Leben und Tod des Koenigs Johann

Leben und Tod des Koenigs Johann2013-10-12T08:09:44+00:00
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Leben und Tod des Königs Johann.

William Shakespeare

Übersetzt von Christoph Martin Wieland

Personen.

König Johann von England.
Prinz Heinrich, sein Sohn und Nachfolger.
Arthur, Herzog von Bretagne, Neffe des Königs.
Hubert, Vertrauter des Königs.
Pembrok, Essex, Salisbury und Bigot, Englische Lords.
Faulconbridge, nachmals Sir Richard Plantagenet, unehlicher Sohn
König Richards des Ersten.
Robert Faulconbridge, vermeynter Bruder des Bastards.
Jacob Gurney, Diener der Lady Faulconbridge.
Peter von Pomfret, ein Prophet.
Philipp, König von Frankreich.
Ludwig, der Dauphin.
Der Herzog von Östreich.
Cardinal Pandolpho, des Pabsts Legat.
Melun, ein Französischer vom Adel.
Chatilion, Französischer Gesandter bey König Johann.
Elinor, Königin-Mutter von England.
Constantia, Arthurs Mutter.
Blanca, Tochter Königs Alphonso von Castilien, und Nichte des
Königs Johann.
Lady Faulconbridge, Mutter des Bastard und des Robert Faulconbridge.
Bürger von Angiers, Herolde, Nachrichter, Boten, Soldaten und andre
stumme Personen.
Der Schauplaz, zuweilen in England, zuweilen in Frankreich.

Erster Aufzug.

Erste Scene.
(Der Engländische Hof.)
(König Johann, die Königin Elinor, Pembroke, Essex und Salisbüry
mit Chatilion treten auf.)

König Johann.
Wohlan, saget Chatilion, was will Frankreich von uns?

Chatilion.
So spricht, nächst seinem Gruß der König von Frankreich, durch mich,
mit der Majestät, der geborgten Majestät von England hier–

Elinor.
Ein ausserordentlicher Eingang; geborgte Majestät!

König Johann.
Seyd ruhig, meine werthe Mutter; hört die Gesandtschaft.

Chatilion.
Philipp von Frankreich nimmt im Namen und in Kraft des Rechts von
deines verstorbnen Bruders* Gottfried Sohn, Arthur’s Plantagenet,
rechtmäßigen Anspruch an diese schöne Insel, an Irrland, Poitiers,
Anjou, Touraine und Maine, und begehrt von dir, daß du das Schwerdt
niederlegest, das einer unrechtmäßigen Herrschaft über diese
verschiednen Titel sich anmasset, und solches dem jungen Arthur
einhändigest, deinem Neffen und rechtmäßigen souverainen König.

{ed.-* (Geoffroi Plantagenette), Sohn des Grafen von Anjou, bekam
durch seine Vermählung mit König Heinrich des 1sten von England
einziger Tochter und erklärten Erbin, Matthilde, ein Recht an die
Crone von England, wozu sein ältester Sohn nachmals unter dem Namen
Heinrichs des 2ten würklich gelangte. Heinrich der 2te vereinigte
also mit der Crone von England Anjou, Poitou, Touraine und Maine,
und durch seine Vermählung mit Eleonor, Erbin von Aquitanien, (die
von ihrem ersten Gemahl (Louis le Jeune) von Frankreich, wegen
Untreue verstossen worden,) auch das Herzogthum Aquitanien. Seinen
ältesten Sohn Gottfried (von welchem hier die Rede ist), vermählte
er mit Constantia, Tochter und Erbin von Conan Grafen von Bretagne;
die Crone hingegen kam nach Heinrichs Tod an seinen jüngern Sohn
Richard (Coeur de Lion.) Nach dessen Abgang bemeisterte sich
(Johannes sine Terra), dessen Geschichte dieses Stük enthält, zum
Nachtheil Arthurs, des hinterlaßnen Erben seines ältern Bruders
Gottfrieds von Bretagne, der Crone, und der von Heinrich dem 2ten
derselben einverleibten Französischen Besizungen; und der darüber
zwischen ihm und dem König (Philippe Auguste) entstandne Krieg
macht den Anfang dieses Trauerspiels.}

König Johann.
Und was folget, wenn wir uns dessen weigern?

Chatilion.
Der stolze Widerspruch eines blutigen Kriegs, dir mit Gewalt die
Rechte abzudrängen, die du gewaltthätiger Weise vorenthältst.

König Johann.
Hier haben wir Krieg um Krieg, Blut um Blut und Wiederspruch um
Wiederspruch; antwortet das dem König von Frankreich.

Chatilion.
So nimm dann die Kriegs-Erklärung meines Königs aus meinem Munde,
den lezten Auftrag meiner Gesandtschaft.

König Johann.
Bring ihm die meinige zurük, und so scheid’ im Frieden; denn eh du
berichtet haben kanst, daß ich kommen werde, soll Frankreich den
Donner meiner Canonen hören.** Hinweg dann; sey du die Trompete
unsers Zorns, und das plözliche Vorzeichen euers Untergangs.
Pembrok, sorget dafür, daß er mit einem anständigen Geleit aus
unserm Reich entlassen werde; lebe wohl, Chatilion.

{ed.-** Zu Anfang des dreizehnten Seculi nemlich.}

(Chatilion und Pembroke gehen ab.)

Elinor.
Wie nun, mein Sohn? Sagt’ ich nicht immer, diese ehrgeizige
Constantia werde nicht ruhen, bis sie Frankreich und alle Welt für
die Ansprüche ihres Sohns in Flammen gesezt habe? Allem diesem
hätte man zuvorkommen und in der Güte beylegen können, was nun der
blutige und gefahrvolle Kampf zweyer Königreiche entscheiden soll.

König Johann.
Unser völliger Besiz, und unser Recht–

Elinor.
Wenn unser Besiz nicht kräftiger ist als unser Recht, so muß es uns
beyden übel gehen; laßt euch mein Gewissen das ins Ohr sagen, da es
niemand hört als der Himmel, ihr und ich.

Essex.
Gnädigster Herr, es ist hier eine Streitsache, die aus der Provinz
zu Eurer Majestät Entscheidung gebracht wird, die seltsamste, die
ich jemals gehört. Soll ich die Partheyen hereinführen?

König Johann.
Laßt sie herein kommen–Unsre Abteyen und Prioreyen sollen die
Unkosten dieses Kriegs bezahlen–Wer seyd ihr?

Zweyte Scene.
(Robert Faulconbridge und Philipp, sein Bruder, der Bastard,
treten auf.)

Philipp.
Euer Majestät getreuer Unterthan, ein Edelmann in Northamptonshire
gebohren, und wie ich behaupte, der älteste Sohn von Robert
Faulconbridge, einem Kriegsmann, den die ehrenvolle Hand des Königs
Richard (Coeur-de-Lion) im Felde zum Ritter geschlagen.

König Johann (zu Robert.)
Wer bist du?

Robert.
Der Sohn und Erbe von diesem nemlichen Faulconbridge.

König Johann.
Ist dieser der Ältere, und du bist der Erbe? Ihr seyd also nicht
von einer Mutter, scheint es?

Philipp.
Wir sind ganz gewiß von einer Mutter, mächtiger König, das ist
jedermann bekannt, und, wie ich glaube, auch von einem Vater; doch
wegen der Gewißheit dieses leztern Puncts muß ich Euer Majestät an
den Himmel und meine Mutter anweisen; denn davon bin ich nicht
gewisser als alle andre Menschen-Kinder.

Elinor.
Hinweg mit dir, du ungesitteter Mensch! Schämst du dich nicht,
deiner Mutter Ehre durch diesen Zweifel zu verwunden?

Philipp.
Auch thue ich es nicht, Gnädigste Frau; ich habe keine Ursache dazu,
das ist meines Bruders Sache, das geht mich nichts an; wenn er so
was beweisen kan, so bringt er mich wenigstens um schöne
fünfhundert Pfund des Jahrs; der Himmel schüze meiner Mutter Ehre
und mein Erbgut!

König Johann.
Ein guter runder Geselle; aber warum macht er denn einen Anspruch
an dein Erbgut, wenn er der jüngere Bruder ist?

Philipp.
Ich weiß nicht warum, ausser daß er gerne meine Güter hätte; es ist
wahr, er warf mir einmal vor, daß ich unehlich gezeugt sey, allein
das ist eine Sache, die ich lediglich meiner Mutter überlasse; ich
kan nicht wissen, ob ich ehlich oder unehlich gezeugt bin; aber das
weiß ich, daß ich eben so wohl gemacht bin als er. (Sanft mögen
die Gebeine ruhen, die diese Mühe für mich genommen haben!)
Vergleichet unsre Gesichter, gnädigster Herr, und thut den
Ausspruch. Wenn der alte Sir Robert uns beyde gemacht hat, und
dieser Sohn ihm ähnlich sieht; o alter Sir Robert, so dank ich dem
Himmel auf meinen Knien, daß ich dir nicht ähnlich sehe.

König Johann.
Ha, was für einen Pikelhäring hat uns der Himmel hier zugeschikt?

Elinor.
Er hat einen Zug von (Coeur de Lion’s) Gesicht, und einen ähnlichen
Ton der Stimme; findet ihr nicht einige Ähnlichkeiten mit meinem
Sohn, in der stämmichten Gestalt dieses jungen Menschen?

König Johann.
Ich betrachte ihn schon lange deßwegen, und find’ ihn durchaus
Richard;

(zu Robert.)

Nun, Geselle, sage dann, was bewegt dich einen Anspruch an deines
Bruders Güter zu machen?

Philipp.
Weil er ein halbes Gesicht hat, wie mein Vater; um dieses halben
Gesichts willen möcht er gerne mein ganzes Erbgut haben; ein
groschenmäßiges Halb-Gesicht, fünfhundert Pfund des Jahrs!

Robert.
Mein gnädigster Souverain, wie mein Vater noch lebte, brauchte der
König, euer Bruder, meinen Vater viel–

Philipp.
Gut, Herr, das kan euch nichts von meinen Gütern geben; ihr müßt
sagen, wie er meine Mutter brauchte.

Robert.
–und verschikte ihn einst in einer Gesandtschaft nach Deutschland,
wo er über wichtige Angelegenheiten der damaligen Zeit mit dem
Kayser Unterhandlung pflegen sollte; der König machte sich indessen
seine Abwesenheit zu Nuze, und hielt sich die ganze Zeit über in
meines Vaters Haus auf; wie er’s da so weit gebracht, daß er–ich
schäme mich es zu sagen; allein Wahrheit ist Wahrheit; Kurz, es
lagen Meere und Länder zwischen meinem Vater und meiner Mutter, wie
dieser junge Herr hier gezeugt wurde; das hab’ ich aus meines
Vaters eignem Munde. Auf seinem Todbette vermachte er seine Güter
durch ein Testament mir, und blieb bis in seinen Tod dabey, daß
dieser, meiner Mutter Sohn, nicht der seinige sey; und wenn er’s
auch wäre, so kam er volle vierzehn Wochen vor der gesezmäßigen
Zeit in die Welt: Ich bitte also Euer Majestät mir zuzusprechen,
was mein ist, meines Vaters Güter, nach meines Vaters leztem Willen.

König Johann.
Mein guter Kerl, euer Bruder ist in der Ehe gebohren; euers Vaters
Weib brachte ihn während ihrem Ehestand; wenn sie untreu war, so
ist es ihr Fehler, und ein Zufall dem alle Männer ausgesezt sind,
welche Weiber nehmen. Sag mir einmal, wie, wenn mein Bruder, der
deinem Vorgeben nach, die Mühe nahm diesen Sohn zu zeugen, ihn
deinem Vater als seinen Sohn abgefodert hätte? Hätte nicht dein
Vater ein Kalb, das ihm seine Kuh gebracht, gegen die Ansprüche der
ganzen Welt behaupten können? Wahrhaftig, guter Freund, das hätt’
er können; gesezt also auch, er wäre meines Bruders Sohn, so hätte
doch mein Bruder keinen Anspruch an ihn machen, noch hätt’ ihn euer
Vater deßwegen, weil er nicht sein sey, verläugnen können; aus
allem diesem folgt also, daß meiner Mutter Sohn euers Vaters Erben
zeugte, und daß euers Vaters Erbe euers Vaters Güter haben muß.

Robert.
Soll denn meines Vaters lezter Wille keine Kraft haben, ein Kind zu
enterben, das nicht sein ist?

Philipp.
Von keiner grössern Kraft mich zu enterben, Herr, als, denk ich,
sein Wille mich zu zeugen war.

Elinor.
Was wolltest du lieber seyn, ein Faulconbridge, wie dieser hier, um
deine Güter zu haben; oder ein natürlicher Sohn von (Coeur de Lion),
ein Prinz vom Geblüte, und keine Güter dazu?

Philipp.
Gnädigste Frau, und wenn mein Bruder meine Gestalt hätte, und ich
hätte die seinige, Sir Roberts seine, wie er; und wenn meine Beine
zwo solche Spindeln wären, meine Arme solch Aalhautiges Zeug, und
mein Gesicht so dünne, daß ich keine Rose* in mein Ohr steken
könnte, ohne daß die Leute sagten: Seht, da geht Drey-Viertels-
Pfennig–Und wenn gleich diese Gestalt Erbe von allen seinen Gütern
wäre, so will ich nimmer von diesem Plaz kommen, wenn ich sie nicht
von Fuß auf hingeben wollte, um dieses Gesicht zu haben; ich wollt’
um alles in der Welt nicht Sir Nobb seyn.

{ed.-* Um diese Anspielung zu verstehen muß man wissen, daß die
Königin Elisabeth unter allen Beherrschern von England die erste
und lezte war, die Drey-Halb-Pfenninge, und Drey-Viertels-Pfenninge
schlagen ließ, auf denen sich ihr Bildniß bald mit bald ohne die
Rose, befand. Theobald.}

Elinor.
Du gefällst mir; willt du dein Erbtheil vergessen, ihm deine Güter
überlassen und mir folgen? Ich bin ein Soldat, und im Begriff
wider Frankreich Dienste zu thun.

Philipp.
Bruder, nimm du meine Güter, und laß mir mein Gesicht, das deinig’
hat dir fünfhundert Pfund jährlich erworben; aber wenn du es für
fünf Pfenning verkauffen kanst, so glaube du habest wohl gelößt.
Gnädigste Frau, ich bin bereit, euch bis in den Tod zu folgen.

Elinor.
Was das betrift, so will ich lieber daß ihr mir voran geht.

Philipp.
In unsrer Provinz erfordert die Höflichkeit, daß man die Vornehmern
zuerst gehen lasse.

König Johann.
Wie nennst du dich?

Philipp.
Philipp, Gnädigster Souverain, so ward ich genennt; Philipp, des
guten alten Sir Roberts seiner Frauen ältester Sohn.

König Johann.
Von nun trage den Namen von dem, dessen Gestalt du trägst; knie
nieder, Philipp, um grösser aufzustehen.

(Er schlägt ihn zum Ritter.)

Steh als Sir Richard Plantagenet auf.

Philipp.
Bruder von mütterlicher Seite, gebt mir eure Hand; mein Vater gab
mir Ehre, der eure giebt euch Land. Nun, gesegnet sey die Stunde,
es mag Nacht oder Tag gewesen seyn, da ich gezeugt und Sir Robert
abwesend war.

Elinor.
Der echte Geist der Plantagenet’s. Ich bin deine Großmutter,
Richard, nenne mich so.

Philipp.
Durch einen Zufall, Gnädigste Frau, nicht in der Ordnung; doch was
thut das? Ob man zum Fenster hinein kommt oder zur Thüre, wenn man
nur drinn ist; näher oder weiter vom Ziel, wohl getroffen ist wohl
geschossen, und ich bin ich, ich mag gezeugt seyn wie ich will.

König Johann.
Geh, Faulconbridge, du hast nun was du wünschtest; ein güterloser
Ritter macht dich zu einem begüterten Junker. Kommt, Madam; komm,
Richard, wir müssen nach Frankreich eilen, nach Frankreich, es ist
höchste Zeit.

Philipp.
Bruder, leb wohl; ich wünsche dir viel Glüks, denn du bist mit
Erlaubniß der Geseze auf die Welt gekommen.

(Alle gehen ab, bis auf Philipp.)

Dritte Scene.

Philipp.
Meine Ehre steht nun auf einem bessern Fuß als zuvor, aber mein
Vermögen hat sich um manchen Fuß Landes verschlimmert. Sey es dann;
izt kan ich doch ein jedes Gretchen zu einer Lady machen–“Guten
Tag, Sir Richard”–Grossen Dank, Camerad–und wenn er Görge heißt,
kan ich ihn Peter nennen; denn neugebakner Adel vergißt der Leute
Nahmen; man würde zuviel vergeben, wenn man noch auf solche
Kleinigkeiten acht haben wollte, und solche Leute sind nicht fein
genug für eure Gesellschaft. Izt ist der gereißte Mann* meiner
Gnaden Tisch-Genosse, er und sein Zahnstocher; und wenn mein
ritterlicher Magen angefüllt ist, nun dann saug’ ich an meinen
Zähnen, und catechisire meinen Spizbart aus fremden Ländern–
(Mein werther Herr), (so fang ich auf meinen Ellenbogen gestüzt an,)
(darf ich euch bitten)–das ist nun die Frage; und dann kommt
gleich die Antwort wie ein ABC-Buch: (O mein Herr,) sagt die Antwort,
(ich bin gänzlich zu euerm Befehl, zu euern Diensten, ganz der
Eurige, mein Herr–Nein, mein Herr,)sagt die Frage, (ich, mein
werthester Herr, bin der Eurige;)und so, eh die Antwort recht
gehört hat was die Frage will, wartet sie euch schon mit einem
Dialogus von Complimenten auf, spricht dann von Alpen und Apenninen,
von den Pyrenäen und dem Flusse Po, und weiß das Gespräch so lange
hinaus zu ziehen, bis es vom Abend-Essen abgebrochen wird. Das ist
polite Gesellschaft, die sich für einen emporstrebenden Geist, wie
der meinige, schikt! Denn der ist nur ein Bastard der Zeit, der
die Kunst nicht versteht sich beliebt zu machen, und nicht nur in
seiner äusserlichen Gestalt, in seinem Aufzug und in seinen
Manieren, dem Geschmak seiner Zeit schmeichelt; sondern auch aus
einer innerlichen Quelle den süssen, süssen, süssen Gift, der den
Gaumen der Leute so reizend küzelt, von sich zu geben weiß. Eine
Kunst, die ich zwar nicht ausüben will, um andre zu betrügen, aber
die ich zu lernen gedenke, damit ich von andern nicht betrogen
werde. Sie soll die Stuffen meiner Erhöhung mit Blumen bestreuen.
Aber wer kommt hier so eilfertig, in Reit-Kleidern? Was für ein
weiblicher Courier ist diß? Hat sie keinen Mann, der die Müh
nehmen mag, ein Horn vor ihr her zu blasen? Himmel, es ist meine
Mutter! Nun, meine werthe Lady, was bringt euch so eilfertig nach
Hofe?

{ed.-* Es ist bekannt, daß damals alle Welt auf Abentheuer
ausgieng, und gereißte Leute in größtem Ansehn stuhnden, und, wie
bey unsern Nachbarn die (Beaux-Esprits), das Recht hatten, sich bey
grossen Herren zu Gaste zu laden.}

Vierte Scene.
(Lady Faulconbridge, und Jacob Gurney treten auf.)

Lady.
Wo ist der Sclave, dein Bruder; wo ist er, der sich erfrecht meine
Ehre öffentlich anzutasten?

Philipp.
Mein Bruder Robert, des alten Sir Roberts Sohn, Colbrand, der Riese,
der nemliche gewaltige Mann; ist es Sir Robert’s Sohn, den ihr
sucht?

Lady.
Sir Roberts Sohn? Ja, du unehrerbietiger Junge, Sir Roberts Sohn;
warum spottest du über Sir Roberten?

Philipp.
Jacob Gurney, willt du so gut seyn, und uns ein wenig allein lassen?

Gurney.
Von Herzen gerne, mein lieber Philipp.

Philipp.
Philipp!–Verschone mich, Jacob; es sind kurzweilige Dinge heraus
gekommen; hernach ein mehrers davon.

(Jacob geht ab.)

Gnädige Frau, ich war nie des alten Sir Roberts Sohn; Sir Robert
hätte seinen Theil an mir an einem Charfreytag essen können, ohne
daß er seine Fasten gebrochen hätte. Sir Robert war ein ganz
wakrer Mann; aber, meiner Treu, bekennt die Wahrheit! Hätt’ er
mich machen können? Das konnte Sir Robert nicht; wir kennen seine
Arbeit. Sagt mir also, liebe Mutter, wem bin ich für diese Figur
verpflichtet? Sir Robert konnte nimmermehr so ein Bein machen
helfen?

Lady.
Hast du dich auch mit deinem Bruder wider mich verschworen? Du,
der um deines eignen Vortheils willen meine Ehre vertheidigen
sollte? Was soll dieses Gespötte bedeuten, du höchst unbesonnener
Bube?

Philipp.
Ritter, Ritter, liebe Mutter–und Basilisco* ähnlich. Wie? ich
bin zum Ritter geschlagen; ich hab es auf meiner Schulter. Aber
Mutter, ich bin nicht Sir Roberts Sohn; ich hab auf Sir Robert und
meine Güter Verzicht gethan; ehliche Geburt, Name, alles ist hin;
laß mich also, liebe Mutter, laß mich meinen Vater kennen; irgend
ein wakrer Mann, hoff ich; wer war es, Mutter?

{ed.-* Eine Anspielung auf den Beynamen (Coeur de Lion), den König
Richard führte. (Cor Leonis), ein Fixstern von der ersten Grösse
im Löwen, wird auch Basilisco genennt. Warbürton.}

Lady.
Hast du dem Namen Faulconbridge entsagt?

Philipp.
So herzlich, als ich dem Teufel entsage.

Lady.
König Richard, (Coeur de Lion), war dein Vater; durch langwieriges
und heftiges Zusezen ward ich endlich verführt, in meines Ehmanns
Bette Plaz für ihn zu machen. Der Himmel vergebe mir meine
Übertretung! Aber du bist die Frucht meiner schweren Sünde, zu
der ich so stark gereizt wurde, daß ich nicht länger wiederstehen
konnte.

Philipp.
Nun, bey diesem Tageslicht, wenn ich wieder gezeugt werden sollte,
Madame, wollt’ ich mir keinen bessern Vater wünschen. Einige
Sünden tragen ihre Lossprechung auf Erden mit sich; Euer Fehler
entsprang nicht aus eurer Thorheit; ihr mußtet nothgedrungen euer
Herz als einen Tribut für gebietende Liebe, demjenigen ausliefern,
gegen dessen Wuth und unbezwingbare Stärke der unerschrokne Löwe
selbst keinen Kampf wagen durfte, noch sein königliches Herz vor
Richards Hand schüzen konnte. Wer einem Löwen mit Gewalt das Herz
aus dem Leibe reissen kan, mag leicht ein weibliches Herz gewinnen.
Ja, meine Mutter, von ganzem Herzen dank ich dir für meinen Vater.
Wenn jemand lebt, der sich erfrecht zu sagen, daß du nicht recht
thatest, wie ich gezeugt ward, dessen Seele will ich zur Hölle
schiken. Komm, Lady, ich will dich meinen Anverwandten vorstellen,
und sie sollen sagen, wie Richard mich zeugte, wär es Sünde gewesen
wenn du Nein gesagt hättest.

(Sie gehen ab.)

Zweyter Aufzug.

Erste Scene.
(Vor den Mauern der Stadt Angiers.)
(Philipp-August, König von Frankreich, Ludwig der Dauphin, der
Herzog von Östreich, Constantia und Arthur.)

Ludwig.
Willkommen vor Angiers, dapfrer Herzog!–Arthur, dein grosser Oheim,
Richard, der den Löwen seines Herzens beraubte, und die heiligen
Kriege in Palästina ausfocht, kam durch diesen dapfern Herzog vor
der Zeit ins Grab. Nun ist er, um seiner Nachkommenschaft
Erstattung deßhalb zu thun, auf unsre Einladung gekommen, seine
Fahnen für deine Sache auszuspreiten, und deinen unnatürlichen
Oheim, Johann von England, aus dem ungerechten Besiz deiner
Erbländer vertreiben zu helfen. Umarm’ ihn, Prinz, lieb’ ihn, und
heiß’ ihn willkommen.

Arthur.
Gott wird euch (Coeur de Lion’s) Tod desto eher verzeihen, da ihr
seinem Neffen das Leben gebet, und sein verfolgtes Recht mit den
Flügeln eurer Kriegs-Macht umschattet. Mit einer unmächtigen Hand
heiß’ ich euch willkommen, aber mit einem Herzen voll
unverfälschter Liebe; willkommen, Herzog, vor den Mauern von
Angiers.

Ludwig.
Ein edler Junge! Wer wollte dir nicht zu deinem Recht helfen?

Östreich.
Diesen zärtlichen Kuß leg’ ich auf deine Wange, als das Siegel
meines feyrlichen Versprechens, daß ich nicht eher in meine Heimath
zurük kehren will, bis Angiers und die gerechten Ansprüche die du
in Frankreich hast, zugleich mit dieser blassen weiß-ufrichten
Insel, deren Fuß die heulenden Wellen des Oceans zurük stößt, und
ihre Einwohner von andern Ländern abschneidet, bis dieses von der
See umzäunte England, dieses von Wasser gemauerte Bollwerk, dessen
stolze Sicherheit allen auswärtigen Anfällen Troz bietet, bis
dieser äusserste Winkel von Westen selbst dich als seinen König
grüssen wird; bis zu diesem Augenblik, schöner Knabe, will ich
nicht an meine Heimath denken, sondern den Waffen folgen.

Constantia.
O nehmet seiner Mutter Dank an, Dank einer armen Wittwe, bis euer
starker Arm ihm zu der Macht helfen wird, eure Freundschaft besser
erwiedern zu können.

Östreich.
Der Friede des Himmels ruhet auf denjenigen, die ihre Schwerdter in
einem so gerechten und wohlthätigen Krieg entblössen.

König Philipp.
Wohlan dann, an die Arbeit; unsre Maschinen sollen gegen die Stirne
dieser widerspenstigen Stadt gerichtet werden; ruffet unsern Kriegs-
Obersten, um den Plan zum vortheilhaftesten Angriff zu machen.
Entweder wollen wir unsre königlichen Gebeine vor diesen Mauern
niederlegen, oder wenn wir gleich in französischem Blut auf den
Markt-Plaz watten müßten, Angiers diesem jungen Prinzen unterwürfig
machen.

Constantia.
Wartet noch auf die Antwort, die euer Abgesandter bringen wird; ihr
könntet sonst eure Schwerdter zu voreilig mit Blute besudeln.
Vielleicht bringt Milord Chatilion aus England eine friedliche
Abtretung dieses Rechts, welches ihr durch Krieg erzwingen wollet;
und wenn dieses geschähe, würden wir einen jeden Tropfen Bluts
bereuen, den eine zu rasche Hize so unzeitig vergossen hätte.
(Chatilion zu den Vorigen.)

König Philipp.
Ein Wunder, Madam! Seht, auf euern Wunsch ist unser Gesandter,
Chatilion, angelangt; meld uns in Kürze, werther Lord, was England
uns zur Antwort giebt; wir warten hier müßig auf dich. Rede,
Chatilion.

Chatilion.
So wendet also eure Macht von dieser armseligen Belagerung, und
spornet sie zu einem wichtigern Geschäft auf. England, voll
Unwillens über unsre gerechte Forderungen, hat sich in Waffen
gestellt; die widrigen Winde, die meine Rükreise verzögerten, haben
ihm Zeit gegeben, alle seine Legionen zugleich mit mir ans Land zu
sezen. Er rükt mit eilfertigen Märschen gegen diese Stadt an;
seine Stärke ist groß, und seine Krieger voller Muth. Mit ihm
kommt die Königin-Mutter, eine Ate, die ihn zu Zwietracht und
Blutvergiessen anhezt; mit ihr, ihre Nichte, die Infantin Blanca
von Spanien; mit ihnen ein natürlicher Sohn des abgelebten Königs,
und mit ihm alle unbändigen Köpfe des Landes. Rasche, feurige,
tollkühne Freywillige, mit Frauenzimmer-Gesichtchen und Drachen-
Herzen, haben ihre angestammten Güter verkauft, und tragen ihr
Erbtheil zuversichtlich auf dem Rüken, um hier ein neues Glük zu
suchen. Kurz, eine auserlesnere Schaar unerschrokner Geister, als
der englische Boden diesesmal übergewälzt hat, schwamm niemals über
die schwellende Fluth, um Unheil und Verwüstung in der Christenheit
anzurichten. Das zürnende Getöse ihrer Trummeln unterbricht eine
umständliche Nachricht; sie sind im Anzug. Bereitet euch also zu
einer Unterhandlung oder zum Gefecht.

(Man hört Trummeln.)

König Philipp.
Wie schlecht sind wir auf eine solche Expedition versehen!

Östreich.
Je unerwarteter sie ist, desto eifriger müssen wir uns zur
Gegenwehr stellen; Unser Muth soll mit der Gefahr steigen. Laßt
sie denn willkommen seyn, wir sind gerüstet.

Zweyte Scene.
(Der König von England, Faulconbridge, Elinor, Blanca, Pembroke
und andre zu den Vorigen.)

König Johann.
Friede sey mit Frankreich, wenn Frankreich im Frieden unsern
rechtmäßigen Einzug in unsre Stadt gestattet; wo nicht, so blute
Frankreich, und der Friede schwinge sich gen Himmel, indeß daß wir,
Gottes grimmvoller Sachwalter, den stolzen Übermuth züchtigen, der
seinen Frieden in den Himmel zurük treibt.

König Philipp.
Friede sey mit England, wenn dieser Krieg aus Frankreich nach
England zurükkehrt, um dort im Frieden zu leben. Wir lieben
England, und nur um Englands willen, schwizen wir hier unter der
Last der Waffenrüstung. Diese unsre Arbeit sollte dein
freywilliges Werk seyn. Aber du bist so weit entfernt, England zu
lieben, daß du seinen rechtmäßigen König unterdrükt, die Erbfolge
aufgehoben, die Kindheit des gesezmäßigen Erben mißbraucht, und an
der jungfräulichen Ehre der Crone Gewalt verübt hast. Schaue hier
auf deines Bruders Gottfrieds Gesicht! Diese Augen, diese Stirne,
sind nach den seinigen abgedrukt; in diesem kleinen Inbegriff ist
die vollständige Form enthalten, die in Gottfried verstarb, und die
Hand der Zeit wird diese verjüngte Gestalt in einen eben so grossen
Format ausdehnen. Dieser Gottfried war von Geburt dein ältrer
Bruder, und dieser hier ist sein Sohn. England war Gottfrieds
Recht, und dieser hat es von Gottfried ererbt; wie kommt es dann,
um Gottes willen! daß du ein König genennt wirst, so lange
lebendiges Blut in diesen Schläfen schlägt, die einen Anspruch an
die Crone haben, welche du zur Ungebühr trägst?

König Johann.
Von wem hast du diesen grossen Auftrag, Frankreich, mich zur
Antwort auf deine Fragstüke zu ziehen?

König Philipp.
Von diesem obersten Richter, der in königlichen Seelen den edlen
Gedanken erwekt, gewaltthätigen und ungerechten Thaten nachzufragen.
Dieser Richter hat mich zum Beschüzer dieses Knabens gemacht;
unter seinem Schuze klag’ ich deine Ungerechtigkeit an, und mit
seinem Beystand hoff’ ich sie zu bestraffen.

König Johann.
Du massest dich eines Ansehens an, das dir nicht zukommt.

König Philipp.
Entschuldige es; es geschieht, um ungerechte Anmassung
niederzuschlagen.

Elinor.
Wer ist der, den du einer unrechtmäßigen Anmassung beschuldigest?

Constantia.
Laßt mich die Antwort geben: Der anmaßliche König, dein Sohn.

Elinor.
Hinweg, Unverschämte; dein Bastard soll König seyn, damit du eine
Königin seyn, und die ganze Welt hofmeistern könnest!

Constantia.
Mein Bette war deinem Sohn immer so getreu, als das deinige deinem
Gemahl; und dieser Knabe sieht seinem Vater Gottfried gleicher als
Johann dir, ob ihr gleich an Sitten einander so gleich seyd als der
Regen dem Wasser, und der Teufel seiner Mutter. Mein Sohn ein
Bastard! Bey meiner Seele, ich glaube nimmermehr, daß sein Vater
so ächt war als er ist; es kann nicht seyn, wenn gleich du seine
Mutter wärest.

Elinor.
Das ist eine feine Mutter, Junge, die deinen Vater beschimpft.

Constantia.
Das ist eine feine Großmutter, Junge, die dich beschimpfen will.

Östreich.
Stille!

Faulconbridge.
Horcht dem Ausruffer.

Östreich.
Wer Teufel bist du?

Faulconbridge.
Einer der den Teufel mit euch spielen will, Herr, sobald er euch
und euern Überzug* allein zu paken kriegen kan. Ihr seyd der Hase
im Sprüchwort, der todte Löwen beym Bart zupft; ich will euch das
Fell einschmauchen, wenn ich euch kriege; nehmt euch in acht; in
der That, ich will, in der That.

{ed.-* Um diese und verschiedne andre in einer der folgenden Scenen
vorkommenden Spöttereyen und Grobheiten, die Faulconbridge dem
Herzog von Östreich sagt, zu verstehen, muß man wissen, daß dieser
Herzog mit einer Löwenhaut umhüllt auf der Bühne erscheinen muß.
König Richard hatte, wie man sagt, während seinem berühmten
Kreuzzug, worinn er seine persönliche Herzhaftigkeit und Stärke
durch eine Menge ritterlicher Thaten bewies, auch einen
ausserordentlich grossen Löwen bezwungen, und die Haut desselben,
zum Zeichen dieses Siegs, nachher allezeit getragen oder bey sich
geführt. Dieser Haut bemächtigte sich der Herzog von Östreich,
nachdem er, wie bekannt ist, den König Richard, durch Hinterlist
und Betrug in seine Gewalt bekommen; und soll, aus einer allerdings
lächerlichen Pralerey, selbige, als eine Beute, die er einem so
grossen Helden wie Richard abgenommen, nach dessen Tod allezeit
getragen haben.}

Blanca.
O wie wohl stuhnd dem dieser Löwen-Rok an, der dem Löwen diesen Rok
abzog!

Faulconbridge.
Er ligt so stattlich auf seinem Rüken, als des grossen Alcides
Löwenhaut auf dem Rüken eines Esels; aber, Esel, ich will euch
diese Last von euerm Rüken abnehmen, oder euch noch eine auflegen,
davon euch die Schultern krachen sollen.

Herzog.
Was für ein Schwärmer ist das, der unsre Ohren mit einem solchen
Übermaaß von vergeblichem Athem betäubt? König Philipp,
entschliesset euch ohne längeres Zaudern, was wir thun wollen.

König Philipp.
Weiber und Narren, brecht eure Conferenz ab. König Johann, hier
ist mein Vortrag in wenig Worten: England, Irrland, Anjou, Touraine
und Maine fordre ich im Namen des jungen Arthurs von dir; willt du
sie abtreten, und die Waffen niederlegen?

König Johann.
Eher mein Leben–Ich biete dir Troz deßhalb, Frankreich. Arthur
von Bretagne, begieb dich in meinen Schuz, und ich will dir aus
Liebe mehr geben, als der feige Arm von Frankreich jemals für dich
gewinnen kan. Ergieb dich, Junge.

Elinor.
Komm zu deiner Groß-Mama, Kind.

Constantia (indem sie eine kindische Art zu reden affectirt.)
Thu’s, Kind, geh zu Groß-Mama, Kind. Gieb Groß-Mama Königreich,
und Groß-Mama giebt dem Kind ein Zukerchen, eine Kirsche, eine
Feige; es ist eine gute Groß-Mama.

Arthur.
Meine liebe Mutter, gebt euch zufrieden. Ich wollt’, ich läge tief
in meinem Grab; ich bin nicht werth, daß man soviel Lerms
meinetwegen mache.

Elinor.
Seine Mutter beschämt ihn so, der arme Junge, er weint.

Constantia.
Das Unrecht, das ihm seine Großmutter zufügt, nicht die Schande die
ihm seine Mutter macht, zieht diese den Himmel rührenden Perlen aus
seinen armen Augen, die der Himmel als ein Schuzgeld annehmen wird;
ja mit diesen Thränen wird sich der Himmel gewinnen lassen, sich
seines Rechts anzunehmen, und euch zur Straffe zu ziehen.

Elinor.
Ungeheuer, scheuest du dich nicht, Himmel und Erde zu lästern?

Constantia.
Ungeheuer, scheust du dich nicht, Himmel und Erde zu beleidigen?
Wie kanst du mich anklagen, daß ich lästre? Du und die deinigen
usurpiren die Länder, Regalien und Gerechtsame dieses unterdrukten
Waysen; es ist der Sohn deines ältesten Sohns, und in nichts
unglüklich als darinn, daß er von dir abstammt. Deine Sünden
werden an diesem armen Kinde heimgesucht; der Ausspruch des Gesezes
ligt auf ihm, da er nur im dritten Glied von deinem
Sündempfangenden Leib entfernt ist.

König Johann.
Tollhäuslerin, hört auf!

Constantia.
Ich habe nur das noch zu sagen, daß er nicht nur um ihrer Sünde
willen gestraft wird, sondern Gott hat ihre Sünde und sie zur
Strafe dieses entfernten Abkömmlings gemacht, der um ihrentwillen
gestraft wird, und mit ihrer Strafe ihre Sünde; sein Unrecht, ihr
Unrecht, der Büttel ihrer Sünde, alles in der Person dieses Kindes
gestraft, und alles um ihrentwillen; daß sie die Pest!**

{ed.-** Dieses Ungeheuer von einer aller Sprach- und Vernunftlehre
trozbietenden Rede, hat man, da ihr ohnehin nicht zu helfen ist,
von Wort zu Wort geben wollen, wie sie der Autor giebt; Deutschen
Unsinn für Englischen Unsinn.}

Elinor.
Du unverständiges Lästermaul, ich kan ein Testament aufweisen, das
deines Sohnes Recht entkräftet.

Constantia.
So, wer zweifelt daran? Ein Testament?–Ein falsches Testament,
ein Weiber-Testament, einer unnatürlichen Großmutter Testament.

König Philipp.
Stille, Lady; schweigt oder mäßigt euch; es schikt sich übel für
diese Versammlung diesen euern übeltönenden Wiederholungen immer
Halt zu ruffen. Laßt eine Trompete diese Leute von Angiers auf die
Mauern fordern; sie sollen sich erklären, wessen Recht sie gelten
lassen wollen, Arthur’s oder Johann’s.

(Trompeten.)

Dritte Scene.
(Ein Bürger von Angiers kommt auf die Mauern.)

Bürger.
Wer ist der, der uns auf die Mauern hervorgeruffen hat?

König Philipp.
Es ist Frankreich, im Namen Englands.

König Johann.
England in seinem eignen Namen. Ihr Männer von Angiers, und meine
lieben Unterthanen–

König Philipp.
Ihr werthen Männer von Angiers, Arthurs Unterthanen, unsre Trompete
rief euch zu dieser gütlichen Unterredung–

König Johann.
In Betreff unsrer gerechten Sache; höret uns also zuerst; diese
Französischen Fahnen, die hier, so nah’ an eurer Stadt, vor euern
Augen sich verbreiten, sind zu euerm Verderben hieher gezogen; der
Bauch ihrer Canonen ist mit Grimm angefüllt, sie sind schon
gerichtet, ihren eisernen Zorn gegen eure Mauern auszuspeyen; diese
Franzosen stellen sich mit allen Zurüstungen zu einer blutigen
Belagerung und einem unbarmherzigen Verfahren vor die Augen eurer
Stadt und vor eure verschloßnen Thore; und, ohne unsre Annäherung,
würden diese schlafenden Steine, die euch umgürten, durch den Stoß
ihrer Maschinen aus ihrem ruhigen Leim-Bette gerissen, und der
blutigen Gewalt ein gräßlicher Ruin gemacht worden seyn, auf euern
Frieden einzustürmen; aber, auf unsern Anblik, euers rechtmäßigen
Königs, (der, des Ungemachs verdoppelter Märsche nichts achtend,
herbey geeilt ist, einen mächtigen Entsaz vor eure Thore zu bringen,
und die bedräuten Wangen eurer Stadt unzerkrazt zu erhalten,) seht,
die bestürzten Franzosen selbst eine Unterredung antragen, und nun,
für in Feuer gekleidete Kugeln, die ein schüttelndes Fieber in
euern Mauern machen sollten, sanfte in Rauch eingehüllte Worte
losschiessen, um eure Ohren durch ein betrügliches Getöne zu
bethören; aber glaubet ihnen, wie sie es verdienen, werthe Bürger,
und lasset uns, euern König ein, dessen müde Lebensgeister, von
dieser übertriebnen Eile abgemattet, Herberge innert euren
Stadtmauern suchen.

König Philipp.
Wenn ich gesprochen habe, so antwortet uns beyden. Seht! an
dieser rechten Hand, deren Schuz durch die heiligsten Gelübde dem
Rechte dessen, den sie hält, geweyhet ist, steht der junge
Plantagenet, Sohn von dem ältern Bruder dieses Mannes, und König
über ihn und alles, was er inne hat. Um seines zu Boden getretnen
Rechts willen treten wir in kriegrischem Marsch diese grünen Ebnen
vor eurer Stadt, ohne einigen Vorsaz einer Feindseligkeit gegen
euch, ausser wozu uns, von eurer Widerspenstigkeit gereizt, ein
mildthätiger Eifer zur Erhaltung dieses unterdrükten Kindes, in
unserm Gewissen nöthiget. Weigert euch also nicht, eine Pflicht zu
erstatten, die ihr demjenigen unleugbar schuldig seyd, der sie zu
fordern berechtigt ist, nemlich, diesem jungen Prinzen; so soll
unsern Waffen, gleich einem bemaulkorbten Bären, sicher anzusehen,
alle Beleidigung verboten seyn, die Bosheit unsrer Canonen gegen
die unverwundbaren Wolken des Himmels ausgelassen werden, und mit
einem friedsamen und ungestörten Rükzug, mit ungebrauchten
Schwerdtern und unversehrten Helmen, wollen wir dieses muthige Blut
wieder heimtragen, welches wir gegen eure Mauern auszuspeyen
gekommen waren, und eure Weiber, Kinder und euch im Frieden lassen.
Solltet ihr aber so thöricht seyn, dieses unser zuvorkommendes
Anerbieten auszuschlagen, so bildet euch nicht ein, daß diese alten
Mauern euch gegen unsre Kriegs-Abgesandten schüzen werden, wenn
gleich alle diese Engländer mit ihrer Macht in ihrem rauhen Umkreis
gelagert wären. Sagt uns also, will eure Stadt uns im Namen
desjenigen, für welchen wir euch dazu auffordern, als ihren Herrn
erkennen; oder sollen wir das Zeichen zum Angriff geben, und in
Blut wattend in unser Eigenthum einziehen?

Bürger.
Unsre Antwort ist kurz: Wir sind des Königs von England Unterthanen;
für ihn und kraft seines Rechts, haben wir diese Stadt inne.

König Johann.
So erkennet dann euern König, und lasset mich ein.

Bürger.
Das können wir nicht; demjenigen der es beweißt, daß er König ist,
wollen wir uns als getreue Unterthanen beweisen; so lange aber
dieses nicht geschehen seyn wird, sollen unsre Thore gegen die
ganze Welt verriegelt bleiben.

König Johann.
Beweißt nicht die Crone von England den König? Und wenn dieses
nicht genug ist, so bring ich euch Zeugen, zweymal fünfzehntausend
Herzen voll von Englischem Blut–

Faulconbridge.
(Hurensöhne und andre.)

König Johann.
Die bereit sind, unser Recht mit ihrem Leben zu beweisen.

König Philipp.
Eben so viele, und von so gutem Blut als jene–

Faulconbridge.
(Die Hurensöhne auch mitgezählt.)

König Philipp.
Stehen hier, ihm seine Fordrung ins Angesicht zu widersprechen.

Bürger.
Biß ihr ausgemacht haben werdet, wessen Recht das vorzüglichste ist,
halten wir für den Vorzüglichsten das Recht von beyden zurük.

König Johann.
So vergebe dann Gott die Sünden aller der Seelen, die zum
furchtbaren Erweis unsers Königlichen Titels, noch eh der Abendthau
fallen wird, in ihre ewige Wohnung geflohen seyn werden!

König Philipp.
Amen, Amen!–Zu Pferde, ihr Ritter, zu den Waffen!

Faulconbridge.
Sanct Georg, der den Lindwurm trillte, und seither immer zu Pferd
vor meiner Wirthin Thüre sizt, helf uns aus diesem Handel!

(Zu Östreich.)

Kerl, wär ich daheim in eurer Höle, Kerl, bey eurer Löwin, ich
wollt euch einen Ochsen-Kopf auf eure Löwenhaut sezen, und ein
Ungeheuer aus euch machen.

Östreich.
Still, nichts mehr!

Faulconbridge.
O zittre, du hörst den Löwen brüllen.

König Johann (zu Faulconbridge.)
Wir wollen weiter in die Ebne vorrüken, um unsre Regimenter besser
ausbreiten und stellen zu können.

Faulconbridge.
So macht fein geschwinde, daß ihr den Vortheil des Plazes gewinnt.

König Philipp (zu Östreich, mit dem er vorher leise gesprochen.)
Gut; die übrigen laßt auf dem andern Hügel sich sezen. Gott und
unser Recht!

(Sie gehen ab.)

Vierte Scene.
(Man blaßt zum Angriff; beyde Armeen werden handgemein, Gefecht;
endlich tritt der Herold von Frankreich mit Trompeten vor das Stadt-
Thor.)

Französischer Herold.
Ihr Männer von Angiers, öffnet eure Thore weit, und laßt den jungen
Arthur, Herzog von Bretagne, ein, der durch Frankreichs Hand an
diesem Tag manchen Englischen Müttern Stoff zu Thränen gegeben hat;
ihre Söhne ligen auf dem blutigen Grunde verzettelt, und mancher
Wittwe Mann krümmt sich im Staub, und umfaßt mit kalten Armen die
blutgefärbte Erde; indeß daß der wohlfeil-erkaufte Sieg um die
tanzenden Paniere der Franzosen scherzt, die in triumphierender
Unordnung bey der Hand sind, als Sieger einzuziehen, und Arthur von
Bretagne zu Englands und euerm König auszuruffen.

(Ein Englischer Herold tritt mit Trompeten auf.)

Englischer Herold.
Freuet euch, ihr Männer von Angiers, läutet eure Gloken; König
Johann, euer und Englands König, ist im Anzug, als Meister von
diesem heissen blutigen Tage. Die Rüstungen derer, die diesen
Morgen in so hellem Silberglanz vor euch vorbeyzogen, kehren alle
in Französischem Blute vergüldet zurük; nicht ein einziger
Federbusch, der auf einem Englischen Helme winkte, ist von einem
Französischen Speer abgeschlagen worden; unsre Fahnen kommen in den
nemlichen Händen wieder, die sie entfalteten als wir auszogen, und
gleich einem lustigen Truppen Jäger, kommen unsre frölichen
Engländer, alle mit bepurpurten Händen zurük, in dem Lebensblut
ihrer sterbenden Feinde gefärbt. Öffnet eure Thore, und laßt die
Sieger einziehen.

Bürger.
Ihr Herolde, wir haben von unsern Thürmen euerm ganzen Gefecht, vom
Angriff bis zum Abzug zusehen können; unsre schärfsten Augen haben
keinen Vorzug oder Vortheil auf einen von beyden Partheyen entdeken
können; Blut hat Blut erkauft, und Streiche haben Streichen
geantwortet; Stärke, Muth, Dapferkeit und Glük waren auf beyden
Seiten gleich. So sind auch wir gegen beyde, bis einer der
Grösseste bleibt; so lange sie so im Gleichgewicht stehen, halten
wir unsre Stadt für keinen, sondern für beyde.

Fünfte Scene.
(Die beyden Könige mit ihrem Heer treten auf verschiednen Seiten
auf.)

König Johann.
Frankreich, hast du noch mehr Blut wegzuwerfen? Sprich, willt du
dem Strom unsers Rechts seinen friedfertigen Lauf lassen; oder soll
er von dir gestört, aus seinem natürlichen Canal hervorschwellen,
und deine angrenzenden Ufer überströmen?

König Philipp.
England, du hast in diesem hizigen Wettkampf nicht einen einzigen
Tropfen Bluts mehr zurükgebracht als wir; eher hast du mehr
verlohren. Und ich schwöre bey dieser Hand, die diesen
weitgrenzenden Erdstrich beherrschet; eh wir diese gerechten Waffen
niederlegen, wollen wir dich, gegen den wir sie tragen, in den
Staub niederlegen, oder selbst die Zahl der Todten mit einem
königlichen Schatten vermehren!

Faulconbridge.
Ha! Majestät!–Wie hoch steigt dein Stolz, wenn das goldne Blut
der Könige in Feuer gesezt wird! Oh, nun füttert der Tod seine
morschen Kinnbaken mit Stahl, Schlachtschwerdter sind seine Zähne
und Griffe, und nun schmaußt er und frißt sich, indeß daß die
Könige hadern, an Menschenfleisch satt. Warum stehen diese
königlichen Linien so unbeweglich? Ruft zum Angriff, ihr Könige;
zurük in das blutbeflekte Feld, ihr gleichmächtigen Fürsten, ihr
Feuer-sprudelnden Geister! Laßt die Niederlage des einen Theils
den Frieden des andern bekräftigen. Bis dahin Streiche, Blut und
Tod!

König Johann.
Für wessen Parthey erklären sich nun die Leute in der Stadt?

König Philipp.
Sprecht, ihr Bürger; wen erkennt ihr für euern König?

Bürger.
Den König von England, sobald wir ihn kennen.

König Philipp.
Erkennt ihn in Uns, die wir hier sein Recht verfochten haben.

König Johann.
In Uns, die wir unser eigner grosser Abgeordneter sind, und im
Besiz unsrer eignen Person uns hier befinden, Herr von unsrer
Gegenwart, von Angiers, und von euch.

Bürger.
Eine grössere Macht, als die eurige, widerspricht all dieses, und
bis sie ausser allem Zweifel ist, schliessen wir unsre erste
Bedenklichkeit in unsre stark verrigelte Thore ein. Könige sind
unsre Furcht, so lange bis unsre Furcht von einem gewissen Könige
aufgelöst, gereinigt und ausgetrieben seyn wird.

Faulconbridge.
Diese unverschämten Gesellen von Angiers spotten eurer, ihr Könige,
und stehen sicher auf ihren Zinnen, wo sie wie auf einem
Amphitheater, unsern arbeitvollen Todes-Scenen und Aufzügen mit
weitoffnen Augen und richtendem Blik zusehen. Laßt euch von mir
rathen, ihr Könige; seyd gleich den Aufrührern von Jerusalem eine
Weile Freunde, und vereinigst eure äusserste Macht wider diese
Stadt. Laßt Frankreich von Osten, und England von Westen ihre bis
an die Mündung gefüllte Canonen wider sie richten, bis ihr Seele-
schrekendes Geschrey die steinernen Rippen dieser trozigen Stadt zu
Boden geklafft hat; ich wollte unverzüglich auf diese Schindmähren
spielen, bis die Verwüstung ihnen keine andre Schuzwehr als die
umgebende Luft übrig liesse. Wenn dieses geschehen ist, dann
trennt eure vereinbarte Macht wieder, sondert eure vermengten
Fahnen ab, und sezet Antliz gegen Antliz, und Schwerdt gegen
Schwerdt. Dann wird Fortuna in einem Augenblik aus einem von
beyden Theilen ihren glüklichen Günstling auswählen, dem sie die
Ehre dieses Tages zuwenden, und den sie mit einem glorreichen Siege
küssen wird. Wie gefällt euch dieser wilde Rath, mächtige Fürsten?
Schmekt er nicht ein wenig nach der Politik?

König Johann.
Nun bey dem Himmel, der über unsern Häuptern hängt, er gefällt mir.
Frankreich, laßt uns unsre Kräfte vereinbaren, und dieses Angiers
dem Erdboden gleich machen; dann wollen wir erst durch die Waffen
ausmachen, wer König davon seyn soll?

Faulconbridge (zu Frankreich.)
Und wenn du anders die Empfindlichkeit eines Königs hast, so richte,
da du eben so sehr als wir selbst von dieser halsstarrigen Stadt
beleidigt worden bist, den Rachen deiner Artillerie, wie wir der
unsrigen, gegen diese trozigen Mauern; und wenn wir sie zu Boden
geschmettert haben, nun, dann könnt ihr’s mit einander aufnehmen,
und einander, wie es kommt, gen Himmel oder in die Hölle schiken.

König Philipp.
So wollen wir’s machen; saget, wo wollt ihr angreiffen?

König Johann.
Wir wollen von Westen Zerstörung in den Busen dieser Stadt senden.

Östreich.
Ich von Norden.

König Philipp.
Unser Donner soll von Süden einen Hagel von Kugeln auf diese Stadt
regnen.

Faulconbridge (leise.)
Eine weise Einrichtung! Von Norden zu Süden; Östreich und
Frankreich werden einander ins Gesicht schiessen. Ich will sie
dazu aufreizen;

(laut;)

kommt, hinweg, hinweg!

Bürger.
Hört uns, grosse Könige; laßt euch gefallen noch einen Augenblik zu
verweilen, und ich will euch einen Vorschlag zum Frieden und zu
einem annehmlichen Verglich thun. Gewinnet lieber diese Stadt ohne
Wunden, und lasset diese Kriegsmänner, die als Schlachtopfer auf
den Wahlplaz hieher gekommen sind, ihr Leben wieder nach Hause
tragen, und in ihren Betten sterben. Verharret nicht auf euerm
Vorsaz, sondern höret mich, grosse Könige.

König Johann.
Redet, wir erlauben es, und wollen hören.

Bürger.
Diese Infantin von Spanien, Lady Blanca, ist nahe mit England
verwandt; betrachtet den jungen Ludwig, den Dauphin, und dieses
liebenswürdige Mädchen. Wenn wollüstige Liebe auf die Jagd der
Schönheit ausgehen wollte, wo könnte sie solche schöner finden, als
in Lady Blanca? Wenn keusche Liebe gehen wollte, die Tugend
aufzusuchen, wo könnte sie solche reiner finden, als in Lady
Blanca? Wenn ehrsüchtige Liebe ein Bündniß mit hohem Stande machen
will, in welchen Adern rinnt ein edler Blut als in Lady Blanca’s?
So wie sie an Schönheit, Tugend und Geburt ist, so vollkommen ist
der junge Dauphin, in jedem Stüke; soll er nicht vollkommen seyn, o,
so sagt nur, er ist nicht sie; so wie ihr nichts anders mangelt,
(wenn das ein Mangel heissen kan,) als daß sie nicht er ist. Er
ist die Helfte eines vollkommnen Mannes, bestimmt, durch eine
solche Sie vollendet zu werden; und sie eine schöne getheilte
Vortreflichkeit, deren vollständige Vollkommenheit in ihm ligt. O!
zween solche Silberströme, wenn sie sich vereinigen, machen die
Ufer worinn sie zusammenfliessen, zu Paradiesen. Diese Vereinigung
soll mehr über unsre festverschloßnen Thore vermögen als Batterien;
denn sobald ihr dieses Bündniß beschlossen haben werdet, soll sich
der Mund des Zugangs, schneller als der Bliz des Pulvers ihn mit
Gewalt eröffnen könnte, von freyen Stüken weit aufthun, euch
einzulassen; aber ohne dieses Bündniß, ist die ergrimmte See nicht
halb so taub, sind Löwen nicht halb so unerschroken, und Berge und
Felsen so unbeweglich; nein, der Tod selbst ist in seiner
verderblichen Wuth nicht halb so unerbittlich, als wir, diese Stadt
zu behaupten.

Faulconbridge.
Das ist ein Redner, der das faule Gerippe des Todes aus seinen
Lumpen herausschüttelt. Das ist ein grosses Maul, in der That, das
Tod und Berge, Felsen und Seen ausspeyt, und von brüllenden Löwen
so vertraulich spricht, als Mädchen von dreyzehn Jahren von
Schooßhündchen. Was für ein Constabel zeugte dieses lustige Blut?
Er spricht lauter Canonen-Feuer, Rauch und Knall; er giebt Prügel-
Suppe mit seiner Zunge; unsre Ohren kriegen Stokschläge; er sagt
nicht ein Wort, das nicht eine derbere Maulschelle giebt als eine
Französische Faust. Zum Henker! Ich bin nie so mit Worten
abgepläut worden, seit ich meines Bruders Vater Papa genennt habe.

Elinor (zu König Johann, leise.)
Sohn, gieb diesem Vorschlag Gehör, geh dieses Bündniß ein, und gieb
ihnen mit unsrer Nichte eine Morgengabe, womit sie zufrieden seyn
können; denn durch dieses Band kanst du dein izt wankendes Recht an
die Crone so feste machen, daß jener grüne Bube keine Sonne haben
wird, um die Blüthe zu zeitigen, die eine mächtige Frucht
verspricht. Ich sehe Nachgiebigkeit in Frankreichs Bliken; sieh,
wie sie einander zuflüstern; fasse sie bey diesem Augenblik, da
ihre Seelen fähig sind, sich durch die Hoffnung einer vergrösserten
Macht bestechen zu lassen, sonst möcht’ ihr Eifer für Arthurs Sache,
der izt durch den lauen Athem von sanften Bitten, Mitleiden und
Bedenklichkeiten aufgeschmelzt worden, wieder erkalten, und zu der
vorigen Härte gefrieren.

Bürger.
Was antworten Eure Majestäten auf den gütlichen Vorschlag unsrer
bedräuten Stadt?

König Philipp.
Sprecht zuerst, England, da ihr der erste waret, der seinen Antrag
an diese Stadt machte; was ist eure Gesinnung?

König Johann.
Wofern der hier gegenwärtige Dauphin, dein königlicher Sohn, in
diesem Buche der Schönheit lesen kan, ich liebe; so soll ihre
Mitgift soviel wägen als eine Königin; denn Anjou, und das schöne
Touraine, Maine, Poitou, und alles, was (diese belagerte Stadt hier
ausgenommen,) auf dieser Seite des Meers unsrer Crone einverleibt
ist, soll ihr Braut-Bette vergülden, und sie an Titeln, Würden und
Gütern so reich machen, als sie an Geburt, Erziehung und Schönheit,
jeder andern Princeßin in der Welt die Wage hält.

König Philipp.
Was sagst du denn, Junge? Sieh der Princeßin ins Gesicht.

Ludwig.
Ich thu es, Sire, und ich find’ in ihren Augen ein Wunderwerk, oder
doch eine wunderbare Erscheinung, meinen eignen Schatten in ihren
Augen abgebildet, der, ob er gleich nur der Schatten euers Sohnes
ist, eine Sonne wird, und euern Sohn zu einem Schatten macht. Ich
versichre euch, ich liebte mich selbst noch nie bis izt, da ich
mich selbst in der schmeichelnden Tafel ihres Auges abgerissen
finde.

Blanca (zu Ludwig.)
Meines Oheims Wille ist in dieser Sache der meinige; was er nur
immer an euch sehen mag, das ihm gefällt, dieses Etwas, das ihm
gefällt, kan ich ohne Mühe zu meinem Willen übertragen; oder, um
eigentlicher zu reden, wenn ihr wollt, kan ich es leicht meiner
Liebe aufnöthigen. Milord, ohne euch über alles was ich
liebenswürdiges an euch sehe, zu schmeicheln, will ich nur soviel
sagen, daß ich nichts an euch sehe, was, wenn gleich die Tadelsucht
selbst Richter seyn sollte, einiges Hasses würdig wäre.

König Johann.
Was sagen diese jungen Leute? Was sagt ihr, meine Nichte?

Blanca.
Daß ihre Ehre sie verbindet, alles zu thun, was eurer Klugheit ihr
zu befehlen belieben wird.

König Johann.
Redet dann, Prinz Dauphin, könnt ihr diese Lady lieben?

Ludwig.
Fragt mich vielmehr, ob es mir möglich sey, sie nicht zu lieben;
denn ich liebe sie im höchsten Grade.

König Johann.
So geb’ ich dir also Volquessen, Touraine, Maine, Poitiers und
Anjou, diese fünf Provinzen, mit ihr; und über dieses noch die
volle Summe von dreyßigtausend Mark Englischen Geldes. Philipp von
Frankreich, wenn du damit zufrieden bist, so befiehl deinem Sohn
und deiner Tochter einander die Hände zu geben.

König Philipp.
Wir sind es vollkommen zufrieden, ihr jungen Prinzen, vereinigst
eure Hände.

Östreich.
Und eure Lippen dazu; denn ich erinnre michs noch wohl daß ich es
so machte, wie ich das erstemal versprochen wurde.

König Philipp.
Nun, ihr Bürger von Angiers, öffnet eure Thore, um die Freundschaft
einzulassen die ihr gestiftet habt, damit ohne Verzug diese
Vermählung in St. Martins Capelle sollennisirt werden könne. Ist
die Lady Constantia nicht in dieser Gesellschaft? Doch sie kan
nicht hier seyn; ihre Gegenwart würde diesem neugeschloßnen
Verglich ein starkes Hinderniß in den Weg gelegt haben. Wo ist sie,
und ihr Sohn, wer kan es mir sagen?

Ludwig.
Sie sizt voll Traurigkeit und Unwillen in Eurer Majestät Gezelt.

König Philipp.
Bey meiner Ehre, dieses Bündniß das wir getroffen haben, wird ihrer
Schwermuth wenig Lindrung geben. Bruder von England, wie können
wir diese Fürstliche Wittwe zufrieden stellen? Zu Behauptung ihres
Rechts sind wir gekommen, und nun haben wir uns, Gott weiß es, zu
unserm eignen Vortheil, auf eine andre Seite gedreht.

König Johann.
Wir wollen alles gut machen; denn wir wollen den jungen Arthur zum
Herzog von Bretagne und Grafen von Richmond ernennen, und ihn
überdiß zum Herrn dieser schönen reichen Stadt machen. Ruffet die
Lady Constantia; ladet sie eilfertig zu unsrer Feyrlichkeit ein;
wenn wir gleich nicht das ganze Maaß ihres Willens erfüllen, so
werden wir sie doch in gewissem Maasse befriedigen, und wenigstens
ihren Ausruffungen den Mund stopfen. Izt laßt uns zu Vollziehung
dieser unvorgesehnen und unvorbereiteten Solennität keine Zeit
verliehren.

(Alle gehen ab, bis auf Faulconbridge.)

Sechste Scene.

Faulconbridge.
Närrische Welt! närrische Könige! närrisches Zeug zusammen!
Johann, um Arthurn sein Recht zum Ganzen zu benehmen, begiebt sich
freiwillig eines Theils; und Frankreich, dem das Gewissen seine
Rüstung angeschnallt, den Eifer und Christliche Liebe als Gottes
eignen Waffenträger ins Feld geführt, läßt sich nun von diesem
Vorsaz-Ändrer entwafnen, diesem schlauen Teufel, diesem Mäkler,
der immer der Treue den Hals bricht, diesem täglichen Eidbrecher,
der alle Menschen verführt, Könige, Bettler, Alte, Junge, und der
die Mädchen selbst, die sonst nichts äusserliches zu verliehren
haben als das Wort Mädchen, die armen Dinger auch um das betrügt;
diesem glattmaulichten Stuzer, diesem kizelnden Schmeichler,
Interesse–Interesse, der die ganze Welt aus ihrem ebnen
natürlichen Lauf heraushebt, und ohne alle gerade Richtung, Absicht
und Regel forttreibt. Und eben dieses Interesse, diese Kupplerin,
dieser Mäkler, dieser allesverwandelnde Zauberer, auf das Auge des
wankelmüthigen Philipps geplakt, hat ihn von seinem festgesezten
Endzwek, von einem beschloßnen und ehrenvollen Krieg, zu einem
höchst schimpflichen und niederträchtigen Frieden gezogen–Und
warum ziehe ich wider dieses Interesse los, als weil es noch bisher
nicht um mich gebuhlt hat; nicht, weil ich die Stärke hätte die
Hand zuzuschliessen, wenn seine schönen Engel mir die ihrige
darreichen würden; sondern weil meine Hand, die noch immer leer
gelassen worden, gleich einem armen Bettler über die Reichen
schmählt. Wohl dann, so lang ich ein Bettler bin, will ich über
die Reichen schmählen, und sagen, es sey keine grössere Sünde als
reich seyn: Und wenn ich reich bin, dann soll meine Tugend darinn
bestehen, daß ich behaupte, es sey kein Laster als Dürftigkeit.
Wenn Könige selbst ihren Eid aus Eigennuz brechen, so sey du mein
Gott, Gewinnst; denn dir allein will ich dienen.

(Er geht ab.)

Dritter Aufzug.

Erste Scene.
(Des Französischen Königs Gezelt.)
(Constantia, Arthur und Salisbüry, treten auf.)

Constantia.
Gegangen, um sich zu vermählen? Um einen Frieden zu schwören?
Treuloses Blut mit treulosem Blut vereinigt! Gegangen, um Freunde
zu seyn? Ludwig soll Blanca haben, und Blanca diese Provinzen? Es
ist nicht so, du hast dich verredet, du hast nicht recht gehört; es
kan nicht seyn, du sagst nur, es sey so; ich bin versichert daß du
nicht die Wahrheit sagst, denn dein Wort ist nur der eitle Athem
eines gemeinen Mannes. Glaube mir, Mann, ich glaube dir nicht, ich
habe den Eid eines Königs für das Gegentheil; du sollt dafür
gestraft werden, daß du mich so erschrekt hast; denn ich bin krank,
und leicht in Furcht zu sezen; mißhandelt und unterdrükt, und also
voller Furcht; eine Wittwe ohne Mann, ohne Beschüzer, also der
Furcht unterworffen; ein Weibsbild, von Natur zur Furchtsamkeit
gebohren; und wenn du izt gleich bekennen würdest, daß du nur
gescherzt habest, so könnte ich doch meine in Unordnung gebrachten
Lebensgeister nicht sogleich wieder beruhigen, sondern sie werden
diesen ganzen Tag zittern und schaudern. Was soll dieses
Kopfschütteln bedeuten? Warum siehst du meinen Sohn so traurig an?
Warum legst du die Hand auf deine Brust? Warum diese Thränen, die
wie ein aufgeschwollner Bach über ihre Ufer stürzen? Sind diese
schwermüthigen Seufzer Bekräftigungen deiner Worte? So sprich noch
einmal, nicht deine vorige Erzählung, sondern nur diß einzige Wort,
ob deine Erzählung wahr ist oder nicht?

Salisbury.
So wahr als ihr Ursache habt, diejenige für falsch zu halten,
welche schuld an der Wahrheit meiner Aussage sind.

Constantia.
Oh, wenn du mich lehrst diese kummervolle Zeitung zu glauben, so
lehre diese kummervolle Zeitung wie sie mich tödten soll, damit ihr
Glaube und mein Leben so an einander stossen, wie die Wuth von
zween ergrimmten Männern, die in dem Augenblik da sie auf einander
treffen, fallen und sterben. Ludwig vermählt sich mit Blanca? O
Junge, was bist dann du? Frankreich, Freund von England? Was wird
dann aus mir? Geh, Mann, ich kan deinen Anblik nicht ausstehen
diese Zeitung hat dich zu einem abscheulichen Mann gemacht.

Salisbury.
Was habe ich dann Übels gethan, gute Lady, als das Übel
anzuzeigen, das andre gethan haben?

Constantia.
Welches aber an sich selbst so scheußlich ist, daß es alle die nur
davon reden abscheulich macht.

Arthur.
Ich bitte euch, Mutter, gebt euch zufrieden.

Constantia.
Wenn du, der mich zufrieden seyn heißt, häßlich wärest, ungestalt,
und deiner Mutter Leibe schimpflich, voller Fleken und ekelhafter
Finnen, lahm, albern, buklicht, krummbeinicht, ungeheuer, und mit
Kräze und Eiterbeulen überdekt; dann wollt’ ich mich nicht
bekümmern, dann wollt’ ich mich zufrieden geben; denn alsdann würd’
ich dich nicht lieben, nein, noch würdest du deiner hohen Geburt
werth seyn, und eine Crone verdienen. Aber du bist schön, und
Natur und Glük haben bey deiner Geburt, du theurer Knabe, sich
vereiniget, dich groß zu machen. Wie die Natur dich begabt hat,
kanst du mit Lilien und halb entfalteten Rosen um den Vorzug
streiten. Aber das Glük! oh sie ist treulos worden, sie ist von
dir abgefallen, hält stündlich mit deinem Oheim zu, und hat mit
ihrer goldnen Hand Frankreich an sich gerissen, und dahin gebracht,
die Ehre der unumschränkten Herrschaft in den Staub zu treten, und
seine Majestät zu ihrer Kupplerin zu machen. Frankreich ist eine
Kupplerin zwischen dem Glük und Johann, dem Glük, dieser ehrlosen
Meze, und diesem räuberischen Johann. Sag mir, Bursche, ist
Frankreich nicht meineidig? Vergift’ ihn mit Worten, oder geh
deines Weges, und laß mich allein bey diesen Kränkungen, die ich
allein tragen muß.

Salisbury.
Verzeihet mir, Madam, ich darf nicht ohne euch zu den Königen zurük
kommen.

Constantia.
Du darfst, du sollst, ich will nicht mit dir gehen; ich will meinen
Schmerz lehren stolz zu seyn; denn Schmerz ist stolz, und macht
seinen Besizer eigensinnig. Zu mir, und zu dem Hofstaat meines
grossen Kummers mögen die Könige sich versammeln; denn mein Kummer
ist so groß, daß nichts als die unbewegliche gigantische Erde ihn
unterstüzen kan; hier siz’ ich und mein Schmerz; hier ist mein
Thron, sage den Königen, daß sie kommen und sich vor ihm büken.

(Sie sezt sich auf den Boden.)

Zweyte Scene.
(König Johann, König Philipp, Ludwig, Blanca, Elinor,
Faulconbridge und Östreich.)

König Philipp.
Es ist wahr, schöne Tochter; und dieser gesegnete Tag soll auf ewig
in Frankreich festlich seyn. Diesen Tag feyrlicher zu machen, hält
die glorreiche Sonne in ihrem Lauf inne, und spielt den Alchymisten,
indem sie durch den Glanz ihres funkelnden Auges die magre
klumpichte Erde in schimmerndes Gold verwandelt. Der jährliche
Kreislauf, der diesen Tag wiederbringt, soll ihn nie anders als
einen Fest-Tag sehen.

Constantia (indem sie aufsteht.)
Ein unglüklicher Tag, und nicht ein Fest-Tag! Was hat dieser Tag
verdient? Was hat er gethan, daß er mit goldnen Buchstaben unter
die heiligen Zeiten in den Calender gesezt werden soll? Nein,
stoßt ihn vielmehr aus der Woche aus, diesen Tag der Schande, der
Unterdrükung und des Meineids; oder wenn er ja stehen bleiben muß,
so laßt schwangre Frauen beten, daß sie ihrer Bürde nicht an diesem
Tag entbunden werden; laßt, ausser an diesem Tag, den Seefahrer
keinen Schiffbruch fürchten, und keinen Vertrag gebrochen werden,
der nicht an diesem Tage gemacht worden; ja, alles was an diesem
Tage angefangen wird, nehm’ ein unglükliches Ende, und die Treue
selbst verwandle an ihm sich in Falschheit und Betrug!

König Philipp.
Beym Himmel, Lady, ihr habt keine Ursache die freudigen Begegnisse
dieses Tages zu verwünschen; hab ich euch nicht meine Majestät zum
Unterpfand gegeben?

Constantia.
Ihr habt mich mit einer nachgemachten Majestät betrogen, die,
sobald sie auf den Probstein gestrichen worden, sich falsch
befunden hat; ihr seyd meineidig, meineidig seyd ihr; ihr kam’t in
Waffen, meiner Feinde Blut zu vergiessen, und vermischet und
verstärket es nun mit dem eurigen. Freundschaft und geschminkter
Friede haben den Plaz der kühnen Streitbegierde und des edeln
kriegrischen Zorns genommen, und unsre Unterdrükung ist zum Sigel
dieses Bundes gemacht worden. Waffnet, waffnet euch, ihr
himmlischen Mächte, wider diese meineidigen Könige; eine Wittwe
ruft: Sey mein Gemahl, o Himmel! Laß diesen Ungöttlichen Tag sich
nicht im Frieden schliessen; sondern sende, eh die Sonne
untergegangen seyn wird, bewaffnete Zwietracht zwischen diese
treulosen Könige. Höre mich, o höre mich!

Östreich.
Lady Constantia, gebt euch zufrieden.

Constantia.
Krieg, Krieg, keinen Frieden; Frieden ist Krieg für mich. O
Lymoges, o Östreich! du schändest diesen edeln Raub, womit du
pralest! du Sclave, du Elender, du Memme, du kleiner Hasenritter,
in nichts groß als in Niederträchtigkeit, und nie herzhaft als wenn
du dich hinter die stärkste Parthey verbergen kanst; du Ritter der
Fortuna, der nie ficht, wenn dieses wetterläunische Fräulein nicht
neben dir steht, und dir Bürge für deine Sicherheit ist; du bist
auch meineidig, und schmeichelst den Grossen. Was für ein Narr
bist du, für ein kriechender Narr, zu pralen und zu stampfen und zu
schwören, daß du meine Parthey halten wollest; du kaltherziger
Sclave, hast du nicht wie ein Donner an meiner Seite gesprochen?
Geschworen, daß du die Waffen für mich führen wollest, und mich
ermahnet, mich deinem Glüke und deiner Stärke anzuvertrauen? Und
nun trittst du auch zu meinen Feinden über? du, eine Löwen-Haut
tragen? herab damit, wenn du noch eine Schaam in dir hast, und
häng’ ein Kalbsfell um diese ehrlosen Schultern.

Östreich.
O daß ein Mann mir das sagte!

Faulconbridge.
Und häng’ ein Kalbsfell um diese ehrlosen Schultern.

Östreich.
Untersteh dich das zu sagen, Schurke, wenn dir dein Leben lieb ist.

Faulconbridge.
Und häng’ ein Kalbsfell um diese treulosen Schultern.

Östreich.
Mich däucht, Richards Stolz und Richards Fall sollt’ eine Warnung
für euch seyn, Herr.

Faulconbridge.
Was für Worte sind das? Wie schwanken meine Sehnen! Meines Vaters
Feind in meines Vaters Raub gehüllt! Wie flüstert mir Alecto ins
Ohr: Zögre nicht, Richard, schlage den nichtswürdigen Kerl zu Boden,
zieh ihm dieses unvergleichliche Ehrenzeichen ab, das Denkmal des
Triumphs deines Vaters über die Wilden–Nun bey seiner Seele
schwöre ich, bey meines Vaters Seele, ich will nicht zweymal die
Sonne aufgehen sehen, bis ich dieses Siegeszeichen von deinem Rüken
gezogen, und dir das Herz davor zerschmettert habe, daß du dich
unterstanden es zu tragen.

König Johann.
Höre auf, du mißfällst uns mit solchen Reden, und vergissest dich
selbst.

Dritte Scene.
(Pandolph zu den Vorigen.)

König Philipp.
Hier kommt der heilige Legat des Papsts.

Pandolph.
Heil euch, ihr gesalbten Stadthalter des Himmels! An dich, König
Johann, geht meine heilige Gesandtschaft. Ich, Pandolph, Cardinal
Erz-Bischof von Meiland, und Legat des Papsts Innocentius allhier,
frage dich in seinem Namen auf dein Gewissen, warum du gegen die
Vorrechte der Kirche, unsrer heiligen Mutter, den erwählten Erz-
Bischof von Canterbüry, Stephan Langton, so vorsezlicher und
gewaltthätiger Weise von diesem heiligen Stuhl zurükstossest?
Dieses ists, was in unsers vorbesagten heiligsten Vaters, Papsts
Innocentius, Namen, ich dich fragen soll.

König Johann.
Was für ein irdischer Name kan den freyen Athem geheiligter Könige
zu Fragstüken anhalten? Du kanst keinen schlechtern, unwürdigern
und lächerlichern Namen erdenken, Cardinal, um mich zu einer
Antwort zu vermögen, als des Papsts seinen. Sag ihm das, und seze
noch dieses aus Englands Mund hinzu, daß wir nicht gestatten werden,
daß ein Italiänischer Priester Zehnden oder Zoll in unsern
Gebieten einziehe; sondern, so wie wir in unsern Reichen, unter dem
Himmel das oberste Haupt sind, so wollen wir auch unter ihm, diesem
grossen Oberherrn, allein und ohne Beyhülf einer sterblichen Hand,
dieses unser Ansehen behaupten. Sagt das dem Papst, mit
Beyseitsezung aller Ehrfurcht gegen ihn und seine anmaßliche
Autorität.

König Philipp.
Bruder von England, ihr lästert indem ihr so sprecht.

König Johann.
Ob gleich ihr und alle Könige der Christenheit euch von diesem
unruhigen Priester auf eine grobe Art hintergehen laßt, daß ihr
einen Fluch fürchtet, der sich mit Geld abkauffen läßt, und durch
das Verdienst von abschäzigem Gold, Quark, Staub, verfälschten
Ablaß von einem Menschen erkauft, der bey diesem Handel den Ablaß
sich selber abkauft, ob gleich ihr und alle übrigen, euch so grob
betrügen laßt, diesen heiligen Taschenspieler mit Einkünften zu
überhäuffen; so hab ich doch Muth, ich allein, mich dem Papst
entgegenzusezen, und halte seine Freunde für meine Feinde.

Pandolph.
So sey dann du, kraft der rechtmäßigen Gewalt die ich habe, mit dem
Fluch und Bann der Kirche belastet; und gesegnet soll der seyn, der
sich wider seine Lehenspflicht gegen einen Kezer empört; und
verdienstlich soll die Hand genennt werden, canonisirt und als
heilig verehrt, die, durch was für ein Mittel es auch sey, dir dein
verfluchtes Leben nimmt.

Constantia.
O laß es erlaubt seyn, daß mir Rom eine Weile Plaz mache, ihm zu
fluchen. Guter Vater Cardinal, sprich du Amen zu meinen Flüchen;
denn ohne eine Kränkung, wie die meinige, ist keine Zunge, die
Gewalt hat, ihm recht zu fluchen.

Pandolph.
Hier, Lady, ist die gesezmäßige Vollmacht, die meinen Fluch
rechtmäßig macht.

Constantia.
Ist es der meinige minder? Wenn das Gesez kein Recht thun kan, so
laßt rechtmäßig seyn, daß das Gesez kein Unrecht hindre; das Gesez
kan meinem Kinde hier sein Königreich nicht geben; denn der, der
von seinem Königreich Meister ist, ist Meister vom Gesez; da nun
das Gesez selbst vollkommnes Unrecht ist, wie kan das Gesez meiner
Zunge verbieten zu fluchen?

Pandolph.
Philipp von Frankreich, wenn du nicht selbst in den Bann fallen
willst, so laß die Hand dieses Erz-Kezers fahren, und biete die
ganze Macht von Frankreich wider ihn auf, es wäre dann, daß er sich
unter Rom demüthigte.

Elinor.
Wirst du blaß, Frankreich? Laß deine Hand nicht gehen.

Constantia.
Habe Sorge, Teufel, damit Frankreich sich nicht ändre, und durch
Zurükziehung seiner Hand die Hölle eine Seele verliehre.

Östreich.
König Philipp, gieb dem Cardinal Gehör.

Faulconbridge.
Und häng’ ein Kalbsfell um seine ehrlosen Schultern.

Östreich.
Gut, Galgenschwengel, ich muß diese Beleidigungen einsteken, weil–

Faulconbridge.
deine Hosen weit genug dazu sind, sie zu tragen.

König Johann.
König Philipp, was sagst du zu dem Cardinal?

Constantia.
Was kan er anders sagen, als wie der Cardinal.

Ludwig.
Bedenket euch, Vater; die Frage ist, ob ihr euch den schweren Fluch
von Rom, oder den leichten Verlust von Englands Freundschaft
zuziehen wollt; wählet das leichteste Übel.

Blanca.
Das ist Rom’s Fluch.

Constantia.
Ludwig, halte fest; der Teufel versucht dich hier in Gestalt einer
schmuken jungen Braut.

König Johann.
Der König ist unruhig, und giebt keine Antwort.

Constantia (zu Philipp.)
O entfernt euch von ihm, und antwortet recht.

Östreich.
Thut das, König Philipp, hängt nicht länger im Zweifel.

Faulconbridge.
Häng nichts als ein Kalbsfell, du allerangenehmste Laus.

König Philipp.
Ich bin ganz in Verwirrung, und weiß nicht was ich sagen soll.

Pandolph.
Die Verwirrung würde noch grösser seyn, wenn du exkomunicirt und
verflucht würdest.

König Philipp.
Guter ehrwürdiger Vater, sezet euch an meine Stelle, und saget mir,
was ihr thun würdet? Diese königliche Hand und die meinige sind
nur erst zusammengefügt, und eine innerliche Vereinigung unsrer
Seelen durch ein feyrliches Bündniß und die ganze Stärke
geheiligter Eydschwüre unauflöslich gemacht worden. Der lezte
Athem, den unsre Lippen zu Worten bildeten, war festgeschworne
Treue, Friede, Freundschaft und aufrichtige Liebe zwischen uns und
unsern Königreichen. Und unmittelbar vor diesem Friedenschluß,
nicht länger als daß wir zu Beschwörung desselben die Hände waschen
konnten, waren sie, der Himmel weiß es, mit neuvergoßnem Blut
beflekt. Und sollen nun diese Hände, die nur erst davon gereiniget,
nur erst in Freundschaft zusammengefügt worden, sich wieder
trennen, die beschworne Treue brechen, und des Himmels spotten?
Sollen wir so unbeständige Kinder aus uns selbst machen, einen
Augenblik darauf wieder unsre Hände zurükzuziehen? Soll die
beschworne Treue wieder abgeschworen, und das Brautbette des
lächelnden Friedens von blutigem Krieg zertreten werden? O
heiliger Mann, mein ehrwürdiger Vater, laßt es nicht so seyn!
Erfindet, rathet, schlaget einen gelindern Weg vor, und wir wollen
uns glüklich schäzen, euch zu willfahren und Freunde zu bleiben.

Pandolph.
Alle Form ist unförmlich, und jeder Weg ein Irrweg, der nicht der
Freundschaft mit England entgegensteht. Zu den Waffen also; sey
der Verfechter unsrer Kirche, oder die Kirche unsre Mutter wird
ihren Fluch über dich aussprechen, den Fluch einer Mutter über
einen rebellischen Sohn. Frankreich, es wäre dir besser eine
Schlange bey ihrer Zunge, einen ergrimmten Löwen bey seiner
mördrischen Taze, einen hungernden Tyger bey seinen Zähnen zu
halten, als in Freundschaft diese Hand zu halten, die du hältst.

König Philipp.
Ich kan wohl meine Hand aber nicht meinen Eyd zurük ziehen.

Pandolph.
Du machst also die Pflicht zu einem Feind der Pflicht und sezest,
wie in einem Bürger-Krieg, Eyd gegen Eyd, und Versprechen gegen
Versprechen. Hast du nicht dein erstes Gelübde dem Himmel gethan,
nemlich ein Beschüzer unsrer Kirche zu seyn, und muß dieses nicht
zuerst erfüllt werden? Was du seitdem geschworen hast, ist wieder
dich selbst geschworen, und kan nicht von dir vollzogen werden;
denn wenn du geschworen hast unrecht zu thun, so besteht das
Unrecht darinn, wenn du deinen Schwur hältst; und wenn du ihn nicht
hältst, wofern ihn zu halten unrecht ist, so kanst du deine Pflicht
nicht besser halten, als wenn du ihn nicht hältst. In diesem Fall
ist das Rechtmäßigste, zweymal Unrecht zu thun; es scheint unrecht,
aber das Unrecht wird dadurch wieder recht, und Untreue heilt
Untreue, wie Feuer in den gerösteten Adern eines Menschen, der
verbrennt wird, das Feuer kühlt. Die Religion ist es, was
beschworne Gelübde halten macht; allein du hast wider die Religion
geschworen; du schwörst bey etwas, wider welches du schwörst, und
machst einen Eid zur Sicherheit deiner Treue, gegen einen Eid,
dessen Treue du dadurch unsicher machst. Wenn man schwört, so
schwört man ja allein, daß man nicht meineidig seyn soll; was für
ein Gespötte wär’ es sonst zu schwören? Du aber schwörst allein,
um falsch zu schwören; und bist meineidig, wenn du hältst was du
geschworen hast.* Dein lezter Eid, den du gegen deinen ersten
geschworen hast, ist also in dir selbst eine Empörung gegen dich
selbst. Und du kanst nimmermehr einen bessern Sieg davon tragen,
als wenn du dein beßres Selbst gegen diese eiteln schwindlichten
Eingebungen waffnest; wozu unser Gebet, wenn du es annehmen willst,
dir beystehen soll. Wo nicht, so wisse, daß unsre Flüche so heftig
auf dich blizen sollen, daß du nicht vermögend seyn wirst sie
abzuschütteln, sondern unter ihrer schwarzen Last in Verzweiflung
sterben wirst.

{ed.-* In dieser langen Rede läßt Shakespeareden Legaten seine
Geschiklichkeit in der Casuistik zeigen; und das abentheurliche
Gemengsal von Wortspielen und Non-sens, woraus sie besteht, soll,
nach seiner Absicht die Scholastische Dialectik lächerlich machen.
Wenn der Legat, wie im Verfolg des Stüks geschieht, als ein
Staatsmann redet, spricht er aus einem ganz andern Ton; und ich
vermuthe, die Absicht war zu zeigen, daß die Römischen Höflinge
ungleich bessere Politici als Theologi seyen. Warbürton.}

Östreich.
Rebellion, offenbare Rebellion–

Faulconbridge.
Kan es denn nicht seyn? Ist denn kein Kalbsfell da, das dir dein
Maul stopfen kan?

Ludwig.
Vater, zu den Waffen.

Blanca.
An deinem Hochzeit-Tage? Wider das Blut, mit dem du dich vermählt
hast? Wie? Sollen erschlagne Menschen unserm Fest beywohnen?
Sollen brausende Trompeten und lautlermende Trummeln, den Tact zu
unserm hochzeitlichen Gepränge geben? O höre mich, mein Gemahl, (o
Himmel! wie neu ist dieses Wort in meinem Munde!) um dieses Namens
willen, den meine Zunge izt zum erstenmal ausspricht, auf meinen
Knien, bitt’ ich dich, ergreiffe die Waffen nicht gegen meinen
Oheim.

Constantia.
O, auf meinen Knien bitte ich dich, und sollt ich so lange knien,
bis sie hart würden, du tugendhafter Dauphin, wende die vom Himmel
zugedachte Rache nicht ab.

Blanca.
Izt ist die Gelegenheit, da du mir deine Liebe beweisen kanst; was
für ein Beweggrund kan mehr bey dir gelten, als der Name einer
Gemahlin?

Constantia.
Das was ihn und dich aufrecht erhält, seine Ehre. O deine Ehre,
Ludwig, deine Ehre!–

Ludwig.
Ich erstaunen wie Euer Majestät so kalt seyn kan, da so wichtige
Betrachtungen auf sie würken.

Pandolph.
Ich will den Fluch über sein Haupt aussprechen.

König Philipp.
Du sollst es nicht nöthig haben. England, ich falle von dir ab.

Constantia.
O edle Wiederkehr der verbannten Majestät!

Elinor.
O schändliche Empörung der Französischen Unbeständigkeit!

König Johann.
Frankreich, du sollst diese Stunde noch in dieser Stunde bereuen.

Blanca.
So muß die Sonne in Blut untergehen. Schöner Tag, fahr’ wohl! Wo
ist die Parthey mit der ich gehen muß? Ich stehe zwischen beyden,
jede Armee hat eine Hand, und indem ich beyde halte, reissen sie
sich in ihrer Wuth von einander, und zerstüken mich. Gemahl, ich
kan nicht beten, daß du gewinnen mögest; Oheim, ich bin gezwungen
zu beten, daß du verliehrest; Vater, ich kan das Glük nicht auf
deine Seite wünschen; Großmutter, ich will nicht wünschen, daß
deine Wünsche erhört werden; keine Parthey kan gewinnen, ohne daß
ich auf der andern verliehre.

Ludwig.
Folget mir, Madame, euer Glük hängt nun von dem meinigen ab.

Blanca.
Wo mein Glük lebt, stirbt mein Leben.

König Johann.
Vetter, geh und ziehe unsre Völker zusammen.

(Faulconbridge geht ab.)

Frankreich, ich bin von einem Grimm entflammt, dessen Hize nichts
als Blut, das Blut, das kostbarste Blut von Frankreich löschen kan.

König Philipp.
Deine Wuth soll dich aufzehren, und du sollt in Asche
zusammenfallen, eh unser Blut diß Feuer löschen soll. Sieh zu dir
selbst, du wagest viel.

König Johann.
Nicht mehr als der so mir dräuet. Zun Waffen! hinweg!

(Sie gehen ab.)

Vierte Scene.
(Verwandelt sich in das Schlachtfeld.)
(Lerm; Gefecht; Faulconbridge mit Östreichs Kopf, tritt auf.)

Faulconbridge.
Nun bey meinem Leben, dieser Tag wird entsezlich heiß; irgend ein
feuriger Teufel brütet in der Luft, und schüttet Unheil herab.
Hier lig du, Östreichs Kopf,–So hat König Richards Sohn sich
seines Gelübds entlediget, und der unsterblichen Seele seines
Vaters Östreichs Blut zum Todten-Opfer gebracht. (König Johann,
Arthur und Hubert treten auf.)

König Johann.
Hier Hubert, bring diesen Knaben in Verwahrung–Richard, ermuntre
dich; meine Mutter wird in ihrem Gezelt bestürmt, und ist, wie ich
besorge, gefangen.

Faulconbridge.
Ich befreyte sie, Gnädigster Herr; ihre Hoheit ist in Sicherheit,
besorget nichts. Aber zurük, mein König; noch ein wenig Arbeit
wird diesen Tag zu einem glüklichen Ende bringen.

(Sie gehen ab.)

Fünfte Scene.
(Lermen; Gefecht; Flucht; König Johann, Elinor, Arthur,
Faulconbridge, Hubert und Lords treten wieder auf.)

König Johann.
So soll es seyn;

(zu seiner Mutter.)

Euer Gnaden soll unter einer starken Bedekung zurükbleiben;

(zu Arthur.)

Vetter, sieh nicht so traurig aus; deine Großmama hat dich lieb,
und dein Oheim will deines Vaters Stelle bey dir vertreten.

Arthur.
O diß wird meine Mutter vor Schmerz sterben machen.

König Johann (zu Faulconbridge.)
Vetter, auf, nach England; eile voran, und siehe, daß du noch vor
unsrer Ankunft unsre reichen Äbte schüttelst; sez du ihre
gefangnen Engel in Freyheit; der hungrige Krieg muß an den fetten
Ribben des Friedens zehren. Vollziehe unsern Auftrag mit dem
äussersten Nachdruk.

Faulconbridge.
Gloke, Buch und Kerze sollen mich nicht zurüktreiben, wo Gold und
Silber mich einladen einen Besuch zu machen. Ich verlasse Eu.
Majestät; Großmutter, wenn mir anders einmal einfällt fromm zu seyn,
will ich für eure Wohlfahrt beten; und hiemit küß’ ich euch die
Hand.

Elinor.
Lebe wohl, mein lieber Vetter.

König Johann.
Vetter, lebe wohl.

(Faulconbridge geht ab.)

Elinor.
Komm zu mir, kleiner Vettermann–auf ein paar Worte–

(Sie nimmt den Arthur auf die eine Seite des Theaters.)

König Johann (zu Hubert auf der andern Seite.)
Komm hieher, Hubert. O mein lieber Hubert, wir sind dir sehr
verbunden; in diesen Mauern von Fleisch ist eine Seele die dein
Schuldner ist, und deine Liebe mit Wucher zu bezahlen gedenkt.
Glaube mir, mein guter Freund, der freywillige Eid, womit du dich
zu meinem Dienst verbunden hast, lebt in diesem Busen und wird
theuer geachtet. Gieb mir deine Hand, ich wollte dir etwas sagen–
aber ich will es auf eine gelegnere Zeit versparen. Beym Himmel,
Hubert, ich bin recht beschämt, wenn ich denke, wie grosse
Verbindlichkeiten ich dir habe.

Hubert.
Ich bin es, der Euer Majestät unendlich verpflichtet ist.

König Johann.
Mein guter Freund, du hast noch keine Ursache das zu sagen–Aber du
sollt bekommen–und so langsam die Zeit auch kriechen mag, so soll
sie doch kommen, daß ich dir Gutes thun kan. Ich hatte dir was zu
sagen–Aber, laß es gehen: Die Sonne ist am Himmel, und der stolze
Tag, von den Freuden der Welt umgeben, ist zu üppig, zu voll von
Lustbarkeiten, um mir Gehör zu geben. Wenn die mitternächtliche
Gloke mit ihrer ehernen Zunge über die schlaftrunkne Geschöpfe der
Nacht Eins erschallen liesse; wenn dieser Plaz wo wir stehn, ein
Kirchhof wäre, und du vom Gefühl von tausend Beleidigungen besessen
wärst; oder wenn der saure Geist der Melancholie dein Blut, das izt
küzlend in deinen Adern auf- und ab rollt, so dik wie Leim gemacht
hätte; oder wenn du sehen könntest ohne Augen, hören könntest ohne
Ohren, und mir antworten ohne Zunge; wenn du, ohne Augen, ohne
Ohren, ohne den beleidigenden Schall von Worten, durch blosse
Gedanken mit mir reden könntest; denn wollt’ ich, troz dem
großaugichten wachtsamen Tag meine Gedanken in deinen Busen
ausschütten–Aber so, will ich nicht–Und doch liebe ich dich sehr,
und bey meiner Treue, ich denke, du liebest mich auch.

Hubert.
So sehr, daß ich, ich schwör es beym Himmel, alles unternehmen will,
was Euer Majestät mir befehlen kan, wenn gleich der Tod mit der
That verknüpft wäre.

König Johann.
Weiß ich nicht, daß du es thun würdest? Guter Hubert, Hubert,
Hubert, wirf dein Auge auf jenen Knaben; ich will dir was sagen,
Freund; er ist eine rechte Schlange in meinem Wege, und wohin ich
den Fuß sezen will, ligt er vor mir. Verstehst du mich? Du bist
sein Hüter.

Hubert.
Und ich will ihn so hüten, daß er Eu. Majestät nimmer in den Weg
kommen soll.

König Johann.
Tod.

(leise.)

Hubert.
Gnädigster Herr.

König Johann.
Ein Grab.

Hubert.
Er soll nicht leben.

König Johann.
Genug, nun könnt’ ich aufgeräumt seyn. Hubert, ich habe dich lieb.
Gut, ich will nicht sagen, was ich für dich thun will; Vergiß es
nicht–

(indem er zu Elinor zurükgeht.)

Madame, lebet wohl, ich will Euer Majestät die bewußten Truppen
zusenden.

Elinor.
Mein Segen geht mit euch.

König Johann (zu Arthur.)
Izt nach England, Vetter; Hubert soll euer Mann seyn, und euch mit
aller schuldigen Ehrerbietung zu Diensten stehen, auf, nach Calais,
hinweg!

(Sie gehen ab.)

Sechste Scene.
(Verwandelt sich in den Französischen Hof.)
(König Philipp, Ludwig, Pandolpho, und Gefolge treten auf.)

König Philipp.
So wird durch ein heulendes Ungewitter auf dem Meer eine ganze
Armade von vereinbarten Segeln zerstreut und von einander
verschlagen.*

{ed.-*Dieses Gleichniß, das an sich selbst an diesem Ort nicht zur
Sache paßt, ist, wie viele andere Stellen in diesem Stüke, eine
Anspielung auf die spanische Invasion im Jahr 1588, und die
damalige Zeit-Umständ; indem dieses Schauspiel längstens einen oder
zween Winter darnach zum erstenmal aufgeführt wurde. Warburton.}

Pandolph.
Nur guten Muth gefaßt, alles soll noch gut gehen.

König Philipp.
Was kan gut gehen, wenn es uns so übel geht? Sind wir nicht
geschlagen? Ist nicht Angiers verlohren? Arthur gefangen?
Verschiedne von unsern besten Freunden erschlagen? Und unser
blutiger Gegner, mit verächtlichem Troz nach England zurükgegangen?

Ludwig.
Was er gewonnen hat, hat er befestiget: So kluge Entwürfe, mit
einem solchen Feuer ausgeführt, eine so gute Ordnung, in einem so
ungestümen Lauf ist ohne Exempel; wer hat jemals von einer Action
wie diese ist, gelesen oder gehört?

König Philipp.
Ich könnte es nach wohl ertragen, daß England dieses Lob erhielte,
wenn ich nur wenigstens ein Beyspiel, für unsre Schande kennte.
(Constantia zu den Vorigen.) Sehet, wer kommt hier? Das Grab einer
Seele, das den unsterblichen Geist wider seinen Willen in der
verhaßten Gefangenschaft eines gequälten Athems hält. Ich bitte
dich, Lady, komm mit mir hinweg.

Constantia.
Seht, seht, das ist nun der Ausgang euers Friedens.

König Philipp.
Geduld, gute Lady; guten Muth, theure Constantia.

Constantia.
Nein, ich biete allem Rath, aller Hoffnung Troz, ausser dem was
allem Rath und aller Hoffnung ein Ende macht. Tod, Tod; o
angenehmer liebenswürdiger Tod! du wohlriechender Gestank, du
gesunde Fäulniß, steh auf aus deinem Lager einer ewigen Nacht, du
Abscheu und Schreken des Glüks; und ich will deine ekelhaften
Knochen küssen, und meine Augen in deine holen Augen-Löcher steken,
und diese Finger mit den Würmern, die in dir hausen, umwinden, und
diesen Mund mit deinem vermoderten Staub verstopfen, und ein
scheusliches Gerippe werden, wie du. Komm, grinse mich an, und ich
will denken du lächelst, und dich wie dein Weib umarmen; o du
Liebling des Elends, komm, komm zu mir!

König Philipp.
O schöne Bekümmerniß, stille!

Constantia.
Nein, nein, ich will nicht, so lang ich noch Athem habe zu schreyen;
o, daß meine Zunge im Munde des Donners stäke, damit ich mit
meinem Schmerz die ganze Welt erschüttern, und dieses entfleischte
faule Gerippe vom Schlaf aufweken könnte, das die Anrufung einer
schwachen weiblichen Stimme nicht hören will.

Pandolph.
Lady, ihr stoßt Unsinn aus, nicht Schmerz.

Constantia.
Du versündigest dich, das du das glaubst; ich bin nicht unsinnig;
dieses Haar das ich ausrauffe, ist mein; mein Nam ist Constantia,
ich war Gottfrieds Weib; der junge Arthur ist mein Sohn, und er ist
verlohren! Ich bin nicht unsinnig; wollte Gott, ich wär’ es! denn
alsdann könnt’ ich vergessen, wer ich bin. O wenn ich es könnte,
was für einen Schmerz würd’ ich vergessen! Predige irgend eine
Philosophie, die mich unsinnig mache, und du sollt canonisirt
werden, Cardinal. Denn, weil ich nicht unsinnig bin, sondern
meinen Schmerz fühle, so arbeitet mein vernünftiger Theil, wie ich
mich von diesem Jammer befreyen möge, und lehrt mich, daß ich mich
erstechen oder erhängen soll. Wenn ich unsinnig wäre, würd’ ich
meinen Sohn vergessen, oder in meinem Wahnwiz denken, das nächste
Wikel-Kind sey mein Sohn; ich bin nicht unsinnig; zu gut, allzugut
fühl ich die eigene Quaal jedes besondern Jammers.

König Philipp.
Bindet diese fliegenden Loken auf; O was für Liebe seh ich in
dieser schönen Menge ihrer Haare; wohin nur von ungefehr ein
Silbertropfe gefallen ist, eben zu diesem Tropfen drängen sich
zehntausend feurige Freunde in geselligem Schmerz zusammen, gleich
wahren unzertrennlichen, getreuen Liebhabern, die mit einander im
Unglük ausharren.

Constantia.
Nach England, wenn ihr wollt.–

König Philipp.
Bindet eure Haare auf

Constantia.
Ja, das will ich; und warum will ich es thun? Ich riß sie aus
ihren Fesseln, und rief. O daß diese Hände meinem Sohne so die
Freyheit geben könnten, wie sie diesen Haaren ihre Freyheit gegeben
haben! Aber nun beneid’ ich ihre Freyheit, und will sie wieder in
ihre Fesseln schliessen, weil mein armes Kind ein Gefangner ist.
Und Vater Cardinal, ich hab’ euch sagen gehört, wir werden unsre
Freunde im Himmel wieder kennen. Wenn das ist, so werd ich meinen
Jungen nimmer wieder sehen. Denn seit der Geburt Cains, des ersten
männlichen Kindes bis zu dem, der erst gestern seufzte, ist keine
anmuthigere Creatur gebohren worden. Aber nun wird der Krebs des
Kummers meine Rosenknospe fressen, und die angebohrne Schönheit von
seinen Wangen jagen; er wird aus holen Augen wie ein Gespenst
schauen, so düster und hager wie ein vom Fieber ausgezehrter
Kranker, und so wird er sterben und wenn er so wieder aufersteht,
und ich ihn in dem himmlischen Hofe wieder antreffe, so werd’ ich
ihn nicht kennen; und also werd ich meinen holdseligen Arthur
nimmer, nimmer wieder sehen.

Pandolph.
Ihr überlaßt euch euerm Schmerz zu sehr.

Constantia.
Das sagt mir einer, der niemals einen Sohn hatte–

König Philipp.
Ihr liebet euern Schmerz, wie ihr euer Kind liebt.

Constantia.
Mein Schmerz füllt den Plaz meines abwesenden Kindes aus, ligt in
meinem Bette, geht mit mir auf und ab, zeigt mir seine anmuthigen
Blike, wiederholt seine Worte, erinnert mich an alle seine
liebreizenden Eigenschaften; ich hab’ also Ursache meinen Schmerz
zu lieben. Gehabt ihr euch wohl; hättet ihr einen solchen Verlust
erlidten wie ich, so könnte ich bessern Trost geben als ihr thut.
Ich will diesen Prunk nicht auf meinem Kopf leiden,

(Sie reißt ihren Kopfzeug ab.)

da eine solche Unordnung in meinem Verstand ist. O Gott, mein
Kind, mein Arthur, mein schöner Sohn! Mein Leben, meine Freude,
meine Nahrung, mein Alles in der Welt! Mein Trost, die einzige
Lindrung meines Kummers! Mein Sohn! Mein Sohn!

(Sie geht ab.)

König Philipp.
Ich besorge, es entsteht noch ein Unglük; ich will ihr folgen.

Siebende Scene.

Ludwig.
Es ist nichts in der Welt, das mir mehr Vergnügen geben kan; das
Leben ist mir so ekelhaft als ein zweymal erzähltes Mährchen, das
die schlaffen Ohren eines schläfrigen Menschen plagt. Eine bittre
Schmach hat den angenehmen Geschmak der Welt verderbt, so daß sie
izt nach lauter Schande und Bitterkeit schmekt.

Pandolph.
Eh eine heftige Krankheit geheilt wird, unmittelbar vor dem
Augenblik der wiederkehrenden Gesundheit, ist der Anstoß am
heftigsten; scheidende Übel scheinen am schlimmsten, indem sie
verschwinden. Was habt ihr denn durch den Verlust dieses Tages
verlohren?

Ludwig.
Alle ruhmvollen, frohen, glüklichen Tage meines Lebens.

Pandolph.
Glaubet mir, dann hättet ihr verlohren, wenn ihr diesen Tag
gewonnen hättet. Nein, nein; wenn’s das Glük am besten mit den
Menschen meynt, so sieht es sie mit einem dräuenden Auge an. Es
ist unglaublich, wie viel König Johann gerade dadurch verlohren hat,
was er für klaren Gewinn rechnet. Schmerzt es euch nicht, daß
Arthur sein Gefangner ist?

Ludwig.
So herzlich, als er sich freut daß er ihn hat.

Pandolph.
Euer Verstand ist noch so jung als euer Blut. Nun höre mich aus
einem prophetischen Geiste reden; der blosse Athem der Worte die
ich reden werde, soll jeden Staub, jeden Strohhalm, jedes kleine
Hinderniß aus dem Wege wehen, der deinen Fuß gerade zu Englands
Thron führen wird; höre also! Johann hat sich Arthurs bemächtiget,
und es ist unmöglich, daß, so lange warmes Leben in seinen jungen
Adern spielt, Johann, der seinen Thron usurpirt, eine Stunde, ein
Minute, ja nur einen Augenblik ruhig athmen könnte. Ein Scepter
der mit einer unrechtmäßigen Hand geführt wird, muß so gewaltthätig
erhalten werden, als er gewonnen worden; und wer auf einem
schlüpfrigen Plaz steht, ist nicht so zärtlich, daß ihm etwas zu
garstig seyn sollte, woran er sich halten kan. Damit Johann stehen
könne, muß Arthur fallen; und so sey es, da es nicht anders seyn
kan.

Ludwig.
Aber was kan ich durch Arthurs Fall gewinnen?

Pandolph.
Vermöge des Rechts eurer Gemalin Blanca, könnt ihr alsdann in alle
Ansprüche Arthurs eintreten.

Ludwig.
Und Ansprüche, Leben und alles verliehren, wie Arthur.

Pandolph.
Wie grün und jung ihr in dieser alten Welt noch seyd! König Johann
thut das wichtigste für euch; die Umstände conspiriren mit euch,
und der, so in Vergiessung des rechtmäßigen Bluts seine Sicherheit
sucht, wird nichts als eine blutige und unsichre Sicherheit finden.
Diese Übelthat wird die Herzen seines ganzen Volks erkälten, und
ihren Eifer für ihn so sehr gefrieren machen, daß sie den
schlechtesten Anlas, seiner Regierung ein Ende zu machen, mit
Freuden ergreiffen werden. Es wird keine natürliche Ausdünstung in
der Luft seyn, kein Mißgriff der Natur, kein Wetter-Tag, kein
gemeiner Sturmwind, keine gewöhnliche Naturbegebenheit, denen sie
nicht eine übernatürliche Ursache geben, die sie nicht Meteore,
Wunderzeichen, Mißgeburten und Vorbedeutungen, kurz, Zungen des
Himmels nennen werden, die überlaut wider Johann um Rache schreyen.

Ludwig.
Es ist aber möglich, daß er dem jungen Arthur das Leben läßt, und
sich begnügt, ihn in einer ewigen Gefangenschaft zu halten.

Pandolph.
O Prinz, wenn er von eurer Annäherung hören wird, und Arthur nicht
schon fort ist, so stirbt er denselben Augenblik: Und dann werden
die Herzen aller seiner Unterthanen sich wider ihn empören, sich
nach Veränderung sehnen, und von dieser blutigen That Anlas zu
Aufruhr und Krieg nehmen. Mich däucht, ich sehe diesen Lermen
schon vor meinen Füssen; und o! was kan für euch glüklichers
gebrütet werden, als was ich gesagt habe!–Der Bastard
Faulconbridge ist nun in England, brandschäzet die Kirche, und übet
unchristliche Gewaltthätigkeit aus. Wenn nur zwölf bewehrte
Franzosen dort wären, sie würden wie ein Zusammenruf seyn, und in
einem Augenblik zehntausend Engländer an ihrer Seite sehen; oder
wie ein kleiner Schneeball, der sich herabwälzt und ein Berg wird.
Edler Dauphin, folge mir zum Könige; es ist erstaunlich, was für
Folgen aus ihrem Mißverständniß gezogen werden können. Izt, da
ihre Seelen von Unwillen bis oben an gefüllet sind, izt England zu;
ich will an dem Könige treiben.

Ludwig.
Grosse Beweggründe zeugen grosse Thaten; wir wollen gehen; wenn ihr
Ja sagt, wird der König gewiß nicht Nein sagen.

(Sie gehen ab.)

Vierter Aufzug.

Erste Scene.
(Verwandelt sich in England.)
(Ein Gefängniß.)

(Hubert und zween Nachrichter treten auf.)

Hubert.
Macht mir diese Eisen glühend, und, du dort, bleibe hinter den
Tapeten stehen; und wenn ich mit dem Fuß stampfe, so rausch hervor
und binde den Knaben, den du bey mir finden wirst, fest an den
Lehnstuhl: Gieb wol Acht; hinweg und wache.

Nachrichter
Ich hoffe, euer Befehl werde die That verantworten.

Hubert.
Unnöthige Bedenklichkeiten! Fürchtet nichts, habt Sorge–Junger
Herr, kommt hervor, ich hab’ euch was zu sagen. (Arthur tritt auf.)

Arthur.
Guten Morgen, Hubert.

Hubert.
Guten Morgen, kleiner Prinz.

Arthur.
Mit einem grossen Anspruch ein so kleiner Prinz als einer seyn mag.
Ihr seyd traurig.

Hubert.
In der That, ich bin schon lustiger gewesen!

Arthur.
Der Himmel sey mir gnädig! Mich däucht, niemand sollte traurig
seyn als ich; doch erinnre ich mich, wie ich noch in Frankreich war,
an junge Leute, die aus lauter Muthwillen so traurig waren, wie
die Nacht. So wahr ich ein Christ bin, wär ich nur aus dem
Gefängniß und hütete Schaafe, ich wollte so frölich seyn als der
Tag lang ist. Und das wollt’ ich auch hier seyn, wenn ich nicht
von meinem Oheim noch mehr böses besorgte. Ist es mein Fehler, daß
ich Gottfrieds Sohn worden bin? In der That, es ist nicht; und
wollte Gott ich wäre euer Sohn, so würdet ihr mich lieben, Hubert.

Hubert (vor sich.)
Wenn ich mit ihm rede, so wird er durch sein unschuldiges Geschwäze
mein erstorbnes Mitleiden aufweken. Ich will also eilen, und
meinen Auftrag vollziehen.

Arthur.
Seyd ihr krank, Hubert! Ihr seht heute so blaß aus; gewißlich, ich
wollt’ ihr wäret ein wenig krank, damit ich die ganze Nacht neben
euch sizen und mit euch wachen könnte. Ach! ich liebe euch mehr,
als ihr mich lieb habt.

Hubert.
Seine Reden dringen mir ins Herz.

(Er zeigt ihm ein Papier.)

Ließ hier, junger Arthur–

(Bey Seite.)

Wie nun, närrisches Wasser, must du mein gefrohrnes Mitleiden
aufthauen! Ich muß es kurz machen, oder mein Entschluß vertröpfelt
in weibischen Thränen aus meinen Augen–Könnt’ ihr’s nicht lesen?
Ist es nicht schön geschrieben?

Arthur.
Nur zu schön Hubert, zu einer so häßlichen Absicht. So müßt ihr
meine beyden Augen mit Eisen ausbrennen.

Hubert.
Ich muß, junger Herr.

Arthur.
Und ihr wollt es?

Hubert.
Und ich will.

Arthur.
Habt ihr das Herz dazu? wenn euch nur der Kopf weh that, so band
ich euch mein Schnupftuch um die Stirne; (mein bestes das ich hatte,
eine Princeßin hatt’ es mir gestikt;) und ich fordert’ es niemals
wieder von euch; und des Nachts hielt’ ich euch mit meiner Hand den
Kopf, und wachte bey euch die ganze Nacht durch, und fragte alle
Minuten: was fehlt euch? oder, wo thut’s euch weh? oder, was kan
ich euch zu liebe thun? Manches armen Manns Sohn würde still
gelegen seyn, und nicht ein einziges freundliches Wort zu euch
gesagt haben, und ihr hattet einen Prinzen zum Krankenwärter–Doch
nein, ihr könnt denken, meine Liebe zu euch sey nur verstellt und
eigennüzig gewesen. Thut es, wenn ihr wollt; wenn es dem Himmel so
gefällt, daß ihr übel mit mir umgehen sollt, nun dann, so müßt ihr–
wollt ihr mir die Augen ausreissen, die euch niemals nur einen
sauern Blik gaben, und es auch niemals thun sollen?

Hubert.
Ich habe geschworen, daß ich es thun wolle, und ich muß sie mit
glühenden Eisen ausbrennen.

Arthur.
Ach, niemand, als in dieser eisernen Zeit, würde das thun. Das
Eisen selbst, obgleich feuerroth von Hize, würde, wenn es an diese
Augen käme, meine Thränen trinken, und in ihrem unschuldigen Wasser
seine feurige Wuth löschen. Seyd ihr härter als Eisen? O! wenn
ein Engel zu mir gekommen wäre und hätte mir gesagt, Hubert werde
mir die Augen ausstossen, ich hätt’ es ihm nicht geglaubt; keiner
andern Zunge würd’ ichs glauben, als deiner eignen.

Hubert (stampft auf den Boden, und die Männer kommen herein.)
Hervor, thut wie ich euch befehle.

Arthur (erschroken.)
O Hubert, rette mich! Meine Augen sind schon aus, nur von den
grimmigen Bliken dieser blutigen Männer.

Hubert.
Gebt mir das Eisen sag ich, und bindet ihn hieher.

Arthur.
O Gott, wozu habt ihr nöthig so ungestüm-rauh zu seyn? Ich will
mich nicht sträuben, ich will wie ein Stein still halten. Um des
Himmels willen, Hubert, laßt mich nicht binden! Nein, höre mich,
Hubert, treibe diese Männer weg, und ich will ruhig still sizen wie
ein Lamm. Ich will mich nicht regen, nicht wimpern, kein Wort
reden, und das Eisen nicht zornig ansehen: Schiket nur diese Männer
fort, und ich will euch vergeben, was ihr mir auch für Marter
anthun möget.

Hubert.
Geht, bleibt vor aussen, laßt mich allein mit ihm.

Nachrichter.
Es ist mir lieber, weit von einer solchen That zu seyn.

(Sie gehen ab.)

Arthur.
Ach, so hab ich meinen Freund weggetrieben; er hat einen
erschreklichen Blik, aber ein mitleidiges Herz; laßt ihn wieder
herein kommen, damit sein Mitleiden das eurige aufweke.

Hubert.
Komm, Junge, bereite dich.

Arthur.
Ist denn kein Mittel?

Hubert.
Keines, als deine Augen zu verliehren.

Arthur.
O Himmel! daß doch nur ein Stäubchen, ein Splitterchen, eine Müke,
ein irrendes Haar in den eurigen wäre; wenn ihr fühltet, was für
Ungemach die kleinsten Dinge in diesem kostbaren Sinn anrichten,
euer grausames Vorhaben müßt’ euch entsezlich vorkommen.

Hubert.
Ist diß dein Versprechen; komm her, schweig und rühre dich nicht–

Arthur.
Hubert, du willt mir nicht erlauben, daß ich um meine Augen jammere;
ach, heisse mich nicht schweigen, Hubert, heisse mich’s nicht;
oder schneide mir die Zunge aus, wenn du willt, und laß mich nur
meine Augen behalten. Sieh, bey meiner Treu, das Eisen ist kalt,
und würde mir kein Leid thun.

Hubert.
Ich kan es wieder heiß machen, Junge.

Arthur.
Nein, in rechtem Ernst, das Feuer ist vor Schmerz todt, daß es, zum
Trost der Menschen erschaffen, zu einer solchen Grausamkeit
gebraucht werden soll. Seht nur selbst, diese brennenden Kohlen
haben keine Kraft mehr; der Athem des Himmels hat sie ausgelöscht,
und mit reuiger Asche überstreut.

Hubert.
Aber ich kan sie mit meinem Athem wieder anblasen.

Arthur.
Und wenn ihr’s thut, Hubert, so werdet ihr sie nur erröthen, und
über euer Verfahren vor Schaam glühen machen; ja, vielleicht werden
sie euch in die Augen funkeln, wie ein Hund, der zum Angreiffen
genöthigt wird, nach seinem Meister schnappt, der ihn anhezt. Alle
Dinge, die ihr gebrauchen könnt mir übels zu thun, versagen ihren
Dienst; ihr allein habt nicht einmal so viel Erbarmen mit mir, als
Feuer und Eisen, Geschöpfe, die doch zu den unbarmherzigsten
Verrichtungen gebraucht werden.

Hubert.
Wohlan dann, sieh und lebe; ich will deine Augen nicht anrühren,
wenn mir gleich dein Oheim alle seine Schäze geben wollte. Und
doch hab’ ich geschworen; und ich war entschlossen, mit diesem
Eisen hier sie auszubrennen.

Arthur.
O! nun seht ihr wieder wie Hubert aus. Alle diese Weile war’t ihr
verlarvt.

Hubert.
Stille, nichts weiter. Adieu; euer Oheim darf nichts anders wissen,
als daß ihr todt seyd. Ich will diese hündische Auflaurer mit
falschen Nachrichten anfüllen; und du, holdseliges Kind, schlaffe
ruhig, und sicher, daß Hubert, um die ganze Welt, dir nichts Leides
thun wollte.

Arthur.
O Himmel! ich danke euch, Hubert.

Hubert.
Stille, nichts weiter; geh’ sachte mit mir hinein; ich seze mich
keiner kleinen Gefahr um deinetwillen aus.

(Sie ziehen ab.)

Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in den Hof von England.)
(König Johann, Pembroke, Salisbury, und andre Lords treten auf.)

König Johann.
So sizen wir dann noch einmal wieder hier, noch einmal gekrönt, und,
wie ich hoffe, mit gewognen Augen angesehen.

Pembroke.
Dieses noch einmal, war, mit Euer Hoheit Erlaubniß, überflüßig; ihr
seyd vorher schon gekrönt worden, und dieser königliche Schmuk ist
euch niemals abgerissen, niemals die euch zugeschworne Treue durch
Empörung gebrochen worden. Kein Verlangen nach Veränderungen hat
das Land beunruhiget, und niemand hat sich, in Hoffnung sein Glük
zu verbessern, nach neuen Staats-Auftritten gelüsten lassen.

Salisbury.
Dieser doppelte Pomp einen Titel zu befestigen, der vorhin schon
sicher war, ist eben soviel als feines Gold übergülden, die Lilie
weiß färben, die Viole parfumiren, das Eis glätten, den Regenbogen
mit einer neuen Farbe bereichern, und dem schönen Auge des Himmels
durch ein Fakel-Licht einen höhern Glanz geben wollen; es ist
vergebliche Verschwendung und lächerlicher Überfluß.

Pembroke.
Allein, da euer königlicher Wille erfüllt werden mußte, so ist
dieser Actus nun ein neu-erzähltes altes Mährchen; jedoch, weil
eine ungelegne Zeit dazu genommen worden, bey der lezten
Wiederholung, widrig und übel aufgenommen.

Salisbury.
Das graue und wohlbekannte Angesicht des alten ächten Herkommens
ist dadurch sehr entstellt; es giebt, gleich einem unversehns sich
drehenden Winde, dem Lauf der Gedanken einen neuen Schwung, schrekt
die stuzende Überlegung auf, und macht gesunde Gesinnungen krank,
und Wahrheit verdächtig, da es in einer so neuzugeschnittnen
Kleidung aufzieht.

Pembroke.
Wenn Handwerksleute sich bemühen noch besser zu machen als gut, so
bringt ihr Fleiß Mißgeburten hervor; und die Entschuldigung eines
Fehlers macht oft den Fehler desto schlimmer, weil die
Entschuldigung ein neuer Fehler ist; wie Lappen, die auf einen
kleinen Riß gesezt werden, ein Gewand durch die Verbergung des
Risses mehr entstellen, als der Riß that, eh er so geflikt war.

Salisbury.
Aus diesen Betrachtungen mißriethen wir diese neue Krönung eh sie
vollzogen wurde; allein es gefiel Eu. Hoheit darüber hinaus zu
gehen, und wir lassens uns alle wol gefallen; indem alles und jedes,
was wir wollen könnten, vor Eu. Hoheit Willen Halte machen muß.

König Johann.
Einige Ursachen von dieser doppelten Krönung hab’ ich euch schon
eröffnet, und ich halte sie für stark. Noch weit stärkere werd’
ich euch zu seiner Zeit entdeken, und ich bin also dieses Puncts
wegen ohne Furcht. Inzwischen zeiget nur an, was ihr gerne
verbessert hättet, und ihr sollt erfahren, wie bereitwillig ich
eure Bitten anhören und erfüllen will.

Pembroke.
Erlaubet also, Gnädigster Herr, daß ich, als derjenige, der die
Zunge von diesen allen ist, und die Gedanken ihres Herzens
ausspricht, (für Sie sowol als mich selbst, am meisten aber für
eure eigne Sicherheit, für welche wir alle unsre besten Bemühungen
anwenden) angelegenst um die Befreyung des jungen Arthur bitten;
dessen Einsperrung die murmelnden Lippen des Mißvergnügens in
gefährliche Reden auszubrechen reizt. Wenn ihr das, was ihr in
Ruhe besizt, auch mit Recht besizt, warum soll die Furcht (die, wie
man sagt, sonst nur den Fußtritt des Unrechts begleitet,) euch
bewegen, euern jungen Neffen einzusperren, ihn in einer
barbarischen Unwissenheit zu lassen, und seiner Jugend alle
Vortheile einer guten Erziehung zu versagen? Laßt euch also
gefallen, damit die Übelgesinnten keinen Vorwand haben, dessen sie
bey Gelegenheit sich bedienen könnten, uns eine Bitte zu gewähren,
wozu Ihr selbst uns aufgemuntert habet, und ihm seine Freyheit zu
schenken, um die wir nicht anders zu unserm besten bitten, als weil
unser bestes von dem Eurigen abhängt. (Hubert zu den Vorigen.)

König Johann.
Ich bin es zufrieden, und vertraue seine Jugend eurer Aufsicht an–
Hubert, was bringt ihr Neues?

Pembroke (zu Salisbury.)
Das ist der Mann, der die blutige That thun sollte, er zeigte einem
von meinen Freunden, den Befehl den er dazu hatte. Das Bild einer
gräßlichen Übelthat lebt in seinem Auge; sein betretnes und
gezwungnes Aussehen verräth ein sehr beunruhigtes Herz, und mir ist
bange, die That möchte schon geschehen seyn, die ihm befohlen
worden.

Salisbury.
Der König verändert die Farbe alle Augenblike, sie kommt und geht
von seinem Vorhaben zu seinem Gewissen, und von diesem zu jenem,
wie Herolde zwischen zwey fürchterlichen Schlacht-Ordnungen; seine
Gemüthsbewegung schwillt so sehr an, daß sie nothwendig aufbrechen
muß.

Pembroke.
Und wenn sie aufbricht, so fürcht ich, es wird nichts anders
herauskommen, als der schändliche Eiter von eines holdseligen
Kindes Tod.

König Johann.
Wir können der mächtigen Hand des Todes keinen Einhalt thun. Er
sagt uns, Arthur sey diese Nacht gestorben.

Salisbury.
In der That, wir besorgten, seine Krankheit möchte unheilbar seyn.

Pembroke.
In der That, wir hörten, wie nah er dem Tode war, eh das Kind
selbst fühlte daß es krank war. Dafür muß Rede und Antwort gegeben
werden, hier oder anderswo.

König Johann.
Warum heftet ihr so feyrliche Blike auf mich? Denkt ihr, ich trage
die Scheere der Göttin des Schiksals? Hab’ ich über den Puls des
Lebens zu befehlen?

Salisbury.
Es ist augenscheinlich, daß es nicht richtig zugegangen; und es ist
schändlich, daß Grösse es auf eine so grobe Art zu erkennen giebt.
Wie gut ihr euer Spiel dadurch gemacht habt, wird sich zeigen, und
hiemit gehabt euch wohl.

Pembroke.
Warte noch, Lord Salisbury, ich will mit dir gehen, und das
Erbtheil dieses armen Kindes, sein kleines Königreich von einem
gewaltsamen Grabe suchen. Dieses Blut, das ein Recht an alles was
auf dieser Insel athmet, hatte, schließt nun ein Raum von drey
Schuhen ein. Es ist izt eine schlimme Welt! Aber das muß nicht so
gelidten werden; dieses kan, und in kurzem, allen unsern
Beschwerden zum Ausbruch helfen.

(Sie gehen ab.)

Dritte Scene.
(Ein Courier zu den Vorigen.)

König Johann (für sich.)
Sie brennen vor Unwillen; es reuet mich; es ist kein sichrer Grund
der auf Blut gelegt wird, und das Leben wird durch eines andern Tod
schlecht gesichert.

(Zum Courier.)

Du siehst erschroken aus! Wo ist das Blut, das ich sonst in
deinen Wangen wohnen gesehen habe? Ein trüber Himmel erheitert
sich nicht ohne einen Sturm; schütte dein Ungewitter herab; wie
geht es in Frankreich?

Courier.
Niemals ist in einem Land eine so fürchterliche Kriegszurüstung
gemacht worden als in Frankreich, zu einem Einfall in England. Sie
haben uns die Eilfertigkeit abgelernt; denn da euch berichtet
werden sollte, daß sie sich rüsten, kommt die Zeitung schon, daß
sie geländet haben.

König Johann.
In was für einer Trunkenheit haben denn unsre Freunde geschlafen?
Wo ist unsrer Mutter Sorgfalt? daß eine solche Armee in Frankreich
aufgestellt werden soll, und wir nicht einmal etwas davon hören?

Courier.
Gnädigster Herr, ihre Ohren sind mit Staub verstopft; den ersten
April starb eure edle Mutter, und wie ich höre, ist drey Tage
vorher auch die Lady Constantia in Raserey verstorben. Doch dieses
habe ich nur von einem schwärmenden Gerüchte; ob es wahr oder
falsch ist, weiß ich nicht.

König Johann.
Hemme deine Geschwindigkeit, gefahrvolle Zeit; o! mach einen
Waffenstillstand mit mir, bis ich meine mißvergnügten Pairs
befriedigst habe. Wie? Meine Mutter todt? Wie übel muß es also
in meinen Französischen Staaten gehen!–Unter wessen Anführung
haben diese Völker aus Frankreich, die du mir ankündigest, hier
geländet?

Courier.
Unter dem Dauphin. (Faulconbridge und Peter von Pomfret zu den
Vorigen.)

König Johann.
Du hast mich mit diesen bösen Zeitungen ganz schwindlicht gemacht–

(Zu Faulconbridge.)

Nun, was sagt die Welt zu unserm Verfahren? Stopfe mir nicht noch
mehr solche schlimme Neuigkeiten in den Kopf, er ist schon voll.

Faulconbridge.
Wenn ihr euch fürchtet das schlimmste zu hören, so müßt ihr das
schlimmste ungehört über euern Kopf einstürzen lassen.

König Johann.
Habe Geduld mit mir, Vetter; ich war einen Augenblik betäubt; aber
izt athme ich wieder frey, und kan alles hören, was mir irgend eine
Zunge sagen kan.

Faulconbridge.
Wie ich mit der Geistlichkeit zu Werke gegangen bin, können die
Summen die ich zusammen gebracht am besten sagen. Allein indem ich
das Land, um hieher zu kommen, durchreiset bin, find’ ich das Volk
in einem seltsamen Anstoß von Schwärmerey, von Rumoren besessen und
voll wunderlicher Träume, voller Furcht und Schreken, ohne zu
wissen, was sie fürchten; und hier ist ein Prophet, den ich von den
Strassen von Pomfret, wo ihm ein unzähliches Volk nachlief,
weggenommen, und mit mir gebracht habe. Er sang ihnen in rauhen
hartklingenden Reimen, daß vor nächstem Auffahrts-Tag, mittags, Eu.
Hoheit die Crone niederlegen würden.

König Johann.
Du eitler Träumer, warum thatest du das?

Peter.
Weil ich vorher weiß, daß es geschehen wird.

König Johann.
Hubert, hinweg mit ihm, ins Gefängniß, und auf den Tag, mittags,
wenn ich, wie er sagt, die Crone niederlegen soll, laß ihn
aufhängen. Bring ihn in sichre Verwahrung und komm wieder, denn
ich habe dich nöthig.

(Hubert geht mit Peter ab.) (Zu Faulconbridge.)

O mein liebster Vetter, hörst du die Zeitung, die sich von einer
Landung ausbreitet?

Faulconbridge.
Jedermanns Mund ist voll davon; überdas traf ich den Lord Bigot und
den Lord Salisbury an, mit Augen so roth wie frisch angeblasenes
Feuer, und noch viele andre, welche giengen Arthurs Grab zu suchen,
der, wie sie sagen, diese Nacht auf euer Anstiften ermordet worden
sey.

König Johann.
Mein lieber Vetter, geh, wage dich in ihre Gesellschaft; ich hab’
einen Weg ihre Liebe wieder zu gewinnen; bringe sie vor mich.

Faulconbridge.
Ich will sie aufsuchen.

König Johann.
Aber eile; du kanst nicht zu sehr eilen. O laßt mich keine
einheimische Feinde haben, wenn auswärtige Gegner meine Städte mit
dem furchtbaren Pomp eines trozigen Einfalls schreken! Sey mein
Mercurius, seze Flügel an deine Füsse, und fliege, wie ein Gedanke,
von ihnen zu mir zurük.

Faulconbridge.
Der Geist der Zeit soll mich eilen lehren.

(Er geht ab.)

König Johann.
Das ist gesprochen, wie ein muntrer junger Edelmann sprechen soll.
Folg ihm; vielleicht hat er einen Courier zwischen mir und den
Pairs nöthig; du taugst am besten dazu.

Courier.
Von Herzen gerne, mein Gebieter.

(Geht ab.)

König Johann.
Meine Mutter todt!

Vierte Scene.
(Hubert tritt auf.)

Hubert.
Gnädigster Herr, man sagt, es haben sich diese Nacht fünf Monde
sehen lassen; viere seyen stille gestanden, und der fünfte habe
sich mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit um die andern vier
herumgedreht.

König Johann.
Fünf Monde?

Hubert.
Alte Männer und alte Mütterchen, auf den Strassen, machen
gefährliche Propheceyungen hierüber; des jungen Arthurs Tod ist
immer in ihrem Mund, und wenn sie von ihm reden, so schütteln sie
die Köpfe und wispern einander ins Ohr; und der so redt, faßt den
Hörer bey der Hand, indem der, so zuhört, Gebehrden des Entsezens
macht, die Stirne rümpft, den Kopf schüttelt und die Augen verdreht.
Ich sah einen Schmidt mit seinem Hammer, der, indeß daß sein
Eisen auf dem Ambos erkaltete, mit ofnem Maul die Zeitungen eines
Schneiders einschlang, der mit seinem Ellstab und seiner Scheer in
der Hand, in halbangezognen Schuhen, in die er vor Eilfertigkeit
den unrechten Fuß gestekt hatte, von viel tausend tapfern Franzosen
erzählte, die in Kent in Schlachtordnung stünden; bis ein andrer
hagrer, ungewaschner Handwerksmann seiner Erzählung ein Ende machte,
und von Arthurs Tod redte.

König Johann.
Warum suchst du mich durch dergleichen Schrekbilder zu beunruhigen?
Warum wiederholst du Arthurs Tod so oft? Deine Hand ist sein
Mörder gewesen; ich hatte Ursachen seinen Tod zu wünschen, du
hattest keine.

Hubert.
Ich hatte keine, Sire? Wie? Reiztet ihr mich nicht dazu an?

König Johann.
Es ist ein Fluch der Könige, Sclaven um sich zu haben, die ihre
Launen für Befehle nehmen; die einen blossen Wink des Herrn für ein
Gesez halten, das sie zu jeder blutigen That berechtigt, und die
Gedanken der gefährlichen Majestät zu befolgen glauben, wenn sie
vielleicht mehr aus einem Anstoß von schlimmem Humor als aus
überlegter Absicht sauer sieht.

Hubert.
Hier ist eure Hand, und euer Sigel, für das was ich that.

König Johann.
O, wann die lezte Rechnung zwischen Himmel und Erde gemacht werden
wird, dann wird diese Hand und diß Sigel wider uns zeugen! Wie oft
wird eine Übelthat nur darum gethan, weil wir die Mittel, sie zu
thun, vor uns sehen! Wärest du nicht bey der Hand gewesen, ein
Geselle, den die Hand der Natur zu Ausführung einer Schandthat
ausgezeichnet hat, dieser Mord wäre mir niemals in den Sinn
gekommen. Dein grelles Aussehen, die Geschiklichkeit, die
Willigkeit zu gefährlichen Dingen und blutigen Bubenstüken, die ich
an dir fand, versuchte mich–Und du, um dich einem König beliebt zu
machen, machtest dir kein Gewissen, einen Prinzen zu ermorden.

Hubert.
Gnädigster Herr–

König Johann.
Hättest du nur deinen Kopf geschüttelt, nur eine Pause gemacht, da
ich dir einen dunkeln Wink von meinem Vorhaben gab, nur einen
bedenklichen zweifelhaften Blik auf mich geworffen, oder mich
gebeten, daß ich deutlich reden sollte; die Schaam würde mich stumm
gemacht und deine Furcht auch in mir Furcht erwekt haben. Aber du
verstuhndest mich aus blossen Zeichen, und antwortetest auch durch
blosse Zeichen; ja, ohne einen Augenblik zu stoken, liessest du
dein Herz einwilligen, und dem zufolge deine rauhe Hand die That
vollbringen, die beyder Zungen zu nennen sich scheuten–Hinweg aus
meinem Gesicht, laß dich nimmer vor mir sehen. Meine Edeln
verlassen mich, mein Reich wird überfallen, und die feindlichen
Heere stehen schon vor meinen Thoren gelagert; und ach! in diesem
Königreich meiner Seele, in diesen Grenzen von Blut und Athem,
herrscht Feindseligkeit und bürgerlicher Aufruhr zwischen meinem
Gewissen und meines Neffen Tod.

Hubert.
Waffnet euch gegen eure andern Feinde, ich will zwischen euch und
euerm Gewissen Friede machen. Der junge Arthur lebt noch; diese
meine Hand ist noch eine jungfräuliche, unschuldige Hand, und von
Blut unbeflekt. Noch niemals ist in diesen Busen ein
meuchelmördrischer Gedanke gekommen, und ihr habt durch euer
Urtheil von meinem Aussehen die Natur verleumdet. So rauh es
scheinen mag, so bedekt es doch ein Gemüth, das zu edel ist, der
Henker eines unschuldigen Kindes zu seyn.

König Johann.
Lebt Arthur noch? O so eile zu den Pairs, giesse diese Nachricht
auf ihren flammenden Grimm, und zähme sie zu ihrer Schuldigkeit.
Vergieb der Auslegung, die meine Leidenschaft über deine Gestalt
gemacht hat, denn meine Wuth war blind; und Augen, in denen meine
Einbildung eine Blutschuld funkeln sah, stellten dich mir
gräßlicher dar als du bist. O, antworte mir nicht, sondern bringe
mir die erzürnten Lords mit der äussersten Geschwindigkeit in mein
Cabinet. Ich beschwöre dich nur langsam; renne noch eilfertiger.

(Sie gehen ab.)

Fünfte Scene.
(Eine Strasse vor einem Gefängniß.)
(Arthur tritt verkleidet an die Mauer desselben.)

Arthur.
Die Mauer ist hoch, und doch will ich herunter springen. Guter
Boden, sey mitleidig und thu mir kein Leid. Es kennt mich hier
niemand, und wenn man mich auch kennte, so macht mich diese Gestalt
eines Schifferjungens völlig unerkenntlich. Ich fürchte mich, und
doch will ich es wagen. Wenn ich herunter komme, und unbeschädigt
bleibe, will ich tausend Mittel finden, davon zu kommen; es ist
eben so gut mein Leben zu wagen, indem ich zu entkommen suche, als
mein Leben zu verliehren, wenn ich bleibe.

(Er springt herab.)

Weh mir, meines Oheims Geist ist in diesen Steinen! Himmel, nimm
meine Seele auf, und England meine Gebeine.

(Er stirbt.)

(Pembrok, Salisbury und Bigot treten auf.)

Salisbury.
Lords, ich will ihm zu St. Edmondsbury entgegen kommen; es ist für
uns das sicherste; wir können in den gefährlichen Umständen, worinn
wir sind, dieses freundliche Anerbieten nicht ausschlagen.

Pembrok.
Wer überbrachte diesen Brief von dem Cardinal?

Salisbury.
Der Graf von Melun, ein Französischer Edelmann, dessen mündliche
Erzählung von des Dauphins guter Gesinnung gegen uns mir noch weit
mehr gesagt hat, als dieser Brief

Bigot.
So wollen wir ihm dann morgen früh entgegen gehen.

Salisbury.
Oder vielmehr uns auf den Weg machen, denn wir werden zween lange
Tagreisen haben, eh wir bey ihm eintreffen werden. (Faulconbridge
zu den Vorigen.)

Faulconbridge.
Ich freue mich, euch noch einmal anzutreffen, Milords; der König
ersucht durch mich um eure unverzügliche Gegenwart.

Salisbury.
Der König hat sich selbst aus unserm Besiz gesezt; wir wollen
seinen dünnen besudelten Rok nicht mit unsrer reinen Ehre füttern,
noch den Fuß begleiten, der, wohin er tritt, blutige Fußstapfen
zurük läßt. Kehrt zurük, und sagt ihm das; wir wissen das ärgste.

Faulconbridge.
Was ihr auch denken möget, so wären gute Worte, wie ich glaube, das
beste.

Salisbury.
Sir, Sir, Ungeduld hat ein Privilegium.

Faulconbridge.
Es ist wahr, seinem Besizer zu schaden, und sonst niemandem.

Pembroke.
Hier ist das Gefängniß; wer ligt hier?

(Indem er Arthur gewahr wird.)

Salisbury.
O Tod, stolz auf die Zerstörung dieser reinen und fürstlichen
Schönheit. Die Erde hat keine Grube, diese That zu verbergen.

Bigot.
Der Meuchelmord, als ob er selbst verabscheute, was er gethan hat,
legt sie offenbar zur Schau aus, um die Rache aufzureizen.

Salisbury.
Sir Richard, was denkt ihr? Habt ihr jemals so etwas gesehen, oder
gelesen, oder gehört, oder euch vorstellen können, als ihr hier
sehet; ja, könnt ihr es begreiffen, ob ihr’s gleich sehet? Könnte
die Denkungs-Kraft, ohne einen solchen Gegenstand, eine solche
Vorstellung hervorbringen? Es ist der Gipfel, die höchste Spize,
das Äusserste von dem Äussersten was der Meuchelmord wagen kan;
es ist die blutigste Schandthat, die wildeste Unmenschlichkeit, der
niederträchtigste Streich, den jemals die starr-augichte Wuth den
Thränen des sanften Mitleidens dargestellt hat.

Pembrok.
Alle Mordthaten die jemals geschehen sind, werden durch diese
entschuldiget; sie ist so einzig, so mit keiner andern zu
vergleichen, daß sie die noch ungebohrnen Sünden der Zukunft rein
und heilig, und einen jeden Menschen-Mord zu einem blossen Scherz
macht, in Vergleichung mit diesem abscheulichen Spektakel.

Faulconbridge.
Es ist eine verfluchte That, eine gottlose That einer mördrischen
Hand, wenn es anders die That irgend einer Hand ist.

Salisbury.
Wenn es die That irgend einer Hand ist? Wir hatten eine Art von
Licht, was erfolgen würde. Es ist die schändliche That von Huberts
Hand, die hierinn das Werkzeug zu dem Willen des Königs gewesen ist.
Und hier, schwöre ich meine Seele von allem Gehorsam gegen ihn
los, hier vor dem Ruin dieses anmuthigen Lebens kniend, und athme
zu dieser athemlosen Vortreflichkeit den Weyhrauch eines Gelübdes,
eines heiligen Gelübdes, daß ich eher von keinem Vergnügen des
Lebens kosten, eher keiner Freude und keiner Ruhe den Zutritt zu
mir lassen will, bis ich diese ermordete Unschuld durch die
feyrlichste Rache versöhnt haben werde.

Pembrok. Bigot.
Unsre Seelen bekräftigen dein heiliges Gelübde!

Sechste Scene.
(Hubert zu den Vorigen.)

Hubert.
Milords, ich suche euch allenthalben mit feurigster Eile; Arthur
lebt, und der König sendet nach euch.

Salisbury.
O, er ist kühn und erröthet nicht zu todt; hinweg, du verabscheuter
Lasterbube, aus meinem Gesicht!

Hubert.
Ich bin kein Lasterbube.

Salisbury.
Muß ich dem Gesez zuvorkommen?

(Er zieht seinen Degen.)

Faulconbridge.
Euer Schwerdt ist glänzend, Sir, stekt es wieder ein.

Salisbury.
Nicht eher, bis ich ihm eines Mörders Haut zur Scheide gemacht habe.

Hubert.
Zurük, Lord Salisbury; zurük, sag ich; beym Himmel, mein Degen ist
so scharf als der eurige; ich möchte nicht, Lord, daß ihr euch
selbst vergässet, oder die Gefahr meiner abgenöthigten Gegenwehr
reiztet; oder ich möchte, von eurer Wuth aufgefodert, euern Werth,
euern Adel und eure Grösse vergessen.

Bigot.
Hinweg, Misthaufe, unterstehst du dich einem Edelmann zu trozen?

Hubert.
Nicht für mein Leben; aber meine Unschuld untersteh ich mich gegen
einen Kayser zu vertheidigen.

Salisbury.
Du bist ein Mörder.

Hubert.
Zwingt mich nicht es zu werden; izt, bin ich noch keiner; Wessen
Zunge falsch redet, redt nicht wahr, und wer nicht wahr redt, lügt.

Pembroke.
Haut ihn in Stüken.

Faulconbridge.
Halte Frieden, sag ich.

Salisbury.
Auf die Seite, Faulconbridge, oder ich will dir die Haut abziehen.

Faulconbridge.
Du würdest leichter dem Teufel die Haut abziehen, Salisbury. Wenn
du dich erkühnst mich nur sauer anzusehen, nur deinen Fuß
vorzusezen, oder ein unanständiges Wort gegen mich auszustossen, so
schlag ich dich tod nieder. Steke deinen Degen bey Zeiten ein,
oder ich will dich und deinen Bratspieß so zusammenpleuen, daß du
denken sollst, der Teufel aus der Hölle sey über dich gekommen.

Bigot.
Was willt du thun, ruhmvoller Faulconbridge? Einem Bösewicht
beystehen, einem Mörder?

Hubert.
Lord Bigot, ich bin keiner.

Bigot.
Wer ermordete diesen Prinzen?

Hubert.
Es ist noch keine Stunde seit ich ihn gesund verlassen habe; ich
ehrt’ ihn, ich liebt’ ihn, und ich will mein lebenlang den Verlust
seines süssen Lebens beweinen.

Salisbury.
Trauet nicht diesem heuchelnden Wasser in seinen Augen; ein
Bösewicht kan auch weinen, und eine lange Übung macht, daß seine
erzwungene Zähren Ströme des Mitleidens und der Unschuld scheinen.
Folget mir alle, deren Seelen den unreinen Geruch eines
Schlachthauses verabscheuen; ich erstike in den Ausdünstungen
dieser Schandthat.

Bigot.
Hinweg nach Edmondsbury, zu dem Dauphin.

Pembrok.
Saget dem König, dort könn’ er uns erfragen.

(Die Lords gehen ab.)

Siebende Scene.

Faulconbridge.
Das ist eine feine Welt; wißt ihr was um diese saubre Arbeit?
Hubert, wann du diese That gethan hast, so reicht eine grenzenlose
Güte nicht zu, dir zu vergeben.

Hubert.
Hört mich nur an, Sir.

Faulconbridge.
Ha! ich will dir was sagen; du bist verdammt, so schwarz–Nein,
nichts ist so schwarz, tiefer verdammt als Lucifer; es ist kein so
scheußlicher Teufel in der Hölle wie du seyn wirst, wenn du diß
Kind umgebracht hast.

Hubert.
Bey meiner Seele–

Faulconbridge.
Wenn du nur deinen Willen zu dieser Unmenschlichkeit gegeben hast,
so verzweifle; und wenn du keinen Strik hast, so wird der dünnste
Faden, den jemals eine Spinne aus ihrem Leib gezogen hat, stark
genug werden, dich zu erdrosseln; ein Rohr wird ein Balken werden,
dich daran zu hängen; oder wenn du dich ersäuffen willt, so gieß
nur ein wenig Wasser in einen Löffel, und es wird soviel seyn als
der ganze Ocean, zureichend, einen solchen Bösewicht zu erstiken.
Du bist mir äusserst verdächtig.

Hubert.
Wenn ich durch That, Einwilligung oder nur durch die Sünde eines
Gedankens an dem Raub dieses anmuthsvollen Lebens schuldig bin, so
möge die Hölle selbst neue Qualen nöthig haben mich zu martern. Er
war wohl da ich ihn verließ.

Faulconbridge.
Geh, trag’ ihn in deinen Armen fort. Ich bin ganz betäubt, däucht
mich, und verliehre meinen Weg unter den Dornen und Gefahren dieser
Zeit–Wie wenig Mühe brauchst du, ganz England aufzuheben! Aus
diesem kleinen zerbrochnen Gehäuse der rechtmäßigen Königs-Würde
ist das Leben, der Friede, die Treue von diesem ganzen Königreich
gen Himmel geflogen; und das verlaßne England als ein Ding, das
keinen rechtmäßigen Eigenthümer hat, ist dem überlassen, der es
zuerst zu paken kriegt. Der hündische Krieg sträubt nun, um den
halbabgenagten Knochen der Majestät, seinen zürnenden Kamm, und
bläkt die Zähne gegen die freundlichen Augen des Friedens. Nun
stossen auswärtige Kriegsschaaren und einheimische Mißvergnügte in
gerader Linie auf einander, und öde Verwüstung laurt, wie ein Rabe
auf ein angestektes und gefallenes Stük Vieh, auf den stürzenden
Fall des überwältigten Pomps. Nun ist derjenige glüklich, den sein
Priester-Rok und sein Gürtel vor diesem Ungewitter zu Hause bewahrt–
Tragt das Kind hinweg, und folget mir unverzüglich; ich gehe zu
dem König; tausend Geschäfte warten auf uns, und der Himmel selbst
schießt einen zürnenden Blik auf dieses Land.

(Sie gehen ab.)

Fünfter Aufzug.

Erste Scene.
(Der Englische Hof.)
(König Johann, Pandolph und Gefolge treten auf.)

König Johann.
Hiemit übergeb ich in eure Hand diesen Cirkel meiner Königs-Würde.

(Er giebt ihm die Crone.)

Pandolph.
Empfanget wieder aus dieser meiner Hand, als ein Lehen des Papsts,
eure königliche Grösse und Autorität.

König Johann.
Und nun haltet euer geheiligtes Wort; gehet den Franzosen entgegen,
und bedienet euch aller Gewalt, die ihr von Sr. Heiligkeit habt,
ihnen, eh sie unser ganzes Reich in Flammen sezen, die Grenzen zu
versperren. Unsre mißvergnügten Grafschaften lehnen sich auf,
unser Volk sträubt sich gegen seine Pflicht, und schwört einem
fremden Blute Treue und Unterwürfigkeit. Dieser Schwall einer
fieberhaften Schwärmerey kan von euch allein besänftiget werden.
Säumet also nicht; denn die gegenwärtige Zeit ist so krank, daß sie,
ohne die Hülfe schleuniger Arzneymittel, gar bald unheilbare
Folgen nach sich zöge.

Pandolph.
Mein Athem war es, der wegen euers halsstarrigen Bezeugens gegen
den Papst, dieses Ungewitter erregte; nachdem ihr euch aber auf
eine so glükliche Art verändert habt, so soll eben dieser Athem,
diesen Sturm des Kriegs wieder hinweg hauchen, und schönes Wetter
in euerm erschütterten Lande machen. An diesem Auffahrts-Tage,
erinnert euch dessen wol, geh ich, auf den Eid hin so ihr zum
Dienst des Papsts geschworen habt, die Franzosen zu vermögen, daß
sie die Waffen niederlegen.

(Er geht ab.)

König Johann.
Ist heute Auffahrts-Tag? Sagte nicht der Prophet: An diesem Tage,
zu Mittag, sollt ich meine Crone niederlegen? Was hab ich gethan;
ich meynte, es sollte durch Gewalt geschehen, aber dem Himmel sey
Dank, es geschah bloß freywillig. (Faulconbridge tritt auf.)

Faulconbridge.
Ganz Kent hat sich ergeben; nichts hält sich noch als Dover-Castle;
London hat wie ein freundlicher Wirth den Dauphin und sein
Kriegsheer aufgenommen; eure Edeln wollen euch nicht hören, sondern
sind im Begriff, ihre Dienste euerm Feind anzubieten; und die
kleine Zahl eurer wankenden Freunde treibt wilde Betäubung hin und
her.

König Johann.
War die Nachricht, daß Arthur lebe, nicht vermögend, meine Lords
zur Wiederkehr zu mir zu bewegen?

Faulconbridge.
Sie haben ihn todt auf die Strasse geworffen gefunden; ein leeres
Kästchen, woraus der Juweel so darinn verschlossen war, das Leben,
von irgend einer verdammten Hand weggestohlen worden.

König Johann.
Der nichtswürdige Bube Hubert sagte mir, er lebe.

Faulconbridge.
Ich wollte für ihn schwören daß er nichts anders wußte–aber warum
seyd ihr so niedergeschlagen? Warum seht ihr so traurig? Seyd
groß in Thaten, wie ihr es in Entschliessungen gewesen seyd. Laßt
die Welt keine Furcht, kein banges Mißtrauen in einem königlichen
Auge lesen; seyd unternehmend, wie die Gelegenheit die euch
auffordert. Sezet dem Feuer Feuer entgegen, drohet dem Dräuer und
trozet der rümpfenden Stirne der pralenden Gefahr; so werden eure
Anhänger, die ihre Aufführung von ihrem Oberhaupt borgen, durch
euer Beyspiel groß werden, und einen unerschroknen Muth fassen.
Hinweg, und schimmert wie der Kriegs-Gott, wenn er dem Sieg
entgegenzieht; zeigt Kühnheit und Vertrauen auf euch selbst und
euer Glük! Wie, sollen sie den Löwen in seiner Höle aufsuchen, und
sie sollen ihn da erschreken, ihn zittern machen? O! laßt das
nicht gesagt werden. Geht dem Feind herzhaft auf den Leib, und
ringet mit ihm, eh er in das Herz euers Landes eindringt.

König Johann.
Der Legat des Papsts ist bey mir gewesen, und ich habe Frieden mit
ihm gemacht, und er hat mir versprochen, den Dauphin wieder heim zu
schiken.

Faulconbridge.
O unrühmliches Bündniß! Fremde sollen in unser Land einfallen, und
wir sollen kein anders Mittel haben, als Unterhandlungen, Compromiß
und erbettelten Waffenstillstand, um sie uns vom Halse zu schaffen?
Ein unbärtiger Junge, ein verzärtelter seidener Stuzer soll
übermüthig über unsre Felder einherziehn, seinen Muthwillen auf
einem kriegerischen Boden herumtummeln, der Luft mit dem bunten
Gepränge seiner flatternden Fahnen spotten, und keinen Widerstand
finden? Zu den Waffen, mein Königlicher Herr; vielleicht erhält
der Cardinal seine Absicht nicht; und wenn er sie auch erhält, so
laßt doch wenigstens von uns gesagt werden, daß wir in der
Verfassung gewesen, uns wehren zu können.

König Johann.
Ich übertrage dir die Gewalt, alles anzuordnen und zu thun, was du
in unsern gegenwärtigen Umständen nöthig findest.

Faulconbridge.
Auf dann, und guten Muth gefaßt; ich bin gewiß, daß unsre Parthey
im Stande wäre, einem stärkern Feind entgegen zu gehen.

(Sie gehen ab.)

Zweyte Scene.
(Das Lager des Dauphins.)
(Ludwig, Salisbury, Melun, Pembrok, Bigot und Soldaten, treten in
Waffenrüstung auf.)

Ludwig.
Mein Herr von Melun, laßt eine Copey hievon genommen, und zu unsrer
Erinnerung wol aufgehoben werden; den gegenwärtigen Aufsaz aber
gebt diesen Lords zurük, damit sie auch eine schriftliche Erklärung
unsers geneigten Willens haben, und wir sowol als sie, wenn wir
diese Papiere überlesen, uns erinnern worauf wir geschworen haben,
und unser Wort fest und unverbrüchlich halten.

Salisbury.
Auf unsrer Seite soll es niemals gebrochen werden. Und ob wir
gleich, edler Dauphin, euer Betragen gegen uns durch Zuschwörung
einer freywilligen Ergebenheit und unerzwungnen Treue erwiedern; so
glaubet mir doch, Prinz, ich bin nicht erfreut, daß ein solches
Geschwär der gegenwärtigen Zeit bey der verachteten Rebellion ein
Pflaster suchen, und den eingewurzelten Krebs einer Wunde durch
viele heilen muß. O, es kränkt meine Seele, daß ich dieses Metall
von meiner Seite ziehen muß, um ein Wittwen-Macher zu seyn, und
dieses in einem Lande, wo rühmlicher Widerstand und rechtmäßige
Gegenwehr über den Namen Salisbury schreyen! Aber so ist die
verpestete Krankheit dieser Zeit beschaffen, daß wir unser Recht zu
heilen, gezwungen sind die Hand des kühnen Unrechts und der
regellosen Gewaltthätigkeit anzuruffen. Und sollt es uns nicht
schmerzen, o meine tiefgekränkten Freunde, daß wir, die Söhne und
Kinder dieser Insel, gebohren seyn sollen, die Stunde zu sehen, da
wir, zu einem ausländischen Kriegsheer gesellt, über ihren schönen
Busen einhertreten, und die Linien ihrer Feinde ausfüllen; (ich muß
mich wegwenden, und die Schmach dieser traurigen Nothwendigkeit
beweinen) die Stunde zu sehen, da wir das Volk eines entfernten
Landes wider unser eignes unterstüzen, und unbekannten Fahnen hier
folgen müssen? Wie, hier? O mein Volk, möchtest du dich
zurükziehen können! Möchte Neptun, der dich ringsumfaßt, dich in
seinen Armen aus dem Schooß deines mütterlichen Bodens hinweg an
irgend ein Heidnisches Ufer tragen, wo diese Christlichen Heere das
Blut des Hasses in eine Ader des Friedens zusammenlegten könnten,
anstatt es hier so unnachbarlich zu vergiessen.

Ludwig.
Du zeigst hierinn eine edle Sinnesart; und der grosse Trieb, der in
deinem Busen kämpft, verursacht ein Erdbeben von edeln Empfindungen
in dir. Oh was für einen edeln Kampf zwischen Nothwendigkeit und
Liebe zum Vaterland hast du gekämpft! Laß mich diesen ehrwürdigen
Thau abwischen, der wie fliessendes Silber über deine Wangen rollt.
Mein Herz ist schon von den Thränen eines Frauenzimmers
zerschmolzen, die doch eine gewöhnliche Überschwemmung sind; aber
dieser Ausbruch von männlichen Thränen, dieser von dem Ungewitter
einer grossen Seele zusammengetriebne Regen, macht mein Auge
starren, und sezt mich in ein grösseres Erstaunen, als wenn ich das
ganze Gewölbe des Himmels auf einmal mit brennenden Meteoren
überwälzt sähe. Heitre deine Stirne auf, ruhmvoller Salisbury, und
treibe durch ein grosses Herz diesen Sturm hinweg. Überlaß diese
Thränen jenen Säuglings-Augen, die niemals die riesengleiche Welt
in Wuth gesehen, und das Glük nirgends als bey Lustbarkeiten und
üppigen Schmäusen kennen gelernt haben. Komm, komm, du sollt deine
Hand so tief in den Beutel des reichen Wohlstands steken als Ludwig
selbst; so, Milords, sollt ihr alle, die ihre Sehnen an die Stärke
der meinigen anknüpfen.

Dritte Scene.
(Pandolph zu den Vorigen.)

Ludwig.
Wie, hier eilet, däucht mich, ein Engel auf uns zu; sehet, der
heilige Legat kommt, uns Verhaltungs-Befehle vom Himmel zu bringen,
und unsern Unternehmungen durch seinen Beyfall das Sigel des Rechts
aufzudrüken.

Pandolph.
Heil dir, edler Prinz von Frankreich; das nächste ist dieses: König
Johann hat sich mit Rom ausgesöhnt; windet also diese dräuenden
Fahnen auf, und zähmet den grimmigen Geist des wilden Kriegs, damit
er, gleich einem Löwen der im Hause zahm aufgezogen worden,
freundlich zu den Füssen des Friedens lige, und ausser durch sein
Ansehen ferner keinen Schaden thue.

Ludwig.
Mit Euer Gnaden Erlaubniß, ich werde nicht zurük gehen. Ich bin
nicht gebohren, um mir befehlen zu lassen, und irgend eines
Souverains in der Welt Diener und Werkzeug zu seyn. Euer Athem
blies zuerst die todte Kohle des Kriegs zwischen mir und diesem
gezüchtigten Königreich an, und legte Materie zu, dieses Feuer zu
nähren; allein nun ist es schon zu heftig, um von eben dem
schwachen Winde, der es anfachte, wieder ausgeblasen zu werden.
Ihr lehrtet mich meine Befügnisse und Ansprüche an dieses Land
kennen, ihr allein legtet diese Unternehmung in mein Herz; und izt
kommt ihr, und sagt mir, Johann habe Frieden mit Rom gemacht! Was
geht mich sein Friede an? Kraft des Rechts so ich durch meine
Vermählung erhalten, spreche ich, da Arthur todt ist, dieses Land
als mein Eigenthum an; und nun da es halb erobert ist, soll ich
zurük gehen, weil Johann seinen Frieden mit Rom gemacht hat? Bin
ich Roms Sclave? Was für Subsidien hat Rom zu dieser Unternehmung
hergegeben, was für Volk, oder was für Kriegs-Vorrath? Bin ichs
nicht allein, der die Last derselben trägt? Wer anders als ich,
und diejenigen die meinen gerechten Anspruch unterstüzen, schwizt
in diesem Geschäft und führt diesen Krieg? Hab ich nicht diese
Insulaner mir zujauchzen gehört, (vive le Roi!) wie ich gegen ihre
Städte angezogen bin? Hab’ ich hier nicht die besten Carten, um
dieses Spiel zu gewinnen, das um eine Crone gespielt wird? Und nun
soll ich es aufgeben, da ich den Saz schon in Händen habe? Nein,
bey meiner Seele, das will ich nicht thun.

Pandolph.
Ihr seht nur auf das Äusserliche dieses Geschäfts.

Ludwig.
Äusserlich oder innerlich, ich will nicht wieder heimgehen, bis
ich mein Vorhaben auf eine so glorreiche Art ausgeführt haben werde,
als ich zu hoffen von euch selbst aufgemuntert worden bin–

(Man hört eine Trompete.)

Was für eine muntre Trompete fordert uns hier auf?

Vierte Scene.
(Faulconbridge zu den Vorigen.)

Faulconbridge.
Vergönnet mir, nach dem Gebrauch gesitteter Völker, ein ruhiges
Gehör: ich bin von dem König abgeschikt, um von euch, mein heiliger
Lord von Meiland, zu vernehmen, wie ihr ihm euer Wort gehalten
habet; und nachdem eure Antwort beschaffen seyn wird, wird es die
Erklärung seyn, zu der meine Zunge bevollmächtiget ist.

Pandolph.
Der Dauphin will sich durch meine Vorstellungen nicht bewegen
lassen, und sagt rund heraus, er wolle die Waffen nicht niederlegen.

Faulconbridge.
Bey allem dem Blut, das jemals von männlicher Wuth gekocht hat, der
Jüngling sagt recht. Höret izt unsern Engländischen König: Denn so
spricht seine Majestät durch mich; er ist vorbereitet, und die
Ursache davon ist, weil er es seyn soll. Auf diesen poßierlichen
Affenzug, auf diese geharnischte Mummerey, und unbesonnenes
Spiegelgefecht, auf dieses läppische Kriegsheer von sauersehenden
Knaben, lächelt der König herab; und ist in guter Verfassung,
diesen Zwergen-Krieg, diese Pygmäen-Waffen aus dem Umfang seines
Gebiets hinaus zu peitschen. Sollte diese Hand, welche Stärke
genug hatte, euch vor euern Hausthüren zu prügeln, und zu machen,
daß ihr, gleich Wasserkübeln, euch in gemaurte Brunnen täuchen,
unter die Schindeln eurer Ställe klettern, wie Pfänder in Kästen
und Kuffern eingeschlossen ligen, und euch zu euern Schweinen
verkriechen mußtet; daß ihr euere Sicherheit in Kellern und
Gefängnissen suchtet, und schon schaudertet und vor Angst zittertet,
wenn ihr nur einen Englischen Hahn krähen hörtet, in der
Einbildung, es sey die Stimme eines bewaffneten Engländers; diese
siegreiche Hand sollte hier entkräftet hangen, nachdem sie euch in
euern Kammern gezüchtiget hat? Nein; wißt, der dapfre Monarch ist
in Waffen, und schwebt gleich einem Adler über seinen Horst, um
jeden Unfall, der sich seinem Neste nähert, wegzuscheuchen. Und
ihr ausgeartete, ihr undankbare Rebellen, ihr blutigen Neronen, die
den Leib ihrer theuren Mutter England aufreissen, erröthet vor
Schaam; denn eure eignen Frauen und blaß-wangichte Töchter, kommen,
gleich Amazonen, hinter Trummeln hertrippelnd, vertauschen ihre
Fingerhüte um eiserne Handschuhe, ihre Nadeln um Lanzen, und ihre
sanftmüthigen Herzen um Grimm und Blutdurst–

Ludwig.
Hier mache deiner Pralerey ein Ende, und kehr im Frieden heim; wir
gestehen dir zu, daß du besser schimpfen kanst als wir; gehab dich
wohl; wir schäzen unsre Zeit zu hoch, sie mit einem solchen
Plauderer zu verderben.

Pandolph.
Laßt mich izt auch reden–

Faulconbridge.
Nein, ich will reden.

Ludwig.
Ich will keinen von beyden anhören, rührt die Trummeln, und laßt
die Zunge des Kriegs für unsre Sache reden.

Faulconbridge.
In der That, eure Trummeln wenn sie geschlagen werden, werden
schreyen, und so werdet ihr thun, wenn ihr geschlagen seyd; weke
nur ein Echo mit dem Geschrey deiner Trummel auf, und du wirst
sogleich eine andre hören, die bey der Hand ist, so laut
zurükzuschallen als die deinige; schlage noch eine, und wieder eine
andre, soll, so laut als die deinige, in die Ohren des Firmaments
rasseln, und dem holen Gebrüll des Donners Troz bieten. Denn, ohne
sich auf diesen hinkenden Legaten zu verlassen, den er mehr zum
Scherz als aus Noth gebraucht hat, ist der tapfre König Johann in
der Nähe, und ein Tod mit nakten Rippen sizt auf seiner Stirne;
dessen Amt an diesem Tage ist, die Franzosen bey tausenden
aufzufressen.

Ludwig.
Rührt die Trummeln, um diese Gefahr aufzusuchen.

Faulconbridge.
Du sollt sie finden, Dauphin, zweifle nicht.

(Sie gehen ab.)

Fünfte Scene.
(Verwandelt sich in ein Schlachtfeld.)
(Alarm. König Johann und Hubert treten auf.)

König Johann.
Wie gehts uns an diesem Tag? O sag es mir, Hubert.

Hubert.
Übel, fürchte ich; wie befindet sich Euer Majestät?

König Johann.
Dieses Fieber, das mich so lange schon plagt, sezt mir gewaltig zu;
o mein Herz ist krank! (Ein Bote tritt auf.)

Bote.
Gnädigster Herr, euer dapfrer Vetter, Faulconbridge, bittet Euer
Majestät, das Feld zu verlassen, und ihn wissen zu lassen, welchen
Weg ihr nehmet.

König Johann.
Sag ihm in die Abtey bey Swinstead.

Bote.
Ich bring gute Zeitungen; der grosse Succurs, den der Dauphin
erwartete, hat vor drey Nächten auf den Sandbänken von Godwin
gestrandet; Richard hat diese Neuigkeit so eben erfahren; die
Franzosen wehren sich nur noch schwach, und fangen schon an sich
zurük zu ziehen.

König Johann.
Ach! ach! dieses tyrannische Fieber brennt mich aus, und läßt
mich dieser guten Zeitung nicht froh werden. Auf, nach Swinstead
zu; meinen Tragsessel her; ich kan es nicht länger aushalten; ich
bin ganz schwach.

(Gehen ab.)

Sechste Scene.
(Verwandelt sich in das Französische Lager.)
(Salisbury, Pembrok und Bigot, treten auf.)

Salisbury.
Ich glaubte nicht, daß der König noch so viel Freunde hätte.

Pembroke.
So auf einmal; sprecht den Franzosen Muth ein; wenn sie unglüklich
sind, sind wir verlohren.

Salisbury.
Der mißgezeugte Teufel, Faulconbridge, ist, troz allem Widerstand,
die einzige Ursach, daß wir diesen Tag verliehren.

Pembroke.
Man sagt, König Johann habe sich sehr krank aus der Schlacht
wegbegeben.

(Melun wird verwundet herbeygeführt.)

Melun.
Führet mich zu den Englischen Rebellen.

Salisbury.
Wie wir glüklich waren, hatten wir andre Namen.

Pembroke.
Es ist der Graf von Melun.

Salisbury.
Auf den Tod verwundet.

Melun.
Flieht, ihr edeln Engländer, ihr seyd gekauft und bezahlt. Ruft
die entlassene Treue wieder zurük, suchet euern König auf, und
fallet ihm zu Fuß; denn wenn Ludwig von diesem Tage Meister wird,
so gedenkt er euch die Mühe, die ihr nehmet, dadurch zu belohnen,
daß er euch die Köpfe abschlagen lassen will; das hat er geschworen,
und ich mit ihm, und viele andre mit mir, auf eben dem Altar zu St.
Edmondsbury, wo wir euch Freundschaft und ewige Liebe schwuren.

Salisbury.
Ist das möglich? Kan das wahr seyn?

Melun.
Hab ich nicht den scheuslichen Tod im Antliz? Blutet nicht das
wenige Leben, so ich noch habe, von Augenblik zu Augenblik weg, wie
ein Bild von Wachs im Feuer dahinschmilzt? Was in der Welt könnte
mich bewegen, izt zu betrügen, da aller Nuzen des Betrugs aufhört?
Wie könnt ich noch falsch seyn, da es wahr ist, daß ich sterben muß,
und nur durch Wahrheit jenseits des Grabes leben kan? Ich sag es
noch einmal: wenn Ludwig diesen Tag gewinnt, so ist er meineydig,
wenn diese eure Augen noch einen Tag in Osten aufgehen sehen;
sondern in eben dieser Nacht, deren schwarzer anstekender Athem
albereit den brennenden Kamm der alten, matten, ermüdeten Sonne
anhaucht; in dieser Nacht, sollt ihr zum leztenmal athmen, und für
die willkommne Verrätherey den gewöhnlichen Lohn der Verräther
bekommen. Empfehlet mich einem gewissen Hubert, der bey euerm
König ist; meine Liebe zu ihm, und die Erinnerung, daß mein
Großvater ein Engländer war, wekte mein Gewissen zu diesem
Bekenntniß auf. Bringet mich nun, ich bitte euch, dafür aus dem
Getümmel des Feldes an einen Ort, wo ich den Rest meiner Gedanken
in Ruhe ausdenken, und unter andächtigen Betrachtungen und Seufzern
meine Seele von diesem Leibe trennen kan.

Salisbury.
Wir glauben dir, und, auf meine Seele, ich bin erfreut über diese
günstige Gelegenheit, zu unsrer Schuldigkeit und zu unserm Könige
zurük zu kehren. Mein Arm soll dir beystehen, dich von hier hinweg
zu tragen, denn ich seh den ringenden Tod in deinen Augen. Hinweg,
meine Freunde, und von neuem auf die Flucht; doch glükliche Flucht,
die uns zu unsrer Pflicht zurük bringt!

(Sie gehen ab, und tragen Melun hinweg.)

Siebende Scene.
(Verwandelt sich in einen andern Theil des Französischen Lagers.)
(Ludwig und sein Gefolge treten auf.)

Ludwig.
Die Sonne däuchte mich, wollte heute nicht untergehen, sondern
blieb stehn, und machte die westlichen Wolken erröthen, da die
Engländer in muthlosem Weichen ihren eignen Boden zurükmassen; o
wir beschlossen den Tag auf eine rühmliche Art, da wir ihnen mit
einer vollen Ladung unsers, zwar unnöthigen, Geschüzes, nach einer
so blutigen Arbeit, gute Nacht sagten, und unsre zerfezten Fahnen
ruhig aufwanden, die lezten im Felde, und allerdings Meister davon–

(Ein Bote zu den Vorigen.)

Bote.
Wo ist mein Prinz, der Dauphin.

Ludwig.
Hier; was bringst du Neues?

Bote.
Der Graf von Melun ist erschlagen; die Englischen Lords sind durch
seine Vorstellungen zum Abfall bewogen worden; und die Verstärkung,
die ihr so lange gewünscht habt, ist auf den Sandbänken zu Godwin
zu Grunde gegangen.

Ludwig.
O schlimme, verdrießliche Zeitungen! So verdrießlich dacht’ ich
diese Nacht nicht zu seyn, als ich es izt bin. Wer war der,
welcher sagte, König Johann sey geflohen, eine oder zwo Stunden, eh
die Nacht beyde Armeen schied?

Bote.
Wer es auch gesagt hat, hat die Wahrheit gesagt, Gnädigster Herr.

Ludwig.
Gut; haltet gute Wache diese Nacht über; der Tag soll nicht so
schnell seyn als ich, um es morgen noch einmal zu wagen.

(Sie gehen ab.)

Achte Scene.
(Ein freyer Plaz, unweit der Abtey zu Swinstead.)
(Faulconbridge und Hubert treten von verschiednen Seiten auf.)

Hubert.
Wer ist hier? Sprich! he! Rede augenbliklich, oder ich gebe
Feuer.

Faulconbridge.
Ein Freund. Wer bist du?

Hubert.
Von der Englischen Parthey.

Faulconbridge.
Und wohin gehst du?

Hubert.
Was geht das dich an? Frag ich dich denn nach deinen Verrichtungen,
daß du nach den meinigen fragst?

Faulconbridge.
Ich denke, du bist Hubert.

Hubert.
Du denkst richtig; ich will nun, auf alle Gefahr hin, glauben, du
seyest mein Freund, da du meine Stimme so gut kennest. Wer bist du?

Faulconbridge.
Was du willt; wenn du magst, so kanst du mir die Ehre anthun, und
denken, daß ich gewisser Maassen ein Plantagenet bin.

Hubert.
Ha! daß ich dich mißkennen konnte! Du und die augenlose Nacht
haben mich beschämt; tapfrer Kriegsheld, vergieb mir, daß der
wohlbekannte Ton deiner Stimme meinem Ohr fremde klingen konnte.

Faulconbridge.
Kommt, kommt, (sans compliment;) was giebt es Neues?

Hubert.
Ich war im Begriff, euch aufzusuchen.

Faulconbridge.
So mach’ es kurz; was hast du Neues?

Hubert.
O mein werther Herr, eine Zeitung, die sich für die Nacht schikt,
schwarz, gefahrvoll, trostlos und schreklich.

Faulconbridge.
Zeige mir ohne Umstände die Wunde deiner schlimmen Zeitung; ich bin
kein Weibsbild, ich will nicht darüber in Unmacht fallen.

Hubert.
Der König ist, wie ich besorge, von einem Mönchen vergiftet worden;
ich verließ ihn beynahe sprachlos, und eilte sogleich fort, um euch
von diesem Unfall zu benachrichtigen; damit ihr euch desto besser
auf die Folgen desselben gefaßt machen könnet, als wenn ihr zu spät
von ihm überraschet würdet.

Faulconbridge.
Wie bekam er das Gift? Wer credenzte ihm?

Hubert.
Ein Mönch, wie ich euch sagte; ein entschlossener Bösewicht, dem
die Gedärme sogleich davon geborsten sind. Doch der König kan noch
reden, und vielleicht wieder zurecht kommen.

Faulconbridge.
Wen liessest du seiner Majestät zur Aufwartung?

Hubert.
Wie? wißt ihr nicht, daß die Lords alle wieder zu ihm zurük
gefallen sind, und den Prinzen Heinrich mit sich gebracht haben,
auf dessen Fürbitte der König sie begnadiget hat. Sie alle sind
gegenwärtig bey seiner Majestät.

Faulconbridge.
Halt deinen Zorn zurük, mächtiger Himmel! Und leg’ uns nicht mehr
auf, als wir tragen können! Ich muß dir sagen, Hubert, daß die
Helfte meiner Armee, indem ich diese Nacht über diese Untieffen
sezte, von der Fluth ergriffen worden; diese Lincoln-Sümpfe haben
sie verschlungen, und ich selbst, obgleich wohl beritten, bin mit
Noth davon gekommen. Laß uns eilen; führe mich zum Könige; ich
besorge, er möchte schon verschieden seyn, eh ich ihn sehe.

(Sie gehen ab.)

Neunte Scene.
(Verwandelt sich in einen Garten der Abtey zu Swinstead.)
(Prinz Heinrich, Salisbury und Bigot treten auf.)

Heinrich.
Es ist zu späte; sein ganzes Blut ist vom Gift angestekt, und sein
sonst so gesundes Gehirn, (welches einige für das zerbrechliche
Wohnhaus der Seele halten) kündigt uns durch die unordentlichen
Phantasien, die es hervordrängt, das Ende der Sterblichkeit an.
(Pembroke zu den Vorigen.)

Pembroke.
Der König redet noch, und glaubt, wenn er in die freye Luft
gebracht würde, so könnte sie die brennende Hize des Giftes lindern,
das ihn verzehrt.

Heinrich.
Laßt ihn hieher in den Garten tragen. Phantasirt er noch?

Pembrok.
Er ist ruhiger als ihr ihn verlassen habt; eben izt sang er.

Heinrich.
Dieses giebt uns wenig Hoffnung. Übel, die aufs äusserste
gekommen sind, fühlen sich selbst nicht mehr. Wenn der Tod einmal
die äusserlichen Theile benagt hat, läßt er sie unempfindlich, und
greift alsdann das Gemüth an, welches er durch ganze Legionen von
seltsamen Einbildungen anfällt und verwundet, die in ihrem Gedränge,
bey diesem lezten Sturm, sich selbst untereinander aufreiben; wie
wunderbar, daß der Tod singen soll–Doch es ist das traurige
Sterbelied dieses bleichen verschmachtenden Schwans, der aus der
Orgelpfeiffe der Sterblichkeit seine Seele und seinen Leib in die
ewige Ruhe singt.

Salisbury.
Seyd guten Muthes, Prinz, denn ihr seyd dazu gebohren, das was er
so roh und ungestalt zurückläßt, zu formen und zur Vollkommenheit
zu bringen.

(König Johann wird herbeygetragen.)

König Johann.
Ah, wohl, nun hat meine Seele freyen Paß; sie wollte nicht zum
Fenster oder zur Thüre hinaus. Es ist ein so heisser Sommer in
meinem Busen, daß sich alle meine Eingeweide zu Staub zerkrümmeln.
Ich bin eine Figur, die mit einer Feder auf Pergament gezogen
worden, und schrumpfe an diesem Feuer zusammen.

Heinrich.
Wie befindet sich Eu. Majestät?

König Johann.
Vergiftet, todt, vergessen; und keiner von euch will dem Winter
befehlen, daß er komme, und seine beeißten Finger in meinen Schlund
steke; noch machen, daß die Ströme meines Königreichs ihren Lauf
durch meinen brennenden Busen nehmen; noch dem Nord sagen, daß
seine kalten Winde meine ausgedörrten Lippen küssen, und mich
abkühlen sollen. Ich verlange ja nichts als einen kalten Trost,
und ihr seyd so unbarmherzig, so undankbar, und schlagt ihn mir ab.

Heinrich.
O! daß doch in meinen Thränen eine Kraft seyn möchte, euch
Lindrung zu verschaffen!

König Johann.
Das Salz darinn ist heiß. Ich habe die Hölle in mir, und das Gift
ist der Teufel, der darinn eingesperrt ist, mein ohne Hoffnung
verdammtes Blut zu peinigen.

Zehnte Scene.
(Faulconbridge zu den Vorigen.)

Faulconbridge.
Oh! ich bin athemlos und ganz abgebrüht, vor äusserster
Eilfertigkeit Eu. Majestät zu sehen.

König Johann.
Vetter, du kommst eben recht, mir die Augen zuzudrüken; das
Takelwerk meines Herzens ist zerrissen und verbrannt, und alle die
Thaue, womit mein Leben segeln sollte, sind bis auf einen einzigen
Faden, ein armes kleines Haar abgenuzt; mein Herz hängt nur noch an
einem einzigen schwachen Zwirn, der nur so lange halten wird, bis
du deine Zeitungen gesagt hast; und dann ist alles was du siehst,
nur ein Kloz und Model von zerstörter Majestät.

Faulconbridge.
Der Dauphin rüstet sich, hieher vorzudringen, und der Himmel weiß,
wie wir ihm begegnen sollen; denn ich habe in einer Nacht, da ich
mich mit Vortheil zurükziehen wollte, meine besten Truppen in den
Morästen von Lincoln verlohren, alle, ohne Rettung, von der
unerwarteten Fluth verschlungen.

(Der König stirbt.)

Salisbury.
Ihr athmet diese tödtlichen Zeitungen in ein todtes Ohr–Mein
Gebieter, mein König–doch–kaum ein König, izt diß.

Heinrich.
Eben so muß ich nun lauffen, und eben so stille stehn. Was für
Sicherheit, was für Hoffnung, kan uns diese Welt geben, wenn das,
was eben izt ein König war, so bald ein Erdkloß ist.

Faulconbridge.
Bist du dahin? O! ich bleibe nur zurük, das Amt der Rache statt
deiner zu vollziehen; und dann soll meine Seele dir im Himmel
aufwarten, wie sie dir auf Erden immer gedient hat–

(Zu den Lords.)

Nun, nun, ihr Sterne, die ihr in eure Kreise zurükgetreten seyd,
wo sind eure Völker? Beweiset nun eure wiedergekehrte Treue und
eilet unverzüglich wider mit mir zurük, um ausländische Verwüstung
und ewige Schmach aus der schwachen Thüre unsers unmächtigen Landes
auszutreiben. Laßt uns den Feind eilends aufsuchen, oder wir
werden von ihm gesucht werden. Der Dauphin wüthet beynahe an
unsern Fersen.

Salisbury.
So scheint es also, ihr wisset nicht so viel als wir. Der Cardinal
Pandolph ist hier, und ruhet drinnen aus, indem er nur vor einer
halben Stunde von dem Dauphin mit solchen Friedens-Vorschlägen
hieher gekommen, die wir mit Ehre und Vortheil, zu Endigung des
gegenwärtigen Kriegs, annehmen können.

Faulconbridge.
Er wird desto geneigter zum Frieden seyn, wenn er uns zur
Vertheidigung gefaßt sehen wird.

Salisbury.
Die Sache ist gewisser massen schon in Richtigkeit; denn er hat
schon den grösten Theil seiner Kriegsgeräthschaft nach der Küste
abgeschikt, und dem Cardinal Vollmacht gegeben, den Frieden zu
machen; und wenn ihr es gut befindet, so wollen wir, ihr, ich
selbst und die übrigen Lords uns diesen Nachmittag mit ihm auf den
Weg machen, um dieses Geschäfte glüklich zu Ende zu bringen.

Faulconbridge.
Laßt es so seyn; und ihr, mein edler Prinz, mit den übrigen Fürsten,
die am besten geschont werden können, bleibet zurük, euers Vaters
Leichenbegängniß zu besorgen.

Heinrich.
Zu Worcester soll, vermöge seines lezten Willens, sein Leichnam
beerdiget werden.

Faulconbridge.
Er soll also dahin gebracht werden, und glüklich möge Euer
theurstes Selbst die Erbfolge und den glorreichen Scepter dieses
Landes übernehmen, als welchem ich hier, mit aller Unterwürfigkeit,
auf meinen Knien, meine getreuen Dienste und immerwährenden
Gehorsam angelobe.

Salisbury.
Eben dieses Gelübde thut unsre zärtliche Liebe, welche auf ewig
ohne einigen Fleken dauern soll.

Heinrich.
Meine gerührte Seele wünscht euch danken zu können, und weiß es
nicht anders zu thun als durch Thränen.

Faulconbridge.
Laßt uns einem Übel, welches wir so lange zum voraus bejammert
haben, nur nöthige Trauer bezahlen–So lag England niemals, und
soll künftig nie zu eines Erobrers Füssen ligen, als wenn es sich
vorher durch seine eigne Hände verwundet hat. Nun, da diese seine
Fürsten wieder heimgekehrt sind, nun laßt drey Theile der Welt in
Waffen herkommen, und wir sind stark genug, sie abzutreiben. So
lange England sich selbst getreu bleibt, ist nichts das uns
erschreken kan!

Leben und Tod des Königs Johann, von William Shakespeare
(Übersetzt von Christoph Martin Wieland).