Viel Lärm um nichts

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William Shakespeare

Viel Lärm um nichts

Übersetzt von
Wolf Graf von Baudissin
unter der Redaktion von Ludwig Tieck

Personen:

Don Pedro, Prinz von Arragon

Leonato, Gouverneur von Messina

Don Juan, Pedros Halbbruder

Claudio, ein florentinischer Graf

Benedikt, ein Edelmann aus Padua

Antonio, Leonatos Bruder

Balthasar, Don Pedros Diener

Borachio und Konrad, Don Juans Begleiter

Holzapfel und Schlehwein, einfältige Gerichtsdiener

Ein Schreiber

Hero, Leonatos Tochter

Beatrice, Leonatos Nichte

Margareta und Ursula, Heros Kammerfrauen

Ein Mönch

Ein Knabe, Boten, Wachen, Gefolge

Die Szene ist in Messina

Erster Aufzug

Erste Szene

Leonato, Hero, Beatrice und ein Bote treten auf

Leonato.
Ich sehe aus diesem Briefe, daß Don Pedro von Arragon diesen Abend in Messina eintrifft.

Bote.
Er kann nicht mehr weit sein: er war kaum drei Meilen von der Stadt entfernt, als ich ihn verließ.

Leonato.
Wieviel Edelleute habt ihr in diesem Treffen verloren?

Bote.
Überhaupt nur wenig Offiziere, und keinen von großem Namen.

Leonato.
Ein Sieg gilt doppelt, wenn der Feldherr seine volle Zahl wieder heimbringt. Wie ich sehe, hat Don Pedro einem jungen Florentiner, namens Claudio, große Ehre erwiesen.

Bote.
Die er seinerseits sehr wohl verdient und Don Pedro nicht minder nach Verdienst erkennt. Er hat mehr gehalten, als seine Jugend versprach, und in der Gestalt eines Lammes die Taten eines Löwen vollbracht; ja, wahrlich, es sind alle Erwartungen noch trefflicher von ihm übertroffen, als Ihr erwarten dürft, von mir erzählt zu hören.

Leonato.
Er hat einen Oheim hier in Messina, welchem diese Nachricht sehr lieb sein wird.

Bote.
Ich habe ihm schon Briefe überbracht, und er scheint große Freude daran zu haben; so große Freude, daß es schien, sie könne sich nicht ohne ein Zeichen von Schmerz bescheiden genug darstellen.

Leonato.
Brach er in Tränen aus?

Bote.
In großem Maß.

Leonato.
Eine zärtliche Ergießung der Zärtlichkeit. Keine Gesichter sind echter, als die so gewaschen werden. Wieviel besser ist’s, über die Freude zu weinen, als sich am Weinen zu freuen.

Beatrice.
Sagt mir doch, ist Signor Schlachtschwert aus dem Feldzug wieder heimgekommen? oder noch nicht?

Bote.
Ich kenne keinen unter diesem Namen, mein Fräulein. Es wird keiner von den Offizieren so genannt.

Leonato.
Nach wem fragt Ihr, Nichte?

Hero.
Meine Muhme meint den Signor Benedikt von Padua.

Bote.
Oh, der ist zurück und immer noch so aufgeräumt als jemals.

Beatrice.
Er schlug seinen Zettel hier in Messina an und forderte den Cupido auf den befiederten Pfeil heraus; und meines Oheims Narr, als er die Aufforderung gelesen, unterschrieb in Cupidos Namen und forderte ihn auf den stumpfen Bolzen. Sagt mir doch, wie viele hat er in diesem Feldzug umgebracht und aufgegessen? Oder lieber, wie viele hat er umgebracht? Denn ich versprach ihm, alle aufzuessen, die er umbringen würde.

Leonato.
Im Ernst, Nichte, Ihr seid unbarmherzig gegen den Signor Benedikt. Aber Ihr werdet Euren Mann an ihm finden, das glaubt mir nur.

Bote.
Er hat in diesem Feldzug gute Dienste getan, mein Fräulein.

Beatrice.
Ihr hattet verdorbnen Proviant, und er half ihn verzehren, nicht wahr? Er ist ein sehr tapfrer Tellerheld und hat einen unvergleichlichen Appetit.

Bote.
Dagegen, Fräulein, ist er auch ein guter Soldat.

Beatrice.
Gegen Fräulein ist er ein guter Soldat: aber was ist er gegen Kavaliere?

Bote.
Ein Kavalier gegen einen Kavalier, ein Mann gegen einen Mann. Er ist mit allen ehrenwerten guten Eigenschaften ausstaffiert.

Beatrice.
Ausstaffiert! O ja! Aber die Staffage ist auch danach. – Ei nun, wir sind alle sterblich.

Leonato.
Ihr müßt meine Nichte nicht mißverstehn, lieber Herr. Es ist eine Art von scherzhaftern Krieg zwischen ihr und Signor Benedikt. Sie kommen nie zusammen ohne ein Scharmützel von sinnreichen Einfällen.

Beatrice.
Leider gewinnt er niemals dabei. In unsrer letzten Affäre gingen ihm vier von seinen fünf Sinnen als Krüppel davon, und seine ganze Person muß sich seitdem mit einem behelfen. Wenn er noch Sinn und Witz genug zurückbehalten hat, sich warmzuhalten, so mag man ihm das als ein Abzeichen gönnen, das ihn von seinem Pferde unterscheidet, denn sein ganzer Vorrat beschränkt sich jetzt darauf, daß man ihn für ein menschliches Wesen hält. Wer ist denn jetzt sein Unzertrennlicher? Denn alle vier Wochen hat er einen neuen Herzensfreund.

Bote.
Ist’s möglich?

Beatrice.
Sehr leicht möglich: denn er hält es mit seiner Treue wie mit der Form seines Huts, die immer mit jeder nächsten Mode wechselt.

Bote.
Wie ich sehe, Fräulein, steht dieser Kavalier nicht sonderlich bei Euch angeschrieben.

Beatrice.
Nein, wenn das wäre, so würde ich alles, was ich schrieb, verbrennen. Aber sagt mir doch, wer ist jetzt sein Kamerad? Gibt’s keinen jungen Raufer, der Lust hat, in seiner Gesellschaft eine Reise zum Teufel zu machen! –

Bote.
Man sieht ihn am meisten mit dem edlen Claudio.

Beatrice.
O Himmel! Dem wird er sich anhängen wie eine Krankheit. Man holt ihn sich schneller als die Pest, und wen er angesteckt hat, der wird augenblicklich verrückt. Tröste Gott den edlen Claudio; wenn er sich den Benedikt zugezogen, wird er nicht unter tausend Pfund von ihm geheilt.

Bote.
Ich wünschte Freundschaft mit Euch zu halten, Fräulein.

Beatrice.
Tut das, mein Freund.

Leonato.
Ihr werdet niemals verrückt werden, Nichte!

Beatrice.
Nein, nicht eh ein heißer Januar kommt.

Bote.
Don Pedro nähert sich eben. (Geht ab.)

Don Pedro, Balthasar, Don Juan, Claudio und Benedikt treten auf.

Don Pedro.
Teurer Signor Leonato, Ihr geht Eurer Unruhe entgegen. Es ist sonst der Welt Brauch, Unkosten zu vermeiden, und Ihr sucht sie auf.

Leonato.
Nie kam Unruhe unter Eurer Gestalt in mein Haus, mein gnädiger Fürst. Wenn uns die Unruhe verließ, bleibt sonst die Behaglichkeit zurück: wenn Ihr dagegen wieder abreist, wird die Trauer verweilen und das Glück von mir Abschied nehmen.

Don Pedro.
Ihr nehmt Eure Last zu willig auf. – Das ist Eure Tochter, wie ich vermute?

Leonato.
Das hat mir ihre Mutter oft gesagt.

Benedikt.
Zweifeltet Ihr daran, Signor, daß Ihr sie fragtet?

Leonato.
Nein, Signor Benedikt, denn damals wart Ihr noch ein Kind.

Don Pedro.
Da habt Ihr’s nun, Benedikt: wir sehn daraus, was Ihr jetzt als Mann sein müßt. In der Tat, sie kündigt selber ihren Vater an. – Ich wünsche Euch Glück, mein Fräulein, Ihr gleicht einem ehrenwerten Vater.

Benedikt.
Wenn auch Signor Leonato ihr Vater ist, sie würde nicht um ganz Messina seinen Kopf auf ihren Schultern tragen wollen, wie sehr sie ihm auch gleicht.

Beatrice.
Mich wundert, daß Ihr immer schwatzen müßt, Signor Benedikt; kein Mensch achtet auf Euch.

Benedikt.
Wie, mein liebes Fräulein Hochmut! Lebt Ihr auch noch?

Beatrice.
Wie sollte wohl Hochmut sterben, wenn er solche Nahrung vor sich hat, wie Signor Benedict? – Die Höflichkeit selbst wird zum Hochmut werden, wenn Ihr Euch vor ihr sehen laßt.

Benedikt.
Dann ist Höflichkeit ein Überläufer; aber soviel ist gewiß, alle Damen sind in mich verliebt, Ihr allein ausgenommen; und ich wollte, mein Herz sagte mir, ich hätte kein so hartes Herz; denn wahrhaftig, ich liebe keine.

Beatrice.
Ein wahres Glück für die Frauen; Ihr wäret ihnen ein gefährlicher Bewerber geworden. Ich danke Gott und meinem kalten Herzen, daß ich hierin mit Euch eines Sinnes bin. Lieber wollt ich meinen Hund eine Krähe anbellen hören, als einen Mann schwören, daß er mich liebe.

Benedikt.
Gott erhalte mein gnädiges Fräulein immer in dieser Gesinnung! So wird doch ein oder der andre ehrliche Mann dem Schicksal eines zerkratzten Gesichts entgehn.

Beatrice.
Kratzen würde es nicht schlimmer machen, wenn es ein Gesicht wäre wie Eures.

Benedikt.
Gut, Ihr versteht Euch trefflich drauf, Papageien abzurichten.

Beatrice.
Ein Vogel von meiner Zunge ist besser als ein Vieh von Eurer.

Benedikt.
Ich wollte, mein Pferd wäre so schnell als Eure Zunge und liefe so in eins fort. Doch nun geht und der Himmel sei mit Euch, denn ich bin fertig.

Beatrice.
Ihr müßt immer mit lahmen Pferdegeschichten aufhören; ich kenne Euch von alten Zeiten her.

Don Pedro.
Kurz und gut, Leonato; – ihr, Signor Claudio und Signor Benedikt; – mein werter Freund Leonato hat euch alle eingeladen. Ich sage ihm eben, wir werden wenigstens einen Monat verweilen, und er bittet den Himmel, daß irgendeine Veranlassung uns länger hier aufhalten möge. Ich wollte schwören, daß er kein Heuchler sei, sondern daß ihm dies Gebet von Herzen geht.

Leonato.
Ihr würdet nicht falsch schwören, mein gnädiger Herr. Laßt mich Euch willkommen heißen, Prinz Juan; nach Eurer Aussöhnung mit dem Fürsten, Eurem Bruder, widme ich Euch alle meine Dienste.

Don Juan.
Ich danke Euch. Ich bin nicht von vielen Worten, aber ich danke Euch.

Leonato.
Gefällt’s Euer Gnaden, vorauszugehn?

Don Pedro.
Eure Hand, Leonato, wir gehn zusammen.

(Leonato, Don Pedro, Don Juan, Beatrice und Hero gehn ab.)

Benedikt und Claudio.

Claudio.
Benedikt, hast du Leonatos Tochter wohl ins Auge gefaßt?

Benedikt.
Ins Auge habe ich sie nicht gefaßt, aber angesehn habe ich sie.

Claudio.
Ist sie nicht ein sittsames, junges Fräulein?

Benedikt.
Fragt Ihr mich wie ein ehrlicher Mann um meine schlichte, aufrichtige Meinung? Oder soll ich Euch nach meiner Gewohnheit als ein erklärter Feind ihres Geschlechts antworten?

Claudio.
Nein, ich bitte dich, rede nach ernstem, nüchternem Urteil.

Benedikt.
Nun denn, auf meine Ehre: mich dünkt, sie ist zu niedrig für ein hohes Lob, zu braun für ein helles Lob, zu klein für ein großes Lob; alles, was ich zu ihrer Empfehlung sagen kann, ist dies: wäre sie anders, als sie ist, so wäre sie nicht hübsch, und weil sie nicht anders ist, als sie ist, so gefällt sie mir nicht.

Claudio.
Du glaubst, ich treibe Scherz: nein, sage mir ehrlich, wie sie dir gefällt.

Benedikt.
Wollt Ihr sie kaufen, weil Ihr euch so genau erkundigt?

Claudio.
Kann auch die ganze Welt solch Kleinod kaufen?

Benedikt.
Jawohl, und ein Futteral dazu. Aber sprecht Ihr dies in vollem Ernst? Oder agiert Ihr den lustigen Rat und erzählt uns, Amor sei ein geübter Hasenjäger und Vulkan ein trefflicher Zimmermann? Sagt doch, welchen Schlüssel muß man haben, um den rechten Ton Eures Gesanges zu treffen?

Claudio.
In meinem Aug ist sie das holdeste Fräulein, das ich jemals erblickte.

Benedikt.
Ich kann noch ohne Brille sehn, und ich sehe doch von dem allem nichts. Da ist ihre Muhme. wenn die nicht von einer Furie besessen wäre, sie würde Hero an Schönheit so weit übertreffen, als der erste Mai den letzten Dezember. Aber ich hoffe, Ihr denkt nicht daran, ein Ehemann zu werden: oder habt Ihr solche Gedanken? –

Claudio.
Und hätt ich schon das Gegenteil beschworen, ich traute meinem Eide kaum, wenn Hero meine Gattin werden wollte.

Benedikt.
Nun wahrhaftig, steht es so mit Euch? Hat die Welt auch nicht einen einzigen Mann mehr, der seine Kappe ohne Verdacht tragen will? Soll ich keinen Junggesellen von sechzig Jahren mehr sehn? Nun, nur zu; wenn du denn durchaus deinen Hals unters Joch zwängen willst, so trage den Druck davon und verseufze deine Sonntage. Sich, da kommt Don Pedro und sucht dich.

Don Pedro kommt zurück.

Don Pedro.
Welch Geheimnis hat euch hier zurückgehalten, daß ihr nicht mit uns in Leonatos Haus gingt?

Benedikt.
Ich wollte, Eure Hoheit nötigte mich, es zu sagen.

Don Pedro.
Ich befehle dir’s bei deiner Lehnspflicht.

Benedikt.
Ihr hört’s, Graf Claudio: ich kann schweigen wie ein Stummer, das könnt Ihr glauben; aber bei meiner Lehnspflicht – seht Ihr wohl, bei meiner Lehnspflicht – er ist verliebt. In wen? (so fragt Eure Hoheit jetzt) und nun gebt acht, wie kurz die Antwort ist: in Hero, Leonatos kurze Tochter.

Claudio.
Wenn dem so wäre, wär es nun gesagt.

Benedikt.
Wie das alte Märchen, mein Fürst: es ist nicht so und war nicht so, und wolle Gott nur nicht, daß es so werde!

Claudio.
Wenn meine Leidenschaft sich nicht in kurzem ändert, so wolle Gott nicht, daß es anders werde.

Don Pedro.
Amen! wenn Ihr sie liebt, denn das Fräulein ist dessen sehr würdig.

Claudio.
So sprecht Ihr nur, mein Fürst, mich zu fangen.

Don Pedro.
Bei meiner Treu, ich rede, wie ich’s denke.

Claudio.
Das tat ich ebenfalls, mein Fürst, auf Ehre.

Benedikt.
Und ich, bei meiner zwiefachen Ehre und Treue, mein Fürst, ich gleichfalls.

Claudio.
Daß ich sie liebe, fühl ich.

Don Pedro.
Daß sie es wert ist, weiß ich.

Benedikt.
Und daß ich weder fühle, wie man sie lieben kann, noch weiß, wie sie dessen würdig sei, das ist eine Überzeugung, welche kein Feuer aus mir herausschmelzen soll; darauf will ich mich spießen lassen.

Don Pedro.
Du warst von jeher ein verstockter Ketzer in Verachtung der Schönheit.

Claudio.
Und der seine Rolle nie anders durchzuführen wußte, als indem er seinem Willen Gewalt antat.

Benedikt.
Daß mich ein Weib geboren hat, dafür dank ich ihr; daß sie mich aufzog, auch dafür sag ich ihr meinen demütigsten Dank: aber daß ich meine Stirn dazu hergebe, die Jagd darauf abzublasen, oder mein Hifthorn an einen unsichtbaren Riem aufhänge, das können mir die Frauen nicht zumuten. Weil ich ihnen das Unrecht nicht tun möchte, einer von ihnen zu mißtrauen, so will ich mir das Recht vorbehalten, keiner zu trauen; und das Ende vom Liede ist (und zugleich gewiß auch das beste Lied), daß ich ein Junggesell bleiben will.

Don Pedro.
Ich erlebe es noch, dich einmal ganz blaß vor Liebe zu sehen.

Benedikt.
Vor Zorn, vor Krankheit oder Hunger, mein Fürst; aber nicht vor Liebe. Beweist nur, daß ich jemals aus Liebe mehr Blut verliere, als ich durch eine Flasche Wein wieder ersetzen kann, so stecht mir die Augen aus mit eines Balladenschreibers Feder, hängt mich auf über der Tür eines schlechten Hauses und schreibt darunter: «Zum blinden Cupido».

Don Pedro.
Nun ja, wenn du je von diesem Glauben abfällst, so mach dir keine Rechnung auf unsre Barmherzigkeit.

Benedikt.
Wenn ich das tue, so hängt mich in einem Faß auf wie eine Katze und schießt nach mir; und wer mich trifft, dem klopft auf die Schulter und nennt ihn Adam.

Don Pedro.
Nun wohl, die Zeit wird kommen, «Wo sich der wilde Stier dem Joche fügt».

Benedikt.
Das mag der wilde Stier; wenn aber der verständige Benedikt sich ihm fügt, so reißt dem Stier seine Hörner aus und setzt sie an meine Stirn, und laßt mich von einem Anstreicher abmalen, und mit so großen Buchstaben, wie man zu schreiben pflegt: «Hier sind gute Pferde zu vermieten», setzt unter mein Bildnis: «Hier ist zu sehn Benedikt, der Ehemann.»

Claudio.
Wenn das geschähe, so würdest du hörnertoll sein.

Don Pedro.
Nun, wenn nicht Cupido seinen ganzen Köcher in Venedig verschossen hat, so wirst du in kurzem für deinen Hochmut beben müssen.

Benedikt.
Dazu müßte noch erst ein Erdbeben kommen.

Don Pedro.
Gut, andre Zeiten, andre Gedanken. Für jetzt, lieber Signor Benedikt, geht hinein zu Leonato, empfehlt mich ihm und sagt ihm, ich werde mich zum Abendessen bei ihm einfinden; denn wie ich höre, macht er große Zurüstungen.

Benedikt.
Diese Bestellung traue ich mir allenfalls noch zu, und somit befehle ich Euch – –

Claudio.
«Dem Schutz des Allerhöchsten: gegeben in meinem Hause (wenn ich eins hätte) – –

Don Pedro.
Den sechsten Juli: Euer getreuer Freund Benedikt».

Benedikt.
Nun, spottet nicht, spottet nicht: der Inhalt Eurer Gespräche ist zuweilen mit Lappen verbrämt und die Verbrämung nur sehr schwach aufgenäht: eh Ihr so alte Späße wieder hervorsucht, prüft Euer Gewissen, und somit empfehle ich mich Euch. (Benedikt ab.)

Claudio.
Eur Hoheit könnte jetzt mich sehr verpflichten.

Don Pedro.
Sprich, meine Lieb ist dein: belehre sie,
Und du sollst sehn, wie leicht sie fassen wird
Die schwerste Lehre, die dir nützlich ist.

Claudio.
Hat Leonato einen Sohn, mein Fürst?

Don Pedro.
Kein Kind, als Hero, sie ist einzge Erbin.
Denkst du an sie, mein Claudio?

Claudio.
O mein Fürst,
Eh Ihr den jetzt beschloßnen Krieg begannt,
Sah ich sie mit Soldatenblick mir an,
Dem sie gefiel: allein die rauhe Arbeit
Ließ Wohlgefallen nicht zur Liebe reifen.
Jetzt kehr ich heim, und jene Kriegsgedanken
Räumten den Platz; statt ihrer drängen nun
Sich Wünsche ein von sanfter, holder Art
Und mahnen an der jungen Hero Reiz,
Und daß sie vor dem Feldzug mir gefiel.

Don Pedro.
Ich seh dich schon als einen Neuverliebten,
Und unser Ohr bedroht ein Buch von Worten.
Liebst du die schöne Hero, sei getrost,
Ich will bei ihr und ihrem Vater werben,
Du sollst sie haben: war es nicht dies Ziel,
Nach dem die feingeflochtne Rede strebte?

Claudio.
Wie lieblich pflegt Ihr doch des Liebeskranken,
Des Gram Ihr gleich an seiner Blässe kennt.
Nur daß zu plötzlich nicht mein Lieben schiene,
Wollt ich durch längre Rede es beschönen.

Don Pedro.
Wozu die Brücke breiter als der Fluß?
Die Not ist der Gewährung bester Grund.
Sieh, was dir hilft, ist da: feststeht, du liebst,
Und ich bin da, das Mittel dir zu reichen.
Heut abend, hör ich, ist ein Maskenball,
Verkleidet spiel ich deine Rolle dann,
Der schönen Hero sag ich, ich sei Claudio,
Mein Herz schütt ich in ihren Busen aus
Und nehm ihr Ohr gefangen mit dem Sturm
Und mächtgen Angriff meiner Liebeswerbung.
Sogleich nachher sprech ich den Vater an,
Und dieses Liedes End ist, sie wird dein.
Nun komm und laß sogleich ans Werk uns gehn. –

(Beide ab.)

Zweite Szene

Leonato und Antonio treten auf

Leonato.
Nun, Bruder! wo ist mein Neffe, dein Sohn? – Hat er die Musik besorgt?

Antonio.
Er macht sich sehr viel damit zu tun. Aber, Bruder, ich kann dir seltsame Neuigkeiten erzählen, von denen du dir nicht hättest träumen lassen.

Leonato.
Sind sie gut?

Antonio.
Nachdem der Erfolg sie stempeln wird: indes die Hülle ist gut, von außen sehn sie hübsch aus. Der Prinz und Graf Claudio, die in einer dicht verwachsnen Allee in meinem Garten spazierengingen, wurden so von einem meiner Leute behorcht: der Prinz entdeckte dem Claudio, er sei verliebt in meine Nichte, deine Tochter, und willens, sich ihr heut abend auf dem Ball zu erklären: und wenn er finde, daß sie nicht abgeneigt sei, so wolle er den Augenblick beim Schopf ergreifen und gleich mit dem Vater reden.

Leonato.
Hat der Bursche einigen Verstand, der das sagte?

Antonio.
Ein guter, ein recht schlauer Bursch: ich will ihn rufen lassen, dann kannst du ihn selbst ausfragen.

Leonato.
Nein, nein, wir wollen es für einen Traum halten, bis es an den Tag kommt. – Aber ich will doch meiner Tochter davon sagen, damit sie sich besser auf eine Antwort gefaßt machen kann, wenn es von ohngefähr wahr sein sollte. Geht doch und erzählt ihr’s. (Verschiedene Personen gehn über die Bühne.) Vettern, ihr wißt, was ihr zu tun habt? – – O bitte um Verzeihung, lieber Freund, Ihr müßt mit mir gehn, ich bedarf Eures guten Kopfs. – Lieber Vetter, geht nur in dieser geschäftigen Zeit zur Hand.

(Alle ab.)

Dritte Szene

Andres Zimmer in Leonatos Hause

Don Juan und Konrad treten auf

Konrad.
Was der Tausend, mein Prinz, warum seid Ihr denn so übermäßig schwermütig?

Don Juan.
Weil ich übermäßig viel Ursache dazu habe, deshalb ist auch meine Verstimmung ohne Maß.

Konrad.
Ihr solltet doch Vernunft anhören.

Don Juan.
Und wenn ich sie nun angehört, welchen Trost hätt ich dann davon?

Konrad.
Wenn auch nicht augenblickliche Hilfe, doch Geduld zum Leiden.

Don Juan.
Ich wundre mich, wie du, der, wie du selbst sagst, unterm Saturn geboren bist, dich damit abgibst, ein moralisches Mittel gegen ein tödliches Übel anzupreisen. Ich kann nicht verbergen, wer ich bin; ich muß ernst sein, wenn ich Ursache dazu habe, und über niemands Einfälle lachen; essen, wenn mich hungert, und auf niemands Belieben warten; schlafen, wenn mich schläfert, und um niemands Geschäfte mich anstrengen; lachen, wenn ich lustig bin, und keinen in seiner Laune streicheln.

Konrad.
Ei ja; aber Ihr solltet Euch nicht so zur Schau tragen, bis Ihr’s ohne Widerspruch tun könnt. Erst neulich habt Ihr Euch mit Eurem Bruder überworfen, und jetzt eben hat er Euch wieder zu Gnaden aufgenommen; da könnt Ihr unmöglich in seiner Gunst Wurzel schlagen, wenn Ihr Euch nicht selbst das gute Wetter dazu macht. Ihr müßt Euch notwendig günstige Witterung für Eure Ernte schaffen.

Don Juan.
Lieber wollt ich eine Hundsrose im Zaun sein, als eine edle Rose in seiner Gnade: und für mein Blut schickt sich’s besser, von allen verschmäht zu werden, als ein Betragen zu drechseln und jemands Liebe zu stehlen. Soviel ist gewiß, niemand wird mich einen schmeichlerischen Biedermann nennen, niemand soll mir’s aber dagegen absprechen, daß ich ein aufrichtiger Bösewicht sei. Mit einem Maulkorb trauen sie mir, und mit einem Block lassen sie mich laufen: darum bin ich entschlossen, in meinem Käfig nicht zu singen. Hätt ich meine Zähne los, so würd ich beißen: hätt ich meinen freien Lauf, so täte ich, was mir beliebt. Bis dahin laß mich sein, was ich bin, und such mich nicht zu ändern.

Konrad.
Könnt Ihr denn von Eurem Mißvergnügen keinen Gebrauch machen?

Don Juan.
Ich mache allen möglichen Gebrauch davon, ich brauche es eben. Wer kommt denn da? Was gibt’s Neues, Borachio? –

Borachio kommt.

Borachio.
Ich komme von drüben von einem großen Abendschmaus: der Prinz, Euer Bruder, wird von Leonato königlich bewirtet, und ich kann Euch vorläufig erzählen, daß eine Heirat im Werke ist.

Don Juan.
Könnte mir das nicht ein Fundament werden, irgendein Unheil drauf zu bauen? Wer ist denn der Narr, der sich an ewige Unruhe verloben will?

Borachio.
Ei, es ist Eures Bruders rechte Hand.

Don Juan.
Wer? der höchst ausbündige Claudio?

Borachio.
Eben der.

Don Juan.
Ein schmuckes Herrchen! Und wer? und wer? Was sein Absehn? –

Borachio.
Nun Hero, Leonatos Tochter und Erbin.

Don Juan.
Das kaum flügge Märzhühnchen? Wie kommst du dazu? –

Borachio.
Ich habe das Ausräuchern der Zimmer zu besorgen; und als ich eben in einem dumpfigen Saal damit beschäftigt bin, kommen der Prinz und Claudio Hand in Hand, in sehr ernsthafter Unterredung. Ich duckte mich hinter die Tapete, und da hört ich, wie sie Abrede nahmen, der Prinz solle um Hero für sich werben, und wenn er sie bekomme, sie dem Grafen Claudio geben.

Don Juan.
Komm, komm, laß uns hinüber; das kann meinem Grimm Nahrung werden. Dieser junge Emporschößling hat den ganzen Ruhm meiner Niederlage; kann ich den nur auf einem Wege kreuzen, so will ich mich allerwegen glücklich schätzen. Ihr seid beide zuverlässig und steht mir bei? –

Konrad.
Bis in den Tod, gnädger Herr.

Don Juan.
Gehn wir zu dem großen Gastmahl! Ihre Fröhlichkeit ist desto größer, weil ich zugrunde gerichtet bin. Ich wollte, der Koch dächte wie ich! Wollen wir gehn und sehn, was zu tun ist? –

Borachio.
Wir sind zu Euerm Befehl, mein gnädiger Herr.

(Alle ab.)

Zweiter Aufzug

Erste Szene

Halle in Leonatos Hause

Leonato, Antonio, Hero und Beatrice treten auf

Leonato.
War Graf Juan nicht zum Abendessen hier?

Antonio.
Ich sah ihn nicht.

Beatrice.
Wie herbe dieser Mann aussieht! Ich kann ihn niemals ansehn, daß ich nicht eine volle Stunde Sodbrennen bekäme.

Hero.
Er hat eine sehr melancholische Gemütsart.

Beatrice.
Das müßte ein vortrefflicher Mann sein, der gerade das Mittel zwischen ihm und Benedikt hielte: der eine ist wie ein Bild und sagt gar nichts, und der andre wie der «gnädigen Frau» ältester Sohn und plappert immer fort.

Leonato.
Also die Hälfte von Signor Benedikts Zunge in Don Juans Mund, und die Hälfte von Don Juans Schwermut in Benedikts Gesicht. –

Beatrice.
Und dazu ein hübsches Bein und ein feiner Fuß, Onkel, und Geld genug in der Tasche, solch ein Mann müßte jedes Mädchen in der Welt erobern, wenn er’s verstände, ihre Gunst zu gewinnen.

Leonato.
Auf mein Wort, Nichte, du wirst dir in deinem Leben keinen Mann gewinnen, wenn du eine so böse Zunge hast.

Antonio.
Ja wahrhaftig, sie ist zu böse.

Beatrice.
Zu böse ist mehr als böse: auf die Weise entgeht mir eine Gabe Gottes, denn es heißt: «Gott gibt einer bösen Kuh kurze Hörner, aber einer zu bösen Kuh gibt er gar keine.»

Leonato.
Weil du also zu böse bist, wird Gott dir gar keine Hörner geben.

Beatrice.
Richtig, wenn er mir keinen Mann gibt, und das ist ein Segen, um den ich jeden Morgen und jeden Abend auf den Knien bitte. Himmel! Wie sollte ich wohl einen Mann mit einem Bart im Gesicht aushalten: lieber schlief ich auf Wolle.

Leonato.
Du kannst dir ja einen Mann aussuchen, der keinen Bart hat.

Beatrice.
Was sollte ich mit dem anfangen? Ihm meine Kleider anziehn und ihn zum Kammermädchen machen? Wer einen Bart hat, ist mehr als ein Jüngling, und wer keinen hat, weniger als ein Mann: wer mehr als ein Jüngling ist, taugt nicht für mich, und wer weniger als ein Mann ist, für den tauge ich nicht. Deshalb will ich lieber sechs Batzen Handgeld vom Bärenführer als Lohn nehmen und seine Affen zur Hölle führen.

Leonato.
Du gehst also zur Hölle?

Beatrice.
Nein, nur an die Pforte. Da wird mir der Teufel entgegenkommen, mit Hörnern auf dem Kopf, wie ein alter Hahnrei, und sagen: «Mach dich fort und geh zum Himmel, Beatrice, geh zum Himmel! Hier ist kein Platz für euch Mädchen»; darauf liefre ich ihm denn meine Affen ab, und nun flugs hinauf zu Sankt Peter am Himmelstor, der zeigt mir, wo die Junggesellen sitzen, und da leben wir so lustig, als der Tag lang ist.

Antonio (zu Hero).
Nun, liebe Nichte, ich hoffe doch, Ihr werdet Euch von Euerm Vater regieren lassen?

Beatrice.
Ei, das versteht sich. Es ist meiner Muhme Schuldigkeit, einen Knicks zu machen und zu sagen: «Wie es euch gefällt, mein Vater.» Aber mit alledem, liebes Mühmchen, muß es ein hübscher junger Mensch sein, sonst mach einen zweiten Knicks und sage: «Wie es mir gefällt, mein Vater.» –

Leonato.
Nun, Nichte, ich hoffe noch den Tag zu erleben, wo du mit einem Manne versehn bist.

Beatrice.
Nicht eher, bis der liebe Gott die Männer aus einem andern Stoff macht als aus Erde. Soll es ein armes Mädchen nicht verdrießen, sich von einem Stück gewaltigen Staubes meistern zu lassen? Einem nichtsnutzigen Lehmkloß Rechenschaft von ihrem Tun und Lassen abzulegen? Nein, Onkel, ich nehme keinen. Adams Söhne sind meine Brüder, und im Ernst, ich halte es für eine Sünde, so nah in meine Verwandtschaft zu heiraten.

Leonato.
Tochter, denk an das, was ich dir sagte. Wenn der Prinz auf eine solche Art um dich wirbt, so weißt du deine Antwort.

Beatrice.
Die Schuld wird an der Musik liegen, Muhme, wenn er nicht zur rechten Zeit um dich anhält. Wenn der Prinz zu ungestüm wird, so sag ihm, man müsse in jedem Dinge Maß halten; und so vertanze die Antwort. Denn siehst du, Hero, freien, heiraten und bereuen sind wie eine Kurante, ein Menuett und eine Pavana; der erste Antrag ist heiß und rasch wie eine Kurante, und ebenso phantastisch; die Hochzeit manierlich, sittsam wie ein Menuett, voll altfränkischer Feierlichkeit; und dann kommt die Reue und fällt mit ihren lahmen Beinen in die Pavana immer schwerer und schwerer, bis sie in ihr Grab sinkt.

Leonato.
Muhme, du betrachtest alle Dinge sehr scharf und bitter.

Beatrice.
Ich habe gesegnete Augen, Oheim, ich kann eine Kirche bei hellem Tage sehn.

Leonato.
Da kommen die Masken; Bruder, macht Platz.

(Leonato, Beatrice, Antonio gehn ab.)
Don Pedro kommt maskiert.

Don Pedro.
Gefällt es Euch, mein Fräulein, mit Eurem Freunde umherzugehn?

Hero.
Wenn Ihr langsam geht und freundlich ausseht und nichts sagt, so will ich Euch das Gehn zusagen; auf jeden Fall, wenn ich davongehe.

Don Pedro.
Mit mir, in meiner Gesellschaft?

Hero.
Das kann ich sagen, wenn mir’s gefällt.

Don Pedro.
Und wann gefällt’s Euch, das zu sagen?

Hero.
Wenn ich Euer Gesicht werde leiden mögen; denn es wäre ein Leiden, wenn die Laute dem Futteral gliche.

Don Pedro.
Deine Maske ist wie Philemons Dach, drinnen in der Hütte ist Jupiter.

Hero.
Auf diese Weise müßte Eure Maske mit Stroh gedeckt sein. (Gehn vorbei.)

Margareta und Balthasar maskiert.

Margareta.
Redet leise, wenn Ihr von Liebe redet.

Balthasar.
Nun, ich wollte, Ihr liebtet mich.

Margareta.
Das wollte ich nicht, um Eurer selbst willen. Denn ich habe eine Menge schlimmer Eigenschaften.

Balthasar.
Zum Beispiel?

Margareta.
Ich bete laut.

Balthasar.
Um so lieber seid Ihr mir: da können die Euch hören, Amen sagen.

Margareta.
Der Himmel verhelfe mir zu einem guten Tänzer.

Balthasar.
Amen.

Margareta.
Und schaffe mir ihn aus den Augen, sobald der Tanz aus ist. – Nun, Küster, antwortet.

Balthasar.
Schon gut, der Küster hat seine Antwort.

(Gehn vorbei.)
Ursula und Antonio treten maskiert ein.

Ursula.
Ich kenne Euch gar zu gut, Ihr seid Signor Antonio.

Antonio.
Auf mein Wort, ich bin’s nicht.

Ursula.
Ich kenne Euch an Eurem wackelnden Kopf.

Antonio.
Die Wahrheit zu sagen, das mache ich ihm nach.

Ursula.
Ihr könntet ihn unmöglich so vortrefflich schlecht nachmachen, wenn Ihr nicht der Mann selber wärt. Hier ist ja seine trockne Hand ganz und gar; Ihr seid’s, Ihr seid’s.

Antonio.
Auf mein Wort, ich bin’s nicht.

Ursula.
Geht mir doch! Denkt Ihr denn, ich kenne Euch nicht an Eurem lebhaften Witz? Kann sich Tugend verbergen? Ei, ei, Ihr seid’s. Die Anmut läßt sich nicht verhüllen, und damit gut. (Gehn vorüber.)

Benedikt und Beatrice maskiert.

Beatrice.
Wollt Ihr mir nicht sagen, wer Euch das gesagt hat?

Benedikt.
Nein, das bitte ich mir aus.

Beatrice.
Und wollt Ihr mir auch nicht sagen, wer Ihr seid?

Benedikt.
Jetzt nicht.

Beatrice.
Daß ich voller Hochmut sei – und daß ich meinen besten Witz aus den hundert lustigen Erzählungen hernehme. – Nun seht, das sagte mir Signor Benedikt.

Benedikt.
Wer ist das?

Beatrice.
Ich bin gewiß, Ihr kennt ihn mehr als zuviel.

Benedikt.
Nein, gewiß nicht.

Beatrice.
Hat er Euch nie lachen gemacht?

Benedikt.
Sagt mir doch, wer ist er denn?

Beatrice.
Nun, er ist des Prinzen Hofnarr: ein sehr schaler Spaßmacher, der nur das Talent hat, unmögliche Lästerungen zu ersinnen. Niemand findet Gefallen an ihm als Wüstlinge, und was ihn diesen empfiehlt, ist nicht sein Witz, sondern seine Schlechtigkeit: denn er unterhält sie und ärgert sie zugleich, und dann lachen sie einmal über ihn, und ein andermal schlagen sie ihn. Ich weiß gewiß, er ist hier in diesem Geschwader: ich wollte, unsre Fahrzeuge begegneten sich.

Benedikt.
Sollte ich diesen Kavalier finden, so will ich ihm erzählen, was Ihr von ihm sagt.

Beatrice.
Ja, ja, tut das immer. Er wird dann allenfalls ein paar Gleichnisse an mir zerbrechen, und wenn sich’s etwa fügt, daß niemand drauf achtgibt oder drüber lacht, so verfällt er in Schwermut, und dann ist ein Rebhuhnflügel gerettet, denn der Narr wird den Abend gewiß nicht essen. (Musik drinnen.) Wir müssen den Anführern folgen.

Benedikt.
In allem, was gut ist.

Beatrice.
Freilich, wenn sie zu etwas Bösem führen, so fall ich bei der nächsten Tour von ihnen ab.

(Beide ab.)
Tanz drinnen. Es kommen Don Juan, Borachio, Claudio.

Don Juan.
Es ist richtig, mein Bruder ist in Hero verliebt und hat ihren Vater auf die Seite genommen, um ihm den Antrag zu machen: die Damen folgen ihr, und nur eine Maske bleibt zurück.

Borachio.
Und das ist Claudio, ich kenne ihn an seiner Haltung.

Don Juan.
Seid Ihr nicht Signor Benedikt?

Claudio.
Ihr habt’s getroffen, ich bin’s.

Don Juan.
Signor, Ihr steht sehr hoch in meines Bruders Freundschaft. Er ist in Hero verliebt: redet ihm das aus, ich bitte Euch. Sie ist ihm an Geburt nicht gleich; Ihr würdet darin als ein rechtschaffner Mann handeln.

Claudio.
Wie wißt Ihr’s denn, daß er sie liebt? –

Don Juan.
Ich hörte ihn seine Zuneigung beteuern.

Borachio.
Ich auch. Er schwur, er wolle sie noch diesen Abend heiraten.

Don Juan.
Kommt, wir wollen zum Bankett. –

(Don Juan und Borachio ab.)

Claudio.
So gab ich Antwort ihm als Benedikt,
Doch Claudios Ohr vernahm die schlimme Zeitung.
Es ist gewiß, der Prinz warb für sich selbst;
Freundschaft hält stand in allen andern Dingen,
Nur in der Liebe Dienst und Werbung nicht.
Drum brauch ein Liebender die eigne Zunge,
Es rede jeglich Auge für sich selbst,
Und keiner trau dem Anwalt: Schönheit weiß
Durch Zauberkünste Treu in Blut zu wandeln,
Das ist ein Fall, der stündlich zu erproben,
Und dem ich doch vertraut: Hero, fahr hin.

Benedikt kommt wieder.

Benedikt.
Graf Claudio?

Claudio.
Ja, der bin ich.

Benedikt.
Kommt, wollt Ihr mit?

Claudio.
Wohin?

Benedikt.
Nun, zum nächsten Weidenbaum, in Euren eignen Angelegenheiten, Graf. Auf welche Manier wollt Ihr Euern Kranz tragen; um den Hals, wie eines Wucherers Kette? oder unterm Arm, wie eines Hauptmanns Schärpe? Tragen müßt Ihr ihn, auf eine oder die andre Weise, denn der Prinz hat Eure Hero weggefangen.

Claudio.
Viel Glück mit ihr!

Benedikt.
Nun, das nenn ich gesprochen wie ein ehrlicher Viehhändler: so endigt man einen Ochsenhandel. Aber hättet Ihr’s wohl gedacht, daß der Prinz Euch einen solchen Streich spielen würde?

Claudio.
Ich bitte Euch, laßt mich.

Benedikt.
Oho, Ihr seid ja wie der blinde Mann. Der Junge stahl Euch Euer Essen, und Ihr schlagt den Pfeiler.

Claudio.
Wenn Ihr denn nicht wollt, so gehe ich. (Ab.)

Benedikt.
Ach, das arme angeschoßne Huhn! Jetzt wird sich’s in die Binsen verkriechen. – – Aber daß Fräulein Beatrice mich kennt, und doch auch nicht kennt… Des Prinzen Hofnarr? Ha! Mag sein, daß man mir diesen Titel gibt, weil ich lustig bin. – Aber nein! tue ich mir denn nicht selbst Unrecht? Halten mich denn die Leute für so etwas? Ist’s denn nicht die boshafte, bittre Gemütsart Beatricens, welche die Rolle der Welt übernimmt und mich dafür ausgibt? Gut, ich will mich rächen, wie ich kann.

Don Pedro, Hero und Leonato kommen.

Don Pedro.
Sagt, Signor, wo ist der Graf? Habt Ihr ihn nicht gesehn?

Benedikt.
Wahrhaftig, gnädigster Herr, ich habe eben die Rolle der Frau Fama gespielt. Ich fand ihn hier so melancholisch wie ein Jagdhaus im Forst: darauf erzählte ich ihm – und ich glaube, ich erzählte die Wahrheit – Euer Gnaden habe die Gunst dieses jungen Fräuleins gewonnen, und bot ihm meine Begleitung zum nächsten Weidenbaum an, entweder ihm einen Kranz zu flechten, weil man ihm untreu geworden, oder ihm eine Rute zu binden, weil er nichts Besseres verdiene als Streiche.

Don Pedro.
Streiche? Was hat er denn begangen?

Benedikt.
Die alberne Sünde eines Schulknaben, der, voller Freuden über ein gefundenes Vogelnest, es seinem Kameraden zeigt, und dieser stiehlt’s ihm weg.

Don Pedro.
Willst du denn das Zutrauen zur Sünde machen? Die Sünde ist beim Stehler.

Benedikt.
Nun, es wäre doch nicht umsonst gewesen, wenn wir die Rute gebunden hätten und den Kranz dazu; den Kranz hätte er selbst tragen können, und die Rute wäre für Euch gewesen, denn Ihr habt ihm, wie mir’s vorkommt, sein Vogelnest gestohlen.

Don Pedro.
Ich will ihm seine Vögel nur singen lehren und sie dann dem Eigentümer wieder zustellen.

Benedikt.
Wenn ihr Gesang zu Euren Worten stimmt, so war es bei meiner Treue ehrlich gesprochen.

Don Pedro.
Fräulein Beatrice hat einen Handel mit Euch; der Kavalier, mit dem sie tanzte, hat ihr gesagt, Ihr hättet sehr übel von ihr gesprochen.

Benedikt.
Oh! Sie ist vielmehr mit mir umgegangen, daß kein Klotz es ausgehalten hätte; eine Eiche, an der nur noch ein einziges grünes Laub gewesen wäre, hätte ihr geantwortet; ja, selbst meine Maske fing an lebendig zu werden und mit ihr zu zanken. Sie sagte mir, indem sie mich für einen andern hielt, ich sei des Prinzen Hofnarr; ich sei langweiliger als ein starkes Tauwetter; das ging, Schlag auf Schlag, mit einer so unglaublichen Geschwindigkeit, daß ich nicht anders dastand als ein Mann an einer Scheibe, nach welcher eine ganze Armee schießt. Sie spricht lauter Dolche, und jedes Wort durchbohrt; wenn ihr Atem so fürchterlich wäre als ihre Ausdrücke, so könnte niemand in ihrer Nähe leben, sie würde alles bis an den Nordpol vergiften. Ich möchte sie nicht heiraten, und bekäme sie alles zur Mitgift, was Adam vor dem Sündenfall besaß. Sie hätte den Herkules gezwungen, ihr den Braten zu wenden, ja, er hätte seine Keule spalten müssen, um das Feuer anzumachen. Nein, reden wir nicht von der; an der werdet Ihr die höllische Ate finden, nur in schmucken Kleidern. Wollte doch Gott, wir hätten einen Gelehrten, der sie beschwören könnte; denn wahrhaftig, solange sie hier ist, lebt sich’s in der Hölle so ruhig, als auf geweihter Stätte, und die Leute sündigen mit Fleiß, um nur hinzukommen: so sehr folgen ihr alle Zwietracht, Grausen und Verwirrung.

Claudio und Beatrice kommen.

Don Pedro.
Seht, da kommt sie.

Benedikt.
Hat Eure Hoheit nicht eine Bestellung für mich an das Ende der Welt? Ich wäre jetzt bereit, um des geringsten Auftrags willen, der Euch in den Sinn käme, zu den Antipoden zu gehn. Ich wollte Euch vom äußersten Rande von Asien einen Zahnstocher holen; Euch das Maß vom Fuß des Priesters Johannes bringen; Euch ein Haar aus dem Bart des großen Khans holen; eine Gesandtschaft zu den Pygmäen übernehmen – ehe ich nur drei Worte mit dieser Harpye wechseln sollte. Habt Ihr kein Geschäft für mich?

Don Pedro.
Keines, als daß ich um Eure angenehme Gesellschaft bitte.

Benedikt.
O Himmel, mein Fürst, hier habt Ihr ein Gericht, das nicht für mich ist; ich kann diese gnädige Frau Zunge nicht vertragen. (Ab.)

Don Pedro.
Seht Ihr wohl, Fräulein, Ihr habt Signor Benedikts Herz verloren.

Beatrice.
Es ist wahr, gnädiger Herr, er hat es mir eine Zeitlang versetzt, und ich gab ihm seinen Zins dafür, ein doppeltes Herz für sein einfaches. Seitdem hatte er mir’s aber mit falschen Würfeln wieder abgenommen, so daß Euer Gnaden wohl sagen mag, ich habe es verloren.

Don Pedro.
Ihr habt ihn untergekriegt, mein Fräulein, Ihr habt ihn untergekriegt.

Beatrice.
Ich wollte nicht, daß er mir das täte, gnädiger Herr, ich möchte sonst Narren zu Kindern bekommen. Hier bringe ich Euch den Grafen Claudio, den Ihr mir zu suchen auftrugt.

Don Pedro.
Nun, wie steht’s, Graf, warum seid Ihr so traurig?

Claudio.
Nicht traurig, mein Fürst.

Don Pedro.
Was denn? krank?

Claudio.
Auch das nicht.

Beatrice.
Der Graf ist weder traurig, noch krank, noch lustig, noch wohl; aber höflich, Graf, höflich wie eine Apfelsine, und ein wenig von ebenso eifersüchtiger Farbe.

Don Pedro.
In Wahrheit, Fräulein, ich glaube, Eure Beschreibung trifft zu; obgleich ich schwören kann, daß, wenn dies der Fall ist, sein Argwohn im Irrtum sei. Sieh, Claudio, ich warb in deinem Namen, und die schöne Hero ist gewonnen; ich hielt bei ihrem Vater an und habe seine Einwilligung erhalten. Bestimme jetzt deinen Hochzeitstag, und Gott schenke dir seinen Segen.

Leonato.
Graf, empfangt von mir meine Tochter und mit ihr mein Vermögen. Seine Gnaden haben die Heirat gemacht, und die ewige Gnade sage Amen dazu.

Beatrice.
Redet doch, Graf, das war eben Euer Stichwort.

Claudio.
Schweigen ist der beste Herold der Freude. Ich wäre nur wenig glücklich, wenn ich sagen könnte, wie sehr ich’s bin. Fräulein, wie Ihr die Meine seid, bin ich nun der Eure; ich gebe mich selbst für Euch hin und bin selig über die Auswechslung.

Beatrice.
Redet doch, Muhme, oder wenn Ihr nichts wißt, so schließt ihm den Mund mit einem Kuß und laßt ihn auch nicht zu Wort kommen.

Don Pedro.
In der Tat, mein Fräulein, Ihr habt ein fröhliches Herz.

Beatrice.
O ja, gnädiger Herr, ich weiß es ihm Dank, dem närrischen Dinge, es hält sich immer an der Windseite des Kummers. Meine Muhme sagt ihm da ins Ohr, er sei in ihrem Herzen.

Claudio.
Ja, das tut sie, Muhme.

Beatrice.
Lieber Gott, über das Heiraten! So kommt alle Welt unter die Haube, nur ich nicht, und mich brennt die Sonne braun; ich muß schon im Winkel sitzen und mit Ach und Weh nach einem Mann weinen.

Don Pedro.
Fräulein Beatrice, ich will Euch einen schaffen.

Beatrice.
Ich wollte, Euer Vater hätte diese Mühe übernommen. Haben Euer Gnaden nicht vielleicht einen Bruder, der Euch gleicht? Euer Vater verstand sich auf herrliche Ehemänner, wenn ein armes Mädchen nur dazu kommen könnte!

Don Pedro.
Wollt Ihr mich haben, mein Fräulein?

Beatrice.
Nein, mein Prinz, ich müßte denn einen andern daneben für die Werkeltage haben können. Eure Hoheit ist zu kostbar, um Euch für alle Tage zu tragen. – Aber ich bitte, verzeiht mir, mein Prinz; ich bin einmal dazu geboren, lauter Torheiten und nichts Ernsthaftes zu sprechen.

Don Pedro.
Euer Schweigen verdrießt mich am meisten; nichts kleidet Euch besser als Munterkeit, denn Ihr seid ohne Frage in einer lustigen Stunde geboren.

Beatrice.
O nein, gnädigster Herr, denn meine Mutter weinte. Aber es tanzte eben ein Stern, und unter dem bin ich zur Welt gekommen. Glück zu, Vetter und Muhme! –

Leonato.
Nichte, wollt Ihr das besorgen, wovon ich Euch sagte?

Beatrice.
O ich bitte tausendmal um Vergebung, Oheim; mit Eurer Hoheit Erlaubnis. (Ab.)

Don Pedro.
Wahrhaftig, ein angenehmes, muntres Mädchen! –

Leonato.
Melancholisches Element hat sie nicht viel, gnädiger Herr. Sie ist nie ernsthaft, als wenn sie schläft: und auch dann ist sie’s nicht immer. Denn, wie meine Tochter mir erzählt, träumt ihr zuweilen tolles Zeug, und vom Lachen wacht sie auf.

Don Pedro.
Sie kann’s nicht leiden, daß man ihr von einem Manne sagt.

Leonato.
O um alles in der Welt nicht; sie spottet alle ihre Freier von sich weg.

Don Pedro.
Das wäre eine vortreffliche Frau für Benedikt! –

Leonato.
O behüte Gott, mein Fürst; wenn die eine Woche verheiratet wären, sie hätten einander toll geschwatzt.

Don Pedro.
Graf Claudio, wann gedenkt Ihr Eure Braut zur Kirche zu führen?

Claudio.
Morgen, gnädiger Herr. Die Zeit geht auf Krücken, bis die Liebe im Besitz aller ihrer Rechte ist.

Leonato.
Nicht vor dem nächsten Montag, mein lieber Sohn, welches gerade heute über acht Tage wäre; und auch das ist noch immer eine zu kurze Zeit, um alles nach meinem Sinn zu veranstalten.

Don Pedro.
Ich sehe, ihr schüttelt den Kopf über einen so langen Aufschub, aber ich verspreche dir’s, Claudio, diese Woche soll uns nicht langweilig werden. Ich will während dieser Zwischenzeit eine von Herkules’ Arbeiten vollbringen, und zwar die, den Signor Benedikt und das Fräulein Beatrice sterblich ineinander verliebt zu machen. Ich sähe die beiden gar zu gern als ein Paar und zweifle nicht, damit zustande zu kommen, wenn ihr drei mir solchen Beistand versprechen wollt, wie ich’s jedem von euch anweisen werde.

Leonato.
Ich bin zu Euren Diensten, mein Fürst, und sollte mich’s zehn schlaflose Nächte kosten.

Claudio.
Ich auch, gnädiger Herr.

Don Pedro.
Und Ihr auch, schöne Hero?

Hero.
Ich will alles tun, was nicht unziemlich ist, um meiner Muhme zu einem guten Mann zu verhelfen.

Don Pedro.
Und Benedikt ist noch keiner von den hoffnungslosesten Ehemännern, die ich kenne. Soviel kann ich von ihm rühmen: er ist von edler Geburt, von erprobter Tapferkeit und bewährter Rechtschaffenheit. Ich will Euch lehren, wie Ihr Eure Muhme stimmen sollt, daß sie sich in Benedikt verliebe: und ich werde mit eurer beider Hilfe Benedikt so bearbeiten, daß er trotz seinem schnellen Witz und seinem verwöhnten Gaumen in Beatricen verliebt werden soll. Wenn wir das zustande bringen, so ist Cupido kein Bogenschütze mehr; sein Ruhm wird uns zuteil werden, denn dann sind wir die einzigen wahren Liebesgötter. Kommt mit mir hinein, ich will euch meinen Plan sagen. (Ab.)

Zweite Szene

Zimmer in Leonatos Hause

Don Juan und Borachio treten auf

Don Juan.
Es ist richtig; Graf Claudio wird Leonatos Tochter heiraten.

Borachio.
Ja, gnädiger Herr; ich kann aber einen Querstrich machen.

Don Juan.
Jeder Schlagbaum, jeder Querstrich, jedes Hindernis wird mir eine Arznei sein. Ich bin krank vor Verdruß über ihn, und was nur irgend seine Neigung kreuzt, geht gleichen Weges mit der meinigen. Wie willst du denn diese Heirat hindern?

Borachio.
Nicht auf eine redliche Art, gnädiger Herr, aber so versteckt, daß keine Unredlichkeit an mir sichtbar werden soll.

Don Juan.
Wie denn? Mach’s kurz.

Borachio.
Ich glaube, ich sagte Euch schon vor einem Jahr, gnädiger Herr, wie weit ich’s in Margaretens Gunst gebracht, des Kammermädchens der Hero?

Don Juan.
Ich erinnere mich.

Borachio.
Ich kann sie zu jedem ungewöhnlichen Augenblick in der Nacht so bestellen, daß sie aus dem Kammerfenster ihres Fräuleins heraussieht.

Don Juan.
Und was für Leben ist darin, der Tod dieser Heirat zu werden?

Borachio.
Das Gift hieraus zu mischen ist hernach Eure Sache. Geht zum Prinzen, Eurem Bruder; seid nicht sparsam damit, ihm zu sagen, welchen Schimpf es seiner Ehre bringe, den hochberühmten Claudio (dessen Würdigung Ihr mächtig erheben müßt) mit einer verrufenen Dirne zu vermählen, wie diese Hero.

Don Juan.
Und welchen Beweis soll ich ihm davon geben?

Borachio.
Beweis genug, den Prinzen zu täuschen, Claudio zu quälen, Hero zugrunde zu richten und Leonato zu töten. Wollt Ihr denn noch mehr haben?

Don Juan.
Alles will ich dran setzen, nur um sie zu ärgern.

Borachio.
Nun wohl, so findet mir eine bequeme Stunde, in der Ihr Don Pedro und Graf Claudio beiseite nehmen könnt. Sagt ihnen, Ihr wüßtet, Hero liebe mich; zeigt einen besondern Eifer für den Prinzen wie für Claudio, und wie Ihr aus Besorgnis für Eures Bruders Ehre, der diese Heirat gemacht, und für seines Freundes Ruf, der im Begriff sei, durch die Larve eines Mädchens hintergangen zu werden, dies alles offenbartet. Sie werden Euch schwerlich ohne Untersuchung glauben: dann erbietet Euch, Beweise zu schaffen, und zwar nicht geringere, als daß sie mich an ihrem Kammerfenster sehn sollen; mich hören, wie ich Margareten Hero nenne, wie Margarete mich Borachio ruft: und dies alles laßt sie grade in der Nacht vor dem bestimmten Hochzeitstage sehn. Denn ich will indes die Sache so einrichten, daß Hero abwesend sein soll, und daß, wenn sich so wahrscheinliche Gründe für ihre Treulosigkeit häufen, Argwohn als Überzeugung erscheinen und die ganze Zurüstung unnütz werden soll.

Don Juan.
Mag daraus Unheil kommen, was will, ich unternehme es. Zeige dich gewandt in der Ausführung, und tausend Dukaten sollen deine Belohnung sein.

Borachio.
Bleibt nur standhaft in Eurer Anklage, meine Gewandtheit soll mir keine Schande machen.

Don Juan.
Ich will gleich gehn und hören, welchen Tag sie zur Hochzeit angesetzt haben.

(Beide ab.)

Dritte Szene

Leonatos Garten

Benedikt und ein Page treten auf

Benedikt.
Höre!

Page.
Signor?

Benedikt.
In meinem Kammerfenster liegt ein Buch, bringe mir das hieher in den Garten.

Page.
Ich bin schon hier, gnädiger Herr.

Benedikt.
Das weiß ich, aber ich will dich fort haben und hernach wieder hier. (Page geht.) Ich wundre mich doch außerordentlich, wie ein Mann, der sieht, wie ein anderer zum Narren wird, wenn er seine Gebärden der Liebe widmet, doch, nachdem er solche läppischen Torheiten an jenem verspottet, sich zum Gegenstand seiner eignen Verachtung macht, indem er sich selbst verliebt: und solch ein Mann ist Claudio. Ich weiß die Zeit, da ihm keine Musik recht war, als Trommel und Querpfeife, und nun hörte er lieber Tamburin und Flöte. Ich weiß die Zeit, wo er fünf Stunden zu Fuß gelaufen wäre, um eine gute Rüstung zu sehn, und jetzt könnte er fünf Nächte ohne Schlaf zubringen, um den Schnitt eines neuen Wamses zu ersinnen. Sonst sprach er schlicht vom Munde weg, wie ein ehrlicher Junge und ein guter Soldat; nun ist er ein Wortdrechsler geworden, seine Rede ist wie ein phantastisch besetztes Bankett, ebensoviel kurioses, seltsames Konfekt. – Sollt ich jemals so verwandelt werden können, solange ich noch aus diesen Augen sehe? Wer weiß: – Ich glaube es nicht. Ich will nicht darauf schwören, daß mich die Liebe nicht in eine Auster verwandeln könne; aber darauf möchte ich doch einen Eid ablegen, daß sie mich vorher erst in eine Auster verwandelt haben muß, eh sie einen solchen Narren aus mir machen soll. Dieses Mädchen ist schön, das tut mir noch nichts; ein andres hat Verstand, das tut mir auch nichts; eine dritte ist tugendhaft, das tut mir immer noch nichts: und bis nicht alle Vorzüge sich in einem Mädchen vereinigen, soll kein Mädchen bei mir einen Vorzug haben. Reich muß sie sein, das ist ausgemacht; verständig, oder ich mag sie nicht; tugendhaft, oder ich biete gar nicht auf sie; schön, oder ich sehe sie nicht an; sanft, oder sie soll mir nicht nahe kommen; edel, oder ich nehme sie nicht, und gäbe man mir noch einen Engel zu; angenehm in ihrer Unterhaltung, vollkommen in der Musik: und wenn sie das alles ist, so mag ihr Haar eine Farbe haben, wie es Gott gefällt. Ach! da kommen der Prinz und unser Amoroso. Ich will mich in die Laube verstecken. (Geht beiseite.)

Don Pedro, Leonato und Claudio kommen.

Don Pedro.
Gefällt’s Euch jetzt, das Lied zu hören?

Claudio.
Ja, teurer Herr. – Wie still der Abend ist,
Wie schlummernd, daß Musik noch süßer töne! –

Don Pedro.
Seht Ihr, wie Benedikt sich dort versteckt?

Claudio.
Jawohl, mein Fürst. Wenn der Gesang beendigt,
Soll unser Füchslein gleich sein Teil erhalten.

Balthasar mit Musik kommt.

Don Pedro.
Kommt, Balthasar, singt das Gedicht noch einmal.

Balthasar.
Mein Fürst, verlangt nicht von so rauher Stimme,
Zum zweitenmal dies Lied Euch zu verderben.

Don Pedro.
Stets war’s ein Merkmal der Vortrefflichkeit,
Durch Larve die Vollendung zu entstellen: –
Ich bitt dich sing, laß mich nicht länger werben.

Balthasar.
Weil Ihr von Werbung sprecht, so will ich singen,
Denn oft beginnt sein Werben ein Galan,
Wo ‘s ihm der Müh nicht wert scheint: dennoch wirbt er
Und schwört, er sei verliebt.

Don Pedro.
Nun bitt ich, singe,
Und willst du erst noch länger präludieren,
So tu’s in Noten.

Balthasar.
Welche Not! die Noten
Sind der Notiz nicht wert, notiert Euch das.

Don Pedro.
Das nenn ich drei gestrichne Noten mir,
Not, Noten und Notiz!

(Musik)

Benedikt.
Nun, divina musica. Nun ist seine Seele in Verzückung! Ist es nicht seltsam, daß Schafdärme die Seele aus eines Menschen Leibe ziehn können? Nun, im Ernst, eine Hornmusik wäre mir lieber.

Lied.

Klagt, Mädchen, klagt nicht Ach und Weh,
Kein Mann bewahrt die Treue,
Am Ufer halb, halb schon zur See
Reizt, lockt sie nur das Neue.
Weint keine Trän und laßt sie gehn,
Seid froh und guter Dinge,
Daß statt der Klag und dem Gestöhn
Juchheisasa erklinge.

Singt nicht Balladen trüb und bleich,
In Trauermelodien:
Der Männer Trug war immer gleich
Seitdem die Schwalben ziehen.
Weint keine Trän usw.

Don Pedro.
Auf meine Ehre, ein hübsches Lied.

Balthasar.
Und ein schlechter Sänger, gnädiger Herr.

Don Pedro.
Wie? O nein doch, du singst gut genug für den Notbehelf.

Benedikt (beiseite).
Wär’s ein Hund gewesen, der so geheult hätte, sie hätten ihn aufgehängt. Nun, Gott gebe, daß seine heisre Stimme kein Unglück bedeute! – Ich hätte ebenso gern den Nachtraben gehört, wäre auch alles erdenkliche Unglück danach erfolgt.

Don Pedro (zu Claudio).
Ja, Ihr habt recht. – Höre, Balthasar! Schaffe uns eine recht ausgesuchte Musik; morgen abend soll sie unter Fräulein Heros Fenstern spielen.

Balthasar.
Die beste, die ich finden kann, gnädiger Herr.

(Ab mit den Musikern.)

Don Pedro.
Schön; – jetzt laß uns. – Kommt, Leonato, was erzähltet Ihr mir doch vorhin? Daß Eure Nichte Beatrice in Benedikt verliebt sei?

Claudio (beiseite).
O nur zu, nur zu, der Vogel sitzt. (Laut.) Ich hätte nie geglaubt, daß das Fräulein einen Mann lieben könnte.

Leonato.
Ich ebensowenig. Aber das ist eben das Wunderbarste, daß sie grade für den Benedikt schwärmt, den sie dem äußern Schein nach bisher verabscheute.

Benedikt.
Ist’s möglich? bläst der Wind aus der Ecke?

Leonato.
Auf mein Wort, gnädiger Herr, ich weiß nicht, was ich davon denken soll. Aber sie liebt ihn mit einer rasenden Leidenschaft, es geht über alle Grenzen der Vorstellung.

Don Pedro.
Vielleicht ist’s nur Verstellung.

Claudio.
Das möcht ich auch glauben.

Leonato.
O Gott, Verstellung? Es ist wohl noch nie eine verstellte Leidenschaft der lebendigen Leidenschaft so nahe gekommen, als sich’s an ihr äußert.

Don Pedro.
Nun, und welche Symptome der Leidenschaft zeigt sie denn?

Claudio (leise).
Jetzt ködert den Hamen, dieser Fisch wird anbeißen.

Leonato.
Welche Symptome, gnädiger Herr? Sie sitzt Euch da,… nun, meine Tochter sagte Euch ja, wie.

Claudio.
Ja, das tat sie.

Don Pedro.
Wie denn? Wie? Ihr setzt mich in Erstaunen. Ich hätte immer gedacht, ihr Herz sei ganz unempfindlich gegen alle Angriffe der Liebe.

Leonato.
Darauf hätte ich auch geschworen, mein Fürst, und besonders gegen Benedikt.

Benedikt (beiseite).
Ich hielte es für eine Prellerei, wenn’s der weißbärtige Kerl nicht sagte. Spitzbüberei, meiner Seele, kann sich doch nicht hinter solcher Ehrwürdigkeit verbergen.

Claudio (beiseite).
Jetzt hat’s gefaßt, nur immer weiter.

Don Pedro.
Hat sie Benedikt ihre Neigung zu erkennen gegeben?

Leonato.
Nein, sie schwört auch, dies nie zu tun: das ist eben ihre Qual.

Claudio.
Jawohl, darin liegt’s. Das sagte mir auch Eure Tochter; «Soll ich», sagte sie, «die ich ihm sooft mit Spott begegnet, ihm jetzt schreiben, daß ich ihn liebe?»

Leonato.
Das sagt sie, wenn sie grade einen Brief an ihn angefangen hat. Denn sie steht wohl zwanzigmal in der Nacht auf, und da sitzt sie dann in ihrem Nachtkleide und schreibt ganze Seiten voll – meine Tochter sagt uns alles. – – Und nachher zerreißt sie den Brief in tausend Hellerstückchen, zankt mit sich selbst, daß sie sowenig Zurückhaltung besitze, an jemand zu schreiben, von dem sie’s doch wisse, er werde sie verhöhnen: «Ich beurteile ihn», sagt sie, «nach meiner eigenen Sinnesart, denn ich würde ihn verhöhnen, wenn er mir schriebe; ja, wie sehr ich ihn liebe, ich tät es doch».

Claudio.
Dann nieder auf die Knie stürzt sie, weint, seufzt, schlägt sich an die Brust, zerrauft ihr Haar, betet, flucht: «O süßer Benedikt! Gott schenke mir Geduld!»

Leonato.
Freilich, das tut sie, das sagt mir meine Tochter, ja, sie ist so außer sich in ihrer Ekstase, daß meine Tochter zuweilen fürchtet, sie möchte in der Verzweiflung sich ein Leids tun: das ist nur zu wahr.

Don Pedro.
Es wäre doch gut, wenn Benedikt es durch jemand anders erführe, da sie es ihm nun einmal nicht entdecken wird.

Claudio.
Wozu? Er würde doch nur Scherz damit treiben und das arme Fräulein dafür ärger quälen.

Don Pedro.
Wenn er das täte, so wär’s ein gutes Werk, ihn zu hängen. Sie ist ein vortreffliches, liebes Fräulein und ihr guter Ruf über allen Verdacht erhaben.

Claudio.
Dabei ist sie ausgezeichnet verständig.

Don Pedro.
In allen andern Dingen, nur nicht darin, daß sie den Benedikt liebt.

Leonato.
O gnädiger Herr! wenn Verstand und Leidenschaft in einem so zarten Wesen miteinander kämpfen, so haben wir zehn Beispiele für eines, daß die Leidenschaft den Sieg davonträgt. Es tut mir leid um sie, und ich habe die gerechteste Ursache dazu, da ich ihr Oheim und Vormund bin.

Don Pedro.
Ich wollte, sie hätte diese Entzückungen mir gegönnt; ich hätte alle andern Rücksichten abgetan und sie zu meiner Hälfte gemacht. Ich bitte Euch, sagt doch dem Benedikt von der Sache und hört, was er erwidern wird.

Leonato.
Meint Ihr wirklich, daß es gut wäre?

Claudio.
Hero ist überzeugt, es werde ihr Tod sein; denn sie sagt, sie sterbe, wenn er sie nicht wiederliebe, und sie sterbe auch lieber, als daß sie ihm ihre Liebe entdecke; und wenn er sich wirklich um sie bewirbt, so wird sie eher sterben wollen, als das Geringste von ihrem gewohnten Widerspruchsgeist aufgeben.

Don Pedro.
Sie hat ganz recht; wenn sie ihm ihre Neigung merken ließe, so wär’s sehr möglich, daß er sie nur verlachte. Der Mann hat, wie ihr alle wißt, eine sehr übermütige Gesinnung.

Claudio.
Er ist sonst ein feiner Mann.

Don Pedro.
Er hat allerdings eine recht glückliche äußere Bildung.

Claudio.
Ganz gewiß, und wie mich dünkt, auch viel Verstand.

Don Pedro.
Es zeigen sich in der Tat mitunter Funken an ihm, welche wie Witz aussehn.

Leonato.
Und ich halte ihn auch für tapfer.

Don Pedro.
Wie Hektor, das versichre ich Euch; und nach der Art, wie er mit Händeln umzugehn versteht, muß man auch einräumen, daß er Klugheit besitzt. Denn entweder weicht er ihnen mit großer Vorsicht aus, oder er unterzieht sich ihnen mit einer christlichen Furcht.

Leonato.
Wenn er Gott fürchtet, so muß er notwendig Frieden halten. Wenn er den Frieden bricht, kann’s nicht anders sein, als daß er seine Händel mit Furcht und Zittern anfängt.

Don Pedro.
Und so ist es auch. Denn der Mann fürchtet Gott, obgleich nach seinen derben Späßen kein Mensch das von ihm glauben sollte. Mit alledem dauert mich Eure Nichte. Wollen wir gehn und Benedikt aufsuchen und ihm von ihrer Liebe sagen?

Claudio.
Nimmermehr, gnädigster Herr. Diese Schwachheit wird endlich verständigem Rate weichen.

Leonato.
Ach, das ist unmöglich. Eher wird ihr Leben von ihr weichen.

Don Pedro.
Nun, wir wollen hören, was Eure Tochter weiter davon sagt, und sich’s indes verkühlen lassen. Ich halte viel auf Benedikt und wünsche sehr, er möchte sich einmal mit aller Bescheidenheit prüfen und einsehn, wie wenig er eine so treffliche Dame zu besitzen verdient.

Leonato.
Wollen wir gehn, mein Fürst? Das Mittagessen wird fertig sein.

Claudio (beiseite).
Wenn er sich hierauf nicht sterblich in sie verliebt, so will ich nie wieder einer Wahrscheinlichkeit trauen.

Don Pedro (beiseite).
Man muß jetzt das nämliche Netz für sie aufstellen, und das laßt Eure Tochter und ihre Kammerfrau übernehmen. Der Spaß wird sein, wenn jeder von ihnen sich von der Leidenschaft des andern überzeugt hält, und ohne allen Grund. Das ist die Szene, die ich sehen möchte: es wird eine wahre Pantomime sein. Wir wollen sie abschicken, um ihn zu Tische zu rufen.

(Don Pedro, Claudio und Leonato ab.)

Benedikt (tritt hervor).
Das kann keine Schelmerei sein; das Gespräch war zu ernsthaft. Sie haben die Gewißheit der Sache von Hero; sie scheinen das Fräulein zu bedauern: es scheint, ihre Leidenschaft hat die höchste Spannung erreicht. – In mich verliebt? Oh, das muß erwidert werden. Ich höre, wie man von mir denkt: sie sagen, ich werde mich stolz gebärden, wenn ich merke, wie sie mich liebt. Sie sagen ferner, sie werde eher sterben, als irgendein Zeichen ihrer Neigung geben. Ich dachte, nie zu heiraten; aber man soll mich nicht für stolz halten. Glücklich sind, die erfahren, was man an ihnen aussetzt, und sich danach bessern können. Sie sagen, das Fräulein sei schön; ja, das ist eine Wahrheit, die ich bezeugen kann; und tugendhaft: – allerdings, ich kann nichts dawider sagen; – und verständig, ausgenommen, daß sie in mich verliebt sei: – nun – meiner Treu, das ist eben kein Zuwachs ihrer Verständigkeit, aber doch kein großer Beweis ihrer Torheit, denn ich will mich entsetzlich wieder in sie verlieben. – Ich wage es freilich drauf, daß man mir etliche alberne Späße und Witzbrocken zuwirft, weil ich selbst so lange über das Heiraten geschmält habe; aber kann sich der Geschmack nicht ändern? Es liebt einer in seiner Jugend ein Gericht, das er im Alter nicht ausstehn kann – sollen wir uns durch Sticheleien und Sentenzen und derlei papierene Kugeln des Gehirns aus der rechten Bahn unsrer Laune schrecken lassen? Nein, die Welt muß bevölkert werden. Als ich sagte, ich wolle als Junggeselle sterben, dacht ich es nicht zu erleben, daß ich noch eine Frau nehmen würde. Da kommt Beatrice. Beim Sonnenlicht, sie ist schön! ich erspähe schon einige Zeichen der Liebe an ihr.

Beatrice kommt.

Beatrice.
Wider meinen Willen hat man mich abgeschickt, Euch zu Tische zu rufen.

Benedikt.
Schöne Beatrice, ich danke Euch für Eure Mühe.

Beatrice.
Ich gab mir nicht mehr Mühe, diesen Dank zu verdienen, als Ihr Euch bemüht, mir zu danken. Wär es mühsam gewesen, so wär ich nicht gekommen.

Benedikt.
Die Bestellung machte Euch also Vergnügen?

Beatrice.
Ja, grade soviel, als Ihr auf einer Messerspitze nehmen könnt, um’s einer Dohle beizubringen. Ihr habt wohl keinen Appetit, Signor? So gehabt Euch wohl. (Ab.)

Benedikt.
Ah, «wider meinen Willen hat man mich abgeschickt, Euch zu Tische zu rufen!» Das kann zweierlei bedeuten: «es kostete mich nicht mehr Mühe, diesen Dank zu verdienen, als Ihr Euch bemüht, mir zu danken»: das heißt soviel als: jede Mühe, die ich für Euch unternehme, ist so leicht als ein Dank. Wenn ich nicht Mitleid für sie fühle, so bin ich ein Schurke; wenn ich sie nicht liebe, so bin ich ein Jude. Ich will gleich gehn und mir ihr Bildnis verschaffen. (Ab.)

Dritter Aufzug

Erste Szene

Es treten auf Hero, Margareta, Ursula

Hero.
Lauf, Margareta, in den Saal hinauf,
Dort findst du meine Muhme Beatrice
Mit Claudio und dem Prinzen im Gespräch:
Raun ihr ins Ohr, daß ich und Ursula
Im Garten sind und unsre Unterhaltung
Nur sie betrifft; sag, daß du uns behorcht.
Dann heiß sie schleichen in die dichte Laube,
Wo Geißblattranken, an der Sonn erblüht,
Der Sonne Zutritt wehren: – wie Günstlinge,
Von Fürsten stolz gemacht, mit Stolz verschatten
Die Kraft, die sie erschaffen. – Dort versteckt
Soll sie uns reden hören: dies besorge,
Mach deine Sachen gut und laß uns jetzt.

Margareta.
Ich schaffe gleich sie her, verlaßt Euch drauf. (Ab.)

Hero.
Nun, Ursula, wenn Beatrice kommt
Und wir im Baumgang auf- und niederwandeln,
Sei einzig nur vom Benedikt die Rede.
Wenn ich ihn nenne, sei es deine Rolle,
Ihn mehr, als je ein Mann verdient, zu loben.
Darauf erzähl ich dir, wie Benedikt
In Beatricen sterblich sei verliebt.
So schnitzt der kleine Gott die schlauen Pfeile,
Die schon durch Hören treffen. Jetz fang an:
Denn sieh nur, Beatrice, wie ein Kiebitz,
Schlüpft dicht am Boden hin, uns zu belauschen.

(Beatrice schleicht in die Laube.)

Ursula.
Die Lust beim Angeln ist, sehn, wie der Fisch
Den Silberstrom mit goldnen Rudern teilt,
Den tückschen Haken gierig zu verschlingen.
So angeln wir nach jener, die sich eben
Geduckt dort in die Geißblatthülle birgt.
Sorgt nicht um meinen Anteil am Gespräch.

Hero.
Komm näher nun, daß nichts ihr Ohr verliere
Vom süßen Köder, den wir trüglich legen.
(Sie nähern sich der Laube.)
Nein, wahrlich, Ursula, sie ist zu stolz.
Ich kenn ihr Herz, es ist so spröd und wild
Wie ungezähmte Falken.

Ursula.
Ist’s denn wahr?
Liebt Benedikt so einzig Beatricen?

Hero.
So sagt der Prinz und auch mein Bräutigam.

Ursula.
Und trugen sie Euch auf, es ihr zu sagen?

Hero.
Sie baten mich, ich mög es ihr entdecken.
Ich sprach, da Benedikt ihr Freund, sie möchten
Ihm raten, diese Neigung zu besiegen,
Daß Beatrice nie davon erfahre.

Ursula.
Warum, mein Fräulein? Sagt, verdienet er
So reiche, vollbeglückte Ehe nicht,
Als Beatrice je gewähren kann?

Hero.
Beim Liebesgott! Ich weiß es, er verdient
Soviel, als man dem Manne nur vergönnt.
Doch schuf Natur noch nie ein weiblich Herz
Von spröderm Stoff, als das der Beatrice;
Hohn und Verachtung sprüht ihr funkelnd Auge
Und schmäht, worauf sie blickt: so hoch im Preise
Stellt sie den eignen Witz, daß alles andre
Ihr nur gering erscheint; sie kann nicht lieben,
Noch Bild und Form der Neigung in sich prägen,
So ist sie in sich selbst vergafft.

Ursula.
Gewiß,
Und darum wär’s nicht gut, erführe sie’s,
Wie er sie liebt; sie würd ihn nur verspotten.

Hero.
Da sagst du wahr. Ich sah noch keinen Mann,
So klug, so jung und brav, so schön gebildet,
Sie münzt ihn um ins Gegenteil. Wenn blond,
So schwur sie, sollt er ihre Schwester heißen.
Wenn schwarz, hatt’ Natur einen Harlekin,
Sich zeichnend, einen Tintenfleck gemacht;
Schlank, war’s ein Lanzenschaft mit schlechtem Kopf,
Klein, ein Achatbild, ungeschickt geschnitzt:
Sprach er, ein Wetterhahn für alle Winde,
Schwieg er, ein Block, den keiner je bewegt.
So kehrt sie stets die falsche Seit hervor
Und gibt der Tugend und der Wahrheit nie,
Was Einfalt und Verdienst erwarten dürfen.

Ursula.
Gewiß, so scharfer Witz macht nicht beliebt.

Hero.
O nein! So schroff, so außer aller Form,
Wie’s Beatrice liebt, empfiehlt wohl nie.
Wer aber darf ihr’s sagen? Wollt ich reden,
Ich müßt an ihrem Spott vergehn; sie lachte
Mich aus mir selbst, erdrückte mich mit Witz.
Mag Benedikt drum wie verdecktes Feuer
In Seufzern sterben, innen sich verzehren:
Das ist ein beßrer Tod, als totgespottet,
Was schlimmer ist, als totgekitzelt werden.

Ursula.
Erzählt’s Ihr doch, hört, was sie dazu sagt.

Hero.
Nein, lieber geh ich selbst zu Benedikt
Und rat ihm, seine Leidenschaft zu zähmen.
Und wahrlich, einge ehrliche Verleumdung
Auf meine Muhm ersinn ich. Niemand glaubt,
Wie leicht ein böses Wort die Gunst vergiftet.

Ursula.
Tut Eurer Muhme nicht so großes Unrecht,
Sie kann nicht alles Urteil so verleugnen,
Mit soviel schnellem, scharfem Witz begabt
(Als man sie dessen rühmt), zurückzuweisen
Solch seltnen Kavalier als Signor Benedikt.

Hero.
In ganz Italien sucht er seinesgleichen:
Versteht sich, meinen Claudio ausgenommen.

Ursula.
Ich bitt Euch, zürnt mir deshalb nicht, mein Fräulein:
Nach meiner Ansicht glaub ich, Signor Benedikt
Gilt nach Gestalt und Haltung, Geist und Mut
In unserm Welschland für den ersten Mann.

Hero.
Gewiß, er ist von hochbewährtem Ruf.

Ursula.
Den ihm sein Wert verdient, eh er ihn hatte.
Wann macht Ihr Hochzeit, Fräulein?

Hero.
Nun, allernächstens; morgen wohl. Jetzt komm,
Ich will dir Kleider zeigen, rate mir,
Was morgen mich am besten schmücken wird.

Ursula.
Die klebt am Leim: Ihr fingt sie, dafür steh ich.

Hero.
So bringt ein Zufall Amorn oft Gelingen:
Den trifft sein Pfeil, den fängt er sich mit Schlingen.

(Beide ab.)

Beatrice (kommt hervor)
Welch Feur durchströmt mein Ohr! Ist’s wirklich wahr?
Wollt ihr mir Spott und Hohn so scharf verweisen?
Leb wohl denn, Mädchenstolz, auf immerdar,
Mich lüstet nimmermehr nach solchen Preisen.
Und, Benedikt, lieb immer: so gewöhn ich
Mein wildes Herz an deine teure Hand:
Sei treu, und, Liebster, deine Treue krön ich,
Und unsre Herzen bind ein heilges Band.
Man sagt, du bist es wert, und ich kann schwören,
Ich wußt es schon, und besser als vom Hören. (Ab.)

Zweite Szene

Zimmer in Leonatos Hause

Don Pedro, Claudio, Benedikt und Leonato

Don Pedro.
Ich bleibe nur noch, bis Eure Hochzeit vorüber ist, und gehe dann nach Arragon zurück.

Claudio.
Ich will Euch dahin begleiten, mein Fürst, wenn Ihr mir’s vergönnen wollt.

Don Pedro.
Nein, das hieße, den neuen Glanz Eures Ehestands ebenso verderben, als einem Kinde sein neues Kleid zeigen und ihm verbieten, es zu tragen. Ich will mir nur Benedikts Gesellschaft erbitten, denn der ist von der Spitze seines Scheitels bis zur Sohle seines Fußes lauter Fröhlichkeit. Er hat Cupidos Bogensehne zwei- oder dreimal durchschnitten, und der kleine Henker wagt seitdem nicht mehr, auf ihn zu schießen. Er hat ein Herz, so gesund und ganz wie eine Glocke, und seine Zunge ist der Klöpfel, denn was sein Herz denkt, spricht seine Zunge aus.

Benedikt.
Ihr Herrn, ich bin nicht mehr, der ich war.

Leonato.
Das sag ich auch, mir scheint, Ihr seid ernster.

Claudio.
Ich hoffe, er ist verliebt.

Don Pedro.
Fort mit dem unnützen Menschen! – Es ist kein so wahrer Blutstropfen in ihm, daß er durch eine Liebe wahrhaft gerührt werden könnte; ist er ernst, so fehlt’s ihm an Geld.

Benedikt.
Mich schmerzt der Zahn.

Don Pedro.
Heraus damit! – Was! um Zahnweh seufzen?

Leonato.
Was doch nur ein Fluß oder ein Wurm ist?

Benedikt.
Gut, jeder kann den Schmerz bemeistern, nur der nicht, der ihn fühlt.

Claudio.
Ich bleibe doch dabei, er ist verliebt.

Don Pedro.
Es ist kein Zeichen verliebter Grillen an ihm, es müßte denn die Grille sein, mit der er in fremde Moden verliebt ist – also z. B. heut ein Holländer, morgen ein Franzos, oder in der Tracht zweier Länder zugleich, ein Deutscher, vom Gürtel abwärts ganz Pluderhosen, und ein Spanier drüber, ohne Wams. Hätte er also nicht eine verliebte Grille für diese Narrheit (wie er sie denn wirklich hat), so wäre er kein Narr aus Liebe, wie ihr ihn dazu machen wollt.

Claudio.
Wenn er nicht in irgendein Frauenzimmer verliebt ist, so traut keinem Wahrzeichen mehr. Er bürstet alle Morgen seinen Hut; was kann das sonst bedeuten?

Don Pedro.
Hat ihn jemand beim Barbier gesehn?

Claudio.
Nein, aber wohl den Barbiersdiener bei ihm, und die alte Zier seiner Wangen ist schon gebraucht, Bälle damit zu stopfen.

Leonato.
In der Tat, er sieht um einen Bart jünger aus.

Don Pedro.
Und was mehr ist, er reibt sich mit Bisam; merkt ihr nun, wo ‘s ihm fehlt?

Claudio.
Das heißt mit andern Worten, der holde Knabe liebt.

Don Pedro.
Der größte Beweis ist seine Schwermut.

Claudio.
Und wann pflegte er sonst sein Gesicht zu waschen?

Don Pedro.
Ja, oder sich zu schminken? Ich höre aber wohl, was man deswegen von ihm sagt.

Claudio.
Und sein sprudelnder Geist! der jetzt in eine Lautensaite gekrochen ist und durch Griffe regiert wird.

Don Pedro.
Freilich, das alles kündigt eine tragische Geschichte an. Summa summarum, er ist verliebt.

Claudio.
Ja, und ich weiß auch, wer in ihn verliebt ist.

Don Pedro.
Nun, das möchte ich auch wissen. Ich wette, es ist eine, die ihn nicht kennt.

Claudio.
O freilich! Ihn und alle seine Fehler; und die demungeachtet für ihn stirbt.

Don Pedro.
Die muß mit dem Gesicht aufwärts begraben werden.

Benedikt.
Das alles hilft aber nicht für mein Zahnweh. Alter Herr, kommt ein wenig mit mir auf die Seite; ich habe acht oder neun vernünftige Worte ausstudiert, die ich Euch sagen möchte, und die diese Steckenpferde nicht zu hören brauchen.

(Benedikt und Leonato ab.)

Don Pedro.
Ich wette mein Leben, er hält bei ihm um Beatricen an.

Claudio.
Ganz gewiß. Hero und Margarete haben unterdes ihre Rolle mit Beatricen gespielt, und nun werden wohl diese Bären einander nicht beißen, wenn sie sich begegnen.

Don Juan kommt.

Don Juan.
Mein Fürst und Bruder, grüß Euch Gott!

Don Pedro.
Guten Tag, Bruder.

Don Juan.
Wenn es Euch gelegen wäre, hätte ich mit Euch zu reden.

Don Pedro.
Allein?

Don Juan.
Wenn es Euch gefällt – doch Graf Claudio mag’s immer hören; denn was ich zu sagen habe, betrifft ihn.

Don Pedro.
Wovon ist die Rede?

Don Juan.
Gedenkt Ihr Euch morgen zu vermählen, edler Herr?

Don Pedro.
Das wißt Ihr ja.

Don Juan.
Das weiß ich nicht, wenn er erst wissen wird, was ich weiß.

Claudio.
Wenn irgendein Hindernis stattfindet, so bitte ich Euch, entdeckt es.

Don Juan.
Ihr denkt vielleicht, ich sei Euer Freund nicht: das wird sich hernach ausweisen, und Ihr werdet mich besser würdigen, erfahrt Ihr, was ich Euch entdecken werde. Von meinem Bruder glaube ich, daß er Euch wohlwill und aus Herzensliebe Euch dazu verholfen hat, Eure baldige Heirat ins Werk zu richten. In Wahrheit, eine schlimm angebrachte Werbung! Eine schlimm verwandte Mühe! –

Don Pedro.
Nun? was wollt Ihr damit sagen?

Don Juan.
Ich kam hieher, es Euch mitzuteilen; und um die Sache kurz zu fassen – denn es ist schon zu lange die Rede davon gewesen – das Fräulein ist treulos.

Claudio.
Wer? Hero?

Don Juan.
Eben sie; Leonatos Hero, Eure Hero – jedermanns Hero.

Claudio.
Treulos?

Don Juan.
Das Wort ist zu gut, ihre Verderbtheit zu malen: ich könnte sie leicht schlimmer nennen. Denkt nur auf die schlimmste Benennung, ich werde sie rechtfertigen. Wundert Euch nicht, bis wir mehr Beweis haben: geht nur heut abend mit mir, dann sollt Ihr sehn, wie ihr Kammerfenster erstiegen wird, und zwar noch in der Nacht vor ihrem Hochzeitstage. Wenn Ihr sie dann noch liebt, so heiratet sie morgen; aber Eurer Ehre wird es freilich besser stehn, wenn Ihr Eure Gedanken ändert.

Claudio.
Wär es möglich?

Don Pedro.
Ich will es nicht glauben.

Don Juan.
Habt Ihr nicht Mut, zu glauben, was Ihr seht, so bekennt auch nicht, was Ihr wißt. Wollt Ihr mir folgen, so will ich Euch genug zeigen. Wenn Ihr erst mehr gehört und gesehn habt, so tut hernach, was Euch beliebt.

Claudio.
Sehe ich diese Nacht irgend etwas, weshalb ich sie morgen nicht heiraten könnte, so will ich sie vor der ganzen Versammlung, wo sie getraut werden sollte, beschimpfen.

Don Pedro.
Und so wie ich für dich warb, sie zu erlangen, so will ich mich nun mit dir vereinigen, sie zu beschämen.

Don Juan.
Ich will sie nicht weiter verunglimpfen, bis ihr meine Zeugen seid. Seid nur ruhig bis Mitternacht, dann mag der Ausgang sich offenbaren.

Don Pedro.
O Tag, verkehrt und leidig!

Claudio.
O Unglück, fremd und seltsam!

Don Juan.
O Schmach mit Glück verhütet:
So sollt ihr sagen, saht ihr erst den Ausgang.

(Alle ab.)

Dritte Szene

Straße

Holzapfel, Schlehwein und Wache treten auf

Holzapfel.
Seid ihr fromme, ehrliche Leute und getreu?

Schlehwein.
Ja; sonst wär’s schade drum, wenn sie nicht die ewige Salvation litten an Leib und Seele.

Holzapfel.
Nein, das wäre noch viel zuwenig Strafe für sie, wenn sie nur irgendeine Legitimität an sich hätten, da sie doch zu des Prinzen Wache inkommodiert sind.

Schlehwein.
Richtig. Teilt ihnen jetzt ihr Kommando aus, Nachbar Holzapfel.

Holzapfel.
Erstens also. Wer meint ihr, der die meiste Unkapazität hätte, Konstabler zu sein? –

Erste Wache.
Veit Haberkuchen, Herr, oder Görge Steinkohle, denn sie können lesen und schreiben.

Holzapfel.
Kommt her, Nachbar Steinkohle. Gott hat Euch mit einem guten Namen gesegnet. Ein Mann von guter Physiognomik sein, ist ein Geschenk des Glücks; aber die Schreibe- und Lesekunst kommt von der Natur.

Zweite Wache.
Und beides, Herr Konstabler – –

Holzapfel.
Habt Ihr, ich weiß, daß Ihr das sagen wolltet. Also dann, was Eure Physiognomik betrifft, seht, da gebt Gott die Ehre und macht nicht viel Rühmens davon; und Eure Schreibe- und Lesekunst, damit könnt Ihr Euch sehn lassen, wo kein Mensch solche Dummheiten nötig hat. Man hält Euch hier für den allerstupidsten Menschen, um Konstabler bei unsrer Wache zu sein; darum sollt Ihr die Laterne halten. So lautet Eure Vorschrift: Ihr sollt alle Fragebunten irritieren; Ihr seid dazu da, daß Ihr allen und jedem zuruft: Halt! in des Prinzen Namen.

Zweite Wache.
Aber wenn nun einer nicht halten will?

Holzapfel.
Nun, seht Ihr, da kümmert Euch nicht um ihn, laßt ihn laufen, ruft sogleich die übrige Wache zusammen und dankt Gott, daß Ihr den Schelm los seid.

Schlehwein.
Wenn man ihn angerufen hat, und er will nicht stehn, so ist er keiner von des Prinzen Untertanen.

Holzapfel.
Richtig. Und mit solchen, die nicht des Prinzen Untertanen sind, sollen sie sich gar nicht abgeben. Dann sollt Ihr auch keinen Lärm auf der Straße machen, denn daß eine Wache auf dem Posten Toleranz und Spektakel treibt, kann gar nicht geduldet werden.

Zweite Wache.
Wir wollen lieber schlafen als schwatzen, wir wissen schon, was sich für eine Wache gehört.

Holzapfel.
Recht. Ihr sprecht wie ein alter und tranquiller Wächter; denn ich sehe auch nicht, was im Schlafen für Sünde sein sollte. Nur nehmt Euch in acht, daß sie Euch Eure Piken nicht stehlen. Ferner! Ihr sollt in allen Bierschenken einkehren, und den Besoffenen sollt Ihr befehlen, zu Bett zu gehn. –

Zweite Wache.
Aber wenn sie nun nicht wollen. –

Holzapfel.
Nun, seht Ihr, da laßt sie sitzen, bis sie wieder nüchtern sind. Und wenn sie Euch dann keine bessere Antwort geben, da könnt Ihr ihnen sagen, sie wären nicht die Leute, für die Ihr sie gehalten habt.

Zweite Wache.
Gut, Herr.

Holzapfel.
Wenn Ihr einem Diebe begegnet, so könnt Ihr ihn kraft Eures Amts in Verdacht haben, daß er kein ehrlicher Mann sei; und was dergleichen Leute betrifft, seht Ihr, je weniger Ihr mit Ihnen zu verkehren oder zu schaffen habt, je besser ist’s für Eure Repetition.

Zweite Wache.
Wenn wir’s aber von ihm wissen, daß er ein Dieb ist, sollen wir ihn da nicht festhalten?

Holzapfel.
Freilich, kraft Eures Amts könnt Ihr’s tun; aber ich denke, wer Pech angreift, besudelt sich: der friedfertigste Weg ist immer, wenn Ihr einen Dieb fangt, laßt ihn zeigen, was er kann und sich aus Eurer Gesellschaft wegstehlen.

Schlehwein.
Ihr habt doch immer für einen sanftmütigen Mann gegolten, Kamerad.

Holzapfel.
Das ist wahr, mit meinem Willen möcht ich keinen Hund hängen, wieviel mehr denn einen Menschen, der nur einige Redlichkeit im Leibe hat.

Schlehwein.
Wenn Ihr ein Kind in der Nacht weinen hört, so müßt Ihr der Amme rufen, daß sie’s stillt.

Zweite Wache.
Wenn aber die Amme schläft und uns nicht hört?

Holzapfel.
Nun, so zieht ihn Frieden weiter und laßt das Kind sie mit dem Schreien wecken. Denn wenn das Schaf sein Lamm nicht hören will, das da bäh schreit, so wird’s auch keinem Kalb antworten, wenn’s blökt.

Schlehwein.
Das ist sehr wahr.

Holzapfel.
Dies ist das Ende Eurer Destruktion: Ihr, Konstabler, sollt jetzt den Prinzen in eigner Person präsentieren: wenn Ihr dem Prinzen in der Nacht begegnet, könnt Ihr ihn stehen heißen.

Schlehwein.
Nein, mein Seel, das kann er doch wohl nicht.

Holzapfel.
Fünf Schillinge gegen einen: jedermann, der die Konstipation dieser Bürgerwache kennt, muß sagen, er kann ihn stehn heißen: aber zum Henker, versteht sich, wenn der Prinz Lust hat: denn freilich, die Wache darf niemand beleidigen, und es ist doch eine Beleidigung, jemand gegen seinen Willen stehn zu heißen.

Schlehwein.
Sapperment, das denk ich auch.

Holzapfel.
Ha, ha, ha! – Nun, Leute, gute Nacht. Sollte irgend eine Sache von Wichtigkeit passieren, so ruft nach mir. Wahret das Amtsgeheimnis, jeder für alle; und so schlaft wohl. Kommt, Nachbar.

Zweite Wache.
Nun, Leute, wir wissen jetzt, was unsres Amtes ist – kommt und setzt euch mit auf die Kirchenbank bis um zwei Uhr, und dann zu Bett.

Holzapfel.
Noch ein Wort, ehrliche Nachbarn. Ich bitte euch, wacht doch vor Signor Leonatos Türe, denn weil’s da morgen eine Hochzeit gibt, so wird heut abend viel Spektakel sein. Gott befohlen! Nun, gute Addition! das bitte ich euch.

(Holzapfel und Schlehwein ab.)
Borachio und Konrad kommen.

Borachio.
He, Konrad.

Erste Wache.
Still! rührt Euch nicht. –

Borachio.
Konrad, sag ich!

Konrad.
Hier, Mensch! ich bin an deinem Ellbogen.

Borachio.
Zum Henker, mein Ellbogen juckte mir auch, ich wußte wohl, daß das die Krätze bedeuten würde.

Konrad.
Die Antwort darauf will ich dir schuldig bleiben; nun nur weiter in deiner Geschichte.

Borachio.
Stelle dich nur hart unter dieses Vordach, denn es fängt an zu regnen; und nun will ich dir, wie ein redlicher Trunkenbold, alles offenbaren.

Erste Wache.
Irgendeine Verräterei, Leute! Steht aber stockstill!

Borachio.
Wisse also, ich habe tausend Dukaten von Don Juan verdient.

Konrad.
Ist’s möglich, daß eine Schurkerei so teuer sein kann?

Borachio.
Du solltest lieber fragen, ob’s möglich sei, daß ein Schurke so reich sein könne: denn wenn die reichen Schurken der armen bedürfen, so können die armen fordern, was sie wollen.

Konrad.
Das wundert mich.

Borachio.
Man sieht wohl, du bist noch kein Eingeweihter, du solltest doch wissen, daß die Mode eines Mantels, eines Wamses oder eines Huts für einen Mann soviel als nichts ist.

Konrad.
Nun ja, es ist die Kleidung.

Borachio.
Ich meine aber die Mode.

Konrad.
Ja doch, die Mode ist die Mode.

Borachio.
Ach was, das heißt ebensoviel als ein Narr ist ein Narr. Aber siehst du denn nicht, was für ein mißgestaltet Schelm diese Mode ist?

Erste Wache.
Ei! den Herrn Mißgestalt kenne ich: der hat nun an die sieben Jahr das Schelmenhandwerk mitgemacht und geht jetzt herum wie ein vornehmer Herr; ich besinne mich auf seinen Namen.

Borachio.
Hörtest du nicht eben jemand?

Konrad.
Nein, es war die Fahne auf dem Hause.

Borachio.
Siehst du nicht, sag ich, was für ein mißgestalter Schelm diese Mode ist? Wie schwindlicht er all das hitzige, junge Blut zwischen vierzehn und fünfunddreißig herumdreht? Bald stutzt er sie dir zu, wie Pharaos Soldaten auf den schwarzgeräucherten Bildern, bald wie die Priester des Baal zu Babel auf den alten Kirchenfenstern, bald wie den kahlgeschornen Herkules auf den braunen, wurmstichigen Tapeten, wo sein Hosenlatz so groß ist wie seine Keule.

Konrad.
Kann sein, ich sehe auch, daß die Mode mehr Kleider aufträgt als der Mensch. Aber hat sie dich denn nicht auch schwindlicht gemacht, daß du von deiner Erzählung abgekommen bist, um mir von der Mode vorzufaseln?

Borachio.
Nicht so sehr, als du denkst. Wisse also, daß ich diese Nacht mit Margareten, Fräulein Heros Kammermädchen, unter Heros Namen ein Liebesgespräch geführt; daß sie sich aus ihres Fräuleins Fenster zu mir heruntergeneigt und mir tausendmal gute Nacht gewünscht hat: oh, ich erzähle dir die Geschichte erbärmlich: – ich hätte vorher sagen sollen, wie der Prinz, Claudio und mein Herr, gekörnt, gestellt und geprellt von meinem Herrn Don Juan, von weitem im Garten diese zärtliche Zusammenkunft mit ansahen.

Konrad.
Hielten sie denn Margarete für Hero?

Borachio.
Zwei von ihnen taten’s, der Prinz und Claudio; aber mein Herr, der Teufel, wußte wohl, daß es Margarete sei. Teils seine Schwüre, mit denen er sie vorher berückt hatte, teils die dunkle Nacht, die sie täuschte, vor allem aber meine künstliche Schelmerei, die alle Verleumdung des Don Juan bekräftigte, brachten’s so weit, daß Claudio wütend davonging und schwur, er wolle morgen, wie es verabredet war, in der Kirche mit ihr zusammenkommen, sie dann vor der ganzen Versammlung durch Entdeckung von dem, was er in der Nacht gesehn, beschimpfen und sie ohne Gemahl nach Hause schicken.

Erste Wache.
Wir befehlen euch in des Prinzen Namen, steht!

Zweite Wache.
Ruft den eigentlichen Herrn Konstabler; wir haben hier das allergefährlichste Stück von liederlicher Wirtschaft decoffriert, das jemals im Lande vorgefallen ist.

Erste Wache.
Und ein Herr Mißgestalt ist im Spiel, ich kenne ihn, er trägt eine Locke.

Konrad.
Liebe Herren…

Zweite Wache.
Ihr sollt uns den Herrn Mißgestalt herbeischaffen, das werden wir Euch wohl zeigen.

Konrad.
Meine Herren – –

Erste Wache.
Stillgeschwiegen! Ihr sollt wissen, daß wir Euch gehorchen, mit Euch zu gehn.

Borachio.
Wir werden da in eine recht bequeme Situation kommen, wenn sie uns erst auf ihre Piken genommen haben.

Konrad.
O ja, eine recht pikante Situation. Kommt, wir wollen mit euch gehn.

(Alle ab.)

Vierte Szene

Zimmer in Leonatos Hause

Hero, Margareta, Ursula

Hero.
Liebe Ursula, wecke doch deine Muhme Beatrice und bitte sie, aufzustehn.

Ursula.
Sogleich, mein Fräulein.

Hero.
Und hieher zu kommen.

Ursula.
Sehr wohl. (Ab.)

Margareta.
Ich dächte doch, Eure andre Palatine sei noch schöner.

Hero.
Nein, liebes Gretchen, ich werde diese tragen.

Margareta.
Sie ist wahrhaftig nicht so hübsch, und ich stehe Euch dafür, Eure Muhme wird Euch dasselbe sagen.

Hero.
Meine Muhme ist eine Närrin, und du bist die zweite; ich werde keine andre als diese nehmen.

Margareta.
Euern neuen Aufsatz finde ich allerliebst, wenn das Haar nur um einen Gedanken brauner wäre; und Euer Kleid ist nach der geschmackvollsten Mode, das ist gewiß. Ich habe das Kleid der Herzogin von Mailand gesehn, von dem man soviel Wesens macht.

Hero.
Das soll ja über alles gehn, sagt man.

Margareta.
Auf meine Ehre, es ist nur ein Nachtkleid im Vergleich mit dem Eurigen. Das Zeug von Goldstoff und die Aufschnitte mit Silber garniert und mit Perlen gestickt; niederhängende und Seitenärmel, und Garnierungen unten herum, die mit einem bläulichen Lahn unterlegt sind. Was aber die schöne, ausgesuchte, gefällige und ganz besondere Mode betrifft, da ist Eures zehnmal mehr wert.

Hero.
Gott gebe, daß ich’s mit Freuden tragen möge, denn mein Herz ist erstaunlich schwer.

Margareta.
Es wird bald noch schwerer werden, wenn es erst das Gewicht eines Mannes tragen soll.

Hero.
Pfui doch, schämst du dich denn nicht? –

Margareta.
Warum denn, mein Fräulein? Daß ich von Dingen in Ehren rede? Ist nicht eine Heirat ein Ding in Ehren, auch bei Bettlern? Ist nicht Euer Herr ein Ehrenmann auch ohne Heirat? Ich hätte wohl sagen sollen – haltet mir’s zu Gnaden – das Gewicht eines Gemahls? Wenn nicht schlimme Gedanken gute Reden verdrehen, so werde ich niemanden Ärgernis geben. Ist wohl irgendein Anstoß darin, wenn ich sage: schwerer durch das Gewicht eines Gemahls? Nein, gewiß nicht, wenn es nur der rechte Mann und die rechte Frau sind, sonst freilich hieße das, die Sache leicht nehmen und nicht schwer. Fragt nur Fräulein Beatrice, hier kommt sie.

Beatrice kommt.

Hero.
Guten Morgen, Muhme.

Beatrice.
Guten Morgen, liebe Hero.

Hero.
Nun, was ist dir? Du sprichst ja in einem so kranken Ton?

Beatrice.
Mich dünkt, aus allen andern Tonarten bin ich heraus. – Es ist gleich fünf Uhr, Muhme, es ist Zeit, daß du dich fertig machst. – Mir ist ganz krank zu Mut, wahrhaftig! – Ach!

Margareta.
Nun, wenn Ihr nicht eine Renegatin geworden seid, so kann man nicht mehr nach den Sternen segeln.

Beatrice.
Was meint die Närrin damit?

Margareta.
Ich? O gar nichts, aber Gott schenke jedem, was sein Herz wünscht.

Hero.
Diese Handschuhe schickte mir der Graf, es ist der lieblichste Wohlgeruch.

Beatrice.
Der Sinn ist mir benommen; ich rieche nichts.

Margareta.
Benommen? Oder eingenommen? je nun, man erkältet sich wohl.

Beatrice.
O Gott steh uns bei, Gott steh uns bei! Wie lange ist’s denn, daß du Jagd auf Witz machst?

Margareta.
Seitdem Ihr es aufgegeben habt, mein Fräulein. Steht mein Witz mir nicht vortrefflich?

Beatrice.
Er scheint noch nicht genug ins Feld, du solltest ihn an deiner Kappe tragen. – Aber auf mein Wort, ich bin recht krank.

Margareta.
Euer Gnaden sollten sich abgezogenen Kardobenedikt holen lassen und ihn aufs Herz legen; es gibt kein beßres Mittel für Beklemmungen.

Hero.
Da stichst du sie mit einer Distel.

Beatrice.
Benedikt? Warum Benedikt? Soll vielleicht eine Moral in dem Benedikt stecken?

Margareta.
Moral? Nein, mein’ Treu, ich meinte nichts Moralisches damit, ich meinte natürliche Kardobenediktendistel. Ihr denkt vielleicht, ich halte Euch für verliebt. Nein, beim Himmel, ich bin nicht solch eine Närrin, daß ich alles denken sollte, was mir einfällt, und es fällt mir auch nicht ein, zu denken, was ich könnte. Denn wenn ich mir auch den Kopf ausdächte, so kann ich mir’s nicht denken, daß Ihr, mein Fräulein, verliebt seid, oder jemals sein werdet, oder jemals sein könnt. Und doch war Benedikt auch so einer, und ist jetzt ein Mensch wie andre. Er schwur, er wolle nie heiraten, und jetzt, trotz seinem hohen Sinn, verzehrt er sein Essen ohne Murren. Ob Ihr noch zu bekehren seid, weiß ich nicht; aber mir scheint, Ihr seht auch schon aus den Augen wie andre Mädchen.

Beatrice.
Was ist das für eine Art von Gang, den deine Zunge nimmt?

Margareta.
Kein falscher Galopp.

Ursula (kommt zurück).
Gnädiges Fräulein, macht Euch fertig, der Fürst, der Graf, Signor Benedikt, Don Juan und alle jungen Kavaliere aus der Stadt sind da, um Euch zur Kirche zu führen.

Hero.
Helft mir mich ankleiden, liebe Muhme, liebes Gretchen, liebe Ursula.

(Alle ab.)

Fünfte Szene

Anderes Zimmer in Leonatos Hause

Leonato, Holzapfel, Schlehwein treten auf

Leonato.
Was habt Ihr mir zu sagen, mein ehrlicher Nachbar?

Holzapfel.
Ei, gnädiger Herr, ich möchte gern eine Konfidenz mit Euch haben, die Euch sehr introduziert.

Leonato.
Macht’s kurz, ich bitt Euch: Ihr seht, ich habe viel zu tun.

Holzapfel.
Ja, gnädiger Herr, so ist es.

Schlehwein.
Ja, wahrlich, so ist es.

Leonato.
Was ist denn, meine guten Freunde?

Holzapfel.
Der gute, liebe Schlehwein, mein gnädiger Herr, bleibt nicht recht bei der Sache. Ein alter Mann, gnädiger Herr! Und sein Verstand ist nicht so konfus, wie ich’s ihm mit Gottes Hilfe wünschen möchte. Aber, das muß ich sagen, ehrlich! ehrlich! wie die Haut zwischen seinen Augenbraunen!

Schlehwein.
Ja, gottlob! ich bin so ehrlich, als irgendein Mann auf der Welt, der ein alter Mann ist, und nicht ehrlicher als ich.

Holzapfel.
Korporationen sind odorös, palabras, Nachbar Schlehwein!

Leonato.
Nachbarn, ihr seid mir nachgrade ennuyant!

Holzapfel.
Das sagen Euer Gnaden nur so aus Höflichkeit, denn wir sind des armen Herzogs Gerichtsdiener. Aber wär ich auch so ennuyant als ein König, so wollt ich’s mich nicht dauern lassen und alles auf Euer Gnaden wenden.

Leonato.
Dein ganzes Talent zu ennuyieren auf mich?

Holzapfel.
Ja, und wenn’s noch tausendmal mehr wäre, als es schon ist; denn ich höre eine so gute Exklamation von Euer Gnaden, als von irgend jemand in der Stadt; und obgleich ich nur ein armer Mann bin, so freut’s mich doch, es zu hören.

Schlehwein.
Und mich auch.

Leonato.
Wenn ich nur wüßte, was ihr mir denn zu sagen habt.

Schlehwein.
Seht Ihr, Herr, unsre Wache hat diese Nacht, immer in Exzeption von Eurer höchsten Gegenwart, ein paar so durchtriebne Spitzbuben aufgefangen, als nur in Messina zu finden sind.

Holzapfel.
Ein guter, alter Mann, gnädiger Herr! Er muß immer was zu schwatzen haben; wie man zu sagen pflegt: Wenn das Alter eintritt, geht der Verstand zu Ende. Gott steh mir bei! Man sollt’s nicht glauben! Brav, meiner Treu, Nachbar Schlehwein! Seht Ihr, der liebe Gott ist ein guter Mann; wenn ihrer zwei auf einem Pferde reiten, so muß schon einer hinten aufsitzen. Eine ehrliche Seele, meiner Treu! Ja, gnädiger Herr, das ist er, so gut als einer, der Brot ißt. Aber was Gott tut, das ist wohlgetan. Die Menschen können nicht alle gleich sein. Ja, ja! der liebe, gute Nachbar!

Leonato.
In der Tat, Nachbar, er reicht doch nicht an Euch.

Holzapfel.
Gaben, die von Gott kommen.

Leonato.
Ich muß gehn.

Holzapfel.
Ein einziges Wort, gnädiger Herr: unsre Wache hat wirklich zwei perspektivische Kerls imitiert, und wir möchten, daß Euer Gnaden sie noch heut morgen exanimierten.

Leonato.
Übernehmt dieses Examen selbst und bringt mir das Protokoll. Ich bin jetzt sehr eilig, wie ihr wohl seht.

Holzapfel.
Das soll aufs komplottste besorgt werden.

Leonato.
Trinkt ein Glas Wein, ehe ihr geht, und so lebt wohl!

Ein Diener kommt.

Diener.
Gnädiger Herr, man wartet auf Euch, um Euer Fräulein Tochter zur Trauung zu führen.

Leonato.
Ich komme gleich, ich bin fertig. (Ab.)

Holzapfel.
Geht doch, lieber Kamerad, geht doch zum Görge Steinkohle, sagt doch, er soll seine Feder und Tintenfaß mit ins Gefängnis nehmen. Wir sollen jetzt hin und diese Kerls exanimieren.

Schlehwein.
Und das muß mit Verstand geschehn.

Holzapfel.
An Verstand soll’s nicht fehlen, darauf verlaßt Euch. Hier sitzt was (an die Stirn deutend), das soll einen oder den andern schon zur Konfektion bringen. Holt Ihr nur den gelehrten Schreiber, um unsre ganze Exkommunikation zu Papiere zu liefern, und kommt dann wieder zu mir ins Gefängnis.

(Gehn ab.)

Vierter Aufzug

Erste Szene

In der Kirche

Don Pedro, Don Juan, Leonato, Mönch, Claudio, Benedikt, Hero und Beatrice

Leonato.
Wohlan, Pater Franziskus, macht’s kurz; nichts als was zur eigentlichen Trauung gehört. Ihre besonderen Pflichten könnt Ihr ihnen hernach vorhalten.

Mönch.
Ihr seid hier, gnädiger Herr, um Euch diesem Fräulein zu vermählen?

Claudio.
Nein.

Leonato.
Um mit ihr vermählt zu werden, Pater; Ihr seid hier, um sie zu vermählen.

Mönch.
Fräulein, seid Ihr hier, um mit diesem Grafen vermählt zu werden?

Hero.
Ja.

Mönch.
Wofern einer von euch ein innres Hindernis weiß, weshalb ihr nicht verbunden werden dürfet, so beschwöre ich euch, bei dem Heil eurer Seelen, es zu entdecken.

Claudio.
Wißt Ihr eines, Hero?

Hero.
Keines, Herr.

Mönch.
Wißt Ihr eines, Graf?

Leonato.
Ich getraue mich, für ihn zu antworten: keines.

Claudio.
Oh, was sich die Menschen nicht alles getrauen! Was sie alles tun! Was sie täglich tun, und wissen nicht, was sie tun! –

Benedikt.
Nun? Interjektionen? Freilich! Einige werden gebraucht beim Lachen, als z.B. Ha, ha, ha! –

Claudio.
Pater, mach Platz! Erlaubt ein Wort, mein Vater:
Gabt Ihr aus freier Wahl mir, ohne Zwang,
Dies Mädchen, Eure Tochter?

Leonato.
So frei, mein Sohn, als Gott sie mir gegeben.

Claudio.
Und was geb ich zurück Euch, dessen Wert
So reichem, köstlichem Geschenk entspräche?

Don Pedro.
Nichts, wenn Ihr nicht zurück sie selbst erstattet.

Claudio.
Ihr lehrt mich edle Dankbarkeit, mein Prinz.
Hier, Leonato, nehmt zurück sie wieder,
Gebt Eurem Freunde nicht die faule Frucht,
Sie ist nur Schein und Zeichen ihrer Ehre. –
Seht nur, wie mädchengleich sie jetzt errötet.
O wie vermag in Würd und Glanz der Tugend
Verworfne Sünde listig sich zu kleiden!
Zeugt nicht dies Blut als ein verschämter Anwalt
Von ihrer schlichten Tugend? Schwürt ihr nicht,
Ihr alle, die sie seht, sie sei noch schuldlos,
Nach diesem äußern Schein? Doch ist sie’s nicht:
Sie kennt die Gluten heimlicher Umarmung,
Nur Schuld, nicht Sittsamkeit, ist dies Erröten.

Leonato.
Was meint Ihr, Herr?

Claudio.
Sie nicht zu nehmen, mein ich,
Mein Herz an keine Buhlerin zu knüpfen.

Leonato.
Mein teurer Graf, wenn Ihr in eigner Prüfung
Schwach ihre unerfahrne Jugend traft
Und ihre Jungfraunehre überwandet –

Claudio.
Ich weiß schon, was Ihr meint! Erkannt ich sie,
Umarmte sie in mir nur ihren Gatten
Und milderte die vorbegangne Sünde:
Nein, Leonato!
Nie mit zu freiem Wort versucht ich sie;
Stets wie ein Bruder seiner Schwester zeigt ich
Schamhafte Ehrbarkeit und züchtge Liebe.

Hero.
Und hab ich jemals anders Euch geschienen?

Claudio.
Fluch deinem Schein! Ich will dagegen schreiben.
Du schienst Diana mir in ihrer Sphäre,
Keusch wie die Knospe, die noch nicht erblüht:
Doch du bist ungezähmt in deiner Lust,
Wie Venus oder jene üppgen Tiere,
Die sich im wilden Sinnentaumel wälzen.

Hero.
Ist meinem Herrn nicht wohl, daß er so spricht?

Claudio.
Ihr, teurer Fürst, sagt nichts?

Don Pedro.
Was soll ich sagen?
Ich steh entehrt, weil ich die Hand geboten,
Den teuern Freund der Dirne zu verknüpfen.

Leonato.
Wird dies gesprochen oder ist’s ein Traum?

Don Juan.
Es wird gesprochen, Herr, und ist auch wahr.

Benedikt.
Dies sieht nicht aus wie Hochzeit.

Hero.
Wahr? O Gott! –

Claudio.
Leonato, steh ich hier?
Ist dies der Prinz, ist dies des Prinzen Bruder?
Dies Heros Antlitz? Sind dies unsre Augen? –

Leonato.
Das alles ist so; doch was soll es, Herr?

Claudio.
Erlaubt nur eine Frag an Eure Tochter:
Beim Recht, das Euch Natur und Blut gegeben
Auf Euer Kind, heißt sie die Wahrheit reden.

Leonato.
Tu’s, ich befehl es dir, wenn du mein Kind.

Hero.
O Gott, beschütze mich! Wie man mich drängt! –
Wie nennt Ihr diese Weise des Verhörs?

Claudio.
Antwortet jetzt, nennt wahrhaft Euren Namen.

Hero.
Ist der nicht Hero? Wer schmäht diesen Namen
Mit irgend wahrem Vorwurf?

Claudio.
Das tut Hero,
Ja, Hero selbst kann Heros Tugend schmähn. –
Wer ist der Mann, den gestern nacht Ihr spracht
Aus Eurem Fenster zwischen zwölf und eins?
Wenn Ihr unschuldig seid, antwortet mir.

Hero.
Ich sprach mit keinem Mann zu dieser Stunde.

Don Pedro.
Nun wohl, so seid Ihr schuldig! Leonato,
Mich schmerzt, daß Ihr dies hört, bei meiner Ehre!
Ich selbst, mein Bruder, der gekränkte Graf,
Sahn sie und hörten sie zu jener Stunde
An ihrem Fenster mit ‘nem Wüstling reden,
Der, wie ein frecher Schuft, auch eingestand
Die tausend schändlichen Zusammenkünfte,
So heimlich stattgehabt.

Don Juan.
Pfui! Pfui! man kann
Sie nicht benennen, Herr, noch drüber reden.
Die Sprach ist nicht so rein, um ohne Sünde
Davon zu sprechen; drum, mein schönes Kind,
Beklag ich Euren schlecht beratnen Wandel.

Claudio.
O Hero! Welche Hero könntst du sein,
Wenn halb nur deine äußre Huld im Innern
Dein Tun und deines Herzens Rat bewachte!
So fahr denn wohl, höchst Häßliche, höchst Schöne!
Du reine Sündlichkeit, sündhafte Reinheit!
Um deinethalb schließ ich der Liebe Tor
Und häng als Decke Argwohn vor mein Auge;
Sie wandle jede Schönheit mir in Unheil,
Daß nie ihr Bild im Glanz der Huld mir strahle.

Leonato.
Ist niemands Dolch für meine Brust geschliffen?

(Hero fällt in Ohnmacht.)

Beatrice.
Was ist dir, Muhme? warum sinkst du nieder?

Don Juan.
Kommt, gehn wir. Diese Schmach ans Licht gebracht,
Löscht ihre Lebensgeister.

(Don Pedro, Don Juan und Claudio ab.)

Benedikt.
Wie geht’s dem Fräulein?

Beatrice.
Tot, fürcht ich – Oheim, helft!
Hero! ach Hero! Oheim! Pater! Benedikt! –

Leonato.
Zieh, Schicksal, nicht die schwere Hand zurück!
Tod ist die schönste Hülle ihrer Schmach,
Und einzig zu erflehn.

Beatrice.
Wie ist dir, Muhme?

Mönch.
Getrost, mein Fräulein!

Leonato.
Blickst du noch auf?

Mönch.
Ja, warum soll sie nicht?

Leonato.
Warum? Ha! ruft nicht jede Kreatur
Schmach über sie? Vermochte sie es wohl,
Die in ihr Blut geprägte Schuld zu leugnen?
Du sollst nicht leben? Schließ dein Aug auf ewig!
Denn glaubt ich nicht, daß du alsbald hier stürbest,
Daß deine Kraft die Schande überlebte,
Ich würde selbst als Schlußwort meiner Flüche
Dein Herz durchbohren. – Klagt ich, du seist mein Einzges?
Zürnt ich deshalb der kargenden Natur?
O eins zuviel an dir! Weshalb das Eine! –
Weshalb warst du je lieblich meinem Auge,
Weshalb nicht nahm ich mit barmherzger Hand
Ein Bettlerkind mir auf vor meinem Tor?
Daß, wenn es so mit Schmach besudelt wäre,
Alsdann ich spräch: kein Teil davon ist mein,
Im fremden Stamm hat diese Schande Wurzel. –
Doch mein! meins, das ich liebte, das ich pries,
Mein Eigentum, mein Stolz: so sehr ja meins,
Daß ich mir selbst nicht mehr als mein erschien,
Mich an ihr messend: Ha, sie! sie ist gefallen
In einen Pfuhl von Schwarz: die weite See
Hat Tropfen nicht genug, sie reinzuwaschen,
Zu wenig Salz, vor Fäulnis zu bewahren
Dies bös verderbte Fleisch!

Benedikt.
Herr, seid geduldig;
Ich, wahrlich, bin vor Staunen so betäubt,
Daß mir die Worte fehlen.

Beatrice.
Bei meinem Leben! man verleumdet’ sie!

Benedikt.
Fräulein, schlieft Ihr zu Nacht in ihrem Zimmer?

Beatrice.
Nein, diesmal nicht; doch bis zur letzten Nacht
Schlief ich das ganze Jahr in ihrer Kammer.

Leonato.
Bestätigt! Ha, bestätigt! Noch verstärkt,
Was schon verschlossen war mit Eisenbanden!
Wie könnten beide Prinzen, Claudio, lügen?
Der so sie liebte, daß, die Schmach erzählend,
Er sie mit Tränen wusch? Fort! laßt sie sterben.

Mönch.
Hört jetzt mich an;
Denn nur deshalb hab ich so lang geschwiegen
Und diesem Vorfall freien Raum gegeben,
Das Fräulein zu beachten. Sah ich doch,
Wie tausend Röten durch ihr Antlitz fuhren
Als Boten; und wie tausend Unschuldsengel
In weißer Scham hinweg die Röten trieben.
Und in dem Auge glüht’ ein Feuer auf,
Verbrennend allen Irrwahn, den die Prinzen
Aufstellten wider ihre Mädchentreu.
– – Nennt mich Tor,
Traut meinem Wissen nicht, noch der Erfahrung,
Die mit der Prüfung Siegel stets bekräftigt
Die Wahrheit meines Wissens, nicht dem Alter,
Ehrwürdgem Stand, Beruf und heilgem Amt,
Liegt nicht dies süße Fräulein schuldlos hier,
Von giftgem Wahn getroffen.

Leonato.
Mönch, unmöglich!
Du siehst, es blieb ihr nur so viele Gnade,
Nicht zur Verdammnis ihrer Schuld zu fügen
Des Meineids Sünde. Leugnet sie es denn?
Was suchst du denn entschuldgend zu verhüllen,
Was frei in eigner Nacktheit vor uns steht?

Mönch.
Fräulein, wer ist’s, mit dem man Euch verklagt?

Hero.
Die mich verklagten, wissen’s, ich weiß keinen.
Weiß ich von irgendeinem Mann, der lebt,
Mehr, als der Jungfrau Sittsamkeit erlaubt
Sei keine Sünde mir vergeben. – Vater,
Beweist, daß irgendwer mit mir gesprochen
Um Mitternacht, und daß ich gestern abend
Mit irgendeinem Wesen Wort gewechselt,
Verstoßt mich, haßt mich, martert mich zu Tode.

Mönch.
Ein seltsam Irren muß die Prinzen täuschen!

Benedikt.
Gewiß sind zwei von ihnen Ehrenmänner;
Und ward ihr beßres Urteil fehlgeleitet,
Schreibt sich die Bosheit wohl vom Bastard her,
Des Geist und Sinn nur lebt von Trug und Tücke.

Leonato.
Ich weiß nicht. Sprachen wahr sie, so zerreiße
Dich diese Hand; ist falsch sie angeklagt,
So soll der Stolzeste wohl davon hören.
Zeit hat noch nicht mein Blut so ausgetrocknet,
Noch Alter meinen Geist so abgestumpft,
Noch Armut mein Vermögen so vernichtet,
Noch schlechter Wandel mich beraubt der Freunde,
Daß sie nicht, so mich kränkend, fühlen sollen
Der Glieder Kraft, als auch des Geistes Klugheit,
Des Reichtums Macht und auserwählter Freunde,
Es ihnen übergnug zu zahlen.

Mönch.
Haltet!
Laßt meinen Rat in diesem Fall Euch leiten.
Die Prinzen ließen Eure Tochter tot;
Laßt eine Zeitlang heimlich sie verschließen
Und macht bekannt, daß wirklich sie gestorben.
Entfaltet allen äußern Prunk der Trauer;
Und hängt an Eurer Ahnen altes Grabmal
Ein Epitaph; vollziehet jede Feier,
Die zur Beerdigung die Sitt erheischt.

Leonato.
Und wohin führt dies alles? Was dann weiter?

Mönch.
Dies wird, gut durchgeführt, Verleumdung wandeln
In Mitleid gegen sie; das ist schon viel.
Doch mehr noch träum ich von so kühnem Wagnis,
Von größerer Geburt aus diesen Wehn.
Sie starb, so muß man überall verbreiten,
Im Augenblick, als man sie angeklagt;
So wird sie dann entschuldigt und bedauert
Von jedem, der es hört; denn so geschieht’s,
Daß, was wir haben, wir nach Wert nicht achten,
Solange wir’s genießen; ist’s verloren,
Dann überschätzen wir den Preis; ja dann
Erkennen wir den Wert, den uns Besitz
Mißachten ließ. So wird’s mit Claudio sein,
Hört er, daß seine Worte sie getötet.
Mit süßer Macht schleicht ihres Lebens Bild
Sich in die Werkstatt seiner Phantasie,
Und jedes liebliche Organ des Lebens
Stellt sich, in köstliches Gewand gekleidet,
Weit zarter, rührender, voll frischern Lebens
Dem innern Auge seines Geistes dar,
Als da sie wirklich lebt’; und er wird trauern,
Hat Lieb in seinem Herzen je geherrscht,
Und wünschen, daß er nicht sie angeklagt,
Selbst wenn er auch die Schuld als wahr erkannte.
Geschieht dies nun, so zweifelt nicht, Erfolg
Wird diese Sache besser noch gestalten,
Als ich das ungefähre Bild entwerfe.
Doch wär auch jeglich andres Ziel verfehlt,
Die Überzeugung von des Fräuleins Tod
Tilgt das Gerücht von ihrer Schmach gewiß;
Und schlüg Euch alles fehl, so bergt sie dann,
Wie’s ihrem wunden Ruf am besten ziemt
In eines Klosters abgeschiednem Leben
Vor aller Augen, Zungen, Schmähn und Kränkung.

Benedikt.
Signor Leonato, folgt dem Rat des Mönchs,
Und wißt Ihr schon, wie sehr ich Lieb und Neigung
Dem Prinzen und Graf Claudio zugewendet,
Doch will ich, auf mein Wort, so sorglich schweigen,
So streng und treu für Euch, wie Eure Seele
Sich selber bleibt.

Leonato.
In dieser Flut des Grams
Mögt ihr mich lenken an dem schwächsten Faden.

Mönch.
So sei denn, wenn Euch Fassung nicht verläßt,
Seltsame Heilung seltnem Schmerz beschieden. –
Ihr, Fräulein, sterbt zum Schein; Eur Hochzeitsfest
Ward, hoff ich, nur verlegt; drum harrt in Frieden.

(Mönch, Hero und Leonato ab.)

Benedikt.
Fräulein Beatrice, habt Ihr die ganze Zeit geweint?

Beatrice.
Ja, und ich werde noch viel länger weinen.

Benedikt.
Das will ich nicht wünschen.

Beatrice.
Dessen bedarf’s auch nicht, ich tu es freiwillig.

Benedikt.
Gewiß, ich denke, Eurer schönen Base ist Unrecht geschehn.

Beatrice.
Ach! Wie hoch würde der Mann sich um mich verdient machen, der ihr Recht verschaffte!

Benedikt.
Gibt es irgendeinen Weg, solche Freundschaft zu zeigen?

Beatrice.
Einen sehr ebnen Weg, aber keinen solchen Freund.

Benedikt.
Kann ein Mann es vollbringen?

Beatrice.
Es ist eines Mannes Amt, aber nicht das Eure.

Benedikt.
Ich liebe nichts in der Welt so sehr, als Euch; ist das nicht seltsam?

Beatrice.
So seltsam, als etwas, von dem ich nichts weiß. Es wäre mir ebenso möglich, zu sagen, ich liebte nichts in der Welt so sehr, als Euch; aber glaubt mir’s nicht; und doch lüg ich nicht; ich bekenne nichts und leugne nichts. Mich jammert meine Muhme.

Benedikt.
Bei meinem Degen, Beatrice, du liebst mich.

Beatrice.
Schwört nicht bei Eurem Degen und eßt ihn.

Benedikt.
Ich will bei ihm schwören, daß du mich liebst; und ich will den zwingen, meinen Degen zu essen, der da sagt, ich liebe Euch nicht.

Beatrice.
Ihr wollt Euer Wort nicht wiederessen?

Benedikt.
Mit keiner Brühe, die nur je ersonnen werden kann. Ich beteure, daß ich dich liebe.

Beatrice.
Nun denn, Gott verzeihe mir!

Benedikt.
Was für eine Sünde, liebste Beatrice?

Beatrice.
Ihr unterbracht mich eben zur guten Stunde; ich war im Begriff zu beteuern, ich liebte Euch.

Benedikt.
Tue das von ganzem Herzen.

Beatrice.
Ich liebe Euch mit soviel von meinem Herzen, daß nichts mehr übrigbleibt, es Euch dabei zu beteuern.

Benedikt.
Heiß mich, was du willst, für dich ausführen.

Beatrice.
Ermorde Claudio.

Benedikt.
Oh, nicht für die ganze Welt!

Beatrice.
Ihr ermordet mich, indem Ihr’s weigert; lebt wohl!

Benedikt.
Warte noch, süße Beatrice.

Beatrice.
Ich bin fort, obgleich ich noch hier bin. – Nein, Ihr seid keiner Liebe fähig; – nein, ich bitt Euch, laßt mich.

Benedikt.
Beatrice – –

Beatrice.
Im Ernst, ich will gehn.

Benedikt.
Laßt uns erst Freunde sein.

Beatrice.
O ja, Ihr wagt eher Freund mit mir zu sein, als mit meinem Feinde zu fechten.

Benedikt.
Ist Claudio dein Feind?

Beatrice.
Hat sich der nicht auf den äußersten Grad als ein Schurke gezeigt, der meine Verwandte verleumdet, geschmäht, entehrt hat? Oh, daß ich ein Mann wäre! – Was! Sie hinzuhalten, bis sie ihm am Altar die Hand hinhält, und dann mit so öffentlicher Beschuldigung, so unverhohlener Beschimpfung, so unbarmherziger Tücke – o Gott! daß ich ein Mann wäre! ich wollte sein Herz auf offnem Markt verzehren.

Benedikt.
Höre mich, Beatrice – –

Beatrice.
Mit einem Manne aus ihrem Fenster reden! Ein feines Märchen!

Benedikt.
– Nein, aber Beatrice – –

Beatrice.
Die süße Hero! Sie ist gekränkt, sie ist verleumdet, sie ist vernichtet!

Benedikt.
Beatr… – –

Beatrice.
Prinzen und Grafen! Wahrhaftig, ein recht prinzliches Zeugnis! ein honigsüßes Grafenstückchen! ein lieber Bräutigam, wahrhaftig! O daß ich ein Mann wäre um seinetwillen! oder daß ich einen Freund hätte, der um meinetwillen ein Mann sein wollte! Aber Mannheit ist in Zeremonien und Höflichkeiten zerschmolzen, Tapferkeit in Komplimente; die Männer sind ganz Zungen geworden, und noch dazu sehr gezierte. Es ist jetzt schon einer ein Herkules, der nur eine Lüge sagt und darauf schwört; ich kann durch meinen Wunsch kein Mann werden, so will ich denn als ein Weib mich grämen und sterben.

Benedikt.
Warte, liebste Beatrice; bei dieser Hand, ich liebe dich.

Beatrice.
Braucht sie mir zuliebe zu etwas Besserm, als dabei zu schwören!

Benedikt.
Seid Ihr in Eurem Gewissen überzeugt, daß Graf Claudio Hero Unrecht getan hat?

Beatrice.
Ja, so gewiß ich einen Gedanken oder eine Seele habe.

Benedikt.
Genug, zählt auf mich. Ich fordre ihn heraus. Laßt mich Eure Hand küssen; und so empfehle ich mich Euch; bei dieser Hand, Claudio soll mir eine schwere Rechenschaft ablegen. Wie Ihr von mir hört, so denket von mir. Geht, tröstet Eure Muhme; ich muß sagen, sie sei gestorben, und so lebt wohl!

(Beide ab.)

Zweite Szene

Gefängnis

Holzapfel, Schlehwein, Schreiber; alle drei in ihren Amtsröcken, Wache mit Konrad und Borachio

Holzapfel.
Sind alle Verschwornen unsres Trübenaals beisammen?

Schlehwein.
Oh, einen Stuhl und Kissen für den Herrn Schreiber.

Schreiber.
Welches sind die Malefikanten?

Holzapfel.
Zum Henker, der bin ich und mein Gevatter.

Schlehwein.
Das versteht sich. Wir haben die Introduktion, sie zu exanimieren.

Schreiber.
Aber wo sind die Verbrecher, die examiniert werden sollen? Laßt sie vor den Herrn Konstabler führen.

Holzapfel.
Ja, zum Henker, laßt sie vorführen. Wie ist sein Name, Freund?

Borachio.
Borachio.

Holzapfel.
Seid so gut, schreibt’s auf, Borachio. – Seiner, Musjeh? –

Konrad.
Ich bin ein Kavalier, Herr, und mein Name ist Konrad.

Holzapfel.
Schreibt auf, Meister Kavalier Konrad. Leute, sagt einmal, dient ihr Gott?

Konrad und Borachio.
Nun, das hoffen wir.

Holzapfel.
Schreibt’s nieder: sie hoffen, sie dienen Gott, und schreibt Gott voran: denn Gott bewahre doch, daß Gott vor solchen Schelmen vorangehn sollte. Leute, es ist bereits erwiesen, daß ihr nicht viel besser seid als Spitzbuben, und man wird bald genug eine Ahndung davon kriegen. Was könnt ihr nun für euch anführen?

Konrad.
Ei nun, Herr, wir sagen, wir sind keine.

Holzapfel.
Ein verdammt pfiffiger Bursch, das muß ich sagen; aber ich will schon mit ihm fertig werden. – Kommt einmal hier heran, Musjeh; ein Wort ins Ohr, Herr: ich sage Ihm, man glaubt von euch, ihr seid zwei Spitzbuben.

Borachio.
Herr, ich sage Euch, wir sind keine.

Holzapfel.
Tretet wieder auf die Seite. Bei Gott, sprechen sie nicht, als hätten sie sich miteinander verabredet? Habt Ihr’s hingeschrieben, daß sie keine sind? –

Schreiber.
Herr Konstabler, das ist nicht die Manier zu examinieren. Ihr müßt die Wache abhören, die sie verklagt hat.

Holzapfel.
Ja, zum Henker, das ist die vidimierte Heerstraße. Die Wache soll kommen. (Wache kommt.) Leute, ich befehle euch in des Prinzen Namen, verklagt mir einmal diese beiden Menschen.

Erste Wache.
Dieser Mann hier sagte, Herr, Don Juan, des Prinzen Bruder, sei ein Schurke. –

Holzapfel.
Schreibt hin – Don Juan ein Schurke. – Was! das ist ja klarer Meineid, des Prinzen Bruder einen Schurken zu nennen.

Borachio.
Herr Konstabler –

Holzapfel.
Still geschwiegen, Kerl, dein Gesicht gefällt mir gar nicht, muß ich dir gestehn.

Schreiber.
Was hörtet ihr ihn sonst noch sagen?

Zweite Wache.
Ei nun, er sagte auch, er hätte tausend Dukaten vom Don Juan erhalten, um Fräulein Hero fälschlich anzuklagen.

Holzapfel.
Klare Brandmörderei, wenn jemals eine begangen ist.

Schlehwein.
Ja, mein Seel, so ist es auch.

Schreiber.
Was sonst noch, Mensch?

Erste Wache.
Und daß Graf Claudio nach seinen Reden sich vorgesetzt habe, Fräulein Hero vor der ganzen Versammlung zu beschimpfen und sie nicht zu heiraten.

Holzapfel.
O Spitzbube! Dafür wirst du noch ins ewige Jubiläum verdammt werden.

Schreiber.
Was noch mehr?

Zweite Wache.
Das war alles.

Schreiber.
Und das ist mehr, Leute, als ihr leugnen könnt. Prinz Juan hat sich diesen Morgen heimlich weggestohlen; Hero ward auf diese Weise angeklagt, auf ebendiese Weise verstoßen, und ist aus Gram darüber plötzlich gestorben. Herr Konstabler, laßt die beiden Leute binden und in Leonatos Haus führen, ich will vorangehn und ihm das Verhör zeigen. (Ab.)

Holzapfel.
Recht so; laßt ihnen die Bandagen antun.

Schlehwein.
Laßt sie festbinden.

Konrad.
Fort, ihr Maulaffen!

Holzapfel.
Gott steh mir bei, wo ist der Schreiber? Er soll schreiben: des Prinzen Konstabler ein Maulaffe! Wart! bindet sie fest! Du nichtswürdiger Kerl! –

Konrad.
Fort! Ihr seid ein Esel, Ihr seid ein Esel.

Holzapfel.
Despektierst du denn mein Amt nicht? Despektierst du denn meine Jahre nicht? – Wär er doch noch hier, daß er es aufschreiben könnte, daß ich ein Esel bin! Aber, ihr Leute, vergeßt mir’s nicht, daß ich ein Esel bin; wenn’s auch nicht hingeschrieben ward, erinnert’s euch ja, daß ich ein Esel bin. Nein, du Spitzbube, du steckst voller Moralität, das kann ich dir durch zuverlässige Zeugen beweisen. Ich bin ein gescheuter Mann, und was mehr ist, ein Mann bei der Justiz, und was mehr ist, ein ansässiger Mann, und was mehr ist, ein so hübsches Stück Fleisch, als nur irgendeines in ganz Messina, und ein Mann, der sich auf die Gesetze versteht, siehst du, und ein Mann, der sein Vermögen hat, siehst du, und ein Mann, der um vieles gekommen ist, und der seine zwei Röcke hat, und alles, was an ihm, ist sauber und akkurat. Bringt ihn fort! Ach, hätten sie’s nur von mir aufgeschrieben, daß ich ein Esel bin! –

(Alle ab.)