König Heinrich dem vierten (1)

König Heinrich dem vierten (1)2013-10-12T08:03:31+00:00
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Der Erste Theil von König Heinrich dem vierten

William Shakespeare

Mit dem Leben und Tod von Heinrich Percy, genannt Hot-Spur.

Übersetzt von Christoph Martin Wieland

Personen.

König Heinrich der vierte. Heinrich, Prinz von Wales, und Johann, Herzog von Lancaster, Söhne des Königs. Worcester, Northumberland, Hot-Spur, Mortimer, Erzbischoff von York, Dowglas, Owen Glendower, Sir Richard Vernon und Sir Michell, Feinde des Königs. Westmorland, Sir Walter Blunt und Sir John Falstaff, von des Königs Parthey. Poins, Gadshill, Peto und Bardolph, Falstaffs Cameraden. Lady Percy. Lady Mortimer, Glendowers Tochter. Die Wirthin Quikly. Ein Scheriff, verschiedne Bediente im Wirthshaus, Fuhrleute, Reisende, und andre stumme Personen.

Die Scene liegt in England.

Erster Aufzug.

Erste Scene. (Der Hof in London.) (König Heinrich, der Herzog von Lancaster, der Graf von Westmorland, und andre Lords treten auf.)

König Heinrich. Von Sorgen erschüttert und von blassem Kummer abgehärmt, finden wir endlich den Augenblik, wo der geschrekte Friede wieder zu Athem kommen kan, um in abgebrochenen Accenten von neuen Arbeiten zu reden, die an weit entfernten Ufern unsern Muth beschäftigen sollen. Nicht länger soll diese Erde das Blut ihrer eignen Kinder trinken, nicht länger einheimische Zwietracht ihre Felder verheeren, und mit dem eisernen Tritt des Kriegs ihre blühenden Auen zerstampfen. Diese gegeneinander rükende Schlacht-Ordnungen, die gleich den Meteoren eines witternden Himmels, alle von einerley Natur, von einerley Ursprung, noch kürzlich mit der ganzen Wuth eines Bürgerkrieges auf einander stiessen, sollen nun in gleichlauffenden Linien, in schöner einträchtiger Ordnung, einen Weg ziehen; nicht länger sollen Brüder gegen Brüder, Freunde gegen Freunde stehen; nicht länger der mördrische Stahl, gleich einem übeleingescheideten Messer, seinen eignen Herrn verwunden. Nein, meine Freunde; zu jenem geheiligten Grabe Christi, unter dessen heilbringendem Creuz wir zu streiten geschworen haben, wollen wir mit unserm Englischen Kriegsheer ziehen, um diese Ungläubigen aus jenen heiligen Gefilden zu treiben, über welche die gesegneten Füsse gegangen sind, die vor vierzehnhundert Jahren zu unserm Heil an das bittre Creuz genagelt worden sind. Jedoch dieses unser Vorhaben ist schon ein Jahr alt; es ist unnöthig euch zu sagen, daß wir gehen wollen, und wir sind izo nicht deßhalb zusammen gekommen. Laßt mich also von euch vernehmen, mein geliebter Vetter von Westmorland, was unsre Raths- Versammlung gestern wegen dieser wichtigen Unternehmung geschlossen hat.

Westmorland. Gnädigster Herr, man betrieb diese Geschäfte mit grossem Eifer, und es wurden verschiedne Überschläge der Unkosten entworfen: Als ein ganz unverhofter Courier, mit verdrießlichen Zeitungen beladen, dazwischen kam, von denen die schlimmste war, daß der edle Mortimer, der die Leute von Hereford-Schire gegen den aufrührischen Glendower führte, von den Welschen gefangen, und über tausend von seinen Leuten niedergemezelt worden seyen, an deren todten Körpern die Weiber der Welschen solche Mißhandlungen, eine so viehische schaamlose Verstümmlung ausgeübt, die ohne Erröthen sich nicht erzählen läßt.

König Heinrich. Es scheint also, die Nachrichten von diesem Aufstand haben unser Geschäfte nach dem gelobten Lande abgebrochen?

Westmorland. Diese von noch mehrern begleitet, thaten es, Gnädigster Herr; denn es kamen noch mehr ungleiche und mißbeliebige Zeitungen aus Norden an. Am Kreuz-Erhöhungs-Tag geriethen dieser muthreiche Hot-Spur, der junge Heinrich Percy, und Archibald, dieser tapfre und ruhmvolle Schotte, zu Holmedon in ein blutiges Handgemeng, soviel man aus den Anstalten und der Wut des Angriffs schliessen konnte; denn derjenige, der diese Zeitung brachte, eilte mitten in der stärksten Hize des Gefechts davon, ohne den Ausgang abzuwarten.

König Heinrich. Hier ist ein werther und getreu-eifriger Freund, Sir Walter Blunt, der nur eben von seinem Pferd abgestiegen ist, um uns von Holmedon die willkommne Nachricht zu bringen, daß der Graf von Douglas geschlagen sey. Zehntausend kühne Schotten, und drey und zwanzig Ritter sah Sir Walter auf den Ebnen von Holmedon in ihrem Blute sich wälzen. Mordak, Grafen von Fife, den ältesten Sohn des geschlagnen Douglas, und die Grafen von Athol, Murry, Angus und Menteith hat Hot-Spur gefangen bekommen. Ist das nicht eine schöne Beute? Eine edle That? Ha, Vetter, ist es nicht?

Westmorland. In der That, ein Sieg, worauf ein Prinz stolz zu seyn Ursach hätte.

König Heinrich. O warum nennst du dieses Wort, um traurige Gedanken in mir zu erregen, und mich zur Sünde des Neids zu reizen, daß Milord Northumberland der Vater eines so würdigen Sohns seyn soll; eines Sohns, dessen Namen der Ruhm stets im Munde fährt; der gleich dem höchsten Baum in einem Hayn, über alle andre emporragt; der Liebling des Glüks, und ihr Stolz; indeß daß ich mit eben dem Blik, der seinen Ruhm übersieht, zügellose Schwelgerey und Schande die Stirne meines jungen Harry besudeln sehe. O könnt’ es bewiesen werden, daß irgend eine nächtliche trippelnde Fee unsre Kinder in der Wiege verwechselt, und meinen Sohn Percy, den Seinigen Plantagenet genennt hätte!—Aber laßt mich diesen Gedanken nicht nachhängen—Was denkt ihr Vetter, von dieses jungen Percy Stolz? Er behält die Gefangenen, die er in diesem Gefechte machte, für sich zurük; und läßt mir sagen, daß ich keinen als Mordake, den Grafen von Fife, haben soll.

Westmorland. Das ist seines Oheims Eingebung, das ist Worcester, der allen Anscheinungen nach übel gegen euch gesinnt ist; der ists, der ihn seine Federn aufblähen, und seinen jungen Kamm gegen eure Hoheit emporsträuben macht.

König Heinrich. Ich habe nach ihm geschikt, um ihn deßwegen zur Verantwortung zu ziehen, und das ist die Ursach, weswegen wir genöthigt sind, unser heiliges Vorhaben nach Jerusalem aufzuschieben. Vetter, wir wollen auf nächsten Mittwoch unsern grossen Rath in Windsor versammeln. Benachrichtiget die Lords hievon, aber eilet schleunig zu uns zurük; dann es muß noch mehr gesagt und gethan werden, als uns der Unwille izt zu sagen erlaubt.

Westmorland. Ich gehorche, mein gebietender Herr.

(Sie gehen ab.)

Zweyte Scene. (Ein Zimmer des Cron-Prinzen.) (Heinrich, der Prinz von Wales, und Sir John Falstaff treten auf.)

Falstaff. He, Hal,* was für Zeit ists am Tage, Junge?

{ed. * Harry und Hal, sind abgekürzte Namen, statt Heinrich, so in vertraulichem Umgang gebraucht worden.}

Prinz Heinrich. Deine löbliche Gewohnheit, dich in altem Sect zu besauffen, zu fressen, bis du alle Knöpfe aufthun must, und den ganzen Nachmittag auf Bänken zu schnarchen, wikelt deinen Wiz in soviel Fett und Schmeer ein, daß du so gar verlernst, recht zu fragen, was du recht wissen möchtest. Was, zum Teufel, hast du mit der Zeit am Tag zu thun? Ja, wenn die Stunden Becher voll Sect wären, die Minuten Capaunen, die Gloken Zungen von Kupplerinnen, die Uhren Schilde von H**häusern, und die schöne Sonne selbst ein hübsches roßiges Mensch in feuerfarbem Taft, dann liesse sich noch begreiffen, warum du nach der Zeit fragtest.

Falstaff. Mein Treu, ihr geht mir nah’ zu Leibe, Hal; denn wir andern, die vom Beutelschneiden Handwerk machen, und beym Mond und dem Silbergestirn herumgehen, und nicht beym Phöbus, “ihm dem edeln Knecht so schön”,** aber ich bitte dich, mein süsses Närrchen, wenn du einmal König bist—wozu Gott deine Gnaden (Majestät wollt’ ich sagen, denn Gnade wirst du keine haben)—

{ed. ** (he, that wandring Knight so fair)—eine Zeile aus einer alten Ballade. Warburton.}

Prinz Heinrich. Wie? Keine?

Falstaff. Nein, mein Seel, nicht so viel als zu einem Prologus für ein paar Eyer in Butter nöthig ist.

Prinz Heinrich. Gut, und wie weiter? Hey da, rund heraus, keine Umstände!

Falstaff. Sapperment nun dann, Närrchen, wenn du König bist, so sorge hübsch dafür, daß wir andre ehrlichen Kerle, die ihr Handwerk bey Nacht treiben, bey Tage von der Justiz ungeschoren bleiben. Laß uns der Diana ihre Forster bleiben, Ritter vom Schatten, Lieblinge des Monds; und laß die Leute sagen, wir seyen Leute von guter Aufführung, da wir, gleich der See, von unsrer edeln und keuschen Gebieterin, dem Mond, geführt werden***, unter deren Schuz und Anführung wir—stehlen.

{ed. *** Die Spässe des Hrn. John Falstaff sind nicht immer übersetzlich, weil sie sich gar zu oft auf Wortspiele gründen, wie hier, wo (government) und (govern) in einer ganz verschiednen Bedeutung genommen werden, die sich im Deutschen nicht recht ausdrüken ließ, und weswegen auch die Antwort des Prinzen nicht recht paßt.}

Prinz Heinrich. Du hast recht, und dein Gleichniß paßt nicht übel; das Glük von uns andern Mond-Rittern, nimmt immer ab und zu wie die See, weil es wie die See vom Mond beherrscht wird. Zum Exempel, ein Beutel mit Gold herzhaft weggeschnappt in lezter Montags-Nacht, wird wieder lüderlich durchgebracht am Dienstag-Morgen; mit Fluchen und (leg ab) gewonnen, mit Jauchzen und (bring herein) durchgewonnen; izt in einer so niedrigen Ebbe als der Fuß einer Leiter, und in einem Augenblik in einer so hohen Fluth als der Querbalken eines Galgens.

Falstaff. Meiner Six, du hast recht, Junge; und ist meine Wirthin in der Schenke nicht ein recht angenehmes Mensch?

Prinz Heinrich. Wie der Honig von Hybla, alter Junge; und ist nicht ein Wamms von Büffel ein recht angenehmes Stük Kleidung auf die Dauer?

Falstaff. Wie, was, was willt du damit sagen, närrischer Junge? Was gehen mich deine Sticheleyen und deine Quidditäten an? Was, Pestilenz! hab’ ich mit einem Wamms von Büffel zu thun?

Prinz Heinrich. Und was, schwere Noth! Hab ich mit meiner Wirthin in der Schenke zu thun?

Falstaff. Gut, hast du sie nicht oft und viel zum Abrechnen geruffen?

Prinz Heinrich. Hab ich dich jemals geruffen, daß du deinen Theil an der Zeche zahlen sollst?

Falstaff. Nein, die Gerechtigkeit muß ich dir wiederfahren lassen, du hast alles dort bezahlt.

Prinz Heinrich. Ja, und allenthalben, so lang mein Sekel reichte; und wenn er leer war, so hab ich meinen Credit gebraucht.

Falstaff. Das ist wahr, und so gebraucht, daß, wenn es nicht vermuthlich wäre, daß du der vermuthliche Erbe—Aber ich bitte dich, Närrchen, willt du auch noch einen Galgen in England stehen lassen, wenn du König bist? Willt du zugeben, daß ein resoluter Kerl von dem alten rostigen grotesken Popanz, Gesez, sich schicanieren lassen soll? Hänge mir ja keinen Dieb, wenn du König bist, das sag’ ich dir.

Prinz Heinrich. Das will ich auch nicht; du sollt sie hängen.

Falstaff. Ich? Unvergleichlich! Beym Sapperment! Ich will ein vortrefflicher Richter seyn.

Prinz Heinrich. Du verstehst mich nicht; ich meyne, du sollst in Person die Diebe hängen, und also ein vortrefflicher Henker werden.

Falstaff. Gut, Hal, gut; das wär’ ein Handwerk das sich zu meinem Humor so gut schikte, als bey Hof aufzuwarten, das kan ich dir sagen. Schlapperment! ich bin so schwermüthig wie ein Kater, oder wie ein Bär, den man bey den Ohren zieht.

Prinz Heinrich. Oder wie ein alter Löwe, oder wie eines Liebhabers Laute?

Falstaff. Ja, oder wie die Scharrpfeiffe in einem Lincolnschirer Dudelsak.

Prinz Heinrich. Was sagst du zu einem Hasen, oder zur Melancholey einer Koth-Lache?

Falstaff. Du hast Gleichnisse von schlimmem Geschmak; und du bist in der That der allerunvergleichlichste ausserordentliche Spizbube von einem artigen jungen Prinzen—Aber, Hall, ich bitte dich, plage mich nicht mehr mit solchen eiteln Dingen; ich wollte zu Gott, du und ich wüßten eine Gelegenheit, wo man gute Namen zu Kauff kriegen könnte; ein alter Lord aus dem Staats-Rath kriegte mich lezthin euertwegen auf der Strasse zu paken, Sir; aber ich gab nicht acht darauf was er sagte, ob er gleich sehr weislich sprach, und noch dazu auf der Strasse.

Prinz Heinrich. Du thatest wol, denn die Weisheit läßt ihre Stimme hören auf den Gassen, und niemand achtet ihr.

Falstaff. O du hast eine verdammte Anziehungs-Kraft, mein Seel, du könntest einen Heiligen verführen. Du hast mir viel böses gethan, Hal, Gott vergeb es dir. Eh ich dich kannte, Hal, wußt’ ich nichts; und izt bin ich, wenn einer die Wahrheit sagen wollte, wenig besser als einer von den Schlimmsten. Ich muß diß Leben aufgeben, und ich will es aufgeben; bey G***, wenn ich es nicht thue, so sey ich ein Hunds**! Ich will keinem Königssohn in der Christenheit zulieb zum T** fahren.

Prinz Heinrich. Wo wollen wir morgen einen Beutel rauben, Hans?

Falstaff. Wo du willt, Junge, ich mache mit; thue ichs nicht, so heisse mich einen Hunds** und gieb mir Maulschellen.

Prinz Heinrich. Die Beßrung deines Lebens geht gut von statten, wie ich sehe; nur erst Stoßseufzer, izt Strassenrauben.

Falstaff. Wie, Hal, das ist mein Beruf, Hal; es ist einem keine Sünde, in seinem Beruf zu arbeiten. He! wer kommt? Poins! Nun werden wir hören, ob Gadshill etwas ausfündig gemacht hat—O wenn die Leute aus Verdienst selig würden, welches Loch in der Hölle wäre heiß genug für diesen da!

Dritte Scene. (Poins zu den Vorigen),

Falstaff. Das ist der allgewaltigste Spizbube, der jemals einem ehrlichen Mann Halt! zugeruffen hat.

Prinz Heinrich. Guten Morgen, Ned.

Poins. Guten Morgen, mein lieber Hal. Was sagt Monsieur Gewissen? Was sagt Sir John Sect und Zukerhans? Wie habt ihr’s mit einander, du und der Teufel, wegen deiner Seele, die du ihm verwichnen Char- Freytag um ein Glas Madera-Wein und einen kalten Capaunen-Schenkel verkauft hast?

Prinz Heinrich. Sir John hält sein Wort; der Teufel soll seine Waare haben; ihr wißt daß er nie kein Sprüchwort gebrochen hat; er wird dem Teufel geben, was ihm gehört.

Poins. So wirst du verdammt, wenn du dem Teufel dein Wort hältst?

Prinz Heinrich. Sonst würde er verdammt, weil er den Teufel betrogen hätte.

Poins. Aber, meine Jungens, meine Jungens, morgen früh, um vier Uhr, nach Gadshill; es sind Pilgrims auf dem Weg, die mit reichen Opfern nach Canterbury, und Kauffleute die mit wohlgespikten Beuteln nach London gehen. Ich habe Visiere für euch alle, und ihr habt Pferde für euch selbst. Gadshill ligt diese Nacht zu Rochester, ich hab auf morgen Nachts ein Nacht-Essen in East-Cheap bestellt. Es ist eine Sache die wir so sicher thun können, als schlaffen; wenn ihr gehen wollt, so will ich euch eure Beutel mit Cronen voll stopfen; wollt ihr nicht, so bleibt da, und der Henker hole euch.

Falstaff. Hört ihr, Yedward; wenn ich daheim bleibe und nicht mit gehe, so will ich euch dafür hängen, daß ihr gegangen seyd.

Poins. Willt du das, Vielfraß?

Falstaff. Hal, willt du einer von uns seyn?

Prinz Heinrich. Wer, ich rauben? Ich, ein Dieb? Nein, bey meiner Treu!

Falstaff. Du hast weder Ehre noch Tapferkeit im Leibe, wenn du das thust; du willt deine guten Freunde so im Stich lassen? Meiner Six, du hast keinen Tropfen königliches Blut im Leib, wenn du nicht um zehn Schillinge das Herz hast zu ruffen: Halt!

Prinz Heinrich. So sey es dann, einmal in meinem Leben will ich ein Tollkopf seyn.

Falstaff. Nun, das heißt einmal brav gesprochen.

Prinz Heinrich. Nein, geh’ es wie es will, ich bleibe zu Hause.

Falstaff. Bey G** so will ich ein Verräther seyn, wenn du König bist.

Prinz Heinrich. Ich bekümmre mich nichts darum.

Poins. Sir John, ich bitte dich, laß den Prinzen und mich allein; ich will ihm solche Gründe vorlegen, daß er gewiß gehen soll.

Falstaff. Gut, mögest du den Geist der Ueberredung haben, und er Ohren zu hören, damit was du redest bewegen möge, und was er hört geglaubt werde. Lebet wohl indessen, ihr sollt mich in East-Cheap finden.

(Falstaff geht ab.)

Poins. Nun, mein lieber süsser Zuker-Prinz, reitet morgen mit mir. Ich hab einen Spaß im Kopf, den ich allein nicht ausführen kan. Falstaff, Bardolph, Peto und Gadshill sollen diese Leute berauben, auf die wir einen Anschlag gemacht haben; ihr und ich wollen nicht dabey zugegen seyn; wenn sie dann die Beute haben, und ihr und ich sie ihnen nicht abjagen, so haut diesen Kopf von meinen Schultern.

Prinz Heinrich. Aber wie werden wir von ihnen kommen, wenn wir mit ihnen ausreiten?

Poins. Wie? Wir wollen vor oder nach ihnen fort, und ihnen einen gewissen Plaz bestimmen, wo wir zusammentreffen wollen, und den können wir ja hernach verfehlen, wenn’s uns beliebt; und dann werden sie das Abentheuer allein unternehmen, und sobald sie damit fertig sind, so wollen wir über sie her.

Prinz Heinrich. Gut; aber es ist vermuthlich, daß sie uns an unsern Pferden, an unsern Kleidern, und an hundert andern Merkmahlen erkennen werden.

Poins. Für das ist schon Rath geschaft. Unsre Pferde sollen sie nicht sehen, denn die wollen wir im Wald anbinden; unsre Visiere wollen wir gegen andre verwechseln, wenn wir von ihnen weg sind; und, Sapperment! ich habe Ueberröke von Schetter im Vorrath, unter denen niemand unsre Kleider kennen soll.

Prinz Heinrich. Aber ich besorge, sie werden uns zu stark seyn.

Poins. O was das anbetrift, zween von ihnen kenne ich als ein Paar so ächt- gebohrne Memmen, als jemals den Rüken gewiesen haben; und was den dritten betrift, wenn der sich länger wehrt als recht ist, so will ich alles Gewehr verschwören. Der gröste Spaß von der Sache wird in den miraculosen Lügen bestehen, die dieser nemliche dike Spizbube uns vorsagen wird, wenn wir zum Nacht-Essen zusammen kommen; wie er es zum wenigsten mit dreyßig aufgenommen, was für Hiebe er bekommen, was für Gefahren er bestanden habe; und in der Art, wie wir ihn aller dieser Aufschneidereyen überweisen werden, ligt der Spaß.

Prinz Heinrich. Gut, ich will mit dir gehen; sorge für alles was wir nöthig haben, und erwarte mich auf morgen Nachts in East-Cheap. Leb’ wohl.

Poins. Lebet wohl, Milord.

(Poins geht ab.)

Prinz Heinrich. Ich kenne auch alle, und will noch eine Weile diesen zügellosen Humor eurer müßigen Lüderlichkeit in der Höhe halten; aber hierinn will ich die Sonne nachahmen, die den unedeln anstekenden Dünsten erlaubt, ihre Schönheit der Welt zu verbergen; damit, sobald es ihr gefällt, wieder sie selbst zu seyn, sie desto mehr bewundert werde, wenn sie, eine Zeitlang vermißt, auf einmal durch die faulen und häßlichen Wolken hervorbricht, welche sie zu erstiken geschienen hatten. Wenn das ganze Jahr aus lauter Fest-Tagen bestünde, so würde man des Feyerns so überdrüßig werden als des Arbeitens; sie sind nur erwünscht, weil sie selten kommen, und nichts gefällt mehr als seltne Dinge. So werde ich, wenn ich einst dieses ausgelaßne Wesen von mir werfe, und eine Schuld bezahle die ich nie versprochen habe, die Besorgnisse der Leute um so mehr zuschanden machen, je besser ich seyn werde als mein Wort. Und gleich einem glänzenden Edelstein auf einem dunkeln Grund, wird meine Verbesserung, meine Fehler überschimmernd, schöner scheinen, und mehr Augen auf sich ziehen, als ein Leben, das keine Folie hat, wodurch es erhoben wird.

(Er geht ab.)

Vierte Scene. (Verwandelt sich in einen Saal des königlichen Palasts.) (König Heinrich, Northumberland, Worcester, Hot-Spur, Sir Walter Blunt, und andre treten auf.)

König Heinrich. Mein Blut ist zu kalt und zu milde gewesen, daß es bey einem so unanständigen Betragen nicht aufwallte; ihr habt meine schwache Seite gefunden, und tretet deßwegen meine Geduld mit Füssen; aber versichert euch, ich will künftighin mehr seyn, was meine Würde, als was meine Gemüthsart fordert, die zu sanft und milde gewesen ist, und deßwegen die Ehrfurcht verlohren hat, die eine stolze Seele nur dem Stolzen bezahlt.

Worcester. Unser Haus, Gnädigster Herr verdienet wahrlich nicht daß die Geissel der Grösse gegen selbiges gebraucht werde, und dazu noch eben dieser Grösse, die unsre eigne Hände so stattlich zu machen geholfen haben.

Northumberland. Mein Gnädigster Herr—

König Heinrich. Worcester, entferne dich; ich sehe Ungehorsam und Drohung in deinen Augen. O Sir, eure Mine ist zu kühn und zu entschlossen, und die Majestät kan unmöglich trozbietenden Stolz auf der Stirne eines Unterthanen dulden. Ihr habt Erlaubniß uns zu verlassen. Wenn wir euern Rath oder eure Dienste nöthig haben, werden wir euch ruffen lassen.

(Worcester geht ab.)

Ihr wolltet ja reden—

(Zu Northumberland.)

Northumberland. Ja, mein Gnädigster Herr; diese Gefangne die in Eu. Majestät Namen abgefordert wurden, und die Heinrich Percy zu Holmedon gemacht hat, sind, wie er sagt, nicht so schlechterdings verweigert worden, wie man Euer Majestät berichtet hat. Entweder Mißgunst oder Mißverständniß ist dieses Vergehens schuldig, nicht mein Sohn.

Hot-Spur. Mein Gnädigster Herr, ich versagte keine Gefangne; aber dessen erinnre ich mich, wie die Action zu Ende war, und ich, ganz aufgetroknet von Hize und Arbeit, athemlos und abgemattet auf mein Schwerdt mich lehnte, da kam ein gewisser junger Herr, nett, zierlich aufgepuzt, frisch wie ein Bräutigam, und sein kürzlich abgeschohrnes Kinn sah aus wie ein Stoppeln-Feld im Herbst. Er war parfumirt wie ein Specerey-Krämer, und hielt zwischen seinem Finger und seinem Daumen eine Schnupf-Büchse, die er alle Augenblike vor die Nase hielt; immer hatte er was zu lächeln und zu schwazen; und wie die Soldaten todte Körper vorbey trugen, hieß er sie ungezogne Flegel, eine so unsaubre und unartige Bürde zwischen den Wind und seine Adeliche Person zu bringen. Er fragte mich mit einem Strom von Sonntags- und Frauenzimmer-Redensarten nach hundert Sachen, und forderte mir endlich auch, zu Handen Eurer Majestät meine Gefangnen ab. Ich, den meine Wunden überall schmerzten, und verdrießlich darüber, daß mich ein solcher Papagay zur Unzeit übertäuben sollte, antworte ihm im Unmuth und in der Ungeduld, ich weiß nicht was; er sollte sie haben, oder er sollte sie nicht haben; denn es machte mich toll, etwas das einem Mann ähnlich sah, vor mir zu sehen, das von so vielen Farben schimmerte, und so süß roch, und von Flinten und Trummeln und Wunden so Kammerfräulein-mäßig redte, und mir sagte, für eine innerliche Quetschung sey kein unfehlbarers Mittel als Spermacet, und es sey recht zu bedauren, sey es, daß dieser verfluchte Salpeter aus den Eingeweiden der unschuldigen Erde hervorgegraben worden sey, der so viele brave wolgewachsene Leute so elendiglich umgebracht habe: Und wenn nur diese nichtswürdigen Flinten nicht wären, so würde er selbst ein Soldat geworden seyn— Auf alles dieses sein kühles, unzusammenhängendes Geplauder gab ich also, Gnädigster Herr, nur obenhin Antwort wie ich sagte; und ich bitte euch, laßt seinen Bericht nicht die Gültigkeit einer Anklage gegen einen Mann haben, der eurer Majestät so ergeben ist als ich.

Blunt. Die Umstände in Ueberlegung gezogen, Gnädigster Herr, so könnte alles was Harry Percy damals zu so einer Person, an so einem Ort, und in so einer Zeit gesagt haben möchte, billiger Maassen für todt und abgethan gehalten, und nimmer zu seinem Nachtheil wieder erwähnt werden. Denn was er damals sagte, dem entsagt er ja izo wieder, wie ihr seht.

König Heinrich. Wie, und doch weigert er sich seine Gefangnen auszuliefern, ausser mit der Bedingung, daß wir seinen Schwager, den närrischen Mortimer, unverzüglich auf unsre eigne Unkosten auslösen sollen; ihn, der geflissentlich das Leben aller derjenigen aufgeopfert hat, die er gegen diesen Zauberer, diesen verdammten Glendower anführte, dessen Tochter, wie wir hören, Mortimer kürzlich geheurathet hat. Sollen unsre Kisten etwann ausgeleert werden, um einen Verräther heimzukauffen? Nein, auf den nakten Wallischen Bergen laßt ihn verhungern; nimmer werd’ ich den Mann für meinen Freund halten, dessen Zunge von mir nur den Aufwand eines Pfennigs verlangt, den aufrührischen Mortimer auszulösen.

Hot-Spur. Den aufrührischen Mortimer? Das veränderliche Glük des Kriegs, nicht sein Wille, hat ihn in die Hände der Feinde fallen lassen, Gnädigster Herr; und zum Beweiß daß dieses die Wahrheit sey, braucht es keine andre Zeugen, als alle diese Wunden, die er empfieng, da er an dem beschilften Strande des anmuthigen Severns, in einzelnem Kampf, Stirne gegen Stirne, den grösten Theil einer Stunde lang den furchtbaren Glendower aufhielt. Dreymal ruhten sie, um wieder zu Athem zu kommen, dreymal tranken sie, auf Verabredung, vom Wasser des schnellen Severns, der, von ihren blutigen Bliken erschrekt, angstvoll zwischen seinem zitternden Schilfrohr fortrann und sein krauses Haupt im holen Ufer verbarg, vom Blut dieser muthigen Kämpfer beflekt. Niemals hat unedle heuchlerische Verrätherey ihren Anschlägen mit so tödtlichen Wunden eine Farbe angestrichen; so großmüthig verschwendet kein Verräther sein Blut. Gestattet also nicht, Gnädigster Herr, daß der edle Mortimer durch eine so unverdiente Beschuldigung entehrt werde.

König Heinrich. Du lügst zu seinem Vortheil, Percy, du lügst; Niemals ist er mit Glendower ins Handgemeng gekommen; er hätte eben so viel Muth gehabt, es mit dem Teufel aufzunehmen, als mit Owen Glendower. Schämst du dich nicht, solche Dinge vorzugeben? Aber, beym Himmel! von dieser Stund an laßt mich nicht mehr von Mortimer reden hören. Schikt mir eure Gefangnen durch die schleunigste Veranstaltung, oder ihr sollt Nachrichten von mir bekommen, die euch nicht gefallen werden—Milord Northumland, wir erlauben euch mit euerm Sohn abzureisen. Eure Gefangnen, oder ihr sollt mehr von mir hören.

(König Heinrich geht ab.)

Hot-Spur. Und wenn der Teufel käme und sie mir abheulen wollte, so schik’ ich sie nicht. Ich will ihm nach, und ihm das sagen; ich muß meinem Herzen Luft machen, und wenn es mit Gefahr meines Kopfs wäre.

Northumberland. Wie? von Zorn trunken? Verziehe noch einen Augenblik, hier kommt dein Oheim. (Worcester zu den Vorigen.)

Hot-Spur. Nicht mehr von Mortimer reden? Aber ich will von ihm reden, und möge meine Seele keine Gnade im Himmel finden, wenn ich mich nicht zu ihm schlage. Entweder will ich alle diese Adern ausleeren, und mein Herzensblut, Tropfen für Tropfen in den Staub hingiessen, oder ich will den zu Boden getretnen Mortimer so hoch in die Luft emporheben als diesen König, diesen undankbaren gefühllosen übermüthigen Bolingbroke.

Northumberland. Bruder, der König hat euern Neffen unsinnig gemacht.

Worcester. Wer brachte ihn denn in Hize, wie ich fortgegangen war?

Hot-Spur. Er will mit Gewalt meine Gefangnen haben, und wie ich darauf bestund, daß er meinen Schwager auslösen sollte, da erblaßt’ er wie eine Leiche, indem er mich ansah, und zitterte vor dem blossen Namen Mortimer.

Worcester. Ich kan’s ihm nicht verdenken. Wurde nicht Mortimer von Richarden, der nun todt ist, als der nächste Thronfolger erklärt?

Northumberland. Das wurde er; ich war bey der Ausruffung zugegen, es geschah zu eben der Zeit, da der unglükliche König (dessen erlidtnes Unrecht uns Gott verzeihen wolle!) gegen die Irländischen Rebellen auszog; von denen er, durch Englands Aufstand abgeruffen, zurük kehrte, um abgesezt, und bald hernach ermordet zu werden.

Worcester. Eine That, die uns in den Augen der ganzen Welt entehrt, und zum Abscheu gemacht hat.

Hot-Spur. Aber sachte, ich bitte euch—König Richard erklärte also meinen Bruder Mortimer zum Thronfolger?

Northumberland. Er that es, meine eigne Ohren haben es gehört.

Hot-Spur. Nun, so kan ich den König, seinen Vetter, nicht verdenken, daß er ihn auf den kahlen Bergen verhungert zu sehen wünschte. Aber soll es dann seyn, daß ihr, welche die Crone auf den Kopf dieses undankbaren Mannes seztet, und um seinetwillen den verhaßten Fleken der Verrätherey und des Meuchelmords tragt; soll es seyn, daß ihr eine Welt voll Flüche auf euch nehmen wollt, um die Werkzeuge, die verächtlichen Werkzeuge, die Strike, die Leiter und der Henker eines Bolingbroks zu seyn? (O! vergebet mir, daß ich so schändliche Benennungen gebrauchen muß, um den Mißbrauch anzuzeigen, den dieser listige König von euch macht.) Und soll es, o Schande! soll in unsern Tagen gesagt, und in Jahrbücher auf künftige Zeiten gebracht werden, daß Männer von eurer Geburt und Macht sich, (wie ihr beyde, Gott vergeb’ es euch! gethan habt,) zu einer so ungerechten Sache verbunden haben, als diese war, Richarden, diese anmuthige liebliche Rose, zu Boden zu treten, und diesen Dornbusch, Bolingbrok, an seine Stelle zu pflanzen? Soll es zu eurer noch grössern Schande gesagt werden, daß ihr von demjenigen, für welchen ihr dieser Schande euch unterzogen, zur Belohnung mißhandelt, geäffet und verächtlich auf die Seite geworffen worden? Nein, es ist noch Zeit, eure verbannte Ehre wieder zu lösen, und euch in die gute Meynung der Welt wieder einzusezen. Rächet euch, rächet die Beleidigungen dieses übermüthigen Königs, der Tag und Nacht nur darauf denkt, wie er die Schuld, die er euch eingestehen muß, mit euerm Tod bezahlen wolle. Ich sage also—

Worcester. Nein, Vetter, saget nichts mehr. Es ist nun an mir, euch Geheimnisse von tiefem und gefahrvollem Inhalt zu entfalten, so gefährlich, und verwegen als es wäre, auf der schwachen Brüke eines Speers über einen lautheulenden Waldstrom zu gehen.

Hot-Spur. Fällt er hinein, gute Nacht. Entweder schwimmen oder untergehen— Sendet Gefahr von Osten gegen Westen, so soll Ehre von Norden gegen Süden sie durchkreuzen, und dann laßt sie sich mit einander herumbalgen—O! das Blut wallt feuriger einen Löwen aufzuweken, als den Lauf einer Hindin zu beflügeln.

Northumberland. Der Gedanke irgend einer grossen Unternehmung treibt ihn über die Grenzen der Geduld.

Hot-Spur. Beym Himmel, mich däucht, es wäre nur ein leichter* Sprung, die glänzende Ehre von dem blaßwangichten Mond herab zu reissen, oder sich in die Tieffe eines bodenlosen Abgrunds hinab zu täuchen, und die ertrunkne Ehre bey den Haaren herauf zu ziehen, wenn der Genuß ihrer Vorzüge mit keinem Nebenbuhler getheilt, der Preiß einer solchen Unternehmung wäre.

{ed. * Hr. Warburton erinnert sich hiebey einer Stelle des Euripides, worinn dieser vortreffliche Mahler der Leidenschaften dem Eteocles den nemlichen Gedanken in den Mund legt: Mutter, ich gesteh es unverhohlen, ich stiege dort wo die Sonne hervor geht über die Sterne hinauf, oder hinab in den Abgrund der Erde, wenn es möglich wäre, der Götter unumschränkten Thron zu bekommen. S. 262 des 1sten Theils des Euripides, nach der Uebersezung des Hrn. Professor Steinbrüchels.}

Worcester. Mein lieber Vetter, hört mir einen Augenblik zu, wenn es die Lebhaftigkeit eurer Gemüths-Bewegung erlaubt.

Hot-Spur. Ich bitte euch um Vergebung.

Worcester. Eben diese edlen Schotten, die eure Gefangnen sind—

Hot-Spur. Ich will sie alle für mich behalten; beym Himmel, er soll keinen einzigen haben, kein Haar von einem Schotten, und wenn dieses Haar seine Seele erlösen könnte; ich will sie behalten, bey dieser Hand!

Worcester. Ihr rennt immer fort, und hört mich nicht an; ihr sollt ja diese Gefangnen behalten.

Hot-Spur. Das will ich auch; dabey bleibts. Er sagte, er wolle den Mortimer nicht auslösen; er verbot mir von Mortimer zu reden; aber ich will ihn ausfinden, wenn er schläft, und ihm in sein Ohr hallen: Mortimer! Ich will einen Staaren abrichten lassen, daß er nichts als Mortimer ruffe, und will ihm den Staaren geben, um seinen Zorn immer in Athem zu erhalten.

Worcester. Hört doch, Vetter, nur ein Wort.

Hot-Spur. Hier verschwör ich feyrlich alle andre Gedanken, als wie ich diesen Bolingbroke quälen und tollmachen wolle. Und was diesen eisenfresserischen Prinzen von Wales betrift, dächt’ ich nicht, es würde seinem Vater lieb seyn, wenn ihm ein Unglük begegnete, er sollte mir mit einem Krug Weißbier vergiftet werden.

Worcester. Lebt wohl, Neffe; ich will mit euch reden, wenn ihr besser im Stande seyd, zuzuhören.

Northumberland. Wie, was für ein wespen-züngichter, ungeduldiger Narr bist du, in diesen weibischen Humor auszubrechen, und niemand hören zu wollen als dich selbst?

Hot-Spur. Wie? seht ihr, mir ist, als ob ich mit Ruthen gehauen, mit Nesseln gepeitscht und von Ameisen gestochen werde, wenn ich nur den Namen dieses schändlichen falschen Bolingbroke höre. Zu Richards Zeiten— Wie hieß doch der Ort?—daß ihn die Pest!—er ligt in Glocester- Schire—es war wo der hirnlose Herzog seinen Oheim ins Garn lokte, seinen Oheim York—wo ich meine Knie zum erstenmal vor diesem König der Liebkosungen, vor diesem Bolingbroke bog; wie ihr und er von Ravenspurg kam’t.

Northumberland. Zu Berkley-Castle.

Hot-Spur. Dort war es; ha! was für eine Menge überzükerte Complimente machte mir damals dieser schwänzelnde Windhund vor! Wenn sein unmündiges Glük zu Jahren gekommen seyn würde—und edler Harry Percy, und liebster Vetter—Der Teufel hole solche Schmeichler!—Gott verzeih’ mir’s! Guter Oheim, sagt izt was ihr wollt, ich bin fertig.

Worcester. Nein, wenn ihr noch nicht fertig seyd, so macht nur fort, wir wollen warten, bis es euch gelegen ist.

Hot-Spur. Ich bin fertig, auf meine Ehre.

Worcester. So wollen wir wieder zu unsern Schottischen Gefangnen. Gebt sie unverzüglich ohne Lösegeld frey, und bedient euch dieses Sohns des Dowglas, um ein Heer in Schottland zusammen zu bringen, welches, um verschiedner Ursachen willen, die ich euch schriftlich zuschiken will, euch ohne Mühe zugestanden werden wird. Ihr, Milord von Northumberland, schleichet euch, indeß daß euer Sohn in Schottland beschäftigt ist, in das Vertrauen dieses edlen und beliebten Prälaten ein, des Erzbischoffs—

Hot-Spur. Von York, nicht wahr?

Worcester. Ja, der den Tod seines Bruders, des Lord Scroop, zu Bristol, sehr hart empfindt. Ich rede nicht aus blosser Vermuthung, was vielleicht geschehen könnte; sondern von einer Sache, die schon entworffen, beschlossen und verabredet ist; von einer Sache, die nur auf eine solche Gelegenheit wartet, um zum Ausbruch zu kommen.

Hot-Spur. Ich rieche was; bey meinem Leben, es muß gut gehen!

Northumberland. Wie voreilig du bist!

Hot-Spur. Es kan unmöglich anders als ein edler Entwurf werden! Und dann sollen sich die Schottische Macht, und Yorks Anhang mit Mortimer vereinigen, ha!

Worcester. Das sollen sie.

Hot-Spur. In der That, das ist über die Maassen wol ausgesonnen.

Worcester. Die Ursache ist nicht gering, die uns so schleunig als es möglich ist, unsre Köpfe emporzuheben befiehlt, wenn wir sie retten wollen. Denn so niedrig wir sie immer tragen möchten, so wird der König doch immer denken, daß er unser Schuldner sey; und daß wir uns nicht eher für befriedigt halten werden, bis er seine Schuld heimgezahlt habe. Ihr seht ja bereits, wie er uns je länger je mehr von seinem Vertrauen und von seiner Zuneigung entfernt.

Hot-Spur. Das thut er, das thut er; wir wollen Rache an ihm nehmen.

Worcester. Vetter, lebt wohl. Geht nicht weiter in dieser Sache, als ich euch durch meine Briefe anweisen werde. Wenn die Zeit reif seyn wird, und das wird bald seyn, dann will ich in Geheim zu Glendower und Mortimer mich begeben, wo ihr und Dowglas und unsre Völker, auf meine Veranstaltungen, glüklich zusammen kommen sollen, um unser Glük, das izt an einem Faden hängt, in unsern eignen starken Armen zu tragen.

Northumberland. Lebet wohl, Bruder; ich habe die beste Hoffnung, daß alles gut von statten gehen werde.

Hot-Spur. Lebt wohl, Oheim; O laßt die Stunden eilen, bis im blutigen Schlachtfeld das Klirren der Schwerdter und das Aechzen der Sterbenden mein belustigtes Ohr umtönt.

Zweyter Aufzug.

Erste Scene. (Ein Wirthshaus bey Rochester.) (Ein Fuhrmann tritt mit einer Laternen in der Hand auf, ruft dem Hausknecht, und giebt ihm eine Commißion wegen seines Pferds; ein andrer Fuhrmann kommt dazu, und die Flöhe in diesem Wirthshaus, worüber beyde sich beklagen, geben Anlas zu einer kleinen Unterredung im fuhrmännischen Geschmak, worinn, daß dich die Pest! und, geh’ an Galgen, die schönsten Blümchen sind. Gadshill, einer aus des Prinzen von Wales Bande, kommt dazu, und erkundigt sich mit guter Manier bey ihnen, wenn die Reisende, mit denen sie in diesem Wirtshaus angekommen, nach London abzugehen gedenken.)

Zweyte Scene. (Ein kleines Gespräch zwischen Gadskill und einem Bedienten im Wirthshaus, welches, ausser den Nachrichten, die der leztere dem ersten von den Passagiers im Hause giebt, in einer Art von Wizwechsel besteht, wovon der Uebersezer bekennt, daß es ihm unmöglich fällt, die deutsche Sprache damit zu bereichern. Diejenige, welche vielleicht glauben, daß er diese Unmöglichkeit mit etwas weniger Trägheit hätte überwinden können, mögen sich zur Probe an den sinnreichen Wörtern:) long-staff-six-penny-strikers(, und) Mustachiopurple-hued-malt-worms (üben; und wenn ihnen auch diese nicht zu schwer seyn sollten, so werden sie doch gestehen, daß die unsaubern Wortspiele, die einen Theil dieser Scene ausmachen, unübersezlich sind. Das beste ist, daß der Leser nicht einen einzigen gesunden Gedanken, oder guten Einfall dabey verliehrt. Man mag aus dem was wir übersezen, den Schluß auf dasjenige machen, was wir auslassen müssen.)

Dritte Scene. (Verwandelt sich in die Landstrasse.) (Prinz Heinrich, Poins und Peto treten auf.)

Poins. Kommt, verbergt euch, verbergt euch; ich habe Falstaffs Pferd auf die Seite gethan, und er murrt wie ein gummierter Sammet.

Prinz Heinrich. Halt dich ruhig. (Falstaff tritt auf.)

Falstaff. Poins, Poins! daß du gehangen wärst! Poins!

Prinz Heinrich. Still, du fettnierichter Spizbube, was für ein Geheul machst du da?

Falstaff. Wie, Poins! Hal!

Prinz Heinrich (zu Poins.) Er ist auf den Hügel hinauf gegangen, ich will geh’n und ihn aufsuchen.

Falstaff (auf einer andern Seite.) Das ist meine Straffe davor, daß ich in dieses Diebs Gesellschaft raube; der Raker hat mir mein Pferd auf die Seite gethan, der Henker weiß wo hin. Wenn ich nur noch vier Quadrat-Schuhe weiter zu Fuß gienge, so würd’ ich mir den Blasebalg zersprengen. Gut, ich zweifle nicht, daß ich eines schönen Tods für alles diß sterben werde, in so fern ich dem Galgen entgehe, wenn ich diesen Spizbuben todtschlage. Ich habe diese zwey und zwanzig Jahre her seine Gesellschaft stündlich verschworen, und doch bin ich immer mit dem Galgenstrik behext. Ich will gehangen seyn, wenn mir der Raker nicht einen Liebes-Trank eingegeben hat; es kan anders nicht seyn; ich hab’ einen Liebes-Trank bekommen. Poins! Hal! Daß ihr die Pest hättet! Bardolph! Peto! Ich will verhungern, wenn ich einen Schritt weiter stehle. Wenn es nicht eine so gute That wär’ als ein Glas Bier auszutrinken, wenn ich ein ehrlicher Mann würde und diese Galgenschwengel verliesse, so will ich der ausgemachteste Halunke seyn, der jemals mit Zähnen gekäut hat. Acht Ellen unebner Grund ist siebenzig Meilen für mich, wenn ich zu Fuß gehen muß. Das hol der Henker, wenn Diebe nicht einmal ehrlich an einander seyn können!

(Er hört sie flüstern.)

He! daß euch die Pestilenz alle mit einander! Gebt mir mein Pferd, ihr Schelme, gebt mir mein Pferd, und geht an den Galgen.

Prinz Heinrich. Schweige, du Schmeer-Bauch, lieg nieder, leg dein Ohr hart an den Boden, und horch, ob du nicht den Fußtritt von Reisenden hören kanst.

Falstaff. Habt ihr ein paar Hebel, oder etliche, daß ihr mich wieder aufheben könnt, wenn ich einmal liege? Sapperment! Ich wollte um alles Geld in deines Vaters Schazkammer, mein eigen Fleisch nicht noch einmal so weit zu Fuß tragen. Was zum T** meynt ihr damit, daß ihr mich so vexiert—Ich bitte dich, Prinz Hal, hilf mir zu meinem Pferd, guter Königs-Sohn.

Prinz Heinrich. Weg, du Schurke! Soll ich dein Stallknecht seyn?

Falstaff. Geh, und häng dich selbst an deinen eignen Cronprinzlichen Kniebändern auf. Wenn ich ertappt werde, so will ich euch für diesen Streich bezahlen; ich will reden was ich weiß, das glaubt mir. Wenn ich’s nicht dahinbringe, daß man Gassenhauer auf euch macht, und sie im Ton von H**liedern in den Strassen singt, so möge ein Becher mit Sect mein Gift seyn! Wenn man einen Spaß so weit treibt, und noch dazu zu Fuß! Ich haß’ es! (Gadshill und Bardolph zu den Vorigen.)

Gadshill. Steh!

Falstaff. Das thue ich, wieder meinen Willen.

Poins. O, es ist unser Spion, ich kenn’ ihn an der Stimme. Bardolph, was giebts Neues?

Bardolph. Maskirt euch, maskirt euch, zieht eure Visiere herab: es kommt dort Geld für den König vom Hügel herunter, Geld, das in des Königs Schazkammer geht.

Falstaff. Du lügst, du Spizbube, es geht in des Königs Wirthshaus.

Gadshill. Es ist genug, uns alle—(reich zu machen).

Falstaff. An den Galgen zu bringen.

Prinz Heinrich. Ihr Herren, stellt ihr Viere euch ihnen vorn in dem holen Weg entgegen; Ned Poins und ich wollen tiefer herunter gehen; wenn sie euch entrinnen, so fallen sie doch uns in die Hände.

Peto. Aber wie viel sind ihrer?

Gadshill. Ihrer acht oder zehen.

Falstaff. Sakerlot! So werden sie ja uns berauben.

Prinz Heinrich. Was Sir Hans Wanst für eine Memme ist!

Falstaff. In der That, ich bin nicht Hans von Gaunt, euer Großvater, aber doch auch keine Memme, Hal.

Prinz Heinrich. Gut, wir wollen’s auf die Probe ankommen lassen.

Poins. Holla, Jak, dein Pferd steht hinter dem Zaun dort: wenn du’s nöthig hast, so wirst du’s dort finden. Lebt wohl und haltet euch wohl!

Prinz Heinrich (zu Poins leise.) Ned, wo sind unsre Ueberkleider?

Poins. Hier, hart an uns; Laßt euch ja nicht sehen.

(Sie gehen auf die Seit.)

Falstaff. Nun, meine Herren, ein jeder an seine Arbeit, wer das beste kriegt, der hat’s!

Vierte Scene. (Einige Reisende treten auf.)

Reisende. Kommt, Nachbar; der Junge soll unsre Pferde den Hügel herunter führen; wir wollen eine Weile zu Fuß gehen, um eine Veränderung zu machen.

Die Diebe. Halt!

Reisende. Gott helf uns!

Falstaff. Schlagt zu; nieder mit ihnen, schneidet den Lumpenhunden die Hälse ab, ha! Ihr verfluchtes Ungeziefer, ihr Schlingel von Spekfressern; sie sind unsre Feinde, zu Boden mit ihnen, zieht sie aus.

Reisende. O wir sind verlohren, wir und die unsrigen auf immer.

Falstaff. An den Galgen, ihr dikbauchichten Schurken, seyd ihr verlohren? Nein, ihr fetten Lümmel, ich wollt’ euer ganzer Vorrath wäre hier; nieder, ihr Spekseiten etc.

(Sie binden und berauben die Reisenden, und gehen ab.)

(Prinz Heinrich und Poins treten auf.)

Prinz Heinrich. Die Diebe haben die ehrlichen Leute gebunden; wenn izt du und ich die Diebe berauben, und mit der Beute im Triumph nach London ziehen könnte, das wäre eine Materie für eine Woche, ein Gelächter für einen Monat, und ein Spaß für immer.

Poins. Sachte, ich höre sie kommen. (Die Diebe kommen zurük.)

Falstaff. Kommt, meine Herren, wir wollen theilen, und dann zu Pferde, eh der Tag anbricht. Wenn der Prinz und Poins nicht zwo ausgemachte Memmen sind, so ist keine Billigkeit mehr in der Welt. Dieser Poins hat nicht mehr Herz als eine wilde Ente.

(Indem sie theilen, werden sie von dem Prinzen und Poins überfallen.)

Prinz Heinrich. Euer Geld!

Poins. Ihr Galgenschwengel!

(Die Diebe rennen fort, und Falstaff, nachdem er einen oder zween Streiche bekommen, läuft auch davon, und läßt die Beute dahinten.)

Prinz Heinrich. Das hat nicht viel Mühe gekostet. Nun lustig zu Pferd; die Diebe sind zerstreut, und in einen so grossen Schreken gesezt, daß sie das Herz nicht haben, sich wieder zu sammeln; ein jeder hält den andern für einen Gerichtsdiener. Hinweg, guter Ned. Wie wird der arme dike Falstaff izt schwizen! Wenn ich nicht lachen müßte, ich könnte Mitleiden mit ihm haben.

(Sie gehen ab.)

Fünfte Scene. (Lord Percys Haus.) (Hot-Spur tritt allein auf, einen Brief lesend.)

Hot-Spur. “Was mich selbst betrift, Milord, so könnt ich um der Freundschaft willen, die ich gegen euer Haus trage, wünschen, dort zu seyn.” Er könnte wünschen dort zu seyn; warum ist er denn nicht dort? “Um der Freundschaft willen, die er gegen unser Haus trägt.” Es zeigt sich aus diesem, daß er seinen eignen Speicher mehr liebt als unser Haus. Laßt doch weiter sehen: “Euere Unternehmung ist gefährlich.” Das wissen wir; es ist gefährlich einen Schnuppen zu kriegen, zu schlaffen, zu trinken; aber laßt euch sagen, Milord Hasenfuß, daß wir aus dieser Nessel-Gefahr, die Blume, Sicherheit, pflüken wollen. “Eure Unternehmung ist gefährlich, die Freunde, die ihr nennt, sind ungewiß, die Zeit selbst ist unschiklich, und euer ganzer Entwurf zu leicht, einem so mächtigen Widerstand das Gegengewicht zu halten.” Sagt ihr das, sagt ihr das? So sag ich euch wieder zurük, daß ihr eine schüchterne feige Hindin seyd, und daß ihr lügt. Wo hat denn der Mann sein Hirn? Bey G**! Unser Entwurf ist ein so guter Entwurf als jemals einer gemacht worden ist; unsre Freunde sind zuverläßig und standhaft; ein guter Entwurf, gute Freunde, und von denen man sich alles versprechen kan; ein vortrefflicher Entwurf und recht gute Freunde! Was für ein kaltherziger Schurke das ist! Wie? Milord von York billigt und begünstigt das Vorhaben selbst und den Entwurf, und diese Memme hier—Bey meiner Hand, wär’ ich bey ihm, ich könnte ihm mit seiner Frauen Luftfächer das Hirn ausschlagen. Ist nicht mein Vater, mein Oheim und ich selbst dabey? Lord Edmund Mortimer, Milord von York, und Owen Glendower? Ist nicht Dowglas dabey? Hab’ ich nicht von ihnen allen Briefe, daß sie auf den neunten dieses Monats ihre Waffen mit den meinigen vereinbaren wollen? Sind nicht einige von ihnen würklich schon ausgerükt? Was für ein verdammter Schurke ist das! Ha, ihr werdet nun sehen, daß er in der Aufrichtigkeit seiner Zagheit und seines kalten Bluts zum Könige gehen, und unser ganzes Vorhaben entdeken wird. O ich könnte mich selbst in zwey spalten, daß ich eine solche Schüssel voll geschwungne Milch in eine so edle Unternehmung habe einmengen wollen. An den Galgen mit ihm, er mag es dem König sagen. Wir sind gerüstet, ich will diese Nacht noch vorrüken.—

Sechste Scene. (Lady Percy zu Hot-Spur.)

Hot-Spur. —Was giebt’s, Käthe? Ich muß dich in zwo Stunden verlassen.

Lady. O mein liebster Lord, warum seyd ihr so allein? Wegen was für eines Verbrechens ist eure Gemahlin diese Nacht von ihres Harrys Bette verbannt worden? Sage mir, mein Liebster, was ist es, das dir deinen Appetit, dein Vergnügen und deinen Schlaf raubt? Warum heftest du deine Augen auf den Boden? Warum fährst du so oft auf, wenn du allein sizest? Warum hast du die frische Farbe deiner Wangen verlohren? Und warum giebst du mein Kleinod, meine Rechte an dich, der trübsinnigen Schwermuth preiß? Unter deinem unruhigen Schlummer hab ich an deiner Seite gewacht, und dich von Krieg und Schlachten murmeln gehört; du redtest mit deinem Pferde, oder rieffest, (Courage! Zum Treffen!) Du redtest von Ausfällen und Rükzügen; von Laufgräben, Zelten, Palisaden, Schanzen, Brustwehren, Carthaunen, Canonen, Feldschlangen, von Ranzionen der Gefangnen, und von erschlagnen Soldaten—Deine Seele war so sehr mit kriegrischer Arbeit beschäftigt, und hat selbst im Schlaf dich in eine so große Bewegung gesezt, daß grosse Schweißtropfen auf deiner Stirne gestanden, und die Muskeln deines Gesichts aufgelauffen sind, wie wir an Leuten sehen, denen vor allzuhastiger Bewegung der Athem zurück bleibt. O! was für schrekenvolle Zeichen sind das! Ihr habt irgend ein schweres Geschäfte vor euch, und ich muß es wissen, oder ihr liebt mich nicht. (Ein Bedienter kommt herein.)

Hot-Spur. He! ist Willhelm mit dem Paquet abgegangen?

Bedienter. Ja, Milord, schon vor einer Stunde.

Hot-Spur. Hat der Kellner diese Pferde vom Scheriff gebracht?

Bedienter. Eines, Milord, bracht’ er eben izt.

Hot-Spur. Was für eines? Den Rothschimmel, mit den gestuzten Ohren, nicht wahr?

Bedienter. Ja, Gnädiger Herr.

Hot-Spur. Dieser Rothschimmel soll mein Thron seyn. Gut, ich will ihn gleich besteigen. (O Esperance!)* Führte ihn der Kellner in den Parc?

{ed. * Dieses französische Wort ist vermuthlich da, damit es die Lady Percy nicht verstehen solle.}

Lady. Aber höret, Milord—

Hot-Spur. Was willt du sagen, Milady?

Lady. Was führt euch dann weg?

Hot-Spur. Wie? Mein Pferd, Liebe, mein Pferd.

Lady. Weg mit dir, du tollköpfiger Affe! Eine Wiesel hat nicht so viel Spleen als ihr—Bey meiner Treue, ich will euer Geschäfte wissen, das will ich. Ich fürchte mein Bruder Mortimer geht damit um, seinen Anspruch gelten zu machen, und verlangt euern Beystand; aber wenn ihr geht—

Hot-Spur. Soweit zu Fuß zu gehen, würde mich müde machen, Liebe.

Lady. Kommt, kommt, ihr kleiner Papagay, antwortet mir geradezu auf das was ich euch frage. Ich breche dir deinen kleinen Finger ab, Harry, wenn du mir nicht die ganze Wahrheit gestehst.

Hot-Spur. Weg, weg, kleiner Kindskopf—Lieben! Ich liebe dich nicht, ich denke nicht an dich, Käthe; es ist izt keine Zeit mit Puppen zu spielen, und mit Lippen zu fechten. Izt ist es um blutige Nasen, und gespaltete Hirnschädel zu thun—Was sagst du, Käthe? Was willt du von mir?

Lady. Liebt ihr mich dann nicht mehr? In der That nicht. Gut, so thut es nicht. Denn wenn ich nicht mehr verdiene, von euch geliebt zu werden, so bin ich auch nicht werth, daß ich mich selbst liebe. Liebt ihr mich nicht? Nein, sag mir’s, redst du im Scherz oder nicht?

Hot-Spur. Komm, willt du mich reiten sehen? Wenn ich zu Pferd bin, dann will ich schwören, daß ich dich unendlich liebe. Aber hörst du, Käthe, du mußt mich nicht weiter ausfragen, wohin ich gehe; noch Muthmassungen anstellen, warum? Wohin ich muß, muß ich, und um es kurz zu machen, diesen Abend müssen wir scheiden, liebste Käthe. Ich weiß daß du verständig bist, aber doch nicht verständiger als Harry Percy’s Weib. Du hast Muth, so viel ein Weibsbild haben soll; und an Verschwiegenheit übertrift dich gewiß kein Frauenzimmer in der Welt. Ich zweifle also keinen Augenblik daran, daß du nichts sagen wirst, wenn du nichts weißst; und in so weit hab’ ich ein vollkommnes Zutrauen zu dir, meine süsse Käthe.

Lady. Wie? In so weit?

Hot-Spur. Nicht einen Zollbreit mehr. Aber hörst du, Käthe, wohin ich gehe, sollt du auch gehen. Heute will ich abreisen, und morgen sollst du mir folgen. Bist du nun zufrieden, Käthe?

Lady. Ich muß wohl.

(Sie gehen ab.)

Siebende und achte Scene. (Der Schauplaz verwandelt sich in das Wirthshaus zum Bären-Kopf in East-Cheap.) (Ein paar unübersezliche Scenen, im Geschmak der trübsten Hefen der pöbelhaftesten Canaille, zwischen dem Prinzen Heinrich, Poins, Franz, dem Kellerjungen, und dem Wirth. Folgende Stelle ist das Beste davon.)

Prinz Heinrich. Ich hab, glaub’ ich, auf einmal alle Launen im Leibe, die jemals Launen gewesen sind, seit den alten ‘Tagen des guten Großvater Adams bis auf das Säuglings-Alter dieser gegenwärtigen zwölften Stunde Mitternachts. Und doch bin ich nicht von Percy’s Humor, dieses Eisenfressers aus Norden, der mir sechs oder sieben Duzend Schotten zum Frühstük todt schlägt, und wascht dann seine Hände, und sagt zu seiner Frauen: Der Henker hole dieses ruhige Leben! Ich habe ja nichts zu thun. “O mein süsser Harry”, sagt sie dann, “wie viele hast du heute todt geschlagen?” Gebt meinem Rothschimmel zu trinken, sagt er, und antwortet ihr eine Stunde drauf ganz kaltsinnig, ihrer vierzehn, oder so was, eine Kleinigkeit—Ich bitte dich, ruf mir den Falstaff herein; ich will den Percy machen, und der verdammte Schweinsbraten soll die Dame Mortimer, sein Weib, agiren. Ruft den Schmeer-Bauch herein!

Neunte Scene. (Falstaff, Gadshill, Bardolph und Peto zu den Vorigen.)

Poins. Willkommen, Jak; wo bist du gewesen?

Falstaff. Daß die schwere Noth alle feige Memmen, sag ich, und die Kränke oben drauf; und Amen! Gieb mir ein Glas Sect, Junge—Eh ich diese Lebensart fortseze, will ich Fuß-Soken nähen, und sie wieder fliken, wenn sie brechen. Daß die Pestilenz alle feige Memmen! Gieb mir ein Glas mit Sect, Schurke. Ist denn keine Tugend mehr in der Welt?

(Er trinkt.)

Prinz Heinrich. Hast du den Titan nie ein Stük Butter küssen gesehen? und wie es von den zärtlichen Sachen, die er ihm sagte, wegschmolz? Wenn du’s gesehen hast, so sieh’ diese Composition.

Falstaff. Ihr Galgenschwengel, hier ist ja Kalk* in diesem Sect; es ist doch nichts als Schelmerey in spizbübischen Leuten; aber eine Memme ist noch ärger als ein Glas Sect worinn Kalk ist. Eine nichtswürdige Memme!—Geh deines Wegs, alter Jak, stirb wenn du willt; wenn Tapferkeit, wahre Tapferkeit nicht auf dem ganzen Erdenrund vergessen ist, so bin ich ein Pikling. Es leben nicht drey brave Männer ungehangen in England, und einer von ihnen ist fett, und wird, Gott helf ihm, nach gerade alt—eine böse Welt, sag ich! Ich wollt’ ich wär’ ein Weber**; ich könnte Psalmen singen, und Lieder wie man’s haben wollte. Daß die Pestilenz alle Memmen, sag ich!

{ed. * Sir Richard Hawkins, einer von der Königin Elisabeth See-Capitains, sagt in seinen Reisen S. 379: “Seitdem die Spanischen Secte in unsern Wirtshäusern so gemein sind, die in der Zubereitung mit Kalk vermischt werden, um sich länger zu erhalten, beklagt sich unsre Nation über Stein, Wassersucht, und eine Menge andrer Krankheiten, von denen wir nichts wußten, eh der Gebrauch dieser Weine so sehr überhand nahm. Ausserdem vergeht kein Jahr, daß nicht zwey Millionen Cronen dafür aus unserm Lande gehen etc.” Dieses leztere war in der That ein wesentliches Übel. Aber daß Kalk den Stein verursachen soll, muß wohl nur ein Vorurtheil des guten ehrlichen alten Mannes gewesen seyn, indem in einem weit weisern Alter ein altes Weib ihr Glük damit gemacht hat, uns zu zeigen, daß Kalk eine Arzney gegen den Stein sey. Warburton.}

Prinz Heinrich. Was giebts, Wollsak! was brummt ihr?

Falstaff. Ein Königs-Sohn? Wenn ich dich nicht mit einem Dolch von einem Span aus deinem Königreich hinaus jagen, und alle deine Unterthanen wie eine Heerde wilder Gänse vor dir her treiben will, so will ich meine Tage kein Haar mehr an meinem Kinn tragen. Ihr, Prinz von Wales?

Prinz Heinrich. Wie, du H**sohn von einem diken Flegel, was hast du denn?

Falstaff. Seyd ihr nicht eine Memme? Antwortet mir auf das, und Poins hier?

Prinz Heinrich. Du Wanst, wenn du mich eine Memme nennst, so bist du des Todes.

Falstaff. Ich hätte dich eine Memme geheissen? Eh will ich dich zur Hölle gehen sehen, eh ich dich eine Memme heissen wollte; aber tausend Pfund wollt’ ich drum geben, wenn ich so geschwinde lauffen könnte, wie du. O! was das betrift, eure Schultern habt ihr so gerad als ihr’s wünschen könnt, ihr bekümmert euch nichts darum, euern Rüken sehen zu lassen. Nennt ihr das, euern Freunden den Rüken deken? Daß die Pest ein solches Rükendeken hätte! Gebt mir ein Glas Sect. Ich will eine H** seyn, wenn ich heute noch einen Tropfen getrunken habe.

Prinz Heinrich. O du Schurke! du hast ja dein Maul kaum abgewischt, seitdem du das leztemal getrunken hast.

Falstaff. Das ist all eins.

(Er trinkt.)

Daß die Pest alle feige Memmen, dabey bleib ich!

Prinz Heinrich. Was willt du denn damit?

Falstaff. Was ich damit will? hier sind unser vier, die diesen Morgen tausend Pfund geraubt haben.

Prinz Heinrich. Wo ist das Geld? Wo ist es?

Falstaff. Wo es ist? Zum T** ist es, genommen ist es uns worden; ihrer hundert gegen uns arme viere.

Prinz Heinrich. Was sagst du, ihrer hundert?

Falstaff. Ich will ein H*f*t seyn, wenn ich mich nicht zwey Stunden lang mit einem Duzend von ihnen herumgehauen habe. Es ist ein Mirakel, daß ich davon gekommen bin. Ich bin achtmal durch mein Wamms gestossen worden, viermal durch die Hosen, mein Schild ist durch und durch gehauen, und mein Schwerdt hat Scharten wie eine Hand-Säge, (ecce signum.) Ich habe mich nie besser gehalten, seitdem ich ein Mann bin. Hätten’s andre auch so gemacht! Daß sie die Pest, die Memmen! —Laßt sie reden; wenn sie mehr oder weniger sagen als wahr ist, so sind sie Schurken, und Kinder der Finsterniß.

Prinz Heinrich. Redet, ihr Herren, wie gieng es dann her?

Gadshill. Wir vier machten uns an ihrer zwölf ungefehr—

Falstaff. Sechszehn wenigstens, Milord.

Gadshill. Und banden sie.

Peto. Nein, nein, gebunden wurden sie nicht.

Falstaff. Du Raker, sie wurden gebunden, einer nach dem andern; wenn’s nicht so ist, so will ich ein Jude seyn, ein hebräischer Jude.

Gadshill. Wie wir nun theilten, so überfielen uns sechs oder sieben frische Männer.

Falstaff. Und banden die andern los, und da kamen die übrigen.

Prinz Heinrich. Wie? Fochtet ihr dann mit ihnen allen?

Falstaff. Mit Allen? Ich weiß nicht was ihr Alle nennt; aber wenn ich nicht wenigstens mit fünfzig von ihnen fochte, so will ich ein Büschel Rettiche seyn. Wenn ihrer nicht zwey oder drey und fünfzig an dem armen alten Jak waren, so sey ich keine zweybeinichte Creatur.

Poins. Der Himmel verhüte, daß ihr keine von ihnen ermordet habt!

Falstaff. Gut, das kan er nun nicht mehr verhüten. Ich habe zween von ihnen gepfeffert; zween, das kan ich sagen, hab’ ich bezahlt, zween in Schetter-Röken. Ich will dir was sagen, Hal; wenn ich dich anlüge, so spey’ mir ins Gesicht, nenn’ mich einen Gaul; du kennst meine alte Manier im parieren; so lag ich, und so führt ich meine Klinge; vier Schurken in Schetter fielen über mich her, wie gesagt.

Prinz Heinrich. Was, viere? Du sagtest eben, es seyen nur zween gewesen.

Falstaff. Viere, Hal, viere sagte ich.

Poins. Ja, ja, er sagte viere.

Falstaff. Diese viere fielen mich alle von vornen an, und stiessen tapfer auf mich zu; aber ich machte nicht viel Federlesens, sondern faßte auf einmal alle ihre sieben Klingen mit meinem Schild auf; so—

Prinz Heinrich. Sieben? Es waren ihrer ja nur viere diesen Augenblik.

Falstaff. In Schetter.

Poins. Ja, ja, vier in Schetter-Röken.

Falstaff. Sieben, bey meinem Bauch, oder ich bin ein H*f*t.

Prinz Heinrich (leise zu Poins.) Ich bitte dich, laß ihn machen, es werden noch mehr draus werden.

Falstaff. Hörst du mich, Hal?

Prinz Heinrich. Ja, und versteh dich auch, Jak.

Falstaff. Gut, gut, es ist auch werth daß man aufhorche; diese neun Kerle in Schetter, wovon ich dir sagte—

Prinz Heinrich. So, schon wieder zween mehr—

Falstaff. Wie sie sahen, daß ihre Klingen abgebrochen waren, fiengen sie an zurük zu weichen; aber ich gieng ihnen mit Händen und Füssen zu Leibe, und in einem Gedanken, lagen sieben von eilfen im Gras.

Prinz Heinrich. Das ist entsezlich. Eilf Männer von Schetter aus zween!

Falstaff. Aber da führte mir der T** drey mißgezeugte Schurken in Kendal-Grün auf den Rüken, die auf mich zuwalkten; denn es war so dunkel, Hal, daß du deine Hand nicht hättest sehen können—

Prinz Heinrich. Diese Lügen sind so dik und fett als du selbst bist. Wie, du kleyen-hirnichter Wanst, du H**sohn von einem unflätigen, schmuzigen Schmeer-Bauch—

Falstaff. Wie? Bist du toll, bist du toll? Ist es nicht die Wahrheit, die Wahrheit?

Prinz Heinrich. Wie konntest du denn sehen, daß diese Leute in Kendal-Grün gekleidt waren, wenn es so dunkel war, daß du deine Hand nicht sehen konntest? Komm, laß sehen wie du das machtest; was sagst du hierzu?

Poins. Nun, Jak, wie machtet ihr das, sagt einmal.

Falstaff. Wie, ihr wollt’s mit Gewalt wissen, mit Gewalt? Nein, und wenn ich auf dem Strappado wäre, oder auf allen Foltern der ganzen Welt, ich wollt’ euch nichts sagen, wenn ihr’s mit Gewalt wissen wolltet.

Prinz Heinrich. Es ist Zeit dem Spaß ein Ende zu machen. Wißt also, diese blutreiche Memme hier, dieser Bett-Druker, dieser Pferd-Rüken- Brecher, dieses Gebürge von Fleisch—

Falstaff. Weg mit euch, ihr Hunger-Darm, ihr Aal-Haut, ihr dürre Kalbs-Zunge, ihr Ochsen-Ziemer, ihr Stok-Fisch—O wenn ich nur einen längern Athem hätte!—Was ist dir noch mehr ähnlich? Ihr Ellen-Maaß, ihr Fiddelbogen-Futteral, ihr langer Rauf-Degen—

Prinz Heinrich. Gut, verschnauffe eine Weile, und fahre hernach fort; und wenn du dich in niederträchtigen Gleichnissen erschöpft hast, so höre mich nur dieses sagen.

Poins. Horch auf, Jak.

Prinz Heinrich. Wir beyde sahen euch viere ihrer viere angreifen, ihr bandet sie, und bemeistertet euch ihrer Baarschaft; nun gebt Achtung wie es weiter gierig. Wir beyde fielen hierauf über euch viere her, jagten euch auseinander, und nahmen euch eure Beute weg; so ist’s und wir können sie euch hier im Hause zeigen. Und ihr, Falstaff, ihr trugt eure Kutteln so leicht weg, mit einer so behenden Hurtigkeit, und brülltet so kläglich um Gnade, und renntet und brülltet in einem fort, so gut als ich jemals ein Stierkalb brüllen hörte. Was für ein Sclave bist du, deinen Degen so zu zerhaken wie du gethan hast, und dann zu sagen, es sey vom Fechten gekommen? Was für eine Ausflucht, was für eine Lüge, was für eine Höle kanst du ausfündig machen, dich vor dieser offenbaren, unläugbaren Schande zu verbergen?

Poins. Komm, laß es uns hören, Jak. Wie willst du dir nun hinaushelfen?

Falstaff. Bey G**, ich kannte euch so gut, als der so euch gemacht hat. Wie, hört ihr, meine Herren, hätt’ ich den präsumtiven Erben umbringen sollen? Hätt’ ich meine Hand an den Cron-Prinzen legen sollen? Wie, du weißst, daß ich so tapfer als Hercules bin; aber der Instinct hielt mich dißmal zurük; der Löwe greift niemals den Cron- Prinzen an: Der Instinct ist ein mächtiges Ding. Aus Instinct ward ich eine Memme, und ich werde mein Lebenlang deßwegen von dir und mir nur eine desto bessere Meinung haben; denn das beweißt unleugbar, daß ich ein tapfrer Löwe bin, und daß du der ächte Cron- Prinz bist. Aber, bey G**, Jungens, es freut mich, daß ihr das Geld habt—Wirthin! riegle die Thüre; wache die Nacht durch, und bete Morgens. Hey da, ihr lustigen Brüder, Jungens, Gold-Püpchens, sagt, wie wollen wir uns lustig machen? Wollen wir eine Comödie (ex tempore) spielen?

{ed. ** In der Verfolgung der Protestanten in Flandern unter Philipp dem 2ten, brachten diejenigen die bey dieser Gelegenheit nach England kamen, die Wollen-Manufacturen mit. Diese waren Calvinisten, welche jederzeit durch ihre Neigung zum Psalmensingen sich unterschieden haben. Warburtun.}

Prinz Heinrich. Ich bins zufrieden—und der Inhalt soll dein Davon lauffen seyn.

Falstaff. Ah!—nichts mehr hievon, Hal, wenn du mich lieb hast.

Zehnte Scene. (Die Wirthin kommt herein und meldet dem Prinzen, daß ein Herr von Hofe da sey, der auf Befehl des Königs mit ihm sprechen wolle. Falstaff wird abgeschikt zu hören was er wolle.)

Eilfte Scene. (Falstaff kommt zurük, und bringt die Zeitung von dem Aufstand, den Percy, Northumberland, Douglas, und Glendower, im Norden von England erregt, und daß der Prinz auf morgen zum König, seinem Vater, beschieden sey. Dieses giebt zu einer kleinen Comödie von der pöbelhaftest-bürlesken Art Anlas, worinn Falstaff den König macht, und den Prinzen wegen seiner unanständigen Lebensart und lüderlichen Gesellschaft ausschilt, jedoch mit Ausnahme des einzigen Falstaff, von dem er viel Gutes sagt. Der Prinz behauptet, Falstaff habe den König nicht recht gemacht, übernimmt diese Rolle selbst, läßt Falstaffen den Prinzen seyn, und sagt alsdann eben so viel böses von Falstaff als dieser vorhin Gutes von sich selbst gesagt hatte. Folgendes mag zur Probe dienen:)

Prinz Heinrich (in der Person des Königs.) Ich höre grosse Klagen über dich.

Falstaff (in der Person des Prinzen.) Sakerlot! Gnädigster Herr, sie sind alle erlogen—

Prinz Heinrich. Du schwörst, unartiger Bube? Von nun an komm nimmer vor meine Augen! Du gehst einen verderblichen Weg; es ist ein Teufel, der dich jagt, ein Teufel in Gestalt eines fetten alten Manns; eine Tonne von einem Mann ist deine Gesellschaft. Wie, schämst du dich nicht mit diesem Weinfasse umzugehen, mit diesem zusammengeballten Klumpen von Bestialität, mit diesem ungeheuren Kessel voll Sect, mit diesem ausgestoßen Felleisen von Kutteln,—diesem ehrwürdigen Laster, dieser grauen Büberey, diesem Vater Spizbuben, dieser bejahrten Eitelkeit? Wozu ist er gut, als Sect zu kosten und auszutrinken? Worinn ist er nett und manierlich, als einen Capaunen zu zerlegen und aufzuessen? Worinn hat er Verstand als in Ränken? Wozu braucht er seine Ränke als zu Bubenstüken? Worinn ist er ein Lotterbube als in allen Dingen? Und worinn ist er löblich als in nichts?

Falstaff. Wen meynt Euer Majestät?

Prinz Heinrich. Diesen ruchlosen schändlichen Verführer der Jugend, Falstaff, diesen alten weißbartigen Satan.

Falstaff. Milord, den Mann kenn’ ich.

Prinz Heinrich. Das weiß ich wol.

Falstaff. Aber wenn ich sagte, daß er ein schlimmerer Mann sey als ich selbst, so sagt’ ich mehr als ich weiß. Daß er alt ist, davon zeugen leider! seine weissen Haare; aber daß er, mit Respect vor euch zu sagen, ein H**jäger sey, das läugne ich schlechterdings. Wenn Sect und Zuker etwas unrechtes ist, so helf G** den Schlimmen! Wenn alt und aufgeräumt seyn, eine Sünde ist, so kenn’ ich manchen alten Wirth, der verdammt werden müßte; wenn fett seyn, Haß verdient, so müßten Pharaons magre Kühe liebenswürdig seyn. Nein, Gnädigster Herr, verbannet Peto, verbannet Bardolph, verbannet Poins; aber den guten alten Jak Falstaff, den wakern Jak Falstaff, den ehrlichen Jak Falstaff, den tapfern Jak Falstaff, und desto tapfrer, da er, wie man nicht läugnen kan, der alte Jak Falstaff ist, den verbannt nicht aus Harry’s Gesellschaft: Wolltet ihr den guten diken Jak von mir verbannen, so verbannet eben so mehr die ganze Welt von mir— ([Diese unvollkommne Probe, (denn man hat dennoch einige Blümchen auslassen müssen) wird den Leser vermuthlich geneigt machen, dem Uebersezer in Absicht der Falstaffischen Scenen Vollmacht zu geben, darüber nach eignem Belieben zu schalten. Man muß ein Engländer seyn, diese Scenen von Engländern spielen sehen, und eine gute Portion Pounsch dazu im Kopfe haben, um den Geschmak daran zu finden, den Shakespears Landsleute gröstentheils noch heutiges Tages an diesen Gemählden des untersten Grads von pöbelhafter Ausgelassenheit des Humors und der Sitten finden sollen.]) (Bardolph und die Wirthin lauffen erschroken herein, und melden, daß der Scheriff mit der Wache vor der Thüre sey, und das Haus durchsuchen wolle. Prinz Heinrich übernimmt es ihn abzufertigen, nachdem er Falstaffen und den übrigen befohlen, sich zu verbergen.)

Zwölfte Scene. (Der Scheriff kommt mit einem von den Fuhrleuten der Beraubten, und fragt nach Falstaffen, welchen er beschuldigt, den Raub begangen zu haben. Der Prinz antwortet ihm ganz ernsthaft, und also in reimlosen Versen (denn Shakespear ist, wie wir wissen, ein genauer Beobachter des Decorum,) der Mann sey nicht hier, indem er ihn Geschäfte halber ausgeschikt habe; er giebt aber dem Scheriff sein Ehrenwort, daß er ihn bis morgen Mittags stellen, und wenn es sich finde, daß er den Raub begangen, der Justiz überlassen wolle. Der Scheriff nimmt hierauf seinen demüthigen Abschied, und der Prinz erklärt sich gegen Peto, daß er den Beraubten ihr Geld mit Wucher wieder zurükgeben, morgen nach Hofe und von da zu Felde gehen, sie aber allerseits mit sich nehmen, und bey der Armee anständig unterbringen wolle.)

Dritter Aufzug.

Erste Scene. (Des Archi-Diaconus von Bangor Haus in Wales.) (Hot-Spur, Worcester, Mortimer und Owen Glendower treten auf.)

Mortimer. Diese Versprechungen sind schön, die Partheyen zuverläßig, und unser Vorhaben voller Hoffnung eines glüklichen Ausgangs.

Hot-Spur. Milord Mortimer, und Vetter Glendower, wollt ihr nicht Plaz nehmen? Und ihr, Oheim Worcester—Der Henker hol’ es! ich habe die Land- Carte vergessen.

Glendower. Nein, hier ist sie. Sezt euch, Vetter Percy, sezt euch, guter Vetter Hot-Spur: Denn wenn Lancaster euch bey diesem Namen nennen hört, dann erblassen seine Wangen, und mit einem emporsteigenden Seufzer wünscht er, daß ihr im Himmel seyn möchtet.

Hot-Spur. Und ihr in der Hölle, so oft er von Owen Glendower reden hört.

Glendower. Ich tadle ihn nicht; in meiner Geburts-Stunde erfüllte sich die Stirne des Himmels mit feurigen Gestalten und brennenden Meteoren; wißt, der ganze Erdball zitterte in seinen innersten Gewölben, wie eine Memme, als ich gebohren ward.

Hot-Spur. Das würd’ er gethan haben, wenn in der nemlichen Stunde eurer Mutter Kaze Junge gehabt hätte, und ihr nie gebohren worden wäret.

Glendower. Ich sage, die Erde bebte wie ich gebohren ward.

Hot-Spur. Und ich sage, wenn die Erde das that, so dachte sie nicht wie ich, in so fern ihr euch einbildet, sie zitterte aus Furcht vor euch.

Glendower. Die Himmel waren lauter Feuer, und die Erde bebte.

Hot-Spur. Die Erde bebte also, weil sie den Himmel in Feuer sah, und nicht weil ihr gebohren wurdet. Die kranke Natur bricht oft in seltsame Paroxismen aus; die Erde wird zuweilen von dem unbändigen Wind, der in ihren Leib eingekerkert ist, mit einer Art von Colik gequält; er sträubt sich durchzubrechen, und schüttelt die gute alte Mutter so stark, daß hohe Schlösser und bemooßte Glokenthürme umstürzen. Wie ihr gebohren wurdet, so hatte unsre Groß-Mutter Erde eben einen solchen Anstoß von Bauchweh, und das war alles.

Glendower. Vetter, diese Reden würde ich nicht von vielen andern ertragen. Erlaubt mir euch noch einmal zu sagen, daß bey meiner Geburt die Stirne des Himmels voller feuriger Gestalten war; die Geissen rennten von den Bergen herab, und die Heerden auf den Feldern brüllten auf eine unnatürliche Art vor Schreken. Diese Zeichen deuteten an daß ich ausserordentlich seyn würde, und der ganze Lauf meines Lebens hat bewiesen, daß ich nicht in die Classe der gewöhnlichen Menschen gehöre. Wo lebt, innert den seebespühlten Grenzen von England, Wales und Schottland, der Mann der sich rühmen kan, mein Lehrmeister gewesen zu seyn? Und dennoch hab ich den Sohn eines Weibs noch nicht gesehen, der es in irgend einer Wissenschaft oder Kunst mit mir aufnehmen könnte.

Hot-Spur. Ich glaube selbst, daß niemand besser welsch redt—ich will zum Mittag-Essen.

Mortimer. Ruhig, Vetter Percy; ihr macht ihn noch böse.

Glendower. Ich kan die Geister aus dem Abgrund hervorrufen.

Hot-Spur. Das kan ich auch, und das kan jedermann; aber kommen sie, wenn ihr ihnen ruft?

Glendower. Wie, ich kan dich dem Teufel gebieten lehren.

Hot-Spur. Und ich kan dich den Teufel beschämen lehren; du darfst nur die Wahrheit reden: Sprich wahr, und beschäme den Teufel, sagt das Sprüchwort. Wenn du im Stand bist ihn zu beschwören, so bring ihn her; und ich will im Stand seyn, ihn mit Schaam wieder wegzujagen. O! sagt euer Lebenlang die Wahrheit, und beschämt den Teufel.

Mortimer. Kommt, kommt, wozu soll dieses Gewäsche nüzen?

Glendower. Dreymal hat Heinrich Bolingbroke sich meiner Macht entgegen gestellt; dreymal hab ich ihn von den Ufern des Wye und des silbersandigen Severn, ohne Stiefel und von Gewittern verfolgt, heimgeschikt.

Hot-Spur. Heimgeschikt, ohne Stiefeln und noch dazu in schlimmem Wetter. Wie, ins T** Namen, entgieng er dem Fieber?

Glendower. Kommt, hier ist die Carte; wollen wir nach unsern dreyfachen Ansprüchen unser Recht theilen?

Mortimer. Der Archi-Diaconus hat es schon, sehr gleich, durch drey Linien getheilt: England, vom Trent bis hier zum Severn, Süd- und Ostwärts, ist mein Antheil; alles was gegen Westen ligt, Wales, und alle diese fruchtbaren Länder innert den Ufern des Severn, sollen Owen Glendowers seyn; und, Vetter Percy, der übrige nordliche Theil, jenseits des Trent, euer. Unser dreyfacher Verglich ist bereits aufgesezt, und wenn die Instrumente gesiegelt und ausgewechselt seyn werden, welches in dieser Nacht noch geschehen kan, so wollen wir, ihr, Vetter Percy, und ich, und Mylord von Worcester, morgen ausrüken, um uns, der Abrede gemäß, zu Schrewsbury mit euerm Vater und den Schottischen Völkern zu vereinbaren. Mein Vater Glendower ist noch nicht fertig, auch haben wir in diesen vierzehn Tagen seiner noch nicht vonnöthen; und diese Zeit ist mehr als hinreichend,

(zu Glendower)

daß ihr eure Vasallen, Freunde und Nachbarn aufbieten könnet.

Glendower. Ich werde in kürzerer Frist bey euch seyn, Milords; und ich will euch eure Ladys mitbringen, von denen ihr euch izt, ohne Abschied, wegstehlen müßt; denn es wird eine Welt voll Wasser vergossen werden, wenn ihr und eure Weiber scheiden müßt.

Hot-Spur. Mich däucht, mein Antheil, Nordwärts von Burton hier, ist lange nicht so groß als der eurige. Seht, wie dieser Fluß, indem er sich hier schlangenweis zurük krümmt, mir einen grossen halben Mond von dem schönsten Theil meines ganzen Landes abschneide. Ich will den Strom hier aufgetroknet haben, und hier soll in einem neugegrabnen Canal der glatte silberne Trent schön und eben dahinfliessen; er soll sich nicht mit so tieffen Krümmungen winden, und mich hier eines so reichen Bodens berauben.

Glendower. Er soll sich nicht winden? Er soll, er muß; ihr seht ja, er thut’s.

Mortimer. Aber ihr seht ja, daß er hier auf dieser Seite euch eben so viel wieder zulegt, als er euch auf der andern abschneidet.

Worcester. Ja, aber es wird nur wenig Mühe brauchen ihn hier herüber zu leiten, um auf der Nordseite diesen Strich Lands zu gewinnen, und dann fließt er gerad und eben.

Hot-Spur. Ich will es so haben, es wird bald geschehen seyn.

Glendower. Ich werde keine Veränderung zugeben.

Hot-Spur. Ihr wollt nicht?

Glendower. Nein, und ihr sollt keine machen.

Hot-Spur. Und wer ist der, der nein dazu sagen wird?

Glendower. Der bin ich.

Hot-Spur. So sagt es auf welsch, damit ich es nicht verstehe.

Glendower. Ich kan englisch reden, Lord, so gut als ihr, denn ich ward am Englischen Hof erzogen; ich habe manches englische Lied als Jüngling auf meiner Harfe begleitet, und den Beyfall der Schönsten erlangt, wenn ich meine Stimme mit ihren Accenten vermählte; eine Geschiklichkeit, die man nie an euch gesehen hat.

Hot-Spur. Glaubt mir, es sollte mir leid seyn, wenn es anders wäre. Ich wollte lieber eine Kaze seyn, und, Miau, schreyen!—als einer von diesen schnurrenden Reimen-Mäklern; ich will lieber einen küpfernen Kerzenstok umfallen hören, oder ein ungeschmiertes Rad in der Achse kirren, es würde mir lange nicht so weh in den Zähnen thun, als dieses läppische Geklingel von Poeterey; das ist ja nicht anders, als wie wenn man einen stolpernden Klepper zwingen will, einen guten Schritt zu gehen.

Glendower. Kommt, kommt, Trent soll abgeleitet werden.

Hot-Spur. Was bekümmert mich das? Ich will dem ersten Freund der mir gute Dienste thut, dreymal so viel Land geben; aber hier, versteht mich wohl, wo es um einen Vertrag zu thun ist, wollt ich um den neunten Theil eines Haars schicaniren. Sind die Instrumente aufgesezt? Können wir gehen?

Glendower. Der Mond scheint hell, ihr könnt diese Nacht abreisen; ich will den Schreiber treiben, und indessen eure Weiber auf euern Abschied vorbereiten; ich fürchte meine Tochter wird unsinnig davon werden, so verliebt ist sie in ihren Mortimer.

(Er geht ab.)

Zweyte Scene.

Mortimer. Fy, Vetter Percy, warum könnt ihr meinen Vetter nicht unangefochten lassen?

Hot-Spur. Ich kan nicht anders; er macht mich manchmal toll, wenn er mir vom Maulwurf und der Ameise erzählt, und von den Propheceyungen des Träumer Merlins, und von einem Drachen, und von einem Fisch ohne Floßfedern, und von einem Greiffen mit beschnittnen Flügeln, und von einer hüpfenden Kaze, kurz von einer Menge solchem abgeschmaktem Hocus-Pocus, das mir die Geduld ausgehen macht. Ich will euch was sagen, er hielt mich verwichne Nacht zum wenigsten neun Stunden auf, mir die Namen der verschiednen Teufel herzurechnen, die seine Lakeyen seyn sollen; ich schrie—hum!—und— wohl, wohl! Aber ich gab ihm nicht auf ein Wort Acht. O! er ist so beschwerlich wie ein müdes Pferd, oder ein keiffendes Weib; ärger als ein rauchiges Haus. Ich wollte lieber bey Käs und Knoblauch in einer Windmühle leben, und weit von ihm seyn; als Kazen fressen, und seinem Geschrey zuhören, in irgend einem Sommerhaus in der Christenheit.

Mortimer. Er ist, bey allem dem, ein verdienstvoller Edelmann, ausserordentlich belesen, und in den seltsamsten Wissenschaften erfahren; tapfer wie ein Löwe; überaus leutselig, und gütig wie die Minen von Indien. Soll ich’s euch sagen, Vetter; er giebt euerm Temperament ungemein viel nach, und thut sich selbst die gröste Gewalt an, wenn ihr ihn auf eine so anzügliche Art in seinem Humor durchkreuzt; ich versichre euch, der Mann lebt nicht, der ihn ohne Gefahr, so wie ihr gethan habt, hätte reizen dürfen. Aber thut es nicht oft, ich bitte euch.

Worcester. In der That, Milord, ihr seyd zu tadelsüchtig, und habt, seitdem ihr hier seyd, genug gethan, um seine Geduld aufs äusserste zu bringen. Ihr müßt diesen Fehler nothwendig verbessern lernen, Herr. Ob dieses hastige Wesen gleich manchmal Grösse, Muth und Feuer anzeigt, (und das ist der größte Vortheil den ihr davon haben könnet;) so giebt es hingegen auch öfters das Ansehen einer rohen Wildheit, eines Mangels an Lebensart und Sitten, und den Schein von Stolz, Aufgeblasenheit, übertriebner Einbildung und Verachtung andrer Leute; Fehler, wodurch ein Mann, mit den grösten Verdiensten, die er sonst haben mag, die Herzen der Leute verliehrt, und die einen Fleken auf die ganze schöne Seite werfen, wodurch er sonst die Hochachtung der Welt gewonnen hätte.

Hot-Spur. Gut, ihr habt mich nun genug geschulmeistert denke ich; ich verlang’ euch den Vorzug der Höflichkeit nicht streitig zu machen— hier kommen unsre Weiber, und wir wollen unsern Abschied nehmen.

Dritte Scene. (Glendower mit Lady Mortimer und Lady Percy, zu den Vorigen.)

Mortimer. Das ist ein Umstand, der mir oft tödtlichen Verdruß macht, mein Weib kann nicht englisch reden, und ich nicht welsch.

Glendower. Meine Tochter weint, sie will nicht von euch scheiden, sie will auch ein Soldat werden, sie will in den Krieg.

Mortimer. Milord, sagt ihr, sie und meine Tante Percy sollen uns in kurzem folgen.

(Glendower spricht welsch mit ihr, und sie antwortet ihm darinn.)

Glendower. Sie will sich nicht trösten lassen; eine kleine eigensinnige Hexe, bey der keine Ueberredung anschlagen will.

Mortimer. Ich versteh’ deine Blike, ich bin ein Meister in diesem anmuthigen Welsch, das du aus diesen zween schwellenden Himmeln hervorathmest, und, wären wir nicht in Gesellschaft, ich wollte dir in der nemlichen Sprache antworten; ich verstehe deine Küsse, und du die meinige, in dieser fühlbaren Unterredung haben wir keinen Dollmetscher nöthig; aber ich will nicht ruhen, Liebe, bis ich deine Sprache gelernt habe; denn von deinen Lippen tönt das Welsche so anmuthig als aus einer Sommerlaube der süsse Gesang einer Feen- Königin, von den entzükenden Griffen ihrer goldnen Laute beseelt.

Glendower. O! wenn du in Zärtlichkeit schmilzst, so wird sie gar unsinnig werden.

(Die Lady redt wieder welsch.)

Mortimer. Ach! hierinn bin ich die Unwissenheit selbst.

Glendower. Sie bittet, daß ihr euch niederlegen und euer holdes Haupt auf ihrem Schooß ruhen lassen sollt, und sie will euch den Gesang singen, den ihr so gerne hört, und euer Blut in eine angenehme Schwermuth wiegend, den Gott des Schlafs auf euern Augliedern krönen; euch in dieses zauberische Mittel zwischen Schlaf und Wachen senken, das dem Gemische von Nacht und Tag ähnlich ist, eine Stunde eh der Gott des Lichts seinen goldnen Lauf aus Osten beginnt.

Mortimer. Von Herzen gerne will ich mich sezen, und sie singen hören; inzwischen, denk’ ich, werden unsre Papiere fertig werden.

Glendower. Thut das, und obgleich die Musicanten, die euch dazu aufspielen sollen, tausend Meilen weit von hier in der Luft hangen, so sollen sie doch in einem Wink zugegen seyn. Sezt euch, und horcht.

Hot-Spur. Komm, Käthe, du bist eine Meisterin im Niederligen; komm, geschwind, geschwind, daß ich meinen Kopf auf deine Schooß legen kan.

Lady. Geht, alberne Gans.

(Die Musik fängt an.)

Hot-Spur. Nun merk’ ich, daß der Teufel welsch versteht; bey unsrer Frauen, er ist kein schlimmer Musicant; kein Wunder, daß er so wunderliche Launen hat.

Lady Percy. Wenn es die Launen ausmachten, so müßtet ihr über und über musicalisch seyn: Ligt still, ihr Dieb’, und hört die Lady welsch singen.

Hot-Spur. Ich wollte lieber meine Lady Brake auf irländisch heulen hören.

Lady. Soll ich dir deinen Kopf zerbrechen?

Hot-Spur. Nein.

Lady. Nun, so lig still.

Hot-Spur. Das auch nicht, das schikt sich nur für eine Lady.

Lady. Nun, so helf dir Gott!

Hot-Spur. In der welschen Lady Bette.

Lady. Was sagtest du?

Hot-Spur. Still, sie singt.

(Lady Mortimer singt ein welsches Lied.)

Hot-Spur. Komm, Käthe, du must mir auch eins singen.

Lady Percy. Ich gewiß nicht, bey meiner Treu.

Hot-Spur. Bey deiner Treu? du schwörst ja wie ein Zukerbekers-Weib! Nicht du, bey deiner Treu! und, so wahr ich leb, und, hol mich Gott, und, so wahr als die Sonn am Himmel ist; wenn man dich so armselig schwören hört, so dächte man, du seyst nie weiter als bis nach Finsbury gekommen. Schwör mir wie eine Lady, Käthe, die du bist, einen hübschen den Mund ausfüllenden Schwur, und überlaß das meiner Treu und dergleichen Pfeffer- und Ingwerkrämerische Blümchen, den ehrlichen Leuten die am Sonntag ihr hübsches Kleid anziehen.—Komm, sing.

Lady. Ich will nicht singen.

Hot-Spur. Und ich will gehen; wenn die Aufsäze fertig sind, so können wir in zwo Stunden schon fort seyn. Kommt mit, wenn ihr wollt.

(Er geht ab.)

Glendower. Kommt, kommt, Lord Mortimer; ihr seyd, däucht mich, so träge zum Gehen als Lord Percy feurig ist. Unsre Instrumente werden fertig seyn; wir wollen nur sigeln und dann gleich zu Pferde.

Mortimer. Von Herzen gerne.

(Sie gehen ab.)

Vierte Scene. (Verwandelt sich in den Audienz-Saal zu Windsor.) (König Heinrich, der Prinz von Wales, Lords und Gefolge treten auf.)

König Heinrich. Lords, verlaßt uns eine Weile; der Prinz von Wales und ich müssen allein mit einander sprechen; aber entfernt euch nicht weit, denn wir werden euch bald wieder nöthig haben.

(Die Lords gehen ab.)

Ich weiß nicht, ob es Gott so haben will, daß zu Befriedigung seines geheimen Grimms über irgend eine mißfällige That meines Lebens aus meinem eignen Blut ein Rächer und eine Peitsche für mich entstehen sollte; aber der ganze Zusammenhang deiner Aufführung und Lebensart läßt mich nichts anders glauben, als daß du ganz allein zum Werkzeug der heissen Rache des Himmels wieder mich bestimmt bist. Oder sage mir, wär es sonst möglich, daß so zügellose und niederträchtige Neigungen, so elende, so pöbelhafte, so schändliche, so ruchlose Handlungen, so nichtswürdige Belustigungen, eine so verächtliche, so wilde Gesellschaft, als diejenige womit du gepaart oder mit der du vielmehr ganz in eins verwachsen bist, fähig seyn sollten, dich deiner angebohrnen Hoheit vergessen zu machen, und dein fürstliches Herz zu sich herunter zu ziehen?

Prinz Heinrich. Gnädigster Herr, ich wünschte daß ich von allen Vergehungen so frey wäre, als ich gewiß bin, mich von vielen reinigen zu können, die mir zur Last gelegt werden. Indessen erlaubet mir wenigstens so viele Nachsicht von Euer Majestät zu erbitten, daß, wenn viele von diesen nachtheiligen Erzählungen, womit niederträchtige Zeitungs- Mäkler das Ohr der Fürsten zu umsumsen pflegen, sich falsch befinden, meine aufrichtige Reue wegen einiger würklicher Vergehungen, worinn meine Jugend ausschweiffend und tadelhaft gewesen ist, Vergebung erlangen möge.

König Heinrich. Der Himmel vergebe dir! Aber laß mich dir mein Erstaunen darüber bezeugen, Harry, daß deine Neigungen sich so weit von dem edeln Flug aller deiner Vorältern entfernen. Du hast durch deine rohe Lebensart deinen Plaz im Staats-Rath verlohren, der nun durch deinen jüngern Bruder erfüllt wird; du hast die Herzen des ganzen Hofs, und alle Prinzen von meinem Blut verlohren. Niemand hoffet oder erwartet etwas Gutes von deiner Zeit, und jede Seele sagt sich selbst prophetisch deinen Fall vorher. Hätte ich deine Sitten gehabt, hätt’ ich in den Augen der Welt mich so gemein und verächtlich gemacht, durch eine so pöbelhafte Gesellschaft mir selbst meinen Werth benommen; die Meynung, die mir zur Crone half, würde dem vorigen Besizer treu geblieben seyn, und mich in ruhmloser Verbannung, unbemerkt und in der Menge des verdienstlosen Hauffens, verlohren, vergessen haben. Aber da ich selten gesehen wurde, erschien ich niemals, ohne wie ein Comet, jedes Aug’ auf mich zu ziehen. Die Väter sagten dann zu ihren Kindern: Diß ist er! Wo, wo? fragten andre; welcher ist Bolingbroke? Und dann stahl ich, wie ein andrer Prometheus, diese huldreiche Leutseligkeit vom Himmel, dieses göttliche Feuer, wodurch die Könige die Liebe ihrer Unterthanen nähren, entzog die Herzen des Volks durch die Demuth, in die ich mich einkleidete, ihrem Oberherrn, und empfieng lautes Zujauchzen und frolokende Grüsse, selbst in der Gegenwart des gekrönten Königs. Auf diese Art erhielt ich mich immer frisch und neu in den Augen der Menge; und meine Gegenwart, mit desto größrer Pracht begleitet, je seltner sie war, schien jedesmal ein öffentliches Fest, das mit allgemeinen Freuden-Zeichen gefeyrt wurde. Der hüpfende König trabte indeß in einer Gesellschaft von Hofnarren und schaalen Wizlingen, (wie dürre Reiser gleich angezündt und gleich verbrennt), auf und nieder, vergab seine Königliche Würde, mengte sich unter unbärtige Spaßvögel und Geken, und erlaubte ihnen seine Majestät durch Scherze und unanständige Vertraulichkeit zu entweihen; er ließ sich, wie die gemeinsten Pflastertreter, in allen Gassen sehen, und sättigte die Leute durch seinen täglichen Anblik so sehr, bis er ihnen ekelhaft wurde. Mußte er sich hernach bey öffentlichen Anläsen sehen lassen, so ward er nur, wie der Gukguk im Brachmonat, gehört, nicht geachtet; geseh’n, aber mit dem nachläßigen Blik, der über einen alltäglichen Gegenstand hinweggleitet; nicht mit dem weitoffnen wundervollen Auge, das auf die sonnengleiche Majestät geheftet wird, wenn sie selten aus ihrer Verhüllung hervorglänzt; sondern mit schläfrigen, gesenkten Augliedern, mit dem düstern verdrießlichen Blik, den man auf einen Feind wirft, von dessen Gegenwart man belästigt, gedrükt und überfüllt wird. Und in eben dieser Linie, Harry, stehst du. Du hast deine fürstliche Vorrechte verlohren, indem du dich niederträchtiger Gesellschaft Preiß gegeben hast. Nicht ein einziges Auge, das nicht deines alltäglich gewordnen Anbliks überdrüßig ist; das meinige ausgenommen, das dich zu sehen verlangt hat, und nun, wider meinen Willen, von den Zeichen einer allzugrossen Zärtlichkeit überfließt.

Prinz Heinrich. Ich werde mich beeifern, mein gnädigster Herr, künftig mehr ich selbst zu seyn.

König Heinrich. Um alles in der Welt, was du in dieser Stunde bist, war Richard damals da ich aus Frankreich zu Ravenspurg ans Land sezte, und gerade was ich damals war, ist Percy izt. Bey meinem Scepter und bey meiner Seele! er hat mehr würklichen Antheil am Staat, als du, der künftige Thronfolger. Ohne Recht, ohne den Schatten eines Rechts füllt er die Felder mit Harnischen, erhebt sein Haupt gegen des Löwen gewafnete Tazen, und, ob er gleich nicht älter ist als du, führt er doch bejahrte Helden und ehrwürdige Bischöffe zu blutigen Schlachten an. Was für eine unsterbliche Ehre hat er an dem ruhmvollen Dowglas eingelegt, dessen grosse Thaten und seltne Kriegs-Erfahrenheit ihm den Namen des größten Feldherrn in allen Christlichen Königreichen erworben haben? Dreymal hat dieser Hot- Spur, dieser Kriegs-Gott in Windeln, dieser unmündige Held, den grossen Douglas in offner Schlacht überwunden, einmal ihn sogar gefangen genommen, aber wieder in Freyheit gesezt, und einen Freund aus ihm gemacht, um mit seinem Beystand den Frieden und die Sicherheit unsers Throns zu erschüttern. Und was sagst du hiezu? Percy, Northumberland, der Erzbischoff von York, Douglas und Mortimer, haben einen Bund gegen uns gemacht, und empören sich— Aber wem, und wozu erzähl’ ich diese Neuigkeiten? Wie, Harry, muß ich vielleicht dich selbst, den nächsten an meinem Herzen und an meinem Thron, auch dich, unter meine Feinde zählen? Du bist fähig genug, aus unterwürfiger feiger Niederträchtigkeit, oder einem Anstoß von Spleen, in Percys Solde wider mich zu fechten; und, wie ein Hund um seine Fersen dich schmiegend, und höflich einen gnädigen Blik von ihm erbuhlend, zu zeigen, wie sehr du abgeartet bist.

Prinz Heinrich. Denket nicht so, Gnädigster Herr, ihr werdet es anders finden, und der Himmel verzeihe denen, die mich in Eu. Majestät Gedanken so tief erniedriget haben. Aber an Percys Kopf will ich mich rechtfertigen, und am Schluß irgend eines glorreichen Tages, mit dem Bewußtseyn, daß ich’s werth bin, euch sagen, ich sey euer Sohn; und das soll der Tag seyn, er komme wann er will, da dieser Sohn der Ehre und des Ruhms, dieser tapfre Hot-Spur, dieser überall geprießne Ritter, und euer nichts geachteter Harry, im blutigen Felde zusammen kommen werden. Möchte immerhin jede Ehre die auf seinem Helm sizt, und jede Schmach über meinem Haupte sich verdoppeln! Denn er soll kommen, der Tag, da dieser junge Nordische Held seine glänzenden Thaten gegen meine Verachtung austauschen soll. Percy ist nur mein Factor, Gnädigster Herr, der glorreiche Thaten für mich aufhäuffen muß; ich will ihn zu einer scharfen Rechenschaft ziehen, und er soll mir jeden Ruhm, nicht den kleinsten ausgenommen, einhändigen, oder ich will ihm die Rechnung aus seinem Herzen reissen. Diß versprach ich im Namen des Himmels hier; und wenn ich lebe, um es zu vollbringen, so erlaubet mir Eu. Majestät zu bitten, daß es als eine Genugthüung für die Ausschweiffungen meiner Jugend angesehen werde. Wo nicht, so bezahlt das Ende des Lebens alle Schulden, und eher will ich hundert tausend Tode sterben, eh ich den kleinsten Theil dieses Gelübds brechen sollte.

König Heinrich. Hundert tausend Rebellen sterben durch diese Erklärung. Du sollst einen Auftrag, und hiezu unbeschränkte Vollmacht bekommen. (Blunt kommt herein.) Was bringst du neues, Blunt? Deine Blike kündigen etwas Unerwartetes vorher.

Blunt. Der Lord Mortimer von Schottland hat die Nachricht eingesandt, daß Dowglas und die Englischen Rebellen den eilften dieses Monats zu Schrewsbury sich vereinigen würden. Sie machen ein furchtbares Heer aus, wenn jeder von den Verschwornen sein Versprechen hält, so furchtbar, als jemals die Empörung in einem Staat aufgebracht hat.

König Heinrich. Der Graf von Westmorland, und mein Sohn Johann von Lancaster, sind heute schon aufgebrochen; denn diese Nachricht ist schon fünf Tage alt. Auf nächste Mittwoche, Harry, sollt du, und Donnstags wollen wir selbst ausziehen, und zu Bridgnorth wollen wir zusammentreffen. Du, Harry, sollt deinen Marsch durch Glocester-Schire nehmen; und in zwölf oder vierzehn Tagen soll unsre ganze Macht zu Bridgnorth sich vereinbaren. Hinweg! jeder Augenblik, um den wir uns verspäten, ist ein Vortheil für sie.

(Sie gehen ab.)

Fünfte und sechste Scene. (Ein paar pöbelhafte und schmuzige Zwischen-Scenen aus dem Wirthshaus zum Bären-Kopf in East-Cheap, zwischen Falstaff, Bardolph, der Wirthin, dem Prinzen und Peto.)

Vierter Aufzug.

Erste Scene. (Verwandelt sich in Schrewsbury.) (Hot-Spur, Worcester und Dowglas treten auf.)

Hot-Spur. Wohl gesprochen, mein edler Schotte, wenn nicht oft die Wahrheit selbst, in diesem verschmizten Zeit-Alter, für Schmeicheley gehalten würde. Aber ein Dowglas muß von solchem Gehalt seyn, daß kein Kriegsmann vom Gepräge dieser Zeit einen so allgemeinen Cours durch die Welt habe wie er. Beym Himmel, ich kan nicht schmeicheln; aber einen bravern Plaz hat niemand in meinem Herzen als ihr. Nein, nehmt mich beym Wort; sezt mich auf die Probe, Lord.

Dowglas. Du bist der König der Ehre, und wenn jemand auf Erden Athem holt, der dir den Vorzug streitig machen will, wer er auch sey, dem will ich Troz bieten. (Ein Bote zu den Vorigen.)

Hot-Spur. Thut das, und ihr thut wohl—Was für Briefe hast du hier?—

Bote. Von euerm Vater.

Hot-Spur. Briefe von ihm? Warum kommt er nicht selbst?

Bote. Er kan nicht kommen, Milord, er ist gefährlich krank.

Hot-Spur. Himmel! Wie hat er die Musse in dieser entscheidenden Zeit krank zu seyn? Wer führt seine Truppen an? Unter wessen Commando kommen sie?

Bote. Seine Briefe müssen seine Gesinnung entdeken; mir ist nichts bekannt.

Hot-Spur. Seine Gesinnung?

Worcester. Muß er denn zu Bette liegen?

Bote. Er lag schon vier Tage eh ich abgieng; und wie ich abreißte, waren die Aerzte seinetwegen in grossen Sorgen.

Worcester. Ich wollte, der Zustand dieser Zeit wäre erst geheilt gewesen, eh er krank geworden wäre; seine Gesundheit war nie mehr werth, als izt.

Hot-Spur. Krank in einer solchen Zeit! O! diese Krankheit stekt das Lebensblut unsrer Unternehmung an! Sie wird unser ganzes Lager ansteken. Er schreibt mir hier, daß eine heftige Krankheit—und daß seine Freunde durch Abgeordnete nicht sobald zusammen gebracht werden könnten, ja daß er es nicht einmal rathsam halte, ein so wichtiges und gefährliches Geschäft einer andern Seele als seiner eigenen anzuvertrauen. Indeß rathet er uns doch mit unsrer kleinen Macht auszurüken, und eine Probe zu machen, wie das Glük für uns gesinnt sey; denn, seinem Bericht nach, läßt sich nimmer zaudern, indem der König von unserm ganzen Vorhaben unterrichtet ist. Was sagt ihr dazu?

Worcester. Euers Vaters Krankheit ist ein grosser Nachtheil für uns.

Hot-Spur. Es ist ein Glied, das uns abgehauen ist—und doch, in der That, ist es nicht so; wir werden ihn würklich weniger vermissen als es izt scheint. Wär’ es gut, unser ganzes Glük auf einen einzigen Wurf zu sezen? Ein so grosses Capital dem schlüpfrigen Ungefehr einer zweifelhaften Stunde zu überlassen? Es wäre nicht gut; denn wie leicht könnten wir in dieser einzigen Stunde das Ende aller unsrer Hoffnungen finden.

Dowglas. Vermuthlich würd’ es so gegangen seyn; da uns hingegen, wie die Sachen izt ligen, eine Zuflucht übrig bleibt, deren Gewißheit uns zu unserm Vorhaben desto kühner machen wird.

Hot-Spur. So ists, ein Sammelplaz, wo wir uns wieder erholen können, wenn der Teufel und ein feindseliger Zufall unsre erste Unternehmung mißlingen macht.

Worcester. Dem ungeachtet wünschte ich, euer Vater wäre hier. Die Natur unsrer Unternehmung leidet keine Theilung; viele, welche nicht wissen, warum er abwesend ist, werden glauben, daß Klugheit, Treue, und blosses Mißfallen an unserm Verfahren den Grafen zurük halte. Ihr sehet leicht, wie nachtheilig eine solche Vermuthung unsrer Parthey seyn muß. Uns ist alles daran gelegen, die schwache Seite unsrer Unternehmung zu verbergen, und jedes Taglicht, jede Öffnung und Rize zu verstopfen, durch die das Auge der Vernunft in das Inn’re derselben dringen könnte. Diese Abwesenheit euers Vaters zieht einen Vorhang auf, der den Unberichteten eine Ursache zur Furcht zeigt, wovon sie vorher nicht geträumt haben.

Hot-Spur. Ihr geht zu weit, Milord. Ich sehe seine Abwesenheit vielmehr als einen Umstand an, der unserm grossen Vorhaben einen Glanz giebt, und eine größre Meynung davon erweken muß, als wenn er hier wäre; denn müssen nicht die Leute denken, wenn wir ohne ihn im Stande seyen, dem Königreich einen Stoß zu versezen, so werden wir, mit seinem Beystand, unfehlbar alles unter über sich kehren. Noch geht alles gut, noch ziehen alle unsre Strike.

Dowglas. Wie wir’s nur wünschen können; in Schottland wird kein Wort von dergleichen Besorgnissen gehört.

Zweyte Scene. (Sir Richard Vernon zu den Vorigen.)

Hot-Spur. Mein Vetter Vernon, willkommen, bey meiner Seele!

Vernon. Wollte der Himmel, daß meine Zeitung einen Willkomm werth wäre, Milord. Der Graf von Westmorland ist in Begleitung des Prinzen Johann von Lancaster mit siebentausend Mann im Anzug.

Hot-Spur. Das kan er; was mehr?

Vernon. Ueberdem hab’ ich in Erfahrung gebracht, daß der König in eigner Person entweder schon ausgerükt, oder doch entschlossen sey, aufs schleunigste mit einer grossen Macht hieher zu kommen.

Hot-Spur. Er soll auch willkommen seyn. Wo ist sein Sohn? der leichtfüßige, und tollköpfige Prinz von Wales und seine Cameraden, die die Welt auf die Seite lachen, und ihr sagen, sie könne gehen wohin sie wolle.

Vernon. Sie sind alle gerüstet, alle in Waffen, alle befiedert wie die Straussen, alle in Gold schimmernd wie die Bilder in der Kirche, lebhaft wie der May, prächtig wie die Sonne im Junius, muthwillig wie junge Geissen, und wild wie die Löwen. Ich sah ihn, den jungen Heinrich, mit aufgezognem Viesier, in voller Rüstung, gleich dem beflügelten Mercur sich vom Boden auf- und so leicht in seinen Sattel schwingen, als ob ein Engel aus den Wolken herabgeschlüpft wäre, um auf einem feurigen Pegasus sich um die Unterwelt herum zu tummeln.

Hot-Spur. Nichts mehr, nichts mehr; dieses Lob ist ungesunder als die Sonn’ im Merz. Laßt sie kommen; sie kommen als Schlacht-Opfer, mit Blumen bekränzt, um der feueraugichten Kriegs-Göttin, alle warm und blutend, aufgeopfert zu werden. Der beschupte Mars soll bis an die Ohren im Blut auf seinem Altar sizen. Ich bin ganz in Feuer, da ich höre, daß eine so reiche Beute so nah, und doch noch nicht unser ist. Kommt, laßt mich mein Pferd besteigen, welches mich wie einen Donnerkeil gegen den Busen dieses Prinzen von Wales schleudern soll. Ein Harry soll dem andern begegnen, und nicht ablassen, bis einer von beyden fällt. O daß Glendower hier wäre!

Vernon. Das erinnert mich noch an einen Umstand. Ich hörte zu Worcester, da ich durchritt, daß er vor diesen vierzehn Tagen seine Macht nicht zusammenbringen kan.

Dowglas. Das ist die schlimmste Zeitung unter allen.

Worcester. Ja, in der That, das hat einen frostigen Ton.

Hot-Spur. Wie stark mag des Königs Armee seyn?

Vernon. Dreyßigtausend Mann.

Hot-Spur. Laßt es vierzigtausend seyn; da mein Vater und Glendower nicht hier sind, so mag unsre einzelne Macht diesen grossen Tag aushalten. Kommt, wir wollen unsre Leute mustern; der jüngste Tag ist nahe; sterben wir alle, und mit Freuden, wenn es je gestorben seyn muß!

Dowglas. Redet nicht vom Sterben; für dieses nächste halbe Jahr fürcht’ ich den Tod nicht.

(Sie gehen ab.)

Dritte Scene. (Verwandelt sich in eine Landstrasse ohnweit Coventry.) (Falstaff und Bardolph treten auf.)

Falstaff. Bardolph, geh du voran nach Coventry, und füll’ mir eine Flasche mit Sect: Unsre Soldaten sollen nur durchmarschiren; wir wollen unser Nachtquartier zu Sutton-Cop-Hill nehmen.

Bardolph. Wollt ihr mir Geld geben, Hauptmann?

Falstaff. Leg du’s aus, leg du’s aus.

Bardolph. Eine Flasche Sect macht einen Engel.*

{ed. * Eine Münze, die zehn Englische Schillinge gilt.}

Falstaff. Und wenn sie’s macht, so nimm ihn für deine Mühe; und wenn sie zwanzig macht, so nimm alle zwanzig; ich stehe für das Gepräge. Sag meinem Lieutenant Peto, daß er am Thor auf mich warten soll.

Bardolph. Ich will, Hauptmann; Adieu.

(Er geht ab.)

Falstaff. Wenn ich mich nicht meiner Soldaten schäme, so sey ich ein Stokfisch: ich habe des Königs Werb-Patent verflucht mißbraucht. An hundert und fünfzig Soldaten hab’ ich dreyhundert und etliche Pfund gewonnen. Wie gieng das zu? Ich preßte niemand als haushäbiger Leute Bauer-Jungens, oder versprochne Junggesellen, die schon zweymal proclamirt worden, so eine Gattung von warmen Sclaven, die eben so gern den Teufel hörten als eine Trummel, Bursche die vor dem blossen Namen einer Canone ärger zittern als eine angeschoßne wilde Ente. Ich presse mir keine andre als solche geröstete Butterschnitten, die kaum soviel Herz im Leib haben, als ein Steknadel-Kopf groß ist, und die kauffen sich alle vom Dienst los. Und nun besteht meine ganze Compagnie aus lauter alten abgeschabnen Corporals, Lieutenants, und dergleichen; Leuten, welche, die Wahrheit zu sagen, nie Soldaten gewesen sind, aber doch so zerlumpt aussehen wie Lazarus in den alten Tapeten, wenn ihm des reichen Schlemmers Hunde seine Schwären leken; abgedankte Bediente, jüngere Söhne von jüngern Brüdern, rebellische Bierzapfer, ausgehaußte Wirthe; kurz, alles Ungeziefer, das ein langer Friede auszubrüten pflegt; Kerls, die euch glauben machten, ich habe hundert und fünfzig verlohrne Söhne zusammengebracht, die nur eben vom Schweinhüten und Treberfressen hergekommen seyen. Ein närrischer Bursche begegnete mir unterwegs, und sagte, ich hätte alle Galgen abgeleert, und sogar todte Leichname gepreßt. Keines Menschen Auge hat jemals solche Vögel-Schreker gesehen; ich marschire nicht mit ihnen durch Coventry, das ist eine ausgemachte Sache. Und die Galgenschwengel treten noch dazu mit so weit auseinander gerekten Beinen einher, als ob sie in Fesseln giengen; in der That, ich bekam die meisten von ihnen aus Gefängnissen. Es sind nicht mehr als anderthalb Hemder in meiner ganzen Compagnie, und das halbe sind zwey zusammengenähte Teller-Tücher, wie ein Herolds-Mantel ohne Ermel um die Schultern geworfen; und das Hemd ist, wenn ich die Wahrheit sagen soll, meinem Wirth zu St. Albans gestohlen worden, oder dem rothnasichten Bierschenken zu Daintry. Aber das ist all eins, sie werden Wäsche genug an jedem Zaune finden. (Der Prinz Heinrich und Westmorland treten auf.)

Prinz Heinrich. Wie gehts, diker Jak? Wie gehts, Matraze?

Falstaff. Ha, ist das nicht Hal? Hey da, närrischer Junge, was zum T** machst du in Warwikschire? Ah, mein guter Lord von Westmorland, ich bitt’ euch um Verzeihung; ich dachte Euer Herrlichkeit sey würklich schon zu Schrewsbury.

Westmorland. In der That, Sir John, es wäre mehr als Zeit daß ich dort seyn sollte, und ihr auch; aber meine Leute sind schon dort. Der König giebt auf uns alle acht, das kan ich euch sagen; wir müssen diese Nacht alle fort.

Falstaff. Gut, sorget nicht für mich, ich bin so wachtsam wie eine Kaze, wenn’s Rahm zu mausen giebt.

Prinz Heinrich. Sag mir Jak, wem sind diese Kerls, die dort hinter uns drein kommen?

Falstaff. Mein, Hal, mein.

Prinz Heinrich. In meinem Leben hab ich keine so armselige Lumpenhunde gesehen.

Falstaff. Wohl, wohl; sie sind gut genug zum Verschiessen; Futter für Pulver, Futter für Pulver; sie füllen einen Graben so gut aus als brave Leute; das sind Leute, die ich dem Tod zuführe, Mann.

Westmorland. Das ist schon gut, aber, sie sehen doch gar zu armselig und hungrig aus, Sir John, gar zu bettelhaft.

Falstaff. Auf meine Treu, was ihre Armuth anlangt, so weiß ich nicht woher sie sie haben; und ihr hungriges Aussehen betreffend, so bin ich gewiß, daß sie es mir nicht abgesehen haben.

Prinz Heinrich. Darauf will ich selber schwören—Aber, Junge, beschleunige dich, wir müssen weiter; Percy ist schon ausgerükt.

Falstaff. Wie, ist der König schon im Lager?

Westmorland. Das ist er, Sir John; ich fürchte, wir halten uns zu lang auf.

Falstaff. Gut: ein anders ist zu einem Treffen, und ein anders zu einem Schmause gehen; man kommt zum ersten immer früh genug.

(Sie gehen ab.)

Vierte Scene. (Verwandelt sich in Schrewsbury.) (Hot-Spur, Worcester, Dowglas und Vernon treten auf.)

Hot-Spur. Wir wollen ihn diese Nacht angreiffen.

Worcester. Es kan nicht seyn.

Dowglas. So gebt ihr ihm einen Vortheil.

Vernon. Nicht ein Haar.

Hot-Spur. Wie könnt ihr das sagen? Wartet er nicht auf Verstärkung?

Vernon. Das thun wir auch.

Hot-Spur. Seine Erwartung ist gewiß, die unsre zweifelhaft.

Worcester. Besinnt euch besser, mein lieber Neffe; haltet euch diese Nacht noch ruhig.

Vernon. Thut das, Milord.

Dowglas. Ihr rathet nicht wohl; die Furcht giebt euch diesen Rath ein.

Vernon. Lästert mich nicht, Dowglas; bey meinem Leben! (und ich habe Muth genug, diß mit meinem Leben zu behaupten,) wenn wahre Ehre mir ruft, so geh ich so wenig mit Furcht zu Rath als ihr, Milord, oder irgend ein Schotte in der Welt. Morgen im Schlachtfeld soll sichs zeigen, wer von uns sich fürchtet.

Dowglas. Gut, oder diese Nacht.

Vernon. Ich bin’s zufrieden.

Hot-Spur. Diese Nacht, sag ich.

Vernon. Kommt, kommt, es kan nicht seyn; mich wundert sehr, wie Männer von so grosser Erfahrenheit als ihr die Ursache übersehen können, die den Aufschub nothwendig machen. Meines Vetters Vernons Pferde sind noch nicht da, Worcester’s Reuterey kam erst heute, und nun sind die Pferde müd, ohne Feuer, und der Ruhe bedürftig.

Hot-Spur. Das sind auch des Feindes seine; gröstentheils von der Reise abgemattet; da hingegen die mehresten von den unsrigen vollkommen ausgeruht haben.

Worcester. Der König ist uns zu sehr an der Zahl überlegen; um Gottes willen, Neffe, wartet bis wir unsre Macht beysammen haben.

(Man hört eine Trompete, die das Zeichen zu einer Unterredung bläst.)

Fünfte Scene. (Sir Walter Blunt zu den Vorigen.)

Blunt. Ich komme mit gnädigen Anerbietungen von seiner Majestät, wenn ihr mir Gehör geben wollt.

Hot-Spur. Willkommen, Sir Walter Blunt; und wollte Gott, ihr wäret entschlossen, wie wir; einige von uns lieben euch, und eben diese beneiden eure Verdienste und euern Namen, weil ihr nicht auf unsrer Seite, sondern als Feind uns entgegen steht.

Blunt. Und verhüt’ es der Himmel, daß ich anders stehen sollte, so lang als ihr, pflichtvergeßner Weise, gegen die geheiligte Majestät stehet. Aber zu meinem Geschäfte—Der König verlangt zu wissen, was für Beschwerungen, oder was für eine Ursach euch bewogen habe, den einheimischen Frieden durch verwegne Feindseligkeiten zu stören? Wenn der König eure Verdienste um ihn, die er eingesteht, auf irgend eine Art vergessen haben sollte, so verlangt er, daß ihr eure Klagen führen sollt; eure Wünsche sollen euch ohne Verzug mit Wucher und mit vollkommner Begnadigung für euch, und für diejenige die von euch verleitet worden, gewähret seyn.

Hot-Spur. Der König ist sehr gütig; und wir wissen wol, daß der König weiß, wenn es Zeit ist zu versprechen, und wenn, zu halten. Mein Vater, mein Oheim und ich selbst sezten ihm die Crone auf, die er trägt; und zu einer Zeit, da er nicht sechs und zwanzig Mann stark war, da er verachtet, unglüklich und heruntergebracht, ein armer muthloser Verbannter, in sein Vaterland angekrochen kam; da hieß ihn mein Vater am Ufer willkommen, und da er ihn schwören und bey Gott betheuren hörte, er komme nur um Herzog von Lancaster zu seyn, sein Erbtheil in Besiz zu nehmen, und seine Begnadigung zu suchen, schwor ihm mein Vater, aus Mitleiden und gutem Herzen, daß er ihm beystehen wolle, und that es auch. Wie nun die Lords und die Edeln des Reichs sahen, daß er von Northumberland unterstüzt war, kamen sie, bald mehr bald weniger, ihm ihre Büklinge und Kniebeugungen zu machen, giengen ihm aus Städten, Fleken und Dörfern entgegen, warteten an allen Zäunen und Heken auf ihn, stunden in Hohlwegen, legten Geschenke vor ihm aus, schwuren ihm Eide, und gaben ihm ihre Erben, die, in goldnen Schaaren, wie Edelknaben an seinen Fersen hinterher zogen. Nunmehr, da er seine Grösse sah, stieg er mir ein wenig höher als das Gelübde das er anfangs, da sein Blut noch demüthig floß, auf dem nakten Ufer von Ravenspurg gethan hatte; nun fängt er an von Verbesserungen gewisser Staats-Gebrechen, von Aufhebung gewisser Edicte zu reden, die, wie er sagt, dem gemeinen Wesen sehr beschwerlich wären, schreyt über Mißbräuche, und scheint über die Bedrükung seines Vaterlands zu weinen; und durch diesen Schein, durch diese Mine von Gerechtigkeit gewinnt er alle Herzen, die er dadurch zu angeln sucht: Geht dann weiter, schlägt mir allen Günstlingen, die der abwesende König zur Regierung des Reichs hinterlassen hatte, die Köpfe ab.—

Blunt. Ich kam nicht, solche Dinge anzuhören.

Hot-Spur. Also zur Hauptsache; kurz hernach, sezte er den König ab, beraubte ihn bald darauf so gar des Lebens, und bemächtigte sich so des ganzen Staats. Um dieses Betragen noch schlimmer zu machen, lidt’ er, daß sein Vetter, der Graf von March, (der wenn jeder erhält was ihm gehört, in der That sein König ist) in Wales, eingebauert würde, und ließ ihn dort ohne Ranzion im Kerker ligen; warf mitten in meinen glüklichen Siegen, einen unverdienten Groll auf mich, suchte mich durch Kunstgriffe in Fallen zu loken, strich meinen Oheim aus der Zahl der Staatsräthe aus, jagte in einem Anstoß von Wuth meinen Vater vom Hofe, brach Eid auf Eid, häufte Beleidigungen auf Beleidigungen, und trieb uns endlich in dieser Vereinigung unsre Sicherheit zu suchen, und zugleich sein Recht zur Crone zu prüfen, welches wir nicht gültig genug finden, um lange zu dauern.

Blunt. Ist das die Antwort, die ich dem Könige zurükbringen soll?

Hot-Spur. Nein, Sir Walter; wir wollen uns eine Weile zurükziehen. Geht zum König zurük, und würket eine zulängliche Versicherung von ihm aus, die uns zur Wiederkehr Muth machen könnte; und morgen früh soll ihm mein Oheim unsre Gesinnungen überbringen: und hiemit lebet wohl!

Blunt. Ich wünschte, ihr wolltet Gnade und Freundschaft annehmen.

Hot-Spur. Es kan geschehen, wenn wir können.

Blunt. Der Himmel geb’ es!

(Sie gehen ab.)

Sechste Scene. (Verwandelt sich in den Palast des Erzbischoffs von York.) (Der Erzbischoff und Sir Michell treten auf.)

York. Hier, mein lieber Sir Michell, bringt diesen versiegelten Brief mit geflügelter Eile dem Lord Marschall; dieser ist an meinen Vetter Scroop, und die übrigen an ihre Addressen. Wenn ihr wißtet wie viel daran gelegen ist, ihr würdet eilen.

Sir Michell. Gnädigster Herr, ich errathe ihren Inhalt.

York. Es ist leicht möglich. Morgen, mein lieber Sir Michell, ist ein Tag, der dem Leben von zehntausend Menschen das Urtheil sprechen wird. Denn, meinen Nachrichten zufolge, ist der König mit einer grossen und schnell-aufgebotnen Macht gegen den Lord Percy nach Schrewsbury angerükt; und ich besorge, Sir Michell, Northumberlands Krankheit, auf dessen Beystand man am meisten gezählt hatte, und Owen Glendowers Abwesenheit, der von dräuenden Propheceyungen zurük gehalten worden, werden nachtheilige Folgen haben; Percy’s Macht ist nicht stark genug, es mit dem König aufzunehmen.

Sir Michell. Wie, Milord, Dowglas und Mortimer sind ja bey ihm.

York. Nein, Mortimer nicht.

Sir Michell. Aber Mordake, Vernon, Heinrich Percy, und Milord von Worcester sind doch da, und mit ihnen eine Schar von tapfern jungen Helden, von den auserlesensten edeln Jünglingen.

York. Das ist so; aber der König hat den Adel des ganzen Reichs aufgeboten: der Prinz von Wales, Lord John von Lancaster, der edle Westmorland, der tapfre Blunt, und viele andre von gleichem Werth, Männer von Ansehn und Kriegs-Erfahrenheit, sind bey seinem Heer.

Sir Michell. Zweifelt nicht, Milord, sie werden tapfer empfangen werden.

York. Ich hoffe nicht weniger; aber es ist doch nöthig zu fürchten, und um das schlimmste was begegnen könnte, zu verhüten, so eilet, Sir Michell. Denn wenn Lord Percy nicht die Oberhand erhält, so hat der König im Sinn, eh er seine Truppen auseinander gehen läßt, uns hier einen Besuch zu machen, und die Vorsichtigkeit selbst erfordert, das äusserste gegen ihn zu thun. Beschleuniget euch also, ich muß gehen und noch an andre Freunde schreiben; und hiemit lebet wohl, Sir Michell.

(Sie gehen ab.)

Fünfter Aufzug.

Erste Scene. (Das Königliche Lager zu Schrewsbury.) (König Heinrich, der Prinz von Wales, Lord John von Lancaster, Graf von Westmorland, Sir Walter Blunt und Falstaff treten auf.)

König Heinrich. Wie blutig die Sonne von jenem buschichten Hügel herab sieht! Der Tag erblaßt vor Schreken über ihren Grimm.

Prinz Heinrich. Der Südwind bläßt die Trompeten zu ihrem Vorhaben, und kündigt durch sein hohles Flüstern im Laub ein Ungewitter, und einen stürmischen Tag vorher.

König Heinrich. So sympathisirt also das Wetter mit den Verliehrenden; denn für die Gewinnenden ist das Garstige schön.

(Die Trompeten erschallen.)

(Worcester und Sir Richard Vernon treten auf.)

König Heinrich. Wie nun, Milord von Worcester. Es ist nicht fein, daß ihr und ich auf einen solchen Fuß zusammen kommen sollen. Ihr habt unser Zutrauen betrogen, habt uns genöthigt unsre bequemen Friedens- Kleider abzuwerfen, und unsre alten Glieder in harten Stahl zu zwängen; es ist nicht wohl gethan, Milord, es ist nicht wohl gethan. Was ist nun eure Gesinnung? Wollt ihr wieder in die Sphäre des Gehorsams zurük kehren, worinn ihr ein so schönes und natürliches Licht von euch gabet, und nicht länger ein aufgedunsenes Meteor, ein furchterwekendes Wunderzeichen seyn, ein Vorbote von Unheil für noch ungebohrne Zeiten?

Worcester. Vergönnet mir Gehör, mein Gebietender Herr; was mich selbst betrift, so könnt’ ich mir gerne gefallen lassen, den Rest meines Lebens in Ruhe zuzubringen: Ich versichre, daß ich den Tag dieses öffentlichen Bruchs nicht gesucht habe.

König Heinrich. Ihr habt ihn nicht gesucht, Sir? Woher kommt er dann?

Falstaff. Er fand die Rebellion in seinem Wege ligen, und da hub er sie eben auf.

Prinz Heinrich. Still, Schmeerbauch, still.

Worcester. Es gefiel Eurer Majestät, eure günstigen Blike von mir und meinem ganzen Hause zu wenden; und doch muß ich euch erinnern, Gnädigster Herr, daß wir eure ersten und eifrigsten Freunde waren. Um euertwillen brach ich in Richards Zeiten meinen Marschalls-Stab, und reißte Tag und Nacht, euch entgegen zu gehen, und eure Hand zu küssen, zu einer Zeit, da ihr an Macht und Ansehen weit unter mir war’t; ich, mein Bruder, und sein Sohn waren es, die mit ihrer Gefahr euch in euer Vaterland wieder einsezten. Ihr schwurt uns, zu Doncaster schwur’t ihr diesen Eid, ihr hättet keine Absichten gegen den Staat, und verlangtet nichts weiters als euer angefallnes Recht, den Siz von Gaunt, das Herzogthum von Lancaster; hiezu schwuren wir euch unsern Beystand: Aber da in kurzer Zeit das Glük wie ein Plazregen auf euch herabregnete, und sowohl unsre Hülfe als die günstigen Umstände der Zeit, die Abwesenheit des Königs, die Mißbräuche einer unbesonnenen Regierung, die Bedrükungen, die ihr erlidten hattet, und die widrigen Winde, die den König in Irland so lange zurükhielten, daß ganz England ihn für todt hielt, sich vereinigten euch groß zu machen; wußtet ihr euch dieses Zusammenflusses von Vortheilen so wohl zu bedienen, daß ihr, eures Eides zu Doncaster uneingedenk, die oberste Regierung selbst in eure Hände spieltet; und nun machtet ihr’s uns, die euch genährt hatten, gerade wie es die undankbare Brut des Gukguks dem Sperling macht, ihr bemeistert euch unsers Nestes, und wuchset, von uns geäzt, zu einer solchen Grösse an, daß unsre Liebe selbst sich, aus Furcht verschlungen zu werden, nicht erkühnen durfte euch nahe zu kommen; sondern mit schüchternem Flügel mußten wir unsre Sicherheit ausser euerm Gesichte suchen, und unsre Sicherheit allein ist die Ursache, die uns genöthigt hat, uns auf diese Weise zu vereinigen, und Mittel gegen euch zu gebrauchen, die ihr durch unfreundliches Bezeugen, gefährliche Gesinnungen, und Verlezung eurer uns zugeschwornen Verheissungen uns gegen euch selbst in die Hände gegeben habt.

König Heinrich. Diese Dinge habt ihr freylich zu Papier gebracht, auf Marktpläzen ausruffen, und von den Canzeln ablesen lassen, um der Rebellion eine Farbe anzustreichen, wodurch unbesonnene Schwindel-Köpfe und armselige Malcontenten, die nur durch einen allgemeinen Jammer gedeyhen können, angelokt werden möchten. Und wenn hat es dem Aufruhr jemals an solchen Wasserfarben, seine Sache zu überstreichen, oder an verzweifelten Bettlern gemangelt, die nach einer Zeit von Verwirrung und Zerrüttung hungern?

Prinz Heinrich. In unsern beyden Heeren ist manche Seele, die für diese trozige Ausforderung theuer bezahlen wird. Sagt euerm Neffen, der Prinz von Wales vereinige sich mit der ganzen Welt zum Lobe von Heinrich Percy: Bey meinen Hoffnungen! (dieses gegenwärtige Unterfangen bey Seite gesezt,) denk ich nicht, daß ein braverer, unerschroknerer und tapfrerer junger Mann in der Welt lebt als er; er, den die Natur hervorgebracht zu haben scheint, das Gedächtniß der ehmaligen Helden in unserm Alter zu erneuern. Was mich betrift, zu meiner Schande sag ich’s, ich habe mein Leben noch mit keiner edeln That bezeichnet; und er ist berechtigt, mich des Namens eines Ritters unwürdig zu halten, wie ich höre daß er’s thut. Aber vor seiner Majestät erklär’ ich mich hier, ich bin’s zufrieden, daß er sich des ganzen Vortheils seines ruhmvollen Namens über mich bediene, und erbiete mich, um beyder Theile Blut zu sparen, in einem einzelnen Kampf mein Glük mit ihm zu versuchen.

König Heinrich. Und wir sezen Vertrauen genug in dich, Prinz von Wales, dein Erbieten gut zu heissen, so unendlich viele Betrachtungen dir gleich im Wege stehen—Nein, guter Worcester, nein; wir lieben unser Volk; wir lieben auch diejenigen, die sich auf euers Neffen Seite haben verleiten lassen; und wollen sie unsre angebotne Gnade annehmen, so soll er und sie und ihr, und ein jeder wer er seyn mag, wieder mein Freund seyn, und ich will der seinige seyn. Diß sagt euerm Neffen, und meldet mir zurük, was er thun will. Will er sich aber nicht zum Ziel legen, so wacht scharfe Züchtigung an meiner Seite, und sie soll ihr Amt thun. Hiemit kehrt zurük; wir wollen izt durch keine Antwort beunruhiget seyn; unser Anerbieten ist edel, überlegt es wohl.

(Worcester und Vernon gehen ab.)

Prinz Heinrich. Es wird nicht angenommen werden, bey meinem Leben! Dowglas und Hot- Spur sind beyde zu stolz, sich von einer Welt in Waffen schreken zu lassen.

König Heinrich. Also hinweg, jeder Anführer an seinen Plaz. Sobald wir ihre Antwort haben, wollen wir den Angriff thun; und Gott sey auf unsrer Seite, wie unsre Sache gerecht ist!

(Sie gehen ab.)

Zweyte Scene. (Der Prinz und Falstaff bleiben zurük.)

Falstaff. Hal, wenn du mich im Treffen ligen siehst, so sey so gut und leg mich so zu rechte; es ist ein Freundschafts-Dienst—

Prinz Heinrich. Den dir niemand, als ein Colossus leisten kan. Sprich dein Gebet und leb wohl.

Falstaff. Ich wollt’ es wäre Bettzeit, Hall, und alles wäre vorbey.

Prinz Heinrich. Wie? du bist dem Himmel deinen Tod schuldig, und du must doch einmal bezahlen.

Falstaff. Aber nicht izt; und es sollte mir leid seyn, wenn ich ihn vor meinem Termin bezahlte. Was brauch’ ich so voreilig zu seyn, da er mich nicht anfordert? Gut, was thut das zur Sache, die Ehre fordert mich auf—Ganz recht, und wenn mich also die Ehre auffordert und ich komme um, wie dann? Kan die Ehre mir ein Bein ansezen? Nein: Oder einen Arm? Nein: Oder kan sie mir den Schmerz einer Wunde wegnehmen? Nein: Die Ehre versteht sich also nicht auf die Chirurgie? Nein: Was ist dann die Ehre? Ein Wort: Was ist das Wort Ehre? Luft. Wer hat sie? Der arme Jak, der an einer Mittwoche starb. Fühlt er sie dann? Nein. Hört er sie? Nein. Sie fällt also nicht in die Sinnen? Nicht in die Sinnen eines Todten. Aber lebt sie etwann mit den Lebenden? Nein, das läßt ihr der Neid nicht zu. Ich verlange also nichts davon; die Ehre ist nichts mehr als ein gemahlter Wappenschilt an einem Sarge, und hier endet sich mein Catechismus.

(Er geht ab.)

Dritte Scene. (Verwandelt sich in Percys Lager.) (Worcester und Vernon treten auf.)

Worcester. O nein, mein Neffe muß das gütige Anerbieten des Königs nicht erfahren, Sir Richard.

Vernon. Und doch wär’s am besten, er wißt’ es.

Worcester. Dann wären wir alle verlohren. Es ist unmöglich, es kan nicht seyn, daß der König sein Versprechen halte, wieder unser Freund zu seyn; er wird uns nimmer trauen, und bald genug Mittel gefunden haben, uns neuer Verbrechen zu beschuldigen, um dieses bestraffen zu können. Ein niemals einschlummernder Verdacht wird, so lange wir leben, hundert spähende Augen auf uns geheftet halten; denn der Verrätherey traut man nicht mehr als einem Fuchs, der, so zahm er sich stellt, und so freundlich man mit ihm umgeht, doch immer einen Rest von seinen angebohrnen Tüken behält. Wir möchten aussehen wie wir wollten, frölich oder düster, so würd’ es uns übel ausgedeutet werden; kurz, wir würden gehalten werden wie die Ochsen im Stall, je besser gefüttert, desto näher dem Tode. Meines Neffen Vergehen könnte noch vergessen werden; ihm kömmt die Entschuldigung der Jugend und des Bluts zustatten; sein Beyname Hot-Spur giebt ihm schon ein Privilegium, und man schreibt bey ihm alles auf die Rechnung des cholerischen Temperaments, von dem er beherrscht wird; ich und sein Vater müßten für seine Sünde büssen. Wir hätten ihn verleitet, würd’ es heissen; wir als die Quelle von allem, müßten für alles bezahlen. Laßt ihn also, mein lieber Vetter, ja nichts von dem Anerbieten des Königs wissen, es mag gehen wie es will.

Vernon. Sagt ihm was ihr für gut haltet, ich will es bekräftigen. Hier kommt euer Neffe.

Vierte Scene. (Hot-Spur und Dowglas zu den Vorigen.)

Hot-Spur. Mein Oheim ist wieder da: Sezt den Lord von Westmorland in Freyheit. Oheim, was giebt’s Neues?

Worcester. Der König ist entschlossen, es auf ein Treffen ankommen zu lassen.

Dowglas. So wollen wir ihn durch den Lord von Westmorland heraus fordern.

Hot-Spur. Lord Dowglas, geht und sagt ihm das.

Dowglas. Das will ich, und mit Freuden.

(Dowglas geht ab.)

Worcester. Der König scheint gar nicht zum Verzeihen geneigt.

Hot-Spur. Batet ihr darum? Das verhüte Gott!

Worcester. Ich sagte ihm ganz glimpflich von unsern Beschwerungen, von seinem gebrochnen Eid; und er wußte sich nicht besser zu helfen, als daß er seinen Meineid mit einem zweyten läugnete. Er nennt uns Rebellen, Verräther, und droht ganz trozig, uns nach der Schärfe davor zu züchtigen. (Dowglas kommt zurük.)

Dowglas. Waffnet euch, Milords, waffnet euch; ich habe dem König Heinrich eine brave Ausfordrung in die Zähne gestossen; Westmorland, der als Geisel hier war, trägt sie ihm zu, und er kan nun nicht anders als sie schleunig wieder zurük bringen.

Worcester. Der Prinz von Wales trat vor dem König hervor, und forderte euch zum Zweykampf heraus, Neffe.

Hot-Spur. Wollte der Himmel, wir beyde hätten den Handel allein auszumachen, und niemand müßte heut kurzen Athem holen, als ich und Harry Monmouth! Sagt mir, sagt mir, wie sprach er von mir? That er verächtlich?

Vernon. Nein, auf meine Seele! In meinem Leben hört’ ich keine bescheidnere Ausforderung; ein Bruder könnte den andern nicht höflicher auffordern, wenn es um eine blosse Waffenübung, um ein Ritterspiel zu thun wäre. Er bezeugte alle Hochachtung gegen euch, die ein Mann fordern kan, erhob euern Werth mit einer fürstlichen Zunge, und sprach von euern Verdiensten wie eine Chronik; und was in der That ein Zeichen eines fürstlichen Gemüths war, er sprach mit Schaamröthe von sich selbst, und beschalt seine übel zugebrachte Jugend mit einem Anstand, der zu beweisen schien, daß seine bessere Seele über die andre meister seyn könne, sobald er wolle. Hier hielt er inn; aber laßt mich der Welt sagen, wenn er den Neid dieses Tages überlebt, so hat England nie eine schönere Hoffnung besessen, so sehr auch die Ausschweiffungen seiner Jugend sie verdunkelt haben.

Hot-Spur. Vetter, ich glaube du bist in seine Thorheiten verliebt; ich habe nie von einem Prinzen gehört, der die ausgelassenste Wildheit so weit getrieben hätte. Aber sey er was er will, eh es Nacht ist, will ich ihn mit einer so soldatischen Umarmung bewillkommen, daß er unter meiner Höflichkeit zusammenschrumpfen soll. Zun Waffen, hurtig! Und ihr, Cameraden, und Freunde, bedenkt selbst was ihr zu thun habt, da ich, der die Gabe der Beredsamkeit nicht hat, nicht geschikt bin, euer Blut durch meinen Zuspruch zu erhizen.

Fünfte Scene. (Ein Bote zu den Vorigen.)

Bote. Milord, hier sind Briefe für Eu. Gnaden.

Hot-Spur. Ich kan sie izt nicht lesen. O meine Freunde, wir haben eine kurze Zeit zu leben, und von dieser kurzen Zeit eine einzige Minute unedel zu verschwenden, wäre zu lange. Ueberleben wir diesen Tag, so leben wir, um auf Könige zu treten; sterben wir, ist das nicht ein schöner Tod, wenn Könige mit uns sterben müssen? (Ein andrer Bote.)

Bote. Gnädiger Herr, der König ist im Anzug.

Hot-Spur. Ich dank ihm, daß er mich in meinem Mährchen unterbricht, denn reden ist nicht meine Sache. Nur noch diß, ein jeder thue sein Bestes. Und hier zieh ich ein Schwerdt, dessen Stahl ich, an diesem gefahrvollen Tage, mit dem besten Blut, das ich finden kan, färben werde. Nun, (Esperanza!) Percy!* und rükt aus; laßt alle die muntern Instrumente des Kriegs ertönen, und bey dieser Musik laßt uns einander umarmen; denn ich wollte den Himmel an die Erde sezen, daß einige von uns die Zeit nicht sehen werden, einander wieder so zu bewillkommen.

(Sie umarmen sich und gehen ab. Die Trompeten lassen sich hören.)

{ed. * Diß war, nach Halls Chronik Bl. 22, das Wort zum Angriff in Percy’s Armee. Pope.}

Sechste Scene. (Der König mit seiner Armee; man bläßt zum Angriff.) (Hernach treten Dowglas und Sir Walter Blunt auf.)

Blunt. Wer bist du, daß du mir überall so in den Weg kommst? Was für Ehre suchst du an mir einzulegen?

Dowglas. Wisse denn, mein Name ist Dowglas, und ich verfolge dich deßwegen so, weil man mir sagt, du seyst ein König.

Blunt. Man sagt dir die Wahrheit.

Dowglas. Der Lord von Stafford hat bereits davor bezahlt, daß er dir gleich sieht; denn weil ich ihn für dich ansah, König Harry, so hat ihm dieses Schwerdt ein Ende gemacht. Und so soll es auch dir thun, es wäre dann, daß du dich mir gefangen geben willst.

Blunt. Ich bin nicht gebohren mich zu ergeben, du übermüthiger Schotte, und du sollt einen König finden, der Staffords Tod rächen wird.

(Sie fechten, Blunt fällt.)

(Indem tritt Hot-Spur auf.)

Hot-Spur. O Dowglas, hättest du zu Holmedon so gefochten, nie hätt ich über einen Schotten gesiegt.

Dowglas. Alles ist gethan, alles gewonnen, todt ligt der König hier!

Hot-Spur. Wo?

Dowglas. Hier.

Hot-Spur. Dieser, Dowglas? Nein: Ich kenne sein Gesicht zu wohl; ein braver Ritter war es, sein Name war Blunt; er trägt nur eine Rüstung wie der König.

Dowglas. Ah! du Unsinniger! zu theuer hast du einen geborgten Titel erkauft. Warum sagtest du mir, du seyst ein König?

Hot-Spur. Der König hat viele, die in seinen Kleidern gehen.

Dowglas. So will ich, bey meinem Schwerdt, alle seine Kleider umbringen, seine ganze Garderobe, Stük für Stük bis ich ihn selbst antreffe.

Hot-Spur. Auf und hinweg; unsre Leute halten sich so gut, daß wir uns den Sieg versprechen können.

(Sie gehen ab.)

Siebende und achte Scene. (Falstaff und der Prinz Heinrich.) (Falstaff redt im Ton einer Memme eine kleine Weile mit sich selbst; der Prinz der dazu kommt verlangt seinen Degen von ihm; Falstaff will ihn nicht hergeben, so lange Percy noch lebe, und bietet dem Prinzen sein Pistol an; indem es der Prinz aus dem Hulfter herausziehen will, zieht er eine Flasche mit Sect heraus; ein lautes Gelächter aus dem Paradies bewillkommt diesen guten Einfall, und die Absicht dieser Scene ist erreicht.)

Neunte Scene. (Trompeten und Feldgeschrey; Excursionen; der König, der Prinz, Lord John von Lancaster, und der Graf von Westmorland treten auf.)

König Heinrich. Ich bitte dich, Harry, zieh’ dich zurük, du blutest zu stark; Lord John von Lancaster, geht ihr mit ihm.

Lancaster. Nicht eher, Gnädigster Herr, bis ich auch blute.

Prinz Heinrich. Ich bitte Eu. Majestät, auszuharren, unsre Entfernung möchte unsre Freunde in Verwirrung sezen.

König Heinrich. Ich will; Milord von Westmorland, führt ihn in sein Zelt.

Westmorland. Kommt, Milord, ich will euch in euer Zelt führen.

Prinz Heinrich. Mich führen, Milord? Ich bedarf eurer Hülfe nicht. Der Himmel verhüte, daß eine Nadelrize den Prinzen von Wales von einem solchen Feld wie dieses ist, treiben soll, wo so viel Edle Männer in ihrem Blute zertreten ligen, und triumphierende Rebellen den Tod um sich her verbreiten.

Lancaster. Wir athmen hier zu lange; kommt, Vetter von Westmorland, auf diesem Weg ligt unsre Pflicht; um’s Himmels willen, kommt.

Prinz Heinrich. Beym Himmel, du hast mich betrogen, Lancaster; ich dachte nicht daß du Herr von einem solchen Geiste seyst; sonst liebt’ ich dich als einen Bruder, John, aber nun lieb’ ich dich wie meine eigne Seele.

König Heinrich. Ich sah’ ihn dem Lord Percy mit einem Muth die Spize bieten, den ich von einem so jungen Krieger nicht vermuthen durfte.

Prinz Heinrich. O, dieser Junge hat Feuer für uns alle.

(Sie gehen ab.)

(König Heinrich bleibt; Dowglas tritt auf.)

Dowglas. Wieder ein König? Sie wachsen wie die Köpfe der Hydra. Ich bin Dowglas, allen verderblich die diese Farbe tragen—Wer bist du, der hier die Person eines Königs machen will?

König Heinrich. Der König selbst, Dowglas, der herzlich bedaurt, daß du schon so viele Schatten von ihm angetroffen, eh du ihn selbst gefunden hast. Ich habe zween Söhne, die dich und Percy auf dem ganzen Schlachtfeld aufsuchen; aber da du mir so glüklich in die Hände fällst, will ich’s mit dir aufnehmen; vertheidige dich!

Dowglas. Ich fürchte, du bist auch nur ein Phantom; und doch trägst du dich in der That wie ein König; aber mein bist du, das bin ich gewiß, wer du auch bist, und so will ich dich gewinnen.

(Sie fechten; indem der König in Gefahr ist, kommt der Prinz von Wales dazu.)

Prinz Heinrich. Hebe deinen Kopf auf, du nichtswürdiger Schotte, oder du sollst nimmer ihn nicht wieder empor heben: die Geister von Scherley, Stafford und Blunt sind in meinen Armen; der Prinz von Wales ists, der dir dräut, und der nie verspricht, was er nicht zu bezahlen gedenkt.

(Sie fechten, Dowglas flieht.)

Munter, Gnädigster Herr! Wie befindet sich Euer Majestät? Sir Nicolas Gawsey hat um Hülfe geschikt, und das hat auch Clifton gethan. Ich will gerade zu Clifton.

König Heinrich. Bleib und athme einen Augenblik. Du hast meine verlohrne Achtung wieder erkauft, Harry, und durch diese edle Rettung bewiesen, daß dir mein Leben nicht gleichgültig ist.

Prinz Heinrich. O Himmel! das gröste Unrecht thaten die mir, die jemals gesagt haben, daß ich euern Tod wünsche. Wär’ es so, so hätt ich nur Dowglassens dräuende Hand allein über euch lassen können; sie würde euer Ende schneller als alles Gift der Welt befördert, und euerm Sohn die verrätherische Mühe erspart haben.

König Heinrich. Eile du izt zu Clifton; ich will zu Sir Nicolas Gawsey.

(Der König geht ab.)

Zehnte Scene. (Hot-Spur, der Prinz von Wales.)

Hot-Spur. Wenn ich recht sehe, so bist du Harry Monmouth.

Prinz Heinrich. Du sprichst, als ob ich meinen Namen verläugnen wolle.

Hot-Spur. Mein Nam’ ist Harry Percy.

Prinz Heinrich. Ich sehe also einen sehr tapfern Rebellen, der diesen Namen trägt. Ich bin der Prinz von Wales, und denke nicht, Percy, länger neben mir um den Preis der Ehre zu buhlen. Zween Sterne können ihren Lauf nicht in einer Sphäre halten, und Ein England kan sich in kein doppeltes Reich für Harry Percy, und für den Prinzen von Wales theilen.

Hot-Spur. Auch soll es nicht; die Stunde ist gekommen, die einem von uns beyden ein Ende machen muß; und wollte der Himmel, dein Name im Krieg wär’ izt so groß als meiner.

Prinz Heinrich. Er soll größer werden, eh wir von einander scheiden, und ich will alle diese aufblühenden Ehren von deinem Kamme pflüken, um einen Kranz für meine Stirne daraus zu machen.

Hot-Spur. Ich kan dich nicht länger so prahlen hören.

(Sie fechten.)

(Falstaff kommt dazu.)

Falstaff. Bravo, Hall, drauf los, Hall! Hey sa, ihr werdet hier kein Kinderspiel finden, das kan ich euch sagen. (Dowglas tritt auf, und ficht mit Falstaff, der sogleich zu Boden fällt, als ob er todt sey; Dowglas geht wieder ab, und der Prinz stößt den Percy nieder.)

Hot-Spur. O Harry, du hast mich meines Ruhms beraubt; der Verlust des Lebens schmerzt mich weniger, als alle die stolzen Titel, die du mir abgewonnen hast; sie verwunden meine Seele tiefer als dein Schwerdt mein Fleisch; aber die Seele ist eine Sclavin des Lebens, und das Leben ein Spiel des Glüks—O, ich könnte propheceyen, wenn die kalte Hand des Todes nicht auf meiner Zunge läge, nun, Percy, bist du Staub, eine Speise für—

(Er stirbt.)

Prinz Heinrich. Würmer, braver Percy. Fahr du wohl! Unglüklicher Ehrgeiz, wie klein schrumpfest du zusammen! Wie dieser Leib noch einen Geist in sich hatte, war ein Königreich ein zu kleiner Raum für ihn; izt sind zween Schritte verächtliche Erde Raums genug. Diese Erde, die den todten Percy trägt, trägt keinen Lebenden, der ihm gleicht. Wär’st du noch empfindlich, so würd’ es mir nicht erlaubt seyn, meiner Achtung für dich diesen Ausbruch zu lassen. Aber nun laß mich dein zerfeztes Antliz verhüllen, und nimm diesen lezten Dienst der Liebe von meiner Hand. Fahre wohl, und nimm deinen Ruhm mit dir gen Himmel; deine Schmach schlafe mit dir in deinem Grab, und werde nicht in deiner Grabschrift erwähnt!—

(Er sieht Falstaffen.)

Wie, alte Bekanntschaft? Konnte alle diese Menge Fleisch nicht ein wenig Leben verwahren? Armer Jak, fahr wohl! Einen bessern Mann möcht’ ich besser gespart haben.*

(Geht ab.)

{ed. * Man läßt hier ein halb Duzent kahle Reime weg, die des Prinzen unwürdig sind, und die ganze Scene entstellen.}

Eilfte Scene. (Falstaff steht wieder auf, und amüsirt sich selbst mit frostigen Wortspielen über die Vorsichtigkeit die er gehabt, sich todt zu stellen. Zulezt besorgt er, Percy möchte auch wieder aufwachen, und giebt ihm deßwegen noch einen Stoß, indem die folgende Scene angeht.)

Zwölfte Scene. (Prinz Heinrich, und John von Lancaster treten auf.)

Prinz Heinrich. Komm, Bruder John; du hast dich das erstemal vortrefflich wol gehalten.

Lancaster. Sachte, wen haben wir hier? Sagtet ihr mir nicht, dieser dike Kerl sey todt?

Prinz Heinrich. Das that ich, ich sah ihn ohne Athem auf dem Boden ligen. Bist du bey Leben, oder sehen wir dein Gespenst? Rede, unsre Ohren müssen das Zeugniß unsrer Augen bestätigen, wenn wir ihnen glauben sollen; du bist nicht, was du scheinst.

Falstaff. Nein, das ist gewiß; ich bin nicht gedoppelt; aber wenn ich nicht Hans Falstaff bin, so will ich ein Hans Dampf seyn. Hier ligt Percy; wenn euer Vater mir eine Ehre dafür anthun will, so mag er’s; wo nicht, so kan er den nächsten Percy selber umbringen. Ich hoffe entweder Graf oder Herzog zu werden, das kan ich euch versichern.

Prinz Heinrich. Wie? Ich erlegte den Percy, und dich sah ich todt ligen.

Falstaff. Thatst du das? Herr, Herr! Wie die Welt dem Lügen ergeben ist! Ich versichre euch, ich lag ohne Athem auf dem Boden, und er auch; aber wir stunden beyde zugleich wieder auf, und fochten eine ganze lange Stunde, nach der Gloke von Schrewsbury; wenn man mir’s glauben will, gut; wo nicht, so mögen diejenige, so die Tapferkeit belohnen sollten, die Sünde auf sich nehmen; ich will mein Leben dran sezen, daß ich ihm die Wunde in das dike Bein gegeben habe: Wenn der Mann noch lebte, und es läugnen wollte, ich wollte ihm ein Stük von meinem Degen zu fressen geben.

Lancaster. Das ist die seltsamste Begebenheit, die ich jemals gehört habe.

Prinz Heinrich. Das ist der seltsamste Bursche, Bruder John—Komm du, nimm dein Bagage hübsch auf den Rüken, und wenn eine Lüge dir was Gutes thun kan, so will ich sie, dir zu gefallen, mit den günstigsten Ausdrüken übergülden, die ich finden kan.—

(Man hört zum Rükzug blasen.)

Das Feld ist unser! Komm, Bruder, wir wollen mitten auf das Schlachtfeld, und sehen, welche von unsern Freunden noch leben, und welche gefallen sind.

(Sie gehen ab.)

Falstaff. Ich will auch hinter drein. Das will ich doch sehen, wie sie mich belohnen werden. Der Himmel lohn’ es dem, der mich belohnt! Wenn ich groß werde, so werd’ ich um die Hälfte meines Bauchs kleiner werden; denn ich will dann purgieren, und den Sect lassen, und ein ordentliches Leben führen, wie ein Edelmann thun soll.

(Er geht ab.)

Dreyzehnte Scene. (Trompeten: König Heinrich, der Prinz von Wales, Lord John von Lancaster, Graf von Westmorland, mit Worcester und Vernon als Gefangnen, treten auf.)

König Heinrich. So fand die Empörung noch allemal ihre Züchtigung. Uebelgesinnter Worcester, sandten wir nicht euch allen Gnade, Verzeihung, und freundschaftliche Erbietungen zu? Und du erfrechtest dich unsre Erklärung in das Gegentheil zu verkehren, und durch diesen Betrug deines Vetters Zutrauen zu seinem Verderben zu mißbrauchen! Drey tapfre Ritter, die an diesem Tag auf unsrer Seite gefallen sind, ein edler Graf, und viele andre wakern Leute würden noch leben, wenn du redlich, wie ein Christ, für das Beste unsrer Armeen gedacht hättest.

Worcester. Was ich gethan habe, dazu zwang mich meine Erhaltung; und ich unterziehe mich geduldig meinem Schiksal, da es nicht in meiner Macht stund, ihm auszuweichen.

König Heinrich. Führet Worcestern und Vernon zum Tode; den übrigen Mitschuldigen geben wir noch Frist. Wie steht es im Felde?

Prinz Heinrich. Der tapfre Schotte, Lord Douglas, wie er sah, daß keine Hoffnung übrig war, diesen Tag zu gewinnen; daß Percy erschlagen war, und die Furcht alle seine Leute ergriffen hat, entfloh mit den übrigen; und ein Fall, den er that, richtete ihn so übel zu, daß er in die Hände der Nachsezenden fiel. Er ist in meinem Zelt, und ich bitte Euer Majestät um die Gnade, daß ich über ihn disponieren dürfe.

König Heinrich. Herzlich gern.

Prinz Heinrich. So übertrag’ ich dann euch, Bruder Lancaster, die Vollziehung dieses rühmlichen Werks der Großmuth. Geht zu Douglas, und sezt ihn, ohne Lösegeld und Bedingung, in völlige Freyheit. Die Tapferkeit, die er an dem heutigen Tag auf unsre Köpfe erprobet hat, hat uns gelehrt, so schöne Thaten selbst an unsern Feinden hochzuschäzen.

Lancaster. Ich danke Euer Gnaden für einen Auftrag, den ich sogleich mit Vergnügen befolgen werde.

König Heinrich. Nun bleibt nichts übrig, als unsre Macht zu theilen. Ihr, Sohn Johann, und mein Vetter Westmorland, sollt euch in möglichstes Eile nach York wenden, um Northumberlanden und den Prälaten Scroop anzugreiffen, die sich wie wir hören, mit grossem Eifer zum Krieg rüsten. Ich selbst und mein Sohn Harry, werden nach Wales ziehen, mit Glendower und dem Grafen von March zu fechten. [Noch ein Tag wie dieser, wird der Empörung den Muth benehmen; laßt uns, nach einem so schönen Anfang, nicht ablassen, bis wir alles Unsrige wieder gewonnen haben.]*

{ed. * Reime im Original.}

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Erste Theil von König Heinrich dem vierten, von William Shakespeare.

Mit dem Leben und Tod von Heinrich Percy, genannt Hot-Spur.

Übersetzt von Christoph Martin Wieland.