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William Shakespeare

König Heinrich VI.

Erster Teil

Personen

[495] König Heinrich VI.
Herzog von Gloster, Oheim des Königs und Protektor
Herzog von Bedford, Oheim des Königs und Regent von Frankreich
Thomas Beaufort, Herzog von Exeter, Großoheim des Königs
Heinrich Beaufort, Großoheim des Königs, Bischof von Winchester und nachmals Kardinal
Johann Beaufort, Graf von Somerset, nachmals Herzog
Richard Plantagenet, ältester Sohn des hingerichteten Grafen von Cambridge, nachmals Herzog von York
Graf von Warwick
Graf von Salisbury
Graf von Suffolk
Lord Talbot, nachmals Graf von Shrewsbury
Johann Talbot, sein Sohn
Edmund Mortimer, Graf von March
Mortimers Gefangenwarter
Ein Rechtsgelehrter
Sir John Fastolfe
Sir William Lucy
Sir William Glansdale
Sir Thomas Gargrave
Schultheiß von London
Woodville, Kommandant des Turmes
Vernon
Basset
Karl, Dauphin, nachmaliger König von Frankreich
Reignier, Herzog von Anjou und Titular-König von Neapel
Herzog von Burgund
Herzog von Alençon
Der Statthalter von Paris
Bastard von Orleans
[496] Der Büchsenmeister von Orleans und sein Sohn
Der General der französischen Truppen in Bordeaux
Ein französischer Sergeant
Ein Torwärter
Ein alter Schäfer, Vater der Pucelle
Margareta, Reigniers Tochter
Gräfin von Auvergne
Jeanne d’Arc, genannt La Pucelle
Böse Geister, die der Pucelle erscheinen, Herren von Adel, Wächter des Turmes, Herolde, Offiziere, Soldaten, Boten und Gefolge sowohl der englischen als französischen Herrscharten

Die Szene ist teils in England, teils in Frankreich

Erster Aufzug
Erste Szene

[497] Westminster-Abtei.

Totenmarsch. Man sieht die Leiche Heinrichs V. auf einem Paradebette liegend, umgeben von den Herzögen von Bedford. Gloster und Exeter, dem Grafen von Warwich, dem Bischof von Winchester, Herolden u.s.w.

BEDFORD.

Beflort den Himmel, weiche Tag der Nacht!
Kometen, Zeit- und Staatenwechsel kündend,
Schwingt die krystall’nen Zöpf am Firmament
Und geißelt die empörten bösen Sterne,
Die eingestimmt zu König Heinrichs Tod,
Heinrich des Fünften, zu groß, lang’ zu leben!
England verlor so würd’gen König nie.
GLOSTER.
Vor ihm hatt’ England keinen König noch.
Tugend besaß er, ausersehn zum Herrschen;
Blind machend strahlte sein gezücktes Schwert,
Die Arme spannt’ er weit wie Drachenflügel,
Sein funkelnd Auge, grimm’gen Feuers voll,
Betäubte mehr und trieb zurück die Feinde
Als Mittagssonn’, auf ihre Stirn gewandt.
Was red’ ich? Ihn erreichen Worte nicht,
Er hob die Hand nie auf, daß er nicht siegte.
EXETER.
Wir trauern schwarz: warum doch nicht in Blut?
Heinrich ist tot und lebet nimmer auf,
Und wir begleiten einen Sarg aus Holz,
Verherrlichen des Tods unedlen Sieg
Mit unsrer feierlichen Gegenwart,
Gefangnen gleich am Wagen des Triumphs.
Wie? Sollen wir Unglücks-Planeten fluchen,
Die so gestiftet unsers Ruhmes Sturz?
[498] Oder die schlauen Franken für Beschwörer
Und Zaubrer achten, welche, bang vor ihm,
Durch mag’sche Verse seinen Tod erzielt?
WINCHESTER.
Es war ein Fürst, vom Herrn der Herrn gesegnet.
Der Tag des furchtbaren Gerichts wird nicht
Den Franken furchtbar wie sein Anblick sein.
Er focht die Schlachten für den Herrn der Scharen,
Durch das Gebet der Kirche glückt’ es ihm.
GLOSTER.
Der Kirche? Hätten Pfaffen nicht gebetet,
So riß sein Lebensfaden nicht so bald:
Ihr mögt nur einzig einen weib’schen Prinzen,
Den ihr wie einen Schüler meistern könnt.
WINCHESTER.
Gloster, was ich auch mag, du bist Protektor
Und kannst dem Prinzen und dem Reich gebieten.
Dein Weib ist stolz, sie hält dich in der Scheu,
Mehr als Gott oder heil’ge Priester können.
GLOSTER.
Nenn’ Heiligkeit nicht, denn du liebst das Fleisch
Und gehst zur Kirche nie im ganzen Jahr,
Als wider deine Feinde nur zu beten.
BEDFORD.
Laßt, laßt dies Hadern! Stillet die Gemüter!
Hin zum Altar! – Herolde, geht mit uns; –
Statt Goldes wollen wir die Waffen bieten;
Nun Heinrich tot ist, helfen Waffen nicht.
Nachkommenschaft, erwart’ elende Jahre,
Wo an der Mutter feuchtem Aug’ das Kindlein saugt,
Dies Eiland Lache salzer Tränen wird
Und Weiber nur zur Totenklage bleiben. –
Heinrich der Fünfte, deinen Geist ruf’ ich:
Beglück’ dies Reich, schirm’ es vor Bürgerzwist,
Bekämpf im Himmel feindliche Planeten!
Ein lichter Stern wird deine Seele werden
Als Julius Cäsar oder Berenice.

Ein Bote tritt auf.

BOTE.
Euch allen Heil, ihr ehrenwerten Lords!
Aus Frankreich bring’ ich böse Zeitung euch
Von Niederlage, Blutbad und Verlust.
[499] Guienne, Champagne, Reims, Orleans,
Paris, Guisors, Poitiers sind ganz dahin.
BEDFORD.
Was sagst du, Mann, vor Heinrichs Leiche hier?
Sprich leise: beim Verlust so großer Städte
Sprengt er sein Blei sonst und ersteht vom Tod.
GLOSTER.
Paris ist hin? Rouen ist übergeben?
Wenn man zurück ins Leben Heinrich rief,
Er gäb’ aufs neu’ den Geist auf bei der Zeitung.
EXETER.
Was hat uns drum gebracht? Welch ein Verrat?
BOTE.
Nein, kein Verrat, nur Geld- und Menschen-Mangel.
Man murmelt unter den Soldaten dort,
Ihr haltet hier verschiedene Partei’n,
Und statt ins Feld zu rücken und zu fechten,
Entzweiet ihr um eure Feldherrn euch.
Der will langwier’gen Krieg mit wenig Kosten,
Der flöge hurtig gern, doch fehlt’s an Schwingen;
Ein dritter denkt, ohn’ allen Aufwand sei
Mit glatten Worten Friede zu erlangen.
Erwach’, erwache, Englands Adelstand!
Laß Trägheit nicht die neuen Ehren dämpfen:
Die Lilien sind gepflückt in eurem Wappen,
Von Englands Schild die Hälfte weggehaun.
EXETER.
Wenn unsre Tränen dieser Leiche fehlten,
Die Zeitung riefe ihre Flut hervor.
BEDFORD.
Mich geht es an, ich bin Regent von Frankreich.
Gebt mir den Panzerrock: ich fecht’ um Frankreich.
Fort mit dem schmählichen Gewand des Wehs!
Ich will den Franken Wunden leihn, statt Augen,
Ihr unterbrochnes Elend zu beweinen.

Ein andrer Bote tritt auf.

ZWEITER BOTE.
Seht diese Briefe, Lords, von Unheil durch:
Frankreich empört den Englischen sich ganz,
Bis auf ein paar geringe Städte noch.
Der Dauphin Karl ist schon gekrönt in Reims,
Von Orleans der Bastard ist mit ihm,
Reignier, Herzog von Anjou, tritt ihm bei,
Der Herzog Alençon flieht zu ihm über.
[500] EXETER.
Gekrönt der Dauphin? Alle fliehn zu ihm?
Oh, wohin fliehen wir vor dieser Schmach?
GLOSTER.
Wir woll’n nicht fliehn, als in der Feinde Rachen.
Bedford, wenn du erschlaffst, fecht’ ich es aus.
BEDFORD.
Gloster, was zweifelst du an meinem Eifer?
Ich hab’ ein Heer gemustert in Gedanken,
Womit schon Frankreich überzogen ist.

Ein dritter Bote tritt auf.

DRITTER BOTE.
Ihr gnäd’gen Lords, den Jammer zu vermehren,
Womit ihr Heinrichs Bahre jetzt betaut,
Muß ich ein schreckliches Gefecht berichten
Zwischen dem rüst’gen Talbot und den Franken.
WINCHESTER.
Was? Worin Talbot Sieger blieb? nicht wahr?
DRITTER BOTE.
O nein, worin Lord Talbot ward besiegt;
Den Hergang will ich Euch genauer melden.
Am zehnten des Augusts, da dieser Held
Von der Belag’rung Orleans’ zurückzog
Mit kaum sechstausend Mann in seiner Schar,
Ward er von dreiundzwanzigtausend Franken
Umzingelt überall und angegriffen.
Er hatte keine Zeit, sein Volk zu reihn,
Noch Piken, vor die Schützen hinzustellen,
Statt deren sie aus Zäunen scharfe Pfähle
Nur in den Boden steckten, wie es kam,
Die Reiterei vom Einbruch abzuhalten.
Mehr als drei Stunden währte das Gefecht,
Wo Talbot, tapfer über Menschen Denken,
Mit seinem Schwert und Lanze Wunder tat.
Zur Hölle sandt’ er hundert, keiner stand ihm,
Da, dort und überall schlug er ergrimmt;
Die Franken schrien, der Teufel sei in Waffen.
Das ganze Heer entsatzte sich ob ihm.
Da seine Krieger so beherzt ihn sahn,
Schrien »Talbot! Talbot hoch!« sie insgemein
Und stürzten recht sich in das Herz der Schlacht.
Nun hätte völlig sie der Sieg besiegelt,
Wo Sir John Fastolfe nicht die Memme spielte:
[501] Der, in dem Vortrab hinterwärts gestellt,
Um ihnen beizustehn und nachzufolgen,
Floh memmenhaft und tat nicht einen Streich.
Drauf ward Ruin und Blutbad allgemein,
Umzingelt waren von den Feinden sie;
Ein schändlicher Wallon’ warf um die Gunst
Des Dauphins einen Speer in Talbots Rücken,
Des, dem ganz Frankreich, mit vereinter Stärke
Nicht einmal wagte ins Gesicht zu sehn.
BEDFORD.
Ist Talbot tot? So bring’ ich selbst mich um,
Weil ich hier müßig lebt’ in Pomp und Ruh’.
Indes ein würd’ger Feldherr, hülfsbedürftig,
Verzagten Feinden so verraten ward.
DRITTER BOTE.
O nein, er lebt, allein er ist gefangen,
Mit ihm Lord Scales und Lord Hungerford;
Der Rest auch meist erschlagen und gefangen.
BEDFORD.
Ich zahle seine Lösung, niemand sonst.
Ich will vom Thron den Dauphin häuptlings reißen,
Mit seiner Krone lös’ ich meinen Freund;
Für einen Lord tausch’ ich von ihren vier.
Lebt wohl, ihr Herrn! Ich will an mein Geschäft,
Lustfeuer muß ich gleich in Frankreich machen,
Zu feiern unser groß Sankt Georgen-Fest.
Zehntausend nehm’ ich mit mir der Soldaten,
Europa zittre ihren blut’gen Taten.
DRITTER BOTE.
Tut das, denn man belagert Orleans,
Das Heer der Englischen ward matt und schw
Der Graf von Salisbury begehrt Verstärkung
Und hält sein Volk von Meuterei kaum ab,
Das solche Überzahl bewachen muß.
EXETER.
Lords, denkt der Eide, die ihr Heinrich schwurt:
Entweder ganz den Dauphin zu vernichten,
Oder ihn unter euer Joch zu beugen.
BEDFORD.
Wohl denk’ ich ihrer, und hier nehm’ ich Abschied,
Um gleich an meine Zurüstung zu gehn.

Ab.
GLOSTER.
Ich will zum Turm in möglichst großer Eil’,
Geschütz und Kriegszeug zu beschaun, und dann
Ruf’ ich den jungen Heinrich aus zum König.

Ab.

[502] EXETER.
Nach Eltham, wo der junge König ist,
Will ich, zur nächsten Aufsicht angestellt,
Und bestens seine Sicherheit beraten.

Ab.

WINCHESTER.
Ein jeder hat sein Amt und seinen Platz,
Mich ließ man aus, für mich ist nichts geblieben;
Doch lang’ will ich Hans außer Dienst nicht sein.
Den König send’ ich bald von Eltham weg
Und sitz’ am Steuer des gemeinen Wesens.

Ab.

Ein innerer Vorhang fällt.
Zweite Szene

[502] Frankreich. Vor Orleans.

Karl mit seinen Truppen, Alençon, Reignier und andre.

KARL.

Mars’ wahrer Lauf ist, grade wie im Himmel,
Bis diesen Tag auf Erden nicht bekannt:
Jüngst schien er noch der englischen Partei,
Nun sind wir Sieger, und er lächelt uns.
Was fehlen uns für Städte von Gewicht?
Wir liegen hier zur Lust bei Orleans,
Die Englischen, verhungert, blaß wie Geister,
Belagern matt uns eine Stund’ im Monat.
ALENÇON.
Sie missen ihre Brüh’n und fettes Rindfleisch;
Entweder muß man sie wie Maultier’ halten,
Ihr Futter ihnen binden an das Maul,
Sonst sehn sie kläglich wie ersoffne Mäuse.
REIGNIER.
Entsetzt die Stadt: was sind wir müßig hier?
Talbot, den wir gefürchtet, ist gefangen;
Bleibt keiner als der tolle Salisbury,
Der wohl die Gall’ im Ärger mag verzehren:
Er hat zum Kriege weder Volk noch Geld.
KARL.
Schlagt Lärm! Schlagt Lärm! Wir stürzen auf sie ein.
Nun für die Ehre der verlornen Franken!
Dem, der mich tötet, sei mein Tod verziehn,
Sieht er mich fußbreit weichen oder fliehn.

Alle ab. – Getümmel, Angriffe, hierauf ein Rückzug.

Karl, Alençon, Reignier und andre kommen zurück.

[503] KARL.
Sah man je so was? Was für Volk hab’ ich?
Die Hunde! Memmen! Ich wär’ nie geflohn,
Wenn sie mich nicht vom Feind umringt verließen.
REIGNIER.
Salisbury mordet ganz verzweiflungsvoll,
Er ficht wie einer, der des Lebens müde.
Die andern Lords, wie Löwen voller Gier,
Bestürmen uns als ihres Hungers Raub.
ALENÇON.
Froissard, ein Landesmann von uns, bezeugt,
England trug lauter Olivers und Rolands
Zur Zeit, als Eduard der Dritte herrschte.
Wahrhafter läßt sich dies behaupten jetzt:
Denn Simsons bloß und Goliasse sendet
Es aus zum Fechten. Einer gegen zehn!
Und Schufte nur von Haut und Bein! Wer traute
Wohl solchen Mut und Kühnheit ihnen zu?
KARL.
Verlassen wir die Stadt: Tollköpfe sind’s,
Und Hunger treibt sie nur zu größerm Eifer.
Von Alters kenn’ ich sie: sie werden eher
Die Mauern mit den Zähnen niederreißen,
Als daß sie die Belag’rung gäben auf.
REIGNIER.
Ein seltsam Räderwerk stellt ihr Gewehr,
Glaub’ ich, wie Glocken, immer anzuschlagen:
Sie hielten sonst nicht aus, so wie sie tun.
Nach meiner Meinung lassen wir sie gehn.
ALENÇON.
So sei es.

Der Bastard von Orleans tritt auf.

BASTARD.
Wo ist Prinz Dauphin? Neues bring’ ich ihm.
KARL.
Bastard von Orleans, dreimal willkommen!
BASTARD.
Mich dünkt, Eu’r Blick ist trüb, und bang die Miene:
Hat Euer letzter Unfall daran Schuld?
Verzaget nicht, denn Beistand ist zur Hand;
Ich bringe eine heil’ge Jungfrau her,
Die ein Gesicht, vom Himmel ihr gesandt,
Ersehn hat, die Belag’rung aufzuheben
Und aus dem Land die Englischen zu jagen.
Sie hat der tiefen Prophezeiung Geist,
[504] Roms alten neun Sibyllen überlegen;
Was war, was kommen wird, kann sie erspähn.
Sagt, ruf’ ich sie herbei? Glaubt meinen Worten,
Denn sie sind ganz untrüglich und gewiß.
KARL.
Geht, ruft sie vor.

Bastard ab.

Doch ihre Kunst zu prüfen,
Reignier, nimm du als Dauphin meinen Platz,
Befrag’ sie stolz, laß streng die Blicke sein:
So spähn wir aus, was sie für Kunst besitzt.

Er tritt zurück.

Die Pucelle, der Bastard und andre kommen.

REIGNIER.
Bist du’s, die Wunder tun will, schönes Mädchen?
PUCELLE.
Reignier, bist du’s, der mich zu täuschen denkt?
Wo ist der Dauphin? – Komm hervor von hinten:
Ich kenne dich, wiewohl ich nie dich sah.
Erstaune nicht, vor mir ist nichts verborgen,
Ich will allein dich sprechen im Vertraun.
Bei Seit’, ihr Herrn!
Laßt uns auf eine Weil’!
REIGNIER.
Sie nimmt sich brav genug im ersten Sturm.
PUCELLE.
Dauphin, ich bin die Tochter eines Schäfers,
Mein Witz in keiner Art von Kunst geübt.
Doch Gott gefiel’s und unsrer lieben Frau,
Auf meinen niedern Stand ihr Licht zu strahlen.
Sieh, da ich meine zarten Lämmer hüte
Und biete dürrem Sonnenbrand die Wangen,
Geruht mir Gottes Mutter zu erscheinen
Und heißt durch ein Gesicht voll Majestät
Mich meinen knechtischen Beruf verlassen,
Mein Vaterland vom Drangsal zu befrein.
Sie sagte Beistand und Erfolg mir zu,
In voller Glorie tat sie mir sich kund
Und, da ich schwarz war und versengt zuvor,
Goß sie auf mich mit jenen klaren Strahlen
Der Schönheit Segen, die ihr an mir seht.
Frag’ mich, um was du nur ersinnen kannst,
Unvorbereitet will ich Antwort geben;
Prüf meinen Mut im Kampfe, wenn du darfst,
[505] Und über mein Geschlecht wirst du mid finden.
Entschließe dich: soll alles Glück dir sprossen,
So nimm mich an zu deinem Kriegsgenossen.
KARL.
Ich bin erstaunt ob deinen hohen Reden.
Nur so will ich erproben deinen Mut:
Du sollst mit mir im einzlen Kampf dich messen,
Und wenn du siegst, sind deine Worte wahr;
Wo nicht, so sag’ ich allem Zutraun ab.
PUCELLE.
Ich bin bereit: hier ist mein schneidend Schwert
Fünf Lilien zieren es an jeder Seite,
Das zu Touraine im Sankt Kathrinen-Kirchhof
Ich mir aus vielem alten Eisen ausersah.
KARL.
In Gottes Namen, komm, mich schreckt kein Weib
PUCELLE.
Und lebenslang flieh’ ich vor keinem Mann.

Sie fechten.

KARL.
Halt’ ein die Hand! Du bist ein’ Amazone,
Und mit dem Schwert Deborahs fechtest du.
PUCELLE.
Christs Mutter hilft mir, sonst wär’ ich zu schwach.
KARL.
Wer dir auch hilft, du, du mußt mir nun helfen.
Ich brenne vor Verlangen ungestüm,
Du hast mir Herz und Hand zugleich besiegt.
Hohe Pucelle, wenn du so dich nennst,
Laß deinen Knecht, nicht deinen Herrn mich sein!
Der Dauphin Frankreichs bittet dich hierum.
PUCELLE.
Ich darf der Liebe Bräuche nicht erproben
Weil mein Beruf geheiligt ist von droben.
Wenn ich erst alle Feinde dir verjagt,
Dann werde die Belohnung zugesagt.
KARL.
Indes sieh gnädig deinen Sklaven an!
REIGNIER.
Mich dünkt, der Prinz ist lange im Gespräch.
ALENÇON.
Er hört gewiß dem Weiberrock die Beichte,
Sonst dehnt’ er so die Unterredung nicht.
REIGNIER.
Er kennt kein Maß: sagt, sollen wir ihn stören?
ALENÇON.
Wohl mehr ermißt er, als wir Armen wissen,
Der Weiber Zungen können schlau verführen.
REIGNIER.
Mein Prinz, wo seid Ihr? Was erwägt Ihr da?
Wird Orleans verlassen oder nicht?
[506] POCELLE.
Ich sage nein, kleingläubig Heidenvolk!
Kämpft bis zum letzten Hauch, ich will euch schirmen.
KARL.
Wie sie sagt, stimm’ ich bei: wir fechten’s aus.
PUCELLE.
Ich bin zu Englands Geißel ausersehn.
Heut nacht will ich gewiß die Stadt entsetzen:
Erwartet Martins Sommer, Halcyon-Tage,
Nun ich in diese Kriege mich begeben.
Ein Zirkel nur im Wasser ist der Ruhm,
Der niemals aufhört, selbst sich zu erweitern,
Bis die Verbreitung ihn in nichts zerstreut.
Mit Heinrichs Tode endet Englands Zirkel,
Zerstreuet ist der Ruhm, den er umschloß.
Nun bin ich gleich dem stolzen, frechen Schiff,
Das Cäsarn trug zugleich mit seinem Glück.
KARL.
Ward Mahomet beseelt von einer Taube,
So hast du eines Adlers Eingebung.
Nicht Helena, die Mutter Konstantins,
Noch auch Sankt Philipps Töchter glichen dir.
Lichtstem der Venus, der zur Erde fiel,
Wie bet’ ich ehrerbietig dich genugsam an?
ALENÇON.
Laßt alles Zögern und entsetzt die Stadt!
REIGNIER.
Weib, tu’ das Dein’ in Rettung unsrer Ehre,
Treib’ sie von Orleans, du sollst unsterblich sein.
KARL.
Sogleich versuchen wir’s. Kommt, gehn wir dran!
Zeigt sie sich falsch, so trau’ ich nie Propheten.

Alle ab.
Dritte Szene

[506] London, vor dem Turm.

Der Herzog von Gloster mit seinen Bedienten in blauen Röcken tritt auf.

GLOSTER.

Heut komm’ ich zur Besichtigung des Turms:
Seit Heinrichs Tode, füprcht’ ich, wird veruntreut.
Wo sind die Wächter, daß sie hier nicht stehn?
Öffnet die Tore! Gloster ist’s, der ruft.

Bediente klopfen an.

[507] ERSTER WÄCHTER drinnen.
Wer ist denn da, der so gebiet’risch ruft?
BEDIENTER.
Es ist der edle Herzog Gloster.
ZWEITER WÄCHTER drinnen.
Wer er auch sei, wir lassen euch nicht ein.
BEDIENTER.
Schelm’, ihr antwortet so dem Herrn Protektor?
ERSTER WÄCHTER.
Der Herr beschütz’ ihn! Wir antworten so;
Wir tun nicht anders, als man uns geheißen.
GLOSTER.
Wer hieß euch? Wes Geheiß gilt hier, als meins?
Niemand ist Reichs-Protektor als nur ich. –
Brecht auf das Tor, ich will Gewähr euch leisten.
Werd’ ich von kot’gen Buben so genärrt?

Die Bedienten stürmen die Tore. Innerhalb nähert sich den Toren der Kommandant Woodville.

WOODVILLE drinnen.
Was für ein Lärm? Was gibt’s hier für Verräter?
GLOSTER.
Seid Ihr es, Kommandant, des Stimm’ ich höre?
Öffnet die Tore! Gloster will hinein.
WOODVILLE drinnen.
Geduld! Ich darf nicht öffnen, edler Herzog,
Der Kardinal von Winchester verbot’s.
Von ihm hab’ ich ausdrücklichen Befehl,
Dich und der Deinen keinen einzulassen.
GLOSTER.
Schwachherz’ger Woodville, achtest ihn vor mir?
Der stolze Winchester! Der trotzige Prälat,
Bei weiland König Heinrich nie gelitten?
Du bist noch Gottes noch des Königs Freund;
Öffne das Tor, sonst schließ’ ich dich bald aus.
BEDIENTER.
Öffnet die Tore vor dem Lord Protektor,
Oder wir sprengen sie, wenn ihr nicht schleunig kommt.
Winchester tritt auf mit einem Gefolge von Bedienten in braunen Röcken.

WINCHESTER.
Wie nun, ehrsücht’ger Humphrey? sag, was soll’s?
GLOSTER.
Glatzköpf’ger Priester, heißt du aus mich schließen?
WINCHESTER.
Ja, du verräterischer Usurpator,
Protektor nicht des Königs oder Reichs!
[508] GLOSTER.
Zurück, du offenbarer Staatsverschworner!
Der unsern toten Herrn zu morden sinnt;
Der Huren Indulgenzen gibt zur Sünde;
Ich will in deinem breiten Kardinalshut
Dich sichten, wo du fortfährst in dem Trotz.
WINCHESTER.
Tritt du zurück, ich weich’ und wanke nicht.
Sei dies Damaskus, du, verflucht wie Kain,
Erschlag’ den Bruder Abel, wenn du willt.
GLOSTER.
Ich will dich nicht erschlagen, nur vertreiben.
Mir dient als Kindertuch dein Purpurmantel,
Dich wegzuschaffen aus der Freistatt Schutz.
WINCHESTER.
Tu’, was du darfst; ich biete keck dir Trutz.
GLOSTER.
Was? Bietest du ins Angesicht mir Trutz?
Zieht, Leute! Achtet nicht der Freistatt Schutz!
Blaurock auf Braunrock! – Hüte, Pfaff’, den Bart,

Gloster und seine Leute greifen den Bischof an.

Ich will ihn zausen und dich tüchtig packen,
Mit Füßen tret’ ich deinen Kardinals-Hut;
Dem Papst zum Trotze und der Kirche Würden,
Schleif’ ich am Halse hier dich auf und ab.
WINCHESTER.
Gloster, dafür gibt dir der Papst dein Teil.
GLOSTER.
Winchester Gans! Ich ruf’: ein Seil! ein Seil!
So schlagt sie fort! Was laßt ihr hier sie bleiben?
Dich will ich fort, du Wolf im Schafskleid, treiben.
Braunröcke, fort! Fort, purpurfarbner Heuchler!

Es entsteht ein großer Tumult; während desselben tritt der Schultheiß von London mit seinen Beamten auf.

SCHULTHEISS.
Pfui, Lords! Daß ihr, als höchste Obrigkeiten,
So schmählich doch den Frieden brechen könnt!
GLOSTER.
Still. Schultheiß! Meine Kränkung weißt du nicht:
Sieh, Beaufort, der noch Gott noch König achtet,
Hat hier den Turm allein an sich gerissen.
WINCHESTER.
Sieh Gloster da, den Feind der Bürgerschaft,
Der immer dringt auf Krieg und nie auf Frieden,
Mit Steuern eure freien Beutel lastend;
Der die Religion zu stürzen sucht,
[509] Weil er Protektor dieses Reiches ist:
Und Waffen haben will hier aus dem Turm,
Den Prinzen zu erdrücken, sich zu krönen.
GLOSTER.
Nicht Worte, Streiche geb’ ich dir zur Antwort.

Sie werden wieder handgemein.

SCHULTHEISS.
Nichts bleibt mir in dem stürmischen Gezänk,
Als öffentlichen Ausruf tun zu lassen.
Gerichtsbeamter, komm! So laut du kannst!
GERICHTSBEAMTER. »Alle und jede, so gegenwärtig hier wider Gottes und des Königs Frieden in Waffen versammelt sind, werden in Seiner Hoheit Namen ermahnt und befehligt, sich männiglich nach ihrer Behausung zu verfügen und forthin keinen Degen, Gewehr oder Dolch zu tragen, zu handhaben und zu führen; alles bei Todesstrafe.«
GLOSTER.
Ich breche das Gesetz nicht, Kardinal,
Doch treff’ ich dich und will den Trotz dir brechen.
WINCHESTER.
Gloster, wir treffen uns; auf deine Kosten:
Dein Herzblut will ich für dies Tagewerk.
SCHULTHEISS.
Wenn ihr nicht fort wollt, ruf’ ich noch nach Stangen.
Der Kardinal ist frecher als der Teufel.
WINCHESTER.
Verhaßter Gloster! Hüte deinen Kopf,
Denn ich gedenk’ in kurzem ihn zu haben.

Sie gehen ab.

SCHULTHEISS.
Den Platz gesäubert erst! Dann ziehn wir ab.
O Gott! Daß Edle so ergrimmt verfahren!
Nicht einmal fecht’ ich selbst in vierzig Jahren.

Ab.
Vierte Szene

[509] Frankreich. Vor Orleans.

Der Büchsenmeister und sein Sohn treten auf den Mauern auf.

BÜCHSENMEISTER.

Du weißt, Bursch, wie man Orleans belagert,
Und wie die Englischen die Vorstadt haben.
SOHN.
Ich weiß es, Vater, und schoß oft nach ihnen,
Unglücklich nur verfehlt’ ich stets mein Ziel.
[510] BÜCHSENMEISTER.
Nun sollst du’s nicht: laß du von mir dich lenken!
Haupt-Büchsenmeister bin ich dieser Stadt!
Ich muß was tun, um Gunst mir zu erwerben.
Kundschafter von dem Prinzen melden mir,
Wie, in der Vorstadt fest verschanzt, der Feind
Durch ein geheimes Eisengitter pflegt
Auf jenem Turm die Stadt zu überschaun
Und dort erspäht, wie mit dem meisten Vorteil
Sie uns mit Sturm und Schießen drängen können
Um abzustellen nun dies Ungemach,
Hab’ ich ein Stück Geschütz darauf gerichtet,
Und seit drei Tagen hab’ ich aufgepaßt,
Ob ich sie könnte sehn.
Nun paß du auf, ich kann nicht länger bleiben;
Erspähst du wen, so lauf’ und meld’ es mir,
Du wirst mich bei dem Festungshauptmann finden.

Ab.

SOHN.
Vater, ich steh’ dafür, habt keine Sorge;
Ich will Euch nicht bemühn, späh’ ich sie aus.

Auf dem obern Stock eines Turmes erscheinen Salisbury und Talbot, Sir William Glansdale, Sir Thomas Gargrave und andre.

SALISBURY.
Talbot, mein Heil, mein Leben wieder da?
Wie hat man dich behandelt als Gefangnen?
Und wie erlangtest du die Auslösung?
Laß uns auf dieses Turmes Zinne reden.
TALBOT.
Der Herzog Bedford hatte wen gefangen,
Der hieß der tapfre Ponton von Santrailles:
Für den bin ich getauscht und ausgelöst.
Doch wollten sie mich einst zum Hohn verhandeln
Um einen Mann, weit schlechter in den Waffen;
Ich, stolz, verschmähte das und heischte Tod,
Eh’ ich so spottgering mich schätzen ließ.
Zuletzt ward ich gelöst, wie ich begehrte.
Doch oh! Der falsche Fastolfe kränkt mein Herz.
Mit bloßen Fäusten könnt’ ich ihn ermorden,
Wenn ich in meine Macht ihn jetzt bekäm’.
SALISBURY.
Noch sagst du nicht, wie du gehalten wurdest.
[511] TALBOT.
Mit Spott und Schimpf und schmählichem Verhöhnen.
Auf offnen Märkten führten sie mich vor,
Zum allgemeinen Schauspiel für die Menge.
Dies, sagten sie, ist der Franzosen Schrecken,
Die Vogelscheu, wovor den Kindern graut.
Dann riß ich mich von meinen Wächtern los,
Grub mit den Nägeln Steine aus dem Boden,
Auf meiner Schmach Zuschauer sie zu werfen.
Mein gräßlich Aussehn machte andre fliehn,
Des schleun’gen Todes Furcht ließ keinen nahn.
In Eisenmauern hielt man mich nicht sicher;
So sehr war meines Namens Furcht verbreitet,
Daß sie geglaubt, ich bräche Stangen Stahl
Und sprengt’ in Stücke diamantne Pfosten.
Drum hatt’ ich eine Wacht, die, scharf geladen,
In jeglicher Minute mich umging,
Und wenn ich nur aus meinem Bett mich rührte.
War sie bereit, mir in das Herz zu schießen.
SALISBURY.
Mit Schmerz hör’ ich, was du erlitten hast,
Doch uns genugsam rächen wollen wir.
Jetzt ist in Orleans Abendessens-Zeit:
Hier, durch dies Gitter zähl’ ich jeden Mann
Und seh’, wie die Franzosen sich verschanzen.
Sieh mit herein, es wird dich sehr ergötzen.
Sir Thomas Gargrave und Sir William Glansdale,
Laßt eure Meinung mich ausdrücklich hören:
Wo nun am besten zu beschießen wär’?
GARGRAVE.
Ich denk’, am Nordertor, da steht der Adel.
GLANSDALE.
Und ich hier an dem Bollwerk bei der Brücke.
TALBOT.
So viel ich sehn kann, muß man diese Stadt
Aushungern und mit leichten Treffen schwächen.

Ein Schuß von der Stadt. Salisbury und Gargrave fallen.

SALISBURY.
O Herr! Sei gnädig uns elenden Sündern!
GARGRAVE.
O Herr! Sei gnädig mir bedrängtem Mann!
TALBOT.
Was kreuzt uns für ein Zufall plötzlich hier?
Sprich, Salisbury, wofern du reden kannst:
[512] Wie geht’s dir, Spiegel aller wackern Krieger?
Ein Aug’ und halb die Wange weggeschmettert!
Verfluchter Turm! Verfluchte Unglücks-Hand,
Die dieses leid’ge Trauerspiel vollführt!
In dreizehn Schlachten siegte Salisbury,
Heinrich den Fünften zog er auf zum Krieg,
Solang’ Trompete blies und Trommel schlug,
Ließ nie sein Schwert im Feld zu schlagen ab. –
Du lebst noch, Salisbury? Fehlt dir schon die Rede,
Du hast ein Aug’, um Gnad’ emporzublicken,
Die Sonne schaut mit einem Aug’ die Welt. –
Himmel, sei keinem gnädig, der da lebt,
Wenn Salisbury bei dir Erbarmen mißt! –
Tragt fort die Leiche, ich will helfen sie begraben. –
Sir Thomas Gargrave, hast du irgend Leben?
Sprich mit dem Talbot, schau doch auf zu ihm,
Erfrisch’ dich, Salisbury, mit diesem Trost:
Du stirbst mir nicht, derweil –
Er winkt mit seiner Hand und lächelt mir,
Als sagt’ er: »Wenn ich tot bin und dahin,
Gedenke mich zu rächen an den Franken.«
Plantagenet, ich will’s; und gleich dir, Nero,
Die Laute spielend, Städte brennen sehn.

Man hört es donnern, hierauf ein Getümmel.

Was rührt sich? Was für ein Tumult im Himmel?
Woher kommt dies Getümmel und der Lärm?

Ein Bote tritt auf.
BOTE.
Herr, Herr, die Franken bieten uns die Stirn;
Vereint mit einer Jeanne la Pucelle,
Der neu erstandnen heiligen Prophetin,
Führt große Macht der Dauphin zum Entsatz.

Salisbury ächzt.

TALBOT.
Hört, hört, wie Salisbury noch sterbend ächzt!
Es nagt sein Herz, daß Rach’ ihm ist versagt. –
Ich werd’ ein Salisbury für euch, Franzosen! –
Pucelle oder Buhle, Delphin oder Meerhund,
[513] Die Herzen stampf’ ich mit des Pferdes Hufen
Euch aus und eu’r vermischtes Hirn zu Kot. –
Schafft mir den Salisbury in sein Gezelt,
Dann sehn wir, was die feigen Franken wagen.

Sie gehen ab und tragen die Leichen mit fort.
Fünfte Szene

[513] Vor einem der Tore.

Getümmel. Scharmützel. Talbot verfolgt den Dauphin und treibt ihn zurück;
dann kommt die Pucelle, Engländer vor sich herjagend. Hierauf kommt Talbot.

TALBOT.

Wo ist mein Mut und meine Stärk’ und Kraft?
Die Scharen weichen, ich kann nicht sie halten;
Sie jagt ein Weib, mit Rüstung angetan.

Die Pucelle kommt zurück.

Hier kommt sie, hier: – Ich messe mich mit dir
Beschwör’ dich, Teufel oderTenfelsmutter!
Ich lasse Blut dir, du bist eine Hexe,
Und stracks gib deine Seel’ dem, so du dienst.
PUCELLE.
Komm, komm! Ich bin’s, die dich erniedern muß.

Sie fechten.

TALBOT.
Ihr Himmel, laßt ihr so die Hölle siegen?
Eh’ soll gespannter Mut die Brust mir sprengen,
Die Arme sollen von den Schultern reißen,
Als daß ich nicht die freche Metze strafte.
PUCELLE.
Talbot, leb wohl! Dein Stündlein kommt noch nicht;
Ich muß mit Nahrung Orleans versehn.
Hol’ mich nur ein, ich spotte deiner Stärke,
Geh, geh; ermuntre dein verschmachtet Volk;
Hilf Salisbury, sein Testament zu machen:
Der Tag ist unser, wie noch mancher mehr.

Die Pucelle zieht mit ihren Soldaten in die Stadt.

TALBOT.
Mein Kopf geht um, wie eines Töpfers Rad,
Ich weiß nicht, wo ich bin, noch was ich tue.
[514] Durch Furcht, nicht durch Gewalt, wie Hannibal,
Treibt eine Hexe unser Heer zurück
Und siegt, wie’s ihr beliebt. So treibt man wohl
Mit Dampf die Bienen, Tauben mit Gestank
Von ihren Stöcken und vom Schlage weg.
Man hieß der Wildheit halb uns englische Hunde,
Nun laufen wir wie Hündlein schreiend fort.

Ein kurzes Getümmel.

Hört, Landesleut’! Erneuert das Gefecht,
Sonst reißt die Löwen weg aus Englands Wappen,
Sagt eurem Land ab, setzt für Löwen Schafe;
Nicht halb so bang fliehn Schafe vor dem Wolf,
Noch Pferd’ und Ochsen vor dem Leoparden,
Als ihr vor euren oft bezwungnen Knechten. –

Getümmel. Ein neues Scharmützel.

Es soll nicht sein: – Zurück, zieht in die Schanzen;
Ihr stimmtet alle ein in Salisburys Tod,
Weil keiner einen Streich tat, ihn zu rächen. –
In Orleans ist die Pucelle hinein
Trotz uns und allem, was wir konnten tun.
O möcht’ ich sterben doch mit Salisbury!
Ich muß mein Haupt vor Scham hierüber bergen.

Getümmel. Rückzug. Talbot mit seinen Truppen ab.
Sechste Szene

[514] Ebendaselbst.

Auf den Mauern erscheinen die Pucelle, Karl, Reignier, Alençon und Soldaten.

PUCELLE.

Pflanzt unsre weh’nden Fahnen auf die Mauern:
Den Englischen ist Orleans entrissen,
So hielt euch Jeanne la Pucelle Wort.
KARL.
Du göttlichstes Geschöpf! Asträas Tochter!
Wie soll ich ehren dich für den Erfolg?
Adonis’ Gärten gleichet dein Verheißen,
[515] Die heute blühn und morgen Früchte tragen.
Siegprang’ in deiner herrlichen Prophetin,
O Frankreich! Orleans ist wieder dein:
Nie widerfuhr dem Lande größres Heil.
REIGNIER.
Warum durchtönt nicht Glockenklang die Stadt?
Dauphin, laß Freudenfeu’r die Bürger machen
Und jubeln, schmausen in den offnen Straßen,
Das Glück zu feiern, das uns Gott verilehn.
ALENÇON.
Ganz Frankreich wird erfüllt mit Freud’ und Lust,
Wenn sie erfahren, wie wir uns gehalten.
KARL.
Nicht wir, ‘s ist Jeanne, die den Tag gewann,
Wofür ich mit ihr teilen will die Krone,
Und alle Mönch’ und Priester meines Reichs
In Prozession ihr stets lobsingen sollen.
Ich bau’ ihr eine stolzre Pyramide
Als die zu Memphis oder Rhodopes;
Und wenn sie tot ist, soll, ihr zum Gedächtnis,
Die Asch’ in einer köstlicheren Urne
Als das Kleinoden-Kästchen des Darius
Bei hohen Festen umgetragen werden,
Vor Frankreichs Königen und Königinnen.
Nicht länger rufen wir Sankt Dionys,
Patronin ist nun Jeanne la Pucelle.
Kommt, halten wir ein königlich Gelag
Auf diesen siegesreichen goldnenTag!

Trompetenstoß. Alle ab.
Zweiter Aufzug
Erste Szene

[516] Ebendaselbst.

Ein französischer Sergeant und zwei Schildwachen kommen durch das Tor.

SERGEANT.

Nehmt eure Plätze und seid wachsam, Leute;
Bemerkt ihr Lärm, und daß Soldaten nah
Den Mauern sind, an irgendeinem Zeichen,
So gebt im Wachthaus Nachricht uns davon.
ERSTE SCHILDWACHE.
Schon gut, Sergeant.

Sergeant ab.

So müssen arme Diener,
Wenn andre schlafen auf bequemem Bett,
In Finsternis, in Kält’ und Regen wachen.

Talbot, Bedford, Burgund und ihre Truppen mit Sturmleitern, die Trommeln schlagen einen Totenmarsch.

TALBOT.
Mein Herr Regent, und mächtiger Burgund,
Durch deren Ankunft das Gebiet von Artois,
Wallon und Pikardie uns sind befreundet:
In dieser Glücksnacht sind die Franken sorglos,
Da sie den ganzen Tag geschmaust, gezecht.
Ergreifen wir denn die Gelegenheit,
Sie schickt sich zur Vergeltung ihres Trugs,
Den Kunst ersann und arge Zauberei.
BEDFORD.
Memme von Frankreich! Wie er sich entehrt,
An seines Armes Tapferkeit verzweifelnd,
Mit Hexen und der Höll’ in Bund zu treten!
BURGUND.
Verräter sind in der Gesellschaft stets.
Doch die Pucelle, für so rein gepriesen,
Wer ist sie?
[517] TALBOT.
Ein Mädchen, sagt man.
BEDFORD.
Ein Mädchen, und so kriegerisch!
BURGUND.
Geb’ Gott, daß sie nicht männlich bald erscheint.
Wenn unter dem Panier der Franken sie
Die Rüstung führt, wie sie begonnen hat.
TALBOT.
Wohl, laßt sie klügeln und mit Geistern handeln.
Gott unsre Burg! In seinem Siegernamen
Laßt uns ihr Felsen-Bollwerk kühn erklimmen.
BEDFORD.
Stürm’, braver Talbot, und wir folgen dir.
TALBOT.
Nicht alle hier mit eins: weit besser dünkt mir’s,
Hineinzudringen auf verschiednen Wegen,
Daß, wenn es einem unter uns mißlingt,
Der andre wider ihre Macht kann stehn.
BEDFORD.
So sei’s; ich will zu jener Ecke hin.
BURGUND.
Und ich zu dieser.
TALBOT.
Und hier stürmt Talbot oder schafft sein Grab.
Nun, Salisbury, für dich und für das Recht
Heinrichs von England soll die Nacht sich zeigen,
Wie meine Pflicht euch beiden ist geweiht.

Die Englischen ersteigen die Mauern mit Sturmleitern, indem sie: »Sankt Georg!« und: »Talbot hoch!« rufen, und dringen alle in die Stadt.

SCHILDWACHE drinnen.
Auf, zu den Waffen, auf! Die Feinde stürmen!

Die Franzosen springen im Hemde über die Mauern. Hierauf kommen von verschiednen Seiten der Bastard, Alençon, Reignier, halb angekleidet, halb nicht.
ALENÇON.
Wie nun, ihr Herrn? Was? So unangekleidet?
BASTARD.
Unangekleidet? Ja und froh dazu,
Daß wir so gut davongekommen sind.
REIGNIER.
Traun, es war Zeit, sich aus dem Bett zu machen,
Der Lärm war schon an unsrer Kammertür.
ALENÇON.
Seit ich die Waffen übte, hört’ ich nie
Von einem kriegerischen Unternehmen,
Das tollkühn und verzweifelt war wie dies.
BASTARD.
Der Talbot, denk’ ich, ist ein Geist der Hölle.
REIGNIER.
Wo nicht die Höll’, ist ihm der Himmel günstig.
[518] ALENÇON.
Dakommt der Prinz, mich wundert, wie’s ihm ging.

Karlund die Pucelle treten auf.

BASTARD.
Pah! War Sankt Jeanne doch sein Schirm und Schutz.
KARL.
Ist dieses deine List, du falsche Schöne?
Du ließest uns zuerst, um uns zu schmeicheln,
Teilnehmer sein an wenigem Gewinn,
Daß der Verlust nun zehnmal größer wär’?
PUCELLE.
Warum schilt Karl die Freundin ungeduldig?
Muß allzeit meine Macht die gleiche sein?
Schlafend und wachend, muß ich stets gewinnen,
Wenn ihr nicht schmähn und Schuld mir geben sollt?
Bei guter Wache, unvorsicht’ge Krieger,
Wär’ dieser schnelle Unfall nie begegnet.
KARL.
Herzog von Alençon. Eu’r Fehler war’s,
Daß, als der Wache Hauptmann, diese Nacht
Ihr besser nicht den wicht’gen Dienst versehn.
ALENÇON.
War jegliches Quartier so wohl bewahrt
Als das, worin ich den Befehl gehabt,
Wir wären nicht so schmählich überfallen.
BASTARD.
Meins war in Sicherheit.
REIGNIER.
Auch meines, Herr.
KARL.
Was mich betrifft, den größten Teil der Nacht
Hab’ ich zum Auf- und Abgehn angewandt
In ihrem Viertel und durch mein Revier,
Um immerfort die Wachen abzulösen.
Wie oder wo sind sie denn eingebrochen?
PUCELLE.
Fragt, Herrn, nicht weiter über diesen Fall,
Wie oder wo; genug, sie fanden Stellen,
Nur schwach besetzt, wo sie den Einbruch taten,
Und übrig bleibt uns nun kein andrer Rat,
Als die umher versprengten Leute sammeln
Und neue Schanzen bau’n zu ihrem Schaden.

Getümmel. Ein englischer Soldat kommt und ruft: »Talbot hoch! Talbot hoch!« Sie fliehen, indem sie ihre Kleider zurücklassen.

SOLDAT.
Ich will nur dreist, was sie verlassen, nehmen.
Der Ausruf Talbot dient mir statt des Degens,
Denn ich belud mit vieler Beute mich
Und braucht’ als Waffe seinen Namen bloß.

Ab.
Zweite Szene

[519] Orleans. Innerhalb der Stadt.

Talbot, Bedford, Burgund, ein Hauptmann und andre.

BEDPORD.

Der Tag bricht an, und es entflieht die Nacht,
Die um die Erde warf den Rabenmantel.
Blast nun zum Rückzug, hemmt die heiße Jagd!

Man bläst zum Rückzug.

TALBOT.
Die Leiche bringt vom alten Salisbury
Und stellet auf dem Marktplatz hier sie aus,
Dem Mittelpunkte der verfluchten Stadt. –
Nun zahlt’ ich mein Gelübde seiner Seele;
Fünf Franken starben mind’stens diese Nacht
Für jeden ihm entwandten Tropfen Bluts.
Und, daß hinfort die Zeiten mögen sehn,
Was für Verheerung ihm zur Rach’ erfolgt,
Bau’ ich in ihrer Hauptkirch’ eine Gruft,
Worin sein Körper soll bestattet werden;
Darauf soll, daß es jeder lesen kann,
Die Plünd’rung Orleans’ gegraben sein,
Die falsche Weise seines traur’gen Todes,
Und welch ein Schrecken er für Frankreich war.
Doch, Herrn, bei all dem Blutbad wundert’s mich,
Daß wir des Dauphins Hoheit nicht begegnet,
Der tugendsamen Heldin Jeanne d’Arc,
Noch irgendwem der falschen Bundsgenossen.
BEDFORD.
Man sagt, Lord Talbot, als der Kampf begann,
Sei’n, plötzlich aufgeschreckt vom faulen Bett,
Sie unter Haufen des Soldatenvolks
Die Mau’r hinüber in das Feld entsprungen.
BURGUND.
Ich selbst, soviel ich unterscheiden konnte
Im Rauch und Nebeldunst der Nacht, verscheuchte
Den Dauphin sicherlich und seine Trulle,
Als Arm in Arm sie hurtig laufend kamen,
So wie ein Paar verliebter Turteltauben,
Die sich nicht trennen konnten Tag und Nacht.
[520] Wenn erst die Dinge hier in Ordnung sind,
So woll’n wir sie mit aller Macht verfolgen.

Ein Bote tritt auf.

BOTE.
Heil euch, ihr hohen Lords! Was nennet ihr
Von dieser fürstlichen Genossenschaft
Den kriegerischen Talbot, dessen Taten
Im Frankenreich so hoch gepriesen werden?
TALBOT.
Ich bin der Talbot: wer will mit ihm reden?
BOTE.
Die tugendsame Gräfin von Auvergne,
Bescheidentlich bewundernd deinen Ruhm,
Ersucht dich, großer Lord, du woll’st geruhn,
Zur armen Burg, worauf sie sitzt, zu kommen,
Damit sie rühmen mag, sie sah den Mann,
Von dessen Herrlichkeit die Welt erschallt.
BURGUND.
Im Ernst? Ei ja, dann seh’ ich, unsre Kriege
Verwandeln sich in friedlich Possenspiel,
Wenn Frau’n begehren, daß wir sie bestehn. –
Ihr dürft die art’ge Bitte nicht verschmähn.
TALBOT.
Nein, glaubt mir; denn, wenn eine Welt von Männern
Mit aller Rednerkunst nichts ausgerichtet,
Hat eines Weibes Güte übermeistert. –
Und darum sagt ihr, daß ich herzlich danke
Und untertänig sie besuchen will. –
Gehn Eure Edlen zur Gesellschaft mit?
BEDFORD.
Nein, wahrlich; das ist mehr, als Sitt’ erlaubt.
Ich hörte sagen, ungeladne Gäste
Sind nicht willkommner meist, als wenn sie gehn.
TALBOT.
Nun wohl, allein, weil denn kein andrer Rat.
Versuch’ ich dieser Dame Höflichkeit.
Hieher kommt, Hauptmann.

Er spricht leise mit ihm.

Ihr versteht die Meinung?
HAUPTMANN.
Ja, gnäd’ger Herr, und meine dem gemäß.

Alle ab.
Dritte Szene

[521] Auvergne. Schloßhof. Die Gräfin und ihr Torwärter treten auf.

GRÄFIN.

Torwärter, merkt Euch, was ich aufgetragen,
Und wenn Ihr es getan, bringt mir die Schlüssel.
TORWÄRTER.
Das will ich, gnäd’ge Frau.

Ab.

GRÄFIN.
Der Anschlag ist gemacht: geht alles gut,
So macht dies Abenteu’r mich so berühmt,
Als Cyrus’ Tod die Scythin Tomyris.
Groß ist der Ruf von diesem furchtbar’n Ritter
Und seine Taten von nicht minderm Wert.
Gern wär’ mein Auge Zeuge mit dem Ohr,
Zum Ausspruch über diese Wunderdinge.

Der Bote kommt mit Talbot.

BOTE.
Gräfin! Wie Eure Gnaden es begehrt,
Auf meine Botschaft kommt Lord Talb t hier.
GRÄFIN.
Er ist willkommen. Wie? Ist dies der Mann?
BOTE.
Ja, gnäd’ge Frau.
GRÄFIN.
Ist dies die Geißel Frankreichs?
Ist dies der Talbot, auswärts so gefürchtet,
Daß man die Kinder stillt mit seinem Namen?
Ich seh’, der Ruf ist fabelhaft und falsch.
Ich dacht’, es würd’ ein Herkules erscheinen,
Ein zweiter Hektor, nach dem grimmen Ansehn
Und der gedrungnen Glieder großem Maß.
Ach, dies ist ja ein Kind, ein blöder Zwerg;
Es kann der schwache eingezog’ne Knirps
Unmöglich so die Feind’ in Schrecken jagen.
TALBOT.
Ich war so dreist, zur Last zu fallen, Gräfin;
Doch da Eu’r Gnaden nicht bei Muße sind,
So find’ ich andre Zeit wohl zum Besuch.
GRÄFIN.
Was hat er vor? Geh, frag’, wohin er geht.
BOTE.
Lord Talbot, haltet: meine gnäd’ge Frau
Wünscht Eures raschen Abschieds Grund zu wissen.
TALBOT.
Ei nun, weil sie in falschem Glauben ist,
Geh’ ich, ihr zu beweisen, Talbot sei’s.
Der Torwärter kommt zurück mit Schlüsseln.

[522] GRÄFIN.
Wenn du es bist, so bist du ein Gefangner.
TALBOT.
Gefangner? Wes?
GRÄFIN.
Blutdürst’ger Lord, der meine,
Und aus dem Grund zog ich dich in mein Haus.
Dein Schatte war schon längst in meinen Banden;
Dein Bildnis hängt in meiner Galerie.
Doch nun soll auch dein Wesen Gleiches dulden,
Und diese Arm’ und Beine feßl’ ich dir,
Der du mit Tyrannei seit so viel Jahren
Das Land verheertest, unsre Bürger schlugst
Und Söhn’ und Gatten zu Gefangnen machtest.
TALBOT.
Ha ha ha!
GRÄFIN.
Du lachst, Elender? Jammern wirst du bald.
TALBOT.
Ich lache über Euer Gnaden Einbildung,
Als hättet Ihr was mehr als Talbots Schatten,
Woran Ihr Eure Strenge üben mögt.
GRÄFIN.
Wie, bist du es nicht selbst?
TALBOT.
Ich bin es wirklich.
GRÄFIN.
So hab’ ich auch sein Wesen.
TALBOT.
Nein, nein, ich bin mein eigner Schatte nur,
Ihr seid getäuscht, mein Wesen ist nicht hier;
Denn, was Ihr seht, ist der geringste Teil
Von meiner Menschheit und das kleinste Maß.
Ich sag’ Euch, wär’ mein ganz Gebilde hier,
Es ist von so gewalt’gem hohen Wuchs,
Eu’r Dach genügte nicht, es zu umfassen.
GRÄFIN.
Das ist ein Rätselkrämer, wie sich’s ziemt:
Hier will er sein, und ist denn doch nicht hier;
Wie können diese Widersprüche passen?
TALBOT.
Sogleich will ich’s Euch zeigen.

Er stößt in ein Hifthorn. Man hört Trommeln, hierauf eine Salve von grobem Geschütz. Die Tore werden gesprengt, und Soldaten kommen.

Was sagt Ihr, Gräfin, seid Ihr überzeugt,
Daß Talbot nur sein eigner Schatten ist?
Die sind sein Wesen, Sehnen, Arm’ und Stärke,
Womit er Euch empörte Nacken beugt,
[523] Die Städte schleift und Eure Festen stürzt
Und wüst in einem Augenblick sie macht.
GRÄFIN.
Verzeih’, siegreicher Talbot, mein Vergehn!
Ich seh’, du bist nicht kleiner als dein Ruf,
Und mehr, als die Gestalt erraten läßt.
Laß meine Kühnheit deinen Zorn nicht reizen,
Es ist mir leid, daß ich mit Ehrerbietung
Dich nicht so aufgenommen, wie du bist.
TALBOT.
Nicht bange, schöne Frau! Mißdeutet nicht
Den Sinn des Talbot, wie Ihr Euch geirrt
In seines Körpers äußerlichem Bau.
Was Ihr getan, das hat mich nicht beleidigt,
Auch fodr’ ich zur Genugtuung nichts weiter,
Als daß, mit Eurer Gunst, wir kosten dürfen
Von Eurem Wein und sehn, wie man hier kocht;
Denn immer rüstig sind Soldatenmagen.
GRÄFIN.
Von ganzem Herzen; und es ehrt mich sehr,
Bei mir solch großen Krieger zu bewirten.

Alle ab.
Vierte Szene

[523] London. Der Garten des Tempels.

Die Grafen von Somerset, Suffolk und Warwick; Richard Plantagenet, Vernon und ein andrer Rechtsgelehrter treten auf.

PLANTAGENET.

Ihr großen Lords und Herrn, was soll dies Schweigen?
Will niemand reden in der Wahrheit Sache?
SUFFOLK.
Wir waren allzulaut im Tempel-Saal,
Der Garten hier ist schicklicher dazu.
PLANTAGENET.
So sagt mir eins, ob Wahrheit ich behauptet,
Ob nicht der Zänker Somerset geirrt?
SUFFOLK.
Traun, ich war Müßiggänger in den Rechten:
Ich konnte nie darnach den Willen fügen
Und füge drum das Recht nach meinem Willen.
SOMERSET.
So richtet Ihr, Lord Warwick, zwischen uns.
[524] WARWICK.
Von zweien Falken, welcher höher steigt,
Von zweien Hunden, welcher tiefer bellt,
Von zweien Klingen, welche beßrer Stahl,
Von zweien Pferden, wessen Haltung besser,
Von zweien Mädchen, welche muntrer äugelt,
Hab’ ich wohl einen flachen Sinn des Urteils:
Doch von des Rechts Praktik und spitzen Kniffen
Hat wahrlich eine Dohle mehr begriffen.
PLANTAGENET.
Pah, welche höfliche Zurückhaltung!
Die Wahrheit steht so nackt auf meiner Seite,
Daß selbst das blödste Aug’ sie finden kann.
SOMERSET.
Auf meiner Seit’ ist sie so wohl gekleidet,
So klar, so strahlend und so offenbar,
Daß sie durch eines Blinden Auge schimmert.
PLANTAGENET.
Weil Redescheu die Zungen denn euch bindet,
Erklärt in stummen Zeichen die Gedanken.
Es pflücke, wer ein echter Edelmann
Und auf der Ehre seines Bluts besteht,
Wenn er vermeint, ich bringe Wahrheit vor,
Mit mir von diesem Strauch ‘ne weiße Rose.
SOMERSET.
So pflücke, wer kein Feiger ist noch Schmeichler
Und die Partei der Wahrheit halten darf,
Mit mir von diesem Dorn ‘ne rote Rose.
WARWICK.
Ich liebe Schminke nicht; ohn’ alle Schminke
Der kriechenden gewandten Schmeichelei
Pflück’ ich die weiße Rose mit Plantagenet.
SUFFOLK.
Mit Somerset pflück’ ich die rote Rose
Und sag’, ich halte recht, was er behauptet.
VERNON.
Noch haltet, Lords und Herrn, und pflückt nicht mehr,
Bis ihr beschließt, daß der, auf dessen Seite
Vom Baume wen’ger Rosen sind gepflückt,
Des andern rechte Meinung soll erkennen.
SOMERSET.
Mein guter Meister Vernon, wohl bemerkt!
Still geb’ ich nach, hab’ ich die mindre Zahl.
PLANTAGENET.
Ich auch.
[525] VERNON.
Dann, für der Sache Recht und Wahrheit pflücke
Ich die jungfräulich blasse Blüte hier,
Den Ausspruch gebend für die weiße Rose.
SOMERSET.
Stecht nicht den Finger, wie Ihr ab sie pflückt,
Sonst färbt Ihr, blutend, rot die weiße Rose
Und fallt auf meine Seite wider Willen.
VERNON.
Mylord, wenn ich für meine Meinung blute,
So wird die Meinung auch den Schaden heilen
Und mich bewahren auf der jetz’gen Seite.
SOMERSET.
Gut, gut: nur zu! Wer sonst?
RECHTSGELEHRTER zu Somerset.
Wofern nicht meine Kunst und Bücher lügen,
So habt Ihr unrecht Euren Satz geführt:
Zum Zeichen des pflück’ ich die weiße Rose.
PLANTAGENET.
Nun, Somerset, wo ist nun Euer Satz?
SOMERSET.
Hier in der Scheide; dies erwägen, wird
Die weiße Rose blutig rot Euch färben.
PLANTAGENET.
Indes äfft Eure Wange unsre Rosen,
Denn sie ist blaß vor Furcht, als zeugte sie
Für unsre Wahrheit.
SOMERSET.
Nein, Plantagenet,
‘s ist nicht aus Furcht, – aus Zorn, daß deine Wangen,
Vor Scham errötend, unsre Rosen äffen
Und deine Zunge doch dein Irren leugnet.
PLANTAGENET.
Stach dir kein Wurm die Rose, Somerset?
SOMERSET.
Hat deine keinen Dorn, Plantagenet?
PLANTAGENET.
Ja, einen scharfen, wahr sich zu behaupten,
Indes dein Wurm an seiner Falschheit nagt.
SOMERSET.
Wohl, Freunde find’ ich für mein Rosenblut,
Die da behaupten, daß ich wahr gesagt,
Wo sich Plantagenet nicht sehn darf lassen.
PLANTAGENET.
Bei dieser reinen Blüt’ in meiner Hand,
Ich spotte, Knabe, dein und deiner Tracht.
SUFFOLK.
Kehr’ sonst wohin den Spott, Plantagenet.
PLANTAGENET.
Nein, stolzer Poole, ich spotte sein und dein.
SUFFOLK.
Mein Teil davon werf’ ich in deinen Hals.
SOMERSET.
Fort, guter William de la Poole! Wir tun
Dem Bauern zu viel Ehr’, mit ihm zu reden.
[526] WARWICK.
Bei Gott, du tust ihm Unrecht, Somerset.
Sein Urgroßvater war ja Lionel,
Herzog von Clarence, und der dritte Sohn
Des dritten Eduard, Königes von England.
Treibt solche Wurzel wappenlose Bauern?
PLANTAGENET.
Er macht des Platzes Vorrecht sich zu Nutz,
Sein zaghaft Herz ließ’ ihn das sonst nicht sagen.
SOMERSET.
Bei dem, der mich erschuf, ich will mein Wort
Auf jedem Fleck der Christenheit behaupten,
Ward nicht dein Vater, Richard Graf von Cambridge,
Zur Zeit des vor’gen Königs um Verrat gerichtet?
Und hat nicht sein Verrat dich angesteckt,
Geschändet und entsetzt vom alten Adel?
In deinem Blut lebt seine Missetat,
Und, bis zur Herstellung, bist du ein Bauer.
PLANTAGENET.
Mein Vater war beklagt, nicht überwiesen;
Starb, um Verrat verdammt, doch kein Verräter:
Und das beweis’ ich Höhern noch als Somerset,
Reift meinem Willen erst die Zeit heran.
Was Euren Helfer Poole und Euch betrifft,
So zeichn’ ich Euch in mein Gedächtnis-Buch,
Um Euch zu züchtigen für diese Rüge.
Seht Euch denn vor und sagt, daß ich Euch warnte.
SOMERSET.
Nun wohl, du sollst bereit uns immer finden
Und uns an dieser Farb’ als Feind’ erkennen,
Die meine Freunde tragen dir zum Trotz.
PLANTAGENET.
Und diese bleiche und erzürnte Rose,
Als Sinnbild meines blutbedürft’gen Hasses,
Will ich, bei meiner Seele! künftig tragen,
Ich selber und mein Anhang immerdar,
Bis sie mit mir zu meinem Grabe welkt
Oder zur Höhe meines Rangs erblüht.
SUFFOLK.
Geh vorwärts, und ersticke dich dein Ehrgeiz!
Und so leb wohl, bis ich dich wieder treffe.

Ab.

SOMERSET.
Ich folge, Poole. Leb wohl, ehrgeiz’ger Richard!

Ab.

PLANTAGENET.
Wie man mir trotzt, und doch muß ich es dulden.
WARWICK.
Der Fleck, den sie an Eurem Hause rügen,
[527] Wird ausgelöscht im nächsten Parlament,
Das Winchester und Gloster soll vergleichen;
Und wenn man dann dich nicht zum York ernennt,
So will ich länger nicht für Warwick gelten.
Indes, zum Pfand, daß ich dich vorgezogen
Dem stolzen Somerset und William Poole,
Trag’ ich auf deiner Seite diese Rose
Und prophezeie hier: der heut’ge Zank,
Der zur Parteiung ward im Tempel-Garten,
Wird zwischen roter Rose und der weißen
In Tod und Todsnacht tausend Seelen reißen.
PLANTAGENET.
Euch, guter Meister Vernon, sag’ ich Dank,
Daß Ihr die Blume mir zu Lieb gepflückt.
VERNON.
Beständig will ich, Euch zu Lieb, sie tragen.
RECHTSGELEHRTER.
Das will ich ebenfalls.
PLANTAGENET.
Kommt, gehn wir vier zur Mahlzeit; ich darf sagen:
Blut trinkt noch dieser Streit in andern Tagen.

Alle ab.
Fünfte Szene

[527] Ebendaselbst. Ein Zimmer im Turm.

Mortimer wird von zwei Gefangenwärtern in einem Armstuhl hereingetragen

MORTIMER.

Sorgsame Wärter meines schwachen Alters,
Laßt sterbend ausruhn hier den Mortimer.
So wie ein Mann, der Folter erst entrissen,
Fühl’ ich die Länge der Gefangenschaft
In meinen Gliedern; diese grauen Locken,
Des Todes Boten, Nestor-gleich bejahrt
In Jahren voller Sorgen, zeigen an,
Es ende nun mit Edmund Mortimer.
Die Augen, Lampen, die ihr Öl verspendet,
Verdunkeln sich, zum Ausgang schon gewendet.
Die Schultern schwach, erdrückt von Grames Last,
Die Arme marklos, wie verdorrte Reben,
Saftlose Ranken auf den Boden senkend. –
[528] Doch diese Füße von kraftlosem Stand,
Unfähig, diesen Erdenkloß zu stützen,
Sind leicht beschwingt vom Wunsch nach einem Grabe,
Wohl wissend, daß ich andern Trost nicht habe. –
Doch sagt mir, Wärter, will mein Neffe kommen?
ERSTER GEFANGENWÄRTER.
Richard Plantagenet will kommen, Herr;
Zu seinem Zimmer sandten wir im Tempel,
Und Antwort ward erteilt, er wolle kommen.
MORTIMER.
Genug! So wird noch mein Gemüt befriedigt.
Der arme Mann! Er ist gekränkt wie ich.
Seit Heinrich Monmouth erst begann zu herrschen,
Vor dessen Ruhm ich groß in Waffen war,
Lebt’ ich in ekler Eingeschlossenheit;
Und auch seitdem ward Richard weggedrängt,
Beraubt der Ehr’ und Erbschaft; aber nun,
Da mich, der jegliche Verzweiflung schlichtet,
Der Tod, der milde Schiedsmann alles Elends,
Mit süßer Freilassung von hinnen läßt,
Wollt’ ich, auch seine Drangsal wär’ vorbei,
Und das Verlorne würd’ ihm hergestellt.

Richard Plantagenet tritt auf.

ERSTER GEFANGENWÄRTER.
Herr, Euer lieber Neff ‘ist nun gekommen.
MORTIMER.
Richard Plantagenet, mein Freund? Ist er da?
PLANTAGENET.
Ja, edler Oheim, schmählich so behandelt,
Eu’r Neffe kommt, der jüngst entehrte Richard.
MORTIMER.
Führt meine Arme, daß ich ihn umhalse,
Den letzten Hauch in seinen Busen keiche;
O sagt mir, wann mein Mund die Wang’ ihm rührt,
Daß ich ihn grüße mit ohnmächt’gem Kuß.
Nun, süßer Sprößling von Yorks großem Stamm,
Erklär’, warum du »jüngst entehrt« dich nanntest.
PLANTAGENET.
Erst lehn’ auf meinen Arm den alten Rücken,
Und, so erleichtert, höre die Beschwer.
Heut, bei dem Streiten über einen Fall,
Kams’ zwischen mir und Somerset zu Worten,
[529] Wobei er ohne Maß die Zunge brauchte
Und rückte meines Vaters Tod mir vor.
Der Vorwurf stieß mir Riegel vor die Zunge,
Sonst hätt’ ich’s ihm auf gleiche Art vergolten.
Drum, bester Ohm, um meines Vaters willen,
Bei deiner Ehr’ als ein Plantagenet
Und Bundes halb erklär’ den Grund, warum
Mein Vater, Graf von Cambridge, ward enthauptet.
MORTIMER.
Der Grund, der mich verhaftet, holder Neffe,
Und all die blüh’nde Jugend fest mich hielt
In einem eklen Kerker, da zu schmachten,
War das verfluchte Werkzeug seines Todes.
PLANTAGENET.
Entdecke näher, welch ein Grund das war,
Denn ich bin unbelehrt und rat’ es nicht.
MORTIMER.
Das will ich, wenn der Odem mir nicht schwindet
Und mich der Tod läßt enden den Bericht.
Heinrich der Vierte, Großvater dieses Königs,
Entsetzte seinen Neffen Richard, Eduards Sohn,
Des Erstgebornen und rechtmäß’gen Erben
Von König Eduard, drittem jener Reih’.
Zu seiner Herrschaft Zeit bestrebten sich
Die Percys aus dem Norden, als sie fanden,
Höchst ungerecht sei seine Anmaßung,
Statt seiner mich zu fördern auf den Thron.
Was diese kriegerischen Lords bewog,
War, daß nach Wegräumung des jungen Richard
[Der keinen Erben ließ, von ihm erzeugt]
Ich von Geburt und Sippschaft war der nächste,
Denn mütterlicher Seite stamm’ ich ab
Von Lionel von Clarence, drittem Sohn
König Eduard des Dritten; mittlerweil’
Er von Johann von Gaunt den Stammbaum leitet,
Dem vierten nur in jenem Heldenhaus.
Doch merkt: als sie mit hochgemutem Anschlag
Den rechten Erben einzusetzen rangen,
Verlor die Freiheit ich, und sie das Leben.
Viel später, als Heinrich der Fünfte herrschte
[530] Nach seinem Vater Bolingbroke, geschah’s,
Daß, mitleidsvoll mit meiner harten Trübsal,
Dein Vater, Graf von Cambridge, abgestammt
Vom großen Edmund Langley, Herzog York,
Vermählt mit meiner Schwester, deiner Mutter,
Nochmals ein Heer warb, wähnend, mich zu lösen
Und zu bekleiden mit dem Diadem;
Doch wie die andern fiel der edle Graf
Und ward enthauptet. So sind die Mortimers,
Worauf der Anspruch ruhte, unterdrückt.
PLANTAGENET.
Und deren letzter, edler Lord, seid Ihr.
MORTIMER.
Ja, und du siehst, ich habe kein Geschlecht,
Und meine matten Worte melden Tod.
Du bist mein Erbe; rate selbst das andre,
Doch übe Vorsicht bei der fleiß’gen Sorge.
PLANTAGENET.
Die ernste Warnung präget sich mir ein;
Doch dünkt mich meines Vaters Hinrichtung
Geringres nicht als blut’ge Tyrannei.
MORTIMER.
Mit Schweigen, Neffe, treibe Politik:
Das Haus der Lancaster ist fest gegründet
Und, einem Felsen gleich, nicht wegzurücken.
Nun aber rückt dein Oheim weg von hier,
Wie Prinzen ihren Hof verlegen, müde
Des langen Weilens am bestimmten Platz.
PLANTAGENET.
Oh, kauft’ ein Teil von meinen jungen Jahren
Die Laufbahn Eures Alters doch zurück!
MORTIMER.
Du tätest mir zu nah, dem Mörder gleich,
Der viele Wunden gibt, wo eine tötet;
Wo nicht mein Wohl dir leid ist, traure nicht,
Nur ordne du mir die Bestattung an.
Und so fahr’ wohl: dir lache jede Hoffnung,
Dein Leben sei beglückt in Fried’ und Krieg!

Stirbt.

PLANTAGENET.
Fried’ und nicht Krieg mit deiner flieh’nden Seele!
Im Kerker schlossest du die Pilgerschaft,
Als Klausner überlebend deine Tage. –
Wohl, seinen Rat verschließ’ ich in der Brust,
Und was ich sinne, sei nur mir bewußt. –
[531] Wärter, tragt ihn hinweg! Ich sorge selbst,
Ihn besser zu bestatten, als er lebte.

Die Gefangenwärter tragen Mortimer hinaus.

Hier lischt die trübe Fackel Mortimers,
Gedämpft vom Ehrgeiz derer unter ihm;
Und für das Unrecht, für die bittre Kränkung,
Die meinem Hause Somerset getan,
Bau’ ich auf ehrenvolle Herstellung.
Und deshalb eil’ ich zu dem Parlament:
Man soll zurück mich geben meinem Blut,
Sonst mach’ ich bald mein Übel mir zum Gut.

Ab.
Dritter Aufzug
Erste Szene

[532] London. Das Parlament-Haus.

Trompetenstoß. König Heinrich, Exeter, Gloster, Warwick. Somerset und Suffolk, der Bischof von Winchester, Richard Plantagenet und andre treten auf. Gloster will ein Memorial überreichen, Winchester reißt es ihm weg und zerreißt es.

WINCHESTER.

Kommst du mit tief vorausbedachten Zeilen,
Geschriebnen Blättern, künstlich ausgesonnen,
Humphrey von Gloster? Wenn du klagen kannst
Und denkst, mir irgend was zur Last zu legen,
So tu’ es ohne Vorbereitung schnell,
Wie ich mit schneller Red’ und aus dem Kopf
Dem, was du rügen magst, antworten will.
GLOSTER.
Hochmüt’ger Pfaff’! Der Ort mahnt zur Geduld,
Sonst sollt’st du sehen, daß du mich beschimpft.
Denk’ nicht, wiewohl ich schriftlich abgefaßt
Die Weise deiner schnöden Missetaten,
Daß ich deshalb verfälscht und nicht im stande wär’,
Der Feder Vortrag mündlich abzuhalten.
Nein. Bischof! So verwegne Bosheit übst du
Und Ränke, frech, verpestend und entzweiend,
Daß Kinder schwatzen selbst von deinem Stolz.
Du bist ein räuberischer Wucherer,
Halsstarrig von Natur, des Friedens Feind,
Wollüstig, üppig, mehr als wohl sich ziemt
Für einen Mann von deinem Amt und Rang.
Und was liegt mehr am Tag als dein Verrat,
Da auf mein Leben Schlingen du gelegt
Sowohl beim Turm als bei der London-Brücke?
[533] Ja, würden die Gedanken dir gesichtet,
Dein Herr, der König, fürcht’ ich, ist nicht frei
Von neid’scher Tücke deines schwell’nden Herzens.
WINCHESTER.
Gloster, ich biete Trotz dir. – Lords, geruht
Gehör zu leihn dem, was ich will erwidern.
Wär’ ich ehrsüchtig, geizig und verkehrt,
Wie er mich macht: wie bin ich denn so arm?
Wie kommt es, daß ich nicht mich zu erhöhn,
Zu fördern suche, dem Berufe treu?
Was das Entzwein betrifft: wer hegt den Frieden
Mehr, als ich tu’, wofern man nicht mich reizt?
Nein, beste Lords, das ist nicht mein Vergehn;
Das ist’s nicht, was den Herzog hat entflammt.
Es ist, daß niemand herrschen soll als er,
Niemand als er soll um den König sein,
Und das gebiert ihm Donner in der Brust
Und treibt ihn, diese Klag’ heraus zu brüllen.
Doch er soll sehn, ich sei so gut. –
GLOSTER.
So gut?
Du Bastard meines Großvaters!
WINCHESTER.
Ja, großer Herr; denn was seid Ihr, ich bitte,
Als einer, herrisch auf des andern Thron?
GLOSTER.
Sag, bin ich nicht Protektor, kecker Pfaff’?
WINCHESTER.
Und bin ich ein Prälat der Kirche nicht?
GLOSTER.
Ja, wie ein Vagabund ein Schloß besetzt
Und es zum Schutze seines Diebstahls braucht.
WINCHESTER.
Unwürd’ger Spötter Gloster!
GLOSTER.
Du bist würdig
Nur durch dein geistlich Amt, nicht durch dein Leben.
WINCHESTER.
Rom soll dem steuern.
WARWICK.
So räum’ dich weg nach Rom.
SOMERSET.
Mylord, Ihr solltet billig Euch enthalten.
WARWICK.
Ei, laßt den Bischof ja nicht übermeistern.
SOMERSET.
Mich dünkt, Mylord sollt’ etwas frömmer sein
Und solcher Männer hohe Würde kennen.
WARWICK.
Mich dünkt, sie sollten demutsvoller sein,
Es ziemt sich nicht, daß ein Prälat so rechte.
SOMERSET.
Ja, wenn sein heil’ger Stand wird angetastet.
[534] WARWICK.
Unheilig oder heilig, was verschlägt’s?
Ist Seine Hoheit nicht des Reichs Protektor?
PLANTAGENET beiseit.
Plantagenet, seh’ ich, muß still sich halten,
Daß man nicht sagt: »Sprecht, Ihr da, wo Ihr dürft;
Mischt Euer kühner Spruch bei Lords sich ein?«
Sonst hätt’ ich einen Strauß mit Winchester.
KÖNIG HEINRICH.
Oheime Gloster und von Winchester,
Besondre Wächter über Englands Wohl!
Ich möchte gern, wenn Bitten was vermögen,
In Lieb’ und Freundschaft eure Herzen binden.
Oh, welch ein Ärgernis für unsre Krone,
Daß zwei so edle Pairs, wie ihr, sich zanken!
Glaubt mir, schon wissen’s meine zarten Jahre,
Ein gift’ger Wurm ist innerlicher Zwist,
Der nagt am Innern des gemeinen Wesens. –

Man hört draußen einen Lärm: »Nieder mit den Braunröcken!«

Welch ein Tumult?
WARWICK.
Ein Auflauf, will ich wetten,
Erregt aus Tücke von des Bischofs Leuten.

Wiederum Lärm: »Steine! Steine!«

Der Schultheiß von London tritt auf mit Gefolge.

SCHULTHEISS.
Oh, lieben Lords und tugendhafter Heinrich!
Erbarmt euch der Stadt London und des Volks!
Des Bischofs Leut’ und Herzogs Gloster haben,
Da Wehr zu tragen jüngst verboten ward,
Die Taschen angefüllt mit Kieselsteinen,
Und, in Partei’n gerottet, schmeißen sie
So heftig einer an des andern Kopf,
Daß manchem wird sein wirblicht Hirn zerschmettert;
In allen Gassen schlägt man Fenster ein,
Und unsre Laden zwingt uns Furcht zu schließen.

Die Anhänger Glosters und Winchesters kommen
unter beständigem Handgemenge mit blutigen Köpfen.

KÖNIG HEINRICH.
Wir mahnen euch bei Untertanen-Pflicht,
Daß ihr vom Totschlag laßt und Frieden haltet.
Ich bitt’ Euch, Oheim Gloster, stillt den Streit.
[535] ERSTER BEDIENTER.
Ja, wenn man uns die Steine
Verwehrt, so fallen wir uns mit Zähnen an.
ZWEITER BEDIENTER.
Tut, wie ihr Herz habt, wir sind auch entschlossen.

Von neuem Handgemenge.

GLOSTER.
Ihr, mein Gesinde, laßt dies zänk’sche Lärmen
Und stellt den ungewohnten Kampf beiseit.
DRITTER BEDIENTER.
Wir kennen Eure Hoheit als gerecht
Und redlich und an fürstlicher Geburt
Niemandem weichend, als nur Seiner Majestät;
Und eh’ wir dulden, daß ein solcher Prinz,
So güt’ger Vater des gemeinen Wesens,
Von einem Tintenklecker wird beschimpft,
Eh’ wollen wir mit Weib und Kindern fechten
Und uns von deinen Feinden morden lassen.
ERSTER BEDIENTER.
Ja, und der Abfall unsrer Nägel schlägt
Nach unserm Tode noch ein Lager auf.

Von neuem Handgemenge.

GLOSTER.
Halt, halt, sag’ ich!
Und wenn ihr so mich liebt, wie ihr beteuert,
Laßt mich zur Ruh’ ein Weilchen euch bereden.
KÖNIG HEINRICH.
Oh, wie die Zwietracht mein Gemüt betrübt!
Könnt Ihr, Mylord von Winchester, mich seufzen
Und weinen sehn und werdet nie erweicht?
Wer soll mitleidig sein, wenn Ihr’s nicht seid?
Wer soll bemüht sein, Frieden zu befördern,
Wenn Kirchendiener sich des Haders freun?
WARWICK.
Gebt nach, Protektor! Winchester, gebt nach!
Wofern ihr durch hartnäck’ge Weig’rung nicht
Wollt morden euern Herrn, das Reich zerstören.
Ihr sehet, was für Unheil, was für Mord
Verübt durch eure Feindschaft worden ist.
Seid still dann, wenn ihr nicht nach Blute dürstet.
WINCHESTER.
Er unterwerfe sich, sonst weich’ ich nie.
GLOSTER.
Aus Mitleid für den König beug’ ich mich,
Sonst riss’ ich eh’ sein Herz aus, eh’ der Pfaff’
Dies Vorrecht über mich erlangen sollte.
[536] WARWICK.
Seht an, Mylord von Winchester, der Herzog
Hat finstre, mißvergnügte Wut verbannt,
Wie seine Brau’n geschlichtet es beweisen:
Was blickt Ihr denn so starr und tragisch noch?
GLOSTER.
Hier, Winchester, ich biete dir die Hand.
KÖNIG HEINRICH.
Pfui, Oheim Beaufort! Hört’ ich Euch doch pred’gen,
Daß Bosheit große, schwere Sünde sei;
Und wollt Ihr nicht das, was Ihr lehrt, vollbringen
Und selbst darin am ärgsten Euch vergehn?
WARWICK.
Holdsel’ger König! Eine milde Weisung! –
Schämt Euch, Mylord von Winchester, und weicht!
Wie! Soll ein Kind Euch lehren, was sich ziemt?
WINCHESTER.
Herzog von Gloster, wohl, ich gebe nach;
Ich biete Lieb’ um Lieb’ und Hand für Hand.
GLOSTER.
Ja, doch ich fürchte, nur mit hohlem Herzen. –
Seht, meine Freund’ und lieben Landsgenossen!
Als Friedensfahne dienet zwischen uns
Und unserm ganzen Anhang dieses Zeichen.
So helfe Gott mir, wie ich’s redlich meine!
WINCHESTER beiseit.
So helfe Gott mir, wie ich’s nicht so meine!
KÖNIG HEINRICH.
O lieber Oheim, werter Herzog Gloster!
Wie freudig hat mich der Vergleich gemacht!
Nun fort, ihr Leute! Stört uns weiter nicht,
Vereint in Freundschaft euch, wie eure Herrn.
ERSTER BEDIENTER.
Sei’s drum! Ich will zum Feldscher.
ZWEITER BEDIENTER.
Das will ich auch.
DRITTER BEDIENTER.
Ich will Arznei mir in der Schenke suchen.

Die Bedienten, der Schultheiß u.s.w. ab.

WARWICK.
Empfangt dies Blatt hier, gnädigster Monarch,
Das für das Recht Richards Plantagenet
Wir überreichen Euer Majestät.
GLOSTER.
Wohl angebracht, Lord Warwick! Denn, mein Prinz,
Wenn Eure Hoheit jeden Umstand merkt,
Habt Ihr viel Grund, sein Recht ihm zu erweisen;
[537] Besonders auf den Anlaß, welchen ich
Zu Eltham Euer Majestät gesagt.
KÖNIG HEINRICH.
Und dieser Anlaß, Ohm, war von Gewicht;
Drum, lieben Lords, ist unser Wohlgefallen,
Daß Richard seinem Blut sei hergestellt.
WARWICK.
Sei Richard seinem Blute hergestellt,
So wird des Vaters Unrecht ihm vergütet.
WINCHESTER.
Wie alle wollen, will auch Winchester.
KÖNIG HEINRICH.
Wenn Richard treu will sein, nicht dies allein,
Das ganze Erbteil geb’ ich ihm zugleich,
Das zugehörig ist dem Hause York,
Von wannen Ihr in grader Reihe stammt.
PLANTAGENET.
Dein untertän’ger Knecht gelobt Gehorsam
Und untertän’gen Dienst bis in den Tod.
KÖNIG HEINRICH.
So bück’dich, setz’dein Knie an meinen Fuß,
Und zur Vergeltung dieser Huldigung
Gürt’ ich dich mit dem tapfern Schwert von York.
Steh, Richard, auf als ein Plantagenet,
Steh auf, ernannt zum hohen Herzog York!
PLANTAGENET.
Wie deiner Feinde Fall sei Richards Heil,
Und wie mein Dienst gedeiht, verderbe jeder,
Der wider Eure Majestät was denkt!
ALLE.
Heil, hoher Prinz, der mächt’ge Herzog York!
SOMERSET beiseit.
Stirb, schnöder Prinz, unedler Herzog York!
GLOSTER.
Nun dient es Euer Majestät am besten,
Daß Ihr die See hinübersetzt, zur Krönung
In Frankreich; eines Königs Gegenwart
Erzeuget Liebe bei den Untertanen
Und echten Freunden und entherzt die Feinde.
KÖNIG HEINRICH.
Wenn’s Gloster sagt, geht König Heinrich schon,
Denn Freundes Rat vernichtet Feindes Drohn.
GLOSTER.
Es liegen Eure Schiffe schon bereit.

Alle ab außer Exeter.

EXETER.
Ja, ziehn wir nur in England oder Frankreich,
Nicht sehend, was hieraus erfolgen muß:
[538] Die jüngst erwachsne Zwietracht dieser Pairs
Brennt unter Aschen der verstellten Liebe
Und wird zuletzt in Flammen brechen aus.
Wie erst ein eiternd Glied allmählich fault,
Bis Bein und Fleisch und Sehnen fallen ab,
So wird die tück’sche Zwietracht um sich fressen,
Und nun fürcht’ ich die schlimme Weissagung,
Die in dem Munde jedes Säuglings war
In Heinrichs Tagen, zubenamt der Fünfte:
»Heinrich aus Monmouth bauet alles auf,
Heinrich aus Windsor büßet alles ein.«
Dies ist so klar, daß Exeter nur wünscht,
Sein Leben ende vor der Unglückszeit.

Ab.
Zweite Szene

[538] Frankreich. Vor Rouen.

Die Pucelle tritt verkleidet auf, mit Soldaten, wie Landleute gekleidet, mit Säcken auf den Rücken.

PUCELLE.

Dies ist das Stadttor, von Rouen das Tor,
Das unsre Schlauigkeit erbrechen muß.
Gebt Achtung, wie ihr eure Worte stellt,
Sprecht wie Marktleute von gemeinem Schlag,
Die Geld zu lösen kommen für ihr Korn.
Wenn man uns einläßt, wie ich sicher hoffe,
Und wir nur schwach die träge Wache finden,
So meld’ ich’s durch ein Zeichen unsern Freunden,
Daß Karl, der Dauphin, einen Angriff wage.
ERSTER SOLDAT.
Der Plunder soll die Stadt uns plündern helfen,
Uns Herrn und Meister machen in Rouen.
Drum laßt uns klopfen.

Er klopft an.

WACHE drinnen.
Qui est là?
PUCELLE.
Paysans, pauvres gens de France;
Marktleute, die ihr Korn verkaufen wollen.
WACHE.
Geht nur hinein, die Markt-Glock’ hat geläutet.

Er öffnet das Tor.

[539] PUCELLE.
Wohlauf, Rouen, nun stürz’ ich deine Feste.

Die Pucelle und ihre Leute gehen in die Stadt.

Karl. Bastard von Orleans, Alençon und Truppen.

KARL.
Sankt Dionys, gesegne diese Kriegslist!
Wir schlafen nochmals sicher in Rouen.
BASTARD.
Hier ging Pucelle hinein mit ihren Helfern;
Doch, nun sie dort ist, wie bezeichnet sie
Den sichersten und besten Weg hinein?
ALENÇON.
Vom Turm dort steckt sie eine Fackel auf,
Die, wahrgenommen, ihre Meinung zeigt,
Der Weg, wo sie hinein kam, sei der schwächste.

Die Pucelle erscheint auf einer Zinne und hält eine brennende Fackel empor.

PUCELLE.
Schaut auf, dies ist die frohe Hochzeitsfackel,
Die ihrem Landesvolk Rouen vermählt,
Doch tödlich brennend für die Talbotisten.
BASTARD.
Sieh, edler Karl! Die Fackel, das Signal
Von unsrer Freundin, steht auf jenem Turm.
KARL.
Nun strahle sie wie ein Komet der Rache,
Wie ein Prophet von unsrer Feinde Fall!
ALENÇON.
Kein Zeitverlust! denn Zögern bringt Gefahr!
Hinein und schreit: der Dauphin! alsobald
Und räumet dann die Wachen aus dem Weg.

Sie dringen ein.

Getümmel. Talbot kommt mit einigen Englischen.

TALBOT.
Frankreich, mit Tränen sollst du mir dies büßen,
Wenn Talbot den Verrat nur überlebt.
Die Hexe, die verfluchte Zauberin,
Stellt unversehns dies Höllen-Unheil an,
Daß wir dem Stolze Frankreichs kaum entrinnen.

Sie gehen ab in die Stadt.

Getümmel, Ausfälle. Aus der Stadt kommen Bedford, der krank in einem Stuhle hereingetragen wird, mit Talbot, Burgund und, den englischen Truppen. Dann erscheinen auf den Mauern die Pucelle, Karl,
der Bastard, Alençon und andre.

[540] PUCELLE.
Guten Morgen, Brave! Braucht ihr Korn zum Brot?
Der Herzog von Burgund wird fasten, denk’ ich,
Eh’ er zu solchem Preise wieder kauft.
Es war voll Trespe: liebt Ihr den Geschmack?
BURGUND.
Ja, höhne, böser Feind! Schamlose Buhle!
Bald hoff’ ich dich im eignen zu ersticken,
Daß du die Ernte dieses Korns verfluchst.
KARL.
Eu’r Hoheit könnte wohl zuvor verhungern.
BEDFORD.
Oh, nicht mit Worten, nehmt mit Taten Rache!
PUCELLE.
Was wollt Ihr, alter Graubart? Mit dem Tod
Im Lehnstuhl auf ein Lanzenbrechen rennen?
TALBOT.
Dämon von Frankreich, aller Greuel Hexe,
Von deinen üpp’gen Buhlern eingefaßt!
Steht es dir an, sein tapfres Alter höhnen
Und den halbtoten Mann mit Feigheit zwacken?
Ich muß noch einmal, Dirnchen, mit Euch dran,
Sonst komme Talbot um in seiner Schmach!
PUCELLE.
Seid Ihr so hitzig, Herr? Doch still, Pucelle!
Denn donnert Talbot nur, so folgt auch Regen.
Talbot und die andern beratschlagen sich.

Gott helf’ dem Parlament! Wer soll der Sprecher sein?
TALBOT.
Wagt ihr euch wider uns ins Feld hinaus?
PUCELLE.
Es scheint, der gnäd’ge Lord hält uns für Narr’n,
Daß wir uns noch bequemten auszumachen,
Ob unser Eignes unser ist, ob nicht.
TALBOT.
Ich sag’ es nicht der schmäh’nden Hekate,
Dir sag’ ich’s und den andern, Alençon:
Kommt ihr und fechtet’s wie Soldaten aus?
ALENÇON.
Nein, Signor.
TALBOT.
So hängt, Signor! Ihr Maultiertreiber Frankreichs!
Wie Bauerknechte hüten sie die Mauern
Und dürfen nicht wie Edelleute fechten.
PUCELLE.
Hauptleute, fort! Verlassen wir die Mauern,
Denn Talbot meint nichts Gut’s nach seinen Blicken.
Gott grüß’ Euch, Lord, wir wollten Euch nur sagen,
Wir wären hier.

Die Pucelle mit ‘den übrigen von den Mauern ab.
[541] TALBOT.
Wir wollen auch dort sein in kurzer Zeit,
Sonst werde Schande Talbots größter Ruhm.
Schwör’ mir, Burgund, bei deines Hauses Ehre,
Gereizt durch Unrecht, so dir Frankreich tat,
Du woll’st die Stadt erobern oder sterben;
Und ich, so wahr als Englands Heinrich lebt
Und als sein Vater hier Erob’rer war,
So wahr in dieser jüngst verratnen Stadt
Held Löwenherzens Herz begraben ward,
Will ich die Stadt erobern oder sterben.
BURGUND.
Mein Schwur ist deines Schwures Mitgenoß.
TALBOT.
Doch eh’ wir gehn, sorgt für ein sterbend Haupt,
Den tapfern Herzog Bedford. – Kommt, Mylord,
Wir wollen einen bessern Platz Euch schaffen,
Für Krankheit schicklicher und mürbes Alter.
BEDFORD.
Lord Talbot, nein, entehret mich nicht so;
Hier will ich sitzen vor den Mauern von Rouen,
Teilnehmer Eures Wohles oder Wehs.
BURGUND.
Beherzter Bedford, laßt uns Euch bereden.
BEDFORD.
Nur nicht von hier zu gehn; ich las einmal:
Der starke Pendragon kam in der Sänfte
Krank in das Feld und überwand den Feind.
So möcht’ ich der Soldaten Herz beleben,
Denn immer fand ich sie so wie mich selbst.
TALBOT.
Entschloßner Geist in der erstorbnen Brust!
So sei’s denn; schütze Gott den alten Bedford!
Nun ohne weitres, wackerer Burgund,
Ziehn wir sogleich zusammen unsre Macht
Und fallen auf den prahlerischen Feind.

Burgund, Talbot und ihre Truppen ab, indem sie Bedford und andre zurücklassen.

Getümmel, Angriffe. Sir John Fastolfe und ein Hauptmann kommen.

HAUPTMANN.
So eilig, Sir John Fastolfe! Wo hinaus?
FASTOLFE.
Nun, wo hinaus? Mich durch die Flucht zu retten,
Wir werden wiederum geworfen werden.
HAUPTMANN.
Was? Flieht Ihr und verlaßt Lord Talbot?
[542] FASTOLFE.
Ja,
Alle Talbots in der Welt, um mich zu retten.

Ab.

HAUPTMANN.
Verzagter Ritter! Unglück folge dir!

Ab.

Rückzug. Angriffe. Aus der Stadt kommen die Pucelle, Alençon, Karl u.s.w. und gehen fliehend ab.

BEDFORD.
Nun, stille Seele, scheide, wann Gott will,
Denn unsre Feinde sah ich hingestürzt.
Wo ist des Menschen Zuversicht und Kraft?
Sie, die sich jüngst erdreistet mit Gespött,
Sind gerne froh, sich durch die Flucht zu retten.

Er stirbt und wird in seinem Lehnstuhl weggetragen.

Getümmel. Talbot, Burgund und andre treten auf.

TALBOT.
In einem Tag verloren und gewonnen!
Gedoppelt ist die Ehre nun, Burgund;
Doch sei dem Himmel Preis für diesen Sieg!
BURGUND.
Sieghafter Krieger Talbot! Dein Burgund
Weiht dir sein Herz zum Schrein und baut ein Denkmal
Des Heldenmuts aus deinen Taten da.
TALBOT.
Dank, edler Herzog. Doch, wo ist Pucelle?
Ich denk’, ihr alter Hausgeist fiel in Schlaf.
Wo ist des Bastards Prahlen? Karls Gespött?
Wie? Alle tot? Es hängt Rouen den Kopf
Vor Gram, daß solche tapfre Schar geflohn.
Nun laßt uns Ordnung schaffen in der Stadt
Und setzen drein erfahrne Offiziere;
Dann nach Paris, zum König; denn es liegt
Der junge Heinrich da mit seinen Großen.
BURGUND.
Was Talbot will, das hält Burgund genehm.
TALBOT.
Jedoch laßt, eh’ wir gehn, uns nicht vergessen
Den jüngst verschiednen edlen Herzog Bedford,
Und sehn wir sein Begräbnis hier vollbracht.
Kein braverer Soldat schwang je die Lanze,
Kein mildres Herz regierte je am Hof.
Doch sterben müssen Kön’ge, noch so groß;
So endet sich elender Menschen Los.

Alle ab.
Dritte Szene

[543] Die benachbarten Ebnen bei Rouen.

Karl, der Bastard, Alençon, die Pucelle treten auf mit Truppen.

PUCELLE.

Verzagt nicht, Prinzen, über diesen Zufall
Und grämt euch nicht, daß sie Rouen genommen;
Denn Sorge wehrt nicht, sie versehrt und zehrt
Um Dinge, die nicht abzustellen sind.
Der tolle Talbot siegprang’ eine Weil’
Und spreize wie ein Pfau sich mit dem Schweif:
Wir rupfen ihn und kürzen ihm die Schleppe,
Läßt Dauphin samt den andern nur sich raten.
KARL.
Wir folgten deiner Leitung bis hieher
Und hegten Mißtraun nicht in deine Kunst;
Ein schneller Unfall soll nie Argwohn zeugen.
BASTARD.
Such’ deinen Witz durch nach geheimen Listen,
Und ruhmvoll machen wir dich aller Welt.
ALENÇON.
Wir stell’n dein Bildnis an geweihte Plätze
Und beten dich wie eine Heil’ge an.
Bemüh’ dich, holde Jungfrau, denn für uns!
PUCELLE.
So sei es also, dies ist Jeannes Plan:
Durch Überredungen mit Honigworten
Verstricken wir den Herzog von Burgund,
Den Talbot zu verlassen, uns zu folgen.
KARL.
Ei ja, mein Herz! Wenn wir das könnten, wäre
Frankreich kein Platz für Heinrichs Krieger mehr,
Noch sollte die Nation so mit uns prahlen,
Vielmehr vertilgt aus unsern Landen sein.
ALENÇON.
Für immer wären sie verbannt aus Frankreich
Und führten keiner Grafschaft Titel hier.
PUCELLE.
Ihr sollt schon sehn, wie ich es machen will,
Die Sache zum gewünschten Schluß zu bringen.

Man hört Trommeln.

Horcht! An dem Trommelschlag ist abzunehmen,
Daß ihre Truppen sich Paris-wärts ziehn.

Ein englischer Marsch. In der Entfernung zieht Talhot mit seinen Truppen vorüber.

[544] Da geht der Talbot, fliegend seine Fahnen,
Und alle Scharen Englischer nach ihm.

Ein französischer Marsch. Der Herzog von Burgund
mit seinen Truppen.

Nun kommt Burgund im Nachtrab und sein Volk,
Das Glück ließ günstig ihn dahinten weilen.
Man lad’ ihn ein: wir wollen mit ihm reden.

Eine Trompete bläst die Einladung zur Unterredung.

KARL.
Auf ein Gespräch mit Herzog von Burgund!
BURGUND.
Wer fodert ein Gespräch mit dem Burgund?
PUCELLE.
Dein Landsmann, Frankreichs königlicher Karl.
BURGUND.
Was sagst du, Karl? Denn ich muß weiterziehn.
KARL.
Pucelle, sprich! Bezaubre ihn mit Worten!
PUCELLE.
Du Frankreichs Hoffnung, wackerer Burgund!
Laß deine Magd in Demut mit dir reden.
BURGUND.
So sprich, doch mach’s nicht übermäßig lang.
PUCELLE.
Blick’ auf dein fruchtbar Vaterland, dein Frankreich,
Und sieh die Städt’ und Wohnungen entstellt
Durch die Verheerung eines wilden Feinds.
So wie die Mutter auf ihr Kindlein blickt,
Wenn Tod die zartgebrochnen Augen schließt,
So sieh, sieh Frankreichs schmachtendes Erkranken;
Die Wunden schau, die Wunden, unnatürlich,
Die ihrer bangen Brust du selbst versetzt!
O kehr’ dein schneidend Schwert wo anders hin,
Triff, wer verletzt, verletz’ nicht den, der hilft!
Ein Tropfe Blut aus deines Landes Busen
Muß mehr dich reun als Ströme fremden Bluts;
Drum kehr’ zurück mit einer Flut von Tränen
Und wasche deines Landes Flecken weg.
BURGUND.
Entweder hat sie mich behext mit Worten,
Oder mit eins erweicht mich die Natur.
PUCELLE.
Auch schreien alle Franken über dich,
Geburt und echte Herkunft dir bezweifelnd.
An wen gerietst du als ein herrisch Volk,
Daß dir nicht traun mag, als Gewinnes halb?
[545] Wenn Talbot einmal Fuß gefaßt in Frankreich
Und zu des Übels Werkzeug dich gemodelt,
Wer außer Englands Heinrich wird dann Herr,
Und du hinausgestoßen als ein Flüchtling?
Ruf dir zurück und merk’ nur dies zur Probe.
War nicht der Herzog Orleans dein Feind?
Und war er nicht in England Kriegsgefangner?
Allein, als sie gehört, er sei dein Feind,
So gaben sie ihn ohne Lösung frei,
Burgund zum Trotz und allen seinen Freunden.
So sieh dann! Wider deine Landsgenossen
Kämpfst du mit denen, die dich morden werden.
Komm, kehre heim! Kehr’ heim, verirrter Fürst!
Karl und die andern werden dich umarmen.
BURGUND.
Ich bin besiegt; dies’ ihre hohen Worte
Zermalmen mich wie brüllendes Geschütz,
Daß ich auf meinen Knie’n mich fast ergebe. –
Verzeiht mir, Vaterland und Landsgenossen!
Und, Herrn, empfangt die herzliche Umarmung.
All meine Macht und Scharen Volks sind euer;
Talbot, leb wohl! Ich trau’ dir länger nicht.
PUCELLE.
Wie ein Franzos: gewandt und umgewandt!
KARL.
Heil, braver Herzog! Uns belebt dein Bund.
BASTARD.
Und zeuget neuen Mut in unsrer Brust.
ALENÇON.
Pucelle hat ihre Rolle brav gespielt
Und eine goldne Krone dran verdient.
KARL.
Nun weiter, Lords; vereinen wir die Truppen
Und sehn, wie wir dem Feinde Schaden tun!
Alle ab.
Vierte Szene

[545] Paris. Ein Saal im Palast.

König Heinrich. Gloster und andre Lords; Vernon, Basset u.s.w. Zu ihnen Talbot und einige von seinen Offizieren.

TALBOT.

Mein gnäd’ger Fürst und ehrenwerte Pairs,
Von eurer Ankunft hier im Reiche hörend,
[546] Ließ ich ein Weilchen meine Waffen ruhn,
Um meinem Oberherrn die Pflicht zu leisten.
Zum Zeichen des senkt dieser Arm (der Euch
An funfzig Festen zum Gehorsam rief,
Zwölf Städte, sieben Mau’r-umgebne Flecken,
Benebst fünfhundert achtbaren Gefangnen)
Sein Schwert vor Euer Hoheit Füßen nieder;
Und, mit des Herzens untertän’ger Treu’,
Schreib’ ich den Ruhm gelungener Erob’rung
Erst meinem Gott, dann Euer Hoheit zu.
KÖNIG HEINRICH.
Ist dieses der Lord Talbot, Oheim Gloster,
Der sich so lang’ in Frankreich aufgehalten?
GLOSTER.
Zu Euer Majestät Befehl, mein Fürst.
KÖNIG HEINRICH.
Willkommen, braver Kriegshauptmann und Held!
Als ich noch jung war (zwar auch jetzt nicht alt),
Erinnr’ ich mich, wie mir mein Vater sagte,
Kein beßrer Streiter führte je das Schwert.
Seit lange war uns Eure Treu’ bekannt,
Eu’r redlich Dienen, Eure Kriegsbeschwer;
Doch habt Ihr nimmer unsern Lohn geschmeckt,
Noch selber Dank ist Euch erboten worden,
Weil wir bis jetzt nie Euer Antlitz sahn.
Deshalb steht auf, und für so viel Verdienst
Seid hier ernannt zum Grafen Shrewsbury
Und nehmt bei unsrer Krönung Euern Platz.

König Heinrich, Gloster, Talbot und Lords ab.

VERNON.
Nun, Herr, der Ihr so hitzig wart zur See,
Beschimpfend diese Farben, die ich trage
Zu Ehren meinem edlen Lord von York:
Darfst du die vor’gen Worte noch behaupten?
BASSET.
Ja, Herr; so wohl als Ihr verteid’gen dürft
Der unverschämten Zunge boshaft Bellen
Auf meinen Lord, den Herzog Somerset.
VERNON.
Ha, deinen Lord ehr’ ich so, wie er ist.
BASSET.
Nun, und wie ist er denn? So gut wie York.
VERNON.
Hört Ihr, nicht so! Zum Zeichen nehmt Ihr das!

Schlägt ihn.

[547] BASSET.
Du weißt es, Schurk’, das Waffenrecht ist so,
Daß, wer den Degen zieht, des Todes stirbt;
Sonst zapfte dieser Schlag dein Herzblut an.
Allein ich will zu Seiner Majestät
Und bitt’ um Freiheit, diese Schmach zu rächen:
Sieh zu, dann treff’ ich dich zu deinem Schaden.
VERNON.
Verworfner, ich bin dort so bald wie Ihr
Und treffe dann Euch bälder, als Ihr wünscht.

Beide ab.
Erste Szene

[548] Paris. Ein Audienz-Saal.

König Heinrich, Gloster, Exeter, York, Suffolk, Somerset, Winchester, Warwick, Talbot, der Statthalter von Paris und andre.

GLOSTER.

Herr Bischof, setzt die Kron’ ihm auf sein Haupt.
WINCHESTER.
Heil König Heinrich, sechstem dieses Namens!
GLOSTER.
Nun tut den Eid, Statthalter von Paris:

Der Statthalter kniet.

Ihr wollet keinen andern König kiesen,
Nur seine Freunde für die Euern achten,
Für Feinde nur, die auf sein Regiment
Es mit boshaften Ränken angelegt;
Dies sollt Ihr tun, so Gott Euch helfen möge!

Der Statthalter und sein Gefolge ab.

Sir John Fastolfe tritt auf.
FASTOLFE.
Mein gnädigster Monarch, als von Calais
Ich eilends her zu Eurer Krönung ritt,
Ward mir ein Brief zu Handen übergeben,
Vom Herzog von Burgund an Euch gerichtet.
TALBOT.
Schand’ über Herzog von Burgund und dich!
Ich habe, schnöder Ritter, längst gelobt,
Wann ich dich wieder träf’, das Hosenband
Von deinem Memmen-Bein herab zu reißen.

Reißt es ab.

Und tu’ es nun, weil du unwürdiglich
Bekleidet wurdest mit dem hohen Rang. –
Verzeiht mir, hoher Heinrich, und die andern!
Der Feigling da, beim Treffen von Patai,
[549] Da ich sechstausend stark in allem war
Und zehn beinah’ die Franken gegen einen:
Eh’ man sich traf, eh’ noch ein Streich geschah,
Lief er davon, wie ein getreuer Knappe.
Dabei verloren wir zwölfhundert Mann;
Ich selbst und andre Edelleute wurden
Dort überfallen und zu Kriegsgefangnen.
Nun urteilt, hohe Herrn, ob ich gefehlt,
Ob solche Memmen jemals tragen sollten
Den Schmuck der Ritterschaft; ja oder nein?
GLOSTER.
Die Wahrheit zu gestehn, die Tat war schändlich
Und übel ziemend dem Gemeinsten selbst,
Vielmehr denn einem Ritter, Hauptmann, Führer.
TALBOT.
Als man den Orden erst verordnet, waren
Des Hosenbandes Ritter hochgeboren,
Tapfer und tugendhaft, voll stolzen Muts,
Die durch den Krieg zum Ansehn sich erhoben,
Den Tod nicht scheuend, noch vor Nöten zagend,
Vielmehr im Äußersten entschlossen stets.
Wer denn nicht also ausgestattet ist,
Maßt sich nur an den heil’gen Namen Ritter,
Entweihend diesen ehrenvollen Orden;
Und sollte (wär’ ich würdig, da zu richten)
Durchaus verworfen werden, wie ein Bettler,
Am Zaun geboren, welcher sich erfrecht,
Mit seinem adeligen Blut zu prahlen.
KÖNIG HEINRICH.
Schimpf deines Lands! Da hörst du deinen Spruch!
Drum pack’ dich weg, du, der ein Ritter war:
Wir bannen dich hinfort bei Todesstrafe. –

Fastolfe ab.

Und nun, Mylord Protektor, lest den Brief
Von unserm Oheim, Herzog von Burgund.
GLOSTER die Überschrift betrachtend.
Was meint er, so die Schreibart zu verändern?
Nur »an den König« schlicht und grade zu?
Hat er vergessen, wer sein Lehnsherr ist?
[550] Wie? Oder tut die grobe Überschrift
Veränderung des guten Willens kund?
Was gibt es hier?

Liest.

»Ich bin aus eignen Gründen,
Aus Mitleid über meines Lands Ruin
Samt aller derer kläglichen Beschwerden,
Die Eure Unterdrückung ausgezehrt,
Von Eurer höchst verderblichen Partei
Zu Frankreichs echtem König Karl getreten.«
O scheußlicher Verrat! Kann es denn sein,
Daß unter Freundschaft, Bündnissen und Schwüren
So falsch verstellter Trug erfunden wird?
KÖNIG HEINRICH.
Was? Fällt mein Oheim von Burgund mir ab?
GLOSTER.
Ja, gnäd’ger Herr, und ward nun Euer Feind.
KÖNIG HEINRICH.
Ist das das Schlimmste, was sein Brief enthält?
GLOSTER.
Es ist das Schlimmste, weiter schreibt er nichts.
KÖNIG HEINRICH.
Ei nun, so soll Lord Talbot mit ihm sprechen
Und Züchtigung für sein Vergehn ihm geben.
Was sagt Ihr, Mylord? Seid Ihr es zufrieden?
TALBOT.
Zufrieden, Herr? Ihr kamt mir nur zuvor,
Sonst hätt’ ich um den Auftrag Euch gebeten.
KÖNIG HEINRICH.
So sammelt Macht und zieht gleich wider ihn.
Er fühle, wie uns sein Verrat entrüstet,
Und wie gefehlt es ist, der Freunde spotten.
TALBOT.
Ich gehe, Herr, im Herzen stets begehrend,
Daß Ihr die Feinde mögt vernichtet sehn.

Ab.

Vernon und Basset treten auf.

VERNON.
Gewährt den Zweikampf mir, mein gnäd’ger Herr!
BASSET.
Und mir, mein Fürst, gewährt den Zweikampf auch!
YORK.
Dies ist mein Diener: hört ihn, edler Prinz!
SOMERSET.
Dies meiner; liebster Heinrich, sei ihm hold!
KÖNIG HEINRICH.
Seid ruhig, Lords, laßt sie zu Worte kommen;
[551] Sagt, Leute: was bewegt euch, so zu rufen?
Und warum wollt ihr Zweikampf? Und mit wem?
VERNON.
Mit ihm, mein Fürst, denn er hat mich gekränkt.
BASSET.
Und ich mit ihm, denn er hat mich gekränkt.
KÖNIG HEINRICH.
Was ist die Kränkung, über die ihr klagt?
Laßt hören, und dann geb’ ich euch Bescheid.
BASSET.
Als ich von England überfuhr nach Frankreich,
So schmähte mich mit boshaft scharfer Zunge
Der Mensch hier um die Rose, die ich trage,
Und sagte, ihrer Blätter blut’ge Farbe
Bedeute das Erröten meines Herrn,
Als er der Wahrheit starr sich widersetzt
Bei einer zwist’gen Frage in den Rechten,
Worüber Herzog York und jener stritt,
Nebst andern schimpflichen und schnöden Worten;
Zu Widerlegung welcher groben Rüge,
Und meines Herrn Verdienste zu verfechten,
Des Waffenrechtes Wohltat ich begehre.
VERNON.
Das ist auch mein Gesuch, mein edler Fürst;
Denn mag er gleich durch schlauen, feinen Vortrag
Der dreisten Absicht einen Firnis leihn:
Wißt dennoch, Herr, ich ward gereizt von ihm,
Und er nahm Anstoß erst an diesem Zeichen,
Mit solchem Ausspruch: dieser Blume Blässe
Verrate Schwäch’ im Herzen meines Herrn.
YORK.
Läßt diese Bosheit, Somerset, nicht nach?
SOMERSET.
Und Euer Groll, Mylord von York, bricht aus,
Ob Ihr ihn noch so schlau zu dämpfen sucht.
KÖNIG HEINRICH.
O Gott, wie rast der Menschen krankes Hirn,
Wenn aus so läppischem, geringem Grund
So eifrige Parteiung kann entstehn!
Ihr lieben Vettern, York und Somerset,
Beruhigt euch, ich bitt’, und haltet Frieden!
YORK.
Laßt ein Gefecht erst diesen Zwist entscheiden,
Und dann gebiete Eure Hoheit Frieden.
SOMERSET.
Der Zank geht niemand an als uns allein,
So werd’ er zwischen uns denn ausgemacht.
YORK.
Da ist mein Pfand; nimm, Somerset, es an.
[552] VERNON.
Nein, laßt es da beruhn, wo es begann.
BASSET.
Bestätigt das, mein hochgeehrter Fürst!
GLOSTER.
Bestätigt das? Verflucht sei euer Streit!
Mögt ihr und euer frech Geschwätz verderben!
Schämt ihr euch nicht, anmaßende Vasallen,
Mit unbescheidnem, lautem Ungestüm
Den König und uns alle zu verstören?
Und ihr, Mylords, mich dünkt, ihr tut nicht wohl,
Wenn ihr so duldet ihr verkehrtes Trotzen,
Viel minder, wenn ihr selbst aus ihrem Mund
Zu Händeln zwischen euch den Anlaß nehmt.
Laßt mich zu beßrer Weise euch bereden!
EXETER.
Es kränkt den König: lieben Lords, seid Freunde!
KÖNIG HEINRICH.
Kommt her, ihr, die ihr Kämpfer wolltet sein.
Hinfort befehl’ ich euch bei meiner Gunst,
Den Streit und seinen Grund ganz zu vergessen;
Und ihr, Mylords! Bedenket, wo ihr seid:
In Frankreich, unter wankelmüt’gem Volk.
Wenn sie in unsern Blicken Zwietracht sehn,
Und daß wir unter uns nicht einig sind,
Wie wird ihr grollendes Gemüt erregt
Zu starrem Ungehorsam und Empörung?
Was wird es überdies für Schande bringen,
Wenn fremde Prinzen unterrichtet sind,
Daß um ein Nichts, ein Ding von keinem Wert.
Des König Heinrichs Pairs und hoher Adel
Sich selbst zerstört und Frankreich eingebüßt?
O denkt an die Erob’rung meines Vaters,
An meine zarten Jahre; laßt uns nicht
Um Possen das, was Blut erkauft, verschleudern!
Laßt mich der streit’gen Sache Schiedsmann sein.
Ich seh’ nicht, wenn ich diese Rose trage,

indem er eine rote Rose ansteckt

Weswegen irgendwer argwöhnen sollte,
Ich sei geneigter Somerset als York.
Sie sind verwandt mir, und ich liebe beide;
[553] Man kann so gut an mir die Krone rügen,
Weil ja der Schotten König eine trägt.
Doch eure Weisheit kann euch mehr bereden,
Als ich zur Lehr’ und Mahnung fähig bin:
Und drum, wie wir in Frieden hergekommen,
So laßt uns stets in Fried’ und Freundschaft bleiben.
Mein Vetter York, in diesem Teil von Frankreich
Bestallen wir für uns Euch zum Regenten;
Und, lieber Herzog Somerset, vereint
Mit seinem Heer zu Fuß die Reiterscharen.
Wie echte Untertanen, Söhne eurer Ahnherrn,
Geht freudiglich zusammen und ergießt
Die zorn’ge Galle wider eure Feinde.
Wir selbst, Mylord Protektor, und die andern
Gehn nach Calais zurück nach ein’ger Rast;
Von da nach England, wo ich hoff’, in kurzem
Durch eure Siege vorgeführt zu sehn
Karl, Alençon und die Verräterbande.
Trompetenstoß.

König Heinrich, Gloster, Somerset, Winchester, Suffolk und Basset ab.

WARWICK.
Mylord von York, der König, auf mein Wort,
Hat artig seine Rednerkunst gezeigt.
YORK.
Das tat er auch; jedoch gefällt’s mir nicht,
Daß er von Somerset das Zeichen trägt.
WARWICK.
Pah! Das war nur ein Einfall, scheltet’s nicht:
Der holde Prinz, ich wett’, er meint kein Arges.
YORK.
Und wenn ich’s wüßte, – doch das mag beruhn,
Zu führen gibt’s nun andere Geschäfte.

York, Warwick und Vernon ab.

EXETER.
Gut, Richard, daß du deine Stimm’ erstickt!
Denn, bräch’ die Leidenschaft des Herzens aus,
So fürcht’ ich, sähen wir daselbst entziffert
Mehr bittern Groll, mehr tobend wilde Wut,
Als noch sich denken und vermuten läßt.
Doch, wie es sei, der schlichteste Verstand,
Der die Mißhelligkeit des Adels sieht,
[554] Wie einer stets den andern drängt am Hof,
Und ihrer Diener heftige Parteiung,
Muß einen übeln Ausgang prophezein.
Schlimm ist’s, wenn Kindeshand den Szepter führt;
Doch mehr, wenn Neid erzeugt gehäss’ge Irrung:
Da kommt der Umsturz, da beginnt Verwirrung.

Ab.
Zweite Szene

[554] Vor Bourdeaux.

Talbot tritt auf mit seinen Truppen.

TALBOT.

Geh zu den Toren von Bourdeaux, Trompeter,
Lad’ auf die Mauer ihren Feldhauptmann.

Eine Trompete bläst die Einladung zur Unterredung.

Auf den Mauern erscheint der Befehlshaber der französischen Truppen und andre.

Der Englische John Talbot ruft euch her,
Heinrichs von England Diener in den Waffen;
Und dieses will er: Öffnet eure Tore,
Demütigt euch, nennt meinen König euren,
Und huldigt ihm wie treue Untertanen.
So zieh’ ich fort mit meiner blut’gen Macht.
Doch seht ihr sauer dem erbotnen Frieden,
So reizt zur Wut ihr meine drei Begleiter,
Vierteilend Schwert, wild Feuer, hohlen Hunger,
Die eure Türme, so den Lüften trotzen,
Im Augenblick dem Boden machen gleich,
Wenn ihr den Antrag ihrer Huld versäumt.
BEFEHLSHABER.
Du ahndungsvoller, grauser Todesvogel,
Schreck unsrer Nation und blut’ge Geißel!
Es naht das Ende deiner Tyrannei.
Du dringst zu uns nicht ein, als durch den Tod:
Denn, ich beteur’ es, wir sind wohl verschanzt
Und stark genug, zu Kämpfen auszufallen;
Ziehst du zurück, so steht bereit der Dauphin,
Dich mit des Krieges Schlingen zu verstricken.
[555] Gelagert sind Geschwader rechts und links,
Dir zu der Flucht die Freiheit zu vermauern;
Du kannst dich nirgends hin um Hülfe wenden,
Wo nicht der Tod mit Untergang dir droht
Und bleich Verderben dir die Stirne bietet.
Zehntausend Franken woll’n, und nahmen drauf
Das Sakrament, ihr tödliches Geschütz
Auf keine Christenseel’ als Talbot sprengen.
Sieh! Dort noch stehst und atmest du, ein Mann
Von unbesiegbar’m, unbezwungnem Geist:
Dies ist die letzte Glorie deines Preises,
Mit welcher ich, dein Feind, dich noch begabe;
Denn eh’ das Glas, das jetzt beginnt zu rinnen,
Den Fortgang seiner sand’gen Stunde schließt,
Wird dieses Aug’, das wohlgefärbt dich sieht,
Dich welk erblicken, blutig, bleich und tot.

Man hört Trommeln in der Ferne.

Horch! Horch!
Des Dauphins Trommel, eine Warnungsglocke,
Spielt deiner bangen Seele Trau’rmusik,
Und meine läute dir zum grausen Abschied.

Der Befehlshaber und Gefolge ab von der Mauer.

TALBOT.
Er fabelt nicht, ich höre schon den Feind. –
Auf, leichte Reiter! Späht um unsre Flanken. –
O lässige, saumsel’ge Kriegeszucht!
Wie sind wir eingehegt und rings umzäunt,
Ein kleiner Rudel scheues Wild aus England,
Von Kuppeln fränk’scher Hunde angeklafft!
Sind wir denn englisch Wild, so seid voll Muts,
Fallt nicht auf einen Biß, Schmaltieren gleich,
Kehrt wie verzweifelnde tollkühne Hirsche
Gestählte Stirnen auf die blut’gen Hunde,
Daß aus der Fern’ die Feigen bellend stehn.
Verkauft sein Leben jeglicher wie ich,
So finden sie ein teures Wild an uns.
Gott und Sankt George! Talbot und Englands Recht
Bring’ unsern Fahnen Glück in dem Gefecht!

Ab.
Dritte Szene

[556] Ebne in Gascogne.

York tritt auf mit Truppen, zu ihm ein Bote.

YORK.

Sind nicht die hurt’gen Späher wieder da,
Die nachgespürt dem mächt’gen Heer des Dauphin?
BOTE.
Sie sind zurück, Mylord, und geben an,
Er sei gezogen nach Bourdeaux mit Macht,
Zum Kampf mit Talbot; wie er zog entlang,
Entdeckten Eure Späher zwei Geschwader,
Noch mächtiger als die der Dauphin führte,
Die nach Bourdeaux, vereint mit ihm, sich wandten.
YORK.
Verflucht sei doch der Schurke Somerset,
Der mein versprochnes Hülfswerk so verzögert
Von Reiterei, geworben zur Belag’rung.
Der große Talbot wartet meiner Hülfe,
Und mich betölpelt ein Verräterbube,
Daß ich nicht beistehn kann dem edlen Ritter.
Gott helf’ ihm in den Nöten! Geht er unter,
Dann alle Krieg’ in Frankreich, fahret wohl!
Sir William Lucy tritt auf.

LUCY.
Du fürstlich Haupt der englischen Gewalt,
Der nie so nötig war auf Frankreichs Boden,
Hin sporne zu des edlen Talbots Rettung,
Den Eisenbande jetzt umgürtet haben
Und grimmiges Verderben eingeengt.
Auf, mut’ger Herzog, nach Bourdeaux! Auf, York!
Leb wohl sonst, Talbot, Frankreich, Englands Ehre!
YORK.
O Gott! Wär’ Somerset, der, stolzen Herzens,
Mir die Schwadronen hält, an Talbots Stelle:
So würd’ ein tapfrer Edelmann gerettet,
Ein Feigling und Verräter dran gewagt.
Daß wir so sterben, zwingt mich Wut zu weinen,
Indes Verräter träg zu schlafen scheinen.
LUCY.
O sendet Hülfe dem bedrängten Lord!
YORK.
Er stirbt, wir fall’n; ich brach mein krieg’risch Wort:
[557] Wir trauern, Frankreich lacht; wir fall’n, sie steigen
Durch Somersets verrät’risches Bezeigen.
LUCY.
Erbarm’ sich Gott dann Talbots wackrer Seele
Und seines Sohnes John, den vor zwei Stunden
Ich auf der Reise traf zu seinem Vater!
Die sich in sieben Jahren nicht gesehn,
Sie treffen sich: da ist’s um sie geschehn.
YORK.
Ach, was für Lust denkt Ihr, daß Talbot habe,
Da er den Sohn willkommen heißt zum Grabe?
Fort! Jammer würgt mich, daß die Todesstund’
Erneuern muß getrennter Freunde Bund.
Lucy, leb wohl! Ich weiß nun keinen Rat,
Als den verfluchen, der den Schaden tat.
Maine, Blois, Poitiers und Tours sind alle hin:
Des Falschen Zögern schaffte den Gewinn.

Ab.

LUCY.
So, weil der Geier der Empörung nagt
Am Busen solcher mächtigen Gebieter,
Beut schlafende Versäumnis dem Verlust
Des kaum erkalteten Erob’rers Werk,
Des Manns von ewig lebendem Gedächtnis,
Heinrich des Fünften: weil sie sich zuwider,
Stürzt Leben, Ehre, Land und alles nieder.

Ab.
Vierte Szene

[557] Eine andre Gegend in Gascogne.

Somerset mit seinen Truppen tritt auf, mit ihm ein Offizier von Talbots Heer.

SOMERSET.

Es ist zu spät, ich kann sie nun nicht senden.
Dies Unternehmen legten York und Talbot
Zu vorschnell an; mit unsrer ganzen Macht
Nahm’s wohl ein Ausfall aus der Stadt allein
Genugsam auf: der zu vermeßne Talbot
Hat allen vor’gen Ruhmesglanz befleckt
Durch dies verzweifelt wilde Abenteuer.
York trieb ihn an, im Kampf mit Schmach zu sterben,
Weil er nach Talbots Tod den Ruhm will erben.
[558] OFFIZIER.
Hier ist Sir William Lucy, der mit mir
Um Hülfe das bedrängte Heer verlassen.

Sir William Lucy tritt auf.

SOMERSET.
Wie steht’s, Sir William? Wer hat Euch gesandt?
LUCY.
Wer? Der verratne und verkaufte Talbot,
Der, rings bedrängt vom kühnen Mißgeschick,
Anruft den edlen York und Somerset,
Von seinen schwachen Legionen ihm
Den Tod, der sie bestürmt, zurückzuschlagen.
Und weil der ehrenwerte Feldherr dort
Aus kampferschöpften Gliedern blutig schwitzt
Und, klug sich haltend, aus nach Rettung sieht,
So steht ihr beide, seine falsche Hoffnung,
Die Zuversicht von Englands Ehre, fern,
Bloß aus unwürd’ger Nebenbuhlerei.
Laßt euren Zwist die schon geworbne Macht
Nicht vorenthalten, die ihm helfen sollte,
Weil der berühmte edle Lord sein Leben
Dahingibt einer Welt von Übermacht:
Von Orleans der Bastard, Karl, Burgund,
Alençon, Reignier schließen rings ihn ein,
Und Talbot geht zu Grund durch eure Schuld.
SOMERSET.
York trieb ihn an, York mußt’ ihm Hülfe senden.
LUCY.
York schreit nicht minder wider Euer Gnaden
Und schwört, Ihr haltet sein geworbnes Heer,
Zu diesem Zug versammelt, ihm zurück.
SOMERSET.
York lügt; er konnte schicken und die Reiter haben.
Ich bin ihm wenig Dienst und Liebe schuldig
Und acht’ es Schimpf, sie kriechend selbst zu senden.
LUCY.
Der englische Betrug, nicht Frankreichs Macht
Bestrickt den edelmüt’gen Talbot jetzt.
Er kehrt nach England lebend nie zurück,
Er stirbt: eu’r Zwist verriet ihn bösem Glück.
SOMERSET.
So kommt, ich sende stracks die Reiter ab,
Und in sechs Stunden sind sie ihm zu Dienst.
LUCY.
Zu spät! Er ward gefangen oder fiel,
[559] Denn fliehen konnt’ er nicht, auch wenn er wollte,
Und, konnt’ er’s gleich, nie wollte Talbot fliehn.
SOMERSET.
Und ist er tot, fahr’ wohl denn, wackrer Held!
LUCY.
Euch bleibt die Schmach, sein Ruhm lebt in der Welt.

Alle ab.
Fünfte Szene

[559] Das englische Lager bei Bourdeaux.

Talbot und sein Sohn John treten auf.

TALBOT.

O John, mein Sohn! Ich sandte nach dir aus,
Dich in des Krieges Künsten zu belehren,
Daß Talbots Name leben möcht’ in dir,
Wenn kraftlos Alter, unbeholfne Glieder
Im Armstuhl deinen Vater hielten fest.
Doch, – o mißgünst’ge, unglücksschwangre Sterne! –
Zu einem Fest des Todes kommst du nun,
Zu schrecklich unvermeidlicher Gefahr.
Drum, liebes Kind, besteig’ mein schnellstes Roß,
Ich will dir zeigen, wie du kannst entkommen
Durch rasche Flucht: komm, zaudre nicht, und fort!
JOHN.
Heiß’ ich denn Talbot? Bin ich Euer Sohn?
Und soll ich fliehn? Oh, liebt Ihr meine Mutter,
So schmäht nicht ihren ehrenwerten Namen,
Indem Ihr mich zum Knecht und Bastard macht.
Von niemand wird für Talbots Blut erkannt,
Der schnöde floh, wo Talbot wacker stand.
TALBOT.
Flieh’, wenn ich falle, meinen Tod zu rächen.
JOHN.
Wer so entflieht, hält nimmer sein Versprechen.
TALBOT.
Wenn beide bleiben, sterben beide hier.
JOHN.
So laßt mich bleiben; Vater, fliehet Ihr,
An Euch hängt viel, so solltet Ihr Euch schätzen;
Mein Wert ist unbekannt, leicht zu ersetzen.
Mit meinem Tod kann nicht der Franke prahlen,
Nach Eurem wird uns keine Hoffnung strahlen.
Euch raubt erworbene Ehre nicht die Flucht,
Die meine wohl, der ich noch nichts versucht.
[560] In Eurem Fliehn wird jeder Klugheit sehn;
Weich’ ich, so heißt’s, es sei aus Furcht geschehn.
Wer hofft wohl, daß ich jemals halte stand,
Wenn ich die erste Stunde fortgerannt?
Hier auf den Knie’n bitt’ ich um Sterblichkeit
Statt Leben, das durch Schande nur gedeiht.
TALBOT.
Ein Grab soll fassen deiner Mutter Los?
JOHN.
Ja, eh’ ich schände meiner Mutter Schoß.
TALBOT.
Bei meinem Segen heiß’ ich fort dich ziehn.
JOHN.
Zum Fechten will ich’s, nicht den Feind zu fliehn.
TALBOT.
Du schonst vom Vater einen Teil in dir.
JOHN.
Kein Teil, der nicht zur Schande würd’ in mir.
TALBOT.
Ruhm war nie dein: du kannst ihn nicht verlieren.
JOHN.
Ja, Euer Name: soll ihn Flucht mißzieren?
TALBOT.
Des Vaters Wort macht von dem Fleck dich rein.
JOHN.
Erschlagen, könnt Ihr nicht mein Zeuge sein;
Fliehn beide wir, wenn Tod so sicher droht!
TALBOT.
Und lassen hier mein Volk zu Kampf und Tod?
Nie konnte Schmach mein Alter so beflecken.
JOHN.
Und meine Jugend soll in Schuld sich stecken?
Ich kann nicht mehr von Eurer Seite scheiden,
Als Ihr in Euch Zerteilung könnt erleiden.
Bleibt, geht, tut, was Ihr wollt, ich tu’ es eben;
Denn, wenn mein Vater stirbt, will ich nicht leben.
TALBOT.
So nehm’ ich hier denn Abschied, holder Sohn,
Geboren, diesen Tag zu sterben schon.
Komm! Miteinander laß uns stehn und fallen,
Und Seel’ mit Seele soll gen Himmel wallen.

Beide ab.
Sechste Szene

[560] Ein Schlachtfeld.

Getümmel. Angriffe, worin Talbots Sohn umzingelt und von Talbot gerettet wird.

TALBOT.

Sankt George und Sieg! Kämpft, ihr Soldaten, kämpft!
Es brach dem Talbot der Regent sein Wort,
[561] Uns liefernd an des Frankenschwertes Mord.
Wo ist John Talbot? Ruh’ und schöpfe Odem!
Ich gab dir Leben, riß dich von den Toten.
JOHN.
Zweimal mein Vater! Zweimal ich dein Sohn!
Das erst verlieh’ne Leben war entflohn,
Als, dem Geschick zum Trotz, dein tapfres Schwert
Ein neues Zeitmaß meiner Bahn gewährt.
TALBOT.
Als du vom Helm des Dauphin Feu’r geschlagen,
Ward deines Vaters Herz emporgetragen
Von stolzer Siegsbegier. Mein träges Blut
Belebte Jugendhitz’ und Kämpferwut;
Alençon, Orleans, Burgund schlug ich
Und rettete von Galliens Stolze dich.
Den grimm’gen Bastard Orleans, der dir
Blut abließ und die jüngferliche Zier
Gewann von deinen Waffen, traf ich bald,
Und, Streiche wechselnd, ich es ihm vergalt
An seinem Bastard-Blut; und solche Rede
Gab ich ihm höhnend: »Dies verworfne, schnöde
Und mißerzeugte Blut sei hier vergossen,
Für mein so reines Blut, das erst geflossen,
Das meinem wackern Jungen du geraubt.«
Hier, als ich zu vernichten ihn geglaubt,
Kam Rettung an. Des Vaters Sorge! Sprich!
Bist du nicht müde, John? Wie fühlst du dich?
Kind, willst du noch dem Treffen nicht entweichen,
Besiegelt nun mit ritterlichen Zeichen?
Flieh’, meinen Tod zu rächen, wann ich tot:
Jetzt tut mir eines Hülfe wenig not.
O allzu töricht ist es, muß ich sagen,
Uns all’ in einen kleinen Kahn zu wagen!
Wenn ich mich heut vor Frankenwut bewahre,
So töten morgen mich die hohen Jahre.
An mir gewinnt der Feind nicht; bleib’ ich hier,
Das kürzt nur einen Tag mein Leben mir.
In dir stirbt deine Mutter, unser Same,
Die Rache, deine Jugend, Englands Name.
[562] All dies und mehr gefährdet dein Verweilen;
Dies rettest du, willst du von hinnen eilen.
JOHN.
Das Schwert des Orleans machte nicht mir Schmerz,
Von Euren Worten blutet mir das Herz.
Um den Gewinn, erkauft um solch Erröten,
Den Leib zu retten und den Ruhm zu töten,
Eh’ Talbots Sohn entflieht von Talbots Seite,
Eh’ fall’ das feige Roß, auf dem ich reite,
Und wie ein Bauer Frankreichs mög’ ich liegen,
Der Schande Ziel, des Mißgeschicks Vergnügen!
Gewiß, bei allem Preis, den Ihr gewonnen,
Ich bin nicht Talbots Sohn, wenn ich entronnen.
Drum sagt von Flucht nicht: wozu soll es taugen?
Wenn Talbots Sohn, sterb’ ich vor Talbots Augen.
TALBOT.
So folg’ dem Vater, den verzweifelt Streben
Aus Kreta trieb, mein Ikarus, mein Leben!
Wenn du willst fechten, ficht an Vaters Seite,
Und dich mit mir zu stolzem Tod bereite!

Beide ab.
Siebente Szene

[562] Ein andrer Teil des Schlachtfeldes.

Getümmel, Angriffe. Talbot wird, verwundet, von einem Diener geführt.

TALBOT.

Wo ist mein andres Leben? Meines floh. –
Oh, wo ist John, mein tapfrer Talbot, wo?
Dich, Tod, stolzierend mit Gefangenschaft,
Mußt’ ich belächeln bei des Sohnes Kraft.
Als er mich sah, wie knieend ich erlegen,
Schwang über mir er seinen blut’gen Degen,
Und, wie ein Löw’ im Hunger, hub er an,
Was wilde Wut und Ingrimm je getan.
Doch als allein mein zorn’ger Wächter stand
Und niemand nahte, der ihn angerannt,
Riß hoher Grimm und augenroll’nde Wut
Von meiner Seit’ ihn plötzlich in die Flut
Gedrängter Franken, wo er sich versenkte,
[563] Wo in dem See von Blut mein Sohn ertränkte
Den allzukühn geflognen Geist und starb,
Mein Ikarus, so blühend rosenfarb.

Soldaten kommen mit der Leiche John Talbots.

DIENER.
O bester Herr, da bringt man Euren Sohn!
TALBOT.
Du Schalksnarr, Tod, belachst uns hier zum Hohn;
Doch bald, vereint in ew’gen Banden, frei
Von deiner übermüt’gen Tyrannei,
Entschwingen sich durch Himmelsräume weit
Zwei Talbots, dir zum Trotz, der Sterblichkeit. –
O du, des Wunden lieblich stehn bei Toten,
Sprich mit dem Vater vor dem letzten Odem!
Beut sprechend Trotz dem Tod, wie er’s auch meint,
Acht’ ihn als einen Franken, deinen Feind.
Der arme Knab’ scheint lächelnd noch zu sagen:
Wär’ Tod ein Frank’, ich hätt’ ihn heut erschlagen.
Kommt, kommt und legt ihn in des Vaters Arm,
Mein Geist erträgt nicht länger diesen Harm.
Lebt, Krieger, wohl! Ich habe meine Habe:
Mein alter Arm wird zu John Talbots Grabe.

Stirbt.

Getümmel.

Die Soldaten ab, indem sie die beiden Leichen zurücklassen.

Hierauf kommen Karl, Alençon, Burgund, der Bastard, die Pucelle und Truppen.
KARL.
Wär’ York und Somerset zu Hülf’ geeilt,
Dies wär’ ein blut’ger Tag für uns geworden.
BASTARD.
Wie Talbots junger Leu in wilder Wut
Sein winzig Schwert getränkt mit Frankenblut!
PUCELLE.
Ich hab’ ihn einst getroffen und gesagt:
»Du Jüngling, sei besiegt von einer Magd!«
Allein mit stolzem majetäst’schen Hohn
Erwidert’ er: »Des großen Talbots Sohn
Soll nicht die Beute frecher Dirnen sein.«
Und, stürzend in der Franken dichte Reih’n,
Verließ er mich, als keines Kampfes wert.
BURGUND.
Er hätt’ als Ritter sich gewiß bewährt:
[564] Seht, wie er daliegt, eingesargt im Arm
Des blut’gen Pflegers von all seinem Harm!
BASTARD.
Haut sie in Stücken, reißt entzwei dies Paar,
Das Englands Stolz und Galliens Wunder war!
KARL.
Nein, haltet ein! Was lebend Flucht gebot,
Das laßt uns nun nicht schänden, da es tot.

Sir William Lucy tritt auf mit Gefolge, ein französischer Herold geht vor ihm her.

LUCY.
Herold,
Führ’ mich zum Zelt des Dauphin, um zu wissen,
Wer dieses Tages Preis davon getragen.
KARL.
Mit welcher unterwürf’gen Botschaft kommst du?
LUCY.
Was? Unterwerfung ist ein fränkisch Wort,
Die englischen Soldaten kennen’s nicht.
Ich will nur wissen, wen du nahmst gefangen,
Und dann die Zahl der Toten überschaun.
KARL.
Gefangne willst du? Sie bewahrt die Hölle.
Doch sag mir, wen du suchst?
LUCY.
Wo ist des Feldes mächtiger Alcides,
Der tapfre Talbot, Graf von Shrewsbury?
Ernannt für seine seltnen Waffentaten
Zum Graf von Wexford, Waterford und Valence,
Lord Talbot von Goodrig und Urchinfield,
Lord Strange von Blackmere, Lord Verdun von Alton,
Lord Cromwell von Wingfield, Lord Furnival von Sheffield,
Der höchst sieghafte Lord von Falconbridge,
Ritter vom edlen Orden Sankt Georgs,
Des Goldnen Vlieses und Sankt Michaels wert;
Heinrich des Sechsten Oberfeldhauptmann
Für alle seine Krieg’ im Frankenreich?
PUCELLE.
Das ist ein albern prächt’ger Stil, fürwahr!
Der Türk’, der zweiundfunfzig Reiche hat,
Schreibt keinen so verdrießlich langen Stil.
Er, den du ausstaffierst mit all den Titeln,
Liegt stinkend und verwesend dir zu Füßen.
LUCY.
Ist Talbot tot, der Franken einz’ge Geißel,
Schreck eures Lands und schwarze Nemesis?
O würden meine Augen Büchsenkugeln,
[565] Daß ich sie wütend euch ins Antlitz schösse!
O könnt’ ich nur erwecken diese Toten,
Es wär’ genug, der Franken Reich zu schrecken;
Blieb’ unter euch sein Bildnis übrig nur,
Den Stolzesten von euch würd’ es verwirren.
Gebt mir die Leichen, daß ich hinweg sie trage
Und sie bestatte, wie ihr Wert es heischt.
PUCELLE.
Der aufgeschoßne Fremdling, denk’ ich, ist
Des alten Talbots Geist; wie spräch’ er sonst
Mit so gebieterischem stolzen Sinn?
Um Gottes willen, gebt sie! Hier behalten,
Vergiften sie die Luft nur mit Gestank.
KARL.
Geht, bringt die Leichen fort!
LUCY.
Fort trag’ ich sie;
Allein aus ihrer Asche wird erweckt
Ein Phönix, welcher einst ganz Frankreich schreckt.
KARL.
Sind wir nur ihrer los, macht, was Ihr wollt, damit.
Nun nach Paris, von Siegeslust getragen:
Nichts widersteht, da Talbot ist erschlagen.

Alle ab.
Fünfter Aufzug
Erste Szene

[566] London. Ein Zimmer im Palast.

König Heinrich, Glaster und Exeter treten auf.

KÖNIG HEINRICH.

Habt Ihr die Briefe durchgesehn vom Papst,
Vom Kaiser und dem Grafen von Armagnac?
GLOSTER.
Ja, gnäd’ger Fürst, und dieses ist ihr Inhalt:
Sie bitten Eure Herrlichkeit ergebenst,
Daß zwischen England und der Franken Reich
Ein frommer Frieden mag geschlossen werden.
KÖNIG HEINRICH.
Und wie bedünkt der Vorschlag Euer Gnaden?
GLOSTER.
Gut, bester Herr, und als der einz’ge Weg,
Vergießung unsers Christenbluts zu hemmen
Und Ruh’ auf allen Seiten fest zu gründen.
KÖNIG HEINRICH.
Ja freilich, Oheim; denn ich dachte stets,
Es sei so frevelhaft wie unnatürlich,
Daß solche Gräßlichkeit und blut’ger Zwist
Bei den Bekennern eines Glaubens herrscht.
GLOSTER.
Um diesen Bund so eher zu bewirken
Und fester ihn zu schürzen, bietet auch
Der Graf von Armagnac, Karls naher Vetter,
Ein Mann, des Ansehn viel in Frankreich gilt,
Die einz’ge Tochter Euer Hoheit an
Zur Eh’, mit großer, reicher Morgengabe.
KÖNIG HEINRICH.
Zur Eh’? Ach, Oheim, jung sind meine Jahre,
Und angemeßner sind mir Fleiß und Bücher,
Als üppig tändelnd Spiel mit einer Trauten.
Jedoch, ruft die Gesandten und erteilt
[567] Die Antwort jedem, wie es Euch beliebt.
Ich bin die Wahl zufrieden, zielt sie nur
Auf Gottes Ehr’ und meines Landes Wohl.

Ein Legat und zwei Gesandte treten auf, nebst Winchester in Kardinalsiracht.

EXETER.
Wie? Ist Mylord von Winchester erhöht
Zum Rang des Kardinals und eingekleidet?
Dann merk’ ich wohl, bestät’gen wird sich das,
Was oft der fünfte Heinrich prophezeit:
»Wenn er einmal zum Kardinal gelangt,
So macht er seinen Hut der Krone gleich.«
KÖNIG HEINRICH.
Ihr Herrn Gesandten, euer aller Wünsche
Sind wohl erwogen und besprochen worden.
Gut und vernünftig scheint uns euer Zweck,
Und darum sind wir sicherlich entschlossen,
Bedingungen des Friedens aufzusetzen,
Die durch Mylord von Winchester wir gleich
Nach Frankreich wollen überbringen lassen.
GLOSTER.
Und anbelangend eures Herrn Erbieten,
Berichtet’ ich an Seine Hoheit so,
Daß, um des Fräuleins tugendsame Gaben,
Um ihre Schönheit und der Mitgift Wert,
Er sie zu Englands Königin will machen.
KÖNIG HEINRICH zu den Gesandten.
Zum Zeichen und Beweise des Vertrags
Bringt dies Juwel ihr, meiner Neigung Pfand. –
Und so, Mylord Protektor, mit Geleit
Besorgt nach Dover sie; dort eingeschifft,
Vertrauet sie dem Glück des Meeres an.

König Heinrich mit Gefolge, Gloster, Exeter und Gesandten ab.

WINCHESTER.
Bleibt, Herr Legat! Ihr müßt empfangen erst
Die Summe Geldes, welche ich gelobt
An Seine Heiligkeit zu überreichen
Für die Bekleidung mit dem würd’gen Schmuck.
LEGAT.
Ich richte mich nach Euer Hoheit Muße.
WINCHESTER.
Nun wird sich Winchester nicht beugen, traun!
Noch nachstehn selbst dem stolzesten der Pairs.
[568] Humphrey von Gloster, merken sollst du wohl,
Daß weder an Geburt noch Ansehn dich
Der Bischof will erkennen über sich.
Ich will dich zwingen, nieder mir zu knien,
Wo nicht, dies Land mit Aufstand überziehn.

Beide ab.
Zweite Szene

[568] Frankreich. Ebne in Anjou.

Karl, Burgund, Alençon und die Pucelle treten auf, mit Truppen im Marsch.

KARL.

Die Zeitung, Herrn, erfrischt die matten Geister:
Man sagt, daß die Pariser sich empören
Und wieder zu den tapfern Franken wenden.
ALENÇON.
Zieht nach Paris denn, königlicher Karl,
Vertändelt nicht die Zeit mit Eurer Macht!
PUCELLE.
Wenn sie sich wenden, sei mit ihnen Friede,
Sonst brech’ in ihre Schlösser der Ruin!

Ein Bote tritt auf.

BOTE.
Mit unserm tapfern Feldherrn alles Heil,
Und gutes Glück mit seinen Mitgenossen!
KARL.
Was melden unsre Späher? Bitte, sprich!
BOTE.
Die englische Armee, die erst getrennt
In zwei Parteien war, ist nun vereint
Und denkt alsbald Euch eine Schlacht zu liefern.
KARL.
Etwas zu plötzlich kommt die Warnung, Herrn,
Doch wollen wir alsbald uns auf sie rüsten.
BURGUND.
Des Talbot Geist, vertrau’ ich, ist nicht dort;
Ihr dürft nicht fürchten, Herr, denn er ist fort.
PUCELLE.
Verflucht ist Furcht vor allen schnöden Trieben,
Gebeut den Sieg nur, Karl, und er ist dein,
Laß Heinrich zürnen, alle Welt es reun.
KARL.
Auf dann, ihr Lords! Und Frankreich sei beglückt!

Alle ab.
Dritte Szene

[569] Vor Angers.

Getümmel. Angriffe. Die Pucelle tritt auf.

PUCELLE.

Die Franken fliehn, und der Regent ist Sieger.
Nun helft, ihr Zaubersprüch’ und Amulette,
Und ihr, die ihr mich warnt, erles’ne Geister,
Und Zeichen mir von künft’gen Dingen gebt!

Es donnert.

Ihr schleun’gen Helfer, die ihr zugeordnet
Des Nordens herrischem Monarchen seid:
Erscheint und helft mir bei dem Unternehmen!

Böse Geister erscheinen.

Dies schleunige Erscheinen gibt Gewähr
Von eurem sonst gewohnten Fleiß für mich.
Nun, ihr vertrauten Geister, ausgesucht
Aus mächt’gen unterird’schen Regionen,
Helft mir dies eine Mal, daß Frankreich siege!

Sie gehen umher und reden nicht.

O haltet mich nicht überlang’ mit Schweigen!
Wie ich mit meinem Blut euch pflag zu nähren,
Hau’ ich ein Glied mir ab und geb’ es euch
Zum Handgeld einer ferneren Vergeltung,
Wenn ihr euch jetzt herablaßt, mir zu helfen.

Sie hängen die Köpfe.

Ist keine Hülfe mehr? Mein Leib soll euch
Belohnung zahlen, wenn ihr’s mir gewährt.

Sie schütteln die Köpfe.

Kann nicht mein Leib, noch Blutes-Opferung
Zu der gewohnten Leistung euch bewegen?
Nehmt meine Seele; Leib und Seel’ und alles,
Eh’ England Frankreich unter sich soll bringen!

Sie verschwinden.

[570] Seht, sie verlassen mich! Nun kommt die Zeit,
Daß Frankreich muß den stolzen Helmbusch senken
Und niederlegt sein Haupt in Englands Schoß.
Zu schwach sind meine alten Zauberei’n,
Die Hölle mir zu stark, mit ihr zu ringen.
In Staub sinkt, Frankreich, deine Herrlichkeit.

Ab.

Getümmel. Franzosen und Engländer kommen fechtend, die Pucelle und York werden handgemein.
Die Pucelle wird gefangen.

Die Franzosen fliehn.

YORK.
Nun, Dirne Frankreichs, denk’ ich, hab’ ich Euch:
Entfesselt Eure Geister nun mit Sprüchen
Und seht, ob Ihr die Freiheit könnt gewinnen!
Ein schöner Fang, der Huld des Teufels wert!
Seht, wie die garst’ge Hexe Runzeln zieht,
Als wollte sie, wie Circe, mich verwandeln.
PUCELLE.
Dich kann Verwandlung häßlicher nicht machen.
YORK.
Oh, Karl, der Dauphin, ist ein hübscher Mann,
Den zarten Augen kann nur er gefallen.
PUCELLE.
Ein folternd Unheil treffe Karl und dich!
Und werdet beide plötzlich überrascht
Von blut’ger Hand, in euren Betten schlafend!
YORK.
Still, schwarze Bannerin! Du Zaub’rin, schweig!
PUCELLE.
Ich bitt’ dich, laß mich eine Weile fluchen.
YORK.
Verdammte, fluch’, wenn du zum Richtplatz kömmst.

Alle ab.
Getümmel. Suffolk tritt auf, die Prinzessin Margareta an der Hand führend.

SUFFOLK.
Sei, wer du willst, du bist bei mir Gefangne.

Er betrachtet sie.

O holde Schönheit! Fürcht’ und fliehe nicht;
Ich will mit ehrerbiet’ger Hand dich rühren,
Sie sanft dir auf die zarte Seite legen;
Zu ew’gem Frieden küss’ ich diese Finger;

Küßt ihre Hand.

Wer bist du? Sag’s, daß ich dich ehren möge.
[571] MARGARETA.
Margareta heiß’ ich, eines Königs Tochter,
Königs von Neapel; sei du, wer du seist.
SUFFOLK.
Ein Graf bin ich, und Suffolk ist mein Name;
Sei nicht beleidigt, Wunder der Natur!
Von mir gefangen werden ist dein Los.
So schützt der Schwan die flaumbedeckten Schwänlein,
Mit seinen Flügeln sie gelangen haltend;
Allein sobald dich kränkt die Sklaverei,
So geh und sei als Suffolks Freundin frei!

Sie wendet sich weg, als wollte sie gehen.
O bleib’! Mir fehlt die Kraft, sie zu entlassen,
Befrein will sie die Hand, das Herz sagt nein.
Wie auf krystallnem Strom die Sonne spielt
Und blinkt mit zweitem nachgeahmten Strahl,
So scheint die lichte Schönheit meinen Augen.
Ich würbe gern, doch wag’ ich nicht zu reden;
Ich fodre Tint’ und Feder, ihr zu schreiben.
Pfui, de la Poole! Entherze dich nicht selbst.
Hast keine Zung’? Ist sie nicht da?
Verzagst du vor dem Anblick eines Weibs?
Ach ja! Der Schönheit hohe Majestät
Verwirrt die Zung’ und macht die Sinne wüst.
MARGARETA.
Sag, Graf von Suffolk (wenn du so dich nennst),
Was gilt’s zur Lösung, eh’ du mich entlässest?
Denn wie ich seh’, bin ich bei dir Gefangne.
SUFFOLK beiseit.
Wie weißt du, ob sie deine Bitte weigert,
Eh’ du um ihre Liebe dich versucht?
MARGARETA.
Du sprichst nicht: was für Lösung muß ich zahlen?
SUFFOLK beiseit.
Ja, sie ist schön: drum muß man um sie werben;
Sie ist ein Weib: drum kann man sie gewinnen.
MARGARETA.
Nun, nimmst du Lösung an, ja oder nein?
SUPFOLK beiseit.
O Tor! Erinn’re dich, du hast ein Weib;
Wie kann denn diese deine Traute sein?
MARGARETA.
Er hört nicht, ihn verlassen wär’ das beste.
SUFFOLK.
Das ist die Karte, die mein Spiel verdirbt.
[572] MARGARETA.
Er spricht ins Wilde, sicher ist er toll.
SUFFOLK.
Und doch ist Dispensation zu haben.
MARGARETA.
Und doch wollt’ ich, Ihr wolltet Antwort geben.
SUFFOLK.
Ich will dies Fräulein hier gewinnen. Wem?
Ei, meinem König. Pah! Das wäre hölzern.
MARGARETA.
Er spricht von Holz; ‘s ist wohl ein Zimmermann.
SUFFOLK beiseit.
Doch kann ich meiner Neigung so genügen
Und Friede stiften zwischen diesen Reichen.
Allein auch dabei bleibt ein Zweifel noch:
Denn, ist ihr Vater gleich von Napel König,
Herzog von Maine und Anjou, er ist arm,
Und unser Adel wird die Heirat schelten.
MARGARETA.
Hört Ihr, Hauptmann? Habt Ihr itzt keine Zeit?
SUFFOLK.
So soll es sein, wie sie es auch verachten;
Heinrich ist jung und gibt sich bald darein. –
Ich hab’ Euch etwas zu entdecken, Fräulein.
MARGARETA beiseit.
Bin ich in Banden gleich, er scheint ein Ritter
Und wird auf keine Weise mich entehren.
SUFFOLK.
Geruhet, Fräulein, mir Gehör zu leihn.
MARGARETA beiseit.
Vielleicht erretten mich die Franken noch,
Dann brauch’ ich seine Gunst nicht zu begehren.
SUFFOLK.
Mein Fräulein, hört mich an in einer Sache –
MARGARETA beiseit.
Ei, Frauen sind wohl mehr gefangen worden.
SUFFOLK.
Fräulein, weswegen sprecht Ihr so?
MARGARETA.
Verzeiht mir, es ist nur ein Quidproquo.
SUFFOLK.
Prinzessin, sagt: pries’t Ihr die Banden nicht
Für glücklich, die zur Königin Euch machten?
MARGARETA.
In Banden Königin zu sein, ist schnöder,
Als Knecht zu sein in niedrer Dienstbarkeit;
Denn Fürsten sollten frei sein.
SUFFOLK.
Und das sollt Ihr,
Ist nur des reichen Englands König frei.
MARGARETA.
Nun, was geht seine Freiheit mich wohl an?
SUFFOLK.
Ich mache dich zu Heinrichs Eh’gemahl,
Geb’ in die Hand ein goldnes Szepter dir
Und setz’ aufs Haupt dir eine reiche Krone,
Wenn du herab dich läßt zu meiner –
[573] MARGARETA.
Was?
SUFFOLK.
Zu seiner Trauten.
MARGARETA.
Ich bin unwürdig, Heinrichs Weib zu sein.
SUFFOLK.
Nein, edles Fräulein; ich bin nur nicht würdig,
Für ihn zu frein um solche holde Schöne –
Und selbst nicht Anteil an der Wahl zu haben.
Was sagt Ihr, Fräulein? Seid Ihr es zufrieden?
MARGARETA.
Ich bin’s zufrieden, wenn mein Vater will.
SUFFOLK.
Ruft unsre Führer dann und Fahnen vor;
Und, gnäd’ge Frau, vor Eures Vaters Burg
Werd’ er von uns geladen zum Gespräch.

Truppen kommen vorwärts.
Eine Einladung zur Unterredung wird geblasen.
Reignier erscheint auf den Mauern.

SUFFOLK.
Sieh, Reignier, sieh gefangen deine Tochter.
REIGNIER.
Bei wem?
SUFFOLK.
Bei mir.
REIGNIER.
Suffolk, wie steht zu helfen?
Ich bin ein Krieger, nicht geneigt zum Weinen,
Noch über Wankelmut des Glücks zu schrein.
SUFFOLK.
Ja, Herr, zu helfen steht dabei genug.
Gewähre (tu’s um deiner Ehre willen)
Zu meines Herrn Gemahlin deine Tochter,
Den ich mit Müh’ dazu gewonnen habe;
Und diese flüchtige Gefangenschaft
Hat königliche Freiheit ihr erworben.
REIGNIER.
Spricht Suffolk, wie er denkt?
SUFFOLK.
Die schöne Margareta weiß, daß Suffolk
Zu schmeicheln und zu heucheln nicht versteht.
REIGNIER.
Ich steige auf dein fürstlich Wort hinab,
Zur Antwort auf dein billiges Begehren.
Oben von der Mauer ab.

SUFFOLK.
Und hier erwart’ ich deine Ankunft.

Trompeten. Reignier tritt unten ein.

REIGNIER.
Willkommen, wackrer Graf, in unsern Landen!
Befehlt in Anjou, was Euch nur beliebt.
[574] SUFFOLK.
Dank, Reignier, den solch süßes Kind beglückt,
Geschaffen zur Genossin eines Königs.
Was für Bescheid gibt Eure Hoheit mir?
REIGNIER.
Weil ihren kleinen Wert du würdig achtest
Um sie zu frein, als Braut für solchen Herrn:
Wofern ich nur mich ruhig meines Eignen,
Der Grafschaft Maine und Anjou, mag erfreun,
Von Unterdrückung frei und Kriegsgewalt,
Vermähl’ ich sie mit Heinrich, wenn er will.
SUFFOLK.
Das ist ihr Lösegeld; nehmt sie zurück!
Auch nehm’ ich es auf mich, daß Eure Hoheit
Die beiden Länder ruhig soll genießen.
REIGNIER.
Und ich hinwieder geb’, in Heinrichs Namen,
Dir, als Vertreter dieses hohen Herrn,
Der Tochter Hand, zum Pfand gelobter Treu’.
SUFFOLK.
Reignier, empfange königlichen Dank,
Weil dies der Handel eines Königs ist.

Beiseit.

Und dennoch, dünkt mich, möcht’ ich lieber noch
Mein eigner Anwalt sein in diesem Fall. –
Ich will nach England mit der Neuigkeit
Und der Vermählung Feier dort betreiben.
Reignier, leb wohl! Faß diesen Diamant
In goldene Paläste, wie sich’s ziemt.
REIGNIER.
Laß dich umarmen, wie ich König Heinrich,
Dein christlich Haupt, umarmte, wär’ er hier.
MARGARETA.
Lebt wohl, Herr! Gute Wünsche, Lob, Gebete
Wird Margareta stets für Suffolk haben.

Will gehen.

SUFFOLK.
Lebt wohl, mein Fräulein! Doch, Margareta, hört:
Kein fürstlicher Empfehl an meinen Herrn?
MARGARETA.
Sagt ihm Empfehle, wie sie einer Magd
Und Jungfrau, seiner Dienerin, geziemen.
SUFFOLK.
Bescheidne Wort’, und anmutsvoll gestellt!
Doch, Fräulein, nochmals muß ich Euch beschweren:
Kein Liebespfand für Seine Majestät?
MARGARETA.
Ja, bester Herr: ein unbeflecktes Herz,
Von Liebe nie gerührt, send’ ich dem König.
SUFFOLK.
Und dies zugleich.

Küßt sie.

[575] MARGARETA.
Das für dich selbst; ich will mich nicht erdreisten
Solch kindisch Pfand zu senden einem König.

Reignier und Margareta ab.

SUFFOLK.
Oh, wärst du für mich selbst! – Doch, Suffolk, halt!
Du darfst nicht irren in dem Labyrinth,
Da lauern Minotaur’ und arge Ränke.
Nimm Heinrich ein mit ihrem Wunderlob,
Denk’ ihren unerreichten Gaben nach,
Den wilden Reizen, so die Kunst verdunkeln;
Erneu’ ihr Bildnis oft dir auf der See,
Damit, wenn du zu Heinrichs Füßen kniest,
Du seiner Sinne ihn beraubst vor Staunen.

Ab.
Vierte Szene

[575] Lager des Herzogs von York in Anjou.

York, Warwick und andre treten auf.

YORK.

Führt vor die Zauberin, verdammt zum Feuer!

Die Pucelle kommt, von Wache umgeben, mit ihr ein Schäfer.

SCHÄFER.
Ach, Jeanne! Dies bricht deines Vaters Herz,
Hab’ ich die Lande nah und fern durchsucht,
Und, nun sich’s trifft, daß ich dich ausgefunden,
Komm’ ich zu deinem frühen bittern Tode?
Ach, liebste Tochter, ich will mit dir sterben!
PUCELLE.
Elender Bettler! Abgelebter Knecht!
Von edlerm Blute bin ich abgestammt:
Du bist mein Vater noch mein Blutsfreund nicht.
SCHÄFER.
Pfui, pfui! – Ihr Herrn, erlaubt, dem ist nicht so;
Das ganze Kirchspiel weiß, ich zeugte sie;
Die Mutter, noch am Leben, kann’s bezeugen,
Daß sie der Erstling meines Eh’stands war.
WARWICK.
Ruchlose! Willst du deine Sippschaft leugnen?
YORK.
Dies zeigt, was für ein Leben sie geführt,
Verderbt und bös, und so beschließt sie’s auch.
[576] SCHÄFER.
O pfui doch, Jeanne, so verstockt zu sein!
Gott weiß, du bist von meinem Fleisch und Blut,
Und deinethalb vergoß ich manche Träne;
Verleugne doch mich nicht, mein liebstes Kind!
PUCELLE.
Pack’ dich, du Bauer! Ihr habt den Mann bestellt,
Um meines Adels Krone zu verdunkeln.
SCHÄFER.
‘s ist wahr, ich gab dem Priester eine Krone,
Den Morgen, als ich ihre Mutter freite. –
Knie’ hin und laß dich segnen, gutes Mädchen!
Du weigerst dich? Verflucht sei denn die Zeit,
Wo du zur Welt kamst! Wollt’ ich doch, die Milch,
Die du an deiner Mutter Brüsten sogst,
Wär’ deinetwillen Rattengift gewesen!
Und, wenn du meine Lämmer triebst zur Weide,
Wollt’ ich, dich hätt’ ein gier’ger Wolf verzehrt!
Verleugnest du den Vater, garst’ge Dirne?
Verbrennt, verbrennt sie! Hängen ist zu gut.

Ab.

YORK.
Schafft sie hinweg! Sie hat zu lang’ gelebt,
Die Welt mit ihren Lastern zu erfüllen.
PUCELLE.
Laßt mich euch sagen erst, wen ihr verdammt.
Nicht mich, erzeugt von Hirten auf der Flur,
Nein, aus der Könige Geschlecht entsprossen;
Heilig und tugendsam; erwählt von droben,
(Durch himmlische Begeist’rung reich begnadigt,)
Auf Erden hohe Wunder zu bewirken.
Mit bösen Geistern hatt’ ich nie zu tun;
Doch ihr, befleckt von euren eignen Lüsten,
Besudelt mit der Unschuld reinem Blut,
Verderbt und angesteckt von tausend Lastern:
Weil euch die Gnade fehlt, die andre haben,
So achtet ihr’s für ein unmöglich Ding,
Ein Wunder wirken, ohne Macht der Teufel.
Nein, Mißbelehrte! Wißt, daß Jeanne d’Arc
Seit ihrer zarten Kindheit Jungfrau blieb,
Selbst in Gedanken keusch und unbefleckt;
Daß ihr jungfräulich Blut, so streng vergossen,
Um Rache schrein wird an des Himmels Toren.
YORK.
Ja, ja, nur fort mit ihr zur Hinrichtung!
[577] WARWICK.
Und, Leute, hört: weil sie ein Mädchen ist,
So spart das Reisig nicht, gebt ihr genug,
Stellt Tonnen Pech noch um den Todespfahl,
Damit ihr so die Marter ihr verkürzt.
PUCELLE.
Kann eure starren Herzen nichts erweitern?
So gib denn, Jeanne, deine Schwachheit kund,
Die, dem Gesetz gemäß, ein Vorrecht dir gewährt. –
[Hört, schwanger bin ich, blut’ge Schlächter ihr!]
Drum mordet nicht die Frucht in meinem Schoß,
Schleppt ihr auch mich zum Tod gewaltsam hin.
YORK.
Verhüt’ es Gott! Die heil’ge Jungfrau schwanger?
WARWICK.
Das größte Wunder, das Ihr je vollbracht!
Kam’s dahin mit der strengen Züchtigkeit?
YORK.
Sie und der Dauphin hielten’s mit einander;
Ich dacht’ es, was die Ausflucht würde sein.
WARWICK.
Schon gut! Wir lassen keinen Bastard leben,
Wenn Karl der Vater sein muß, noch dazu.
PUCELLE.
Ihr irret Euch, mein Kind ist nicht von ihm;
Alençon war’s, der meine Lieb’ genoß.
YORK.
Alençon, der verrufne Machiavell!
Es stirbt, und wenn es tausend Leben hätte!
PUCELLE.
Nicht doch, verzeiht! Ich täuscht’ Euch: weder Karl,
Noch der genannte Herzog, sondern Reignier,
König von Napel, war’s, der mich gewann.
WARWICK.
Ein Mann im Eh’stand! Das ist noch das Ärgste.
YORK.
Ei, das ist mir ein Mädchen! die nicht weiß –
So viele waren’s –, wen sie soll verklagen.
WARWICK.
Ein Zeichen, daß sie frei und willig war.
YORK.
Und doch, wahrhaftig, eine reine Jungfrau! –
Dein Wort verdammt dich, Metze, samt der Brut:
Versuch’ kein Bitten, denn es ist umsonst.
PUCELLE.
So führt mich fort. – Euch lass’ ich meinen Fluch.
Die lichte Sonne werfe ihre Strahlen
Nie auf das Land, das euch zum Sitze dient!
Umgeb’ euch Nacht und düstrer Todesschatten,
Bis Unheil und Verzweifelung euch drängt,
Den Hals zu brechen oder euch zu hängen!

Sie wird von der Wache abgeführt.

[578] YORK.
Brich du in Stücke und zerfall’ in Asche,
Verfluchte schwarze Dienerin der Hölle!

Kardinal Beaufort tritt auf mit Gefolge.

KARDINAL.
Mit einem Brief der Vollmacht, Lord Regent,
Begrüß’ ich Eure Herrlichkeit vom König.
Denn wißt, Mylord, es haben sich die Staaten
Der Christenheit, bewogen von Erbarmen
Um diesen wüsten Streit, mit Ernst verwandt
Zum allgemeinen Frieden zwischen uns
Und der Franzosen hochgemutem Volk;
Und seht, schon naht der Dauphin und sein Zug
Um über diese Sache zu verhandeln.
YORK.
Ist dieses unsrer Arbeit ganze Frucht?
Nachdem so mancher Pair erschlagen worden,
So mancher Hauptmann, Edelmann, Soldat,
Die überwunden sind in diesem Streit
Und ihren Leib zum Wohl des Lands verkauft:
Soll man zuletzt so weibisch Frieden schließen?
Verloren wir den größten Teil der Städte
Durch Ränke nicht, durch Falschheit und Verrat,
Die unsre großen Ahnherrn all’ erobert? –
O Warwick! Warwick! Trauernd seh’ ich schon
Den gänzlichen Verlust des Frankenreichs.
WARWICK.
Sei ruhig, York: wenn wir den Frieden schließen,
Wird’s mit so strengen Foderungen sein,
Daß die Franzosen wenig dran gewinnen.

Karl mit Gefolge, Alençon, der Bastard, Reignier und andre treten auf.

KARL.
Ihr Herrn von England, da genehmigt ist,
Daß Fried’ im Land soll ausgerufen werden,
So kommen wir, um von euch selbst zu hören,
Was für Bedingungen der Bund erheischt.
YORK.
Sprich, Winchester; denn Gall’ erstickt mir kochend
Den hohlen Ausweg meiner gift’gen Stimme
Beim Anblick der gehäss’gen Feinde da.
KARDINAL.
Karl und ihr andern, so ist’s vorgeschrieben:
Daß ihr, inmaßen König Heinrich drein
[579] Aus bloßem Mitleid und aus Milde willigt,
Eu’r Land vom harten Kriege zu befrein
Und süßen Frieden atmen euch zu lassen,
Lehnsleute seiner Krone werden sollt:
Und, Karl, auf die Bedingung, daß du schwörst,
Tribut zu zahlen, dich zu unterwerfen,
Sollst du als Vizekönig unter ihm
Die königliche Würde fortgenießen.
ALENÇON.
So muß er denn sein eigner Schatte sein?
Mit einer Krone seine Schläfe zieren
Und doch, dem Ansehn und dem Wesen nach,
Die Rechte des Privatmanns nur behalten?
Verkehrt und ungereimt ist dies Erbieten.
KARL.
Es ist bekannt, daß ich bereits besitze
Mehr als das halbe gallische Gebiet
Und werde drin geehrt als echter König.
Um den Gewinn des unbezwungnen Rests
Soll ich dies Vorrecht mir um so viel schmälern,
Des Ganzen Vizekönig nur zu heißen?
Nein, Herr Gesandter, ich behalte lieber
Das, was ich hab’, als daß ich, mehr begehrend,
Mich um die Möglichkeit von allem bringe.
YORK.
Hochmüt’ger Karl! Hast du dir insgeheim
Vermittlung ausgewirkt zu einem Bund,
Und, nun die Sache zum Vertrag soll kommen,
Hältst du dich mit Vergleichungen entfernt?
Entweder nimm den angemaßten Titel
Als nur von unserm König kommend an
Und nicht von einem Anspruch des Verdienstes,
Sonst plagen wir mit Krieg ohn’ Ende dich.
REIGNIER.
Mein Prinz, Ihr tut nicht wohl, aus Eigenwillen
Zu mäkeln bei dem Fortgang des Vergleichs;
Versäumen wir ihn jetzt, zehn gegen eins,
Wir finden die Gelegenheit nicht wieder.
ALENÇON leise.
Es ist, in Wahrheit, Politik für Euch,
Eu’r Volk von solchem Blutbad zu erretten
Und grimmigem Gemetzel, als man täglich
Bei fortgesetzten Feindlichkeiten sieht:
[580] Geht also den Vertrag des Friedens ein,
Brecht Ihr ihn schon, sobald es Euch beliebt.
WARWICK.
Was sagst du, Karl? Soll die Bedingung gelten?
KARL.
Sie soll’s;
Nur vorbehalten, daß ihr keinen Teil
An der Besatzung unsrer Städte fodert.
YORK.
So schwöre Lehnspflicht Seiner Majestät,
So wahr du Ritter bist, stets zu gehorchen
Der Krone Englands, nie dich aufzulehnen
Der Krone Englands, du samt deinem Adel!

Karl und die übrigen machen die Zeichen des Huldigungseides.

So, nun entlaßt Eu’r Heer, wann’s Euch beliebt,
Hängt auf die Fahnen, laßt die Trommeln schweigen,
Denn feierlicher Fried’ ist hier geschlossen.
Alle ab.
Fünfte Szene

[580] London. Ein Zimmer im Palast.

König Heinrich kommt, im Gespräch mit Suffolk begriffen; Gloster und Exeter folgen.

KÖNIG HEINRICH.

Ich bin erstaunt bei Eurer seltnen Schild’rung
Der schönen Margareta, edler Graf;
Die Tugenden, geziert mit äußern Gaben,
Erregen mir der Liebe Trieb im Herzen;
Und wie die Strenge tobender Orkane
Den stärksten Kiel der Flut entgegen drängt,
So treibt auch mich der Hauch von ihrem Ruf,
Schiffbruch zu leiden oder anzulanden,
Wo ich mich ihrer Liebe mag erfreun.
SUFFOLK.
Still, bester Fürst! Der flüchtige Bericht
Ist nur der Eingang ihres würd’gen Lobs.
All die Vollkommenheit des holden Fräuleins,
Hätt’ ich Geschick genug, sie auszusprechen,
Ein Buch wär’s, voll verführerischer Zeilen,
Das auch den dumpfsten Sinn entzücken könnte.
[581] Und, was noch mehr, sie ist so göttlich nicht,
Noch so erfüllt mit aller Freuden Wahl,
Daß sie, mit gleicher Demut des Gemüts,
Nicht willig wär’, Euch zu Befehl zu sein, –
Befehl, mein’ ich, von tugendsamer Art, –
Euch als Gemahl zu lieben und zu ehren.
KÖNIG HEINRICH.
Auch wird es Heinrich anders nie verlangen.
Darum, Mylord Protektor, willigt ein,
Daß Margareta Englands Fürstin werde.
GLOSTER.
So willigt’ ich darein, der Sünd’ zu schmeicheln.
Ihr wißt, mein Fürst, daß Ihr versprochen seid
Mit einem andern angeseh’nen Fräulein:
Wie können wir uns dem Vertrag entziehn,
Ohn’ Eure Ehre Rügen bloßzustellen?
SUFFOLK.
Wie Herrscher tun bei unrechtmäß’gen Schwüren.
Wie einer, der gelobt hat, beim Turnier
Sich zu versuchen, doch verläßt die Schranken
Weil unter ihm zu tief sein Gegner steht.
Zu tief steht eines armen Grafen Tochter:
Drum, wenn man mit ihr bricht, ist nichts versehn.
GLOSTER.
Ich bitt’ Euch, was ist Margareta mehr?
Ihr Vater ist nichts besser als ein Graf,
Hat er erhabne Titel schon voraus.
SUFFOLK.
Ja, bester Herr, ihr Vater ist ein König
König von Napel und Jerusalem;
Und ist in Frankreich von so großem Ansehn,
Daß seine Freundschaft unsern Frieden sichern
Und in der Treu’ die Franken halten wird.
GLOSTER.
Das kann der Graf von Armagnac nicht minder,
Weil er des Dauphins naher Vetter ist.
EXETER.
Auch läßt sein Reichtum großen Brautschatz hoffen,
Da Reignier eher nehmen wird als geben.
SUFFOLK.
Ein Brautschatz, Lords! Entehrt nicht so den König,
Daß er so arm und niedrig sollte sein,
Nach Geld zu gehn, nicht nach vollkommner Liebe.
Heinrich kann seine Königin bereichern
[582] Und sucht nicht eine, die ihn reich soll machen.
So feilschen niedre Bauern ihre Weiber,
Wie auf dem Markt die Ochsen, Schafe, Pferde.
Die Eh’ ist eine Sache von mehr Wert,
Als daß man sie durch Anwaltschaft betriebe;
Nicht die ihr wollt, – die Seiner Hoheit lieb,
Muß die Genossin seines Eh’betts sein.
Und da sie, Lords, ihm nun die Liebste ist,
So bindet dies vor allen Gründen uns,
In unsrer Meinung auch sie vorzuziehn.
Was ist gezwungne Eh’, als eine Hölle,
Ein Leben voll von Zwist und stetem Hader?
Indes das Gegenteil nur Segen bringt
Und Vorbild von des Himmels Frieden ist.
Wen nähme Heinrich zum Gemahl, als König,
Als Margareten, Tochter eines Königs?
Nebst der Geburt, die Bildung ohnegleichen
Bestimmt für niemand sie als einen König;
Ihr tapfrer Mut und unerschrockner Geist,
Mehr als gewöhnlich man an Weibern sieht,
Entspricht der Hoffnung des Geschlechts vom König:
Denn Heinrich, da sein Vater ein Erob’rer,
Hat Aussicht, mehr Erob’rer zu erzeugen,
Gesellt er sich in Liebe einer Frau,
Gemutet wie die schöne Margareta.
Gebt nach denn, Lords, und seid von meinem Sinn:
Nur Margareta werde Königin.
KÖNIG HEINRICH.
Ob es die Macht von Eurer Schild’rung ist,
Mein edler Lord von Suffolk, oder daß
Noch meine zarte Jugend nie gerührt
Von einem Trieb entflammter Liebe war,
Kann ich nicht sagen; doch ich weiß gewiß,
So heft’ge Spaltung fühl’ ich in der Brust,
Von Furcht und Hoffnung ein so wild Getümmel,
Daß der Gedanken Drängen krank mich macht.
Drum geht zu Schiff, Mylord; nach Frankreich eilt;
Stimmt ein in jeglichen Vertrag und sorgt,
Daß Fräulein Margareta bald geruhe,
[583] Die Überfahrt nach England vorzunehmen,
Und hier sich krönen lass’ als König Heinrichs
Getreue und gesalbte Königin;
Für Euren Aufwand und Betrag der Kosten
Nehmt einen Zehnten auf von unserm Volk.
Geht, sag’ ich Euch; denn bis Ihr wiederkehrt,
Bleib’ ich zurück, verstrickt in tausend Sorgen. –
Ihr, guter Oheim, bannet allen Unmut:
Wenn Ihr nach dem mich richtet, was Ihr wart,
Nicht, was Ihr seid, so weiß ich, Ihr entschuldigt
Die rasche Ausführung von meinem Willen.
Und so geleitet mich, wo einsam ich
Nachhängen kann und sinnen meinem Kummer.

Ab mit Exeter.

GLOSTER.
Ja, Kummer, fürcht’ ich, jetzt und immerfort.

Ab.

SUFFOLK.
So siegte Suffolk, und so geht er hin,
Wie einst nach Griechenland der junge Paris,
Mit Hoffnung ähnlichen Erfolgs im Lieben,
Doch bessern Ausgangs, als der Trojer hatte.
Margareta soll den König nun beherrschen,
Ich aber sie, den König und das Reich.

Ab.

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