Liebes Leid und Lust

Print Friendly, PDF & Email

William Shakespeare

Liebes Leid und Lust

Personen

Der König von Navarra
Biron,
Longaville,
Dumain, Herren im Gefolge des Königs
Boyet
Mercade
Don Adriano de Armado, ein Spanier
Nathanael, ein Dorfpfarrer
Dumm, ein Konstabel
Holofernes, ein Schulmeister
Schädel, ein Bauer
Motte, Page des Don Adriano de Armado
Ein Förster
Die Prinzessin von Frankreich
Rosaline,
Maria,
Katharine, Hoffräulein der Prinzessin
Jacquenette, ein Milchmädchen
Gefolge des Königs und der Prinzessin

Szene: in Navarra
Erster Aufzug
Erste Szene

Navarra. Park vor dem königlichen Schloß.

Es treten auf der König, Biron, Longaville und Dumain.

KÖNIG.

Mag Ruhm, den jeder sucht, solang’ er lebt,
Leben in Schrift auf unserm erznen Grabe
Und dann uns zieren in des Todes Unzier;
Wenn, trotz der räuberisch gefräß’gen Zeit,
Das Streben dieser Gegenwart uns kauft
Die Ehre, die der Sichel Schärf’ ihr stumpft,
Und uns zu Erben macht der ganzen Zukunft. –
Deshalb, ihr tapfern Sieger! – denn das seid ihr,
Die ihr die eigne Neigung kühn bekämpft,
Zusamt der ird’schen Lüste mächt’gem Heer, –
Bleib’ unser letzt Gebot in voller Kraft:
Navarra soll das Wunder sein der Welt;
Sein Hof sei eine klein’ Akademie,
Der Kunst stiller Beschaulichkeit ergeben.
Ihr drei, Biron, Dumain und Longaville,
Beschwurt, drei Jahre hier mit mir zu leben
Als Schulgenossen, den Gesetzen treu,
Die auf der Tafel hier verzeichnet stehn.
Ihr schwurt den Eid: nun unterschreibt die Namen,
Damit die eigne Hand des Ehre fälle,
Der hievon nur den kleinsten Punkt verletzt:
Seid ihr zum Handeln wie zum Schwur bereit,
So unterschreibt und haltet streng den Eid!
LONGAVILLE.
Gebt her; es gilt ja nur dreijährig Fasten;
Die Seele schmaust, ob auch der Körper darbt:
Ein fetter Bauch hat magres Hirn; je feister
Die Rippen, um so eh’r bankrott die Geister.
[224] DUMAIN.
Mein teurer Fürst, Dumain will Buße tun;
Den gröbern Reiz der Welt und ihrer Freuden
Läßt er dem stumpfen Knecht der groben Welt:
Der Lust, dem Pomp, dem Reichtum will ich sterben,
In der Philosophie all dies zu erben.
BIRON.
Ich kann nur ihr Beteuern wiederholen,
Was ich, mein bester Fürst, bereits gelobt:
Das heißt, drei Jahr studierend hier zu leben.
Doch gibt’s noch andre strenge Observanzen,
Als: keine Frau zu sehn in all der Zeit,
Was, hoff’ ich sehr, nicht im Verzeichnis steht;
Und einen Tag der Woche nichts zu essen,
Und außerdem nur täglich ein Gericht,
Was, hoff’ ich, auch nicht im Verzeichnis steht:
Und dann drei Stunden Schlaf nur in der Nacht,
Und keinen Augenblick am Tage schlummern
(Da ich gewohnt, kein Arg zu haben nachts,
Und Nacht zu machen aus dem halben Tage),
Was, hoff’ ich sehr, nicht im Verzeichnis steht.
O trocknes Mühn! O allzuschwere Lasten!
Studieren, keine Frau sehn, wachen, fasten!
KÖNIG.
Eu’r Eid gibt auf, dies alles aufzugeben.
BIRON.
Ich sage nein, mein Fürst! Ihr müßt vergeben:
Drei Jahr an Euerm Hof zu leben nur
Und mit Euch zu studieren, war mein Schwur.
LONGAVILLE.
Der eine Schwur schließt auch die andern ein.
BIRON.
Dann schwur ich nur zum Spaß, bei ja und nein. –
Was ist der Zweck des Studiums? Laßt mich’s wissen!
KÖNIG.
Nun, das zu lernen, was wir jetzt nicht wissen.
BIRON.
Was unerforschlich ist gemeinem Sinn? –
KÖNIG.
Das ist des Studiums göttlicher Gewinn.
BIRON.
Dann, schwör’ ich Euch, studier’ ich andachtsvoll,
Zu lernen das, was ich nicht wissen soll.
Als, wo ich mag ein leckres Mahl erspähn,
Da uns zum Fasten unser Eid verpflichtet;
Und wo ich kann ein hübsches Mädchen sehn,
Seit auf der Schönen Anblick wir verzichtet:
Oder, wie man zu harten Eid umgebe,
[225] Daß man ihn brech’ und doch die Treu’ bestehe.
Wenn dies der Studien Ziel und edler Preis,
Dann lehrt mich Studium, was ich noch nicht weiß;
Dann schwör’ ich gern, gelob’ Euch allen Fleiß.
KÖNIG.
Der Anstoß eben hemmt, wenn man studiert,
Der unsern Geist zu eitler Lust verführt.
BIRON.
Eitel ist jede Lust, am meisten, die
Mit Mühen kaufend nichts erwirbt als Müh’;
Als, mühevoll den Geist zum Buch gewendet,
Suchend der Wahrheit Licht; Wahrheit indessen
Hat täuschend schon des Auges Blick geblendet,
Licht suchend hat das Licht des Lichts vergessen:
Und statt zu spähn, wo Licht im Finstern funkelt,
Erlosch dein Licht, Nacht hat dein Aug’ umdunkelt.
Studiert vielmehr, was Euer Aug’ entzücke,
Indem Ihr’s auf ein schönres Auge wendet,
Das blendend uns zugleich mit Trost erquicke,
Und, raubt es Licht, uns neue Sehkraft spendet.
Studium vergleich’ ich mit dem Strahl der Sonnen:
Kein frecher Blick darf ihren Glanz ergründen;
Was hat solch armer Grübler sich gewonnen,
Als Satzung, die im fremden Buch zu finden?
Die ird’schen Paten, die im Himmelsheer,
Gevattern gleich, jedweden Stern benennen,
Erfreun sie sich der hellen Nächte mehr,
Als die umhergehn und nicht einen kennen? –
Allzuviel wissen heißt mit Worten kramen,
Und jeglicher Gevatter kann benamen.
KÖNIG.
Ei, wie belesen er aufs Lesen wütet!
DUMAIN.
Wie rasch fortschreitend er das Gehn verbietet!
LONGAVILLE.
Er will das Korn getilgt, Unkraut behütet!
BIRON.
Der Lenz ist nah, wenn Gans und Ente brütet.
DUMAIN.
Wie paßt sich das?
BIRON.
Es paßt für Zeit und Ort.
DUMAIN.
Nicht für den Sinn! –
BIRON.
So reimte doch das Wort.
LONGAVILLE.
Biron ist gleich den neid’schen, frost’gen Winden! –
Er knickt die ersten Blumen, die entspringen.
[226] BIRON.
Und wär’ ich’s? Soll sich Sommer stolz verkünden,
Eh’ noch ein Vogel Ursach’ hat zu singen? –
Soll ich unzeitiger Geburt mich freun?
Ich mag um Neujahr Rosen nicht verlangen,
Noch Schnee, wenn Lenz und Mai mit Blüten prangen:
Jegliche Frucht muß Reif’ und Zeit erlangen.
So kommt für euch zu spät das Lernen nach;
Ihr wollt zur Haustür klettern übers Dach.
KÖNIG.
So scheidet aus, Biron, und geht sofort!
BIRON.
Nein, teurer Herr, ich bleib’, ich gab mein Wort.
Sprach ich gleich mehr zum Ruhm der Barbarei,
Als für den Engel Weisheit Ihr könnt sagen:
Doch halt’ ich meinen Eidschwur streng und treu
Und will drei Jahr die Buße täglich tragen.
Zeigt mir das Blatt, und was es auch begehrt,
Dem Härtsten sei die Unterschrift gewährt.
KÖNIG.
Solch edle Rückkehr hat dich hoch geehrt.
BIRON liest. »Item, daß kein Weib unserm Hof auf eine Meile nah kommen dürfe.« – Ist dies bekannt gemacht? –
LONGAVILLE. Schon seit vier Tagen.
BIRON. Und welche Strafesteht darauf? Liest. »Bei Verlust ihrer Zunge.« Ei, wer gab den Bescheid?
LONGAVILLE. Ich selber schrieb ihn heut.
BIRON. Und wozu so viel Leid?
LONGAVILLE. Zu schrecken durch der Strafe Furchtbarkeit.
BIRON. Ein arg Gesetz doch für die Höflichkeit! – Er liest. »Item, sieht man einen Mann in dem Zeitraum von drei Jahren mit einem Weibe sprechen, so soll er so viel öffentliche Schmach erdulden, als der übrige Hof nur immer zu ersinnen vermag.«
Den Punkt, mein Lehnsherr, müßt Ihr selber brechen;
Denn Frankreichs König schickt in unser Land
Die eigne Tochter her, mit Euch zu sprechen,
Durch seltnen Reiz und Hoheit weltbekannt.
Für ihren Vater, alt, gelähmt und kränklich,
Fragt sie um Aquitaniens Räumung an;
Drum scheint der Punkt umsonst mir und bedenklich,
Dafern sie nicht den Weg umsonst getan.
[227] KÖNIG.
Wie nur der Umstand uns so ganz entfiel!
BIRON.
So schießt das Studium immer übers Ziel:
Weil es studiert zu haschen, was es wollte,
Vergaß es auszurichten, was es sollte;
Und hat es nun, worauf es lang gesonnen,
Ist’s, wie im Sturm gewonnen, so zerronnen.
KÖNIG.
Dann freilich sind zur Änd’rung wir gezwungen;
Denn hier verweilen muß sie notgedrungen.
BIRON.
Und all die Eide wird die Not zerbrechen
Dreitausendmal, noch eh’ drei Jahre schwinden:
Denn jeder Mensch hat angeborne Schwächen,
Die Gnade nur, nicht Kraft kann überwinden.
Drum sei mein Trost, verletz’ ich das Gebot:
Mich zwang zum Meineid unumgänglich Not. –
So steh’ mein Name deutlich hier gleich allen,
Und wer das kleinste der Gesetze kränkt,
Der sei der ew’gen Schmach anheimgefallen;
Versuchung ist, wie andern, mir verhängt.
Doch hoff’ ich, schein’ ich auch verdrossen jetzt,
Von allen brech’ ich wohl den Eid zuletzt. –
Doch, wird kein Scherz zur Stärkung uns gewährt?
KÖNIG.
O ja! Ihr wißt, an unserm Hof verkehrt
Ein Reisender aus Spanien; ein Exempel
Der neusten Mod’, in Feinheit wohl belehrt,
Des Hirn Sentenzen ausprägt, wie ein Stempel:
Einer, dem die Musik der eignen Stimme
So süß dünkt als ein überirdisch Tönen;
Das Muster eines Manns, den ihrem Grimme
Unrecht und Recht gewählt, sie zu verhöhnen.
Dies Kind der Laune, Don Armado heißt er,
Erzählt mit schwülst’gem Wort in Mußestunden
Das Tun und Wirken hoher Waffenmeister
Aus Spaniens Glut, im Strom der Zeit entschwunden.
Ich weiß nicht, edle Herrn, wie ihr ihn schätzt,
Doch wahr ist, daß sein Lügen mich ergötzt,
Und daß er meine Sänger mir ersetzt.
BIRON.
Armado ist der Mod’ erlauchter Hort,
Und funkelneu von Phras’ und seltnem Wort.
[228] LONGAVILLE.
Mit ihm soll Schädel uns die Stunden würzen
Und der drei Jahre strenge Zeit verkürzen.

Dumm mit einem Brief, und Schädel treten auf.

DUMM. Welches ist des Herzogs eigne Person?
BIRON. Dieser, Freund; was wollt’st du? –
DUMM. Ich selber präsumiere seine eigne Person, denn ich bin Seiner Hoheit Schersant; aber ich möchte gern seine Person in Fleisch und Blut sehn.
BIRON. Dieser ist’s.
DUMM. Signor Arme – Arme, – empfiehlt Euch. Da ist ‘ne Schelmerei im Werk, dieser Brief wird Euch mehr sagen.
SCHÄDEL. Der ganze Unbegriff davon betrifft gleichsam mich.
KÖNIG. Ein Brief von dem glorreichen Armado.
BIRON. Wie niedrig auch der Inhalt, so hoffe ich doch, bei Gott! auf hohe Worte.
LONGAVILLE. Eine hohe Hoffnung auf ein niedriges Fazit; Gott verleihe uns Geduld! –
BIRON. Zu hören? oder mit Hören verschont zu bleiben? –
LONGAVILLE. Lässig zu hören, und mäßig zu lachen; oder mit beidem verschont zu bleiben.
BIRON. Wohlan, sei es so, wie der Stil uns Anlaß geben wird, die Ernsthaftigkeit mit Stumpf und Stiel auszurotten.
SCHÄDEL. Der Inhalt bin ich, Herr, so weit es die Jacquenetta betrifft. Art, Weise und Grund von der Sache anlangend, so ward ich ertappt, daß es eine Art hatte.
BIRON. Auf welche Weise?
SCHÄDEL. Paarweise.
BIRON. Und auf welchen Grund?
SCHÄDEL. Auf dem Grunde des Parks sitzend, da habt Ihr Art, Grund und Weise, und zwar folgender Weise: Was die Art betrifft, so ist’s die Art eines Mannes, mit einem Mädel zu reden, – was den Grund, – so gründlich er kann; –
BIRON. Und die folgende Weise? –
SCHÄDEL. Nun, die wird sich wohl in meiner Zurechtweisung ausweisen, und Gott schütze das Recht! –
KÖNIG. Wollt ihr den Brief mit Aufmerksamkeit anhören?
BIRON. Wie wir delphische Ausrufungen vernehmen würden.
[229] SCHÄDEL. Das glaub’ ich, Schellfische hört man immer gern ausrufen.
KÖNIG liest. »Großer Statthalter, des Firmaments Vizeregent und alleiniger Selbstherrscher Navarras, meiner Seele irdischer Gott, und meines Leibes Nahrung spendender Patron, –«
SCHÄDEL. Noch kein Wort von Schädel!
KÖNIG. »So ist es, …«
SCHÄDEL. Es kann so sein; aber wenn er sagt, es ist so, so ist er, die Wahrheit zu sagen, nur so so.
KÖNIG. Friede! –
SCHÄDEL. Mit mir und jedem, der nicht fechten mag! –
KÖNIG. Kein Wort!
SCHÄDEL. – Von andrer Leute Geheimnissen, das bitt’ ich mir aus.
KÖNIG liest. »So ist es: Belagert von der düsterfarbigen Melancholei empfahl ich den schwarzdrücken den Humor der allerheilsamsten Arznei Deiner Gesundheit atmenden Luft, und so wahr ich ein Edelmann bin, entschloß ich mich, zu lustwandeln. Die Zeit wann? um die sechste Stunde, wenn das Vieh am meisten graset, der Vogel am besten pickt, und der Mensch sich niedersetzt zu derjenigen Nahrung, welche genannt wird Abendessen. So viel in Betracht der Zeit wann. Nun von dem Grunde welchen; auf welchem, meine ich, ich wandelte; selbiger wird benamset Dein Park. Sodann in Betracht des Ortes wo; wo, meine ich, ich stieß auf jene obszöne und höchst unzielsetzliche Begebenheit, welche meiner schneeweißen Feder die ebenholzschwarze Tinte entlockt, so Du hier betrachtest, schauest, erblickest oder wahrnimmst. Anlangend jedoch den Ort wo: er liegt Nordnordost gen Ost von dem westlichen Winkel Deines seltsam geschürzten Gartens; alldaselbst sahe ich jenen staubsinnigen Schäfer, jenen verworfenen Gründling deiner Scherzhaftigkeit, –«
SCHÄDEL. Mich! –
KÖNIG liest. »Jene unpolierte, kenntnisarme Seele, –«
SCHÄDEL. Mich!
KÖNIG liest. »Jenen armseligen Hintersassen, –«
[230] SCHÄDEL. Immer noch mich! –
KÖNIG liest. »Welcher, so viel ich mich erinnere, geheißen ist Schädel, –«
SCHÄDEL. Hoho! mich selbst! –
KÖNIG liest. »Gesellt und vergesellschaftet, entgegen Deinem manifestierten, proklamierten Edikt und oktroyerten Statut, mit, – mit, – o mit, – aber es erschüttert mich, zu sagen, womit, –«
SCHÄDEL. Mit einem Weibsbilde.
KÖNIG liest. »Mit einem Kinde unserer Ahnfrau Eva, einem weiblichen Gebilde; oder, geeigneter Deinem lieblichen Verständnis, einem Mägdlein. Diesen (wie meine stets bewährte Pflicht mich spornt) sende ich Dir, den Lohn, seine Bestrafung, zu empfahen durch Deiner süßen Hoheit Gerichtsdiener, Antonius Dumm, einen Mann von gutem Ruf, Betragen, Verhalten und Ansehn.«
DUMM. Mich, mit Euer Gnaden Vergunst; ich bin Anton Dumm.
KÖNIG liest. »Jacquenetta betreffend, – (so ist das schwächere Gefäß geheißen, welche ich überraschte mit vorbemeldetem Bauersmann –), so bewahre ich selbige als ein Gefäß für Deines Gesetzes Furie, und soll sie auf den geringsten Wink Deines holden Wohlmeinens zum Gerichte geführt werden. Der Deine, in allen Erfüllungen dahin gegebener und herzbrennender Glut des Diensteifers,
Don Adriano de Armado.«
BIRON. Dies ist nicht so gut, als ich erwartete, aber das Beste, das ich je gehört.
KÖNIG. Jawohl, das Beste im Schlechtesten. Aber Ihr da, mein Freund, was sagt Ihr dazu? –
SCHÄDEL. Herr, ich bekenne das Mädel.
KÖNIG. Hörtet Ihr nicht die Kundmachung?
SCHÄDEL. Ich bekenne, daß ich viel davon gehört, aber wenig darauf acht gegeben habe.
KÖNIG. Es ward kund gemacht: ein Jahr Gefängnis, wenn einer mit einem Weibe ertappt wird.
SCHÄDEL. Ich ward auch mit keinem ertappt. Herr, ich ward ertappt mit einer Demoiselle.
[231] KÖNIG. Gut, es ward kund gemacht, Demoiselle.
SCHÄDEL. Es war auch keine Demoiselle, gnädiger Herr; sie war eine Jungfrau.
KÖNIG. Auch das war in dem Gesetz enthalten, es ward kund gemacht, Jungfrau.
SCHÄDEL. Wenn das ist, so leugne ich ihre Jungfrauschaft: ich ward ertappt mit einem Mädel.
KÖNIG. Dies Mädel wird Euch zu nichts helfen, Freund.
SCHÄDEL. Dies Mädel wird mir doch zu etwas helfen, Herr!
KÖNIG. Ich will dein Urteil sprechen, Bursch: du sollst eine Woche bei Wasser und Brot fasten.
SCHÄDEL. Lieber hätte ich einen Monat bei Schöpsenfleisch und Suppe gebetet.
KÖNIG.
Und Don Armado soll dein Wächter sein.
Mylord Biron, laßt ihn ihm überliefern;
Und gehn wir, Herrn, damit ein jeder tut,
Was er den andern hier so fest beschworen.
BIRON.
Ich setze meinen Kopf an Euern Hut,
In Spott und Schmach gehn Eid und Spruch verloren.
Komm mit, Gesell! –
SCHÄDEL. Ich leide für die Wahrheit, Herr; denn es ist wahr, ich ward mit Jacquenette ertappt, und Jacquenette ist eine wahrhafte Dirne; und deshalb, willkommen du bittrer Kelch der Glückseligkeit! – Die Trübsal wird eines Tages wieder lächeln; und bis dahin, setze dich nieder, Kummer! –

Sie gehn ab.
Zweite Szene

[231] Ebendaselbst.

Es treten auf Armado und Motte.

ARMADO. Was bedeutet es, Kind, wenn ein Mann von hohem Geist schwermütig wird? –
MOTTE. Eine große Vorbedeutung, Herr, daß er melancholisch aussehn wird.
ARMADO. Nein, Melancholie ist ja damit eins und dasselbe, teures Pfropfreis!
[232] MOTTE. Nein, nein, o bei Leibe, nein! –
ARMADO. Wie unterscheidest du wohl Schwermut und Melancholie, mein zarter Juvenil? –
MOTTE. Durch eine faßliche Demonstration ihrer Wirkungen, mein zäher Sennor.
ARMADO. Warum zäher Sennor? Warum zäher Sennor? –
MOTTE. Warum zarter Juvenil? Warum zarter Juvenil? –
ARMADO. Ich wähle dieses »zarter Juvenil« als ein kongruentes Epitheton, anfügsam deinen jungen Tagen, welche wir treffend nennen: zart.
MOTTE. Und ich »zäher Sennor«, als einen passenden Titel für Eure alten Jahre, welche wir mit Recht nennen: zäh.
ARMADO. Artig und geschickt.
MOTTE. Wie meint Ihr, Herr: ich artig und meine Rede geschickt? oder ich geschickt und meine Rede artig?
ARMADO. Du artig, weil klein.
MOTTE. Kleinartig, weil klein. Und warum geschickt?
ARMADO. Und deshalb geschickt, weil schnell.
MOTTE. Sprecht Ihr dies zu meinem Lobe, Herr?
ARMADO. Zu deinem verdienten Lobe.
MOTTE. Ich will einen Aal mit demselben Lobe loben.
ARMADO. Wie? daß ein Aal sinnreich ist?
MOTTE. Daß ein Aal schnell ist.
ARMADO. Ich sage, du bist schnell im Antworten, du erhitzest mein Blut, –
MOTTE. Nun habe ich meine Antwort, Herr.
ARMADO. Ich liebe nicht, gekreuzt zu sein.
MOTTE beiseit. Umgekehrt, ihn lieben die Kreuzer nicht.
ARMADO. Ich habe versprochen, drei Jahre mit dem Herzoge zu studieren.
MOTTE. Das könnt Ihr in einer Stunde tun
ARMADO. Unmöglich! –
MOTTE. Wie viel ist eins dreimal genommen?
ARMADO. Ich bin schwach im Rechnen; es ziemt dem Geiste eines Bierzapfers.
MOTTE. Ihr seid ein Edelmann und ein Spieler, Herr.
ARMADO. Ich gestehe beides: beides ist der Firnis eines vollendeten Mannes.
[233] MOTTE. So wißt Ihr denn auch sicherlich, auf wie viel sich die hohe Summe von Daus und As beläuft.
ARMADO. Sie beläuft sich auf eins mehr denn zwei.
MOTTE. Und das nennt der gemeine Pöbel drei.
ARMADO. Recht!
MOTTE. Nun, ist denn das so mühsames Studium? Drei waren hier ausstudiert, eh’ Ihr dreimal mit den Augen blinzt: und wie leicht man das Wort Jahre zu dem Wort drei fügen und drei Jahre in zwei Worten studieren kann, das zählt Euch das Kunstpferd vor.
ARMADO. Eine hübsche Figur! –
MOTTE beiseit. Hübscher als Eure kann sie leicht sein!
ARMADO. Ich will überdem gestehn, daß ich in Liebe bin; und welcherleigestalt es niedrig ist für einen Soldaten, zu lieben, also auch bin ich in Liebe eines niedrigen Mägdleins. Wenn mein Schwert zu ziehen gegen den Kummer der Leidenschaft mich befreien könnte von dieser gottvergeßnen Gesinnung, so würde ich das Verlangen gefangen nehmen und es einem französischen Hofmann gegen ein neu ersonnenes Kompliment auswechseln. Ich halte es für schimpflich zu seufzen; mich dünkt, ich sollte dem Cupido abschwören. Sprich mir Trost ein, Kind: welche große Männer sind in Liebe gewesen? –
MOTTE. Herkules, Herr.
ARMADO. Holdseliger Herkules! Mehr Auktoritäten, teurer Knabe, nenne ihrer mehr; und, mein holdseliges Kind, lasse sie Männer von gutem Ruf und stattlichem Betragen sein.
MOTTE. Simson, Herr: der war ein Mann von gutem Betragen, großem Betragen, denn er trug die Stadttore auf seinem Rücken wie ein Lastträger; und der war in Liebe.
ARMADO. O wohlgefügter Simson! Stämmig gegliederter Simson! Ich übertreffe dich mit meinem Rapier so sehr, als du mich im Tortragen übertrafest. Auch ich bin in Liebe. Wer war Simsons Geliebte, mein teurer Motte?
MOTTE. Ein Weib, Herr.
ARMADO. Von welcher Komplexion?
MOTTE. Von allen vieren, oder dreien, oder zweien; oder von einer unter den vieren.
[234] ARMADO. Sage mir ausdrücklich, von welcher Komplexion? –
MOTTE. Von der meergrünen, Herr.
ARMADO. Ist das eine der vier Komplexionen? –
MOTTE. So wie ich gelesen habe, Herr, und noch dazu die beste.
ARMADO. Grün, in der Tat, ist die Farbe der Liebenden; aber eine Geliebte von der Farbe zu haben, dazu, dünkt mich, hatte Simson nur wenig Ursache. Ohne Zweifel hatte er wegen ihres Witzes Zärtlichkeit für sie?
MOTTE. So ist es, Herr, denn sie hatte einen grünen Witz.
ARMADO. Meine Geliebte ist höchst makellos rot und weiß.
MOTTE. Höchst makelvolle Gedanken, Herr, sind unter dieser Farbe maskiert.
ARMADO. Erkläre, erkläre dich, wohlgezogenes Kindlein!
MOTTE. Meines Vaters Witz und meiner Mutter Zunge, steht mir bei! –
ARMADO. Anmutige Anrufung für ein Kind; sehr artig und pathetisch!
MOTTE.
Wenn rot und weiß die Mädchen blühn,
Hat Sünde nie ein Zeichen;
Sonst macht ein Fehltritt sie erglühn,
Die Furcht wie Schnee erbleichen.

Was Schuld sei oder Schrecken nur,
Wer möcht’ es unterscheiden,
Wenn ihre Wange von Natur
Die Farbe trägt der beiden?

Ein gefährlicher Reim, Herr, gegen Weiß und Rot! –
ARMADO. Gibt’s nicht eine Ballade, Kind, vom König und der Bettlerin?
MOTTE. Vor einigen Menschenaltern hatte sich die Welt mit einer solchen Ballade versündigt; aber ich glaube, man findet sie jetzt nicht mehr, oder wenn sie noch da wäre, sind weder Text noch Melodie zu gebrauchen.
ARMADO. Ich will diesen Gegenstand von neuem bearbeiten lassen, damit ich ein Beispiel habe für meine Abirrung an einem erhabenen Vorgänger. Knabe, ich liebe das Landmädchen, [235] welches ich im Park mit dem vernunftbegabten Tiere Schädel ergriff; sie kann Ansprüche machen …
MOTTE beiseit. Aufs Zuchthaus; und mit alle dem auf einen bessern Liebhaber als meinen Herrn.
ARMADO. Singe, Knabe: mein Gemüte wird schwermütig vor Liebe.
MOTTE beiseit. Und das ist ein großes Wunder, da Ihr ein leichtfertiges Mädchen liebt.
ARMADO. Singe, sage ich.
MOTTE. Geduld, bis die Gesellschaft fort ist.

Dumm, Schädel und Jacquenette treten auf.
DUMM. Herr, des Herzogs Wille ist, daß Ihr Schädel in Sicherheit bringt; Ihr sollt ihm keine Freude, aber auch kein Leid verursachen; aber fasten soll er, drei Tage in der Woche lang. Diese Jungfer muß ich in den Park bringen unter die Milchmädchen. Lebt wohl!
ARMADO. Ich verrate mich selbst durch Erröten. – Mädchen! –
JACQUENETTE. Männel!
ARMADO. Ich will dich in deinem Milchkeller besuchen.
JACQUENETTE. Krumm um die Ecke! –
ARMADO. Ich weiß, wo er gelegen ist.
JACQUENETTE. Herrje, wie klug er ist! –
ARMADO. Ich will dir Wunder sagen.
JACQUENETTE. Ja, Plunder! –
ARMADO. Ich liebe dich! –
JACQUENETTE. Das sind alte Kalender.
ARMADO. Und so gehab’ dich wohl!
JACQUENETTE. Prost die Mahlzeit!
DUMM. Komm, Jacquenetta, fort! –

Dumm und Jacquenette gehn ab.

ARMADO. Bösewicht, du sollst fasten für deine Vergehungen, bevor dir verziehen wird.
SCHÄDEL. Gut, Herr; ich hoffe, wenn ich’s tue, werde ich’s mit vollem Magen tun.
ARMADO. Du sollst schwer bestraft werden.
SCHÄDEL. So bin ich Euch mehr verbunden als Eure Leute, denn die werden nur leicht belohnt.
[236] ARMADO. Hinweg mit diesem Bösewicht, sperrt ihn ein! –
MOTTE. Komm, du übertretender Sklav’, komm! –
SCHÄDEL. Faßt mich nur nicht an! Ich will gefaßt sein, zu fasten, wenn Ihr mich loslaßt.
MOTTE. Los und gefaßt zugleich? Mein Freund, du mußt ins Gefängnis.
SCHÄDEL. Gut! Wenn ich je die fröhlichen Tage der Verzweiflung wiedersehe, die ich gesehn habe, so sollen gewisse Leute sehn, –
MOTTE. Was sollen gewisse Leute sehn? –
SCHÄDEL. Nichts, gar nichts, Junker Motte, als was sie erblicken werden. Es schickt sich für Gefangne nicht, in ihren Reden still zu schweigen, und deswegen will ich nichts sagen. Gott sei’s gedankt, ich habe nicht mehr Geduld als andre Leute; und darum kann ich ruhig sein.

Motte und Schädel ab.

ARMADO. Ja, ich verehre selbst den Boden (welcher niedrig), wo ihr Schuh (welcher niedriger) – geführt von ihrem Fuß (welcher am niedrigsten) – einhertritt. Ich werde meineidig (welches doch ein großer Beweis von Treulosigkeit), wenn ich liebe: und wie kann das echtes Lieben sein, welches mit Untreue begonnen wird? Liebe ist ein Kobold; Liebe ist ein Teufel; es gibt keinen bösen Engel, als die Liebe. Dennoch ward Simson so versucht, und er besaß eine ausnehmende Stärke; dennoch ward Salomo so verführt, und er besaß einen ziemlichen Verstand. Cupidos Pfeil ist zu stark für Herkules’ Keule; wie sollte er dann nicht meiner spanischen Klinge überlegen sein? Der erste und zweite Ausfoderungsgrund können mir nicht helfen: den passado achtet er nicht, das duello erkennt er nicht an. Sein Schimpf ist, Knabe genannt zu werden; sein Triumph dagegen, Männer zu unterjochen. Fahr’ hin, Tapferkeit! – Roste, meine Klinge! – Schweige, Trommel! Denn euer Gebieter ist in Liebe; ja, er liebet. Hilf mir irgendein improvisierender Gott des Reims; denn zweifelsohne wird aus mir ein Sonettendichter. Erfinde, Witz; schreibe, Feder; denn ich bin gestimmt für ganze Bände in Folio. Er geht ab.
Zweiter Aufzug
Erste Szene

[237] Im Park.

Es treten auf die Prinzessin von Frankreich, Rosaline, Maria, Katharine, Boyet, Lords und Gefolge.

BOYET.

Nun, Fürstin, regt die feinsten Geister auf;
Denkt, wen der König, Euer Vater, sendet;
Zu wem er sendet; was sein Auftrag sei:
Ihr, kostbar in den Augen aller Welt,
Sollt unterhandeln mit dem einz’gen Erben
Jeglichen Vorzugs, des ein Mann sich rühmt,
Navarras Stolz: und das Gesuch nichts minder
Als Aquitanien, einer Kön’gin Mitgift. –
Verschwende nun so allen Zauberreiz,
Wie einst Natur den Reiz verschwendete,
Als sie der ganzen Welt ihn vorenthielt,
Um überreich nur dich damit zu schmücken.
PRINZESSIN.
Wie arm, Lord Boyet, meine Schönheit sei,
Braucht sie doch nicht der Schminke Eures Lobes.
Schönheit wird nur vom Kennerblick gekauft,
Nicht angebracht durch des Verkäufers Prahlen.
Ich höre minder stolz mein Lob Euch künden,
Als Ihr Euch vordrängt, weise zu erscheinen
Und Euern Witz, mich rühmend, auszuspenden.
Doch nun dem Mahner zur Ermahnung: Ihr,
Freund Boyet, wißt, wie der geschwätz’ge Ruf
Verbreitet, daß Navarra sich verpflichtet,
Eh’ mühvoll Studium nicht drei Jahr verzehrt,
Soll keine Frau dem stillen Hofe nahn.
Deshalb scheint uns notwend’ge Vorbereitung,
[238] Eh’ wir betreten sein verbotnes Tor,
Zu hören seinen Willen; und deshalb
Erlasen wir, wohlkundig Eures Werts,
Euch als beredten Anwalt unsrer Bitte.
Sagt ihm, die königliche Tochter Frankreichs,
In ernstem, Eile foderndem Geschäft,
Müss’ ein Gespräch mit Seiner Hoheit heischen.
Eilt ihm dies mitzuteilen; wir erwarten,
Klienten gleich, in Demut seinen Ausspruch.
BOYET.
Stolz Eures Auftrags geh’ ich willig, Teure!

Er geht ab.

PRINZESSIN.
Nur will’ger Stolz ist Stolz, und so der Eure!
Wer sind, ihr lieben Herrn, die Schwurgenossen,
Die mit dem frommen Herzog dies gelobt? –
LORD.
Der ein’ ist Longaville.
PRINZESSIN.
Kennt Ihr den Mann?
MARIA.
Ich kenn’ ihn wohl. Auf einem Hochzeitfest,
Wo dem Lord Perigord die schöne Erbin
Des Jakob Faulconbridge ward anvermählt,
In Normandie, sah ich den Longaville.
Man rühmt ihn einen Mann von edlen Gaben,
Geschickt in Kunst, in Waffen hoch gepriesen;
Nichts steht ihm schlecht, was er mit Ernst versucht.
Der einz’ge Fleck in seiner Tugend Glanz
(Kann je ein Fleck den Glanz der Tugend trüben)
Ist kecker Witz mit allzudreistem Willen;
Er schneidet scharf und will mit Willen keinen
Verschonen, der in seine Macht geriet.
PRINZESSIN.
Ein lust’ger Spötter also: nicht, mein Kind?
MARIA.
Wer meist ihn kennt, hält meist ihn so gesinnt.
PRINZESSIN.
Witz, schnell geboren, wächst und welkt geschwind.
Wer sind die andern? –
KATHARINE.
Dumain, ein wohlerzogner junger Mann:
Wer Tugend liebt, muß ihn um Tugend lieben;
Zu schaden kräftig, doch dem Bösen fremd:
Denn er hat Witz, selbst Unform zu verschönen,
Und Schönheit, die auch ohne Witz bestäche.
Ich sah ihn einst beim Herzog Alençon,
[239] Und zu gering, dem, was ich sah, verglichen,
Ist diese Schild’rung seines hohen Werts.
ROSALINE.
Noch einer dieser Akademiker
War dort mit ihm, sofern ich recht vernahm:
Biron genannt; mit einem lust’gern Mann
(Doch in den Grenzen wohlanständ’gen Scherzes)
Hab’ ich noch nie ein Stündchen weggeschwatzt.
Sein Aug’ erzeugt Gelegenheit für Witz;
Denn jeglich Ding, das jenes nur erfaßt,
Verwandelt dieser gleich in heitern Scherz,
Den die gewandte Zunge, seines Scharfsinns
Auslegerin, so fein und artig formt,
Daß selbst das Alter seinem Schwatzen horcht
Und Jugend ganz von ihm bezaubert wird:
So hold und leicht beschwingt ist sein Gespräch.
PRINZESSIN.
Gott helf’ Euch! Seid ihr alle denn verliebt?
Daß jede so den Ihren hat geschmückt
Mit solchem Farbenaufwand prächt’gen Lobes? –
Boyet kommt zurück.

MARIA.
Hier kommt Boyet.
PRINZESSIN.
Nun sagt, was für Empfang? –
BOYET.
Navarra weiß von Eurer Hoheit Nähe,
Und er, samt den Genossen seines Eides,
Sie waren all’ Euch zu empfahn bereit,
Bevor ich kam. So viel hab’ ich gehört:
Er meint, Ihr solltet eh im Felde wohnen,
Als kämt Ihr zu belagern seinen Hof,
Eh’ er Entbindung sucht von seinem Eid
Und Euch herbergt in seinem öden Hause.
Hier kommt Navarra.

Der König, Longaville, Biron und Dumain treten auf.

KÖNIG. Willkomm’n am Hof Navarras, schöne Fürstin!
PRINZESSIN. Schön geb’ ich Euch zurück, und Willkommen hab’ ich noch nicht. Das Gewölbe dieses Hofs ist zu hoch, um das Eure zu sein, und ein Willkommen auf offnem Felde zu niedrig, um mir zu geziemen.
[240] KÖNIG. Ihr sollt willkommen sein an meinem Hof!
PRINZESSIN. Ich will’s denn sein: geleitet mich dahin!
KÖNIG.
Hört mich nur an: bei Gott hab’ ich geschworen, –
PRINZESSIN.
So helf’ Euch Gott, denn Ihr habt falsch geschworen.
KÖNIG.
Nicht um die Welt mit meinem Willen, Fürstin!
PRINZESSIN.
Nun, Wille bricht ihn, Will’, und anders nichts.
KÖNIG.
Eu’r Hoheit ist unwissend seines Inhalts.
PRINZESSIN.
Und wär’t Ihr so, wär’t Ihr unwissend weise,
Da Kenntnis jetzt Unwissenheit verrät.
Ich hör’, mein Fürst verschwur es, Haus zu halten;
Todsünde ist’s, den Eid zu halten, Fürst,
Und Sünde, ihn zu brechen.
Allein verzeiht! – Zu bald erschein’ ich kühn:
Den Lehrer lehren wollen, ziemt mir schlecht.
Geruht zu lesen, weshalb ich gekommen,
Und schnelle Antwort gebt auf mein Gesuch!
KÖNIG.
Das will ich, wenn es kann so schnell geschehn.
PRINZESSIN.
Ihr tut’s so schneller, daß ich nur mag gehn;
Mein Bleiben kann nicht mit dem Eid bestehn.
BIRON.
Tanzt’ ich mit Euch nicht in Brabant einmal?
ROSALINE.
Tanzt’ ich mit Euch nicht in Brabant einmal?
BIRON.
Ja, ganz gewiß.
ROSALINE.
Wie überflüssig dann
Die Frag’ an mich! –
BIRON.
O seid doch nicht so rasch! –
ROSALINE.
Ihr habt mit solchem Fragen mich gespornt!
BIRON.
Eu’r Witz rennt allzuscharf, Ihr jagt ihn stumpf.
ROSALINE.
Nicht bis er ließ den Reiter in dem Sumpf.
BIRON.
Was hat die Uhr geschlagen?
ROSALINE.
Die Stunde, wo Narren fragen.
BIRON.
Beglückt solch Maskentragen! –
ROSALINE. Glück den Gesichtern drunter!
BIRON.
Gott send’ Euch Freier munter! –
ROSALINE.
Amen, und beßre als Euch!
BIRON.
Dann geh’ ich lieber gleich.
KÖNIG.
Prinzessin, Euer Vater nennt uns hier
Die Zahlung von einhunderttausend Kronen,
[241] Was nur die Hälfte jener ganzen Summe,
So ihm mein Vater vorschoß für den Krieg.
Doch setzt, er oder ich – was nie geschah –
Empfing dies Geld, so bleibt doch unbezahlt
Einhunderttausend noch, wofür als Pfand
Ein Teil von Aquitanien mir haftet,
Obschon es nicht der Summe Wert beträgt.
Will denn Eu’r Vater uns zurückerstatten
Nur jene Hälfte, die uns noch gebührt,
So lassen wir ihm Aquitanien gern
Und bleiben Freund mit Seiner Majestät.
Doch dazu, scheint es, hat er wenig Lust;
Denn hier verlangt er wiederum die Zahlung
Der hunderttausend Kronen, und entsagt,
Nach Zahlung jener hunderttausend Kronen,
All seinem Recht auf Aquitaniens Herrschaft,
Das ich weit lieber aus den Händen gäbe,
Und nähme, was mein Vater vorgestreckt,
Als Aquitanien, so erschöpft es ist.
Wär’ seine Fod’rung nicht so fern, o Fürstin,
Von billiger Willfahrung, – Eurer Schönheit
Willfahrte mehr, als billig, wohl mein Herz,
Daß Ihr vergnügt nach Frankreich wiederkehrtet.
PRINZESSIN.
Ihr tut dem König, meinem Vater, Unrecht,
Und Unrecht Eures Namens würd’gem Ruf,
Wenn Ihr beharrt, zu leugnen den Empfang
Von dem, was doch so treulich ward gezahlt.
KÖNIG.
Ich schwöre, daß ich nie davon gehört;
Beweist Ihr mir’s, so zahl’ ich Euch: wo nicht,
Ist Aquitanien Eu’r.
PRINZESSIN.
Es bleibt beim Wort.
Boyet, Ihr könnt die Quittungen ihm zeigen
Für jene Summe, von den Staatsbeamten
Karls, seines Vaters.
KÖNIG.
Stellt mich so zufrieden!
BOYET.
Erlaub’ Eu’r Hoheit, das Paket blieb aus,
Das dies und andre Dokument’ enthält:
Auf morgen wird Euch alles vorgelegt.
[242] KÖNIG.
Der Augenschein, o Fürstin, soll genügen;
Ich will mich allen bill’gen Gründen fügen.
Indes empfange solcherlei Willkommen,
Wie Ehre, sonder Bruch der Ehr’, ihn darf
Anbieten deiner edlen Würdigkeit.
Ich kann, o Schönste, nicht mein Tor dir öffnen;
Doch draußen sollst du so empfangen werden,
Daß du im Herzen mir zu wohnen denkst,
Obschon ich dir des Hauses Gastrecht weigre.
Dein edler Sinn entschuld’ge mich, leb wohl!
Wir werden morgen wieder dich besuchen.
PRINZESSIN.
Wohlsein und Heil begleit’ Eu’r Majestät! –
KÖNIG.
Dir wünsch’ ich, was dein eigner Wunsch erfleht.

Der König geht ab.

BIRON.
Euch, Dam’, empfehl’ ich meinem eignen Herzen.
ROSALINE.
Ich bitt’ Euch, Herr, bestellt ihm mein Empfehlen.
Ich säh’ es gern einmal.
BIRON.
Ich wollt’, Ihr hörtet’s ächzen.
ROSALINE.
Ist’s Närrchen krank?
BIRON.
Von Herzen krank.
ROSALINE.
Ei, so laßt ihm Blut!
BIRON.
Wäre das ihm gut?
ROSALINE.
Meine Heilkunst sagt, es tauge.
BIRON.
So stich’s mit deinem Auge!
ROSALINE.
Non point! Mit dem Messer.
BIRON.
Gott mache dich besser! –
ROSALINE.
Dich mach’ er vernünftig!
BIRON.
Den Dank sag’ ich künftig.
DUMAIN.
Mein Herr, ein einz’ges Wort: Sagt an, wer ist die Dame? –
BOYET.
Die Erbin Alençons und Rosalin’ ihr Name.
DUMAIN.
Sehr reizend ist sie. Nun, mein Herr, lebt wohl!

Er geht ab.

LONGAVILLE.
Laßt mich um ein Wort Euch bitten: Wer ist in Weiß die da?
BOYET.
Manchmal ein Frauenzimmer, wenn man bei Licht sie sah.
[243] LONGAVILLE.
Vielleicht bei Lichte leicht; nur ihren Namen will ich.
BOYET.
Sie hat nur einen für sich: den wollen, wär’ nicht billig.
LONGAVILLE.
Ich bitte, wessen Tochter?
BOYET.
Ihrer Mutter, wie man sagt.
LONGAVILLE.
Was so ein Bart nicht wagt! –
BOYET.
Lieber Herr, nur nicht so wild:
Erbin des Faulconbridge.
LONGAVILLE.
Nun ist mein Zorn gestillt.
Sie zeigt sehr schönen Anstand.
BOYET.
Wie’s auch schon mancher Mann fand.

Longaville geht ab.

BIRON.
Wie heißt in der Mütze die?
BOYET.
Katharine, Gott schütze sie!
BIRON.
Ist sie vermählt oder nicht?
BOYET.
Wie just die Laune sie sticht.
BIRON.
Willkommen, mein Herr, lebt wohl zugleich! –
BOYET.
Lebt wohl, für mich; willkommen für Euch!

Biron geht ab.

MARIA.
Der letzte ist Biron, der tolle, lust’ge Lord.
Kein Wort, das nicht ein Scherz ist.
BOYET.
Und jeder Scherz nur ein Wort.
PRINZESSIN.
Drum war es gut getan, als Ihr ihn faßtet beim Wort.
BOYET.
Ich war so rasch zu entern, als er zu nahn dem Bord.
MARIA.
Zwei tapfre Schafe, wahrlich!
BOYET.
Nein, Schiffe, meine Beste;
Nur Schafe, Lamm, sind wir auf deinen Lippen Gäste.
MARIA.
Ihr Schaf’ und ich die Weide; endigt der Spaß nun hier? –
BOYET.
Wenn Ihr mir zu weiden erlaubt.
MARIA.
Nicht so, mein zartes Tier:
Meine Lippen sind kein Gemeinfeld, wenn gleich offen Revier.
BOYET.
Und wem denn zugehörig?
MARIA.
Nun, meinem Glück und mir.
PRINZESSIN.
Die Witz’gen lieben Zank; doch sei der Streit geendet,
[244] Der Bürgerkrieg des Witzes ist besser angewendet
Auf Navarras Bücherhelden; hier wär’ er nur verschwendet.
BOYET.
Wenn meine Seherkunst, und diese irrt wohl nicht,
Des Herzens stumme Rhetorik, die aus den Augen spricht,
Mir richtig deutete, versank Navarras Mut …
PRINZESSIN.
In was?
BOYET.
Ei nun, wir Kenner betiteln’s Liebesglut.
PRINZESSIN.
Eu’r Grund?
BOYET.
Zum Hofhalt seines Auges entflohn Gebärd’ und Sinnen,
Und schauten durchs Verlangen aus dem Verstecke drinnen.
Sein Herz glich einem Agat, auf den Eu’r Bild gedrückt;
Stolz glüht’ in seinem Auge, er trug Eu’r Siegel entzückt.
Die Zunge, ganz erzürnt, zu reden, statt zu sehn,
Sie stolpert’ übereilt und möcht’ im Auge stehn.
Zum Sinn des Auges drängte der andern Sinne Gewühl,
Die Schönste der Schönen zu sehn, das war ihr einzig Gefühl;
Sein Auge, wie ein Schrein, dünkt mich, umschloß sie alle,
Wie man dem Fürsten beut Juwelen im Kristalle;
Der, nicht durchs Glas bestochen, der Steine Wert erspäht,
Und sie zu kaufen winkt, wie er vorübergeht.
Auf seiner Stirne Rand las ich in klaren Lettern
Der Glosse Schrift: er schien Euch schauend zu vergöttern.
Ich bürg’ Euch Aquitanien und seines Reichs Genuß,
Gebt Ihr um meinetwillen ihm einen lieblichen Kuß.
PRINZESSIN.
Kommt, gehn wir in unser Zelt: Boyet ist aufgeweckt, –
BOYET.
Nur das in Worte zu fassen, was längst sein Aug’ entdeckt.
Ich wußte seinem Auge den Mund hinzuzufügen,
Und lieh der Zunge Worte, die, glaubt mir fest, nicht lügen.
PRINZESSIN.
Dich alten Liebeshändler wird keiner leicht betrügen!
MARIA.
Er ist Amors Großvater, der muß ihm alles entdecken.
ROSALINE.
Dann gleicht Venus der Mutter; ihr Vater ist zum Erschrecken.
BOYET.
Hört ihr, ihr tollen Dirnen?
[245] MARIA.
Nein.
BOYET.
Könnt ihr auch nicht sehn?
ROSALINE.
O ja, den Weg nach Hause.
BOYET.
Ihr mögt in Frieden gehn! –

Alle ab.
Zweite Szene

[245] Ebendaselbst.

Armado und Motte treten auf.

ARMADO. Trillre, mein Kind, affiziere mir den Sinn des Gehörs!
MOTTE singt.
ARMADO. Melodische Manier! – Geh, Zartheit der Jahre; nimm diesen Schlüssel, gib dem Bauer Entfeßlung, – bring’ ihn windschnell hieher; ich bedarf sein wegen eines Briefs an meine Huldin.
MOTTE. Herr, wollt Ihr Eure Huldin mit neumodischen Singweisen und Arien gewinnen?
ARMADO. Wie meinst du? Gibt es Arien, welche weise sind? –
MOTTE. Nein, mein vollendeter Gebieter; aber schnellt einen Ton, staccato, von der Spitze Eurer Zunge, vibriert dazu, tremulando, mit Euren Füßen, würzt ihn mit Ausdruck, indem Ihr die Augenlider aufschlagt; seufzt eine Note und singt eine Note: einmal durch die Gurgel, als schlucktet Ihr Liebe, indem Ihr Liebe singt; einmal durch die Nase, als schnupftet Ihr Liebe, indem Ihr Liebe riecht; Euern Hut gleich einem Vordach über den Laden Eurer Augen; die Arme kreuzweis über Euerm dünnen Wamse, wie ein Kaninchen am Spieß; oder Eure Hände in der Tasche, wie eine Figur auf den alten Bildern. Dabei müßt Ihr nicht zu lange in einer Tonart verweilen, sondern ein Schnippchen, und linksum. Das sind Gaben, das sind Talente, das fängt spröde Mädchen, die sich auch ohnedies fangen ließen: das macht, daß man von den Gemütern, die solches in ihrer Gewalt haben, – notiert’s Euch! – Notiz nimmt.
[246] ARMADO. Womit hast du diese Erfahrung eingekauft?
MOTTE. Für meinen Pfennig der Beobachtung.
ARMADO. Doch o! Doch o! –
MOTTE. »Vergessen ist das Steckenpferd!«
ARMADO. Nennst du meine Huldin Steckenpferd?
MOTTE. Nein, Herr, das Steckenpferd ist immer ein rohes Füllen, und Eure Huldin ist vielleicht ein Mietklepper. Aber habt Ihr Eure Huldin vergessen? –
ARMADO. Beinahe hätt’ ich’s.
MOTTE. Nachlässiger Student! Lernt sie auswendig!
ARMADO. Ich liebe sie auswendig und inwendig, Knabe.
MOTTE. Und abwendig, Herr; alles beweis’ ich Euch.
ARMADO. Was willst du beweisen?
MOTTE. Mich, als Mann, wenn ich leben bleibe; und dies Aus-, In- und Abwendig im Augenblick. Auswendig liebt Ihr sie, weil Ihr ihren Namen ohne Anstoß hersagen könnt; inwendig, weil Ihr nicht aus der Haut fahren dürft; und abwendig, weil sie sich von Euch abwendet.
ARMADO. Ich bin in allen diesen drei Fällen.
MOTTE. Und wär’t Ihr auch in sechs Fellen, so würdet Ihr in allen Euren Fellen ungefällig bleiben.
ARMADO. Führe mir den Bauer hieher, er soll mir einen Brief überbringen.
MOTTE. Eine sympathetische Botschaft! Ein Pferd als Gesandter eines Esels! –
ARMADO. Ha! Was sagst du? –
MOTTE. Meiner Treu, Herr, Ihr müßt den Esel auf dem Pferde schicken, denn er ist nur langsam zu Fuß; doch ich gehe.
ARMADO. Der Weg ist nur kurz; hinweg!
MOTTE. So schnell wie Blei, Herr!
ARMADO.
Deine Meinung, artiges Ingenium? –
Blei dünkt mich ein Metall, dumm, schwer und träg’ zu sein.
MOTTE.
Minime, edler Sennor, oder wahrlich, Sennor, nein.
ARMADO.
Ich sage, Blei ist langsam.
MOTTE.
Ihr folgt zu schnell dem Schein;
Ist langsam wohl ein Blei, wenn aus dem Lauf geschossen? –
ARMADO.
Ein würdig Rednerblümchen!
[247] Ich also bin das Rohr, die Kugel paßt auf ihn.
Jetzt schieß’ ich dich auf den Bauer.
MOTTE.
Bauz denn, und seht mich fliehn.

Läuft ab.

ARMADO.
Ein höchst scharfsinn’ger Juvenil, so flink, hat so bei der Hand Witz! –
Erlaube, liebes Firmament, ich seufze dir in dein Antlitz! –
Fahr’ wohl, o Mut, mein Herz ist jetzt der trüben Schwermut Landsitz! –
Mein Herold kommt zurück.

Motte kommt mit Schädel zurück.

MOTTE.
Ein Wunder, Herr! Seht ‘nen Schädel, der sich zerstieß das Bein.
ARMADO.
Ein Enigma, ein Rätsel: komm, wie mag der l’envoy sein?
SCHÄDEL. Nichts da von Nicknamen und Rätseln oder Langfahnen; weg mit Euren Salbenbüchsen, Herr; ach Herr, Wegerich, puren Wegerich! keine Langfahnen, keine Langfahnen oder Salben, Herr, nichts als Wegerich! –
ARMADO. Bei der Tugend! du erzwingst Gelächter; dein alberner Gedanke meinen Humor; das Schwellen meiner Lunge regt mich an zu verächtlichem Lächeln; o vergebt mir, ihr Gestirne! Hält der Unbedachtsame Salbe für l’envoy, und das Wort l’envoy für Salbe!
MOTTE. Betrachtet der Weise sie etwa anders? Ist nicht l’envoy ein salbungsvoller Gruß? –
ARMADO.
Nein, Page, ‘s ist ein Epilog, ein Diskurs, der uns erklärt
Irgendein dunkles Präambulum, das wir zuvor gehört.
Ein Exempel mache dir’s klar:
Der Fuchs, der Affe, die Biene klein,
Weils drei sind, mußten sie ungleich sein.
Dies ist die Moral; nun folgt der l’envoy.
MOTTE.
Ich will den l’envoy hinzufügen, sagt Ihr die Moral noch einmal.
ARMADO.
Der Fuchs, der Affe, die Biene klein,
Weil’s drei siod, mußten sie ungleich sein.
MOTTE.
Bis dann die Gans kam aus der Tür,
Da wurden sie gleich, denn drei ward vier.
[248] Nun will ich mit Eurer Moral anfangen; folgt Ihr mir nach mit meinem l’envoy!
Der Fuchs, der Affe, die Biene klein,
Weils drei sind, mußten sie ungleich sein.
ARMADO.
Bis dann die Gans kam aus der Tür,
Da wurden sie gleich, denn drei ward vier.
MOTTE. Ein erfreulicher l’envoy, der sich mit einer Gans endigt. Was könnt Ihr mehr verlangen?
SCHÄDEL.
Der Junge hat ihn zum besten mit der Gans, das wollt’ ich wetten: –
Eu’r Handel wär’ nicht schlecht, wär’s eine von den fetten. –
Braucht wer’ nen pfiffigen Schelm, ei, seht den Kleinen, der kann’s! –
Ihr sucht ‘nen fetten l’envoy? – Er verkauft Euch ‘ne fette Gans.
ARMADO.
O wart’ noch! Wartet noch! Dies Argument, wie begann’s?
MOTTE.
Ich erzählt’ Euch, wie ein Schädel sich heut das Bein geschunden.
Drauf rieft Ihr nach dem l’envoy.
SCHÄDEL.
Jawohl; und ich nach Wegerich: so hat sich’s eingefunden.
Dann kam der fette l’envoy, die Gans, die er gekauft;
So endigte der Markt.
ARMADO. Aber erkläre mir, welche Allegorie liegt verborgen unter dem Schädel, welcher sein Bein zerstoßen? –
MOTTE.
Ich will’s Euch auf eine gefühlvolle Weise deutlich machen.
SCHÄDEL.
Du hast kein Gefühl dafür, Motte! Diesen l’envoy will ich sprechen:
Ich Schädel rannt’ hinaus, statt ruhig im Hause zu sein,
Und stolpert’ in der Tür und stieß mich an das Bein.
ARMADO.
Wir wollen die Sache ruhen lassen.
SCHÄDEL.
Ja, das wird dem Beine wohl bekommen.
ARMADO.
Du, Schädel, ich will dich emanzipieren.
SCHÄDEL. Ihr wollt mich als Eh’mann zitieren? – Das läuft wohl wieder auf so ‘nen l’envoy, auf eine Gans hinaus?
ARMADO. Bei meiner zarten Seele, ich meine, dich in Freiheit setzen, deine Person frankieren; du warst vermauert, gebunden, eingekorkt, verstopft.
[249] SCHÄDEL. Richtig, richtig; und nun wollt Ihr meine Purganz sein und mich loslassen.
ARMADO. Ich schenke dir deine Freiheit, erlöse dich aus der Gebundenheit, und als Gegenleistung lege ich dir nur dieses auf: überreiche gegenwärtiges Sendschreiben dem Landmädchen Jacquenetta. Hier ist Remuneration Gibt ihm Geld. denn die beste Stütze meiner Ehre ist, meine Vasallen zu unterstützen. Motte, folge! Er geht ab.
MOTTE.
Wie das X auf das U. Leb wohl, Freund Schädel, du würdiger Kerl!
SCHÄDEL.
Mein süßes Quentchen Mannsfleisch! Spitzbübische, niedliche Perl’! –
Nun will ich seine Remuneration ansehn, Remuneration? Ach, das ist das lateinische Wort für drei Heller; drei Heller heißt Remuneration? Was kostet der Bindfaden? Einen Pfennig. Nein, ich will Euch eine Remuneration geben; gelt, das klingt? Remuneration? Ei, das lautet viel hübscher, als eine französische Krone! Ich will ohne dies Wort nichts weder einkaufen noch verkaufen.

Biron kommt.

BIRON. O mein guter Kerl Schädel, vortrefflich, daß ich dich finde!
SCHÄDEL. Bitt’ Euch, Herr, wie viel rotes Band kann man für eine Remuneration kaufen? –
BIRON. Was ist eine Remuneration? –
SCHÄDEL. Ei je, Herr, anderthalb Pfennig.
BIRON. Nun also, für drei Heller Seide.
SCHÄDEL. Ich danke Eu’r Gnaden, Gott befohlen!
BIRON.
Halt, warte, Mensch, ich muß dich jetzt gebrauchen.
Willst meine Gunst gewinnen, guter Kerl,
So tu’ ein Ding, um das ich bitten will.
SCHÄDEL. Wann soll es denn geschehn, Herr?
BIRON. Oh, diesen Nachmittag.
SCHÄDEL. Nun gut, ich will es tun: so lebt denn wohl!
BIRON. Du weißt ja noch nicht, was es ist.
SCHÄDEL. Ich werd’s schon wissen, Herr, wenn ich’s getan habe.
[250] BIRON.
Ei Schlingel, du mußt es vorher wissen.
SCHÄDEL.
Ich will morgen früh zu Eu’r Gnaden kommen.
BIRON.
Es muß den Nachmittag geschehn. Hör’, Bursch,
Es ist nur dies:
Die Fürstin kommt zur Jagd hier in den Park,
Und eine edle Dam’ ist im Gefolge.
Spricht süß ein Mund, so spricht er ihren Namen
Und nennt sie Rosaline. Frag’ nach ihr,
Und ihrer weißen Hand gib dies Geheimnis
Versiegelt. Hier dein Rekompens; nun geh!

Gibt ihm Geld.

SCHÄDBL. Rekompens – o süßer Rekompens! Besser als Remuneration, elftehalb Pfennig besser. Ei du herziger Rekompens; ich will’s tun, Herr, wie gedruckt. Rekompens! Remuneration! Ab.
BIRON.
Oh! Und ich verliebt, seht doch! –
Ich, der Cupidos Geißel sonst gewesen! –
Ein wahrer Büttel jedem Sehnsuchtsseufzer,
Ein Läst’rer, ja, nachtwachender Konstabel,
Ein strenger Schuldespot des armen Knaben,
Kein Sterblicher so überstolz als ich!
Der laun’sche Junge, greinend, blind, verkappt,
Des Giulio Riesenzwerg, Ritter Cupido,
Sonettenfürst, Herzog gekreuzter Arme,
Gesalbter König aller Ach und Oh,
Lehnherr der Tagedieb’ und Mißvergnügten,
Monarch der Mieder, Schach der Hosenlätze,
Alleiniger Kaiser, großer Feldzeugmeister
Der Kirchenbüßer: – o mein kleines Herz!
Ich soll sein Adjutant sein, soll mich kleiden
In seine Farben wie ein Maientänzer?
Wie, was, ich lieb’, ich werb’, ich such’ ein Weib? –
Ein Weib, das einer deutschen Schlaguhr gleicht,
Stets dran zu bessern, ewig aus den Fugen,
Die niemals recht geht, wie sie auch sich stellt,
Als wenn man stets sie stellt, damit sie recht geht?
Und was das Schlimmste, noch meineidig werden! –
Und just die Schlimmste lieben von den dreien! –
Ein bläßlich Ding mit einer samtnen Braue,
[251] Mit zwei Pechkugeln im Gesicht statt Augen;
Und eine wahrlich, die die Tat wird tun,
Und wär’ ein Argus ihr gesetzt zum Wächter!
Und, ach, um die nun seufzen, für sie wachen! –
Ich für sie beten? – Gut denn! ‘s ist ‘ne Strafe,
Die Amor mir diktiert für das Verachten
Seiner allmächtig furchtbar kleinen Macht.
Nun wohl! So will
Ich lieben, schreiben, seufzen, ächzen, beten;
Der liebt das Fräulein, jener schwärmt für Greten.
Ab.
Dritter Aufzug
Erste Szene

[252] Im Park.

Es treten auf die Prinzessin, Rosaline, Maria, Katharine, Boyet, Lords, Gefolge, ein Förster.

PRINZESSIN.

War das der König, der sein Pferd so scharf
Die jähe Höh’ des Hügels spornt hinan? –
BOYET.
Ich weiß nicht, doch ich glaub’, ein andrer war’s.
PRINZESSIN.
Wer es auch sei, aufstrebend zeigt er sich.
Nun, heut, ihr Herrn, empfahn wir den Bescheid,
Und Samstag kehren wir nach Frankreich heim. –
Jetzt, lieber Förster, zeigt uns das Gehölz;
Wo stellt Ihr uns, daß wir den Mörder spielen?
FÖRSTER.
Hier in der Näh’, am Saum des Unterholzes;
Der Stand ist gut, Ihr habt den schönsten Schuß.
PRINZESSIN.
Der Schönheit Preis! Die Schöne tut den Schuß,
Und drum mit Recht sprichst du vom schönsten Schuß.
FÖRSTER.
So, Gnäd’ge, hab’ ich’s nicht gemeint, verzeiht! –
PRINZESSIN.
Wie, hast du schon dein erstes Lob bereut? –
O kurzer Ruhm! Nicht schön? O Herzeleid! –
FÖRSTER.
Ja, Fürstin, schön! –
PRINZESSIN.
O laß die Schminke ruhn;
Wo Schönheit fehlt, ist Schmeicheln eitles Tun.
Hier, lieber Spiegel, für die Wahrheit nimm es,
Zu schöner Lohn als Zahlung für so Schlimmes!
FÖRSTER.
In Euch hat einzig Schönheit sich gebettet.
PRINZESSIN.
Seht, wie ein Goldstück meine Schönheit rettet!
O Schönheitsketzerei, der Zeiten wert;
Wenn sie nur schenkt, wird jede Hand verehrt.
Doch jetzt zur Jagd; wenn Sanftmut töten muß,
[253] Schilt sie auf jeden gut gezielten Schuß;
So bleibt mein Ruf als Schützin unversehrt,
Denn, treff’ ich nicht, hat Mitleid mir’s gewehrt;
Treff’ ich, wohlan, so muß der Tadel schweigen,
Ich tat es nur, euch meine Kunst zu zeigen.
Unleugbar ist’s, und die Erfahrung lehrt,
Wie Ruhmsucht zum Verbrechen sich entehrt;
Um Lob und Preis, um nichtige Erscheinung,
Entsagen wir des Herzens beßrer Meinung:
Wie meine Hand um Lob zu töten denkt
Das arme Wild, das mich doch nie gekränkt.
BOYET.
Hat’s auch der Ehrgeiz ihnen eingegeben,
Wenn böse Frau’n nach Eigenherrschaft streben
Als Herrn des Eheherrn? –
PRINZESSIN.
Ehrgeiz allein; und Ehr’ und Preis gebührt
Jedweder Frau, die ihren Herrn regiert.

Schädel tritt auf.

PRINZESSIN. Hier kommt ein Bürger unsrer Republik.
SCHÄDEL. Schönen guten Abend! Um Vergebung, welches ist die Hauptdame? –
PRINZESSIN. Die kannst du an den übrigen erkennen, mein Freund, die ohne Haupt sind.
SCHÄDEL. Welches ist die größte Dame? Die höchste? –
PRINZESSIN. Die dickste und die längste.
SCHÄDEL.
Die dickste und die längste! Nun ja, was wahr, bleibt wahr.
Ließ’ Eure Taille schmal und leicht sich wie mein Witz umfassen,
So möchte von den Fräulein hier Euch jeder Gürtel passen.
Seid Ihr nicht die Hauptdame? Die dickste seid Ihr gewiß!
PRINZESSIN.
Was wollt Ihr, Freund? Was wollt Ihr?
SCHÄDEL.
Dem Fräulein Rosaline schrieb diesen Brief Mylord Biron.
PRINZESSIN.
Geschwindden Brief, den Brief; den Schreiber kenn’ich schon.
Wart’, Freund! – Boyet, ich weiß, Ihr habt im Tranchieren Geschick;
Legt mir dies Hühnchen vor!
[254] BOYET.
Ich gehorch’ Euch im Augenblick. –
Der Brief ging fehl, von uns ward er keinem zugedacht;
Er ist für Jacquenetta.
PRINZESSIN.
Doch weil er uns gebracht,
Brich nur dem Wachs das Genick; nun lies, ihr alle gebt acht!
BOYET liest. »Beim Himmel, daß Du schön, ist untrugschlüßlich; wahr, daß Du reizend; Wahrhaftigkeit selbst, daß Du lieblich. O Du, schöner denn schön, reizender denn reizend, wahrhaftiger denn Wahrhaftigkeit selber, habe Erbarmung mit Deinem heroischen Vasallen! Der durchlauchtigste und allergroßmächtigste König Kophetua warf ein Auge auf die schelmische und unzweifelhafte Bettlerin Zenelophon: und eben derselbige war es, der da mit Fug konnte ausrufen: veni, vidi, vici; welches, dafern wir’s zersetzen in Volkssprache (o niedrige und dunkle Volkssprache!), so viel als videlicet: er kam, sah und überwand. Er kam, eins; sah, zwei; überwand, drei. Wer kam? der König; weshalb kam er? zu sehen; weshalb sah er? zu überwinden; zu wem kam er? zu der Bettlerin; wen sah er? die Bettlerin; wen überwand er? die Bettlerin. Der Erfolg ist Sieg; auf wessen Seite? des Königs; die Gefangennehmung bereichert, auf wessen Seite? der Bettlerin. Die Katastrophe ist eine Vermählungsfeier, auf wessen Seite? des Königs? – Nein, auf beiden in einer, oder einer in beiden Seiten. Ich bin der König, denn so fodert es das Gleichnis; Du die Bettlerin, denn so zeuget Deine Niedrigkeit. Soll ich Deine Liebe erheischen? ich könnte es; soll ich Deine Liebe erzwingen? ich dürfte es; soll ich um Deine Liebe werben? ich will es. Was wirst Du eintauschen für Litzen? Spitzen; für Bürden? Würden; für Dich? – Mich! – Also, entgegenharrend Deiner Replik, profanier’ ich meine Lippen an Deinen Fuß, meine Augen an Dein Konterfei, und mein Herz an Dein Allenthalb; Dein in der innigsten Dahingebung der Dienstbeflissenheit Don Adriano de Armado.«
Also brüllt des Nemäerlöwen Schlund
Nach dir, du Lamm, das seiner Mordlust Ziel;
Vor seinem stolzen Fuß sink’ auf den Grund,
Und von dem Raubzeug neigt er sich zum Spiel.
[255] Doch sträubst du dich, was wird aus dir, o Seele?
Fraß seiner Wut, Proviant für seine Höhle.
PRINZESSIN.
Wer ist der Wetterhahn, der Federbusch, der Quast?
Hörtet Ihr Beßres je? Wer hat den Brief verfaßt?
BOYET.
Wenn ich mich recht besinne, kenn’ ich den harten Stil.
PRINZESSIN.
Ja, nennt ihn so! Selbst Knittel wär’ immer nicht zu viel.
BOYET.
Armado ist’s, ein Spanier, ein abgeschmackter Held,
Ein Phantast, ein Monarcho, dem König zugesellt
Und seinen Buchgenossen.
PRINZESSIN.
Mein Freund, hör’ auf ein Wort!
Wer gab dir jenen Brief?
SCHÄDEL.
Wie ich Euch sagte, Mylord.
PRINZESSIN.
Wem solltest du ihn geben?
SCHÄDEL.
Von ihm an jenes Fräulein.
PRINZESSIN.
Von wem an welches Fräulein? –
SCHÄDEL.
Vom gnäd’gen Herrn Biron bin ich hieher gesandt.
An eine Dam’ aus Frankreich, Lady Rosaline genannt.
PRINZESSIN.
Der Brief ward falsch bestellt. Ihr Herren, fort von hier;
Begnüge dich, mein Kind: bald wird der rechte dir.

Die Prinzessin mit ihrem Gefolge geht ab.

BOYET.
O sprich, wer ist der Geschoßne?
ROSALINE.
Sag’ ich’s Euch frei und offen? –
BOYET.
Ja, Ausbund aller Schönheit.
ROSALINE.
Der Hirsch, den sie getroffen.
Schön abpariert! –
BOYET.
Die Prinzessin schießt nach Hornwild, doch wirst du einst heiraten,
Zehn gegen eins, daß in dem Jahr die Hôrner trefflich geraten.
Pariere den! –
ROSALINE.
So hört, ich bin die Geschoßne.
BOYET.
Und wer ist der Jäger allhier? –
ROSALINE.
Er trägt sein Horn an der Hüfte, und nicht am Kopf wie Ihr.
Pariere den! –
MARIA.
Ihr ruht nicht, bis sie Euch trifft; wahrt Euch die Stirn mit dem Hut!
BOYET.
Sie selber traf man tiefer schon: nicht wahr, da zielt’ ich gut?
[256] ROSALINE. Soll ich gegen dich anrücken mit einem alten Reim, der schon ein Mann war, als König Pipin von Frankreich noch als ein kleiner Bube herumlief, was das Treffen anbelangt?
BOYET. Wenn ich mich verschanzen darf mit einem ebenso alten, der ein Weib war, als Königin Ginevra von Britannien noch ein kleines Mädchen, was das Treffen anbelangt?
ROSALINE.
Du kannst nicht treffen, treffen, treffen,
Du kannst nicht treffen, mein guter Hans.
BOYET.
Schon gut, ich kann nicht, kann nicht, kann nicht;
Kann ich’s nicht, nun, ein andrer kann’s.

Rosaline und Katharine ab.

SCHÄDEL.
Beim Element, recht lustig! – Wie gut die beiden sich hielten!
MARIA.
Die Scheiben trafen sie trefflich, sooft sie zusammenzielten.
BOYET.
Die Scheiben, sagt Ihr, Fräulein? Nun, daß wir nichts vergessen,
Der Scheibe gebührt ein Pflock, um recht den Schuß zu messen.
MARIA.
O weit nach links gefehlt! – Ihr seid jetzt nicht bei der Hand.
SCHÄDEL.
Jawohl, um die Mitte zu treffen, nehmt näher Euren Stand!
BOYET.
Ich nicht bei der Hand? Dann zeigt mir, wie Ihr den Pfeil regiert?
SCHÄDEL.
Gebt acht! Sie gewinnt den Kernschuß, der Pflock wird ruiniert.
MARIA.
Kommt, kommt, Ihr sprecht zu gröblich, den Anstand ganz verletzend!
SCHÄDEL.
Ihr trefft sie weder mit Schuß noch Stich, das Spiel ist nicht ergötzend.
BOYET.
So flücht’ ich vor dem rauhen Kampf, mich dort zur Ruhe setzend.

Boyet und Maria gehn ab.

SCHÄDEL.
Mein’ Seel’, ein blöder Schäfer! Ein rechter simpler Tropf! –
O je, wie hieben die Damen und ich ihn über den Kopf!
[257] Blitz, welche niedliche Späße! Der Witz wie korrupt und zierlich!
Wenn’s so glatt von der Zunge haspelt, so recht obszön und manierlich!
Narmado auf einer Seite, – welch nobler, preislicher Held!
Wie er sich spreizt vor den Fräuleins! Wie hübsch er den Fächer hält,
Und küßt sich im Gehn die Hand! Und versteht sich auf Schwüre so sauber!
Dann auf der andern sein Page, wie sticht er Euch Silbe um Silbe,
Die kleine Hand voll Witz! die stolze pathetische Milbe!

Jagdgeschrei hinter der Szene: »Holla! Holla!« Schädel geht ab.
Vierter Aufzug
Erste Szene

[263] Im Park.

Biron tritt auf, ein Papier in der Hand.

BIRON. Der König jagt das Wild, ich hetze mich selbst; sie sind erpicht auf ihre Netze, ich bin umnetzt von Pech; Pech, welches besudelt; besudelt! ein garstiges Wort! – Nun, setze dich, Gram! – denn so, sagt man, sprach der Narr; und so sag’ ich, ich, der Narr. Wohl bewiesen mein Witz! – Beim Himmel, diese Liebe ist so toll, wie Ajax, sie tötet Schafe: sie tötet mich, mich das Schaf. Abermals wohl bewiesen meinerseits! – Ich will nicht lieben: wenn ich’s tue, hängt mich auf; auf Ehre, ich will’s nicht. Ach, aber ihr Auge! Beim Sonnenlicht, wär’s nicht um ihres Auges willen, ich würde sie nicht lieben; ja, um ihrer beiden Augen willen; wahrhaftig, ich tue nichts in der Welt als lügen, und in meinen Hals hineinlügen. Beim Himmel, ich liebe, und das lehrt mich reimen und schwermütig sein, und hier ist ein Stück von meinem Gereim und von meiner Schwermut. Nun, eins von meinen Sonetten hat sie schon: der Tölpel bracht’ es, der Narr sandt’ es, und das Fräulein hat es: süßer Tölpel, süßerer Narr, süßestes Fräulein! Bei Gott, ich wollte alles drum geben, wenn die drei andern auch soweit wären. Hier kommt einer mit einem Papier: gebe der Himmel, daß er seufzen möge! – Er versteckt sich.
KÖNIG. Weh mir!
BIRON beiseit. Angeschossen, beim Himmel! Nur zu, liebster Cupido; du hast ihm mit deinem Vogelbolzen eins unter die linke Brust abgegeben. Wahrhaftig, Geschriebenes? –
[264] KÖNIG liest.

»So lieblich küßt die goldne Sonne nicht
Die Morgenperlen, die an Rosen hangen,
Als deiner Augen frisches Strahlenlicht
Die Nacht des Taus vertilgt auf meinen Wangen.

Der Silbermond nur halb so glänzend flimmert
Durch der kristallnen Fluten tiefe Reine,
Als dein Gesicht durch meine Tränen schimmert:
Du strahlst in jeder Träne, die ich weine.

Dich trägt als Siegeswagen jede Zähre,
Auf meinem Schmerz fährt deine Herrlichkeit;
So schau, wie ich die Tränenschar vermehre,
Es wächst dein Ruhm, je herber wird mein Leid.

Doch liebe dich nicht selbst; die Tränen scheinen
Dir Spiegel sonst, und ewig müßt’ ich weinen.
O aller Jungfrau’n Haupt, du hochgekröntes,
Kein Geist erdenkt dein Lob, kein Mund ertönt es!«

Wie wird mein Leid dir kund? Hier lieg’ du, Blatt:
Birg Torheit, freundlich Laub! Wer tritt hervor?

Der König tritt auf die Seite. Longaville kommt mit einem Papiere.

Was, Longaville und lesend? Horch, mein Ohr!
BIRON beiseit.
In gleicher Herrlichkeit der dritte Tor! –
LONGAVILLE.
Weh mir, ich brach den Schwur! –
BIRON beiseit.
Er trägt den Zettel
Wie einer, der für Meineid steht am Pranger! –
KÖNIG beiseit.
Verliebt? Genossenschaft wird Scham versüßen!
BIRON beiseit.
Ein Trunkenbold wird gern den andern grüßen.
LONGAVILLE.
Ich bin wohl nicht meineidig so allein.
BIRON beiseit.
Ich könnte leicht dich trösten, ich weiß sogar von zwein!
Wir woll’n als Kleeblatt uns, als Triumvirn assoziieren,
Die Redlichkeit am Tyburn des Amor strangulieren.
LONGAVILLE.
Wenn Rührung nur dem starren Vers nicht fehlte!
O süßes Kind, Maria, Auserwählte! –
Die Reime da zerreiß’ ich, schreib’ in Prose.
[265] BIRON beiseit.
Reime sind Schleifen an Cupidos Hose;
Verdirb ihm nicht die Ware!
LONGAVILLE.
Ja, so geht’s.

Liest das Sonett.

»Nur die Rhetorik deiner Himmelsblicke
(Die Welt kann ihr nicht bündig widersprechen)
Verführte mich zu dieses Meineids Tücke;
Nicht sträflich ist’s, um dich den Schwur zu brechen.

Dem Weib entsagt’ ich: doch ist sonnenklar,
Da Göttin du, niemals entsagt’ ich dir;
Himmlisch bist du, mein Eid nur irdisch war;
Geheiligt dir, heilt jede Sünd’ in mir.

Ein Schwur ist Hauch, und Hauch ist Dunst; o schein’
Auf meine Erde, Sonne, du mein Licht,
Zieh’ auf das Dunstgelübd’, dann ist es dein:

Gebrochen dann, tat ich die Sünde nicht.
Ja, bräch’ ich’s auch, kein Tor wird sich besinnen,
Um Wortsverlust den Himmel zu gewinnen.«
BIRON beiseit.
O brünst’ge Liebesglut! Das nenn’ ich Ketzerei!
Ein unreif Gänschen verehren, als ob’s ‘ne Göttin sei!
Gott helf’ uns, ach, Gott helfe! Verirrten wir uns so weit? –
LONGAVILLE.
Durch wen nur send’ ich es? Halt! Gesellschaft? ich trete beiseit.

Er tritt auf die Seite. Dumain kommt.

BIRON beiseit.
Versteckt in allen Ecken, ein Spiel aus Kinderzeit!
Ich throne wie ein Halbgott, verhüllt in meiner Wolke,
Zu strenger Aufsicht diesem höchst argen Sündervolke.
Noch neue Säcke zur Mühle? O mehr als Hoffen verhieß!
Dumain ist auch verwandelt: vier Schnepfen an einem Spieß!
DUMAIN.
O Käthchen, göttlich Käthchen!
BIRON beiseit.
O Tropf, profaner Tropf!
DUMAIN.
Beim Himmel! Als ein Wunder jeglichen Blick vergnügst du!
BIRON beiseit.
Bei der Erde, sie ist keins, o Menschenkind, dies lügst du.
[266] DUMAIN.
Ihr Ambrahaar beschämt den Ambra selber.
BIRON beiseit.
Merkwürdig genug! Ein Rab’, ein ambragelber! –
DUMAIN.
Wie Zedern schlank!
BIRON beiseit.
Ist guter Hoffnung nicht
Ihr Schulterblatt?
DUMAIN.
Glanzvoll, wie Tageslicht! –
BIRON beiseit.
O ja, nur muß die Sonne just nicht scheinen.
DUMAIN.
O hätt’ ich meinen Wunsch!
LONGAVILLE beiseit.
Und ich den meinen!
KÖNIG beiseit.
Und ich den meinen auch, du edler Lord!
BIRON beiseit.
Amen, und meinen ich: das war ein trefflich Wort.
DUMAIN.
Wo find’ ich Ruh’? Sie glüht als Fieber täglich
Im Blut mir; sie vergessen wird unmöglich.
BIRON beiseit.
In deinem Blut? Dann mußt du Ader lassen,
Und, schöner Unsinn! fängst sie auf in Tassen.
DUMAIN.
Noch einmal les’ ich durch, was ich geschrieben.
BIRON beiseit.
Noch einen seh’ ich hier, verdummt durch Lieben.
DUMAIN liest.
»Einst – o wehe, muß ich klagen! –
In des Maies Liebestagen
Spähte Lieb’ ein Röslein duftig,
Wie’s am Stengel schwankte luftig;
Durch den Samt der Blätter wehn
Schmeichelwinde ungesehn:
Der Geliebt’, in Todespein,
Wünscht des Himmels Hauch zu sein.
Luft, spricht er, küßt deine Wangen,
Könnt’ ich den Triumph erlangen! –
Schwur, ach! hält die Hand zurücke;
Daß sie nicht vom Dorn dich pflücke;
Ach, so schwört die Jugend nicht,
Die so gerne Blüten bricht.
Nenn’ es Sünde nicht, daß ich
Jene Eide brach für dich.
Dir ja hätte Zeus geschworen,
Juno gleiche schwarzen Mohren;
Sterblich stieg’ er selbst zur Erden,
Um in Liebe dein zu werden.«
[267] Dies send’ ich, will noch klarer ihr in Bildern
Der treuen Liebe Sehnsuchtsqualen schildern.
O daß der Fürst, Biron und Longaville
Auch liebten! Spielt hier jeder böses Spiel,
Wird meiner Stirn der Makel fortgeschafft:
Denn keiner fehlt, sind alle gleich vergafft.
LONGAVILLE hervortretend.
Dumain, fern ist dein Lieben aller Gnade!
Genossen willst du auf verliebtem Pfade? –
Oh, sieh nur blaß; ich weiß, ich würd’ erröten,
Fänd’ ich mich so ertappt im Übertreten.
KÖNIG hervortretend.
Ja, werde rot, dein Fall ist gleich so schwer!
Du schiltst auf ihn und sündigst zweimal mehr;
Du liebst wohl nicht Marien? Longaville
Schrieb niemals ein Sonett im hohen Stil? –
Hielt auf der Brust die Arme nie gefalten,
Um nieder nur sein klopfend Herz zu halten?
Hier im Gebüsch, das schirmend mich versteckt,
Sah ich euch beid’ und war für beid’ erschreckt.
Die freveln Reime last ihr recht beweglich,
Die Seufzer dampften auf, ihr stöhntet kläglich;
Der rief zum Zeus, der ließ ein Ach! erschallen.
Der nannt’ ihr Haar Gold, der ihr Aug’ Kristallen,
Der wollt’ um Meineid sich den Himmel kaufen,
Der ließ den Zeus der Juno selbst entlaufen.
Wie spottet wohl Biron, wenn er erfuhr,
Gebrochen sei, was man so eifrig schwur;
Wie wird er euch verlachen, jubilieren,
Und Witze sprühn und höhnisch triumphieren!
Um alle Schätze, die ich je gesehn,
Ich möcht’ ihm so nicht gegenüber stehn.
BIRON hervortretend.
Jetzt, Heuchelei, jetzt ist’s um dich geschehn:
Verzeih’, o mein erlauchter Souverän!
Mit welchem Anstand schiltst du diese Kälber:
Sag, gutes Herz, wer liebt mehr als du selber?
Dein Aug’ ist nie ein Wagen? Wenn es weint,
Gibt’s keine Fürstin, die drin widerscheint?
[268] Du brichst um keinen Preis den Eid, ich wette,
Und nur ein Bänkelsänger schreibt Sonette.
Schämt ihr euch nicht? Ihr schämt euch ohne Frage,
Ihr alle drei, daß dies so kam zu Tage.
Du fand’st an ihm, der Fürst an dir den Splitter;
Ich euren Balken, ihr drei Liebesritter.
O Himmel, welch ausbünd’ge Narrenszene,
Von Seufzen, Gram, von Ächzen, von Gestöhne!
Wie ernsthaft blieb ich, als vor meinem Blicke
Ein hoher Fürst sich umgeformt zur Mücke!
Als Herkules, der Held, den Kreisel drehte
Und Salomo ein Gassenliedchen krähte,
Nestor mit Kindern Seifenblasen machte
Und Läst’rer Timon über Possen lachte!
Wo schmerzt es dich, Freund Longaville, gesteh’ es?
Wo, Dumain, fließt die Quelle deines Wehes?
Wo Eurer Hoheit? Allen wohnt’s im Herzen! –
He, bringt ein Licht! –
KÖNIG.
Zu bitter wird dein Scherzen;
Sind wir durch deine Klugheit so verraten?
BIRON.
Nicht ihr durch mich, ich bin durch euch verraten:
Ich, stets so brav; ich; der’s wie Sünde scheut,
Zu brechen den von mir gelobten Eid,
Ich bin verraten, weil ich mich verband,
Menschen, so menschlich, so voll Unbestand.
Wann sah man mich ein Lied in Reime zwingen?
Um Lenen stöhnen? Wann den Tag verbringen
Mit Putzen? Wann vernahmt ihr, daß ich sang
Gedicht’ auf Hand, auf Wang’, auf Aug’ und Gang,
Figur, Natur, auf Stirn, auf Fuß und Zeh’,
Auf Lust und Brust?

Jacquenette und Schädel treten auf; als Biron sie kommen sieht, läuft er ihnen entgegen.

KÖNIG.
Wohin entläufst du? Steh!
Trabst du als Ehrlich oder Dieb so eilig?
BIRON.
Der Lieb’ entflieh’nd, nicht bei Verliebten weil’ ich.
JACQUENETTE.
Gott grüß’ den König!
[269] KÖNIG.
Bringst du was für mich? –
SCHÄDEL.
Was von Verrat, Herr!
KÖNIG.
Wie entspann er sich? –
SCHÄDEL.
Gesponnen ward er nicht.
KÖNIG.
Nun, wenn auch nicht gestrickt,
So seid Verrat und du nach Hause jetzt geschickt.
JACQUENETTE.
Seid doch so gut, Herr König: lest, was sich begeben hat,
Dem Pfarrer schien’s bedenklich; er sagt, es sei ein Verrat.
KÖNIG.
Nimm, Biron, lies ihn vor! Wer hat ihn dir gegeben?
JACQUENETTE.
Das war der Schädel da.
KÖNIG.
Wer hat ihn dir gegeben?
SCHÄDEL.
Tonn’ Adramotte war’s, Tonn’ Adramodio.
KÖNIG.
Wie nun, was ficht dich an? Warum den Brief zerstören?
BIRON.
‘s ist kein Verrat, mein König; ein Tand, das kann ich beschwören.
LONGAVILLE.
Er bracht’ ihn ganz in Zorn, und deshalb woll’n wir ihn hören.
DUMAIN.
‘s ist Birons Hand, wahrhaftig, und hier sein Name dazu.
BIRON.
O Tölpel, verdammter Tropf! Mußt du mich beschämen? du?
Strafbar, mein König, strafbar; ich klage selbst mich an.
KÖNIG.
Wie das?
BIRON.
Euch fehlt ein vierter Narr: vollständig ist nun das Gespann.
Den, diesen, und Euch, mein Fürst, und mich traf gleiches Verderben;
Wir alle sind Gauner der Lieb’, und verdienen, des Todes zu sterben.
Entlaßt die edle Versammlung, und mehr noch meld’ ich Euch hier.
DUMAIN.
Was ungleich, ward jetzt eben.
BIRON.
Jawohl, wir sind nun vier.
Entfliegen die Tauben nicht bald?
KÖNIG.
Was zaudert ihr noch? Geht fort! –
SCHÄDEL.
Wir beiden Gerechten gehn, die Verräter bleiben am Ort.

Schädel und Jacquenette ab.

[270] BIRON.
Nun, Freunde, Liebende, seid mir umarmt! –
Wir sind so treu, als Fleisch und Blut nur reicht;
See ebbt und flutet, Winterluft erwarmt,
Jung Blut zerbricht die alte Satzung leicht.
Nicht zu umgehn ist, was uns selbst geboren:
Drum war der Eid im Schwur schon falsch geschworen.
KÖNIG.
Sprach Liebe jenes Blatt? Ich wette drauf!
BIRON.
Du fragst? Wer schaut zu Rosalinen auf,
Der gleich dem wilden Sohn des Inderstrands,
Wenn sich der Ost erschließt zu Pracht und Lust,
Nicht beugt das Haupt, anbetend seinen Glanz,
Und küßt den Staub mit untertän’ger Brust? –
Welch überkühnes Adlerauge wendet
Zur Sonne sich, von keiner Wolk’ umhüllt,
Und wird von ihrer Hoheit nicht geblendet? –
KÖNIG.
Welch Eifern? Welche Wut hat dich erfüllt?
Ein Mond, herrscht meine Dam’ in sanftem Licht,
Weil sie als Dienstgestirn kaum sichtbar funkelt.
BIRON.
Dann ist mein Sehn kein Sehn, ich Biron nicht;
Wär’ nicht mein Liebchen, Tag wär’ nachtumdunkelt.
Die Quintessenz der Farbenschönheit strahlt
Wie reinste Edelstein’ auf ihren Wangen;
Wie sich ein Bild aus tausend Reizen malt,
Ein Meisterwerk selbst meisterndem Verlangen.
Hätt’ ich den Zauber höchster Redekunst, –
Nein, sie bedarf dein nicht, erborgter Schimmer! –
Verkäuflich Gut empfehl’ des Käufers Gunst,
Sie steht zu hoch dem Lob für jetzt und immer.
Ein Mönch, verdorrt und hundert Winter alt,
Wirft funfzig ab, kann er ins Aug’ ihr blicken;
Schönheit verjüngt ihm kräftig die Gestalt,
Tauscht mit der Kindheit Wiege seine Krücken:
Oh, Licht und Leben strahlt sie gleich der Sonne.
KÖNIG.
Ei, deine Dam’ ist schwarz wie Ebenholz! –
BIRON.
Ist Ebenholz ihr gleich? O Holz der Wonne! –
Ein Weib, daraus gezimmert, wär’ mein Stolz.
Wo ist ein Buch? Fest soll mein Schwur bestehn,
Daß Schönheit selbst die Schönheit nicht erreicht,
[271] Lernt sie von ihrem Auge nicht das Sehn:
Und keine schön, die ihr an Schwärze weicht.
KÖNIG.
Sophisterei! Schwarz ist Livrei der Hölle,
Des Kerkers Farbe, Schule finstrer Nacht,
Und helles Weiß thront auf des Himmels Schwelle.
BIRON.
Zu täuschen, wählt der Teufel lichte Tracht.
Wenn Schwarz die Stirne meiner Liebsten deckt,
So trauert sie, daß falsches Haar, Karmin
Verliebte reizt mit täuschendem Aspekt;
Das Schwarz ward hell, da sie zur Welt erschien.
Ihr Antlitz lenkt die Mod’ auf neue Bahn,
Natürlich Blut hört man als Schminke schelten:
Und Rot, des Glänzen gilt für eitlen Wahn,
Färbt schwarz sich, ihrer Stirne gleich zu gelten.
DUMAIN.
Ihr gleich zu sein, sind schwarz die Schornsteinfeger!
LONGAVILLE.
Seit sie erschien, dünkt sich der Köhler schmuck.
KÖNIG.
Mit seiner holden Farbe prangt der Neger!
DUMAIN.
Spart alle Kerzen, Nacht ist hell genug.
BIRON.
Die Damen, die ihr wähltet, scheun den Regen,
Er möcht’ an ihrer muntern Schminke naschen.
KÖNIG.
Doch deiner, dächt’ ich, käm’ er recht gelegen:
Du nennst die Schönste, die sich nicht gewaschen.
BIRON.
Währt’s bis zum Jüngsten Tag, ihr Schönsein preis’ ich!
KÖNIG.
Dann schreckt ihn mehr als sie der Teufel nicht.
DUMAIN.
Kein Mensch war so vergafft in Dorn und Reisig!
LONGAVILLE.
Sieh hier ihr Bild: mein Schuh und ihr Gesicht.
BIRON.
Oh, wären deine Augen Pflastersteine,
Ihr Fuß wär’ viel zu zart, um drauf zu gehn!
DUMAIN.
Damit recht deutlich dann der Straß’ erscheine,
Was sonst, wenn auf dem Kopf man steht, zu sehn.
KÖNIG.
Sind alle wir verliebt? – All’ aus dem Gleise? –
BIRON.
Unleugbar; und meineidig alle drei.
KÖNIG.
So schweigt nun, und Biron, mein Freund, beweise,
Daß Lieb’ erlaubt und nicht ein Treubruch sei!
DUMAIN.
O ja, reich’ etwas Balsam diesem Zweifel!
LONGAVILLE.
Ach, stände jetzt dir Weisheit zu Gebot,
Logik und List, zu prellen klug den Teufel!
[272] DUMAIN.
Tinktur für Meineid!
BIRON.
Wahrlich, die tut not.
Auf, ins Gewehr, streitbare Liebesritter! –
Erwägt, was ihr zuerst beschworen habt:
Fasten, studieren, keine Frauen sehn; –
Klarer Verrat am Königtum der Jugend.
Sagt, könnt ihr fasten? Ihr seid all’ zu jung;
Und die Enthaltsamkeit zeugt Krankheit nur;
Und als ihr zu studieren habt gelobt,
Da habt ihr euerm Buch schon abgeschworen.
Könnt ihr stets träumen, grübeln, darauf starren?
Wie hättet Ihr, o Herr, und Ihr, und Ihr
Erforscht die Herrlichkeit der Wissenschaft,
Half euch die Schönheit nicht der Frau’ngesichter?
Aus Frauenaugen zieh’ ich diese Lehre;
Sie sind der Grund, das Buch, die hohe Schule,
Aus der Prometheus’ echtes Feu’r entglüht.
Ei, stets sich abarbeiten, kerkert ein
Die raschen Lebensgeister im Geblüt,
Wie rastlos angestrengtes Wandern endlich
Die Sehnenkraft des Reisenden ermüdet.
Nun, wollt ihr nie ein Frauenantlitz schaun,
Habt den Gebrauch der Augen ihr verschworen
Und auch das Studium, dem ihr euch gelobt.
Denn, welcher Autor in der ganzen Welt
Lehrt solche Schönheit, wie ein Frauenauge?
Das Wissen ist ein Anhang nur zu uns,
Und wo wir sind, ist unser Wissen auch.
Drum, wenn wir uns in Mädchenaugen sehn,
Sehn wir nicht gleichfalls unser Wissen dort? –
Oh, wir gelobten Studien, werte Lords:
Mit dem Gelübd’ entsagten wir den Büchern.
Wie hättet Ihr, o Herr, und Ihr, und Ihr
Durch bleierne Betrachtung je ersonnen
So glüh’nden Vers, als den begeisternd Augen
Von Schönheitspflegerinnen euch gespendet? –
Das andre träge Wissen bleibt im Hirn,
Und deshalb finden seine dürren Knechte
[273] Mühsel’ge Ernte kaum nach schwerem Dienst.
Doch Lieb’, in Frauenaugen erst gelernt,
Lebt nicht allein vermauert im Gehirn,
Nein, mit der Regung aller edlen Geister
Strömt sie gedankenschnell durch jede Kraft
Und zeugt jedweder Kraft zwiefache Kraft,
Weit höher als ihr Wirken und ihr Amt.
Die feinste Schärfe leiht sie dem Gesicht;
Wer liebt, des Auge schaut den Adler blind.
Wer liebt, des Ohr vernimmt den schwächsten Laut,
Wo selbst des Diebs argwöhnisch Horchen taub ist.
Die Liebe fühlt empfindlicher und feiner,
Als der beschalten Schnecke zartes Horn;
Schmeckt sie, wird Bacchus’ leckre Zunge stumpf;
Ist Lieb’ an Kühnheit nicht ein Herkules,
Der stets der Hesperiden Bäum’ erklimmt? –
Schlau wie die Sphinx, so süß und musikalisch
Wie Phöbus’ Lei’r, bespannt mit seinem Haar? –
Wenn Liebe spricht, dann lullt der Götter Stimme
Den Himmel ein durch ihre Harmonie;
Nie wagt’s ein Dichter und ergriff die Feder,
Eh’ er sie eingetaucht in Liebesseufzer! –
Dann erst entzückt sein Lied des Wilden Ohr,
Pflanzt in Tyrannen holde Menschlichkeit.
Aus Frauenaugen zieh’ ich diese Lehre:
Sie sprühn noch jetzt Prometheus’ echte Glut;
Sie sind das Buch, die Kunst, die hohe Schule,
Die alle Welt umfaßt, erläutert, nährt.
Sonst überall ist nichts Vollkommnes da.
Drum wart ihr Toren, diesen Frau’n entsagend,
Und haltet ihr den Schwur, so bleibt ihr Toren.
Der Weisheit halb, – ein Wort, das jeder liebt –
Der Liebe halb, – ein Wort, das jeden liebt –
Der Männer halb, die Schöpfer sind der Frau’n, –
Der Frauen halb, durch die wir Männer sind,
Laßt uns den Eid vernichten, uns zu retten,
Sonst retten wir den Eid, vernichten uns.
‘s ist Religion, meineidig so zu werden,
[274] Denn Gnade selber schrieb uns das Gebot;
Und wer mag Liebe trennen von der Gnade?
KÖNIG.
Sankt Amor denn! Und, Ritter, auf! Ins Feld! –
BIRON.
Voran die Banner, und zum Angriff, Lords;
Nieder mit ihnen, drängt und sprengt die Reih’n;
Doch seid bedacht, die Sonn’ im Kampf zu teilen.
LONGAVILLE.
Nun, schlicht und ehrlich, ohne viel Figuren:
Soll’n wir um die französ’schen Mädchen frein?
KÖNIG.
Frein und gedeihn: deshalb laßt uns ersinnen
Ein festlich Spiel für sie in ihren Zelten!
BIRON.
Erst führen wir hieher sie aus dem Park,
Dann heimwärts leit’ ein jeder an der Hand
Sein schönes Liebchen; diesen Nachmittag
Soll sie ein art’ger Zeitvertreib ergötzen,
So gut die kurze Zeit vergönnen will;
Es bahnen Spiele, Masken, Fest’ und Tänze
Den Weg der Lieb’ und streun ihr Blumenkränze.
KÖNIG.
Fort, daß wir müßig nicht die Zeit versitzen:
Die Stunde, die noch unser, laßt uns nützen!
BIRON.
Allons! Wer Unkraut sät, drischt kein Getreide,
Gerechtigkeit wägt stets in richt’gen Schalen;
Der Dirnen Leichtsinn straft gebrochne Eide;
Nichts Beßres kaufen, die mit Kupfer zahlen.

Sie gehn ab.
Zweite Szene

[274] Ebendaselbst.

Holofernes, Nathanael und Dumm treten auf.

HOLOFERNES. Satis quod sufficit.
NATHANAEL. Ich preise Gott für Euch, Sir; Euere Tischreden waren vielgekörnt und sentenzenreich, ergötzlich ohne Skurrilität, witzig ohne Affektation, kühn ohne Frechheit, gelahrt ohne Eigendünkel und paradox ohne Ketzerei. Ich diskurrierte an einem dieser quondam Tage mit einem Gesellschafter des Königs, welcher tituliert, benamset oder genannt wird Don Adriano de Armado.
[275] HOLOFERNES. Novi hominem tanquam te: sein Humor ist hochfliegend, seine Redeweise gebieterisch, seine Zunge pfeilscharpf, sein Auge ehrsüchtig, sein Gang majestätisch, und sein Betragen überall pomphaft, lächerlich und thrasonisch. Er ist zu erlesen, zu verschniegelt, zu zierhaft, zu absonderlich, sozusagen; ja, daß ich mich des Ausdrucks bediene, zu ausländerisch.
NATHANAEL. Ein höchst eigentümliches und auserwähltes Prädikat. Er nimmt seine Schreibtafel.
HOLOFERNES. Er zeucht den Faden seiner Loqua zität feiner, als es der Wollenvorrat seiner Gedanken verträgt. Ich abscheue dergleichen adrogante Phantasmen, solche ungeselligliche und zierausbündige Pürschlein, solche Folterknechte Ortographiae, als die da sagen: »kein« statt: »nicht ein«; – »Harfe« statt: »Harpfe«; er spricht statt: »er scheußet«, »er schießt«; »ich verleure«, vocatur »verliere«; er benamset einen »Nachbauer«, »Nachbar«; »Viech«, abbreviieret, »Vieh«; Pfui (welches er verunstalten würde in »fi«)! solches ist ein Scheuel und Greuel; es reget in mir auf Ingrimmigkeit; ne intelligis, domine? machet mich fast gallenerbittert, ja abersinnig.
NATHANAEL. Laus deo, bone intelligo.
HOLOFERNES. Bone? – bone, für bene: Priscianus einigermaßen geohrfeiget: muß hingehen.
Armado, Motte und Schädel treten auf.

NATHANAEL. Videsne qui venit?
HOLOFERNES. Video et gaudeo.
ARMADO. Bursch, –
HOLOFERNES. Quare Bursch? warum nicht Pursch? –
ARMADO. Männer des Friedens, willkommen!
HOLOFERNES. Höchst kriegerischer Herr, Salutationem.
MOTTE beiseit zu Schädel. Sie sind auf einem großen Schmaus von Sprachen gewesen und haben sich die Brocken gestohlen.
SCHÄDEL. Oh, sie zehren schon lange aus dem Almosenkorb der Worte. Mich wundert, daß dein Herr dich nicht schon als ein Wort aufgegessen hat; denn du bist von Kopf zu Fuß [276] noch nicht so lang als honorificabilitudinitatibus: man schlingt dich leichter hinunter als ein Mandelschiffchen.
MOTTE. Still, das Läuten fängt an.
ARMADO zu Holofernes. Monsieur, seid Ihr kein Literatus?
MOTTE. Ja, ja, er erklärt den Buben die Fibel. Was reimt sich auf Graf und trägt Hörner auf dem Kopf? –
HOLOFERNES. Auf Graf, pueritia?
MOTTE. Ihr selbst, o einfältiges Schaf, mit Euren Hörnern: da hört Ihr nun seine Gelehrsamkeit.
HOLOFERNES. Quis, quis, du Konsonant? –
MOTTE. Begreift Ihr’s nicht? – Teilt euch einmal in den Namen Erich, laßt den die erste Hälfte sagen, und sprecht Ihr die zweite, da sollt Ihr’s hören. Wer ist das Schaf?
ARMADO. Er.
HOLOFERNES. Ich.
ARMADO. Nun, bei der salzigen Woge des Mediterraneums, ein artiger Stoß, eine lebhafte Stoccata: tiktak, spitzig und witzig: es erfreut meinen Scharfsinn: es ist echter Humor, dem Sitz des Hauptes entsprossen.
MOTTE. Oder echte Sprossen, die auf dem Haupte sitzen.
HOLOFERNES. Was besaget diese Allusion? diese Figur?
MOTTE. Hörner.
HOLOFERNES. Du disputierest wie Infantia; geh, peitsche deinen Kreisel!
MOTTE. Leiht mir Euer Horn, einen draus zu drechseln und herumzupeitschen Eure infamia, circum, circa: ein Kreisel von Hahnreihorn! –
SCHÄDEL. Und hätte ich nur einen Pfennig im Sack, du solltest ihn haben, um dir Pfeffernüsse zu kaufen; halt, da ist noch dieselbe Remuneration, die ich von deinem Herrn bekam, du Hellerbüchse von Witz, du Taubenei von Manierlichkeit. Ei, wenn’s der Himmel doch so gefügt hätte, daß du nur mein Bastard wär’st! Zu welchem freudigen Vater würdest du mich machen! – Geh, Kleiner, du triffst es ad unken, den Nagel auf den Kopf, wie man zu sagen pflegt.
HOLOFERNES. Oho, ich wittere falsches Latein; – für ad unguem.
[277] ARMADO. Kunstmann, praeambula; wir wollen uns abscheiden von den Barbaren. Diszipliniert Ihr nicht pueritiam in dem Scholarchengebäude auf dem Haupte des Gebirges?
HOLOFERNES. Oder auf mons, dem Hügel.
ARMADO. Je nach Eurem gütigen Wohlgefallen, statt des Gebirgs.
HOLOFERNES. Also tue ich, senza dubbio.
ARMADO. Sir, es ist des Königs allerliebstes Wohlmeinen und Affektation, die Prinzessin zu beglückwünschen in ihren Pavilionen, in den Posterioribus des Tages, welche der rohe Pöbel nennt – Nachmittag.
HOLOFERNES. Die Posteriora des Tages, höchst edelmütiger Ritter, sind adäquat, kongruent und anfügsam für den Nachmittag; das Wort ist selekt, erlesen süß und würzig, das beteuere ich, hochansehnlicher Herr, das beteuere ich.
ARMADO. Herr, der König ist ein wackrer Edelmann, und mein vertrauter, ich darf sagen, mein sehr guter Freund, – was innerlich unter uns vorgeht, dessen sei nichts erwähnt; ich bitte dich, gedenke nicht dieses Zeremoniells, ich bitte dich, laß dein Haupt gedeckt, – und benebst andern gewichtvollen und höchst ernstlichen Entwürfen – und gewiß von nachdrücklichem Gewicht –, aber dessen sei nichts erwähnt –: denn ich muß dir sagen, es ist Seiner Majestät gefällig – beim Sonnenlicht! –, manchmal sich zu lehnen auf meine unwürdige Schulter, und mit ihren königlichen Fingern so zu tändeln mit meinem Auswuchs, meinem Knebelbart: allein, süßes Herz, dessen sei nichts erwähnt. Beim Licht des Äthers! ich trage dir keine Fabeln vor; manche sonderliche und ausbündige Ehren gefällt es seiner Machtvollkommenheit zu erweisen dem Armado, einem Soldaten, einem Vielgewanderten, einem, der die Welt gesehn, aber dessen sei nichts erwähnt. Der eigentliche Kern des allen ist – aber, süßes Herz, ich flehe um Verschwiegenheit –, daß der König verlangt, ich solle die Prinzessin, sein holdes Lamm, regalieren mit einer vorzüglichen Ostentation, Prunkschau, einem Aufzug, Mummenschanz oder Feuerwerk. Nun, wohlwissend, wie der Pfarrer und Euer süßes Selbst tüchtig seid [278] für dergleichen Ausbruch und plötzlichen Erguß der Hilarität, habe ich Euch hievon verständiget, in Absicht, Euren Beistand in Ansprache zu nehmen.
HOLOFERNES. Ritter, dann müsset Ihr die neun Helden vor ihr agieren. Sir Nathanael – was da anbelanget eine Zeitkürzung, eine Schaustellung in den Posterioribus dieses Tages, welche aufgeführet werden soll durch unsre Mitwirkung, auf der Majestät Gebot, und dieses höchst galanten, illustrierten und gelahrten Edelmannes vor der Prinzessin, – behaupte ich nicht eines so angemessen als eine Darstellung der neun Helden.
NATHANAEL. Wo finden wir Männer, die heldenhaft genug sein, sie darzustellen? –
HOLOFERNES. Den Josua, Ihr selbsten; ich oder dieser dapfre Edelmann, den Judas Makkabäus; dieser Schäfer hier vermöge seiner großen Struktur und Gliederfügung soll Pompejus den Großen übernehmen; der Page den Herkules.
ARMADO. Verzeiht, Herr, ein Irrtum: er hat nicht Quantität genug für jenes Helden Daumen; er ist nicht so dick als der Knopf seiner Keule.
HOLOFERNES. Vergönnet man mir Anhörung? Er soll den Herkules agieren in seiner Minorennität, sein Auftreten und sein Abschreiten soll sein die Erdrosselung des Lindwurmes; und ich werde eine Apologie für diesen Endzweck in Bereitschaft halten.
MOTTE. Vortrefflich ersonnen! Wenn dann einer von den Zuhörern zischt, so könnt Ihr rufen: »Recht so, Herkules, nun würgst du die Schlange«; so gibt man den Fehlern eine Wendung, obgleich wenige gewandt genug sind, das mit Anstand auszuführen.
ARMADO. Und das Residuum der Heldenzahl?
HOLOFERNES. Drei will ich selbsten spielen.
MOTTE. Dreimal heldenhafter Mann! –
ARMADO. Soll ich euch etwas anvertrauen?
HOLOFERNES. Wir horchen auf.
ARMADO. Wann dies nicht erkleckt, agieren wir einen Mummenschanz. Ich ersuch’ euch, kommt!
[279] HOLOFERNES. Animo, Gevatter Dumb! du hast die ganze Zeit kein Wort gesagt.
DUMM. Auch keins verstanden, Herr.
HOLOFERNES. Andiamo, wir wollen dich anstellen.
DUMM. Ich will eins tanzen, oder so; oder ich will den Helden eins auf der Trommel spielen, dann sollen sie den Bauerntanz drehn.
HOLOFERNES. Ja, du ehrlicher, dümblicher Dumb; wir wollen an die Arbeit gehn.

Sie gehn ab.
Zweite Szene

[274] Ebendaselbst.

Holofernes, Nathanael und Dumm treten auf.

HOLOFERNES. Satis quod sufficit.
NATHANAEL. Ich preise Gott für Euch, Sir; Euere Tischreden waren vielgekörnt und sentenzenreich, ergötzlich ohne Skurrilität, witzig ohne Affektation, kühn ohne Frechheit, gelahrt ohne Eigendünkel und paradox ohne Ketzerei. Ich diskurrierte an einem dieser quondam Tage mit einem Gesellschafter des Königs, welcher tituliert, benamset oder genannt wird Don Adriano de Armado.
[275] HOLOFERNES. Novi hominem tanquam te: sein Humor ist hochfliegend, seine Redeweise gebieterisch, seine Zunge pfeilscharpf, sein Auge ehrsüchtig, sein Gang majestätisch, und sein Betragen überall pomphaft, lächerlich und thrasonisch. Er ist zu erlesen, zu verschniegelt, zu zierhaft, zu absonderlich, sozusagen; ja, daß ich mich des Ausdrucks bediene, zu ausländerisch.
NATHANAEL. Ein höchst eigentümliches und auserwähltes Prädikat. Er nimmt seine Schreibtafel.
HOLOFERNES. Er zeucht den Faden seiner Loqua zität feiner, als es der Wollenvorrat seiner Gedanken verträgt. Ich abscheue dergleichen adrogante Phantasmen, solche ungeselligliche und zierausbündige Pürschlein, solche Folterknechte Ortographiae, als die da sagen: »kein« statt: »nicht ein«; – »Harfe« statt: »Harpfe«; er spricht statt: »er scheußet«, »er schießt«; »ich verleure«, vocatur »verliere«; er benamset einen »Nachbauer«, »Nachbar«; »Viech«, abbreviieret, »Vieh«; Pfui (welches er verunstalten würde in »fi«)! solches ist ein Scheuel und Greuel; es reget in mir auf Ingrimmigkeit; ne intelligis, domine? machet mich fast gallenerbittert, ja abersinnig.
NATHANAEL. Laus deo, bone intelligo.
HOLOFERNES. Bone? – bone, für bene: Priscianus einigermaßen geohrfeiget: muß hingehen.
Armado, Motte und Schädel treten auf.

NATHANAEL. Videsne qui venit?
HOLOFERNES. Video et gaudeo.
ARMADO. Bursch, –
HOLOFERNES. Quare Bursch? warum nicht Pursch? –
ARMADO. Männer des Friedens, willkommen!
HOLOFERNES. Höchst kriegerischer Herr, Salutationem.
MOTTE beiseit zu Schädel. Sie sind auf einem großen Schmaus von Sprachen gewesen und haben sich die Brocken gestohlen.
SCHÄDEL. Oh, sie zehren schon lange aus dem Almosenkorb der Worte. Mich wundert, daß dein Herr dich nicht schon als ein Wort aufgegessen hat; denn du bist von Kopf zu Fuß [276] noch nicht so lang als honorificabilitudinitatibus: man schlingt dich leichter hinunter als ein Mandelschiffchen.
MOTTE. Still, das Läuten fängt an.
ARMADO zu Holofernes. Monsieur, seid Ihr kein Literatus?
MOTTE. Ja, ja, er erklärt den Buben die Fibel. Was reimt sich auf Graf und trägt Hörner auf dem Kopf? –
HOLOFERNES. Auf Graf, pueritia?
MOTTE. Ihr selbst, o einfältiges Schaf, mit Euren Hörnern: da hört Ihr nun seine Gelehrsamkeit.
HOLOFERNES. Quis, quis, du Konsonant? –
MOTTE. Begreift Ihr’s nicht? – Teilt euch einmal in den Namen Erich, laßt den die erste Hälfte sagen, und sprecht Ihr die zweite, da sollt Ihr’s hören. Wer ist das Schaf?
ARMADO. Er.
HOLOFERNES. Ich.
ARMADO. Nun, bei der salzigen Woge des Mediterraneums, ein artiger Stoß, eine lebhafte Stoccata: tiktak, spitzig und witzig: es erfreut meinen Scharfsinn: es ist echter Humor, dem Sitz des Hauptes entsprossen.
MOTTE. Oder echte Sprossen, die auf dem Haupte sitzen.
HOLOFERNES. Was besaget diese Allusion? diese Figur?
MOTTE. Hörner.
HOLOFERNES. Du disputierest wie Infantia; geh, peitsche deinen Kreisel!
MOTTE. Leiht mir Euer Horn, einen draus zu drechseln und herumzupeitschen Eure infamia, circum, circa: ein Kreisel von Hahnreihorn! –
SCHÄDEL. Und hätte ich nur einen Pfennig im Sack, du solltest ihn haben, um dir Pfeffernüsse zu kaufen; halt, da ist noch dieselbe Remuneration, die ich von deinem Herrn bekam, du Hellerbüchse von Witz, du Taubenei von Manierlichkeit. Ei, wenn’s der Himmel doch so gefügt hätte, daß du nur mein Bastard wär’st! Zu welchem freudigen Vater würdest du mich machen! – Geh, Kleiner, du triffst es ad unken, den Nagel auf den Kopf, wie man zu sagen pflegt.
HOLOFERNES. Oho, ich wittere falsches Latein; – für ad unguem.
[277] ARMADO. Kunstmann, praeambula; wir wollen uns abscheiden von den Barbaren. Diszipliniert Ihr nicht pueritiam in dem Scholarchengebäude auf dem Haupte des Gebirges?
HOLOFERNES. Oder auf mons, dem Hügel.
ARMADO. Je nach Eurem gütigen Wohlgefallen, statt des Gebirgs.
HOLOFERNES. Also tue ich, senza dubbio.
ARMADO. Sir, es ist des Königs allerliebstes Wohlmeinen und Affektation, die Prinzessin zu beglückwünschen in ihren Pavilionen, in den Posterioribus des Tages, welche der rohe Pöbel nennt – Nachmittag.
HOLOFERNES. Die Posteriora des Tages, höchst edelmütiger Ritter, sind adäquat, kongruent und anfügsam für den Nachmittag; das Wort ist selekt, erlesen süß und würzig, das beteuere ich, hochansehnlicher Herr, das beteuere ich.
ARMADO. Herr, der König ist ein wackrer Edelmann, und mein vertrauter, ich darf sagen, mein sehr guter Freund, – was innerlich unter uns vorgeht, dessen sei nichts erwähnt; ich bitte dich, gedenke nicht dieses Zeremoniells, ich bitte dich, laß dein Haupt gedeckt, – und benebst andern gewichtvollen und höchst ernstlichen Entwürfen – und gewiß von nachdrücklichem Gewicht –, aber dessen sei nichts erwähnt –: denn ich muß dir sagen, es ist Seiner Majestät gefällig – beim Sonnenlicht! –, manchmal sich zu lehnen auf meine unwürdige Schulter, und mit ihren königlichen Fingern so zu tändeln mit meinem Auswuchs, meinem Knebelbart: allein, süßes Herz, dessen sei nichts erwähnt. Beim Licht des Äthers! ich trage dir keine Fabeln vor; manche sonderliche und ausbündige Ehren gefällt es seiner Machtvollkommenheit zu erweisen dem Armado, einem Soldaten, einem Vielgewanderten, einem, der die Welt gesehn, aber dessen sei nichts erwähnt. Der eigentliche Kern des allen ist – aber, süßes Herz, ich flehe um Verschwiegenheit –, daß der König verlangt, ich solle die Prinzessin, sein holdes Lamm, regalieren mit einer vorzüglichen Ostentation, Prunkschau, einem Aufzug, Mummenschanz oder Feuerwerk. Nun, wohlwissend, wie der Pfarrer und Euer süßes Selbst tüchtig seid [278] für dergleichen Ausbruch und plötzlichen Erguß der Hilarität, habe ich Euch hievon verständiget, in Absicht, Euren Beistand in Ansprache zu nehmen.
HOLOFERNES. Ritter, dann müsset Ihr die neun Helden vor ihr agieren. Sir Nathanael – was da anbelanget eine Zeitkürzung, eine Schaustellung in den Posterioribus dieses Tages, welche aufgeführet werden soll durch unsre Mitwirkung, auf der Majestät Gebot, und dieses höchst galanten, illustrierten und gelahrten Edelmannes vor der Prinzessin, – behaupte ich nicht eines so angemessen als eine Darstellung der neun Helden.
NATHANAEL. Wo finden wir Männer, die heldenhaft genug sein, sie darzustellen? –
HOLOFERNES. Den Josua, Ihr selbsten; ich oder dieser dapfre Edelmann, den Judas Makkabäus; dieser Schäfer hier vermöge seiner großen Struktur und Gliederfügung soll Pompejus den Großen übernehmen; der Page den Herkules.
ARMADO. Verzeiht, Herr, ein Irrtum: er hat nicht Quantität genug für jenes Helden Daumen; er ist nicht so dick als der Knopf seiner Keule.
HOLOFERNES. Vergönnet man mir Anhörung? Er soll den Herkules agieren in seiner Minorennität, sein Auftreten und sein Abschreiten soll sein die Erdrosselung des Lindwurmes; und ich werde eine Apologie für diesen Endzweck in Bereitschaft halten.
MOTTE. Vortrefflich ersonnen! Wenn dann einer von den Zuhörern zischt, so könnt Ihr rufen: »Recht so, Herkules, nun würgst du die Schlange«; so gibt man den Fehlern eine Wendung, obgleich wenige gewandt genug sind, das mit Anstand auszuführen.
ARMADO. Und das Residuum der Heldenzahl?
HOLOFERNES. Drei will ich selbsten spielen.
MOTTE. Dreimal heldenhafter Mann! –
ARMADO. Soll ich euch etwas anvertrauen?
HOLOFERNES. Wir horchen auf.
ARMADO. Wann dies nicht erkleckt, agieren wir einen Mummenschanz. Ich ersuch’ euch, kommt!
[279] HOLOFERNES. Animo, Gevatter Dumb! du hast die ganze Zeit kein Wort gesagt.
DUMM. Auch keins verstanden, Herr.
HOLOFERNES. Andiamo, wir wollen dich anstellen.
DUMM. Ich will eins tanzen, oder so; oder ich will den Helden eins auf der Trommel spielen, dann sollen sie den Bauerntanz drehn.
HOLOFERNES. Ja, du ehrlicher, dümblicher Dumb; wir wollen an die Arbeit gehn.

Sie gehn ab.