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William Shakespeare

König Heinrich der Fünfte

Übersetzt

von

August Wilhelm von Schlegel

Personen:

König Heinrich der Fünfte

Herzog von Gloster und Herzog von Bedford, Brüder des Königs

Herzog von Exeter, Oheim des Königs

Herzog von York, Vetter des Königs

Graf von Salisbury

Graf von Westmoreland

Graf von Warwick

Erzbischof von Canterbury

Bischof von Ely

Graf von Cambridge, Lord Scroop und Sir Thomas Grey, Verschworene gegen den König

Sir Thomas Erpingham, Gower, Fluellen, Macmorris und Jamy, Offiziere in Heinrichs Armee

Bates, Court, Williams, Soldaten in derselben

Nym, Bardolph, Pistol, ehemals Bediente Falstaffs, jetzt ebenfalls Soldaten in derselben

Ein Bursch, der sie bedient

Karl der Sechste, König von Frankreich

Louis, der Dauphin

Herzog von Burgund

Herzog von Orleans

Herzog von Bourbon

Der Connétable von Frankreich

Rambures und Grandpré, französische Edelleute

Der Befehlshaber von Harfleur

Montjoye, ein französischer Herold

Gesandte an den König von England

Isabelle, Königin von Frankreich

Katharina, Tochter Karls und Isabellens

Alice, ein Fräulein im Gefolge der Prinzessin Katharina

Wirtin Hurtig, Pistols Frau

Herren und Frauen von Adel, Offiziere, französische und englische Soldaten, Boten und Gefolge

Die Szene ist anfangs in England, nachher ununterbrochen in Frankreich

Erster Aufzug

Chorus (tritt ein).

Oh! eine Feuermuse, die hinan
Den hellsten Himmel der Erfindung stiege!
Ein Reich zur Bühne, Prinzen drauf zu spielen,
Monarchen, um der Szene Pomp zu schaun!
Dann käm, sich selber gleich, der tapfre Heinrich
In Marsgestalt; wie Hund’ an seinen Fersen
Gekoppelt, würde Hunger, Feur und Schwert
Um Dienst sich schmiegen. Doch verzeiht, ihr Teuren,
Dem schwunglos seichten Geiste, ders gewagt,
Auf dies unwürdige Gerüst zu bringen
Solch großen Vorwurf. Diese Hahnengrube,
Faßt sie die Ebnen Frankreichs? Stopft man wohl
In dieses O von Holz die Helme nur,
Wovor bei Azincourt die Luft erbebt?
O so verzeiht, weil ja in engem Raum
Ein krummer Zug für Millionen zeugt,
Und laßt uns Nullen dieser großen Summe,
Auf eure einbildsamen Kräfte wirken!
Denkt euch im Gürtel dieser Mauern nun
Zwei mächtge Monarchien eingeschlossen,
Die, mit den hocherhobnen Stirnen dräuend,
Der furchtbar enge Ozean nur trennt.
Ergänzt mit dem Gedanken unsre Mängel,
Zerlegt in tausend Teile einen Mann
Und schaffet eingebildte Heereskraft.
Denkt, wenn wir Pferde nennen, daß ihr sie
Den stolzen Huf seht in die Erde prägen;
Denn euer Sinn muß unsre Kön’ge schmücken.
Bringt hin und her sie, überspringt die Zeiten,
Verkürzet das Ereignis manches Jahrs
Zum Stundenglase. Daß ich dies verrichte,
Nehmt mich zum Chorus an für die Geschichte,
Der als Prolog euch bittet um Geduld;
Hört denn und richtet unser Stück mit Huld!

Erster Aufzug

Erste Szene

London. Ein Vorzimmer im Palast des Königs

Der Erzbischof von Canterbury und Bischof von Ely treten auf

Canterbury.
Mylord, ich sag Euch, eben die Verordnung
Wird jetzt betrieben, die im elften Jahr
Von der Regierung des verstorbnen Königs
Beinahe wider uns wär durchgegangen,
Wenn die verworrne, unruhvolle Zeit
Aus weitrer Frage nicht verdrängt sie hätte.

Ely.
Doch sagt, Mylord, wie wehrt man jetzt sie ab?

Canterbury.
Man muß drauf denken. Geht sie durch, so büßen
Wir unsrer Güter beßre Hälfte ein.
Denn all das weltlich Land, das fromme Menschen
Im Testament der Kirche zugeteilt,
Will man uns nehmen; nämlich so geschätzt:
Soviel, um für des Königs Staat zu halten
An fünfzehn Grafen, fünfzehnhundert Ritter,
Sechstausendundzweihundert gute Knappen;
Zum Trost für Sieche dann und schwaches Alter,
Für dürftge Seelen, leiblich unvermögend,
Einhundert wohlbegabte Armenhäuser;
Und sonst noch, in des Königs Schatz, des Jahrs
Eintausend Pfund: so lautet die Verordnung.

Ely.
Das wär ein starker Zug.

Canterbury.
Der schlänge Kelch und alles mit hinab.

Ely.
Allein wie vorzubeugen?

Canterbury.
Der König ist voll Huld und milder Rücksicht.

Ely.
Und ein wahrhafter Freund der heilgen Kirche.

Canterbury.
Sein Jugendwandel zwar verhieß es nicht.
Doch kaum lag seines Vaters Leib entseelt,
Als seine Wildheit auch, in ihm ertötet,
Zu sterben schien: ja in dem Augenblick
Kam beßre Überlegung wie ein Engel
Und peitscht’ aus ihm den sündgen Adam weg,
Daß wie ein Paradies sein Leib nun blieb,
Das Himmelsgeister aufnimmt und umfaßt.
Nie ward so schnell ein Zögling noch gebildet,
Nie hat noch Besserung mit einer Flut
So raschen Sturmes Fehler weggeschwemmt,
Und nie hat hydraköpfger Eigensinn
So bald den Sitz verloren, und mit eins,
Als jetzt bei diesem König.

Ely.
Die Umwandlung ist segensvoll für uns.

Canterbury.
Hört ihn nur über Gottsgelahrtheit reden,
Und, ganz Bewundrung, werdet Ihr den Wunsch
Im Innern tun, der König wär Prälat;
Hört ihn verhandeln über Staatsgeschäfte,
So glaubt Ihr, daß er einzig das studiert;
Horcht auf sein Kriegsgespräch, und grause Schlachten
Vernehmt Ihr vorgetragen in Musik.
Bringt ihn auf einen Fall der Politik,
Er wird desselben Gordschen Knoten lösen,
Vertraulich wie sein Knieband; daß, wenn er spricht,
Die Luft, der ungebundne Wüstling, schweigt,
Und stumm Erstaunen lauscht in aller Ohren,
Die honigsüßen Sprüche zu erhaschen,
So daß des Lebens Kunst und praktisch Teil
Der Meister dieser Theorie muß sein.
Ein Wunder, wie sie Seine Hoheit auflas,
Da doch sein Hang nach eitlem Wandel war,
Sein Umgang ungelehrt und roh und seicht,
Die Stunden hingebracht in Saus und Braus,
Und man nie regen Fleiß an ihm bemerkt,
Auch kein Zurückziehn, keine Sonderung
Von freiem Zulauf und von Volksgewühl!

Ely.
Es wächst die Erdbeer unter Nesseln auf,
Gesunde Beeren reifen und gedeihn
Am besten neben Früchten schlechtrer Art;
Und so verbarg der Prinz auch die Betrachtung
Im Schleier seiner Wildheit; ohne Zweifel
Wuchs sie wie Sommergras bei Nacht am schnellsten,
Das ungesehn doch kräftges Wachstum hat.

Canterbury.
Es muß so sein, denn Wunder gibts nicht mehr;
Deshalb muß man die Mittel eingestehn,
Wie was zustande kommt.

Ely.
Doch, bester Lord,
Was nun zu tun zur Mildrung dieses Vorschlags,
Den die Gemeinen tun? Ist Seine Majestät
Für oder wider?

Canterbury.
Er scheint unbestimmt,
Doch neigt er mehr auf unsre Seite sich,
Als daß er wider uns den Antrag fördert.
Denn ein Erbieten tat ich Seiner Majestät
Auf unsre geistliche Zusammenrufung,
Und in Betracht von jetzt vorhandnen Gründen,
Die Seiner Hoheit näher ich eröffnet,
Anlangend Frankreich: eine größre Summe
Zu geben, als die Geistlichkeit noch je
Auf einmal seinen Vorfahrn ausgezahlt.

Ely.
Wie nahm man dies Erbieten auf, Mylord?

Canterbury.
Es ward von Seiner Majestät genehmigt;
Nur war nicht Zeit genug, um anzuhören
(Was Seine Hoheit, merkt ich, gern getan),
Das Näh’re und die klare Ableitung
Von seinem Recht an ein’ge Herzogtümer
Und überhaupt an Frankreichs Kron und Land
Von Eduard, seinem Ältervater, her.

Ely.
Was war die Hindrung, die dies unterbrach?

Canterbury.
Den Augenblick bat Frankreichs Abgesandter
Gehör sich aus; die Stund ist, denk ich, da,
Ihn vorzulassen. Ist es nicht vier Uhr?

Ely.
Ja.

Canterbury.
Gehn wir hinein, die Botschaft zu erfahren,
Die ich jedoch gar leichtlich raten wollte,
Eh der Franzose noch ein Wort gesagt.

Ely.
Ich folg Euch, mich verlangt, sie anzuhören. (Ab.)

Zweite Szene

Ein Audienzsaal im Palast

König Heinrich, Gloster, Bedford, Exeter, Warwick, Westmoreland und Gefolge

König Heinrich.
Wo ist der würdge Herr von Canterbury?

Exeter.
Nicht gegenwärtig.

König Heinrich.
Sendet nach ihm, Oheim.

Westmoreland.
Mein König, soll man den Gesandten rufen?

König Heinrich.
Noch nicht, mein Vetter; Dinge von Gewicht,
Betreffend uns und Frankreich, liegen uns
Im Sinne, über die wir Auskunft wünschen,
Eh wir ihn sprechen.

Der Erzbischof von Canterbury und Bischof von Ely treten auf.

Canterbury.
Gott samt seinen Engeln
Beschirme Euren heilgen Thron und gebe,
Daß Ihr ihn lange ziert!

König Heinrich.
Wir danken Euch.
Fahrt fort, wir bitten, mein gelehrter Herr;
Erklärt rechtmäßig und gewissenhaft,
Ob uns das Salische Gesetz in Frankreich
Von unserm Anspruch ausschließt oder nicht.
Und Gott verhüte, mein getreuer Herr,
Daß Ihr die Einsicht drehn und modeln solltet
Und schlau Eur wissendes Gemüt beschweren
Durch Vortrag eines mißerzeugten Anspruchs,
Des eigne Farbe nicht zur Wahrheit stimmt.
Denn Gott weiß wie so mancher, jetzt gesund,
Sein Blut zu des Bewährung noch vergießt,
Wozu uns Eur Hochwürden treiben wird.
Darum gebt acht, wie Ihr Euch selbst verpfändet,
Wie Ihr des Krieges schlummernd Schwert erweckt;
In Gottes Namen mahn ich Euch: gebt acht!
Denn niemals stritten noch zwei solche Reiche,
Daß nicht viel Blut floß, des unschuldge Tropfen
Ein jeglicher ein weh und bittre Klage
Sind über den, der schuldig Schwerter wetzte,
Die so die kurze Sterblichkeit verheeren.
Nach der Beschwörung sprecht, mein würdger Herr;
Wir wollens merken und im Herzen glauben,
Das, was Ihr sagt, sei im Gewissen Euch
So rein wie Sünde bei der Tauf gewaschen.

Canterbury.
So hört mich, gnädiger Monarch, und Pairs,
Die diesem Herrscherthron eur Leben, Treue
Und Dienste schuldig seid: nichts einzuwenden
Ist wider Seiner Hoheit Recht an Frankreich,
Als dies, was sie vom Pharamund ableiten:
In terram Salicam mulieres ne succedant,
Auf Weiber soll nicht erben Salisch Land.
Dies Sal’sche Land nun deuten die Franzosen
Als Frankreich fälschlich aus, und Pharamund
Als Stifter dieser Ausschließung der Frauen.
Doch treu bezeugen ihre eignen Schreiber,
Daß dieses Sal’sche Land in Deutschland liegt,
Zwischen der Sala und der Elbe Strömen,
Wo Karl der Große, nach der Unterjochung
Der Sachsen, Franken angesiedelt ließ,
Die aus Geringschätzung der deutschen Fraun,
Als die in unehrbaren Sitten lebten,
Dort dies Gesetz gestiftet, daß kein Weib
Je Erbin sollte sein im Sal’schen Land,
Das, wie ich sagte, zwischen Elb und Sala
In Deutschland heutzutage Meißen heißt.
So zeigt sichs klar: das Salische Gesetz
Ward nicht ersonnen für der Franken Reich;
Noch auch besaßen sie das Sal’sche Land
Als bis vierhunderteinundzwanzig Jahre
Nach dem Hinscheiden König Pharamunds,
Den man den Stifter des Gesetzes wähnt.
Er starb im Jahr nach unsers Heilands Kunft
Vierhundertsechsundzwanzig; Karl der Große
Bezwang die Sachsen, setzte Franken ein
Jenseits des Flusses Sala, in dem Jahr
Achthundertfünf. Dann sagen ihre Schreiber,
König Pippin, der Childrich abgesetzt,
Gab Recht und Anspruch vor an Frankreichs Krone,
Als allgemeiner Erbe, von Blithilden,
Der Tochter stammend Königes Chlotar.
Auch Hugo Capet, der die Kron entriß
Herzogen Karl von Lothring, einzgem Erben
Vom echten Haus und Mannsstamm Karls des Großen,
Mit ein’gem Schein den Anspruch zu beschönen,
Der doch in Wahrheit schlecht und nichtig war,
Gab sich als Erben aus von Frau Lingaren,
Der Tochter Karlmanns, der von Kaiser Ludwig
Der Sohn war, so wie Ludewig der Sohn
Von Karl dem Großen. Auch Ludewig der Zehnte,
Des Usurpators Capet einzger Erbe,
Konnt im Gewissen keine Ruhe haben
Bei Frankreichs Krone, bis man ihm erwies,
Daß Isabell, die schöne Königin,
Von der er Enkel war in grader Reih,
Abstamme von Frau Irmengard, der Tochter
Des vorerwähnten Herzogs Karl von Lothring;
Durch welche Eh die Linie Karls des Großen
Mit Frankreichs Krone neu vereinigt ward,
So daß so klar wie Sonnenlicht erscheint:
Das Recht Pippins und Hugo Capets Vorwand
Und Ludewigs Beruhigung, sie gründen
Sich auf der Frauen Recht und Anspruch alle;
Wie Frankreichs Kön’ge tun bis diesen Tag,
Wiewohl sie gern das Salische Gesetz
Behaupten möchten, Euer Hoheit Anspruch
Von Frauen Seite damit auszuschließen,
Und lieber sich verstricken in ein Netz,
Als die verdrehten Rechte bloßzulegen,
Die Euch und Euren Vordern sie entwandt.

König Heinrich.
Kann ich nach Pflicht und Recht die Fordrung tun?

Canterbury.
Die Sünde auf mein Haupt, gestrenger Fürst!
Denn in dem Buch der Numeri steht geschrieben
«Der Tochter sei das Erbe zugewandt,
Wenn der Sohn stirbt.» Behauptet, gnädger Herr,
Was Euch gebührt; entrollt Eur’ Blutpanier’;
Schaut Euch nach Euren mächtgen Ahnen um,
Geht Herr, zu Eures Ältervaters Gruft,
Auf den Ihr Euch mit Eurer Fordrung stützt;
Ruft seinen tapfern Geist und Eduards an,
Des Schwarzen Prinzen, Eures Großoheims,
Der dort auf fränkschem Grund ein Trauerspiel,
Die Macht von Frankreich schlagend, aufgeführt,
Indes sein großer Vater lächelnd stand
Auf einer Höh und seinen jungen Löwen
Sich weiden sah im Blut des fränkschen Adels.
O edle Englische, die trotzen konnten
Mit halbem Heere Frankreichs ganzem Stolz,
Und lachend stand dabei die andre Hälfte,
Ganz kühl und unbeschäftigt bei dem Kampf.

Ely.
Weckt die Erinnrung dieser tapfern Toten,
Mit mächtgem Arm erneuet ihre Taten!
Ihr seid ihr Erb, Ihr sitzt auf ihrem Thron,
Das Blut, der Mut rinnt in den Adern Euch,
Der sie erhob; mein dreimal mächtger Fürst
Ist in dem Maienmorgen seiner Jugend,
Zu Tat und großer Unternehmung reif.

Canterbury.
Die Herrn der Erde, Eure Mitmonarchen,
Erwarten alle, daß Ihr Euch ermannt,
So wie die vorgen Löwen Eures Bluts.

Westmoreland.
Sie wissen, Ihr habt Grund und Macht und Mittel:
Die hat Eur Hoheit auch; kein König Englands
Hat einen reichern Adel je gehabt,
Noch treure Untertanen, deren Herzen
Die Leiber hier in England heim gelassen
Und sich in Frankreichs Feldern schon gelagert.

Canterbury.
O laßt die Leiber folgen, bester Fürst,
Gewinnt Eur Recht mit Blut und Feur und Schwert,
Wozu wir von der Geistlichkeit Eur Hoheit
Solch eine starke Summ erheben wollen,
Als nie die Klerisei mit einemmal
Noch einem Eurer Ahnen zugebracht.

König Heinrich.
Man muß nicht bloß sich wider die Franzosen
Zum Angriff rüsten, auch zum Widerstand
Die Vorkehrungen gegen Schottland treffen,
Das einen Zug sonst wider uns wird tun
Mit allem Vorteil.

Canterbury.
Die an den Marken dort, mein gnädger Fürst,
Sind stark genug zur Maur, das innre Land
Vor Plünderern der Grenze zu beschützen.

König Heinrich.
Wir meinen nicht die leichten Streifer bloß,
Die Hauptgewalt des Schotten fürchten wir,
Der stets für uns ein wilder Nachbar war.
Denn ihr könnt lesen, daß mein Ältervater
Mit seinen Truppen nie nach Frankreich zog,
Daß nicht der Schott’ ins unbewehrte Reich
Hereinbrach wie die Flut in einen Riß,
Mit reicher Überfülle seiner Kraft,
Das leere Land mit heißem Angriff plagend,
Die Städt und Burgen mit Belagrung gürtend,
Daß unsre Landschaft aller Wehr entblößt,
Gebebt vor solcher üblen Nachbarschaft.

Canterbury.
Sie hatte dann mehr Schreck als Schaden, Herr;
Denn hört sie nur bewähret durch sich selbst:
Als ihre Ritterschaft in Frankreich war
Und sie betrübte Witwe ihrer Edlen,
Hat sie nicht bloß sich selber gut verteidigt,
Sie fing der Schotten König, sperrt’ ihn ein,
Sandt ihn nach Frankreich dann, um Eduards Ruhm
Zu füllen mit gefangner Kön’ge Zahl
Und Eure Chronik reich an Preis zu machen,
Wie Meeres Schlamm und Boden ist an Trümmern
Gesunkner Schiff’ und Schätzen ohne Maß.

Westmoreland.
Doch gibt es einen Spruch, sehr alt und wahr:
«So du Frankreich willst gewinnen,
Mußt mit Schottland erst beginnen.»
Denn ist der Adler England erst auf Raub,
So kommt das Wiesel Schottland angeschlichen
Zu seinem unbewachten Nest und saugt
Ihm so die königlichen Eier aus;
Es spielt die Maus, die, wenn die Katze fort,
Besudelt und verdirbt, was sie nicht frißt.

Exeter.
Die Katze muß demnach zu Hause bleiben;
Doch unbedingt ist solche Nöt’gung nicht.
Gibts Schlösser doch, den Vorrat zu verwahren,
Und feine Fallen für die kleinen Diebe.
Indes die Hand bewaffnet auswärts ficht,
Wehrt sich zu Hause das beratne Haupt.
Denn Regiment, zwar hoch, und tief und tiefer
Verteilt an Glieder, hält den Einklang doch
Und stimmt zu einem vollen, reinen Schluß
So wie Musik.

Canterbury.
Sehr wahr; drum teilt der Himmel
Des Menschen Stand in mancherlei Beruf
Und setzt Bestrebung in beständgen Gang,
Dem als zum Ziel Gehorsam ist gestellt;
So tun die Honigbienen, Kreaturen,
Die durch die Regel der Natur uns lehren
Zur Ordnung fügen ein bevölkert Reich.
Sie haben einen König und Beamte
Von unterschiednem Rang, wovon die einen
Wie Obrigkeiten, Zucht zu Hause halten,
Wie Kaufleut andre auswärts Handel treiben,
Noch andre, wie Soldaten, mit den Stacheln
Bewehrt, die samtnen Sommerknospen plündern
Und dann den Raub mit lustgem Marsch nach Haus
Zum Hauptgezelte ihres Kaisers bringen;
Der, emsig in der Majestät, beachtet,
Wie Maurer singend goldne Dächer baun,
Die stillen Bürger ihren Honig kneten,
Wie sich die armen Tagelöhner drängen
Mit schweren Bürden an dem engen Tor;
Wie, mürrisch summend, der gestrenge Richter
Die gähnende und faule Drohne liefert
In bleicher Henker Hand. Ich folgte dies:
Daß viele Dinge, die zusammen stimmen
Zur Harmonie, verschieden wirken können,
Wie viele Pfeile da- und dorthin fliegen
Zu einem Ziel;
Wieviel verschiedne Weg’ in eine Stadt,
Wie viele frische Ström in eine See,
Wie viele Linien in den Mittelpunkt
An einer Sonnenuhr zusammenlaufen:
So, erst im Gang, kann tausendfaches Wirken
Zu einem Zweck gedeihn, wohl durchgeführt
Und ohne Mangel. Drum nach Frankreich, Herr!
Teilt Euer glücklich England in vier Teile:
Ein Viertel nehmt davon nach Frankreich hin,
Ihr könnt damit ganz Gallien zittern machen;
Wenn wir mit dreimal soviel Macht zu Haus
Die eigne Tür dem Hund nicht wehren können,
So laßt uns zausen, und dies Volk verliere
Den Ruhm der Tapferkeit und Politik.

König Heinrich.
Ruft die vom Dauphin hergesandten Boten!

(Einer vom Gefolge ab. Der König besteigt den Thron.)

Wir sind entschlossen, und mit Gottes Hilfe
Und eurer (unsrer Stärke edlen Sehnen),
Da Frankreich unser, wollen wir vor uns
Es beugen, oder ganz in Stücke brechen;
Wir wollen dort entweder waltend sitzen
In weiter hoher Herrschaft über Frankreich
Und die fast königlichen Herzogtümer;
Sonst ruhe dies Gebein in schlechter Urne,
Grablos und ohne Denkmal über ihm.
Wenn die Geschichte nicht mit vollem Mund
Kühn meine Taten spricht, so sei mein Grab
Gleich einem türkschen Stummen ohne Zunge,
Nicht mit papiernem Epitaph geehrt.

Die französischen Gesandten treten auf.

Wir sind bereit, was unserm Vetter Dauphin
Beliebt, nun zu vernehmen; denn wir hören,
Von ihm ist euer Gruß, vom König nicht.

Gesandter.
Geruhn Eur Majestät, uns zu erlauben,
Frei zu bestellen, was der Auftrag ist;
Wie, oder sollen schonend wir von fern
Des Dauphins Meinung, unsre Botschaft, zeigen?

König Heinrich.
Nicht ein Tyrann, ein christlicher Monarch
Sind Wir, und Unsre Leidenschaft der Gnade
So unterworfen, wie in Unsern Kerkern
Verbrecher angefesselt; darum sagt
Mit freier, ungehemmter Offenheit
Des Dauphins Meinung uns.

Gesandter.
Dann kürzlich so:
Eur Hoheit, neulich hin nach Frankreich sendend,
Sprach dort gewisse Herzogtümer an,
Kraft Eures großen Vorfahrn Eduard des Dritten.
Zur Antwort nun sagt unser Herr, der Prinz,
Daß Ihr zu sehr nach Eurer Jugend schmeckt,
Und heißt Euch wohl bedenken, daß in Frankreich
Mit muntern Tänzen nichts gewonnen wird;
Ihr könnt Euch nicht in Herzogtümer schwärmen.
Drum schickt er, angemeßner Eurem Geist,
Euch dieser Tonne Schatz, begehrt dafür,
Ihr wollet fernerhin die Herzogtümer
Nicht von Euch hören lassen. So der Dauphin.

König Heinrich.
Der Schatz, mein Oheim?

Exeter.
Federbälle, Herr.

König Heinrich.
Wir freun uns, daß der Dauphin mit uns scherzt;
Habt Dank für eure Müh und sein Geschenk.
Wenn wir zu diesen Bällen die Rakette
Erst ausgesucht, so wollen wir in Frankreich
Mit Gottes Gnad in einer Spielpartie
Des Vaters Kron ihm in die Schanze schlagen;
Sagt ihm, er ließ sich ein mit solchem Streiter,
Daß alle Höfe Frankreichs ängsten wird
Der Bälle Sprung. Und – wir verstehn ihn wohl,
Wie er uns vorhält unsre wildern Tage
Und nicht ermißt, wozu wir sie benutzt.
Wir schätzten niemals diesen armen Sitz
Von England hoch; drum in der Ferne lebend,
Ergaben wir uns wilder Ausschweifung,
Wie Menschen immer es zu halten pflegen,
Daß sie am lustigsten vom Hause sind.
Doch sagt dem Dauphin, daß ich meinen Rang
Behaupten will, gleich einem König sein,
Und meiner Größe Segel will entfalten,
Erheb ich mich auf meinen fränkschen Thron.
Ich legte meine Majestät beiseit
Und plagte mich gleich einem Werktagsmann;
Doch dort steh ich in voller Glorie auf,
Die alle Augen Frankreichs blenden soll,
Ja auch den Dauphin selbst mit Blindheit schlagen.
Und sagt dem muntern Prinzen, dies Gespött
Verwandle seine Bäll’ in Büchsensteine,
Und seine Seele lade schwer auf sich
Die Schuld verheerungsvoller Rache, die
Mit ihnen ausfliegt: denn vieltausend Witwen
Wird dies Gespött um werte Gatten spotten,
Um Söhne Mütter, Burgen niederspotten,
Und mancher jetzt noch ungeborne Sohn
Wird künftig fluchen auf des Dauphins Hohn.
Doch dies beruht in Gottes Willen alles,
Auf den ich mich beruf, und in des Namen
Sagt ihr dem Dauphin, daß ich komme, mich
Zu rächen, wie ich kann, und auszustrecken
In heilger Sache den gerechten Arm.
So zieht in Frieden hin und sagt dem Dauphin,
Sein Spaß wird nur wie schaler Witz erscheinen,
Wenn tausend mehr, als lachten, drüber weinen.
Gebt ihnen sicheres Geleit! – Lebt wohl!

(Gesandte ab.)

Exeter.
Gar eine lustge Botschaft.

König Heinrich.
Wir hoffen, ihren Sender rot zu machen.

(Er steigt vom Thron.)

Drum, Lords, versäumt keine günstge Stunde,
Die unser Unternehmen fordern mag.
Denn mein Gedank ist einzig Frankreich nun,
Nur der an Gott geht dem Geschäfte vor.
Laßt denn zu diesem Krieg bald unsre Mittel
Versammelt sein, und alles wohl bedacht,
Was Federn unsern Schwingen leihen kann
Zu weiser Schnelligkeit: denn, Gott voraus,
Straf ich den Dauphin in des Vaters Haus.
Drum strenge jeder seinen Geist nun an,
Dem edlen Werk zu schaffen freie Bahn! (Alle ab.)

Zweiter Aufzug

Chorus tritt auf

Chorus.
Nun ist die Jugend Englands ganz in Glut,
Und seidne Buhlschaft liegt im Kleiderschrank;
Die Waffenschmiede nun gedeihn, der Ehre
Gedanke herrscht allein in aller Brust.
Sie geben um das Pferd die Weide feil,
Dem Spiegel aller Christenkön’ge folgend,
Beschwingten Tritts, wie englische Merkure.
Denn jetzo sitzt Erwartung in der Luft
Und birgt ein Schwert, vom Griff bis an die Spitze
Mit Kaiserkronen, Herrn- und Grafenkronen,
Heinrich und seinen Treuen zugesagt.
Die Franken, welche gute Kundschaft warnt
Vor dieser Schreckensrüstung, schütteln sich
In ihrer Furcht, und bleiche Politik
Bemüht sich, Englands Zwecke abzulenken.
O England! Vorbild deiner innern Größe,
Gleich einem kleinen Leib mit mächtgem Herzen,
Was könntest du nicht tun, was Ehre will,
Wär jedes deiner Kinder gut und echt!
Doch sieh nur! Frankreich fand in dir ein Nest
Von hohlen Busen, und das füllt es an
Mit falschen Kronen. Drei verderbte Männer:
Der eine, Richard, Graf von Cambridge, dann
Heinrich, Lord Scroop von Masham, und der dritte,
Sir Thomas Grey, northumberlandscher Ritter,
Sie sind um fränkschen Sold (o Schuld, nicht Sold!)
Eidlich verschworen mit dem bangen Frankreich.
Und dieser Ausbund aller Kön’ge muß
Von ihren Händen sterben (wenn ihr Wort
Verrat und Hölle halten), eh er sich
Nach Frankreich eingeschifft, und in Southampton.
Verlängt noch die Geduld, so ordnen wir
Der Ferne Mißbrauch nach des Spieles Zwang.
Die Summe ist bezahlt, die Frevler einig,
Der König fort von London, und die Szene
Ist nun verlegt, ihr Teuren, nach Southampton.
Da ist das Schauspielhaus, da müßt ihr sitzen;
Von da geleiten wir nach Frankreich euch
Und bringen sicher euch zurück, beschwörend
Die schmale See, daß sanfte Überfahrt
Die euch gewährt; denn gehn nach uns die Sachen,
So soll dies Spiel nicht einen seekrank machen.
Doch wenn der König kommt, und nicht zuvor,
Rückt unsre Szene nach Southampton vor. (Ab.)

Erste Szene

London. Straße in Eastcheap

Nym und Bardolph begegnen einander

Bardolph.
Willkommen, Korporal Nym.

Nym.
Guten Morgen, Leutnant Bardolph.

Bardolph.
Sagt, seid Ihr und Fähnrich Pistol wieder gute Freunde?

Nym.
Ich für mein Teil frage nicht danach, ich sage wenig, aber wenn die Zeit kommt, kann es freundlich zugehen; doch das mag sein, wie es will. Fechten mag ich nicht; aber ich kann die Augen zutun und meinen Spieß vorhalten. Es ist nur ganz einfältig, aber was tuts ? Man kann Käse daran rösten, und er hält die Kälte aus sogut wie andrer Menschen Degen auch, und das ist der Humor davon.

Bardolph.
Ich will ein Frühstück daran wenden, euch zu guten Freunden zu machen, und dann wollen wir alle als geschworne Brüder nach Frankreich ziehn. Bietet dazu die Hand, guter Korporal Nym.

Nym.
Meiner Treu, ich will so lange leben, als es geht, das ist ausgemacht, und wenn ich nicht länger leben kann, so will ich sehen, wie ich es mache. Das ist mein Schluß, das ist das laus deo dabei.

Bardolph.
Es ist gewiß, Korporal, daß er mit Lene Hurtig verheiratet ist, und gewißlich, er tat Euch unrecht, denn Ihr wart mit ihr versprochen.

Nym.
Ich weiß es nicht, die Sachen müssen gehn, wie sie können: es kann kommen, daß Leute schlafen und daß sie zu der Zeit ihre Gurgel bei sich haben, und etliche behaupten, Messer haben Schneiden. Es muß gehen, wie es kann. Ist Geduld schon eine abgetriebene Mähre, so schleppt sie sich doch fort. Es muß eine Endschaft werden. Nun, ich weiß es nicht.

Pistol und Frau Hurtig kommen.

Bardolph.
Da kommt Fähnrich Pistol und seine Frau. Guter Korporal, nun haltet Euch ruhig. – Nun, wie stehts, Herr Wirt?

Pistol.
Du Zecke, nennst mich Wirt?
Bei dieser Hand, das ist für mich kein Name,
Noch herbergt meine Lene.

Frau Hurtig.
Wenigstens nicht lange, meiner Treu; denn wir können nicht ein Dutzend Frauenzimmer oder was drüber in Wohnung und Kost haben, die sich ehrbar vom Stich ihrer Nadeln ernähren, ohne daß man gleich denkt, wir hielten ein liederliches Haus. (Nym zieht den Degen.) O Herr! da ist Korporal Nym seiner – nun haben wir hier vorsätzlichen Ehebruch und Mord. Guter Korporal Nym, zeige dich als ein tüchtiger Mann und steck den Degen ein.

Bardolph.
Guter Leutnant – guter Korporal, nehmt nichts vor!

Nym.
Pah!

Pistol.
Pah dir, isländischer Hund! Du kecker Spitz von Island!

Nym.
Willst du abziehn? Ich möchte dich solus haben.

(Steckt den Degen in die Scheide.)

Pistol.
Solus, du ungemeiner Hund? O Viper!
Das solus in dein seltsamlich Gesicht,
Das solus in die Zähn und Kehle dir,
In deine schnöde Lunge, ja, in deinen Magen,
Und, was noch schlimmer, in den garstgen Mund!
Dein solus schleudr’ ich dir ins Eingeweide,
Denn reden kann ich, und der Hahn Pistols
Ist schon gespannt, und blitzend Feuer folgt.

Nym.
Ich bin nicht Barbason, Ihr könnt mich nicht beschwören. Ich bin im Humor, Euch leidlich derb auszupochen; wenn Ihr mir Schimpf antut, so will ich Euch mit meinem Rapier fegen, wie ich in allen Ehren tun darf; wollt Ihr davongehn, so möchte ich Euch ein bißchen in die Gedärme prickeln, wie ich nach guter Sitte tun darf, und das ist der Humor davon.

Pistol.
O Prahler feig, verdammter, grimmger Wicht!
Es gähnt das Grab, und Tod ist ächzend nah;
Drum hol heraus! (Pistol und Nym ziehen.)

Bardolph (zieht).
Hört mich an, hört an, was ich sage: wer den ersten Streich tut, dem renn ich den Degen bis ans Gefäß in den Leib, so wahr ich ein Soldat bin.

Pistol.
Ein Schwur von sondrer Kraft, und legen soll sich Wut.
Gib deine Faust, den Vorderfuß mir gib:
Dein Mut ist kernhaft stark.

Nym.
Ich will dir die Kehle abschneiden, über kurz oder lang in allen Ehren, das ist der Humor davon.

Pistol.
So heißt es, coupe la gorge? – Ich trotze dir aufs neu.
O Hund von Kreta, hoffst du auf mein Weib?
Nein! Geh in das Spital
Und hol vom Pökelfaß der Schande dir
Den eklen Geir von Cressidas Gezücht,
Genannt mit Namen Dortchen Lakenreißer;
Die nimm zur Eh; ich hab und will behaupten
Die quondam Hurtig als die einzge Sie;
Und pauca, damit gut!

Der Bursch kommt.

Bursch.
Herr Wirt Pistol, Ihr müßt zu meinem Herrn kommen, – Ihr auch, Wirtin; – er ist sehr krank und will zu Bett. Guter Bardolph, steck die Nase zwischen seine Bettlaken und verrichte den Dienst eines Bettwärmers; wahrhaftig, ihm ist sehr schlimm.

Bardolph.
Fort, du Schelm!

Frau Hurtig.
Meiner Treu, er wird nächster Tage den Krähen eine fette Mahlzeit geben; der König hat ihm das Herz gebrochen. – Lieber Mann, komm gleich nach Hause.

(Frau Hurtig und der Bursch ab.)

Bardolph.
Kommt, soll ich euch beide zu Freunden machen? Wir müssen zusammen nach Frankreich: was Teufel sollen wir Messer führen, einander die Gurgeln abzuschneiden?

Pistol.
Die Flut schwell’ an, die Hölle heul’ um Raub!

Nym.
Wollt Ihr mir die acht Schillinge bezahlen, die ich Euch in einer Wette abgewann?

Pistol.
Ein schnöder Kriecht bezahlt.

Nym.
Die will ich jetzo haben, das ist der Humor davon.

Pistol.
Wie Mannheit Ausspruch tut. Stoß zu!

Bardolph.
Bei diesem Schwert! Wer den ersten Stoß tut, den bring ich um; bei diesem Schwert! das tu ich.

Pistol.
Schwert ist Schwur, und Recht der Schwüre gilt.

Bardolph.
Korporal Nym, willst du gut Freund sein, so sei gut Freund; willst du nicht, nun, so mußt du auch mit mir Feind sein. Bitte, steck ein!

Nym.
Soll ich meine acht Schillinge haben, die ich Euch in einer Wette abgewann?

Pistol.
Sollst einen Nobel haben, und das bar,
Und will Getränk dir gleichermaßen geben,
Und Freundschaft sei vereint und Brüderschaft;
Ich lebe nun von Nym und Nym von mir.
Ists so nicht recht? – Denn ich will Marketender
Dem Lager sein, und Vorteil fließt mir zu.
Gib mir die Hand!

Nym.
Ich soll meinen Nobel haben?

Pistol.
In Barschaft wohl bezahlt.

Nym.
Gut denn, das ist der Humor davon.

Frau Hurtig kommt zurück.

Frau Hurtig.
So wahr ihr von Weibern hergekommen seid, kommt hurtig zu Sir John herein! Ach die arme Seele! Ein brennendes Quotidian-Tertian-Fieber rüttelt ihn so zusammen, daß es höchst kläglich anzusehen ist, Herzensmänner, kommt zu ihm!

Nym.
Der König hat üble Humore mit ihm gespielt, das ist das Wahre von der Sache.

Pistol.
Nym, du hast wahr geredt,
Gebrochen ist sein Herz und restauriert.

Nym.
Der König ist ein guter König, aber man muß es nehmen, wie es kommt. Er nimmt allerlei Humore und Sprünge vor.

Pistol.
Klagt um den Ritter weh; wir leben nun als Lämmer.

(Alle ab.)

Zweite Szene

Southampton. Ein Ratssaal

Exeter, Bedford und Westmoreland treten auf

Bedford.
Wie traut nur Seine Hoheit den Verrätern!

Exeter.
In kurzem werden sie verhaftet sein.

Westmoreland.
Wie gleisnerisch und glatt sie sich gebärden,
Als säß Ergebenheit in ihrem Busen,
Mt Treu gekrönt und fester Biederkeit!

Bedford.
Der König weiß von ihrem ganzen Anschlag
Durch Kundschaft, die sie sich nicht träumen lassen.

Exeter.
Nein; aber daß sein Bettgenoß, der Mann,
Den er mit Fürstengunst hat überhäuft,
Um fremdes Gold das Leben seines Herrn
So dem Verrat und Tod verkaufen konnte!

Trompeten. König Heinrich, Scroop, Cambridge, Grey, Lords und Gefolge.

König Heinrich.
Der Wind ist günstig, laßt uns nun an Bord!
Mylord von Cambridge, und bester Lord von Masham,
Und ihr, mein werter Ritter, gebt uns Rat,
Denkt ihr nicht, daß die Truppen, so wir führen,
Durch Frankreichs Macht den Weg sich bahnen werden,
Der Tat und der Vollführung Gnüge leistend,
Wozu wir sie in Heereskraft vereint?

Scroop.
Kein Zweifel, Herr, tut nur das Seine jeder.

König Heinrich.
Das zweifl’ ich nicht; denn wir sind überzeugt,
Wir nehmen nicht ein Herz mit uns von hinnen,
Das nicht in Einstimmung mit unserm lebt,
Und lassen keins dahinten, das nicht wünscht,
Daß uns Erfolg und Sieg begleiten mag.

Cambridge.
Kein Fürst ward mehr gefürchtet und geliebt
Als Eure Majestät; kein einzger Untertan,
So denk ich, sitzt in Unruh und Verdruß
Im süßen Schatten Eures Regiments.

Grey.
Selbst die, so Eures Vaters Feinde waren,
Die Gall in Honig tauchend, dienen Euch
Mit Herzen, ganz aus Treu und Pflicht gebaut.

König Heinrich.
So haben wir viel Grund zur Dankbarkeit
Und werden eh die Dienste unsrer Hand
Vergessen, als Vergeltung des Verdienstes
Zufolge seiner Größ und Würdigkeit.

Scroop.
So wird der Dienst gestählte Sehnen spannen,
Und Mühe wird mit Hoffnung sich erfrischen,
Eur Gnaden unablässig Dienst zu tun.

König Heinrich.
Man hofft nicht minder. – Oheim Exeter,
Laßt frei den Mann, der gestern ward gesetzt,
Der wider uns geschmäht hat; wir erwägen,
Daß Übermaß von Wein ihn angereizt,
Und da er sich besinnt, verzeihn wir ihm.

Scroop.
Das ist zwar gnädig, doch zu sorgenlos.
Laßt ihn bestrafen, Herr, daß nicht das Beispiel
Durch seine Duldung mehr dergleichen zeuge.

König Heinrich.
O laßt uns dennoch gnädig sein!

Cambridge.
Das kann Eur Hoheit und doch strafen auch.

Grey.
Ihr zeigt viel Gnade, schenkt Ihr ihm das Leben,
Nachdem er starke Züchtigung erprobt.

König Heinrich.
Ach, Eure große Lieb und Sorg um mich
Sind schwere Bitten wider diesen Armen.
Darf man ein klein Versehn aus Trunkenheit
Nicht übersehn, wie muß der Blick es rügen,
Erscheint vor uns, gekäut, verschluckt, verdaut
Ein Hauptverbrechen? – Wir lassen doch ihn frei,
Ob Cambridge, Scroop und Grey, aus treuer Sorge
Und wacher Hütung unserer Person
Gestraft ihn wünschen. Nun zur fränkschen Sache:
Wem wurde letzthin Vollmacht zugeteilt?

Cambridge.
Mir eine, gnädger Herr.
Ihr hießt mich, heute sie von Euch begehren.

Scroop.
Mich auch, mein Fürst.

Grey.
Mich auch, mein königlicher Herr.

König Heinrich.
Da, Richard Graf von Cambridge, habt Ihr Eure; –
Da Ihr, Lord Scroop von Masham; – und Herr Ritter
Grey von Northumberland, das hier ist Eure: –
Lest und erkennt: ich kenne Euren Wert.
Mylord von Westmoreland, und Oheim Exeter,
Wir gehn zu Nacht an Bord – Wie nun, ihr Herrn,
Was steht in den Papieren, daß ihr euch
So gar entfärbt? – Seht, wie sie sich verwandeln!
Die Wangen sind Papier. – Was lest ihr nur,
Das euer feiges Blut so hat verjagt
Aus eurem Antlitz?

Cambridge.
Ich gesteh die Schuld
Und beuge mich vor Eurer Hoheit Gnade.

Grey und Scroop.
An die wir all uns wenden.

König Heinrich.
Die Gnade, die noch eben in uns lebte,
Hat euer Rat erdrückt und umgebracht.
Schämt euch und wagt von Gnade nicht zu sprechen;
Es fallen eure Gründ auf euch zurück,
Wie Hunde, die den eignen Herrn zerfleischen.
Seht, meine Prinzen und ihr edlen Pairs,
Den Abschaum Englands! Mylord von Cambridge hier
Ihr wißt, wie willig unsre Liebe war,
Mit allem Zubehör ihn zu versehn,
Das seiner Ehre zukam; und der Mann
Hat, leichtgesinnt, um wenig leichte Kronen
Mit Frankreichs Ränken sich verschworen, uns
In Hampton hier zu morden! – was mit ihm
Der Ritter dort, nicht wen’ger meiner Güte
Als jener schuldig, auch beschwor. – Doch, oh!
Was sag ich erst von dir, Lord Scroop, du wilde,
Grausame, undankbare Kreatur?
Du, der die Schlüssel meines Rates trug,
Der meiner Seele sah bis auf den Grund,
Der mich beinah in Gold ausprägen mochte,
Hättst du um Vorteil dich bei mir bemüht:
Ists möglich, daß aus dir die fremde Löhnung
Nur einen Funken Übels konnte ziehn,
Den Finger mir zu kränken? ‘s ist so seltsam,
Daß, sticht die Wahrheit gleich so derb hervor
Wie Schwarz auf Weiß, mein Aug sie kaum will sehn
Verrat und Mord, sie hielten stets zusammen
Wie ein Gespann von einverstandnen Teufeln,
So plump auf ein natürlich Ziel gerichtet,
Daß die Verwundrung über sie nicht schrie;
Du aber, wider alles Ebenmaß,
Läß’st dem Verrat und Mord Erstaunen folgen.
Und was es für ein schlauer Feind auch war,
Der so verkehrt auf dich hat eingewirkt,
Die Hölle hat den Preis ihm zugesprochen;
Denn andre Teufel, die Verrat eingeben,
Staffieren, stutzen die Verdammnis auf
Mit Flicken, falschen Farben, Schaugepränge,
Vom Gleisnerschein der Frömmigkeit entlehnt;
Doch er, der dich gemodelt, hieß dich aufstehn,
Gab keinen Grund dir, den Verrat zu üben,
Als weil er nur dich zum Verräter schlug.
Wenn dieser Dämon, der dich so bedrückt,
Mit seinem Löwenschritt die Welt umginge,
Zum öden grausen Tartarus zurück
Würd er sich wenden, um den Legionen
Zu sagen: «Keine Seele werd ich je
So leicht als dieses Englischen gewinnen.»
O wie hast du mit Argwohn nun vergällt
Die Süßigkeit des Zutrauns! Zeigt sich jemand treu?
Nun wohl, du auch. Scheint er gelehrt und ernst?
Nun wohl, du auch. Stammt er aus edlem Blut?
Nun wohl, du auch. Scheint er voll Andacht?
Nun wohl, du auch. Ist er im Leben mäßig,
Von wildem Ausbruch frei in Lust und Zorn,
Von Geiste fest, nicht schwärmend mit dem Blut,
Geziert, bekleidet mit bescheidner Haltung
Dem Aug nicht folgend, ohne das Gehör
Und ohne reifes Urteil einem trauend?
So und so fein gesichtet schienest du;
So ließ dein Fall auch einen Fleck zurück,
Den reichst- und bestbegabten Mann zu zeichnen
Mit ein’gem Argwohn. Ich will um dich weinen,
Denn dieses dein Empören dünket mich
Ein zweiter Sündenfall. – Die Schuld ist klar
Verhaftet sie zum Stehen vor Gericht,
Und spreche Gott sie ihrer Ränke los!

Exeter.
Ich verhafte dich um Hochverrat bei dem Namen
Richard Graf von Cambridge.
Ich verhafte dich um Hochverrat bei dem Namen
Heinrich Lord Scroop von Masham.
Ich verhafte dich um Hochverrat bei dem Namen
Thomas Grey, Ritter von Northumberland.

Scroop.
Gerecht hat unsern Anschlag Gott entdeckt,
Es reut mein Fehler mehr mich als mein Tod;
Ich bitt Eur Hoheit, mir ihn zu verzeihn,
Obschon mein Leib den Lohn dafür bezahlt.

Cambridge.
Mich hat das Gold von Frankreich nicht verführt,
Wiewohl als Antrieb ich es gelten ließ,
Was ich entworfen, schneller auszuführen.
Doch Gott sei Dank für die Zuvorkommung,
Der ich mich herzlich will im Leiden freun,
Anflehend Gott und Euch, mir zu vergeben.

Grey.
Nie freut ein treuer Untertan sich mehr,
Weil man gefährlichen Verrat entdeckt,
Als ich in dieser Stunde über mich,
Gehindert am versuchten Unternehmen.
Verzeiht, Herr, meiner Schuld, nicht meinem Leib.

König Heinrich.
Gott sprech euch gnädig los! Hört euren Spruch:
Ihr habt auf unsre fürstliche Person
Verschwörung angestiftet, euch verbündet
Mit dem erklärten Feind und habt aus seinen Kisten
Das goldne Handgeld unsers Tods empfangen.
Ihr wolltet euren Herrn dem Mord verkaufen,
Der Knechtschaft seine Prinzen, seine Pairs
Der Schmach, dem Drucke seine Untertanen
Und der Verheerung sein ganz Königreich.
Wir suchen keine Rache für uns selbst,
Doch liegt uns so das Heil des Reiches ob,
Des Fall ihr suchtet, daß wir dem Gesetz
Euch überliefern müssen. Drum macht euch fort,
Elende, arme Sünder, in den Tod,
Wovon den Schmack euch Gott aus seiner Gnade
Geduld zu kosten geb und wahre Reu
Für eure Missetaten! – Schafft sie fort!

(Die Verschwornen werden mit Wache abgeführt.)

Nun, Lords, nach Frankreich, welches Unternehmen
Für euch wie uns wird eben glorreich sein.
Wie zweifeln nicht an einem günstgen Krieg;
Da Gott so gnädig an das Licht gebracht
Den Hochverrat, an unserm Wege lauernd,
Um den Beginn zu stören, zweifl’ ich nicht,
Daß jeder Anstoß jetzt geschlichtet sei.
Wohlauf denn, liebe Landgenossen! Laßt
In Gottes Hand uns geben unsre Macht,
Indem wir gleich sie zur Vollstreckung führen.
Fröhlich zur See! Die Fahnen fliegen schon;
Kein König Englands ohne Frankreichs Thron! (Alle ab.)

Dritte Szene

London. Vor dem Hause der Frau Hurtig in Eastcheap

Pistol, Frau Hurtig, Nym, Bardolph und der Bursch kommen

Frau Hurtig.
Ich bitte dich, mein honigsüßer Mann, laß mich dich bis Staines begleiten.

Pistol.
Nein, denn mein männlich Herz klopft weh.
Bardolph, getrost! Nym, weck die Prahlerader!
Bursch, krause deinen Mut! Denn Falstaff, der ist tot,
Und uns muß weh drum sein.

Bardolph.
Ich wollte, ich wäre bei ihm, wo er auch sein mag, im Himmel oder in der Hölle.

Frau Hurtig.
Nein, gewiß er ist nicht in der Hölle; er ist in Arturs Schoß, wenn jemals einer in Arturs Schoß gekommen ist. Er nahm ein so schönes Ende und schied von hinnen, als wenn er ein Kind im Westerhemdchen gewesen wäre. Just zwischen zwölf und eins fuhr er ab, grade wie es zwischen Flut und Ebbe stand; denn wie ich ihn die Bettlaken zerknüllen sah und mit Blumen spielen und seine Fingerspitzen anlächeln, da wußte ich, daß ihm der Weg gewiesen wäre; denn seine Nase war so spitz wie eine Schreibfeder, und er faselte von grünen Feldern. «Nun, Sir John?» sagte ich. «Ei, Mann, seid gutes Muts!» Damit rief er aus: «Gott! Gott! Gott!» ein Stücker drei- oder viermal. Ich sagte, um ihn zu trösten, er möchte nicht an Gott denken; ich hoffte, es täte ihm noch nicht not, sich mit solchen Gedanken zu plagen. Damit bat er mich, ihm mehr Decken auf die Füße zu legen. Ich streckte meine Hand in das Bett und befühlte sie, und sie waren so kalt wie ein Stein; darauf befühlte ich seine Knie und so immer weiter und weiter hinauf, und alles war so kalt wie ein Stein.

Nym.
Sie sagen, er hätte über den Sekt einen Ausruf getan.

Frau Hurtig.
Ja, das tat er auch.

Bardolph.
Und über die Weibsbilder.

Frau Hurtig.
Ne, das tat er nicht.

Bursch.
Ja, das tat er wohl und sagte, sie wären eingefleischte Teufel.

Frau Hurtig.
Ja, was ins Fleisch fiel, das konnte er nicht leiden; die Fleischfarbe war ihm immer zuwider.

Bursch.
Er sagte einmal, der Teufel würde seiner noch wegen der Weibsbilder habhaft werden.

Frau Hurtig.
Auf gewisse Weise hantierte er freilich mit Weibsbildern: aber da war er rheumatisch und sprach von der Hure von Babylon.

Bursch.
Erinnert ihr Euch nicht, wie er einen Floh auf Bardolphs Nase sitzen sah, daß er sagte, es wäre eine schwarze Seele, die im höllischen Feuer brenne?

Bardolph.
Nun, das Brennholz ist zu Ende, das dies Feuer unterhielt: das ist der ganze Reichtum, den ich in seinem Dienst erworben habe.

Nym.
Sollen wir abziehen? Der König wird von Southampton schon weg sein.

Pistol.
Kommt, laßt uns fort! – Mein Herz, gib mir die Lippen!
Acht auf den Hausrat und mein fahrend Gut!
Laß Sinne walten; «Zecht und zahlt!» so heißts.
Trau keinem:
Ein Eid ist Spreu, und Treu und Glaube Waffeln;
Pack an, das ist der wahre Hund, mein Täubchen;
Drum laß caveto dir Ratgeber sein!
Geh, trockne deine Perlen! – Waffenbrüder,
Laßt uns nach Frankreich, wie Blutigel, Kinder,
Zu saugen, saugen, recht das Blut zu saugen!

Bursch.
Und das ist eine ungesunde Nahrung, wie sie sagen.

Pistol.
Rührt ihren sanften Mund noch und marschiert.

Bardolph.
Leb wohl, Wirtin! (Küßt sie.)

Nym.
Ich kann nicht küssen, und das ist der Humor davon, aber lebt wohl!

Pistol.
Laß walten Hauswirtschaft! halt fest, gebiet ich dir!

Frau Hurtig.
Lebt wohl! Adieu! (Ab.)

Vierte Szene

Frankreich. Ein Saal im Palast des Königs

König Karl mit Gefolge, der Dauphin, Herzog von Burgund, der Connétable und andre

König Karl.
So nahn die Englischen mit Heereskraft,
Und über alle Sorgen liegt uns ob,
Zu unsrer Wehr uns königlich zu stellen.
Drum soll Herzog von Berry, von Bretagne,
Von Orleans und Brabant ziehn ins Feld,
Und Ihr, Prinz Dauphin, mit der schnellsten Eil,
Um unsre Kriegesplätze neu zu rüsten
Mit tapfern Männern und mit wehrbar’m Zeug.
Denn England ist in seinem Andrang rasch,
Wie Wasser, das ein Wirbel in sich saugt.
Es ziemt uns denn, die Vorsicht so zu üben,
Wie Furcht uns lehrt an manchem frischen Beispiel,
Das England, das zum Unheil wir mißachtet,
Auf unsern Feldern ließ.

Dauphin.
Großmächtger Vater,
Es ist gar recht, uns auf den Feind zu rüsten;
Denn Friede selbst muß nicht ein Königreich
So schläfrig machen (wenn auch nicht die Rede
Von Kriege wär und ausgemachtem Streit),
Daß Landwehr, Musterung und Rüstung nicht
Verstärkt, gehalten und betrieben würde,
Als wäre die Erwartung eines Kriegs.
Drum heiß ichs billig, daß wir alle ziehn,
Die schwachen Teile Frankreichs zu besehen;
Das laßt uns tun mit keinem Schein von Furcht,
Ja, mit nicht mehr, als hörten wir, daß England
Sich schick auf einen Mohrentanz zu Pfingsten.
Denn, bester Herr, so eitel prangt sein Thron.
Und seinen Zepter führet so phantastisch
Ein wilder, seichter, launenhafter Jüngling,
Daß ihm kein Schrecken folgt.

Connétable.
O still, Prinz Dauphin!
Ihr irrt Euch allzusehr in diesem König.
Frag Eure Hoheit die Gesandten nur,
Mit welcher Würd er ihre Botschaft hörte,
Wie wohl mit edlen Räten ausgestattet,
Wie ruhig im Erwidern, und zugleich
Wie schrecklich mit entschloßner Festigkeit;
Ihr werdet sehn, sein vorig eitles Wesen
War nur des römschen Brutus Außenseite,
Vernunft in einen Torenmantel hüllend,
Wie oft mit Kot der Gärtner Wurzeln deckt,
Die früh und zart vor allen treiben sollen.

Dauphin.
Herr Connétable, ei, dem ist nicht so;
Doch nehmen wirs so an, es schadet nicht.
Im Fall der Gegenwehr ist es am besten,
Den Feind für mächtger halten, als er scheint;
So füllet sich das Maß der Gegenwehr,
Die sonst, bei schwachem, kärglichem Entwurf,
Gleich einem Filz, ein wenig Tuch zu sparen,
Den Rock verdirbt.

König Karl.
Gut, halten wir den König Heinrich stark,
Und, Prinzen, rüstet stark euch wider ihn;
Denn sein Geschlecht hat unser Fleisch gekostet,
Und er stammt ab von dieser blutgen Reih,
Die auf den heimschen Pfaden uns verfolgt.
Des zeugt die zu gedächtniswürdge Schmach,
Als Cressys Schlacht verderblich ward geschlagen,
Und unsre Prinzen alle in die Hände
Dem schwarzen Namen Eduard fielen,
Dem Schwarzen Prinz von Wales, indes sein Vater,
Des Berges Fürst, auf einem Berge stehend
Hoch in der Luft, gekrönt von goldner Sonne,
Den Heldensprößling sah und ihn mit Lächeln
Die Werke der Natur verstümmeln sah,
Und Bildnisse verlöschen, welche Gott
Und fränksche Väter zwanzig Jahr hindurch
Geschaffen hatten. Dieser ist ein Zweig
Von jenem Siegerstamm, und läßt uns fürchten
Die angeborne Kraft und sein Geschick.

Ein Bote tritt auf.

Bote.
Gesandte Heinrichs, Königes von England,
Begehren Zutritt zu Eur Majestät.

König Karl.
Wir geben ihnen gleich Gehör. – Geht, holt sie!

(Bote und einige Herren vom Hofe ab.)

Ihr seht, die Jagd wird heiß betrieben, Freunde.

Dauphin.
Macht Halt und bietet Stirn! denn feige Hunde
Sind mit dem Maul am freisten, wenn ihr Wild
Schon weit vorausläuft. Bester Fürst, seid kurz
Mit diesen Englischen und laßt sie wissen,
Von welcher Monarchie das Haupt Ihr seid.
Selbstliebe Herr, ist nicht so schnöde Sünde
Als Selbstversäumnis.

Die Herren kommen mit Exeter und Gefolge zurück

König Karl.
Von unserm Bruder England?

Exeter.
Von ihm: so grüßt er Eure Majestät.
Er heischt in des allmächtgen Gottes Namen,
Daß Ihr Euch abtun und entkleiden sollt
Erborgter Hoheit, die durch Gunst des Himmels,
Durch der Natur und Völker Recht ihm zusteht
Und seinen Erben: Eurer Krone nämlich
Und aller Ehren weiten Kreis, den Sitte
Und Anordnung der Zeiten zugeteilt
Der Krone Frankreichs. Daß Ihr wissen mögt,
Dies sei kein loser, ungereimter Anspruch.
Entdeckt im Wurmfraß längst verschwundner Tage,
Vom Staube der Vergessenheit gescharrt,
Schickt er Euch diese höchst denkwürdge Reih,

(überreicht ein Papier)

In jedem Zweige wahrhaft überzeugend,
Und heißt Euch diesen Stammbaum überschaun;
Und wenn Ihr grade abgestammt ihn findet
Vom rühmlichsten der hochberühmten Ahnen,
Eduard dem Dritten heißt er Euch Verzicht
Auf Kron und Reich tun, die Ihr unrechtmäßig
Ihm als gebornen Eigner vorenthaltet.

König Karl.
Sonst, was erfolgt?

Exeter.
Der blutge Zwang; denn wenn Ihr selbst die Krone
In Eurem Herzen bärgt, er stört nach ihr.
Deswegen kommt er an in wildem Sturm,
In Donner und Erdbeben, wie ein Zeus,
Auf daß er nötge, wenn kein Mahnen hilft;
Und heißt Euch beim Erbarmen Gotts des Herrn,
Die Krone abstehn und der armen Seelen,
Für welche dieser gierge Krieg den Rachen
Schon öffnet, schonen; und auf Euer Haupt
Wälzt er der Waisen Schrei, der Witwen Tränen,
Der Toten Blut, verlaßner Mädchen Ächzen
Um Gatten, Väter und um Anverlobte,
Die diese Zwistigkeit verschlingen wird.
Dies ist sein Recht, sein Drohn und meine Botschaft,
Wo nicht der Dauphin gegenwärtig ist,
Den ich ausdrücklich zu begrüßen habe.

König Karl.
Was uns betrifft, wir wollen dies erwägen;
Wir geben morgen den Bescheid Euch mit
An unsern Bruder England.

Dauphin.
Was den Dauphin,
So steh ich hier für ihn: was schickt ihm England?

Exeter.
Des Trotzes, der Verachtung und des Hohns
Und alles des, was nicht mißziemen mag
Dem großen Sender, schätzet er Euch wert.
So sprich mein Fürst: wenn Eures Vaters Hoheit
Nicht durch Gewährung aller Forderungen
Den bittern Spott versüßt, den Ihr an ihn gesandt,
Wird er zu heißer Rechenschaft Euch ziehn,
Daß Frankreichs bauchige Gewölb und Höhlen
Euch schelten sollen und den Spott zurück
In seiner Stücke zweitem Hall Euch geben.

Dauphin.
Sagt, wenn mein Vater freundlich Antwort gibt,
Seis wider meinen Willen; denn mir liegt
An nichts als Zwist mit England! Zu dem Ende,
Als seiner eitlen Jugend angemessen,
Sandt ich ihm die Pariser Bälle zu.

Exeter.
Dafür wird Eur Pariser Louvre zittern,
Wärs auch Europas hoher Oberhof.
Und glaubt, Ihr werdet einen Abstand finden
(Wie wir, sein Volk, erstaunt gefunden haben)
Von der Verheißung seiner jüngern Tage
Und denen, die er jetzt zu meistern weiß.
Er wägt die Zeit jetzt auf ein Körnchen ab,
Was Ihr in Euren eignen Niederlagen
Erfahren sollt, wenn er in Frankreich steht.

König Karl.
Auf morgen sollt Ihr unsre Meinung wissen.

Exeter.
Entlaßt uns eilig, daß nicht unser König
Nach dem Verzug zu fragen selber komme,
Denn Fuß hat er im Lande schon gefaßt.

König Karl.
Ihr sollt entlassen werden alsobald
Mit einem billgen Antrag; eine Nacht
Ist nur ein Odemzug und kurze Frist,
Um auf so wichtge Dinge zu erwidern. (Alle ab.)

Dritter Aufzug

Chorus tritt auf

Chorus.
So fliegt auf eingebildten Fittichen
Die rasche Szene mit nicht minder Eil
Als der Gedanke. Stellt euch vor, ihr saht
Am Hamptondamm den wohlversehnen König
Sein Königtum einschiffen, sein Geschwader
Den jungen Tag mit seidnen Wimpeln fächeln.
Spielt mit der Phantasie und seht in ihr
Am hänfnen Tauwerk Schifferjungen klettern;
Die helle Pfeife hört, die Ordnung schafft
Verwirrten Lauten; seht die Leinensegel,
Die unsichtbare Winde schleichend heben,
Durch die gefurchte See die großen Kiele,
Den Fluten trotzend, ziehn. O denket nur,
Ihr steht am Strand und sehet eine Stadt
Hintanzen auf den unbeständigen Wogen;
Denn so erscheint die majestätsche Flotte,
Den Lauf nach Harfleur wendend. Folgt ihr! Folgt ihr!
Hakt euch im Geist an dieser Flotte Steuer,
Verlaßt eur England, still wie Mitternacht,
Bewacht von Greisen, Kindern, alten Fraun,
Wo Mark und Kraft noch fehlt und schon verging;
Denn wer, dem nur ein einzig keimend Haar
Das Kinn begabt, ist nicht bereit, nach Frankreich
Der auserlesnen Ritterschaft zu folgen?
Auf, auf im Geist! Seht einer Stadt Belagrung,
Seht das Geschütz auf den Lafetten stehn,
Auf Harfleur mit den Mündern tödlich gähnend.
Denkt, der Gesandt aus Frankreich sei zurück
Und meld an Heinrich, daß der König ihm
Antrage seine Tochter Katharina,
Mit ihr zum Brautschatz ein paar Herzogtümer,
So klein und unersprießlich. Das Erbieten
Gefällt nicht, und der schnelle Kanonier
Rührt mit der Lunte nun die höllschen Stücke,

(Getümmel. Es werden Kanonen abgefeuert.)

Die alles niederschmettern. Bleibt geneigt!
Eur Sinn ergänze, was die Bühne zeigt! (Ab.)

Erste Szene

Frankreich. Vor Harfleur

Getümmel. König Heinrich, Exeter, Bedford, Gloster und Soldaten mit Sturmleitern

König Heinrich.
Noch einmal stürmt, noch einmal, lieben Freunde!
Sonst füllt mit toten Englischen die Mauer!
Im Frieden kann so wohl nichts einen Mann
Als Milde und bescheidne Stille kleiden,
Doch bläst des Krieges Wetter euch ins Ohr,
Dann ahmt dem Tiger nach in seinem Tun;
Spannt eure Sehnen, ruft das Blut herbei,
Entstellt die liebliche Natur mit Wut,
Dann leiht dem Auge einen Schreckensblick
Und laßt es durch des Hauptes Bollwerk spähn
Wie ehernes Geschütz; die Braue schatt es
So furchtbarlich, wie ein zerfreßner Fels
Weit vorhängt über seinen schwachen Fuß,
Vom wilden, wüsten Ozean umwühlt.
Nun knirscht die Zähne, schwellt die Nüstern auf,
Den Atem hemmt, spannt alle Lebensgeister
Zur vollen Höh! – Auf, Englische von Adel!
Das Blut von kriegbewährten Vätern hegend,
Von Vätern, die, wie so viel Alexander,
Von früh bis Nacht in diesem Lande fochten,
Und nur, weil Stoff gebrach, die Schwerter bargen!
Entehrt nicht eure Mütter; nun bewährt,
Daß, die ihr Väter nanntet, euch erzeugt,
Seid nun ein Vorbild Menschen gröbern Bluts
Und lehrt sie kriegen! – Ihr auch, wackres Landvolk,
In England groß gewachsen, zeigt uns hier
Die Kraft genoßner Nahrung; laßt uns schwören,
Ihr seid der Pflege wert, was ich nicht zweifle;
Denn so gering und schlecht ist euer keiner,
Daß er nicht edlen Glanz im Auge trüg.
Ich seh euch stehn wie Jagdhund’ an der Leine,
Gerichtet auf den Sprung; das Wild ist auf,
Folgt eurem Mute, und bei diesem Sturm
Ruft: «Gott mit Heinrich! England! Sankt Georg!»

(Alle ab. Getümmel und Kanonenschüsse.)

Zweite Szene

Ebendaselbst

Truppen marschieren über die Bühne; dann kommen Nym, Bardolph, Pistol und Bursch

Bardolph.
Zu, zu, zu, zu! In die Bresche! In die Bresche!

Nym.
Ich bitte dich, Korporal, halt! Die Püffe sind zu hitzig, und ich für mein Teil habe nicht ein paar Leben; der Humor davon ist zu hitzig, das ist die wahre Litanei davon.

Pistol.
Die Litanei ist recht; Humore sind im Schwang,
Gehn Püff und kommen, Gottes Knechte sterben,
Und Schwert und Schild
Im Blutgefild
Erwirbt sich ewgen Ruhm.

Bursch.
Ich wollte, ich wäre in einer Bierschenke in London! Ich wollte meinen ganzen Ruhm für einen Krug Bier und Sicherheit geben.

Pistol.
Ich auch:
Wenn Wünsche könnten helfen mir,
An Eifer sollts nicht fehlen mir,
Ich eilte stracks dahin.

Bursch.
So klar, doch nicht so wahr, wie Vöglein auf dem Zweige singt.

Fluellen kommt.

Fluellen.
Gotts Plitz! Hinauf in die Presche, ihr Schufte! wollt ihr hinauf in die Presche! (Treibt sie vorwärts.)

Pistol.
Sei Erdensöhnen gnädig, großer Herzog!
Laß nach mit Wüten! Laß dein männlich Wüten!
Laß, großer Herzog, nach!
Mein Männchen, keine Wut! Mit Milde, liebstes Kind!

Nym.
Das sind gute Humore! So ‘ne Ehre bringt schlechte Humore ein.

(Nym, Pistol und Bardolph ab. Fluellen ihnen nach.)

Bursch.
So jung ich bin, habe ich diese Schwadronierer doch schon beobachtet. Ich bin Bursch bei allen dreien, aber alle drei, wenn sie mir aufwarten wollten, könnten doch nicht mein Kerl sein – denn wahrhaftig, drei solche Fratzen machen zusammen keinen Kerl aus. Was Bardolph betrifft, der ist weiß von Leber und rot von Gesicht, vermöge dessen er verwegen dreinsieht, aber nicht ficht. Pistol, der hat eine wilde Zunge und einen stillen Degen, vermöge deren er Worten den Hals bricht und seine Waffen heil erhält. Nym, der hat gehört, daß Männer von wenig Worten die besten sind, und deswegen schämt er sich, sein Gebet herzusagen, damit man ihn nicht für eine feige Memme halte. Aber seine wenigen schlechten Worte sind mit ebenso wenigen guten Taten gepaart, denn er schlug nie keines Menschen Kopf entzwei als seinen eignen, und das geschah gegen einen Pfosten, als er betrunken war. Sie stehlen, was ihnen vorkommt, und das nennen sie Handel und Wandel. Bardolph stahl einen Lautenkasten, trug ihn zwölf Stunden weit und verkaufte ihn für drei Kreuzer. Nym und Bardolph sind geschworne Brüder im Mausen, und in Calais stahlen sie eine Feuerschaufel: ich sah wohl an diesem Probestücke, daß die Kerle Herumstörer wären. Sie wollen mich so vertraut mit andrer Leute Taschen haben, als ihre Handschuhe oder Schnupftücher, was meiner Mannheit sehr entgegen ist; wenn ich aus der Tasche eines andern nehmen sollte, um es in meine zu stecken: das hieße geradezu Unrecht einstecken. Ich muß sie verlassen und mir einen bessern Dienst suchen: ihre Schelmerei ist meinem schwachen Magen zuwider, ich muß sie von mir geben. (Bursch ab.)

Fluellen kommt zurück und Gower nach ihm.

Gower.
Kapitän Fluellen, Ihr müßt unverzüglich zu den Minen kommen; der Herzog von Gloster will mit Euch sprechen.

Fluellen.
Zu den Minen? Sagt Ihr dem Herzog, daß es nicht gar zu gut ist, zu den Minen zu kommen; denn, seht Ihr, die Minen sein nicht der Kriegsdisziplin gemäß, die Konkavität derselben sein nicht hinreichend; denn, seht Ihr, der Feind, wie Ihr dem Herzoge erläutern könnt, seht Ihr, ist vier Ellen tief unter die Konterminen eingegraben. Bei Jessus, ich denke, er werden alles in die Luft sprengen, wenn da keine bessere Direktionen sein.

Gower.
Der Herzog von Gloster, der den Befehl bei der Belagerung führt, wird ganz von einem Irländer geleitet, einem sehr braven Manne, wahrhaftig.

Fluellen.
Es ist der Kapitän Macmorris, nicht wahr?

Gower.
Ich denke, der ists.

Fluellen.
Bei Jessus, er sein ein Esel wie einer in der Welt, das will ich ihm in seinen Part hinein pezeugen. Er hat nicht mehr Ordonnanz in der wahren Kriegsdisziplin, seht Ihr, was römische Disziplinen sein, als ein Gelbschnabel haben tut.

Macmorris und Jamy treten in der Entfernung auf.

Gower.
Da kommt er, und der schottische Kapitän, Kapitän Jamy, mit ihm.

Fluellen.
Kapitän Jamy ist ein erstaunendlich prafer Mann, das ist gewiß, und von großer Fertigkeit und Wissenschaft in den alten Kriegen, nach meiner absonderlichen Wissenschaft seiner Ordonnanzen; bei Jessus, er behauptet sein Argument so gut als irgendein Kriegesmann, was Disziplinen aus den vormaligen Kriegen der Römer sein.

Jamy.
Ich sage guoten Tag, Kapitän Fluellen.

Fluellen.
Gott grüße Euer Edlen, Kapitän Jamy.

Gower.
Wie stehts, Kapitän Macmorris? Habt Ihr die Minen verlassen? Haben es die Schanzgräber aufgegeben?

Macmorris.
Bei Chrischtus, ‘s ischt übel getan; die Arbeit ischt aufgegeben, die Trompeten blasen zum Rückzuge. Bei meiner Hand schwöre ich, und bei meines Vaters Seele, die Arbeit ischt übel getan, sie ischt aufgegeben: ich hätte die Stadt in die Luft gesprengt, so mir Chrischtus helfe, binnen einer Stunde. Oh, ‘s isch übel getan, ‘s ischt übel getan, bei meiner Hand, ‘s ischt übel getan.

Fluellen.
Kapitän Macmorris, ich ersuche Euch nun, wollt Ihr mir, seht Ihr, einige wenige Disputationen mit Euch erlauben, als zum Teil betreffend oder angehend die Disziplin des Krieges, was römische Kriege sein; auf dem Wege des Argumentierens, seht Ihr, und freundlichen Kommunizierens: teils, um meine Meinung zu rechtfertigen und teils, seht Ihr, zur Rechtfertigung meiner Gesinnung, was die Ordonnanz der Kriegesdisziplin anlangt; das ist der wahre Punkt.

Jamy.
Das wird sehr guot sein, ihr guoten Kapitäns beide, und ich will auch mainen Verlaub nehmen, wenns die Gelegenheit gibt, das will ich, mainer Treu.

Macmorris.
Es ischt keine Zeit zum Reden, so mir Chrischtus helfe; der Tag ischt heiß, und das Wetter, und der Krieg, und der König, und die Herzoge – es ischt keine Zeit zum Reden. Die Stadt wird berannt, und die Trompete ruft uns zur Bresche; und wir sprechen und tun, bei Chrischtus, gar nichts; ‘s ischt Schande für uns alle, so mir Gott helfe, ‘s ischt Schande, stillzustehn, ‘s ischt Schande, bei meiner Hand; und da hat sich’s Kehlen abzuschneiden und Arbeiten zu tun, und es wird nischt getan, so mir Chrischtus helfe.

Jamy.
Beim Sakrament, eher diese meine Augen in Schlaf fallen, will ich guoten Dienst verrichten, oder ich will davor im Ärdboden liegen, ja, oder zum Tode gehen; und ich will es so tapfer bezahlen, wie ich kann, das werde ich sicherlich tun, das ist das Kurze und das Lange davon. Main Treu, ich hätte gern ein Gespräch zwischen euch baiden angehört.

Fluellen.
Kapitän Macmorris, ich denke, seht Ihr, unter Eurer Genehmhaltung, es sein nicht viele von Eurer Nation?

Macmorris.
Meiner Nation? Was ischt meine Nation? Ischt’s ein Hundsfott, und ein Bastard, und ein Schelm, und ein Schurke? Was ischt meine Nation? Wer spricht von meiner Nation?

Fluellen.
Seht Ihr, wenn Ihr die Sache anders nehmt, als sie gemeint war, Kapitän Macmorris, so werde ich unmaßgeblich denken, daß Ihr mir nicht mit der Leutseligkeit begegnet, als Ihr mir vernünftigerweise begegnen solltet, seht Ihr, da ich ein ebenso guter Mann als Ihr bin, sowohl was die Kriegsdisziplin als die Abkunft meiner Geburt und andre Absonderlichkeiten betrifft.

Macmorris.
Ich weiß nicht, daß Ihr ein so guter Mann seid als ich; so mir Chrischtus helfe, ich will Euch den Kopf abhauen.

Gower.
Ihr Herren beide, ihr werdet einander mißverstehen.

Jamy.
Ai, das ist ein garstiger Fehler.

(Es wird zur Unterhandlung geblasen.)

Gower.
In der Stadt wird Schamade geschlagen.

Fluellen.
Kapitän Macmorris, wenn einmal besser gelegnere Zeit verlangt wird, seht Ihr, so werde ich so dreist sein, Euch zu sagen, daß ich die Kriegsdisziplin verstehe und damit gut.

Dritte Szene

Ebendaselbst

Der Befehlshaber und einige Bürger auf den Mauern, die englischen Truppen unter König Heinrich und sein Zug treten auf

König Heinrich.
Was hat der Hauptmann dieser Stadt beschlossen?
Wir lassen kein Gespräch nach diesem zu;
Darum ergebt euch unsrer besten Gnade,
Sonst ruft, wie Menschen, auf Vernichtung stolz,
Uns auf zum Ärgsten; denn, so wahr ich ein Soldat
(Ein Nam, der, denk ich, mir am besten ziemt):
Fang ich noch einmal das Beschießen an,
So laß ich nicht das halbzerstörte Harfleur,
Bis es in seiner Asche liegt begraben.
Der Gnade Pforten will ich alle schließen,
Der mordgewohnte Krieger, rauhen Herzens,
Soll schwärmen, sein Gewissen höllenweit,
In Freiheit blutger Hand und mähn wie Gras
Die holden Jungfraun und die blühnden Kinder.
Was ist es mir denn, wenn ruchloser Krieg
Im Flammenschmucke, wie der Bösen Fürst,
Beschmiert im Antlitz, alle grausen Taten
Der Plünderung und der Verheerung übt?
Was ist es mir, wenn ihr es selbst verschuldet,
Daß eure reinen Jungfraun in die Hand
Der zwingenden und glühnden Notzucht fallen?
Was für ein Zügel hält die freche Bosheit,
Wenn sie bergab in wildem Laufe stürmt?
So fruchtlos wendet unser eitles Wort
Beim Plündern sich an die ergrimmten Krieger,
Als man dem Leviathan anbeföhle,
Ans Land zu kommen. Darum, ihr von Harfleur,
Habt Mitleid mit der Stadt und eurem Volk,
Weil noch mein Heer mir zu Gebote steht,
Weil noch der kühle, sanfte Wind der Gnade
Das ekle, giftige Gewölk verweht
Von jähem Morde, Raub und Büberei.
Wo nicht, erwartet Augenblicks besudelt
Zu sehn vom blinden blutigen Soldaten
Die Locken eurer gellend schreinden Töchter;
Am Silberbart ergriffen eure Väter,
Ihr würdig Haupt geschmettert an die Wand;
Gespießt auf Piken eure nackten Kinder,
Indes der Mütter rasendes Geheul
Die Wolken teilt, wie das der jüdschen Weiber
Bei der Herodes Knechte blutger Jagd.
Was sagt ihr? Gebt ihr nach und wollt dies meiden?
Wo nicht, durch Widerstand das Ärgste leiden?

Befehlshaber.
An diesem Tage endet unsre Hoffnung.
Der Dauphin, den um Hilfe wir ersucht,
Erwidert, zu so mächtigem Entsatz
Sei er noch nicht bereit. Drum, großer König,
Ergeben wir die Stadt und unser Leben
In deine milde Gnade; zieh herein,
Schalt über uns und was nur unser ist,
Denn wir sind nun nicht länger haltbar mehr.

König Heinrich.
Öffnet die Tore! – Oheim Exeter,
Geht und besetzet Harfleur; bleibt daselbst,
Befestigt stark es gegen die Franzosen,
Seid allen gnädig. – Wir, mein teurer Oheim,
Da sich der Winter naht, und Krankheit zunimmt
In unserm Heer, ziehn nach Calais zurück.
Heut nacht sind wir in Harfleur Euer Gast,
Auf morgen schon sind wir zum Marsch gefaßt.

(Trompetenstoß. Der König, sein Gefolge und Truppen ziehn in die Stadt.)

Vierte Szene

Rouen. Ein Zimmer im Palast

Katharina und Alice treten auf

Katharina.
Alice, tu as été en Angleterre, et tu parles bien la langue du pays.

Alice.
Un peu, madame.

Katharina.
Je te prie, enseigne-la moi; il faut que j’apprenne à parler. Comment appelez-vous la main en Anglois?

Alice.
La main? Elle est appelée «de hand».

Katharina.
«De hand.» Et les doigts?

Alice.
Les doigts? Ma foi, j’ai oublié les doigts, mais je m’en souviendrai. Les doigts? Je pense qu’ils sont appelés «de fingres»; oui, «de fingres».

Katharina.
La main, «de hand»; les doigts, «de fingres». Je pense que je suis bonne écolière; j’ai gagné deux mots d’Anglois assez vite. Comment appelez-vous les ongles?

Alice.
Les ongles? On les appelle «de nails».

Katharina.
«De nails». Ecoutez! dites-moi, si je parle bien: «de hand, de fingres, de nails».

Alice.
C’est bien dit, madame, c’est du fort bon Anglois.

Katharina.
Dites-moi en Anglois: le bras.

Alice.
«De arm», madame.

Katharina.
Et le coude?

Alice.
«De elbow».

Katharina.
«De elbow». Je me fais la répétition de tous les mots, que vous m’avez appris dès à présent.

Alice.
C’est trop difficile, madame, comme je pense.

Katharina.
Excusez-moi, Alice; écoutez; «de hand, de fingres, de nails, de arm, de bilbow».

Alice.
«De elbow», madame.

Katharina.
O seigneur Dieu, je l’oublie «de elbow». Comment appelez-vous le cou?

Alice.
«De neck», madame.

Katharina.
«De neck», et le menton?

Alice.
«De chin».

Katharina.
«De sin». Le cou, «de neck»; le menton, «de sin».

Alice.
Oui. Sauf votre honneur, en vérité, vous prononcez les mots aussi juste que les natifs d’Angleterre.

Katharina.
Je ne doute point, que je n’apprendrai par la grace de Dieu, et en peu de temps.

Alice.
N’avez-vous pas déjà oublié ce que je vous ai enseigné?

Katharina.
Non, je vous le réciterai promptement. «De hand, de fingres, de mails».

Alice.
«De nails», madame.

Katharina.
«De nails, de arm, de ilbow» –

Alice.
Sauf votre honneur, «de elbow».

Katharina.
C’est ce que je dis «de elbow, de neck et de sin». Comment appelez-vous le pied et la robe?

Alice.
«De foot», madame, et «de con»?

Katharina.
«De foot et de con»? O seigneur Dieu! Ce sont des mots d’un son mauvais, corrompu, grossier et impudique, et dont les dames d’honneur ne sauroient se servir; je ne voudrois prononcer ces mots devant les seigneurs de France pour tout au monde. Il faut «de foot» et «de con» néanmoins. Je réciterai encore une fois ma lecon ensemble «de hand, de fingre, de nails, de arm, de albow, de neck, de sin, de foot, de con».

Alice.
Excellent, madame!

Katharina.
C’est assez pour une fois; allons-nous-en à dîner! (Ab.)

Fünfte Szene

Ein andres Zimmer im Palast

König Karl, der Dauphin, Herzog von Bourbon, der Connétable von Frankreich und andre treten auf

König Karl.
Man weiß, er ist die Somme schon herüber.

Connétable.
Und ficht man nicht mit ihm, Herr, laßt uns nicht
In Frankreich leben; stehn wir ab von allem
Und geben unser Weinland den Barbaren

Dauphin.
O Dieu vivant! Daß ein paar unsrer Sprossen,
Der Auswurf von den Lüsten unsrer Väter,
Propfreiser, in den wilden Stamm gesetzt,
So plötzlich in die Wolken konnten schießen,
Um ihre Impfer nun zu übersehn!

Bourbon.
Normannen nur! Bastarde von Normannen!
Mort de ma vie! wenn sie unbestritten
Einherziehn, biet ich feil mein Herzogtum
Und kaufe einen kleinen Meierhof
In der gezackten Insel Albions.

Connétable.
Dieu des batailles! woher käm ihr Feuer?
Ist nicht ihr Klima neblicht, rauh und dumpf,
Worauf die Sonne bleich sieht, wie zum Hohn,
Mit finstern Blicken ihre Früchte tötend?
Kann ihre Gerstenbrüh, gesottnes Wasser,
Ein Trank für überrittne Mähren nur,
Ihr kaltes Blut zu tapfrer Hitze kochen?
Und unser reges Blut, vom Wein begeistert,
Scheint frostig? Oh, zu unsers Landes Ehre,
Laßt uns nicht hängen, zäh wie Eises Zacken,
An unsrer Häuser Dach, indes ein frostger Volk
Die Tropfen aufgeweckter Jugend schwitzt
In unsern reichen Feldern, arm allein
In ihren angebornen Herrn zu nennen.

Dauphin.
Bei Treu und Glauben! Unsre Damen haben
Zum besten uns und sagen grad heraus,
Dahin sei unser Feuer, und sie wollen
Der Jugend Englands ihre Leiber bieten,
Mit Bastardkriegern Frankreich zu bevölkern.

Bourbon.
Sie weisen uns auf die Tanzböden Englands,
Dort hurtge Volten und Couranten lehren;
Sie sagen, unser Ruhm sei in den Fersen,
Und wir sei’n Läufer von der ersten Größe.

König Karl.
Wo ist Montjoye, der Herold? Schickt ihn fort!
Mit unserm scharfen Trotze grüß er England.
Auf, Prinzen, und ins Feld, mit einem Geist,
Den Ehre schärfer wetzt als eure Degen!
Karl De la Bret, Groß-Connétable Frankreichs,
Ihr Herrn von Orleans, Bourbon und Berry,
Alençon, Brabant, Bar und von Burgund,
Jacques Chatillon, Rambures, Vaudemont,
Beaumont, Grandpré, Roussi und Fauconberg,
Foix, Lestrale, Bouciquault und Charolois,
Herzöge, große Prinzen und Barone
Und Herrn und Ritter! für die großen Lehn
Befreit euch nun von solcher großen Schmach!
Hemmt Heinrich England, der durch unser Land
Mit Fähnlein zieht, mit Harfleurs Blut bemalt;
Stürzt auf sein Heer, wie der geschmolzne Schnee
Ins Tal, auf dessen niedern Dienersitz
Die Alpen ihre Feuchtigkeiten spein.
Fallt – ihr habt Macht genug – mit Wucht ihn an
Und bringt auf einen Wagen ihn gebunden,
Gefangen nach Rouen!

Connétable.
So ziemt es Großen.
Mir tuts nur leid, daß seine Zahl so klein,
Sein Volk vom Marsch verhungert ist und krank.
Denn ich bin sicher, sieht er unser Heer,
So sinkt sein Herz in bodenlose Furcht,
Statt Taten wird er seine Lösung bieten.

König Karl.
Drum eilet den Montjoye, Herr Connétable,
Laßt ihn an England sagen, daß wir senden,
Zu sehn, was er für willge Lösung gibt. –
Prinz Dauphin, Ihr bleibt bei uns in Rouen.

Dauphin.
Nicht so, ich bitt Eur Majestät darum.

König Karl.
Seid ruhig, denn Ihr bleibt zurück mit uns. –
Auf, Connétable, und ihr Prinzen all!
Und bringt uns Nachricht bald von Englands Fall!

(Alle ab.)

Sechste Szene

Das englische Lager in der Pikardie

Gower und Fluellen treten auf

Gower.
Wie stehts, Kapitän Fluellen? Kommt Ihr von der Brücke?

Fluellen.
Ich versichre Euch, es wird bei der Prücke gar fürtrefflicher Dienst ausgerichtet.

Gower.
Ist der Herzog von Exeter in Sicherheit?

Fluellen.
Der Herzog von Exeter ist so heldenmütig wie Agamemnon, und ein Mann, den ich liebe und verehre mit meiner Seele, und meinem Herzen, und meinem Eifer und meinem Leben, und meinen Lebtagen, und meinem äußersten Vermögen; er ist, Gott sei Lob und Dank, nicht im geringsten in der Welt verwundet, sondern behauptet die Prücke gar tapfer mit fürtrefflicher Kriegskunst. Es ist da ein Fähnrich bei der Prücke, ich denke in meinem besten Gewissen, er ist ein so tapfrer Mann wie Mark Anton; und er ist ein Mann von keiner Achtbarkeit in der Welt, aber ich sah ihn wackern Dienst verrichten.

Gower.
Wie nennt Ihr ihn?

Fluellen.
Er heißt Fähnrich Pistol.

Gower.
Ich kenne ihn nicht.

Pistol kommt.

Fluellen.
Kennt ihr ihn nicht? Da kommt unser Mann.

Pistol.
Hauptmann, ich bitte dich, mir Gunst zu tun:
Der Herzog Exeter ist dir geneigt.

Fluellen.
Ja, Gott sei gelobt, ich habe auch einige Liebe seiner seits verdient.

Pistol.
Bardolph, ein Krieger, fest und stark von Herzen,
Von munterm Mute, hat durch grausam Schicksal
Und tollen Glückes grimmig wechselnd Rad
Der blinden Göttin,
Die auf dem rastlos roll’nden Steine steht –

Fluellen.
Mit Eurem Verlaub, Fähnrich Pistol. Fortuna wird plind gemalt, mit einer Binde vor ihren Augen, um Euch anzudeuten, daß das Glück plind ist. Ferner wird sie auch mit einem Rade gemalt, um Euch anzudeuten, was die Moral daraus ist, daß sie wechselnd und unbeständig ist, und Veränderung und Wankelmütigkeiten; und ihr Fuß, seht Ihr, ist auf einen kugelförmigen Stein gestellt, der rollt und rollt und rollt. In wahrem Ernste, von den Poeten sein gar fürtreffliche Beschreibung der Fortuna gemacht; Fortuna, seht Ihr, ist eine fürtreffliche Moral.

Pistol.
Fortun’ ist Bardolphs Feind und zürnt mit ihm:
Er stahl nur ein’ Monstranz und muß gehangen sein.
Verdammter Tod!
Der Mensch sei frei, der Galgen gähne Hunden,
Und Hanf ersticke nicht die Luftröhr’ ihm!
Doch Exeter hat Todesspruch erteilt
Um nichtige Monstranz;
Drum geh und sprich, der Herzog hört dein Wort:
Laß Bardolphs Lebensfaden nicht zerschneiden
Mit scharfem Pfennigstrick und niederm Schimpf.
Sprich, Hauptmann, für sein Heil, und ich vergelt es dir.

Fluellen.
Fähnrich Pistol, ich verstehe gewissermaßen Eure Meinung.

Pistol.
Nun denn, so freu dich des.

Fluellen.
Gewißlich, Fähnrich, es ist keine Sache, um sich darüber zu freun; denn, seht Ihr, wenn er mein Pruder wäre, so wollte ich den Herzog bitten, nach bestem Pelieben mit ihm zu verfahren und die Exekution an ihm auszuüben, denn Disziplin muß gehandhabt werden.

Pistol.
So stirb und sei verdammt, und figo dir
Für deine Freundschaft.

Fluellen.
Es ist gut.

Pistol.
Die spanische Feige! (Pistol ab.)

Fluellen.
Sehr wohl!

Gower.
Ei, das ist ein erzbetrügerischer Schelm, jetzt erinnre ich mich seiner: ein Kuppler, ein Beutelschneider.

Fluellen.
Ich versichre Euch, er gab bei der Prücke so prafe Worte zu vernehmen, wie man sie nur an einem Festtage sehen kann. Aber es ist sehr gut; was er zu mir gesagt hat, ist gut, ich stehe Euch dafür, wenn die Zeit dienlich kommt.

Gower.
Ei, er ist ein Gimpel, ein Narr, ein Schelm, der dann und wann in den Krieg geht, um bei seiner Zurückkunft in London in der Gestalt eines Soldaten zu prangen. Und dergleichen Gesellen sind fertig mit den Namen großer Feldherrn, und sie lernen auswendig, wo Dienste geleistet worden sind: bei der oder der Feldschanze, bei dieser Bresche, bei jener Bedeckung; wer rühmlich davonkam, wer erschossen ward, wer sich beschimpfte, welche Lage der Feind behauptete. Und dies lernen sie vollkommen in der Soldatensprache, die sie mit neumodischen Flüchen aufstutzen; und was ein Bart nach dem Schnitte des Generals und ein rauher Feldanzug, unter schäumenden Flaschen und biergetränkten Köpfen vermögen, das ist erstaunlich zu denken. Aber Ihr müßt solche Mißzierden des Zeitalters kennenlernen, sonst könnt Ihr Euch außerordentlich betrügen.

Fluellen.
Ich will Euch was sagen, Kapitän Gower: ich merke schon, er ist nicht der Mann, als den er sich gern bei der Welt möchte gelten lassen. Wenn ich ein Loch in seinem Rocke finde, so will ich ihm meine Meinung sagen. (Man hört Trommeln.) Hört Ihr, der König kommt, und ich muß mit ihm von wegen der Prücke reden.

König Heinrich, Gloster und Soldaten treten auf.

Fluellen.
Gott segne Eure Majestät!

König Heinrich.
Nun, Fluellen, kommst du von der Brücke?

Fluellen.
Ja, zu Euer Majestät Befehl. Der Herzog von Exeter hat die Prücke sehr tapfer behauptet, die Franzosen sein davongegangen, und es gibt daselbst gar prafe und gar tapfre Vorfälle. Meiner Treu, der Feind tat die Prücke in Besitz nehmen, aber er ist genötigt, sich zurückzuziehn, und der Herzog von Exeter ist Meister von der Prücke; ich kann Euer Majestät sagen, der Herzog ist ein prafer Mann.

König Heinrich.
Was habt Ihr für Leute verloren, Fluellen?

Fluellen.
Die Schadhaftigkeit des Feindes ist gar groß gewesen, gar ansehnlich groß; aber ich denke für mein Teil, der Herzog hat keinen einzigen Mann verloren außer einem, der vermutlich hingerichtet wird, weil er eine Kirche beraubt hat, ein gewisser Bardolph, wenn Eure Majestät den Mann kennt: sein Gesicht ist nichts wie Pusteln, Finnen, Knöpfe und Feuerflammen, und seine Lippen plasen ihm an die Nase, und sie sein wie feurige Kohlen, manchmal plan und manchmal rot; aber seine Nase ist hingerichtet, und sein Feuer ist aus.

König Heinrich.
Wir wollen alle solche Verbrecher ausgerottet wissen, und wir erteilen ausdrücklichen Befehl, daß auf unsern Märschen durch das Land nichts von den Dörfern erzwungen werde, nichts genommen, ohne zu bezahlen, daß kein Franzose geschmäht oder mit verächtlichen Reden mißhandelt werde: denn wenn Milde und Grausamkeit um ein Königreich spielen, so wird der gelindeste Spieler am ersten gewinnen.

Trompeten. Montjoye tritt auf.

Montjoye.
Ihr wißt an meiner Tracht, wer ich bin.

König Heinrich.
Nun gut, ich weiß es; was soll ich von dir wissen?

Montjoye.
Meines Herrn Willen.

König Heinrich.
Erkläre ihn.

Montjoye.
So sagt mein König: «Sage du an Heinrich von England, ob wir schon tot schienen, schliefen wir doch nur; Vorteil ist ein besserer Soldat als Übereilung. Sag ihm, wir hätten ihn bei Harfleur zurückweisen können, aber wir fanden nicht für gut, eine Schwäre aufzustoßen, bis sie völlig reif wäre; jetzt reden wir auf unser Stichwort, und unsre Stimme ist gebietend: England soll seine Torheit bereun, seine Schwäche sehn und unsre Geduld bewundern. Heiß ihn also sein Lösegeld bedenken, welches nach dem Verlust, den wir ertragen haben, nach den Untertanen, die wir eingebüßt, nach der Erniedrigung, die wir uns gefallen lassen, abgemessen werden muß: was nach vollem Gewicht zu vergüten, seine Kleinheit erdrücken würde. Für unsern Verlust ist seine Schatzkammer zu arm, für die Vergießung unsers Bluts das Aufgebot seines Königreichs eine zu schwache Zahl, und für unsre Erniedrigung würde seine eigne Person, zu unsern Füßen kniend, nur eine schwache und unwürdige Genugtuung sein. Hierauf laß Herausforderung folgen und sag ihm zum Schlusse, er habe seine Leute verraten, deren Verdammnis ausgesprochen ist.» So weit mein Herr und Meister, so viel umfaßt mein Auftrag.

König Heinrich.
Wie ist dein Nam? Ich kenne schon dein Amt.

Montjoye.
Montjoye.

König Heinrich.
Du führst den Auftrag wacker aus. Zieh heim!
Sag deinem Herrn, ich such ihn jetzo nicht
Und möchte lieber ohne Hindernis
Zurückziehn nach Calais; denn, wahr zu reden
(Wiewohl es keine Weisheit ist, soviel
Dem schlauen Feind im Vorteil zu bekennen),
Durch Krankheit abgemattet ist mein Volk,
Die Zahl verringert, und der kleine Rest
Beinah nicht besser als soviel Franzosen,
Da in gesundem Stand, ich sag dirs, Herold,
Ein englisch Paar von Beinen drei Franzosen
Mir schien zu tragen. – Doch verzeih mir Gott,
Daß ich so prahle; eure fränksche Luft
Weht mir dies Laster an, das ich bereue.
Drum geh, sag deinem Meister, ich sei hier,
Mein Lösgeld dieser schwache, nichtge Leib,
Mein Heer nur eine matte, kranke Wacht.
Doch, Gott voran, sag ihm, wir wollen kommen,
Ob Frankreich selbst und noch ein solcher Nachbar
Im Weg uns stände. Hier für deine Müh!
Geh, heiße deinen Herrn sich wohl bedenken.
Kann ich vorbeiziehn, gut; werd ich gehindert,
So soll eur rotes Blut den braunen Grund
Verfärben; und somit, Montjoye, leb wohl!
Der Inhalt unsrer Antwort ist nur dies:
Wir suchen, wie wir sind, ein Treffen nicht,
Noch wollen wir es meiden, wie wir sind.
Sagt Eurem Herrn das!

Montjoye.
Ich wills bestellen. Dank sei Euer Hoheit!

(Montjoye ab.)

Gloster.
Sie werden, hoff ich, jetzt nicht auf uns fallen.

König Heinrich.
Wir sind in Gottes Händen, Bruder, nicht in ihren.
Marschiert zur Brücke; jetzo naht die Nacht,
Jenseits der Brücke wollen wir uns lagern
Und morgen weiter fort sie heißen ziehn.

(Alle ab.)

Siebente Szene

Das französische Lager bei Azincourt

Der Connétable, Rambures, Herzog von Orleans, der Dauphin und andre treten auf

Connétable.
Pah! ich habe die beste Rüstung von der Welt. Wollte, es wäre Tag!

Orleans.
Ihr habt eine vortreffliche Rüstung, aber laßt auch meinem Pferde Gerechtigkeit widerfahren.

Connétable.
Es ist das erste Pferd von Europa.

Orleans.
Will es denn niemals Morgen werden?

Dauphin.
Mein Prinz von Orleans, und Herr Connétable, ihr redet von Pferden und Rüstung –

Orleans.
Ihr seid mit beiden so wohl versehen, als irgendein Prinz von der Welt.

Dauphin.
Was das für eine lange Nacht ist! – Ich tausche mein Pferd gegen keines, das nur auf vier Pfoten geht. Ah ça! Er springt von der Erde, als ob er mit Haaren ausgestopft wäre, le cheval volant, der Pegasus, qui a les narines de feu. Wenn ich ihn reite, so schwebe ich in Lüften, ich bin ein Falke, er trabt auf der Luft, die Erde singt, wenn er sie berührt; das schlechteste Horn seines Hufes ist musikalischer als die Pfeife des Hermes.

Orleans.
Er ist von der Farbe der Muskatnuß.

Dauphin.
Und von der Hitze des Ingwers. Er ist ein Tier für den Perseus: nichts wie Feuer und Luft, und die trägen Elemente der Erde und des Wassers zeigen sich niemals in ihm, außer in seiner geduldigen Stille, während sein Reiter ihn besteigt. Er ist in der Tat ein Pferd, und alle andern Mähren kann man Vieh nennen.

Connétable.
In der Tat, gnädiger Herr, es ist ein ganz vollkommnes und vortreffliches Pferd.

Dauphin.
Es ist der Fürst der Gäule; sein Wiehern ist wie das Gebot eines Monarchen, und sein Anstand nötigt Huldigung ab.

Orleans.
Nicht weiter, Vetter.

Dauphin.
Ei, der Mensch hat keinen Witz, der nicht vom Aufsteigen der Lerche bis zum Einpferchen des Lammes mit verdientem Lobe auf meinen Gaul abwechseln kann. Es ist ein Thema, überfließend wie die See; verwandelt den Sand in beredte Zungen, und mein Pferd gibt ihnen allen zu tun. Es ist würdig, daß ein Souverän darüber rede, und daß der Souverän eines Souveräns darauf reite; und daß die Welt, sowohl die uns bekannte als unbekannte, ihre besondern Geschäfte beiseite lege und ihn bewundre. Ich schrieb einmal ein Sonett zu seinem Ruhm und fing so an: «O Wunder der Natur» –

Orleans.
Ich habe ein Sonett an eine Geliebte so anfangen hören.

Dauphin.
Dann hat man das nachgeahmt, was ich auf meinen Renner dichtete: denn mein Pferd ist meine Geliebte.

Orleans.
Eure Geliebte weiß gut zu tragen.

Dauphin.
Mich wohl, was das ausgemachte Lob und die Vollkommenheit einer guten und ausschließlich eignen Geliebten ist.

Connétable.
Ma foi! mich dünkt, neulich schüttelte Eure Geliebte Euch tüchtig den Rücken zusammen.

Dauphin.
Das tat Eure vielleicht auch.

Connétable.
Meine war nicht gezäumt.

Dauphin.
Oh, so war sie vielleicht alt und sanftmütig, und Ihr rittet wie ein irländischer Kern ohne Eure französischen Pluderhosen, bloß in Euren knappen Beinkleidern.

Connétable.
Ihr versteht Euch gut auf Reiterei.

Dauphin.
So laßt Euch von mir warnen. Die so reiten und nicht vorsichtig reiten, fallen in garstige Sümpfe; ich will lieber mein Pferd zur Geliebten haben.

Connétable.
Ich möchte ebenso gern, daß meine Geliebte eine Mähre wäre.

Dauphin.
Ich sage dir, Connétable, meine Geliebte trägt ihr eignes Haar.

Connétable.
Das könnte ich ebenso wahrhaft rühmen, wenn ich eine Sau zur Geliebten hätte.

Dauphin.
Le chien est retourné à son propre vomissement, et la truie lavée au bourbier; du brauchst alles, was es auch sei.

Connétable.
Doch nicht mein Pferd zur Geliebten, noch irgend so ein Sprichwort, das so wenig zur Sache paßt.

Rambures.
Herr Connétable, die Rüstung, die ich heute nacht in Eurem Zelte sah: sind das Sonnen oder Sterne, was Ihr darauf habt?

Connétable.
Sterne.

Dauphin.
Einige davon werden morgen fallen, vermute ich.

Connétable.
Und doch wird mein Himmel voll sein.

Dauphin.
Das mag sein, denn Ihr tragt ihrer viel überflüssige, und es würde Euch mehr Ehre bringen, wenn einige weg wären.

Connétable.
Gerade so, wie Euer Pferd Eure Lobpreisungen trägt; es würde ebensogut traben, wenn einige Eurer Prahlereien aus dem Sattel geworfen wären.

Dauphin.
Ich wollte, ich wär fähig, ihm sein Verdienst aufzuladen. – Will es denn niemals Tag werden? Ich will morgen eine Meile traben, und mein Weg soll mit englischen Gesichtern gepflastert sein.

Connétable.
Das will ich nicht sagen, aus Furcht, der Weg möchte mir Gesichter schneiden. Aber ich wollte, es wäre Morgen, denn ich möchte die Engländer gern bei den Ohren haben.

Rambures.
Wer will sich mit mir an einen Wurf um zwanzig englische Gefangene wagen?

Connétable.
Ihr müßt Euch selbst dran wagen, ehe Ihr sie habt.

Dauphin.
Es ist Mitternacht, ich will gehn und meine Waffen anlegen. (Ab.)

Orleans.
Der Dauphin verlangt nach dem Morgen.

Rambures.
Er verlangt die Englischen aufzuessen.

Connétable.
Ich denke, er wird alle aufessen, die er umbringt.

Orleans.
Bei der weißen Hand meiner Dame, er ist ein braver Prinz.

Connétable.
Schwört bei ihrem Fuße, damit sie den Schwur austreten kann.

Orleans.
Er ist ohne Frage der geschäftigste Herr in Frankreich.

Connétable.
Vordrängen ist Geschäftigkeit, und er drängt sich immer vor.

Orleans.
Ich habe nicht gehört, daß er jemals einem was zuleide tat.

Connétable.
Er wird es auch morgen nicht, er wird diesen guten Namen behaupten.

Orleans.
Ich weiß, daß er tapfer ist.

Connétable.
Mir hat es jemand gesagt, der ihn besser kennt als Ihr.

Orleans.
Wer war das?

Connétable.
Ei, er sagte es mir selbst; und er sagte, er kümmere sich nicht darum, wer es erführe.

Orleans.
Das braucht er auch nicht, es ist keine versteckte Tugend an ihm.

Connétable.
Ja, meiner Treu, das ist sie: niemand hat sie je gesehn, außer sein Lakai. Es ist eine verkappte Tapferkeit, und wenn sie ans Tageslicht kommt, wird sie die Augen zudrücken.

Orleans.
Übler Wille führt keine gute Nachrede.

Connétable.
Auf dies Sprichwort setze ich ein andres: Freundschaft ist eine Schmeichlerin.

Orleans.
Und das nehme ich auf mit: Auch dem Teufel kein Unrecht tun!

Connétable.
Gut angebracht! Euer Freund steht da für den Teufel, und um Eurem Sprichworte recht zuleibe zu gehn, sage ich: ich frage den Teufel darnach.

Orleans.
Ihr seid stärker in Sprichwörtern, aber: eines Narren Bolzen sind bald verschossen.

Connétable.
Ihr habt übers Ziel hinausgeschossen.

Orleans.
Es ist nicht das erste Mal, daß über Euch hinausgeschossen wird.

Ein Bote tritt auf.

Bote.
Herr Connétable, die Englischen liegen nur fünfzehnhundert Schritte weit von Eurem Zelte.

Connétable.
Wer hat das Feld gemessen?

Bote.
Der gnädige Herr Grandpré.

Connétable.
Ein wackrer und erfahrner Herr. – Ich wollte, es wäre Tag! – Ach, der arme Heinrich von England! Er verlangt nicht nach der Morgendämmerung wie wir.

Orleans.
Was für ein armseliger und einfältiger Geselle ist dieser König von England, daß er mit seinen grützköpfigen Leuten so ganz durchhinkommt!

Connétable.
Wenn die Engländer nur die geringste Besinnung hätten, so würden sie davonlaufen.

Orleans.
Daran fehlts ihnen: denn hätten ihre Köpfe irgendeine geistige Rüstung, so könnten sie nicht so schwere Sturmhauben tragen.

Rambures.
Dies Inselland erzeugt sehr tapfre Kreaturen: ihre Bullenbeißer sind von unvergleichlichem Mute.

Orleans.
Einfältige Hunde! die blindlings einem russischen Bären in den Rachen laufen und sich die Köpfe wie faule Äpfel zerquetschen lassen. Ihr könntet ebensogut sagen, es sei ein tapfrer Floh, der sein Frühstück auf der Lippe eines Löwen verzehrt.

Connétable.
Ganz recht, und die Menschen sympathisieren mit den Bullenbeißern im kräftigen und rauhen Angreifen, sie lassen ihren Witz bei ihren Frauen zurück, und dann gebt ihnen große Mahlzeiten von Rindfleisch und Eisen und Stahl, so werden sie fressen wie Wölfe und fechten wie Teufel.

Orleans.
Ja, aber diesen Englischen ist das Rindfleisch verzweifelt ausgegangen.

Connétable.
Dann werden wir morgen finden, daß sie bloß Appetit zum Essen, aber nicht zum Fechten haben. Jetzt ist es Zeit, die Waffen anzulegen; kommt, sollen wir daran gehn?

Orleans.
Jetzt ist es zwei; eh noch zehn Uhr vergangen,
Hat jeder hundert Englische gefangen. (Ab.)

Vierter Aufzug

Chorus tritt auf

Chorus.
Nun lasset euch gemahnen eine Zeit,
Wo schleichend Murmeln und das spähnde Dunkel
Des Weltgebäudes weite Wölbung füllt.
Von Lager hallt zu Lager, durch der Nacht
Unsaubern Schoß, der Heere Summen leise,
Daß die gestellten Posten fast vernehmen
Der gegenseitgen Wacht geheimes Flüstern.
Die Feur entsprechen Feuern, und es sieht
Durch ihre bleichen Flammen ein Geschwader
Des andern bräunlich überfärbt Gesicht.
Roß droht dem Roß, ihr stolzes Wiehern dringt
Ins dumpfe Ohr der Nacht, und von den Zelten,
Den Rittern helfend, geben Waffenschmiede,
Die Rüstung nietend mit geschäftgem Hammer,
Der Vorbereitung grauenvollen Ton.
Des Dorfes Hähne krähn, die Glocken schlagen
Des schlafbetäubten Morgens dritte Stunde.
Stolz auf die Zahl und sichern Muts verspielen
Die muntern, selbstvertrauenden Franzosen
Die nichtsgeacht’ten Englischen in Würfeln
Und schmähn den krüppelhaften Gang der Nacht,
Die, einer schnöden, garstgen Hexe gleich,
Hinweg so zögernd hinkt. Die armen Englischen,
Wie Opfer sitzen sie bei wachen Feuern,
Geduldig, und erwägen innerlich
Die morgende Gefahr; die trübe Miene
Auf hohlen Wangen und vom Krieg vernutzt
Die Röcke stellen sie dem schaun’den Mond
Wie grause Geister dar. O, wer nun sehen mag
Den hohen Feldherrn der verlornen Schar
Von Wacht zu Wacht, von Zelt zu Zelte wandeln,
Der rufe: «Preis und Ruhm sei seinem Haupt!»
Denn er geht aus, besucht sein ganzes Heer,
Beut mit bescheidnem Lächeln guten Morgen
Und nennt sie Brüder, Freunde, Landesleute.
Auf seinem königlichen Antlitz ist
Kein Merkmal, welch ein furchtbar Heer ihn drängt,
Noch widmet er ein Tüttelchen von Farbe
Der schläfrigen und ganz durchwachten Nacht;
Nein, er sieht frisch und übermannt die Schwäche
Mit frohem Schein und holder Majestät,
Daß jeder Arme, bleich gehärmt zuvor,
Ihn sehend, Trost aus seinen Blicken schöpft;
Und allgemeine Gaben, wie die Sonne,
Erteilet jedem sein freigebig Auge,
Auftauend kalte Furcht. Drum, Hoh’ und Niedre,
Seht, wie Unwürdigkeit ihn zeichnen mag,
Den leichten Abriß Heinrichs in der Nacht.
So muß zum Treffen unsre Szene fliegen,
Wo wir (o Schmach!) gar sehr entstellen werden
Mit vier bis fünf zerfetzten schnöden Klingen,
Zu lächerlichem Balgen schlecht geordnet,
Den Namen Azincourt. Doch sitzt und seht,
Das Wahre denkend, wo sein Scheinbild steht! (Ab.)

Erste Szene

Das englische Lager zu Azincourt

König Heinrich, Bedford und Gloster

König Heinrich.
Wahr ist es, Gloster, die Gefahr ist groß,
Um desto größer sei denn unser Mut! –
Guten Morgen, Bruder Bedford! – Großer Gott!
Es ist ein Geist des Guten in dem Übel,
Zög ihn der Mensch nur achtsam da heraus.
Früh aufstehn lehren uns die schlimmen Nachbarn,
Was teils gesund und gute Wirtschaft ist:
Dann sind sie unser äußerlich Gewissen
Und Prediger uns allen, die uns warnen,
Daß wir zu unserm End uns wohl bereiten.
So können wir vom Unkraut Honig lesen
Und machen selbst den Teufel zur Moral.

Erpingham tritt auf.

Guten Morgen, guter Thomas Erpingham!
Ein sanftes Kissen für das weiße Haupt
Wär besser als der harte Rasen Frankreichs.

Erpingham.
Nicht so, mein Fürst; dies Lager dünkt mir besser:
Ich liege wie ein König, sag ich nun.

König Heinrich.
‘s ist gut, daß Beispiel gegenwärtge Plagen
Uns lieben lehrt; so wird der Geist erleichtert;
Und, lebt erst das Gemüt auf, so erstehn
Auch die zuvor erstorbenen Organe
Aus dumpfem Grab und regen sich aufs neu
Mit abgstreifter Hüll und frischem Schwung.
Sir Thomas, leih mir deinen Mantel! – Brüder,
Empfehlt den Prinzen unsers Lagers mich;
Bringt meinen guten Morgen, und sogleich
Bescheidet alle hin zu meinem Zelt.

Gloster.
Das wollen wir, mein Fürst.

(Gloster und Bedford ab.)

Erpingham.
Begleit ich Eure Hoheit?

König Heinrich.
Nein, mein wackrer Ritter,
Mit meinen Brüdern geh zu Englands Herrn.
Ich und mein Busen müssen uns beraten,
Da wünsch ich andere Gesellschaft nicht.

Erpingham.
Dich segne Gott im Himmel, edler Heinrich!

(Erpingham ab.)

König Heinrich.
Gott dank dirs, edles Herz! Du sprichst erfreulich.

Pistol tritt auf.

Pistol.
Qui va là?

König Heinrich.
Gut Freund!

Pistol.
Erläutre mir: bist du ein Offizier?
Wie? oder schlecht, gering und aus dem Volk?

König Heinrich.
Ich bin der Führer einer Kompanie.

Pistol.
Schleppst du den mächtgen Speer?

König Heinrich.
Jawohl. – was seid Ihr?

Pistol.
Ein Edelmann, so gut als wie der Kaiser.

König Heinrich.
So seid Ihr ja vornehmer als der König.

Pistol.
Der König ist ein Goldherz und ein Schatz,
Ein Wonnejung und Ruhmessproß,
Von guten Eltern und höchst tapfrer Faust.
Ich küsse seinen schmutzgen Schuh und liebe
Den lieben Eisenfresser ganz und gar
Von meines Herzens Grund. Wie ist dein Name?

König Heinrich.
Heinrich le Roi.

Pistol.
Le Roi? Ein corn’scher Nam’: stammst du aus Cornwalls Brut?

König Heinrich.
Nein, ich bin ein Welscher.

Pistol.
Kennst du Fluellen?

König Heinrich.
Ja.

Pistol.
Sag ihm, ich will sein Lauch ihm um den Kopf
Am Davidstage schlagen.

König Heinrich.
So tragt nur Euren Dolch nicht an der Mütze, damit er den nicht um den Eurigen schlägt.

Pistol.
Bist du sein Freund?

König Heinrich.
Auch sein Verwandter.

Pistol.
So biet ich figo dir.

König Heinrich.
Ich dank Euch: Gott geleit Euch!

Pistol.
Mein Name heißt Pistol. (Ab.)

König Heinrich.
Er paßt gut zu Eurem Trotz.

Fluellen und Gower kommen von verschiedenen Seiten.

Gower.
Kapitän Fluellen!

Fluellen.
Nun, im Namen Jessu Christi, sprecht doch leiser! Es ist das allerverwunderlichste in der sämtlichen Welt, wenn die wahren und uralten Prifilegien und Gesetze des Krieges nicht beobachtet sein. Wenn Ihr Euch nur die Mühe nehmen wolltet, die Kriege von Pompejus dem Großen zu untersuchen, so würdet Ihr finden, dafür stehe ich Euch, daß im Lager des Pompejus kein Schnickschnack und Wischewasche ist; ich stehe Euch dafür, Ihr werdet finden, daß die Zärimonien des Krieges, und die Sorgfalt in selbigem, und die Sitten in selbigem, und die Nüchternheit in selbigem, und die Pescheidenheit in selbigem ganz anders sein.

Gower.
Ei, der Feind ist laut, man hat ihn die ganze Nacht hören können.

Fluellen.
Wenn der Feind ein Esel ist, und ein Narr, und ein plappernder Hasenfuß, denkt Ihr, es sei schicklich, daß wir auch – seht Ihr – ein Esel und ein Narr und ein plappernder Hasenfuß sein? Ich frage Euch auf Euer Gewissen.

Gower.
Ich will leiser sprechen.

Fluellen.
Ich pitte Euch und ersuche Euch, daß Ihrs tut.

(Gower und Fluellen ab.)

König Heinrich.
Erscheint es gleich ein wenig aus der Mode,
Der Welsche hat viel Sorgsamkeit und Mut.

Bates, Court und Williams kommen.

Court.
Bruder Johann Bates, ist das nicht der Morgen, was da anbricht?

Bates.
Ich denke, er ist’s; aber wir haben nicht viel Grund, die Annäherung des Tages zu verlangen.

Williams.
Wir sehen dort den Anbruch des Tages, aber ich denke, wir werden niemals sein Ende sehen. – Wer geht da?

König Heinrich.
Guter Freund.

Williams.
Unter welchem Hauptmann dient Ihr?

König Heinrich.
Unter Sir Thomas Erpingham.

Williams.
Ein guter alter Anführer und ein sehr lieber Herr. Ich bitte Euch, wie denkt er von unserm Zustande?

König Heinrich.
Grade wie Menschen, die auf einer Sandbank gescheitert sind und erwarten, von der nächsten Flut weggewaschen zu werden.

Bates.
Hat er seinen Gedanken dem Könige nicht gesagt?

König Heinrich.
Nein, und er muß es auch nicht tun. Denn, ob ich es Euch schon sage, ich denke, der König ist nur ein Mensch, wie ich bin. Die Viole riecht ihm, wie sie mir tut, das Firmament erscheint ihm wie mir, alle seine Sinne stehen unter menschlichen Bedingungen; seine Zeremonien beiseite gesetzt, erscheint er in seiner Nacktheit nur als ein Mensch, und wiewohl seine Neigungen einen höheren Schwung nehmen als unsre, so senken sie sich doch mit demselben Fittich, wenn sie sich senken. Daher, wenn er Ursache zur Furcht sieht, wie wir tun, so ist seine Furcht ohne Zweifel von derselben Beschaffenheit wie unsre; doch sollte vernünftigerweise kein Mensch ihn mit einem Schein von Furcht einnehmen, damit er nicht, indem er sie verrät, seine Armee mutlos macht.

Bates.
Er mag äußerlich soviel Mut zeigen, als er will, aber ich glaube, so eine kalte Nacht, wie es ist, könnte er sich doch bis an den Hals in die Themse wünschen, und ich wollte auch, daß er drin säße und ich bei ihm, auf alle Gefahr, wenn wir nur hier los wären.

König Heinrich.
Bei meiner Treu, ich will nach meinem Gewissen von dem Könige reden: ich denke, er wünscht sich nirgend anderswohin, als wo er ist.

Bates.
Dann wollte ich, er wäre allein hier, so wäre er gewiß, ausgelöst zu werden, und manches armen Menschen Leben würde gerettet.

König Heinrich.
Ich darf sagen, Ihr wollt ihm nicht so übel, daß Ihr ihn hier allein wünschen solltet, wiewohl Ihr so sprechen mögt, um andrer Menschen Gesinnungen zu prüfen. Mich dünkt, ich könnte nirgends so zufrieden sterben als in des Königs Gesellschaft, da seine Sache gerecht und sein Zwist ehrenvoll ist.

Williams.
Das ist mehr, als wir wissen.

Bates.
Ja, oder mehr, als wonach wir fragen dürfen, denn wir wissen genug, wenn wir wissen, daß wir des Königs Untertanen sind; wenn seine Sache schlecht ist, so reinigt unser Gehorsam gegen den König uns von aller Schuld dabei.

Williams.
Aber wenn seine Sache nicht gut ist, so hat der König selbst eine schwere Rechenschaft abzulegen; wenn alle die Beine und Arme und Köpfe, die in einer Schlacht abgehauen sind, sich am Jüngsten Tage zusammenfügen, und schreien alle: «Wir starben da und da», einige fluchend, einige um einen Feldscher schreiend, einige über ihre Frauen, die sie arm zurückgelassen, einige über ihre unbezahlten Schulden, einige über ihre unerzognen Kinder. Ich fürchte, es sterben nur wenige gut, die in einer Schlacht umkommen; denn wie können sie irgend was christlich anordnen, wenn sie bloß auf Blut gerichtet sind? Wenn nun diese Menschen nicht gut sterben, so wird es ein böser Handel für den König sein, der sie dahin geführt, da, ihm nicht zu gehorchen, gegen alle Ordnung der Unterwürfigkeit laufen würde.

König Heinrich.
Also, wenn ein Sohn, der von seinem Vater zum Handel ausgesandt wird, sündlich auf der See verunglückt, so müßte man die Schuld seiner Ruchlosigkeit nach Eurer Regel auf den Vater wälzen, der ihn aussandte. Oder wenn ein Bedienter, der unter den Befehlen seines Herrn eine Summe Geldes wohin bringt, von Räubern angefallen wird und in vielen unversöhnten Ungerechtigkeiten stirbt, so könnt Ihr das Geschäft des Herrn den Urheber von der Verdammnis des Bedienten nennen. – Aber dem ist nicht so: der König ist nicht gehalten, für das besondre Ende seiner Soldaten einzustehn, der Vater für das seines Sohnes, und der Herr für das seines Bedienten, denn sie wollen ja nicht ihren Tod, wenn sie ihre Dienste wollen. Außerdem gibt es keinen König, sei seine Sache auch noch so fleckenlos, der, wenn es zur Entscheidung des Schwertes kommt, sie mit ganz unbefleckten Soldaten ausmachen kann. Einige haben vielleicht die Schuld überlegten und vorsätzlichen Mordes auf sich geladen; einige, daß sie Jungfrauen durch die gebrochnen Siegel des Meineides hintergangen; einige machen den Krieg zu ihrem Bollwerk, die zuvor den sanften Busen des Friedens mit Plündern und Räuberei wund gerissen. Wenn nun diese Menschen das Gesetz vereitelt haben und der natürlichen Strafe entronnen sind, können sie schon den Menschen entlaufen, so haben sie doch keine Flügel, um Gott zu entfliehen. Krieg ist seine Geißel, Krieg ist sein Werkzeug der Rache, so daß hier die Menschen für den vorherigen Bruch der Gesetze des Königs im gegenwärtigen Streit des Königs gestraft werden; wo sie den Tod fürchteten, haben sie das Leben davongebracht, und wo sie sich zu sichern dachten, kommen sie um. Wenn sie daher unvorbereitet sterben, so ist der König nicht mehr an ihrer Verdammnis schuldig, als er es vorher an den Ruchlosigkeiten war, derentwegen sie nun heimgesucht werden. Jedes Untertanen Pflicht gehört dem König, jedes Untertanen Seele ist sein eigen. Darum sollte jeder Soldat im Kriege es wie jeder kranke Mann in seinem Bette machen, jedes Stäubchen aus seinem Gewissen waschen, und wenn er so stirbt, ist der Tod für ihn ein Gewinn; oder wenn er nicht stirbt, so war die Zeit segensvoll verloren, worin eine solche Vorbereitung gewonnen ward; und bei dem, welcher davonkommt, wäre es keine Sünde, zu denken, daß, da er Gott ein so freies Anerbieten macht, dieser ihn den Tag überleben läßt, um seine Größe einzusehen und andern zu lehren, wie sie sich vorbereiten sollen.

Williams.
Es ist gewiß, wenn jemand übel stirbt, so fällt das Übel auf sein eignes Haupt; der König hat nicht dafür einzustehen.

Bates.
Ich verlange nicht, daß er für mich einstehen soll, und doch bin ich entschlossen, wacker für ihn zu fechten.

König Heinrich.
Ich hörte den König selbst sagen, er wolle sich nicht auslösen lassen.

Williams.
Ja, das sagte er, damit wir guten Muts fechten möchten; aber wenn uns die Kehlen abgeschnitten sind, so kann er ausgelöst werden, und wir sind dann um nichts klüger.

König Heinrich.
Wenn ich das erlebe, so will ich seinem Wort niemals wieder trauen.

Williams.
Teufel, da spielt Ihr ihm einen rechten Streich! Das ist ein gefährlicher Schuß aus einer Holunderbüchse, den die Unzufriedenheit eines armen Einzelnen gegen einen Monarchen tun kann. Ihr könntet ebensogut damit umgehn, die Sonne dadurch in Eis zu verwandeln, daß Ihr mit einer Pfauenfeder ihr ins Gesicht fächelt. Ihr wollt ihm niemals wieder trauen! Geht, es ist eine alberne Rede.

König Heinrich.
Ihr verweist es mir ein wenig zu rund heraus; ich würde böse auf Euch sein, wenn sich die Zeit dazu schickte.

Williams.
Laßt uns den Streit miteinander ausmachen, wenn Ihr am Leben bleibt.

König Heinrich.
Ich gehe es ein.

Williams.
Wie soll ich dich wiedererkennen?

König Heinrich.
Gib mir irgendein Pfand, und ich will es an meiner Mütze tragen: wenn du es je anzuerkennen wagst, so will ich den Streit ausfechten.

Williams.
Hier ist mein Handschuh, gib mir einen von deinen.

König Heinrich.
Da.

Williams.
Den will ich auch an meiner Mütze tragen. Wenn du jemals nach dem morgenden Tage zu mir kommst und sagst: «Dies ist mein Handschuh» – bei dieser Hand, ich gebe dir eine Ohrfeige.

König Heinrich.
Wenn ich es erlebe, so will ich ihn gewiß zurückfordern.

Williams.
Du läßt dich ebenso gern hängen.

König Heinrich.
Schon gut, ich tu es, und wenn ich dich in des Königs Gesellschaft fände.

Williams.
Halt dein Wort; leb wohl!

Bates.
Seid Freunde, ihr englischen Narren, seid Freunde; wir haben französische Händel genug, wenn ihr nur zu rechnen wüßtet.

König Heinrich.
In der Tat, die Franzosen können zwanzig französische Kronen gegen eine setzen, daß sie uns schlagen werden, denn sie tragen sie auf ihren eignen Schultern. Aber es ist für einen Engländer keine Verräterei, französische Kronen zu beschneiden, und morgen wird der König selbst ein Kipper und Wipper sein.

(Die Soldaten ab.)

Nur auf den König! Legen wir dem König
Leib, Seele, Schulden, bange Weiber, Kinder
Und Sünden auf! – wir müssen alles tragen.
O harter Stand! Der Größe Zwillingsbruder,
Dem Odem jedes Narren untertan,
Des Sinn nichts weiter fühlt als eigne Pein!
Wieviel Behagen muß ein König missen,
Des sich der Einzle freut?
Was hat ein König, das dem Einzlen fehlt,
Als allgemeine Zeremonie nur?
Und was bist du, du Götze Zeremonie?
Was bist du für ein Gott, der mehr erleidet
Von irdscher Not, als deine Diener tun?
Was ist dein Jahrsertrag? Was deine Renten?
O Zeremonie, zeig mir deinen Wert!
Was ist die Seele deiner Anbetung?
Bist du was sonst als Stufe, Rang und Form,
Die Scheu und Furcht in andern Menschen schafft?
Wo du, gefürchtet, minder glücklich bist
Als sie im Fürchten.
Was trinkst du oft statt süßer Huldigung
Als giftge Schmeichelei? O Größe, sieche
Und heiß dich deine Zeremonie heilen!
Denkst du, das glühnde Fieber werde gehn
Vor Titeln, zugeweht von Schmeichelei?
Wird es vielleicht dem tiefen Bücken weichen?
Steht mit des Bettlers Knie auch seine Stärke
Dir zu Gebote? Nein, du stolzer Traum,
Der listig spielt mit eines Königs Ruh!
Ich, der ichs bin, durchschau dich, und ich weiß,
Es ist der Balsam nicht, der Ball und Zepter,
Das Schwert, der Stab, die hohe Herrscherkrone,
Das eingewirkte Kleid mit Gold und Perlen,
Der Titel, strotzend vor dem König her,
Der Thron, auf dem er sitzt, des Pompes Flut,
Die anschlägt an den hohen Strand der Welt:
Nein, nicht all dies, du Prunk der Zeremonie,
Nicht alles dies, auf majestätschem Bett,
Was so gesund schläft als der arme Sklav,
Der mit gefülltem Leib und ledgem Mut
Zur Ruh sich fügt, gestopft mit saurem Brot,
Die grause Nacht, der Hölle Kind, nie sieht,
Weil er wie ein Trabant von früh bis spät
Vor Phöbus’ Augen schwitzt, die ganze Nacht
Dann in Elysium schläft; am nächsten Tag
Von neuem aufsteht mit der Dämmerung
Und hilft Hyperion zu seinen Pferden.
So folgt er dem beständgen Lauf des Jahrs
Mit vorteilhafter Müh bis in sein Grab;
Und wäre Zeremonie nicht, so hätte
Ein solcher Armer, der mit Plackerei
Die Tage abrollt und mit Schlaf die Nächte,
Vor einem König Vorrang und Gewinn.
Der Sklav, ein Glied vom Frieden seines Lands,
Genießt ihn; doch sein rohes Hirn weiß wenig,
Wie wach der König ist zum Schirm des Friedens,
Des Tag’ am besten doch dem Bauer frommen.

Erpingham tritt auf.

Erpingham.
Herr, Eure Edlen, voller Sorglichkeit
Um Euer Absein, suchen Euch im Lager.

König Heinrich.
Mein guter alter Ritter, rufe sie
Bei meinem Zelt zusammen; ich will dort
Noch vor dir sein.

Erpingham.
Ich werd es tun, mein Fürst. (Ab.)

König Heinrich.
O Gott der Schlachten! Stähle meine Krieger,
Erfüll sie nicht mit Furcht, nimm ihnen nun
Den Sinn des Rechnens, wenn der Gegner Zahl
Sie um ihr Herz bringt. – Heute nicht, o Herr,
O heute nicht, gedenke meines Vaters
Vergehn mir nicht, als er die Kron ergriff!
Ich habe Richards Leiche neu beerdigt
Und mehr zerknirschte Tränen ihr geweiht,
Als Tropfen Bluts gewaltsam ihr entflossen.
Fünfhundert Armen geb ich Jahresgeld,
Die zweimal tags die welken Händ erheben
Zum Himmel, um die Blutschuld zu verzeihn;
Auch zwei Kapellen hab ich auferbaut,
Wo ernste, feierliche Priester singen
Für Richards Seelenruh. Mehr will ich tun:
Doch alles, was ich tun kann, ist nichts wert,
Weil meine Reue noch nach allem kommt,
Verzeihung flehend.

Gloster tritt auf.

Gloster.
Mein Fürst?

König Heinrich.
Die Stimme meines Bruders Gloster? – Ja.
Ich weiß die Botschaft, ich begleite dich,
Der Tag, die Freund’ und alles harrt auf mich.

(Beide ab.)

Zweite Szene

Das französische Lager

Der Dauphin, Orleans, Rambures und andre treten auf

Orleans.
Der Sonnenschein vergoldet unsre Waffen:
Wohlauf, ihr Herrn!

Dauphin.
Montez à cheval! Mein Pferd! valet! laquai! ha!

Orleans.
O wackrer Mut!

Dauphin.
Via! – les eaux et la terre –

Orleans.
Et puis? l’air et le feu –

Dauphin.
Ciel! Vetter Orleans!

Der Connétable tritt auf.

Nun, Herr Connétable?

Connétable.
Horcht, wie die Rosse wiehern auf den Sprung!

Dauphin.
Besteigt sie und zerschneidet ihre Haut,
Daß ihr heiß Blut in Feindes Augen spritze
Und lösche sie mit überflüßgem Mut!

Rambures.
Wie? soll er Blut von unsern Pferden weinen?
Wie säh man seine eignen Tränen denn?

Ein Bote tritt auf.

Bote.
Die Feinde stehn in Reihn, ihr fränkschen Pairs.

Connétable.
Zu Pferd, ihr wackern Prinzen! Flugs zu Pferd!
Seht nur die hungrige und arme Schar,
Eur schöner Schein saugt ihre Seelen weg
Und läßt von Männern ihnen nur die Hülsen.
Für unsre Händ ist nicht genug zu tun,
Kaum Blut genug in ihren kranken Adern,
Um jeden nackten Säbel zu beflecken,
Die unsre fränkschen Braven heute ziehn
Und, weils an Beute fehlt, einstecken werden.
Laß uns nur auf sie hauchen, und es stürzt
Der Dunst von unserer Tapferkeit sie um.
‘s ist ausgemacht ohn alle Frage, Herrn,
Daß unser überflüßger Troß und Bauern,
Die, unnütz tätig, unsre Schlachtgeschwader
Umschwärmen, gnügen würden, dieses Feld
Von solchem jämmerlichen Feind zu säubern,
Wenn wir auch auf des Berges Grund bei an
Zu müßgem Zuschaun Posten fassen wollten,
Was Ehre nicht erlaubt. Was soll ich sagen?
Ein kleines, kleines Wenig laßt uns tun,
Und alles ist getan. Laßt die Trompeten,
Daß aufgesessen werde, lustig blasen;
Denn unser Nahn soll so das Feld erschrecken,
Daß England sich in Furcht soll niederstrecken.

Grandpré tritt auf.

Grandpré.
Was wartet ihr so lang, ihr fränkschen Edlen?
Die Insel-Äser dort, an ihrer Haut
Verzweifelnd, stehn dem Felde scheußlich an;
Die lumpgen Fahnen hängen ärmlich los,
Und höhnend schüttelt unsre Luft sie durch.
Mars scheint bankrott in ihrem Bettelheer
Und blickt nur matt durch rostige Visiere.
Die Reiter scheinen aufgesteckte Leuchter
Mit Kerzen in der Hand; es hängt der Kopf,
Und schlottert Hüft und Haut den armen Mähren;
Aus den erstorbnen Augen tränt der Schleim,
Und in den bleichen, schlaffen Mäulern liegt
Das Kettgebiß, von dem zerkäuten Grase
Beschmutzet, ruhig und bewegungslos.
Und ihre Henker fliegen über ihnen,
Die frechen Krähn, die Stunde kaum erwartend.
Beschreibung kann sich nicht in Worte fügen,
Das Leben solcher Schlachtordnung zu schildern,
Im Leben leblos, wie sie selbst sich zeigt.

Connétable.
Sie haben ihr Gebet schon hergesagt.
Und sind zum Tod bereit.

Dauphin.
Sagt, solln wir ihnen Kost und frische Kleider
Und Füttrung für die magern Pferde senden
Und dann mit ihnen fechten?

Connétable.
Ich wart auf meine Wacht nur; fort, ins Feld!
Ich nehme ‘ner Trompet ihr Fähnlein ab
Und brauchs in meiner Eil. Kommt, macht euch auf!
Die Sonn ist hoch, versäumt nicht ihren Lauf! (Alle ab.)

Dritte Szene

Das englische Lager

Englische Truppen, Gloster, Bedford, Exeter, Salisbury und Westmoreland

Gloster.
Wo ist der König?

Bedford.
Er ritt hinaus, die Schlachtordnung zu sehn.

Westmoreland.
Sie haben volle sechzigtausend Streiter.

Exeter.
Fünf gegen einen, auch sind alle frisch.

Salisbury.
Gott sei mit uns! Die Übermacht ist schrecklich.
Lebt, Prinzen, wohl! Ich will an meinen Posten.
Wenn wir im Himmel erst uns wiedertreffen,
Dann freudevoll! – Mein edler Herr von Bedford,
Ihr teuren Herrn von Gloster und von Exeter
Und liebster Vetter – lebt, ihr Krieger, wohl!

Bedford.
Fahr wohl, mein guter Salisbury! und Heil
Begleite dich!

Exeter.
Leb wohl, du biedrer Lord, ficht heute tapfer!
Doch tu ich Schmach dir, dich daran zu mahnen:
Du hegst den echten Kern der Tapferkeit. (Salisbury ab.)

Bedford.
Er ist so voll von Tapferkeit als Güte,
In beiden fürstlich.

König Heinrich tritt auf.

Westmoreland.
O hätten wir nun hier
Nur ein Zehntausend von dem Volk in England,
Das heut ohn Arbeit ist!

König Heinrich.
Wer wünschte so?
Mein Vetter Westmoreland? – Nein, bester Vetter:
Zum Tode ausersehn, sind wir genug
Zu unsers Lands Verlust; und wenn wir leben,
Je kleinre Zahl, je größres Ehrenteil.
Wie Gott will! Wünsche nur nicht einen mehr!
Beim Zeus, ich habe keine Gier nach Gold
Noch frag ich, wer auf meine Kosten lebt;
Mich kränkts nicht, wenn sie meine Kleider tragen;
Mein Sinn steht nicht auf solche äußre Dinge:
Doch wenn es Sünde ist, nach Ehre geizen,
Bin ich das schuldigste Gemüt, das lebt.
Nein, Vetter, wünsche keinen Mann von England;
Bei Gott! ich geb um meine beste Hoffnung
Nicht soviel Ehre weg, als ein Mann mehr
Mir würd entziehn. O wünsch nicht einen mehr!
Ruf lieber aus im Heere, Westmoreland,
Daß jeder, der nicht Lust zu fechten hat,
Nur hinziehn mag; man stell ihm seinen Paß
Und stecke Reisegeld in seinen Beutel:
Wir wollen nicht in des Gesellschaft sterben,
Der die Gemeinschaft scheut mit unserm Tode.
Der heutge Tag heißt Crispianus’ Fest:
Der, so ihn überlebt und heim gelangt,
Wird auf den Sprung stehn, nennt man diesen Tag,
Und sich beim Namen Crispianus rühren.
Wer heut am Leben bleibt und kommt zu Jahren,
Der gibt ein Fest am heilgen Abend jährlich
Und sagt: «Auf morgen ist Sankt Krispian!»
Streift dann den Ärmel auf, zeigt seine Narben
Und sagt: «Am Krispinstag empfing ich die.»
Die Alten sind vergeßlich; doch wenn alles
Vergessen ist, wird er sich noch erinnern
Mit manchem Zusatz, was er an dem Tag
Für Stücke tat: dann werden unsre Namen,
Geläufig seinem Mund wie Alltagsworte:
Heinrich der König, Bedford, Exeter,
Warwick und Talbot, Salisbury und Gloster,
Bei ihren vollen Schalen frisch bedacht!
Der wackre Mann lehrt seinem Sohn die Märe,
Und nie von heute bis zum Schluß der Welt
Wird Krispin-Krispian vorübergehn,
Daß man nicht uns dabei erwähnen sollte,
Uns wen’ge, uns beglücktes Häuflein Brüder:
Denn welcher heut sein Blut mit mir vergießt,
Der wird mein Bruder; sei er noch so niedrig,
Der heutge Tag wird adeln seinen Stand.
Und Edelleut in England, jetzt im Bett,
Verfluchen einst, daß sie nicht hier gewesen,
Und werden kleinlaut, wenn nur jemand spricht,
Der mit uns focht am Sankt Crispinustag.

Salisbury tritt auf.

Salisbury.
Mein gnädger Fürst, bereitet Euch in Eil!
Schon stehn die Franken stattlich in den Reihen.
Und werden schleunigst ihren Angriff tun.

König Heinrich.
Ist unser Mut bereit, so ist es alles.

Westmoreland.
Verderbe der, des Mut dahinten bleibt!

König Heinrich.
Ihr wünscht von England nicht mehr Hilfe, Vetter?

Westmoreland.
Herr, wollte Gott, daß Ihr und ich allein
Ohn andre Hilfe föchten diese Schlacht.

König Heinrich.
Du hast fünftausend nun hinweggewünscht,
Was besser mir gefällt, als einen wünschen –
Gott mit euch allen! Eure Posten kennt ihr.

Trompeten. Montjoye tritt auf.

Montjoye.
Noch einmal soll ich hören, König Heinrich,
Ob du dich willst vergleichen um die Lösung
Vor deinem höchst unzweifelbaren Fall.
Denn sicherlich, du bist dem Schlund so nah,
Du mußt verschlungen werden. Überdies
Ersucht aus Mitleid dich der Connétable,
Dein Volk an Reu zu mahnen, daß die Seelen
In Frieden mögen scheiden und zum Heil
Von diesen Feldern, wo die armen Leiber
Verwesen müssen.

König Heinrich.
Wer sendet dich?

Montjoye.
Der Connétable Frankreichs.

König Heinrich.
Ich bitt dich, nimm den vorigen Bescheid
Mit dir zurück: heiß sie mich erst bezwingen,
Dann mein Gebein verhandeln. Guter Gott!
Warum sie arme Leute doch so höhnen?
Der Mann, der einst des Löwen Haut verkauft,
Da er noch lebte, kam beim Jagen um.
Es finden sicher unsrer Leiber viel
Ein Grab im Heimatboden, drauf, so hoff ich,
In Erz ein Zeugnis dieses Tags wird leben.
Und die ihr stark Gebein in Frankreich lassen,
Wie Männer sterbend, werden doch berühmt,
Obschon in euren Haufen Kot begraben.
Denn grüßen wird die Sonne nun sie dort
Und ihre Ehren dampfend ziehn zum Himmel,
Indes ihr irdisch Teil die Luft erstickt,
Und sein Geruch in Frankreich Pest erzeugt.
Merkt denn das Übermaß der Tapferkeit
An unsern Englischen, daß sie, schon tot,
So wie das Streifen der Kanonenkugel,
Ausbrechen zu des Unheils zweitem Lauf,
Im Rücksprung ihrer Sterblichkeit noch tötend.
Laßt Stolz mich reden: Sagt dem Connétable,
Wir sind nur Krieger für den Werkeltag,
All unsre Festlichkeit und Zier beschmutzt
Mit nassen Märschen im mühselgen Feld.
Kein Stückchen Feder ist in unserm Heer
(Beweis genug, daß wir euch nicht entfliegen),
Die Zeit hat unsre Sauberkeit vernutzt;
Doch unsre Herzen sind, beim Himmel, schmuck,
Und meine armen Leute sagen mir,
Sie sei’n vor nachts gewiß in frischen Kleidern,
Sonst wollen sie den fränkischen Soldaten
Kopfüber ziehn die neuen bunten Röcke
Und aus dem Dienst sie jagen. Tun sie das
(Ich hoffs zu Gott), so ist auch meine Lösung
Bald aufgebracht. Herold, spar deine Müh;
Komm du nicht mehr um Lösung, lieber Herold!
Ich gebe, schwör ich keine andre nicht
Als alle diese meine Glieder, die ich ihnen
Erst so zu lassen denke, daß sie wenig
Dran haben: sag dem Connétable das!

Montjoye.
Das werd ich, König Heinrich. So leb wohl!
Du hörest nimmer nun den Herold mehr. (Ab.)

König Heinrich.
Du kommst, besorg ich, noch um Lösung wieder.

Herzog von York tritt auf.

York.
Herr, untertänig bitt ich auf den Knien.
Um Anführung des Vortrabs.

König Heinrich.
Wohl, braver York! Soldaten, auf ins Feld!
Und ordne, Gott, den Tag, wie dirs gefällt! (Alle ab.)

Vierte Szene

Das Schlachtfeld

Getümmel. Angriffe. Ein französischer Soldat, Pistol und der Bursch kommen

Pistol.
Ergib dich, Hund!

Französischer Soldat.
Je pense que vous êtes un gentil-homme de bonne qualité.

Pistol.
Qualität nennst du mich? Erläutre mir: bist du ein Edelmann? Was ist dein Nam? Erkläre!

Französischer Soldat.
O Seigneur Dieu!

Pistol.
Oh, Signor Djö muß wohl von Adel sein.
Erwäg mein Wort, o Signor Djö, und merk:
Signor Djö, du mußt die Klinge springen,
Wofern du, o Signor, nicht große Lösung
Mir geben willst.

Französischer Soldat.
Miséricorde! Prenez pitié de moi! Ne me tuez point!

Pistol.
Ein Pfund? Ich will der Pfunde vierzig haben.
Das Zwerchfell hol ich dir zur Kehl heraus
In Tropfen roten Bluts.

Französischer Soldat.
Est-il impossible d’échapper à la force de votre bras? Ah, dégagez-le de ma gorge! N’allez pas me la couper!

Pistol.
Was? Kupfer, Hund?
Verdammte geile Gemse, bietest du
Mir Kupfer an?

Französischer Soldat.
Point de pardon?

Pistol.
Das laß ich gelten; ein paar Tonnen Pfunde.
Hieher komm, Bursch, befrag den Sklaven da
Mir auf Französisch, wie sein Name heißt.

Bursch.
Ecoutez! comment vous appelez-vous?

Französischer Soldat.
Monsieur le Fer.

Bursch.
Er sagt, sein Name sei Herr Fer.

Pistol.
Herr Fer! Ich will ihn beferren und pferchen und ferkeln: erkläre ihm selbiges auf Französisch.

Bursch.
Ich weiß das Französische nicht für beferren und pferchen und ferkeln.

Pistol.
Heiß ihn bereit sein, weil ich ihm die Kehle
Abschneiden will.

Französischer Soldat.
Que dit-il, monsieur?

Bursch.
Il m’ordonne de vous dire, que vous vous teniez prêt, car ce soldat ici est disposé tout à l’heure à vous couper la gorge.

Pistol.
Oui, couper gorge, par ma foi, du Knecht;
Wo du nicht Kronen, brave Kronen gibst,
So soll mein Schwert dich in die Pfanne haun.

Französischer Soldat.
Oh, je vous supplie pour l’amour de Dieu, pardonnez-moi! Je suis gentilhomme d’une bonne maison; épargnez ma vie, et je vous donnerai deux cents écus.

Pistol.
Was ist sein Wort?

Bursch.
Er bittet Euch, ihm das Leben zu schenken; er sei ein Edelmann von guter Herkunft und wolle Euch als sein Lösegeld zweihundert Kronen geben.

Pistol.
Sag ihm, daß nachläßt meine Wut
Und ich die Kronen nehmen will.

Französischer Soldat.
Petit monsieur, que dit-il?

Bursch.
Quoique ce soit contre son serment de donner quartier à aucun prisonnier, néanmoins, pour les écus que vous lui avez promis, il est content de vous mettre en liberté.

Französischer Soldat.
Sur mes genoux je vous rends mille remerciments, et je m’estime heureux d’être tombé entre les mains d’un chevalier, qui est, je pense, le seigneur de l’Angleterre le plus distingué pour sa valeur.

Pistol.
Erklär mir, Bursch.

Bursch.
Er dankt Euch tausendmal auf seinen Knien und schätzt sich glücklich, in die Hände eines Kavaliers gefallen zu sein, der, wie er denkt, der ausgezeichnetste Herr in England von seiten der Tapferkeit ist.

Pistol.
Bei meinem Blut, ich will barmherzig sein.
Folg mir, du Hund. (Ab.)

Bursch.
Suivez le grand capitaine! (Französischer Soldat ab.)

Noch nie habe ich gesehen, daß eine so volle Stimme aus einem so leeren Herzen gekommen wäre; aber der Spruch ist wahr: hohle Töpfe haben den lautesten Klang. Bardolph und Nym hatten zehnmal mehr Herz als dieser brüllende Teufel aus der alten Komödie, dem jedermann die Nägel mit einer hölzernen Pritsche verschneiden könnte, und doch sind sie beide aufgehängt: und das widerführe ihm auch, wenn er irgend was dreist zu stehlen wagte. Ich muß bei den Troßbuben, beim Gepäck unsers Lagers bleiben; der Franzose könnte eine gute Beute haben, wenn er es wüßte: es sind nichts wie Jungen da, um es zu bewachen. (Ab.)

Fünfte Szene

Ein andrer Teil des Schlachtfeldes

Getümmel. Der Dauphin, Orleans, Bourbon, der Connétable, Rambures und andre treten auf

Connétable.
O diable!

Orleans.
O Seigneur! La journée est perdue, tout est perdu!

Dauphin.
Mort de ma vie! Dahin ist alles, alles!
Verachtung sitzt und ewge Schande höhnend
In unsern Federbüschen. – O méchante fortune!

(Kurzes Getümmel.)

Lauft nicht davon!

Connétable.
Ja, alle unsre Reihen sind gebrochen.

Dauphin.
O stete Schmach! – Entleiben wir uns selbst!
Sind dies die Elenden, die wir verwürfelt?

Orleans.
Der König, dem wir Lösung abgefordert?

Bourbon.
O Schand und ewge Schande, nichts als Schande!
Laßt uns nicht sterben drin! Noch mal zurück!
Und wer jetzt nicht dem Bourbon folgen will,
Der geh von hier, und, in der Hand die Mütze,
Halt er die Kammertür, ein schnöder Kuppler,
Indes ein Sklav, nicht edler als mein Hund,
Die schönste Tochter ihm entehrend schwächt.

Connétable.
Nun helf uns Unordnung, die uns verdarb!
Laßt diesen Englischen in Haufen uns
Das Leben bieten oder rühmlich sterben!

Orleans.
Es leben unser noch genug im Feld,
Um im Gedräng, die Feinde zu ersticken,
Wenn irgend nur sich Ordnung halten ließ’.

Bourbon.
Zum Teufel nun die Ordnung! Ins Gedränge,
Und kürzt die Schande mit des Lebens Länge!

(Alle ab.)

Sechste Szene

Ein andrer Teil des Schlachtfeldes

Getümmel. König Heinrich mit Truppen, Exeter und andre treten auf

König Heinrich.
Wir taten brav, mein dreimal tapfres Volk;
Doch alles nicht: der Feind hält noch das Feld.

Exeter.
Der Herzog York empfiehlt sich Euer Majestät.

König Heinrich.
Lebt er, mein Oheim? Dreimal, diese Stunde
Sah ich ihn fallen, dreimal auf, und fechten;
Vom Helm zum Sporne war er nichts als Blut.

Exeter.
In diesem Schmuck verbrämt der wackre Krieger
Den Plan nun, und an seiner blutgen Seite,
Der ehrenreichen Wunden Mitgenoß,
Liegt da der edle Graf von Suffolk auch.
Suffolk starb erst, und York, zerstümmelt ganz,
Kommt zu ihm, wo er lag in Blut getaucht,
Und faßt ihn bei dem Barte, küßt die Schrammen,
Die blutig gähnten in sein Angesicht,
Und rufet laut: «Wart, lieber Vetter Suffolk!
Mein Geist begleite deinen Geist zum Himmel!
Wart, holde Seel, auf meine, daß wir dann
Gepaarten Flugs entfliehn, wie wir uns hier
Auf rühmlichem und wohlerstrittnem Feld
In unsrer Ritterschaft zusammenhielten.»
Bei diesen Worten kam ich, frischt ihn auf,
Er lächelte mir zu, bot mir die Hand,
Und matt sie drückend, sagt’ er: «Teurer Lord,
Empfehlet meine Dienste meinem Herrn.»
So wandt er sich, und über Suffolks Nacken
Warf er den wunden Arm, küßt’ ihm die Lippen
Und siegelte, dem Tod vermählt, mit Blut
Ein Testament der schön beschloßnen Liebe.
Die süße und holdselge Weis erzwang
Von mir dies Wasser, das ich hemmen wollte;
Doch hatt ich nicht soviel vom Mann in mir,
Daß meine ganze Mutter nicht ins Auge
Mir kam und mich den Tränen übergab.

König Heinrich.
Ich tadl’ Euch nicht, denn da ich dieses höre,
Muß ich mit trüben Augen ab mich finden,
Sonst fließen sie auch mir. –
Doch horcht! Was ist das für ein neu Getümmel?
Der Feind hat sein zerstreutes Volk verstärkt:
So töte jeder seinen Kriegsgefangnen;
Gebt weiter den Befehl! (Alle ab.)

Siebente Szene

Ein andrer Teil des Schlachtfeldes

Getümmel. Fluellen und Gower treten auf

Fluellen.
Die Puben und den Troß umbringen, ‘s ist ausdrücklich gegen das Kriegsrecht, ‘s ist ein so ausgemachtes Stück Schelmerei, versteht Ihr mich, als in der Welt nur vorkommen kann. Ist es nicht so, auf Euer Gewissen?

Gower.
Es ist gewiß, sie haben keinen Buben am Leben gelassen, und eben die feigen Hunde, die aus der Schlacht wegliefen, haben diese Metzelei angerichtet; außerdem haben sie alles verbrannt und weggeschleppt, was in des Königs Zelt war, weswegen der König verdientermaßen jeden Soldaten seinem Gefangenen die Kehle hat abschneiden lassen. Oh, er ist ein wackrer König!

Fluellen.
Ja, er ist zu Monmouth gepohren. Wie benennt Ihr den Namen der Stadt, wo Alexander der Preite gepohren ist?

Gower.
Alexander der Große.

Fluellen.
Ei, ich bitte Euch, ist preit nicht groß? Der Preite, oder der Große, oder der Starke, oder der Gewaltige, oder der Heldenmütige, tun alle auf eins hinauslaufen, außer daß die Redensart ein wenig verändert sein.

Gower.
Ich denke, Alexander der Große ist in Mazedonien geboren; sein Vater ward Philipp von Mazedonien genannt, wo mir recht ist.

Fluellen.
Ja, ich denke, es ist in Mazedonien, wo Alexander gepohren ist. Ich sage Euch, Kapitän, wenn Ihr in die Karten der Welt hineinseht, so stehe ich dafür, Ihr werdet bei den Vergleichungen zwischen Mazedonien und Monmouth finden, daß die Lagen, versteht Ihr, von beiden gleich sein. Es befindet sich ein Fluß in Mazedonien, und es befindet sich gleichfalls außerdem ein Fluß zu Monmouth. Zu Monmouth heißt er Wye; aber es will mir nicht in den Kopf fallen, wie der Name des andern Flusses ist; aber es kommt auf eins heraus, es ist sich so gleich, wie diese meine Finger meinen Fingern, und es geben Lachse in beiden. Wenn Ihr Alexanders Leben wohl beachtet, so tut das Leben Heinrichs von Monmouth ziemlich gut hintendrein kommen: denn in allen Dingen sein Figuren. Alexander hat (wie Gott weiß und Ihr wißt) in seinem Zorn und seiner Wut und seinem Grimm und seiner Galle und seinen Launen und seinen Unwilligkeiten und Entrüstungen und auch, weil er ein wenig im Kopfe benebelt war, in seinen Biergelagen und seinem Ärger, seht Ihr, seinen pesten Freund Clytus umgebracht.

Gower.
Darin ist ihm unser König nicht ähnlich, er hat noch nie einen von seinen Freunden umgebracht.

Fluellen.
Es ist nicht wohl getan, versteht Ihr mich, einem die Geschichten aus dem Munde zu nehmen, ehe sie zu Ende gebracht und vollkommen sein. Ich rede nur in den Figuren und Vergleichungen desselbigen; wie Alexander seinen Freund Clytus umbrachte, während er bei seinen Biergelagen und seinen Krügen war: so ebenfalls Heinrich Monmouth, während er bei gutem Verstande und gesunden Sinnen war, tat er den fetten Ritter mit dem großen Bauchwamse abschaffen, er war voller Späße und Pfiffe und Kniffe und Possen; sein Name ist mir vergessen.

Gower.
Sir John Falstaff.

Fluellen.
Das ist er. Ich kann Euch sagen, es werden prafe Leute zu Monmouth gepohren.

Gower.
Da kommt Seine Majestät.

Getümmel. König Heinrich mit einem Teil der englischen Truppen, Warwick, Gloster, Exeter und andre treten auf.

König Heinrich.
Seit ich nach Frankreich kam, war ich nicht zornig
Bis eben jetzt. – Nimm die Trompete, Herold!
Jag zu den Reitern auf dem Hügel dort!
Wofern sie mit uns fechten wollen, heiß
Herab sie ziehn, wo nicht, das Schlachtfeld räumen;
Sie sind mit ihrem Anblick uns zur Last.
Tun sie von beiden keins, so kommen wir
Und stäuben sie da weg, so rasch wie Steine,
Geschnellt aus den assyr’schen alten Schleudern.
Auch wollen wir erwürgen, die wir haben,
Und nicht ein Mann, der in die Händ uns fällt,
Soll Gnad erfahren. – Geht, sagt ihnen das!

Montjoye tritt auf.

Exeter.
Hier kommt der Herold der Franzosen, Herr.

Gloster.
Sein Blick ist demutsvoller, als er pflegte.

König Heinrich.
Nun, was will dieser Herold? Weißt du nicht,
Daß ich dies mein Gebein zur Lösung bot?
Kommst du um Lösung noch?

Montjoye.
Nein, großer König.
Ich komm zu dir um milde Zulassung,
Daß wir dies blutge Feld durchwandern dürfen,
Die Toten zu verzeichnen und begraben,
Die Edlen vom gemeinen Volk zu sondern,
Denn (o des Wehs!) viel’ unsrer Prinzen liegen
Ersäuft und eingeweicht in Söldnerblut;
So taucht auch unser Pöbel rohe Glieder
In Prinzenblut, und ihre wunden Rosse,
Die Fersenbüschel tief im Blute, toben
Und schmeißen wütend mit bewehrten Hufen
Auf ihre toten Herrn, zum zweitenmal
Sie tötend. O vergönnt uns, großer König,
Daß wir das Feld in Ruh beschaun und ordnen
Die Leichen an.

König Heinrich.
Ich weiß in Wahrheit, Herold,
Nicht recht, ob unser oder nicht der Sieg,
Denn eurer Reiter zeigen sich noch viel
Und sprengen durch das Feld.

Montjoye.
Der Sieg ist Euer.

König Heinrich.
Gelobt sei Gott, nicht unsre Kraft dafür!
Wie heißt die Burg, die dicht hier neben steht?

Montjoye.
Man nennt sie Azincourt.

König Heinrich.
So heiße dies die Schlacht bei Azincourt,
Am Tag Crispinus-Krispians gefochten.

Fluellen.
Euer Großvater perühmten Andenkens, mit Euer Majestät Erlaubnis, und Euer Großoheim Eduard, der Schwarze Prinz von Wales, wie ich in den Chroniken gelesen habe, fochten hier in Frankreich eine sehr prafe Schlacht.

König Heinrich.
Das taten sie, Fluellen.

Fluellen.
Eure Majestät sagt sehr wahr; wenn Eure Majestäten dessen erinnerlich sein, die Welschen taten guten Dienst in einem Garten, wo Lauch wuchs, und trugen Lauch auf ihren Monmouther Mützen, welches, wie Eure Majestät weiß, bis auf diese Stunde ein ehrenvolles Feldzeichen ist, und ich glaube, Eure Majestät verschmähn es nicht, das Lauch auf Sankt Davidstag zu tragen.

König Heinrich.
Ich trag es als denkwürdiges Ehrenzeichen: Denn ich bin welsch, Ihr wißt es, guter Landsmann.

Fluellen.
Alles Wasser im Flusse Wye kann Euer Majestät welsches Blut nicht aus Eurem Leibe waschen, das kann ich Euch sagen. Gott segne es und erhalte es, solange als es Seiner Gnaden beliebt und Seiner Majestät obendrein!

König Heinrich.
Hab Dank, mein guter Landsmann!

Fluellen.
Bei Jessus, ich bin Euer Majestät Landsmann, ich frage nicht darnach, ob es jemand weiß; ich will es der sämtlichen Welt bekennen, ich brauche mich Euer Majestät nicht zu schämen, Gott sei gepriesen, solange Eure Majestät ein ehrlicher Mann sein.

König Heinrich.
Erhalte Gott mich so! – zurückbegleiten
Laßt unsre Herold’ ihn, und bringt mir dann
Genaue Nachricht von der Toten Zahl
Auf beiden Seiten! – Ruft den Kerl dort her!

(Er zeigt auf Williams. Montjoye und andre ab.)

Exeter.
Soldat, du mußt zum König kommen.

Williams tritt auf.

König Heinrich.
Soldat, warum trägst du den Handschuh an der Mütze?

Williams.
Mit Euer Majestät Erlaubnis, ‘s ist das Pfand von einem, mit dem ich mich schlagen sollte, wenn er noch am Leben ist.

König Heinrich.
Ein Engländer?

Williams.
Mit Euer Majestät Erlaubnis, ein Schelm, der mir letzte Nacht was vorschwadronierte, dem ich, wenn er noch lebt und jemals das Herz hat, seinen Handschuh zu fordern, geschworen habe, ich wollte ihm eine Ohrfeige geben; oder wenn ich meinen Handschuh an seiner Mütze zu sehen kriege (und er schwur, so wahr er ein Soldat wäre, er wollte ihn tragen, wenn er am Leben bliebe), so will ich ihn ihm tüchtig herunterschlagen.

König Heinrich.
Was denkt Ihr, Kapitän Fluellen? Schickts sich, daß ein Soldat seinen Schwur hält?

Fluellen.
Nach meinem Gewissen ist er sonst eine Memme und ein Hundsfott, mit Euer Majestät Erlaubnis.

König Heinrich.
Es könnte aber sein, daß sein Feind ein vornehmer Edelmann wäre, ganz darüber hinaus, sich mit einem seines Standes einzulassen.

Fluellen.
Wenn er auch ein so guter Edelmann wie der Teifel ist, wie Luzifer und Beelzebub selbst, so ist es doch notwendig, schauen Euer Gnaden, daß er seinen Schwur und seinen Eid hält. Wenn er wortbrüchig ist, seht nur an, so ist seine Reputation ein so ausgemachter Hundsfott und Hanswurst, als jemand mit seinen schwarzen Schuhen auf Gottes Grund und Boden getreten hat: nach meinem Gewissen, seht Ihr.

König Heinrich.
So halte deinen Schwur, Bursche, wenn du den Kerl antriffst.

Williams.
Das will ich, gnädigster Herr, wo ich das Leben behalte.

König Heinrich.
Unter wem dienst du?

Williams.
Unter Kapitän Gower, gnädigster Herr.

Fluellen.
Gower sein ein guter Kapitän und von guter Wissenschaft und Literatur in dem Kriegswesen.

König Heinrich.
Ruf ihn her zu mir, Soldat.

Williams.
Das will ich, gnädigster Herr. (Ab.)

König Heinrich.
Hier, Fluellen, trage du dies Ehrenzeichen von mir und steck es an deine Mütze. Als Alençon und ich zusammen am Boden lagen, riß ich diesen Handschuh von seinem Helm; wenn irgend jemand ihn zurückfordert, so ist er ein Freund Alençons und ein Feind unserer Person; wenn du so einem begegnest, so greife ihn, wo du mich liebst.

Fluellen.
Eure Gnaden tun mir so große Ehre an, als in dem Herzen seiner Untertanen begehrt werden kann. Ich möchte gern den Menschen sehn, der nur zwei Beine hat, der sich durch diesen Handschuh beleidigt finden wird, das ist alles; aber ich möchte es gern einmal sehen, und es gefalle Gott in seiner Gnade, daß ich es doch sehen möchte.

König Heinrich.
Kennst du Gower?

Fluellen.
Zu Eurem Befehl, er ist mein werter Freund.

König Heinrich.
Ich bitte dich, geh ihn suchen und bring ihn zu meinem Zelte.

Fluellen.
Ich will ihn holen. (Ab.)

König Heinrich.
Mylord von Warwick und mein Bruder Gloster,
Folgt dem Fluellen auf den Fersen nach;
Der Handschuh, den ich ihm als Ehrenzeichen
Gegeben, trägt vielleicht ihm eine Maulschell ein;
Er ist von dem Soldaten. Nach dem Handel
Sollt ich ihn selber tragen. Folgt ihm, Vetter;
Wenn der Soldat ihn schlägt – und, wie ich schließe
Nach seinem derben Wesen, hält er Wort –
So könnt ein plötzlich Unheil draus entstehn;
Denn den Fluellen kenn ich als beherzt,
Wenn man die Gall ihm reizt, wie Pulver hitzig,
Und schnell, Beleidigungen zu erwidern.
Folgt ihm und seht, daß sie kein Leid sich tun! –
Ihr geht mit mir, mein Oheim Exeter. (Alle ab.)

Achte Szene

Vor König Heinrichs Zelte

Gower und Williams treten auf

Williams.
Glaubt mir, es geschieht, um Euch zum Ritter zu schlagen, Kapitän.

Fluellen kommt.

Fluellen.
Gottes Willen und Wohlgefallen, Kapitän! Ich ersuche Euch nun, kommt schleunig zum Könige; es steht Euch vielleicht mehr Gutes bevor, als in Eurer Wissenschaft ist, Euch träumen zu lassen.

Williams.
Herr, kennt Ihr diesen Handschuh?

Fluellen.
Ob ich ihn kenne? Ich weiß, daß der Handschuh ein Handschuh ist.

Williams.
Den da kenne ich, und so fordre ich ihn zurück.

(Schlägt ihn)

Fluellen.
Plitz! ein Erzverräter, wie irgendeiner in der sämtlichen Welt, oder in Frankreich, oder in England.

Gower.
Nun, was soll das, du Schurke?

Williams.
Denkt Ihr, daß ich meinen Eid brechen will?

Fluellen.
Tretet zurück, Kapitän Gower, ich will der Verräterei seinen Lohn in Schlägen erteilen, das versichre ich Euch.

Williams.
Ich bin kein Verräter.

Fluellen.
Das lügst du in deinen Hals hinein. – Ich mahne Euch im Namen Seiner Majestät, greift ihn, er ist ein Freund des Herzogs von Alençon.

Warwick und Gloster treten auf.

Warwick.
Nun, nun, was geht hier vor?

Fluellen.
Mylord von Warwick, hier ist, Gott sei Lob und Dank! eine höchst giftige Verräterei ans Licht gekommen, seht Ihr, wie man sie nur an hohen Festtagen verlangen kann. Da kommt Seine Majestät.

König Heinrich und Exeter treten auf.

König Heinrich.
Nun, was gibts hier?

Fluellen.
Mein König, hier ist ein Pösewicht und Verräter, der, schaut Euer Gnaden, den Handschuh weggeschlagen hat, den Euer Majestät von Alençons Helm gerissen.

Williams.
Gnädigster Herr, es war mein Handschuh, hier ist der andre dazu, und der, mit dem ich ihn eingetauscht hatte, versprach, ihn an seiner Mütze zu tragen; ich versprach, ihn zu schlagen, wenn er es täte; ich traf diesen Mann mit meinem Handschuh an seiner Mütze, und ich habe mein Wort gehalten.

Fluellen.
Euer Majestät hören nun, mit allem Respekt vor Dero Mannhaftigkeit, was für ein erzschuftiger, lumpiger, lausiger Spitzbube es ist. Ich hoffe, Eure Majestät werden mir bezeugen, als auch verbürgen und beurkunden, daß dies der Handschuh vom Alençon ist, den Eure Majestät mir geben tat, nach Eurem besten Gewissen.

König Heinrich.
Gib mir deinen Handschuh, Soldat; sieh, hier ist der andre dazu. Ich war es eigentlich, den du zu schlagen versprachest, und du hast mir sehr schnöde Reden gegeben.

Fluellen.
Eure Majestät belieben ihn mit seinem Halse dafür einstehen zu lassen, wo es irgendein militärisches Gesetz in der Welt gibt.

König Heinrich.
Wie kannst du mir Genugtuung schaffen?

Williams.
Alle Beleidigungen, gnädigster Herr, kommen vom Herzen; aus dem meinigen kam nie etwas, das Eure Majestät hätte beleidigen können.

König Heinrich.
Wir waren es, dem du übel begegnetest.

Williams.
Eure Majestät kam nicht in eigner Gestalt, Ihr erschient mir nur wie ein gemeiner Mensch: die Nacht, Eure Kleidung, Euer schlichtes Betragen kann es bezeugen; und was Eure Hoheit unter der Gestalt erlitten, das ersuche ich Euch Eurer eignen Schuld, nicht der meinigen, zuzuschreiben: denn wäret Ihr das gewesen, wofür ich Euch nahm, so hätte ich keinen Fehler begangen; darum bitt ich Eure Hoheit, verzeiht mir!

König Heinrich.
Hier, Oheim, füllt den Handschuh mir mit Kronen
Und gebt dem Burschen ihn. – Behalt ihn, Bursch,
Trag ihn als Ehrenzeichen an der Mütze,
Bis ich ihn fordre. – Gebt die Kronen ihm!
Und, Hauptmann, Ihr müßt Euch mit ihm versöhnen.

Fluellen.
Bei diesem Tageslicht, der Kerl hat Herz genug in seinem Bauche. – Hier, da habt Ihr einen Schilling, und ich bitte Euch, seid gottesfürchtig und hütet Euch vor Lärm und Gezänk und Palgereien und Zwistigkeiten, und ich versichre Euch, es wird um desto besser für Euch sein.

Williams.
Ich will Euer Geld nicht.

Fluellen.
Es geschieht mit gutem Willen; ich sage Euch, Ihr könnt Eure Schuh damit flicken lassen. Geht, weshalb wollt Ihr so plöde sein? Eure Schuh sein nicht gar zu gut; es ist ein guter Schilling, ich versichre Euch, sonst will ich ihn Euch wechseln.

Ein englischer Herold tritt auf.

König Heinrich.
Nun, Herold, sind die Toten gezählt?

Herold.
Hier ist die Anzahl der erschlagnen Franken.

(Übergibt ein Papier.)

König Heinrich.
Was für Gefangne hohen Ranges, Oheim?

Exeter.
Des Königs Neffe Karl von Orleans,
Johann von Bourbon, Herr von Bouciquault,
Von andern Herrn, Baronen, Rittern, Knappen
An fünfzehnhundert, außer den Gemeinen.

König Heinrich.
Der Zettel sagt mir von zehntausend Franken
Erschlagen auf dem Platz; in dieser Zahl von Prinzen
Und Herrn, die Fahnen führen, liegen tot
An hundertsechsundzwanzig; außer diesen
Von Rittern, Knappen, wackern Edelleuten
Achttausendundvierhundert, und davon
Schlug man fünfhundert gestern erst zu Rittern;
So daß von den zehntausend Umgekommnen
Nur sechzehnhundert Söldner sind; der Rest
Sind Prinzen, Herrn, Barone, Ritter, Knappen
Und Edelleute von Geburt und Rang.
Die Namen der gebliebnen Großen sind:
Karl de la Bret, Groß-Connétable Frankreichs,
Jacques Chatillon, des Reiches Admiral,
Der Schützen Oberhauptmann, Herr Rambures,
Großmeister Frankreichs, Ritter Guichard Dauphin,
Die Herzög Alençon und von Brabant,
Der Bruder von dem Herzog von Burgund,
Und Eduard von Bar; von tapfern Grafen
Grandpré und Roussi, Fauconberg und Foix,
Beaumont und Marle, Vaudemont und Lestrale.
O fürstliche Genossenschaft des Todes! –
Wo ist von unsern Toten das Verzeichnis?

(Der Herold überreicht einen andern Zettel.)

Eduard, Herzog von York, der Graf von Suffolk,
Sir Richard Ketly, David Gam Esquire;
Von Namen keine sonst, und von den andern
Nur fünfundzwanzig. O Gott, dein Arm war hier,
Und nicht uns selbst, nur deinem Arme schreiben
Wir alles zu. – Wann sah man, ohne Kriegslist,
Im offnen Stoß und gleichem Spiel der Schlacht
Wohl je sowenig und soviel Verlust
Auf ein und andrer Seite? – Nimm es, Gott!
Denn dein ists einzig.

Exeter.
Es ist wundervoll.

König Heinrich.
Kommt, ziehen wir in Prozession zum Dorf,
Und Tod sei ausgerufen durch das Heer,
Wenn jemand prahlt und Gott die Ehre nimmt,
Die einzig sein ist!

Fluellen.
Ist es nicht rechtmäßig, mit Euer Majestät Erlaubnis, zu sagen, wie viele geblieben sein?

König Heinrich.
Ja, Hauptmann, doch mit dieser Anerkennung, daß Gott für uns gefochten.

Fluellen.
Ja, auf mein Gewissen, er hat uns gut geholfen.

König Heinrich.
Begehn wir alle heiligen Gebräuche,
Man singe das Non nobis und Te Deum.
Und sind die Toten christlich eingescharrt,
Fort nach Calais, und dann in unser Land,
Wo Frankreich nie Beglücktre heimgesandt! (Alle ab.)

Fünfter Aufzug

Chorus tritt auf

Chorus.
Vergönnt, daß denen, welche die Geschichte
Nicht lasen, ich sie deute; wer sie kennt,
Den bitt ich ziemlichst um Entschuldigung
Für Zeit und Zahl und rechten Lauf der Dinge,
Die hier in ihrem großen wahren Leben
Nicht darzustellen sind. Den König bringen
Wir nach Calais; dort sei er, dort gesehn,
Hebt ihn auf den beflügelten Gedanken
Die See hinüber! Englands Küste seht,
Umpfählt die Flut mit Männern, Weibern, Kindern;
Sie überjauchzen das tiefstimmge Meer,
Das, wie ein mächtger Marschall, vor dem König
Den Weg zu bahnen scheint: so laßt ihn landen,
Und feierlich seht ihn nach London ziehn!
So rasch ist des Gedankens Gang, daß ihr
Alsbald ihn auf Black-Heath euch denken könnt,
Wo seine Lords begehren, daß er lasse
Sein umgebognes Schwert, den Helm voll Beulen
Sich durch die Stadt vortragen. Er verbietets,
Frei von ruhmredgem Stolz und Eitelkeit,
Und gibt Trophäen, Siegeszeichen, Pomp
Ganz von sich weg an Gott. Nun aber seht
In reger Schmied’ und Werkstatt der Gedanken,
Wie London seine Bürgerschaft ergießt.
Der Schulz, samt seinen Brüdern, all im Staat,
So wie im alten Rom die Senatoren,
An ihren Fersen der Plebejer Schwarm,
Gehn, ihren Sieger Cäsar einzuholen:
Wie (sei’s ein kleinres, doch ein liebend Gleichnis),
Wenn jetzt der Feldherr unsrer gnädgen Kaiserin,
Wie’s bald geschehen mög, aus Irland käme
Und brächt Empörung auf dem Schwert gespießt:
Wie viele würden diese Friedensstadt
Verlassen, um willkommen ihn zu heißen?
Viel mehre taten und mit viel mehr Grund
Dies unserm Heinrich. Setzt ihn nun in London
(Da noch das Weheklagen der Franzosen
Den König Englands heim zu weilen mahnt,
Wie auch des Kaisers Zwischenkunft für Frankreich,
Um Frieden zu vermitteln), übergeht
All die Ereignisse, die vorgefallen,
Bis Heinrich wieder rückgekehrt nach Frankreich.
Dort müssen wir ihn haben, und ich spielte
Die Zwischenzeit, indem ich euch erinnert,
Sie sei vorbei. Drum duldet Abkürzung
Und wendet euren Blick nach den Gedanken
Flugs wiederum zurück ins Land der Franken! (Ab.)

Erste Szene

Frankreich. Ein englischer Wachtplatz

Fluellen und Gower treten auf

Gower.
Ja, das ist recht; aber warum tragt Ihr heute Euer Lauch? Sankt Davidstag ist vorbei.

Fluellen.
Bei allen Dingen sein Veranlassungen und Gründe, warum und weshalb. Ich will Euch als meinem Freunde sagen, Kapitän Gower: der schuftige, grindige, lumpige, lausige, prahlerische Hundsfott Pistol, den Ihr samt Euch selbst und der ganzen Welt für nichts Pesseres kennt als einen Menschen – versteht Ihr mich – von gar keinen Verdiensten, der ist zu mir gekommen und pringt mir gestern Prot und Salz, seht Ihr, und heißt mich mein Lauch essen; es war an einem Orte, wo ich keine Zwistigkeiten mit ihm nicht anfangen konnte; aber ich werde so dreist sein, es an meiner Mütze zu tragen, bis ich ihn einmal wiedersehe, und dann will ich ihm ein kleines Stück von meinen Wünschen sagen.

Pistol tritt auf.

Gower.
Ei, da kommt er, aufgeblasen wie ein kalkuttischer Hahn.

Fluellen.
Es tut nichts mit seinem Aufplasen und seinen kalkuttischen Hähnen. – Gott grüß Euch, Fähnrich Pistol! Ihr schäbiger, lausiger Schelm, Gott grüß Euch!

Pistol.
Ha, bist du Bedlam? Dürstest, schnöder Troer,
Daß ich der Parze Todsgewebe falte?
Fort, denn mir widert der Geruch des Lauchs!

Fluellen.
Ich ersuche Euch von Herzen, schäbiger, lausiger Schelm, auf meine Pitten, meine Begehren und meine Ansuchungen dies Lauch, seht Ihr, zu essen; weil Ihr es nicht mögt, seht Ihr, und Eure Neigungen und Eure Appetite und Eure Verdauungen damit nicht übereinstimmen tun, so wollte ich Euch bitten, davon zu essen.

Pistol.
Nicht um Cadwallader und seine Gemsen.

Fluellen.
Da habt Ihr eine Gemse. (Schlägt ihn.) Wollt Ihr von der Güte sein, grindiger Schuft, und es aufessen?

Pistol.
Mußt sterben, schnöder Troer.

Fluellen.
Ihr sagt die Wahrheit, grindiger Schuft, wann es Gottes Wille ist. Ich will Euch bitten, unterdessen zu leben und Eure Kost zu verzehren. Kommt, da habt Ihr Prühe dazu! (Schlägt ihn wieder.) Ihr nanntet mich gestern Bergjunker, aber ich will Euch heute zum «Junker niedern Rangs» machen. Ich bitte Euch, frisch dran! Könnt Ihr Lauch verspotten, so könnt Ihr auch Lauch essen.

Gower.
Genug, Kapitän! Ihr habt ihn ganz betäubt.

Fluellen.
Ich sage, er soll mir ein Stück von meinem Lauch essen, oder ich will ihm den Kopf vier Tage lang priegeln. – Peißt an, ich bitte Euch! Es ist gut für Eure frische Wunde und für Eure plutige Krone.

Pistol.
So muß ich beißen?

Fluellen.
Ja, sicherlich und ohne Zweifel und dazu ohne Frage und ohne Zweideutigkeiten.

Pistol.
Bei diesem Lauch! ich will mich gräßlich rächen.
Ich eß und eß und schwöre.

Fluellen.
Eßt, ich bitte Euch. Wollt Ihr noch mehr Prühe zu Eurem Lauch haben? Es ist nicht Lauch genug, um dabei zu schwören.

Pistol.
Halt deinen Prügel ein: du siehst, ich esse.

Fluellen.
Gut bekomme es Euch, grindiger Schuft, von ganzem Herzen! Nein, ich bitte Euch, werft nichts weg; die Schale ist gut für Eure zerschlagene Krone. Wenn Ihr Gelegenheit nehmt, in der Folge Lauch zu sehen, so bitte ich Euch, spottet darüber; weiter sage ich nichts.

Pistol.
Gut.

Fluellen.
Ja, Lauche sein gut. Da, hier ist ein Groschen, um Euren Kopf zu heilen.

Pistol.
Mir einen Groschen?

Fluellen.
Ja, gewißlich und in Wahrheit, Ihr sollt ihn nehmen, oder ich habe noch ein Lauch in der Tasche, das Ihr aufessen sollt.

Pistol.
Ich nehm ihn an als Handgeld meiner Rache.

Fluellen.
Wenn ich Euch irgendwas schuldig bin, so will ich es in Priegeln bezahlen; Ihr sollt ein Holzhändler werden und nichts als Priegel von mir kaufen. Gott geleit Euch und erhalte Euch und heile Euren Kopf! (Ab.)

Pistol.
Dafür soll sich die ganze Höll empören.

Gower.
Geht, geht! Ihr seid ein verstellter feiger Schelm. Wollt Ihr einen alten Gebrauch verspotten, der sich auf einen ehrenvollen Anlaß gründet und als eine denkwürdige Trophäe ehemaliger Tapferkeit getragen wird, und habt nicht das Herz, Eure Worte im geringsten durch Eure Taten zu bekräftigen? Ich habe Euch schon zwei- oder dreimal diesen wackern Mann necken und besticheln sehn. Ihr dachtet, weil er das Englische nicht nach seinem eigentümlichen Schnitte sprechen kann, so könne er auch keinen englischen Prügel handhaben. Ihr findet es anders: lernt daher für die Zukunft von einer welschen Züchtigung gute englische Sitte! Gehabt Euch wohl! (Ab.)

Pistol.
Wie? Spielt Fortuna nun mit mir das Nickel?
Kund ward mir, daß mein Dortchen im Spital
Am fränkschen Übel starb;
Und da ist ganz mein Stelldichein zerstört.
Alt werd ich, und den müden Gliedern prügelt man
Die Ehre aus. Gut, Kuppler will ich werden,
Zum Beutelschneider hurtger Hand mich neigend.
Nach England stehl ich mich und stehle dort
Und schwör, wenn ich bepflastert diese Narben,
Daß Galliens Kriege rühmlich sie erwarben. (Ab.)

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