,
Wird, die sie schändeten, von mir entleibt.

Geht ab.
Vierte Szene

[351] Ein Kuppler, Bolz und die Kupplerin treten herein.

KUPPLER. Bolz!
BOLZ. Ja.
KUPPLER. Sieh dich genau auf dem Markt um. Mitylene ist voll junger Herren, und wir haben in dieser Jahr’szeit zuviel eingebüßt, weil wir so ganz ohne Mädchen waren.
BOLZ. Wir waren nie von Weibsen so entblößt. Armselige drei sind noch da, und die können nicht mehr tun, als sie tun; von beständiger Arbeit sind die schon so gut wie verwest.
KUPPLER. Drum müssen wir zu jedem Preise frische haben. Gewissenhaft muß man bei jeder Hantierung sein, sonst ist kein Segen drin.
KUPPLERIN. Das ist wohl wahr, denn das macht’s immer noch nicht gut, daß man arme Bastarde aufbringt, wie ich, denk’ ich, wohl ein Stück eilf aufgebracht habe. –
BOLZ. Ja, bis zu eilf, und sie dann wieder herunter gebracht. Aber soll ich mich auf dem Markte umsehen?
KUPPLERIN. Natürlich. Was wir haben, das weht ein starker Wind entzwei, so erbärmlich sind sie verkocht.
KUPPLER. Jawohl, zwei davon sind zu ungesund. Der arme Transilvanier ist tot, der bei dem kleinen Nickel gelegen hat.
BOLZ. Ja, die hat’s ihm schnell versalzen, sie hat einen Braten für Würmer aus ihm gemacht. Aber ich will gehn, und mich auf dem Markte umsehen. Geht ab.
KUPPLER. Drei oder vier tausend Zechinen wäre ein hübsches Kapital, um sich zur Ruhe zu setzen, und die Sache aufzugeben.
KUPPLERIN. Warum aufgeben, in aller Welt? Ist es denn eine Schande, auch noch im Alter was vor sich zu bringen?
KUPPLER. Ja, wenn unser Kredit nur mit der Ware frisch würde, oder sich die Ware nur mit der Gefahr gleich hielte! Wenn wir also in unsern jungen Tagen ein hübsches Vermögen zusammenscharren könnten, so möchten wir nachher nur die Bude schließen. Außerdem sollte uns auch, daß wir [352] bei den Göttern so schlecht angeschrieben stehen, antreiben, die Sache aufzugeben.
KUPPLERIN. Ei was! Andre Stände sündigen so gut wie wir.
KUPPLER. So gut wie wir? O ja, wohl auch zum bessern, wir sündigen zum schlimmsten, dann ist ja auch unser Wesen kein Gewerbe oder Beruf, – aber hier kommt Bolz.

Bolz kommt mit den Seeräubern und Marina.

BOLZ. Nur hier herein! – Sie ist eine Jungfrau, meine Herrn?
ERSTER SEERÄUBER. Daran zweifeln wir nicht.
BOLZ. Seht, Meister, für dies Stück bin ich hoch hinauf gegangen; gefällt sie Euch; gut, wo nicht, so habe ich mein Aufgeld verloren.
KUPPLERIN. Bolz, hat sie Eigenschaften?
BOLZ. Sie hat ein gutes Gesicht, sie spricht hübsch und hat ganz vortreffliche Kleider, weiter sind keine Eigenschaften vonnöten, als daß sie jedem ansteht.
KUPPLERIN. Wie teuer, Bolz?
BOLZ. Sie wollen keinen Pfennig von tausend Stück nachlassen.
KUPPLER. Folgt mir, ihr Herren, ihr sollt gleich euer Geld haben. Nimm sie hinein, Frau; unterrichte sie, was sie zu tun hat, daß sie sich in ihren Geschäften nicht zu linkisch benimmt.

Ab mit den Seeräubern.

KUPPLERIN. Bolz, merk’ dir ihre Kennzeichen, ihr Haar, ihre Farbe, die Größe, ihr Alter, und daß sie noch Jungfrau ist, und rufe aus: wer das meiste bietet, soll sie zuerst haben. Eine solche Jungfrauschaft wäre nichts Wohlfeiles, wenn es noch Männer gäbe wie ehmals. Tu’, wie ich dir befehle.
BOLZ. Sogleich soll es ausgeführt werden. Geht ab.
MARINA.
Ach, warum war so langsam, Leonin?
Was schlug er nicht, statt sprach? Und die Piraten
(Zu menschlich) warum warfen sie mich nicht
Vom Schiff, um meine Mutter aufzusuchen.
KUPPLERIN. Warum weinst du, du hübsches Ding?
MARINA. Daß ich hübsch bin.
[353] KUPPLERIN. Laß gut sein, die Götter haben das Ihrige an dir getan.
MARINA. Ich klage sie nicht an.
KUPPLERIN. Du bist in meine Hände gefallen, und bei mir wirst du leben.
MARINA. So schlimmer mein Geschick, daß ich den Händen Entrann, durch die ich sterben sollte!
KUPPLERIN. Und in Freuden wirst du leben.
MARINA. Nein.
KUPPLERIN. O ja, gewiß, und alle Arten von feinen Herrn wirst du versuchen. Es wird dir gut tun, du wirst die Verschiedenheit aller Temperamente haben. Wie? Du hältst dir die Ohren zu?
MARINA. Seid Ihr eine Frau?
KUPPLERIN. Nun, was sollt’ ich denn sonst sein, wenn ich keine Frau wäre?
MARINA. Eine tugendhafte Frau, oder keine Frau.
KUPPLERIN. Ei, daß du Ohrfeigen kriegtest, du Gänschen! Ich merke, du wirst mir zu schaffen machen. Komm, du bist ein junger kindischer Schößling, du mußt dich biegen, wie ich dich haben will.
MARINA. Die Götter werden mich erlösen.
KUPPLERIN. Wenn es den Göttern gefällt, dich durch Männer zu lösen, so müssen Männer dich vergnügen, so müssen Männer dich speisen, so müssen Männer sich an dich machen. – Bolz ist zurück.

Bolz kommt.

Nun, hast du sie auf dem Markt ausgerufen?
BOLZ. Ausgerufen fast jedes einzelne Haar von ihr? Ich habe sie mit meiner Stimme abgemalt.
KUPPLERIN. Nun, wie fandest du denn das Völkchen gestimmt, vorzüglich die jungen Leute?
BOLZ. Mein’ Treu’, sie hörten mir zu, als wenn sie auf das Testament ihrer Väter horchten. Einem Spanier wässerte der Mund so, daß er mit der Beschreibung schon zu Bette ging.
KUPPLERIN. Den haben wir morgen mit seiner besten Halskrause hier.
[354] BOLZ. Heut abend, heut abend; aber Frau, Ihr kennt doch den französischen Ritter, der mit den krummen Knien geht?
KUPPLERIN. Den Monsieur Veroles?
BOLZ. Ja, der gab sich beim Ausrufen Mühe, eine Capriole zu schneiden, aber es wurde ein Ächzen daraus, und er schwur, daß er sie morgen sehen wollte.
KUPPLERIN. Nun schön, schön, er für seine Person brachte seine Krankheiten schon hierher, hier frischte er sie auf; ich weiß, der kommt her in unsern Schatten, um seine Kronen in der Sonne durchzubringen.
BOLZ. O Ja, wenn wir von jeder Nation einen Reisenden hätten, ein solches Zeichen würde sie alle festhalten.
KUPPLERIN zu Marina. Komm her ein wenig. Jetzt regnet es Glück auf dich. Höre, du mußt das mit Furcht zu tun scheinen, was du doch gern tust, stelle dich, als verschmäh’st du allen Vorteil, wo du den meisten Gewinn ziehen kannst; wenn du über deine Lebensweise weinst, so erregt das bei deinen Liebhabern Mitleid, und meist erzeugt das Mitleid eine gute Meinung von dir, und diese gute Meinung wird wieder klarer Gewinn.
MARINA. Ich versteh’ Euch nicht.
BOLZ. O nehmt sie hinein, Frau, nehmt sie hinein; dieses Rotwerden muß im Augenblick durch Tätigkeit ausgelöscht werden.
KUPPLERIN. Du hast recht, mein’ Treu’, das muß es auch; denn eine Braut geht ja selbst mit Scham den Weg, zu dem sie doch ein Privilegium hat.
BOLZ. Mein’ Seel’, einige tun es, andere nicht. Aber, Frau, da ich den Handel um das Wild gemacht habe –
KUPPLERIN. Sollte auch ein Stückchen für dich vom Spieß abfallen?
BOLZ. Jawohl.
KUPPLERIN. Nun freilich. Komm junges Ding, deine Kleider steh’n dir recht hübsch.
BOLZ. Ja wahrhaftig, sie soll noch keine andere anzieh’n.
KUPPLERIN. Bolz, da, verzehre das in der Stadt; sage, welche Ware wir haben; du wirst bei der Kundschaft nichts verlieren. Als die Natur dies Ding erschuf, hatte sie es gut mit dir [355] vor, darum erzähle nur von ihrer Herrlichkeit, und aus deinen Reden wird eine Ernte für dich.
BOLZ. Verlaßt Euch darauf, Frau, der Donner soll kein Aalnest so lebendig machen, als mein Herausstreichen ihrer Schönheit alle Liederlichen auf die Beine bringen soll. Heut abend will ich welche mit mir bringen.
KUPPLERIN. Nun komm mit mir.
MARINA.
Brennt Feuer, schneiden Dolch’, ertränkt die Flut;
Bewahrt den Jungfrauengürtel mir mein Mut.
Und du, Diana, hilf!
KUPPLERIN. Was haben wir mit Dianen zu tun? Nun, willst du wohl mit mir kommen?

Sie gehn ab.
Fünfte Szene

[355] Cleon, Dionysa.

DIONYSA.

Wie? Bist du töricht? Wird’s so ungetan?
CLEON.
O Dionysa, niemals sah’n herab
Auf solche Schlachtung Sonne noch und Mond.
DIONYSA.
Zum Kinde, denk’ ich, wirst du wieder werden.
CLEON.
Ja, wär’ ich Herr der ganzen weiten Welt,
Ich gäb’ sie hin, es ungetan zu machen.
O sie, in Tugend größer als Geburt,
Der allerhöchsten Königskrone wert,
Sie ohnegleichen! Schurke Leonin!
Den hast du nun vergiftet auch! Das hieß’ ich
Noch gut getan, wenn du ihm zugetrunken,
Das ziemte dir! Was kannst du nun wohl sagen,
Wenn Perikles nach seinem Kinde fragt?
DIONYSA.
Nun, daß sie starb. Ein Wärter ist kein Gott,
Der es ernährt und immerdar erhält.
Sie starb bei Nacht; ich sag’s: wer widerspricht?
Du müßtest denn den frevlen Blödsinn spielen,
Und, ehrlich nur zu heißen, zwischenfahren;
Sie starb auf unerlaubte Art!
CLEON.
Gewiß,
[356] Von allen Sünden unterm Himmel, zürnen
Zumeist die Götter dieser.
DIONYSA.
Glaube doch,
Zaunkön’ge werden fort von Tharsus fliegen.
Und es Perikles sagen. Pfui der Schande;
Entsprossen sein so edlem Stamm, und doch
So feigen Geistes!
CLEON.
Wer solch’ Tun nur billigt,
Auch wenn es schon geschehen, wenn er auch nicht
Vorher mit eingestimmt, der fließt wohl nicht
Aus edlem Quell.
DIONYSA.
So mag’s denn also sein,
Doch keiner weiß, als du, wie sie gestorben,
Niemand erfährt’s, da Leonin nicht lebt.
Verachtet ward mein Kind durch sie, sie stand
Im Wege ihrem Glück; wer sah sie an?
Marinen nur ging jedes Auge nach,
Der unsern war man grob, sie schien ein Mensch,
Nicht Guten Morgen wert. Das stach mein Herz;
Und nennst du gleich, was ich tat, unnatürlich,
Der du dein Kind nicht liebst, so fühl’ ich doch,
Es lacht mich an als eine Tat der Liebe
Für deine einz’ge Tochter.
CLEON.
O verzeih’es, Himmel!
DIONYSA.
Und was den Perikles betrifft,
Was kann er sagen? Wir beweinten sie,
Und trauern noch; ihr Monument ist fast
Vollendet, und ihr Epitaphium sagt
Im goldnen Glanz der Schrift den Ruhm,
Der allgemein in ihr war, und unsre Liebe,
Die’s kostbar ihr gesetzt.
CLEON.
Du gleichst Harpyen,
Die zum Verrat ein Engelantlitz tragen,
Und mit den Adlerklauen Beute greifen.
DIONYSA.
Du gleichst dem, der abergläubisch Göttern
Beschwört, daß Winter umgebracht die Fliegen;
Doch wirst du wohl dich meinem Rate fügen.

Sie gehn ab.
Sechste Szene

[357] Gower tritt ein.

GOWER.

So schwindet uns die Zeit, der längste Raum,
Das Meer wird überhüpft, es lebt der Traum,
Wir reisen in der Einbildung sogleich
Durch alle Grenzen und von Reich zu Reich;
Wenn ihr verzeiht, so ist es kein Verbrechen,
Daß alle Land’ dieselbe Sprache sprechen,
Wo unsre Szene lebend scheint. Vergönnt mir,
Der in den Lücken steht, das Wort, so kennt ihr
Die Bühnen der Geschichte. Wiederum
Fährt Perikles auf falscher See herum,
(Viel edle Herrn und Ritter mit ihm sind)
Um seines Lebens Lust zu seh’n, sein Kind;
Auch Helicanus sich nicht von ihm trennt,
Und zur Regierung bleibt, den ihr wohl kennt,
Nun Escanes, den Helicanus hat
Gebracht zu hohem Ehrenamt im Staat.
Die schnellen Schiffe, günst’gen Winde brachten
Den Herrn nach Tharsus (zu Philoten machten
Wir die Gedanken, die in Eile gingen),
Die Tochter, die verloren, heim zu bringen;
Laßt, Schatten gleich, sie sich ein Weilchen regen,
Ich will dem Ohr, was Aug’ jetzt sieht, auslegen.
STUMMES SPIEL.

Perikles tritt mit seinem Zuge von der einen Seite auf, Cleon und Dionysa von der andern; Cleon zeigt dem Perikles das Grabmal, worauf Perikles heftige Klage führt, ein Trauerkleid anlegt und im größten Schmerz abgeht.

GOWER.
So leidet Glaube durch den Heuchelschein,
Der falsche Schmerz spielt oftmals wahre Pein,
Perikles, in Kummer ganz zerflossen,
Seufzerdurchbohrt, von Tränen übergossen,
Schifft wieder fort, und schwört, er schneidet nicht
Sein Haar, und wäscht nicht mehr sein Angesicht;
Er sitzt im Trauerkleid, ein Sturm her wettert,
Der fast sein sterbliches Gefäß zerschmettert,
[358] Er merkt ihn kaum. Nun mögt ihr hören jetzt
Die Grabschrift, die Marinen hat gesetzt
Die böse Dionysa:
»Hier ruht die Schönheit, Anmut, Güte,
Die in des Lebens Lenz verblühte,
Von Tyrus, Fürst ihr Vater dort,
An die der Tod übt’ schnöden Mord;
Marina hieß sie, als zum Licht sie kam,
Thetis im Stolz ein Stück der Erde nahm,
Und Überschwemmung fürchtend, hat das Land
Zum Himmel Thetis Pate drauf gesandt;
Drum diese nun, zum ew’gen Zorn erregt,
Mit wilder Wut die fels’gen Ufer schlägt.«
Nicht besser birgt sich schwarze Meuterei,
Als hinter sanfte glatte Schmeichelei.
Mag Perikles nun glauben den Berichten,
Bis endlich die Verwirrung ihm mag schlichten
Fortuna: indes wir Euch spielen müssen
Der Tochter Ach und Weh und schweres Büßen
Im Dienst der Bösen: ruhig mögt Ihr’ s seh’n,
Und denkt euch alle jetzt in Mitylen’.

Geht ab.
Siebente Szene

[358] Zwei Edelleute treten auf.

ERSTER EDELMANN. Habt Ihr je dergleichen gehört?
ZWEITER EDELMANN. Niemals; auch wird man nie wieder dergleichen an solchem Orte hören, wenn sie einmal fort ist.
ERSTER EDELMANN. Aber hier Theologie predigen! Konnte Euch das je im Traum einfallen?
ZWEITER EDELMANN. Nein, nein. Kommt, ich mag nichts mehr von schlechten Häusern wissen. Wollen wir geh’n und die Vestalinnen singen hören?
ERSTER EDELMANN. Alles, was tugendhaft ist, will ich gern tun, aber vom Wege der Liederlichkeit bin ich zeitlebens abgekommen.

Sie gehn ab.
Achte Szene

[359] Kuppler, Kupplerin, Bolz.

KUPPLER. Lieber als zweimal, was sie kostet, hätt’ ich, daß sie nie ins Haus gekommen wäre.
KUPPLERIN. Pfui, pfui über sie! Sie ist imstande, den Gott Priapus kalt zu machen und ein ganzes Geschlecht zugrunde zu richten. Man muß ihr entweder Gewalt tun, oder sie loszuwerden suchen. Wann sie gegen ihre Freunde so sein soll, wie sich’s gehört, wenn sie das tun soll, was unsrer Profession zukommt, so kommt sie daher mit ihren Finten, ihren Beweisen und Hauptbeweisen, ihren Gebeten und Kniebeugungen, so daß sie den Teufel zum Puritaner machen könnte, wenn er nur einen Kuß von ihr einhandeln wollte.
BOLZ. Mein’ Seel’, ich muß ihr Gewalt tun, oder sie verjagt uns alle unsre Kavaliere und macht unsre Flucher zu Priestern.
KUPPLER. Die Franzosen über ihre Bleichsucht!
KUPPLERIN. Mein’ Seel’, die loszuwerden, ist der Weg zu ihnen der einzige. Hier kommt der Lord Lysimachus verkleidet.
BOLZ. Wir würden alles, Lords und Lumpen, hier haben, wenn die einfältige Kreatur sich nur mit Kunden einlassen wollte.

Lysimachus kommt.

LYSIMACHUS. Nun, wie teuer das Dutzend Jungfrauschaften?
KUPPLERIN. Die Götter segnen Euer Gnaden!
BOLZ. Ich freue mich, den gnädigen Herrn gesund zu seh’n.
LYSIMACHUS. Freilich ist es für Euch besser, wenn Eure Kunden auf gesunden Beinen steh’n. Nun, du heilsame Straflosigkeit, hast du denn was, womit ein Mann sich einlassen kann und über den Wundarzt lachen?
KUPPLER. Wir haben hier eine, Herr, wenn die nur wollte, – wahrlich, ihresgleichen kam noch nie nach Mitylene.
LYSIMACHUS. Wenn sie nur die Taten der Finsternis tun wollte, willst du sagen.
KUPPLERIN. Der gnädige Herr weiß wohl von selbst, was die Meinung ist.
[360] LYSIMACHUS. Nun, rufe sie, rufe sie.
BOLZ. Was Fleisch und Blut betrifft, Herr, weiß und rot; eine Rose werdet Ihr seh’n; und sie wäre in der Tat eine Rose, hätte sie noch –
LYSIMACHUS. Nun was?
BOLZ. O Herr, ich kann züchtig sein.
LYSIMACHUS. Das bringt den Namen eines Kupplers zu Ehren, auf gleiche Weise kommen viele zum Ruf der Keuschheit.

Marina kommt.

KUPPLERIN. Hier kommt, was am Stock wächst; niemals noch abgepflückt, das versich’re ich Euch. – Ist sie nicht ein schönes Geschöpf?
LYSIMACHUS. O ja, so nach langer Seereise wäre sie schon gut genug. – Da ist für Euch, nun laßt uns.
KUPPLERIN. Ich bitte Euer Gnaden, erlaubt mir nur ein Wort, und gleich bin ich fertig.
LYSIMACHUS. Nun so macht.
KUPPLERIN zu Marina. Erstlich, müßt Ihr Euch merken, das ist ein ehrenvoller Mann.
MARINA. Ich wünsche ihn so zu finden, daß ich ihn als würdig merken möge.
KUPPLERIN. Dann ist er der Regent dieses Landes und ein Mann, dem ich verpflichtet bin.
MARINA. Wenn er das Land regiert, so seid Ihr ihm freilich verpflichtet, aber wie ehrenvoll er darin ist, kann ich nicht sagen.
KUPPLERIN. Hört, ohne weiter jüngferliches Zieren, wollt Ihr gegen ihn freundlich sein? Er wird Eure Schürze mit Gold füllen.
MARINA. Was er liebreich tut, werde ich dankbar annehmen.
LYSIMACHUS. Seid Ihr fertig?
KUPPLERIN. Gnädiger Herr, sie hat noch keine Schule, Ihr müßt Euch einige Mühe geben, sie abzurichten. Kommt, wir wollen den gnädigen Herrn und sie allein lassen.

Die übrigen gehn ab.

LYSIMACHUS. Nun, du hübsches Ding, seit wie lange bist du bei diesem Gewerbe?
[361] MARINA. Welchem Gewerbe, Herr?
LYSIMACHUS. Ei, nennen kann ich es nicht, ohne unanständig zu sein.
MARINA. Mein Gewerbe kann mich nicht unanständig machen. Seid so gütig, es zu nennen.
LYSIMACHUS. Wie lange hast du diese Hantierung getrieben?
MARINA. Seit ich denken kann.
LYSIMACHUS. So jung bist du dran gegangen? Warst du von fünf oder von sieben schon im Dienst?
MARINA. Nach früher, Herr, wenn ich es jetzt bin.
LYSIMACHUS. Nun, das Haus, worin du wohnst, macht es ja deutlich, daß du ein Geschöpf für Geld bist.
MARINA. Kennt Ihr dies Haus als einen solchen Ort und kommt doch herein? Man sagte mir, Ihr wäret ehrenwert, und der Statthalter dieser Gegend.
LYSIMACHUS. So? Also hat dir deine Herrschaft gesagt, wer ich bin?
MARINA. Wer ist meine Herrschaft?
LYSIMACHUS. Nun, da dein Kräuterweib, sie, die den Samen und die Wurzeln der Schande und Gottlosigkeit legt. O, du hast von meinem Einfluß gehört, und nun hältst du dich hoch, damit ich um so dringender werden soll. Aber ich schwöre dir, du hübsches Kind, meine Autorität soll dich nicht seh’n oder vielmehr freundlich auf dich blicken. Komm, bring’ mich in ein abgeleg’nes Zimmer; komm!
MARINA.
Seid Ihr von edlem Stamm, so zeigt es jetzt,
Erhieltet Ihr den Adel, so bestätigt
Das Urteil, das Euch dessen würdig hielt.
LYSIMACHUS. Wie war das? Wie? Nur weiter. – Sprich deine Weisheit.
MARINA.
Ich armes Mädchen,
Wenn mich auch gleich ein unfreundlich Geschick
Versetzt in diesen ekelhaften Koben,
Wo Krankheit, seh’ ich, teurer wird verkauft
Als Arzenei, – o daß die gütigen Götter
Von diesem Ort des Unheil’s mich erlösten,
Wenn sie mich auch zum schlechtesten Vogel machten,
Der fliegt in reiner Luft.
[362] LYSIMACHUS.
Ich dachte nicht,
Daß du so gut spräch’st, träumte nicht davon;
Hätt’ ich verderbten Sinn hierher gebracht,
Dein Wort hätt’ ihn verwandelt. Nimm dies Gold,
Beharre stets auf diesem reinen Wege,
Und ihren Beistand geben dir die Götter!
MARINA.
Die Götter schützen Euch.
LYSIMACHUS.
Was mich betrifft,
Ich kam mit schlechtem Vorsatz nicht hierher,
Denn mir riecht Tür und Fenster schon abscheulich.
Fahr’ wohl. Du bist ein Bild der Tugend, wardst
Gewiß von edler Art erzogen. Nimm,
Hier hast du noch mehr Gold.
Fluch über den, er sterbe wie ein Dieb,
Der deiner Tugend dich beraubt! Hörst du
Von mir, so soll’s zu deinem Besten sein.

Bolz kommt.

BOLZ.
Ich bitt’, Eu’r Gnaden, mir ein Stück!
LYSIMACHUS.
Weg, schändlicher Türhüter! Euer Haus,
Wenn diese Jungfrau nicht es unterstützte,
Stürzt’ ein, euch alle zu verschütten. Weg!

Geht ab.

BOLZ. Was ist das? Mit Euch müssen wir eine andere Einrichtung treffen. Ehe Eu’re lumpige Keuschheit, die kein Frühstück in der wohlfeilsten Gegend unter der Sonne wert ist, eine ganze Haushaltung zugrunde richten soll, will ich mich wie einen Hühnerhund verschneiden lassen. Kommt gleich!
MARINA. Wohin soll ich kommen?
BOLZ. Eu’re Jungfrauschaft muß herunter, oder der Stadthenker soll sie hinrichten. Kommt gleich! Hier werden keine vornehme Herren mehr weggejagt! Gleich kommt, sag’ ich!

Die Kupplerin kommt.

KUPPLERIN. Nun? Wie steht’s?
BOLZ. Schlimmer und schlimmer, Frau; da hat sie hier heilige Reden mit dem Lord Lysimachus geführt.
KUPPLERIN. O, abscheulich!
[363] BOLZ. Sie macht unsre Hantierung gleichsam stinkend vor dem Angesichte der Götter.
KUPPLERIN. An den Galgen mit ihr!
BOLZ. Der edle Herr würde sich wie ein edler Herr gegen sie aufgeführt haben, und da schickt sie ihn weg, so kalt, wie einen Schneeball, und er sagt noch sein Gebet dazu her.
KUPPLERIN. Bolz, nimm sie hin, tu mit ihr nach Gefallen, zerbrich das Glas ihrer Jungfrauschaft, daß sich das übrige nachher hämmern läßt.
BOLZ. Wäre sie ein noch dorniger Grundstück als sie ist, so sollte sie doch umgepflügt werden.
MARINA. Hört! Hört! Ihr Götter!
KUPPLERIN. Sie beschwört; fort mit ihr! Wäre sie doch nie über meine Schwelle gekommen! Sie ist zu unserm Ruin geboren. Du willst den Weg nicht gehen, den alle Menschen geh’n? Ja, hat sich was! Du Gericht Keuschheit mit Rosmarin und Lorbeer! Geht ab.
BOLZ. Nun kommt, Fräulein, nun gleich mit mir!
MARINA. Wohin soll ich geh’n?
BOLZ. Euch das Juwel zu nehmen, das Ihr so teuer haltet.
MARINA. Ich bitte, sagt mir erst Eins.
BOLZ. Nun, her mit Eurem Einem.
MARINA. Was wünschest du wohl, daß dein Feind sein möchte?
BOLZ. Nun, ich wünschte ihm, er wäre mein Herr, oder lieber noch die Frau.
MARINA.
Doch keiner ist so schlecht, als du es bist,
Denn höher steh’n sie, da sie dir gebieten.
Du hast ein Amt, das der gequälteste Teufel
Der Hölle nicht mit dir aus Ehrgeiz tauschte;
Hünd’scher Türhüter bist du jedem Lump,
Der sich nur zeigt, nach seinem Mensch zu fragen;
Dein Ohr gibt jedes Schuftes zorn’ger Faust
Sich preis; ja deine Speise selbst ist schon
Verpestet von dem Hauch verdorbner Lungen.
BOLZ. Was soll ich denn aber tun? In den Krieg geh’n? wo man sieben Jahr’ um den Verlust eines Beines dienen kann und am Ende nicht Geld genug hat, um sich ein hölzernes zu kaufen?
[364] MARINA.
Tu’ jedes Ding, nur nicht das, was du tu’st,
Kanäle rein’ge, schmutzige Kloake;
Verdinge als Knecht dich dem gemeinen Henker,
Denn jeder Stand ist besser als dein jetz’ger;
Ein Pavian, wenn er nur sprechen könnte,
Würd’ sich zu teuer achten Du zu sein.
O möchten mich die Götter nur erretten
Aus diesem Hause! Hier ist Gold für dich;
Und wünscht dein Herr durch mich Gewinn zu zieh’n,
Ruf’ aus, ich singe, nähe, tanze,
Kann manches noch, was ich nicht rühmen will;
Ich unternehm’ es, Unterricht zu geben,
Und zweifle nicht, daß diese große Stadt
Mir manche Schülerinnen liefern wird.
BOLZ. Aber könnt Ihr auch wirklich in allen diesen Dingen Unterricht geben?
MARINA.
Ist es nicht wahr, so nimm mich wieder her,
Und gib mich preis dem niedrigsten der Knechte,
Der Euer Haus besucht.
BOLZ. Nun gut, ich will seh’n, was ich für dich tun kann; kann ich dich wo unterbringen, so will ich es tun.
MARINA. Aber doch bei sittsamen Frauen?
BOLZ. Unter denen hab’ ich freilich wenig Bekanntschaft. Da aber mein Herr und meine Frau dich gekauft haben, so kann nichts ohne ihre Einwilligung gescheh’n; drum will ich ihnen deinen Vorschlag bekannt machen, und ich zweifle nicht, sie werden mit sich wohl handeln lassen. Komm, ich will für dich tun, was ich nur irgend kann – nun komm mit mir.

Sie gehn ab.
Fünfter Akt
Erste Szene

[365] Gower tritt ein.

GOWER.

So wird Marina frei, und kommt allda
Wohl in ein sittsam Haus. Sie singet Weisen
Wie die Unsterblichen; wer dazu sah
Den Tanz, der mußte sie als Göttin preisen;
Tiefsinn’ge macht’ sie stumm, der Nadel Güte
Schafft, wie Natur, Zweig, Blum’ und Vogel, Blatt,
Verschwistert Kunst der wahren Rosenblüte,
Die Kirsch’ ihr täuschend Bild zum Zwilling hat.
Bald folgen ihr viel edle Schülerinnen,
Die reichlich sie belohnen, und sie schenkt
Das Gold der Kupplerin, – gewandt von hinnen
Nun ihres Vaters wiederum gedenkt!
Den ließen wir zur See, vom Sturm gescheucht;
Der Wind ermüdet, ausgeworfen hat
Er seinen Anker, und das Land erreicht,
Wo seine Tochter wohnt. Es will sie Stadt
Neptuns Jahrsfest begehen, da erblickt
Lysimachus wie unser Schiff hier liegt,
Die Wimpel schwarz, mit reicher Kunst geschmückt,
Worauf er in der Barke zu ihm fliegt;
Noch einmal seht mit Eu’rer Phantasie,
Denkt dies das Schiff, worauf der Trauermann;
Alsbald geschieht vor Euern Augen hie
Das Wichtigste, drum seht es ruhig an.

Geht ab.
Erste Szene

[365] Gower tritt ein.

GOWER.

So wird Marina frei, und kommt allda
Wohl in ein sittsam Haus. Sie singet Weisen
Wie die Unsterblichen; wer dazu sah
Den Tanz, der mußte sie als Göttin preisen;
Tiefsinn’ge macht’ sie stumm, der Nadel Güte
Schafft, wie Natur, Zweig, Blum’ und Vogel, Blatt,
Verschwistert Kunst der wahren Rosenblüte,
Die Kirsch’ ihr täuschend Bild zum Zwilling hat.
Bald folgen ihr viel edle Schülerinnen,
Die reichlich sie belohnen, und sie schenkt
Das Gold der Kupplerin, – gewandt von hinnen
Nun ihres Vaters wiederum gedenkt!
Den ließen wir zur See, vom Sturm gescheucht;
Der Wind ermüdet, ausgeworfen hat
Er seinen Anker, und das Land erreicht,
Wo seine Tochter wohnt. Es will sie Stadt
Neptuns Jahrsfest begehen, da erblickt
Lysimachus wie unser Schiff hier liegt,
Die Wimpel schwarz, mit reicher Kunst geschmückt,
Worauf er in der Barke zu ihm fliegt;
Noch einmal seht mit Eu’rer Phantasie,
Denkt dies das Schiff, worauf der Trauermann;
Alsbald geschieht vor Euern Augen hie
Das Wichtigste, drum seht es ruhig an.

Geht ab.
Dritte Szene

[374] Gower tritt auf.

GOWER.

Fast verlaufen ist der Sand,
Etwas noch, dann Stillestand,
Und gewährt als letzte Gunst mir,
(Denn es wirkt nur eure Kunst hier)
Daß ihr mit geschickten Sinnen,
Euch denkt, was Lust und Spiel beginnen.
Der Herrscher läßt in Mitylen’,
Was für Gesang und Aufzug schön,
Zum Gruß des Königs. Er verfehlt
Des Zweckes nicht, denn er erhält
Als Braut Marina, doch nur dann,
Wenn erst das Opfer ist getan,
So wie Diana hieß; so weit
Vernichtet alle Zwischenzeit;
Die Segel bläst ein frischer Wind,
Es wird der Wunsch erfüllt geschwind,
Hier Ephesus, den Tempel seht,
Den König, und wer mit ihm geht,
Daß er so balde hierher kam,
Hat eure Phantasie getan.

Geht ab.
Vierte Szene

[374] Von der einen Seite treten auf Perikles, Marina, Lysimachus, Helicanus und Gefolge, von der andern die Priesterinnen der Diana, Thaisa unter diesen, Cerimon im Gefolge.

PERIKLES.

Diana, Heil! Zu tun, was du befahlst,
Bekenn’ ich laut: ich bin von Tyrus König,
Gescheucht von meinem Reich, ward mir die schöne
Thaisa zu Pentapolis vermählt;
Sie starb zur See im Kindbett, doch gebar sie
Ein Töchterlein, Marina, die, o Göttin,
In deiner Silbertracht noch geht. Zu Tharsus
[375] Erzog sie Cleon, der vor vierzehn Jahren
Sie zu ermorden strebte; bessere Sterne
Geleiteten nach Mitylene sie,
Da brachte sie ihr Glück auf unser Schiff,
Wo durch ihr eigen klar Erinnern sie
Als meine Tochter sich entdeckt’.
THAISA.
Gestalt
Und Ton! – Du bist – o König, Perikles!
PERIKLES.
Was will die Frau? Sie stirbt. Helft doch, ihr Herrn!
CERIMON.
Spracht Ihr die Wahrheit vor Dianens Altar,
Ist diese Eure Gattin.
PERIKLES.
Nein, Ehrwürd’ger,
Ich warf sie über Bord mit diesen Armen.
CERIMON.
An diese Küste, glaubt, –
PERIKLES.
Nein, ganz gewiß.
CERIMON.
seh’t nach der Frau. – Sie ist nur überfreut. –
Sie trieb an einem frühen stürm’schen Morgen
An dieses Land; ich öffnete den Sarg,
Fand reiche Steine, gab sie ihr, und brachte
Sie in Dianens Tempel.
PERIKLES.
Zeigt sie mir.
CERIMON.
Mein König, in mein Haus lass’ ich sie bringen,
Kommt, bitt’ ich, zu mir. – Seht, sie ist erwacht.
THAISA.
Laßt mich ihn seh’n, ist er der meine nicht,
Wird meine Andacht nicht den Sinnen gönnen
Ein üppig Ohr, sie trotz des Anblick’s zähmen. –
Seid Ihr, mein König, denn nicht Perikles?
Ihr sprecht gleich ihm, gleich ihm seid Ihr gestaltet,
Spracht Ihr von Sturm’ nicht, und Geburt, und Tod?
PERIKLES.
Die Stimme der gestorbenen Thaisa!
THAISA.
Die bin ich, tot gewähnt, im Meer begraben.
PERIKLES.
Göttin Diana!
THAISA.
Nun kenn’ ich Euch besser.
Als wir Pentapolis mit Tränen ließen,
Gab Euch den Ring mein königlicher Vater.
PERIKLES.
Jaja, – nicht mehr, ihr Götter – Eu’re Güte
Macht nur zum Scherz vergangnes Leid; o laßt mich
[376] Gleich, wenn ich ihren Mund berühre, schmelzen,
Hinschwinden ganz! Komm, sei begraben denn
Zum zweiten Male an dieser Brust!
MARINA.
Mein Herz
Will in den Busen meiner Mutter springen.
PERIKLES.
Sieh, wer hier kniet, Fleisch von deinem Fleisch,
Dein Kind der Angst zur See, genannt Marina,
Weil sie zur Welt dort kam.
THAISA.
Gesegnet! Mein!
HELICANUS.
Heil meiner Königin!
THAISA.
Ich kenn’ Euch nicht.
PERIKLES.
Ich sagte dir, als ich von Tyrus floh,
Ließ ich statt meiner einen Greis zurück;
Gedenkst du noch, wie ich den Mann genannt?
Oft sprach ich von ihm.
THAISA.
Helicanus dann!
PERIKLES.
Noch mehr Bestätigung!
Umarm’ ihn denn, Thaisa, dieser ist’s!
Jetzt möcht’ ich wissen, wie man dich gefunden?
Und wie gerettet? Wem mein Dank gebührt,
Zunächst den Göttern, für dies große Wunder?
THAISA.
Lord Cerimon, hier dieser Mann, durch welchen
Die Götter ihre Macht gezeigt, er kann
Den Hergang sagen.
PERIKLES.
O ehrwürd’ger Mann,
Die Götter haben keinen ird’schen Diener
Gottähnlicher. Wollt Ihr mir denn erzählen,
Wie diese tote Königin lebt’?
CERIMON.
Ich will es,
Folgt mir, ich bitte, erst nach meinem Hause,
Da zeig’ ich Euch, was ich bei ihr gefunden,
Und wie sie dann in diesen Tempel kam,
Nichts Nötiges vergessend.
PERIKLES.
Reine Göttin!
Dank, daß du mir erschienest, in der Nacht
Weih’ ich dir Opfer. – Dieser Fürst, Thaisa,
Ist der Verlobte deiner Tochter, zu
Pentapolis soll die Vermählung sein,
[377] Und diese Zier, die mich so wild entstellt,
Soll nun zuerst nach vierzehn Jahren wieder
Das Messer fühlen, sich von neuem schmücken,
Um zu verschönern den Vermählungstag.
THAISA.
Es hat Lord Cerimon glaubwürd’ge Briefe,
Mein Vater starb.
PERIKLES.
Er werd’ ein Stern am Himmel!
Dort wollen wir das Hochzeitsfest begeh’n,
Wir bleiben dann in diesem Königreich,
Zu Tyrus herrschen unser Sohn und Tochter. –
Lord Cerimon, wir zögern hier zu lange,
Führt uns, erzählt, wonach ich sehr verlange.

Alle ab.
Fünfte Szene

[377] Gower tritt ein und beschließt.

GOWER.

In Antiochus und der Tochter sahet ihr
Greuelhafte Lust, gerechten Lohn dafür;
In Perikles, der Königin, seinem Kind,
Wie sie vom Glück auch scharf bedränget sind,
Die Tugend nicht dem wilden Sturm erliegen,
Der Himmel schützt, krönt endlich mit Vergnügen;
Ein Bild von Recht und Treu’ ward euch im alten
Und edlen Helicanus vorgehalten;
In Cerimons Ehrwürdigkeit erscheint
Der Wert, den Lieb’ und Weisheit sich vereint;
Doch Cleon und sein Weib – als das Gerücht
Die schwarze Tat, Perikles Namen spricht,
Der hoch geliebt – die Stadt zusammenrennt
Ihn und die Seinen im Palast verbrennt:
Die Götter schienen so den Mord zu hassen,
Daß sie, auch unvollbracht, ihn strafen lassen.
Viel Dank für die Geduld, die ihr gegönnt mir,
Seid immer froh, das Spiel erreicht sein End’ hier.

Geht ab.

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