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William Shakespeare

König Heinrich der Achte

Übersetzt von

Wolf Graf von Baudissin

unter der Redaktion von
Ludwig Tieck

Personen:

König Heinrich der Achte

Kardinal Wolsey

Kardinal Campejus

Capuciu, Botschafter Kaiser Karls des Fünften

Cranmer, Erzbischof von Canterbury

Herzog von Norfolk

Herzog von Buckingham

Herzog von Suffolk

Graf von Surrey

Lord-Kämmerer

Lord-Kanzler

Gardiner, Bischof von Winchester

Bischof von Lincoln

Lord Abergavenny

Lord Sands

Sir Heinrich Guildford

Sir Thomas Lovell

Sir Anthony Denny

Sir Nicholas Vaux

Schreiber

Cromwell, Wolseys Diener

Griffith , Zeremonienmeister der Königin Katharina

Drei Herren vom Hofe

Doktor Butts, Leibarzt des Königs

Wappenherold

Haushofmeister des Herzogs von Buckingham

Brandon und ein Gerichtsdiener

Türsteher vor dem Saal des Staatsrats

Pförtner

Dessen Knecht

Ausrufer

Ein Page Gardiners

Ein Bote

Katharina, Königin von England

Anna Bullen

Eine alte Hofdame

Patienza, Kammerfrau der Königin Katharina

Verschiedene Herren und Damen vom Hof als stumme Personen. Frauen im Gefolge der Königin; Geister, die ihr erscheinen. Schreiber, Offiziere, Wachen, Gefolge, Volk usw.

Die Szene ist abwechselnd in London und Westminster; einmal in Kimbolton

Prologus

Ich komme nicht mehr, daß ihr lacht. Gestalten,
Die eure Stirnen ziehn in ernste Falten,
Die traurig, groß, stark, voller Pomp und Schmerz,
So edle Szenen, daß in Leid das Herz
Zerrinnt, erscheinen heut. Die Mitleid fühlen,
Sie mögen Tränen schenken unsern Spielen;
Der Inhalt ist es wert. Die, welche geben
Ihr Geld, um etwas Wahres zu erleben,
Sie finden hier Geschichte. Die an Zügen,
Geschmückten sich erfreun und so begnügen,
Zürnen wohl nicht: zwei Stunden still und willig –
Dann steh ich dafür ein, sie haben billig
Den Schilling eingebracht. Nur die allein,
Die sich an Spaß und Unzucht gern erfreun,
Am Tartschenlärm, die nur der Bursch ersetzt
Im bunten langen Kleid, mit Gelb besetzt,
Sie sind getäuscht; mit Wahrheit, groß und wichtig,
Darf, Edle, niemals Schattenwerk so nichtig
Als Narr und Kampf sich mischen, sonst entehrten
Wir uns und euch – die uns Vertraun gewährten,
Daß wahr nur sei, was jetzt vor euch erscheint –
Und so verblieb’ uns kein verständger Freund.
Deshalb, weil man als weis und klug euch kennt
Und in der Stadt die feinsten Hörer nennt,
Seid ernst wie wir euch wünschen. Denkt, ihr seht,
Als lebten sie, in stolzer Majestät
Des edlen Spiels Personen. Denkt sie groß,
Vom Volk umringt; denkt ihrer Diener Troß,
Der Freunde Drang; seht hierauf, im Moment,
Wie solche Macht so bald zum Fall gewendt;
Und seid ihr dann noch lustig, möcht ich meinen,
Es könn ein Mann am Hochzeitstage weinen.

Erster Aufzug

Erste Szene

London. Ein Vorzimmer im Palast des Königs

Von der einen Seite kommt der Herzog von Norfolk, von der andern der Herzog von Buckingham und Lord Abergavenny

Buckingham. Guten Morgen und willkommen! Wie ging es euch,
Seit wir uns sahn in Frankreich?

Norfolk. Dank Eur Gnaden,
Wohlauf, und stets seitdem noch frisch bewundernd,
Was ich dort sah.

Buckingham. Ein sehr unzeitig Fieber
Hielt mich gebannt auf meinem Zimmer fern,
Als die zween Ruhmessöhn und Heldensterne
Im Ardetal sich trafen.

Norfolk. Zwischen Arde
Und Guines sah ich der Fürsten Gruß vom Pferd;
Sah, abgestiegen, beide sich umschließen,
Als wüchsen sie zusammen, so umarmt;
Und wären sies: wo gabs vier Könige,
Dem doppelt Einen gleich?

Buckingham. Die ganze Zeit
War ich des Betts Gefangner.

Norfolk. Da verlort Ihr
Die Schau des irdschen Pomps. Man möchte sagen,
Pracht, einsam bis dahin, ward hier vermählt
Noch über ihrem Rang. Stets war das Morgen
Meister des Gestern, bis der letzte Tag
Die vorgen Wunder einschlang. Überstrahlten
Ganz flimmernd, ganz in Gold, gleich Heidengöttern,
Die Franken heut uns; morgen schufen wir
Aus England Indien; jeder, wie er stand,
Glich einer Mine. Die Pagenzwerge schienen
Ganz Gold, wie Cherubim; die Damen auch,
Der Arbeit ungewohnt, keuchten beinah
Unter der Pracht; so daß die Mühe selber
Zur Schminke ward. Jetzt rief man diese Maske
Als einzig aus: der nächste Abend macht sie
Zum Narrn, zum Bettler. Beide Könige,
An Schimmer gleich, je wie in Gegenwart
Gewahrt, stehn höh’r und tiefer: wer im Aug,
Ists auch im Preis; und, beide gegenwärtig,
Sah man, so schiens, nur einen: und kein Urteil
Ward nur versucht vom Kenner. Wenn jene Sonnen
(Denn also hieß man sie) die edlen Geister
Durch Heroldsruf zum Kampf ermahnt, sind Taten
Jenseit des Denkbaren vollbracht; die Fabel,
So jetzt als möglich sich bewährt, fand Glauben,
Und Bevis dünkt uns wahr.

Buckingham. Oh, Ihr geht weit.

Norfolk. So wahr ich Edelmann und immer strebte
Nach Redlichkeit: die Schildrung jedes Dings
Verlör beim besten Redner von dem Leben,
Wies durch die Handlung selbst sprach. Königlich
War alles, nichts dem Plane widerspenstig,
Durch Ordnung alles sichtbar; jedes Amt
Erfüllte, was ihm oblag.

Buckingham. Wer nur führte,
Ich meine, wer vereinte Haupt und Glieder
Zu diesem großen Fest nach Eurer Meinung?

Norfolk. Nur einer, wahrlich, der kein Element
Für solch Geschäft verspricht.

Buckingham. Sagt, wer, Mylord?

Norfolk. Das alles schuf die klug verständge Einsicht
Des hochehrwürdgen Kardinals von York.

Buckingham. Hol ihn der Teufel! Er muß an jedem Brei
Ehrgeizig kochen helfen. – Was ging ihn
Dies weltliche Stolzieren an? Mich wundert,
Wie solch ein Klump mit seiner rohen Last
Der segensreichen Sonne Licht darf hemmen,
Der Erd es vorenthaltend.

Norfolk. Wahrlich, Herr,
In ihm ist Stoff, der solche Zwecke fördert:
Denn, nicht gestützt auf Ahnentum (des Gunst
Dem Enkel sichre Bahn vorschreibt); nicht fußend
Auf Taten für die Krone; nicht geknüpft
An mächtge Helfer, sondern Spinnen gleich,
Aus seiner selbstgeschaffnen Webe, zeigt er,
Wie Kraft des eignen Werts die Bahn ihm schafft:
Vom Himmel ein Geschenk, das ihm erkauft
Den Platz zunächst am Thron.

Abergavenny. Ich kanns nicht sagen,
Was ihm der Himmel schenkt: ein schärfrer Blick
Erspähe das. Sein Hochmut aber blickt mir
Aus jedem Zug hervor; wer gab ihm den?
Wars nicht die Hölle, so ist Satan Knauser,
Oder gab alles schon hinweg, und er
Erschafft ‘ne neue Hölle selbst in sich.

Buckingham. Beim fränkschen Zug, wie, Teufel, nahm ers auf sich,
Ohne Königs Vorwissen sein Gefolg
Ihm zu erwählen? Er entwirft die Liste
Vom ganzen Adel; wählt meist solche nur,
Auf die er soviel Bürd als wenig Ehren
Zu häufen denkt: ja, einzig schon sein Handbrief,
Den hochachtbaren Staatsrat unbefragt,
Muß liefern, wen er hinschreibt.

Abergavenny. Weiß ich doch
Drei meiner Vettern mindstens, die sich also
Ihr Erbteil hierdurch schwächten, daß sie nimmer
Wie vormals werden blühn.

Buckingham. Oh, vielen brach
Der Rücken, die Landgüter drauf geladen
Für diesen großen Zug. Was half die Torheit,
Als Mittlerin zu werden einem höchst
Armselgen Ausgang?

Norfolk. Traurig denk ich oft,
Wie uns der fränksche Friede nicht die Kosten,
Ihn abzuschließen, lohnt.

Buckingham. Ward jeder nicht
Nach jenem grausen Sturm, der drauf erfolgt’,
Vom Geist erfüllt und sprach, unabgeredet,
Die allgemeine Prophezeiung aus,
Es deut der Sturm, der dieses Friedens Kleid
Zerriß, auf raschen Bruch?

Norfolk. Der ist schon klar;
Denn Frankreich höhnt den Bund und legt Beschlag
Auf unsrer Kaufherrn Güter in Bordeaux.

Abergavenny. Ward deshalb der Gesandte fortgeschickt?

Norfolk. Gewiß.

Abergavenny. Ein saubrer Titel eines Friedens,
Und teuer übers Maß.

Buckingham. Ei, lauter Arbeit
Des würdgen Kardinals.

Norfolk. Verzeiht, Mylord,
Der Staat nimmt Kenntnis vom besondern Zwist
Zwischen dem Kardinal und Euch. Drum tat ich
(Und nehmt aus einem Herzen dies, das Ehr
Und Sicherheit Euch reichlich gönnt), – Ihr wollt
Des Priesters Arglist stets und seine Macht
Zusammenreihn; dann wohl erwägen, daß,
Worauf sein wilder Haß auch brüt, ihm nimmer
Ein Werkzeug fehlt. Ihr kennt sein Naturell,
Rachgierig ist er: und ich weiß, sein Schwert
Ist scharf gewetzt; ‘s ist lang, und, wohl weiß man,
Es reicht fern hin: und streckt ers nicht so weit,
So schleudert ers. Schließt meinen Rat ins Herz;
Er wird Euch frommen. Seht, da kommt die Klippe,
Die ich Euch riet zu meiden.

Kardinal Wolsey, vor dem die Tasche mit dem Großen Staatssiegel getragen wird, mehrere von der Leibwache und zwei Schreiber mit Papieren treten auf. Der Kardinal heftet im Vorbeigehn seinen Blick auf Buckingham und dieser auf ihn; beide sehen einander voller Verachtung an.

Wolsey. Der Hausvogt Herzog Buckinghams ? Schon gut!
Habt Ihr die Untersuchung?

Schreiber. Hier, Mylord.

Wolsey. Hält er sich fertig in Person?

Schreiber. Ja, gnädger Herr.

Wolsey. Gut! Dann ergibt sich mehr; und Buckingham
Wird diesen stolzen Blick schon mäßgen.

(Kardinal Wolsey und sein Gefolge ab.)

Buckingham. Der Fleischerhund trägt Gift im Maul, und ich
Vermag nicht, ihn zu knebeln: drum am besten,
Man weckt ihn nicht aus seinem Schlaf. Das Buch
Des Bettlers zählt vor edlem Blut! –

Norfolk. Wie, so erhitzt?
Fleht Gott um Mäßigung, das einzge Mittel,
Das Eure Krankheit heischt.

Buckingham. Sein Blick verkündet
Was gegen mich: sein Aug erniedrigte
Mich als verworfnen Knecht; und jetzt, jetzt eben,
Bohrt’ er mich meuchlings durch: er ging zum König;
Ich folg und will ihn übertrotzen.

Norfolk. Bleibt doch,
Mylord, und laßt Vernunft und Zorn sich fragen,
Was Ihr beginnt. Wer steilen Berg erklimmt,
Hebt an mit ruhgem Schritt; der Ärger gleicht
‘nem überhitzgen Pferd, das, gebt Ihr Freiheit,
Am eignen Feur ermüdet. Keiner, glaubt mir,
Vermag, wie Ihr, mir Rat zu geben: seid
Für Euch, was Ihr dem Freund wärt.

Buckingham. Ich will hin,
Und Ehrenmund soll völlig niederschreien
Den Hochmut des Ipswicher Knechts; sonst ruf ichs:
Hin ist der Unterschied des Ranges.

Norfolk. Hört mich!
Heizt nicht den Ofen Euerm Feind so glühend,
Daß er Euch selbst versengt. Wir überrennen
Durch jähe Eil das Ziel, nach dem wir rennen,
Und gehns verlustig. Denkt nur, wie die Flamme,
Wenn sie den Trank geschwellt zum Überschäumen,
Ihn, scheinbar mehrend, nur zerstäubt! Oh, hört!
Ich wiederhol, es gibt kein Haupt in England
So kräftig, sich zu leiten, als das Eure,
Wenn Ihr mit Saft der Weisheit wolltet löschen,
Ja, dämpfen nur, die Glut des Jähzorns.

Buckingham. Herr,
Nehmt meinen Dank. Verhalten will ich mich
Nach Euerm Wort. Doch den erzstolzen Kerl
(Nicht weil der Zorn mir schwillt, nenn ich ihn so,
Nein, aus rechtschaffnem Drang): durch sichre Kundschaft
Und Proben, die so klar wie Bäch’ im Juli,
Wenn jedes Korn von Kies wir sehen, kenn ich
Als feil, verrätrisch.

Norfolk. Nicht verrätrisch sagt.

Buckingham. Dem König sag ichs: mein Beweis soll stark sein
Wie Felsenufer. Seht nur. Dieser heilge
Fuchs oder Wolf – wenn beides nicht! – (er ist
So räubrisch ja als schlau, so rasch zum Bösen,
Als fein es zu vollziehn; Gemüt und Amt
Hat gegenseitig sich an ihm verpestet):
Nur daß er seinen Prunk ausbreit in Frankreich,
Wie hier zu Haus, trieb unsern Herrn, den König,
Zum letzten teuren Bündnis und Kongreß,
Der soviel Schätze schlang, und wie ein Glas
Zerbrach im Spülen.

Norfolk. Ja gewiß, so wars.

Buckingham. Erlaubt nur weiter, Herr. Der listge Pfaff
Spann die Artikel nun der Übereinkunft,
Wies ihm gefiel; dann ward ratifiziert,
Wie er nur winkt, «so seis»; – zu nicht mehr Vorteil,
Als Krücken für den Toten. Doch unser Hofpfaff
Ersanns, und so ists gut; der würdge Wolsey,
Der niemals irrt, der tats. Drauf folgt nun dies
(Was mich bedünkt, ‘ne Art von Brut der alten
Hündin Verrat): – der Kaiser Karl, vergeblich,
Die Kön’gin, seine Tante, zu besuchen
(Den Anstrich gab er wirklich; doch er kam,
Dem Wolsey zuzuflüstern), hält hier Einzug.
Er war in Furcht, ihm werd aus dem Kongreß
Von Frankreich, durch der zween Monarchen Freundschaft,
Nachteil entstehn; und freilich blickte Unheil
Ihm dräuend aus dem Bund: drum pflog er heimlich
Mit unserm Kardinal, und, wie ich glaube,
Ja vielmehr weiß – weil sicher vor dem Abschluß
Der Kaiser zahlt’, und also sein Gesuch
Erfüllt war, eh genannt – genug, nachdem
Der Weg gebahnt und goldgepflastert, heischt
Der Kaiser nun, er möge gütigst anders
Den König stimmen und den Frieden brechen.
Ja, wissen muß der König (gleich, durch mich),
Wie so der Kardinal nach Wohlgefallen
Ihm seine Ehre kauft und auch verkauft,
Und zwar zu seinem Vorteil.

Norfolk. Mich betrübts,
Solches von ihm zu hören, und ich wünsche,
Hier walt ein Irrtum ob.

Buckingham. In keiner Silbe!
Ich stell ihn dar in ebender Gestalt,
In der er bald entlarvt ist.

Brandon tritt auf; vor ihm her ein bewaffneter Gerichtsdiener, darauf zwei oder drei von der Leibwache.

Brandon. Sergeant,
Ihr wißt, was Eures Amts; vollzieht es!

Gerichtsdiener. Sir,
Mylord, Herzog von Buckingham und Graf
Von Hereford, Stafford und Northampton, ich
Verhafte dich um Hochverrat, im Namen
Unsres großmächtgen Königs.

Buckingham. Seht, Mylord.
Das Netz fiel auf mich nieder; durch Verrat
Und Arglist werd ich untergehn.

Brandon. Mich schmerzt,
Der Freiheit Euch beraubt und diesen Hergang
Mit anzusehn; es ist des Königs Wille,
Ihr sollt zum Turm.

Buckingham. Nichts hilft mirs, meine Unschuld
Dartun, da solcher Schatten fiel auf mich,
Der selbst das Weiße schwarz färbt. Herr, dein Ratschluß
Gescheh, hierin und allzeit! Ich gehorche.
O Mylord Aberga’nny, lebet wohl!

Brandon. Nein, er muß mit Euch gehn. Es ist des Königs
Gefall’, Ihr sollt zum Turm, bis Ihr erfahrt,
Was ferner nachfolgt.

Abergavenny. Mit dem Herzog sag ich:
Des Herrn Ratschluß geschah sowie des Königs
Gefallen.

Brandon. Vollmacht hab ich hier vom König,
Lord Montacute in Haft zu nehmen; ferner
Den Johann de la Court, des Herzogs Beichtger;
Dann seinen Kanzler, Gilbert Peck –

Buckingham. So, so!
Das sind die Glieder des Komplotts. Nicht mehr doch?

Brandon. Noch ein Kartäusermönch –

Buckingham. Oh, Niklas Hopkins.

Brandon. Ja.

Buckingham. Mein Hausvogt spielte falsch: der große Priester
Bot Gold ihm an; mein Leben ist umspannt;
Ich bin nur Schatten noch des armen Buckingham,
Und dessen Züge selbst tilgt diese Wolke,
Mein helles Licht verdunkelnd. Mylord, lebt wohl!

(Alle ab.)

Zweite Szene

Das Zimmer des Staatsrats

Trompeten. König Heinrich, auf des Kardinals Schulter gestützt; mehrere Edelleute und Sir Thomas Lovell treten auf

König. Mein ganzes Leben dankt, mein Herzblut Euch
Für solche Sorgfalt. Stand ich doch im Schuß
Der schwergeladnen Meuterei! Habt Dank,
Der sie erstickt. Laßt jetzt vor uns erscheinen
Des Buckingham Hofmeister: in Person
Will ich rechtfertgen hören sein Bekenntnis,
Und Punkt für Punkt soll er uns seines Herrn
Verrat aufs neu berichten.

Der König setzt sich auf den Thron. Die Lords des Reiches nehmen ihre Plätze ein. Der Kardinal setzt sich zu des Königs Füßen auf der rechten Seite. Man hört hinter der Szene rufen: Platz für die Königin! Die Königin tritt auf, geführt von den Herzogen von Norfolk und Suffolk; sie kniet. Der König steht auf von seinem Thron, hebt sie auf, küßt sie und heißt sie neben ihm sitzen.

Königin. Nein, laßt uns länger knien; ich kam zu bitten.

König. Steht auf, nehmt Euren Platz; Eur halb Gesuch
Bleib unberührt (halb unsre Macht ist Eure),
Die andre Hälft, eh ihr sie nennt, gewährt.
So sagt und nehmt die Bitte.

Königin. Dank, mein König.
Daß Ihr Euch selbst liebt, und in solcher Liebe
Nicht außer acht laßt Eure Ehre, noch
Die Hoheit Eures Amts: das ist der Inhalt
Von meiner Bitte.

König. Fahret fort, Gemahlin.

Königin. Ich werd umlagert stets – und zwar von vielen
Und von den Redlichsten –, weil Euer Volk
In harter Trübsal seufzt. Es sind Sendschreiben
Erlassen, so die Herzen lösen mußten
Von aller Treu; und ob sich zwar darob,
Werter Herr Kardinal, die herbsten Klagen
Auf Euch zumeist ergießen, als Anstifter
Solcher Erpressung, trifft doch selbst den König
(Des Ehre Gott vor Unglimpf schützen mag!)
Unziemlich Reden, ja, solches, das zerbricht
Treu und Gehorsam und beinah erscheint
Als lauter Aufruhr.

Norfolk. Nicht beinah erscheint,
Wirklich erscheint: denn dieser Schatzung willen
Hat schon das ganze Tuchgewerk, unfähig
Die Arbeit zu erhalten, seine Spinner,
Die Krempler, Walker, Weber abgedankt,
Die nun, verfolgt vom Hunger, andern Handwerks
Unkundig, sonder Mittel, in Verzweiflung,
Dem Ausgang trotzend, all in Aufstand sind;
Und die Gefahr dient unter ihnen.

König. Schatzung?
Auf was? und welche Schatzung? Kardinal,
Der Ihr den Tadel hiefür mit uns tragt,
Wißt Ihr von dieser Schatzung?

Wolsey. Erlaubt, mein König,
Ich weiß nur einzelnes, von allem was
Den Staat betrifft, und steh nur mit im Gliede,
Wo andre mit mir schreiten.

Königin. Nein, Mylord,
Ihr wißt nicht mehr als andre; doch Ihr schmiedet
Die Dinge, die auch jeder kennt; nicht heilsam
Für die, die lieber nicht sie kennten, doch
Wohl notgedrungen sie erfahren. Diese
Erpressungen, von denen mein Gemahl will wissen,
Im Hören sind sie Pest schon; und sie tragen –
Der Rücken bricht der Last. Man sagt, Ihr seids,
Der sie ersonnen; ist das nicht, so seid Ihr
Zu hart beschuldigt.

König. Immerdar Erpressung! –
Von welcher Art? Laßt hören, welcher Art
Ist die Erpressung?

Königin. Wag ich doch zuviel,
So prüfend Eure Milde! Doch mich stärkt
Die Nachsicht, so Ihr zugesagt. Es ruht
Des Volks Beschwerd auf Steuern, so ein Sechsteil
Von jeglichem Vermögen sonder Aufschub
Einfordern, und als Vorwand soll Eur Krieg
In Frankreich gelten. Dies macht dreiste Zungen,
Der Mund speit aus die Pflicht; in kalten Herzen
Gefriert die Treu; Verwünschung wohnt anjetzt,
Wo sonst Gebete; ja, es kam so weit,
Daß nun lenksame Folgsamkeit erscheint
Als jeglicher erhitzten Laune Sklav. Oh, möcht
Eur Hoheit bald erwägen dies Geschäft!
Keins ist so dringend. –

König. Nein, bei meinem Leben! –
Dies ist zuwider unserm Wunsch.

Wolsey. Und ich
Ging meinerseits hierin nicht weiter, als
Durch eine Stimm; auch diese gab ich nur
Auf Rat gelehrter Richter. Schmähen mich
Unkundge Zungen, so mein Innres nicht
Erkannt, noch meine Weg’, und wollen dennoch
Die Chronik werden meines Tuns: so weiß man,
‘s ist nur der Würden Los, der Dornenpfad,
Den Tugend wandeln muß. Beschränke keiner,
Was ihm zu tun notwendig, in der Furcht,
Er stoß auf neidsche Tadler, die beständig,
Raubfischen gleich, dem neugeschmückten Fahrzeug
Nachziehn, wiewohl es Vorteil bringt mitnichten,
Nur eitle Jagd. Oft unsre beste Tat,
Wie Böse oder Schwache deuten, ist
Nicht unsre, oder nicht gelobt; die schlimmste,
Dem gröbern Sinn verständlich, preist man oft
Als unser bestes Tun. Müßten wir stillstehn
In Furcht, belacht sei unser Gehn, verlästert,
Wir müßten Wurzel schlagen, wo wir sitzen;
Wo nicht, gleich Bildern sitzen.

König. Weise Tat,
Vollbracht mit Vorsicht, schirmt sich selbst vor Furcht;
Tat ohne Vorbild aber ist zu fürchten
In ihrem Ausgang. Habt Ihr einen Vorgang
Für solche Schatzung? Wie mir scheint, wohl keinen.
Man darf das Volk nicht vom Gesetz losreißen
Und an die Willkür ketten. Wie! Ein Sechsteil?
Entsetzliche Besteurung! Ei, wir nehmen
Von jedem Baum Ast, Rind’ und selbst vom Stamm!
Und lassen wir ihm auch die Wurzel, so verstümmelt,
Verzehrt die Luft den Saft. In jede Grafschaft,
Wo dies verhandelt, schickt Sendschreiben mit
Vollkommner Nachsicht allen, so bestritten
Das Recht sotaner Schatzung. Sorgt dafür,
Ich legs in Eure Hand.

Wolsey (zu seinem Geheimschreiber).
Hört, auf ein Wort!
Ihr fertigt Briefe mir für jede Grafschaft,
Von Königs Gnad und Nachsicht. Die gekränkten
Gemeinden sind uns abhold; sprenget aus,
Als sei auf unser Fürwort der Erlaß
Auf Widerruf erfolgt. Ich werd alsbald
Euch ferner unterrichten. (Geheimschreiber ab.)

Der Haushofmeister tritt auf.

Königin. Es geht mir nah, daß Herzog Buckingham
Sich Eur Mißfallen zuzog.

König. Viele schmerzt es:
Er ist gelehrt, ein trefflich seltner Redner,
Naturbegünstigt, an Erziehung fähig,
Den größten Meistern Lehr und Rat zu geben,
Nie Hilfe suchend außer sich; und dennoch,
Wo also edle Gabe schlecht verteilt
Erfunden wird – wenn erst der Geist verderbt ist –
Verkehrt sie sich zum Laster, zehnfach wüster
Als schön zuvor. Derselbe Mann, so edel,
Der stets den Wundern wurde beigezählt,
Bei dem – entzückt zu horchen – uns Minuten
Die Stunden seiner Red erschienen: dieser,
Mylady, hat die Grazie, einst ihm eigen,
In scheußliche Gestalt verkehrt, so schwarz
Wie aus dem Höllenpfuhl. Nehmt Platz und höret Dinge
(Hier steht, der sein vertrauter Diener war),
Die Ehre trauern machen. Lasset ihn
Die Schliche wiederholen, die wir nie
Zuwenig fühlen, zuviel hören können.

Wolsey. Kommt vor, erzählt mit freiem Mut, was Ihr,
Als ein sorgsamer Untertan, erforscht
Vom Herzog Buckingham.

König. Nur dreist gesprochen.

Haushofmeister. Erst wars ihm zur Gewohnheit, jeden Tag
Sein Reden zu verpesten durch die Äußrung,
Daß, stürb ohn Erben unser Herr, er sicher
Das Zepter an sich brächte: diese Worte
Hört ich ihn sagen seinem Schwiegersohn
Lord Aberga’nny, dem er eidlich schwur
Rach an dem Kardinal.

Wolsey. Bemerk Eur Hoheit
In diesem Punkte sein gefährlich Denken;
Feindlich im Wünschen strebt sein böser Wille
Entgegen Eurer heiligen Person,
Ja, zielt noch jenseits selbst auf Eure Freunde.

Königin. Seid christlich, Mylord Kardinal!

König. Fahrt fort!
Wie stützt’ er seinen Anspruch auf die Krone,
Wenn wir dahin? Hast über diesen Punkt
Auch was vernommen?

Haushofmeister. Dazu leitet’ ihn
Des Niklas Hopkins eitles Prophezein.

König. Wer war der Hopkins?

Haushofmeister. Ein Kartäusermönch,
Sein Beichtger, der ihn stets genährt mit Worten
Von Kron und Königtum.

König. Wie weißt du dies?

Haushofmeister. Nicht lang, eh Eure Hoheit zog gen Frankreich,
Geschahs, daß in der Rose, in dem Kirchspiel
Sankt Laurenz Poultney, mich der Herzog fragte,
Was für Gespräch in London ich gehört,
Betreffend Euren fränkschen Zug. Drauf sagt ich,
Man fürchte der Franzosen treulos Wesen
Zu unsers Herrn Verderben. Alsobald
Begann der Herzog: Dazu gäb es Grund,
Und, meint’ er, wohl erfülle sichs, was ihm
Ein heilger Mönch gesagt, «der oft», erzählt’ er,
«Zu mir gesandt, gelegne Zeit begehrend,
Wo meinem Kapellan, John de la Court,
Hochwichtge Ding’ er offenbaren wolle;
Und als er drauf, unterm Sigill der Beichte,
Förmlichen Eid verlangt, was er entdeckte,
Das solle mein Kaplan nie einem Menschen
Als mir enthülln – da sprach er ernst, bedächtig,
Dies Wort: ‘Der König weder, noch sein Stamm
(So sagt dem Herzog), wird gedeihn: drum streb er
Des Volkes Liebe zu gewinnen. Er, der Herzog,
Wird England einst beherrschen.’» –

Königin. Hör ich recht,
Wart Ihr des Herzogs Hausvogt und verlort
Auf seiner Pächter Anklag Eure Stelle;
So habt wohl acht, schmäht nicht in Eurer Bosheit
Den edlen Mann und wagt die edlere Seele.
Habt acht, ich sags Euch, ja, ich bitt Euch herzlich.

König. Laß ihn. – Fahr fort!

Haushofmeister. Wahr red ich, auf Gewissen.
Ich sagte dem Herrn Herzog, Teufels Blendwerk
Betrüge wohl den Mönch: es sei gefährlich,
So lang hierob zu brüten, bis zuletzt
Ein Anschlag reifte, wie’s gewiß geschäh,
Traut’ er ihm erst. Er aber rief: «Sei still! –
Es bringt mir nimmer Schaden!» – sagt’ auch noch:
«Wofern der König starb im letzten Fieber,
So fiel das Haupt des Kardinals, sowie
Sir Thomas Lovells.»

König. Wie! So arg? Ei, ja!
Das ist ein schlimmer Mann. Weißt du noch mehr?

Haushofmeister. Ich weiß, mein Fürst.

König. Fahr fort.

Haushofmeister. Zu Greenwich wars.
Verweis hatt’ Eure Hoheit meinem Herzog
Erteilt, Sir William Blomers willen –

König. Wohl
Entsinn ich michs: aus meinem Lehnsdienst nahm
Der Herzog ihn für sich. Doch nun, wie weiter?

Haushofmeister. Da sprach er: «Wär ich hierum festgesetzt,
Etwa im Turm, so mein ich, spielt ich wohl
Die Rolle, die mein Vater wollt erfüllen
Am Usurpator Richard, als in Sal’sbury
Er sich Gehör erbat, und wärs gewährt,
Ihm unterm Schein der Huldigung sein Messer
Ins Herz gestoßen hätte.»

König. Oh, Riesenbosheit!

Wolsey. Nun, Fürstin, kann der König frei noch atmen,
Bleibt dieser außer Haft?

Königin. Gott fügs zum Guten!

König. Du hast noch Weitres auf dem Herzen; rede.

Haushofmeister. Nach «Rolle meines Vaters» – und dem «Messer» –
Streckt er sich so, und eine Hand am Dolch,
Die andre auf der Brust, den Blick erhoben,
Stieß er hervor den wildsten Fluch, des Inhalts
Daß, würd ihm hart begegnet, er den Vater
So weit noch übertreffen wollt, als je
Die Tat den schwanken Vorsatz.

König. Seinem Messer
Ist wohl ein Ziel gesetzt; er ist verhaftet.
Ruft vor Gericht ihn gleich. Vermag er Gnade
Vor dem Gesetz zu finden, sei’s; wo nicht,
Bei uns such er sie nie! – Bei Tag und Nacht!
Er ist ein Erzverräter. (Alle ab.)

Dritte Szene

Ein Zimmer im Palast

Der Lord-Kämmerer und Lord Sands treten auf

Lord-Kämmerer. Ists möglich, gaukelten die Zauber Frankreichs
Die Menschen in solch seltsamliche Form?

Sands. Sind neue Moden noch so lächerlich,
Ja, selbst unmännlich, doch befolgt man sie.

Lord-Kämmerer. Soweit ich seh, was unsre Englischen
Sich Guts geholt auf dieser Fahrt, sinds höchstens
Ein paar Grimassen, freilich sehr verschmitzte;
Denn macht sie einer, nun, so schwört man drauf,
Selbst eine Nase sei schon Rat gewesen
Bei Chlotar und Pippin, so vornehm schaut sie.

Sands. Sie führen sämtlich neue, lahme Beine,
Und wer sie noch nicht gehn sah, dächte, Spat
Und Gallen zwickten sie.

Lord-Kämmerer. Beim Element!
Selbst ihrer Kleider Schnitt ist so sehr heidnisch,
Daß sie gewiß den Christen ausgezogen.
Wie nun? Was Neues bringt Sir Thomas Lovell? –

Sir Thomas Lovell tritt auf.

Lovell. Nicht Neues just, Mylord, als die Verordnung,
Die eben jetzt am Schloßtor klebt.

Lord-Kämmerer. Worüber?

Lovell. Ei, die Reform der jungen Reisenden,
Die uns verfolgt mit Zank und Lärm und Schneidern.

Lord-Kämmerer. Gott seis gedankt! Nun bitt ich die Monsieurs,
Einem britschen Hofmann noch Verstand zu lassen,
Auch wenn er den Louvre nicht gesehn.

Lovell. Sie sollen
(So lautet die Verordnung) ihren Wedeln
Und Resten fränkschen Narrentums entsagen,
Samt all den noblen Punkten ihrer Torheit
Von gleichem Schlag; Duelln und Feuerwerken;
Und der Verspottung Besserer als sie
In ihrer fremden Weisheit; gänzlich abtun
Den Aberglauben ihres Federballs,
Die langen Strümpfe, kurz gepufften Hosen,
All die Symbole ihrer Reis’, und wieder
Sich wie vernünftge Menschen stellen, oder
Sich zu den alten Spielkamraden packen,
Wo sie cum privilegio dann mögen
Verlacht sein und ihr Narrentum verbrauchen.

Sands. Die Kur war an der Zeit; es griff dies Übel
Verzweifelt um sich.

Lord-Kämmerer. Wie wohl unsre Weiber
Die süßen Eitelkeiten all entbehren! –

Lovell. Nun, Klagen gibts gewiß; die schlauen Löffler
Verstanden meisterlich, die Fraun zu fangen;
‘ne Fiedel, ein französisch Lied, tat Wunder.

Sands. Fiedl’ euch der Teufel! Gut, sie sind nun fort,
Denn Beßrung war zu hoffen nicht. Jetzt mag
Ein schlichter Edelmann vom Land, wie ich,
Längst aus dem Spiel verdrängt, doch auch sein Lied
Anstimmen und Gehör ein Stündchen hoffen
Und, mein ich, auch was als Sänger gelten.

Lord-Kämmerer. Recht so, Lord Sands; Ihr habt den Füllenzahn
Nicht abgelegt.

Sands. O nein, und werd auch nicht,
Solang ein Stumpf mir nachbleibt.

Lord-Kämmerer. Sagt, Sir Thomas,
Wohin Ihr gingt.

Lovell. Ins Haus des Kardinals;
Eur Herrlichkeit ist gleichfalls dort ein Gast.

Lord-Kämmerer. Jawohl. Er gibt ein prächtig Fest zu Nacht
Gar vielen Herrn und Fraun; Ihr findet dort
Des ganzen Landes Schönheit heut versammelt.

Lovell. Ein gütig Herz hat dieser Fürst der Kirche,
Fruchtbar die Hand wie der ergiebge Boden;
Sein Tau tränkt alles.

Lord-Kämmerer. Ja, er ist höchst edel.
Ein schwarz Gemüt, das anders von ihm sagte.

Sands. Nun, er vermags, er hat genug; an ihm
Wär Sparen ärgre Sünd als Ketzerei.
Freigebig müssen Männer sein wie er,
Sie stehn als Beispiel da.

Lord-Kämmerer. Als rechtes Beispiel;
Doch er vor allen. Meine Barke hält,
Ich nehm Eur Gnaden mit. Nun kommt, Sir Thomas,
Wir kommen spät sonst, und mir wär es leid,
Weil ich heut abend mit Sir Heinrich Guildford
Aufseher bin des Festes.

Sands. Euch zu Diensten. (Alle ab.)

Vierte Szene

Im Palast des Kardinals von York

Hoboen. Ein kleiner Tisch unter einem Thronhimmel für den Kardinal; eine längere Tafel für die Gäste. Von der einen Seite treten auf Anna Bullen mit einigen andern Fräulein und Edelfrauen als Gäste, von der andern Sir Heinrich Guildford

Guildford. Ein allgemein Willkommen Seiner Gnaden
Begrüßt euch all’, ihr Fraun; er weiht den Abend
Der schönen Freud und euch und hofft, nicht eine
In dieser edlen Schar nahm Sorgen mit
Von Haus. Gern säh er alles hier so munter,
Als gut gewählte Gäst und guter Wein
Und guter Willkomm gute Leute nur
Zu stimmen wissen. Ei, Mylord, Ihr säumt;

Der Lord-Kämmerer, Lord Sands und Sir Thomas Lovell treten auf.

Schon der Gedank an diesen schönen Kreis
Gab Flügel mir.

Lord-Kämmerer. Ihr seid noch jung, Sir Heinrich.

Sands. Sir Thomas, hegte nur der Kardinal
Halb meine weltlichen Gedanken, traun!
Manch eine fände hier vor Schlafengehn
Ein lustger Fest, das besser ihr gefiele.
Es ist fürwahr! ein Kreis der schönsten Kinder.

Lovell. Wär Eure Herrlichkeit nur jetzt der Beichtger
Zwein oder drein von diesen! –

Sands. Wollt, ich wärs,
Sie fänden leichte Pönitenz.

Lovell. Wie leicht?

Sands. So leicht, wie Federbetten sie nur böten.

Lord-Kämmerer (zu den Damen).
Gefällts euch, Platz zu nehmen? Ordnet Ihr,
Sir Heinrich, dort; ich will es diesseits tun.
Gleich kommt der Kardinal. Nein, frieren dürft Ihr nicht;
Zwei Fraun zusammensetzen macht kalt Wetter.
Ihr, Mylord Sands, müßt sie uns munter halten;
Setzt Euch zu diesen Damen.

Sands. Nun, Mylord,
Auf Ehr, ich dank Euch. Wollt verzeihn, ihr Schönen,

(Setzt sich.)

Red ich vielleicht ein bißchen wild, so zürnt nicht;
Ich habs von meinem Vater.

Anna. War der toll, Sir?

Sands. Sehr toll, ausnehmend toll, verliebt am tollsten:
Doch biß er nie, und, ebenso wie ich,
Küßt’ er euch zwanzig wohl in einem Atem.

Lord-Kämmerer. Recht so, Mylord,
So, jetzo sitzt Ihr gut. Ihr Herrn, nun liegt
Die Schuld an euch, wenn diese schönen Fraun
Nicht heiter uns verlassen.

Sands. Was ich vermag,
Das soll gewiß geschehen.

Hoboen. Kardinal Wolsey tritt auf und nimmt Platz auf seinem erhöhten Sitz.

Wolsey. Seid willkommen,
Ihr schönen Gäste! Welcher edlen Frau
Und welchem Ritter heut der Frohsinn ausbleibt,
Die meinens schlimm mit mir. Nochmals willkommen!

(Trinkt.)

Auf euer aller Wohl!

Sands. Ein huldreich Wort!
‘nen Tummler gebt, der meinen Dank enthalte
Und mir das Reden spare.

Wolsey. Mylord Sands,
Verbunden! Stimmt die Nachbarinnen froh.
Die Damen sind nicht munter; sagt, ihr Herrn,
Wes ist die Schuld?

Sands. Erst muß des Weines Purpur
Die schönen Wangen röten, Herr; dann sollt Ihr
Sie uns stumm plaudern sehn.

Anna. Ihr seid
Ein lustger Spielmann, Mylord Sands.

Sands. O ja,
Wenn ich den Tanz darf wählen – Hier, mein Fräulein,
Ist Wein für Euch, und wollt Bescheid mir tun;
Es gilt ein Spiel…

Anna. Das Ihr verlieren würdet.

Sands. Ich sagt’ es wohl, sie würden plaudern.

(Trommeln und Trompetenschall, man hört Kanonen abfeuern.)

Wolsey. Horch!

Lord-Kämmerer. Seht draußen nach. (Ein Diener geht hinaus.)

Wolsey. Welch kriegerischer Klang! –
Wie deut ich dies? Nein, fürchtet nichts, ihr Fraun;
Nach allem Kriegsbrauch seid ihr außer Fährde.

Der Diener kommt zurück.

Lord-Kämmerer. Nun sprich, was ists?

Diener. Ein Trupp von edlen Fremden;
Denn also scheints: sie sind ans Land gestiegen
Und nahen jetzt, gleich hohen Abgesandten
Ausländscher Fürsten.

Wolsey. Werter Mylord-Kämmrer,
Geht Ihr zum Gruß; Ihr sprecht die fränksche Zunge.
Empfangt sie würdig und geleitet sie
In unsre Näh, wo dieser Schönheitshimmel
Vollglänzend sie bestrahle. – Geh wer mit!

(Der Kämmerer mit Gefolge ab. Alle stehen auf; man bringt die Tische auf die Seite.)

Man stört das Fest; doch holen wirs wohl nach.
Euch allen ein gesegnet Mahl; ich heiß euch
Nochmals willkomm, willkommen all’ von Herzen.

Hoboen. Der König und mehrere andre als Schäfer verkleidet, mit sechzehn Fackelträgern und durch den Lord-Kämmerer eingeführt, treten auf. Sie gehen gerade auf den Kardinal zu und grüßen ihn höflich.

Ein edler Zug! Was steht zu eurem Dienst? –

Lord-Kämmerer. Da sie kein Englisch reden, meld ich dies
Auf ihr Gesuch: daß, als der Ruf erschollen
Von dieses Abends schöner und erlauchter
Versammlung, sie nicht länger widerstanden
Nach ihrer tiefen Ehrfurcht für die Schönheit,
Die Herden zu verlassen, um in Eurem
Edlen Geleit Erlaubnis zu begehren,
Die Damen hier zu sehn und eine Stunde
Zu unterhalten.

Wolsey. Sagt, Lord-Kämmerer, ihnen,
Sie häuften Gnaden auf mein armes Haus,
Ich dankte tausendfach und bäte sie,
Nach ihrem Wohlgefallen hier zu schalten.

(Alle wählen sich Damen zum Tanz. Der König tanzt mit Anna Bullen).

König. Die schönste Hand, die ich berührt! O Schönheit,
Dich ahnet ich bis heut noch nie!

Wolsey. Mylord!

Lord-Kämmerer. Eur Gnaden?

Wolsey. Bitt Euch, sagt in meinem Namen,
Daß einer unter ihnen müsse sein,
Der würdger diesen Platz besetzt denn ich,
Und dem ich, kennt ich ihn, mit aller Lieb
Und Pflicht ihn überließe.

Lord-Kämmerer. Wohl, ich gehe.

(Geht zur Gesellschaft und kommt.)

Wolsey. Was sagen sie?

Lord-Kämmerer. Ein solcher, dies gestehn sie,
Sei wirklich hier, und mög Eur Gnaden ihn
Ausfinden, und er nähm es an.

Wolsey. Laßt sehn. –
Mit euer aller Gunst, ihr Herrn, hier wag ich
Die Königswahl.

König. Ihr traft ihn, Kardinal.
Ihr haltet trefflich Haus; recht wohl, Mylord.
Ihr seid ein Geistlicher; sonst, Kardinal,
Dächt ich von Euch nichts Gutes.

Wolsey. Mich erfreute,
Wenn Eure Hoheit scherzt.

König. Oh, Mylord-Kämmrer,
Bitt Euch, kommt her. Wer ist das schöne Fräulein?

Lord-Kämmerer. Erlaubt, mein Fürst, Sir Thomas Bullens Tochter,
Des Vicomte Rochford, von der Kön’gin Damen.

König. Bei Gott! ein lieblich Kind. – Mein süßes Herz,

(zu Anna Bullen)

Unziemlich wärs, zum Tanz Euch aufzufordern
Und nicht zu küssen. Stoßet an, ihr Herrn,
Bringt die Gesundheit rund.

Wolsey. Sir Thomas Lovell,
Ist das Bankett bereit im innern Saal?

Lovell. Ja, Herr.

Wolsey. Eur Hoheit, fürcht ich, ist ein wenig
Erhitzt vom Tanz.

König. Ich fürchte selbst, zu sehr.

Wolsey. Im nächsten Saale, Sire, ist frischre Kühle.

König. Führt eure Damen alle. – Holde Tänzerin,
Noch darf ich Euch nicht lassen. – Sei’n wir fröhlich!
Ich hab auf diese Schönen halb ein Dutzend
Trinksprüch im Sinn, und sie zum Tanz noch einmal
Zu führen; und hernach mag jeder träumen,
Wem heut die meiste Gunst ward. – Blast zum Aufbruch!

(Alle unter Trompetenschall ab.)

Zweiter Aufzug

Erste Szene

Straße

Zwei Edelleute treten auf von verschiedenen Seiten

Erster. Wohin so eilig?

Zweiter. Oh! Gott grüß Euch! Grade
Zur Halle ging ich, um das Schicksal forschend
Des großen Herzog Buckingham.

Erster. Ich spar Euch
Die Mühe, Sir; ‘s ist alles schon geschehn.
Jetzt wird er heimgeführt.

Zweiter. Ihr wart zugegen?

Erster. Jawohl!

Zweiter. Dann, bitt Euch, sagt, wie war der Hergang?

Erster. Das rät sich leicht!

Zweiter. Erkannte man ihn schuldig?

Erster. Nun allerdings, und sprach sogleich sein Urteil.

Zweiter. Das geht mir nah!

Erster. Das tut es vielen andern.

Zweiter. Doch jetzt erzählt, wie trug sich alles zu?

Erster. Ich melds Euch kürzlich. Vor die Schranken trat
Der große Herzog, wo auf alle Klagen
Er seine Unschuld scharf verfocht und Gründe
Anhäuft’, um dem Gesetz sich zu entziehn.
Des Königs Anwalt dahingegen stützte
Sich auf Verhör, Beweis und Eingeständnis
Verschiedner Zeugen, die sogleich der Herzog
Persönlich ihm vor Augen bat zu führen:
Worauf sein Hausvogt wider ihn erschien,
Sir Gilbert Peck, sein Kanzler, und John Court,
Sein Beichtger; ferner jener Teufelsmönch,
Hopkins, der schuld an allem.

Zweiter. Ebender,
Der mit Orakeln ihn genährt?

Erster. Derselbe.
Sie klagten sämtlich hart ihn an. Gern hätt er
Sie von sich abgelehnt, doch konnt ers nicht;
Und also sprachen, nach sotanem Zeugnis,
Ihn seine Pairs des Hochverrates schuldig.
Viel und Gelehrtes sprach er für sein Leben,
Doch wards bedauert oder nicht beachtet.

Zweiter. Und nach dem allen, wie betrug er sich?

Erster. Als vor die Schrank er wieder trat und hörte
Sein Grabgeläut, sein Urteil, da erfaßt’ ihn
Die Todesangst; ihm brach der Schweiß hervor,
Und sprach im Zorn ein Wen’ges, schlecht und hastig.
Doch kehrt er bald zu sich zurück und blieb
Höchst edel und gefaßt bis ganz zu Ende.

Zweiter. Er scheut den Tod wohl nicht?

Erster. Gewißlich nicht.
So weibisch war er nie, die Ursach mag
Ihn wohl ein wenig kränken.

Zweiter. Sicherlich
War hier der Kardinal im Spiel.

Erster. So scheint es
Nach allem Fug: zuerst Kildairs Anklage,
Der erst Regent in Irland war, dem, abgerufen,
Lord Surrey folgt’, und zwar in großer Eil,
Damit er nicht dem Vater hülf.

Zweiter. Welch hämischer
Verborgner Streich der Staatskunst!

Erster. Kehrt er heim,
Wird er Vergeltung üben. Allgemein
Ist schon bekannt, daß, wem der König günstig,
Dem suche flugs der Kardinal ein Amt,
Das fern genug vom Hof.

Zweiter. All die Gemeinen
Sind ihm von Herzen gram und sähn ihn gern
Zehn Klafter tief: so wie sie Lieb und Treu
Dem Herzog schenkten, der ihr gütger Buckingham
Bei ihnen heißt, und aller Sitte Spiegel.

Erster. Verweilt. Dort kommt der arme, würdge Mann.

Buckingham tritt auf, von seinem Verhör kommend. Gerichtsdiener gehen vor ihm, die Schneide ihrer Beile gegen ihn gekehrt. Hellebardiere auf beiden Seiten. Ihm folgen Sir Thomas Lovell, Sir Nicholas Vaux, Sir William Sands. Volk.

Zweiter. Kommt näher; sehn wir ihn.

Buckingham. Ihr guten Leute,
Die mich voll Mitleid alsoweit begleitet,
Hört mich, und dann geht heim, vergesset mich.
Mir ist Verräters Urteil heut gesprochen,
Und dies gibt mir den Tod. Doch weiß der Himmel,
Und hab ich ein Gewissen, treff es mich,
So wie die Axt fällt, war ich jemals treulos!
Den Richtern groll ich nicht um meinen Fall;
Sie übten Recht nur, nach der Sache Hergang.
Doch, die’s veranlaßt, wünscht ich beßre Christen! –
Wie sie auch sei’n, verzeih ich ihnen gern;
Nur, daß sie nie mit ihrem Unheil prahlen,
Noch ihre Bosheit baun aufs Grab der Großen;
Dann schriee wider sie mein schuldlos Blut.
Auf längres Leben hoff ich nicht hienieden,
Noch fleh ich drum, ist gleich der König reicher
An Huld als ich an Fehlen. Ihr Getreuen,
Die ihrs noch wagt, um Buckingham zu weinen,
Ihr edlen Freund’ und Brüder, die zu lassen
Allein ihm bitter wird, allein’ger Tod,
Folgt mir, gleich guten Engeln, hin zum Tode:
Und wie der Stahl mich trifft, die lange Scheidung,
Laßt eur Gebet, ein lieblich Opfer, steigen
Und hebt die Seel empor gen Himmel. Weiter,
In Gottes Namen! –

Lovell. Ich ersuch Eur Gnaden,
Wenn jemals gegen mich ein Haß verborgen
In Eurer Brust, vergebt mir ohne Rückhalt.

Buckingham. Sir Thomas, ich vergeb Euch, wie mir selber
Vergeben werde: ich vergebe allen.
Es gibt so ungezähltes Unrecht nicht
An mir, das ich nicht könnt entsühnen: sicher
Soll schwarzer Haß mein Grab nicht baun. Empfehlt mich
Dem König; und spricht er von Buckingham,
Sagt ihm, er war schon halb im Himmel. Stets
Sind meine Wünsch und Bitten ganz des Königs
Und werden bis die Seele mich verläßt,
Um Segen für ihn flehn. Er lebe länger,
Als Zeit mir bleibt, zu zählen seine Jahre! –
Sein Walten sei stets liebreich und geliebt!
Und führt ihn Alter spät dereinst hinab,
Erfüllen Herzensgüt und er ein Grab! –

Lovell. Zur Wasserseite soll ich Euch geleiten,
Dann übernimmt mein Amt Sir Nicholas Vaux,
Der Euch zu Eurem Ende führt.

Vaux. Macht Anstalt;
Der Herzog kommt: seid mit dem Boot bereit
Und zieret es mit Schmuck, wie sichs geziemt
Für seine fürstliche Person.

Buckingham. Nein, Sir,
Laßt gut sein; jetzund höhnt mein Rang mich nur.
Ich kam hieher als Lord Groß-Connétable,
Herzog von Buckingham; jetzt bin ich nur
Der arme Eduard Bohun; und reicher dennoch
Als die Elenden, die mich angeklagt,
Und Wahrheit nicht gekannt. Ich geb ihr Zeugnis
Mit meinem Blut, um das sie einst noch ächzen.
Mein edler Vater, Heinrich Buckingham,
Der gegen Richards Tyrannei zuerst stritt,
Als er entflohn zu seinem Diener Banister,
Fand, weil in Not, Verrat durch diesen Buben
Und fiel ohn Untersuchung: Gott sei mit ihm!
Der siebte Heinrich dann, wahrhaft bekümmert
Ob meines Vaters Mord, der edle König,
Gab Ehre mir und Gut zurück, erneute
Aus Trümmern meines Namens Glanz. Jetzt rafft
Sein Sohn, Heinrich der Achte, Leben, Ehre
Und Nam, und was mich glücklich je gemacht,
Mit einem Streich auf ewig aus der Welt.
Mir gönnte man gerichtliches Verhör,
Und zwar ein wahrhaft edles: das beglückt mich
Ein wenig mehr, als meinen armen Vater.
Doch sonst ward beiden gleiches Los: wir beide
Gestürzt durch Diener, durch die liebsten Männer!
Höchst treulos, unnatürliche Vergeltung! –
Der Himmel legt in alles Zweck. Ihr aber
Nehmt diese Warnung von dem Sterbenden:
Wo Lieb ihr und Vertraun freigebig schenkt,
Bewahrt die Zung: die ihr zu Freunden macht,
Die Herzen ihnen gebt, gewahren sie
Den kleinsten Stoß an eurem Glück, sie rollen
Wie Wellen von euch fort, nur wiederkehrend,
Euch zu verschlingen. All ihr guten Menschen,
Betet für mich! Ich geh! Die letzte Stunde
Des müden, langen Lebens hat geschlagen.
Lebt wohl!
Und wollt ihr Trauriges einmal erzählen,
Sagt, wie ich fiel. – So schließ ich. Gott verzeih mir. –

(Buckingham und Gefolge ab.)

Erster. Oh, dies ist jammervoll! Dies, fürcht ich, ruft
Zu viele Flüch auf aller Haupt, die solches
Veranlaßt.

Zweiter. Wenn der Herzog schuldlos stirbt,
Ists graunvoll; doch ich könnt Euch Winke geben
Von einem nahen Übel, das, eintretend,
Noch größer wäre.

Erster. Schützt uns, gute Geister!
Was kann es sein? Mißtraut nicht meiner Treu; –

Zweiter. So wichtiges Geheimnis heischt bewährte
Verschwiegenheit, es zu verschließen.

Erster. Gönnt mirs;
Ich rede wenig.

Zweiter. Wohl, ich will Euch traun.
Hört an: Vernahmt Ihr nicht in diesen Tagen
Ein heimlich Munkeln über eine Scheidung
Des Königs von Kathrinen?

Erster. Ja, doch schwand es wieder:
Der König, als er kaum davon gehört,
Hat zornig dem Lord-Mayor Befehl gesandt,
Zu hemmen solch Gerücht, und schnell zu bändgen
Die Zungen, die’s verbreitet.

Zweiter. Dennoch, Sir,
Ward jenes Lästern Wahrheit; denn aufs neu
Erhebt sichs stärker, und man glaubt gewiß
Den König schon bestimmt. Der Kardinal,
Wo nicht vom Hof ein andrer, weckt in ihm,
Die gute Fürstin hassend, solche Skrupel,
Die ihr Verderben drohn; dies zu bestätigen
Trifft Kardinal Campejus eben ein,
Was alle hierauf deuten.

Erster. ‘s ist allein
Der Kardinal, der Rache sucht am Kaiser,
Weil ihm das Erzbistum Toledo nicht
Auf sein Gesuch von jenem ward gewährt.

Zweiter. Ich denk, Ihr traft den Fleck. Doch ists nicht grausam,
Daß sie dies büßen muß? Der Kardinal
Folgt seinem Sinn: drum fällt sie.

Erster. ‘s ist ein Jammer.
Wir stehn zu offen hier für solch Gespräch;
Laßt uns daheim noch ferner drüber denken. (Ab.)

Zweite Szene

Ein Vorzimmer im Palast

Der Lord-Kämmerer, der einen Brief liest

«Mylord, die Pferde, nach denen Eure Herrlichkeit schickte, waren mit aller Sorgfalt von mir ausgewählt, zugeritten und mit Sattel und Zeug versehen worden. Sie waren jung und schön und von unsrer besten Zucht im Norden. Als ich sie soweit gebracht, nach London abgehn zu können, hat einer von des Lord-Kardinals Dienern sie mir auf eine Vollmacht hin mit Gewalt abgenommen, mit der Äußerung, sein Herr wolle eher bedient sein als ein Untertan, wo nicht eher als der König; dies, gnädiger Herr, stopfte uns den Mund.»

Das will er freilich, fürcht ich. Nun, nehm er sie;
Ich denk, er nimmt noch alles.

Die Herzöge von Norfolk und Suffolk treten auf.

Norfolk. Mich freuts, Euch hier zu treffen, Mylord Kämmrer.

Lord-Kämmerer. Gott grüß Eur Gnaden beide.

Suffolk. Sagt, was macht
Der König?

Lord-Kämmerer. Ich verließ ihn einsam, voll
Bekümmernis und Gram.

Norfolk. Was war die Ursach?

Lord-Kämmerer. Es scheint, die Eh mit seines Bruders Weib
Kam dem Gewissen allzu nah.

Suffolk. Nein, sein Gewissen
Kam einer andern Frau zu nah.

Norfolk. So ists.
Das macht der Priester, dieser König-Priester!
Der blinde Pfaff, Fortunas Erstgeborner,
Dreht alles um. Einst wird der Herr ihn kennen.

Suffolk. Gott geb, er täts! Er kennt sich selbst nicht eh.

Norfolk. Seht nur, wie heilig all sein Tun und Dichten!
Wie salbungsvoll. Denn seit er brach das Bündnis
Mit Kaiser Karl, der Kön’gin großem Neffen,
Taucht’ er ins Herz des Königs, streuet dort
Gefahr und Zweifel und Gewissensangst,
Vorwurf und Furcht, bloß dieser Ehe wegen.
Von all dem nun den König zu erlösen,
Rät er zur Scheidung, rät, sie zu verstoßen,
Die zwanzig Jahr an seinem Halse hing
Wie ein Juwel, doch nie den Glanz verlor;
Sie, die mit jener Zärtlichkeit ihn liebt,
Mit der die Engel gute Menschen lieben;
Ja, sie, die bei des Glückes härtsten Streichen
Den König segnen wird! Ist das nicht fromm?

Lord-Kämmerer. Behüt uns Gott vor solchem Rat! Wahr ists,
Schon wards bekannt, schon wohnts auf allen Zungen,
Und alle Treuen weinen drum; nicht einem,
Der nähre Einsicht hat, entgeht der Hauptzweck:
Die Eh mit Frankreichs Schwester. Öffne Gott
Des Königs Augen, die so lang geschlossen
Für diesen frechen Mann.

Suffolk. Und mach uns frei
Von seiner Knechtschaft!

Norfolk. Beten sollten wir,
Und zwar von ganzem Herzen, um Erlösung.
Sonst knetet der Hochfahrende uns alle
Aus Fürsten noch zu Pagen. Stand und Rang
Liegt wie ein Teich vor ihm, den er allein
Nach Wohlgefallen modelt.

Suffolk. Ich, Mylords,
Ich lieb und fürcht ihn nicht: das ist mein Credo.
Wie ich ohn ihn entstand, so will ich bleiben
Mit Königs Hilfe; Wolseys Fluch und Segen
Gilt mir gleichviel: ein Hauch, für nichts geachtet.
Ich kannt und kenn ihn noch und laß ihn dem,
Der ihn so stolz gemacht, dem Papst.

Norfolk. Kommt, gehn wir;
Versuchen wirs, ob nicht ein neu Beginnen
Den König diesem trüben Sinn entreißt.
Mylord, Ihr folgt uns doch?

Lord-Kämmerer. Entschuldigt mich;
Der König schickt mich sonst wohin. Zudem
Fürcht ich, ihr trefft höchst ungelegne Zeit;
So gehs euch wohl! –

Norfolk. Dank, werter Mylord Kämmrer.

(Lord-Kämmerer ab.)
Der Herzog von Norfolk öffnet eine Flügeltür; man sieht den König sitzend und nachdenklich lesend.

Suffolk. Wie ernst! Gewiß, er ist sehr aufgeregt!

König. Wer ist hier? He?

Norfolk. Gott wende seinen Zorn!

König. Wer ist hier? frag ich. Wie vermeßt ihr euch,
In Stunden ernster Sammlung euch zu drängen?
Wer bin ich? Wie?

Norfolk. Ein gütger Fürst, der gern Versehn entschuldigt,
Die nimmer arg gemeint. Der Fehl von eben
Betraf ein Staatsgeschäft, um das wir kamen,
Den Willen unsers Königs zu vernehmen.

König. Ihr seid zu kühn. Ei was!
Ich lehr euch, wann es Zeit ist zu Geschäften!
Ist jetzt für Weltliches die Stunde? Wie?

Wolsey und Campejus treten auf.

Wer kommt? Mein Kardinal? O du mein Wolsey,
Du Balsam meiner schmerzgequälten Seele,
Du reichst dem König Heilung. – Seid willkommen

(zu Campejus)

In unserm Reich, gelehrter, würdger Herr,
Verfügt mit ihm und uns; und sorgt Mylord,

(zu Wolsey)

Daß ich kein Schwätzer schein.

Wolsey. Ihr könnts nicht, Sire.
Ich bitt Eur Hoheit nur um eine Stunde
Geheimen Vortrags.

König (zu Norfolk und Suffolk).
Fort! wir sind beschäftigt.

Norfolk (beiseite).
Der Priester wär nicht stolz?

Suffolk (beiseite).
Ganz unermeßlich.
Ich möchte nicht so krank sein, nicht einmal
Für seinen Platz. Doch dies kann so nicht bleiben.

Norfolk. Geschiehts, so wag ich, ihm eins beizubringen.

Suffolk. Auch ich.

(Norfolk und Suffolk ab.)

Wolsey. Eur Hoheit gab ein Beispiel Ihrer Weisheit
Vor allen Fürsten, als Ihr frei dem Spruch
Der Kirch anheimgestellt habt Eure Skrupel.
Wer darf nun zürnen? Welcher Haß Euch treffen?
Spanien, durch Blut und Freundschaft ihr verbündet,
Muß jetzt, wofern es irgend gut gesinnt,
Die Untersuchung recht und edel finden.
In allen Christenreichen hat der Klerus,
Der einsichtsvolle, freie Beistimmung,
Und Rom, die Mutter aller Weisheit, sandte
Auf Euer Gnaden Wunsch als bündigsten
Erklärer diesen würdgen Priester her,
Den vielerfahrnen Kardinal Campejus,
Den ich nochmals vorstelle meinem Fürsten.

König. Und nochmals sagt ihm Willkomm die Umarmung,
Dem heiligen Konklav die Liebe dankend;
Es traf die Wahl nach meines Herzens Wunsch.

Campejus. Mit Recht ist aller Fremden Herz entzückt
Von Euch, mein Fürst, der sich so edel zeigt.
In Eure Hand leg ich die Vollmacht nieder,
Die auf Befehl des römschen Hofs mit Euch,
Lord-Kardinal, mich, seinen Knecht, vereinigt
Als unparteische Richter dieses Falls.

König. Gleich würdig beide. Wir werden ungesäumt
Die Königin unterrichten. – Wo ist Gardiner?

Wolsey. Eur Majestät, ich weiß es, hat sie stets
Zu sehr geliebt, um das ihr nicht zu gönnen,
Was rechtlich ein geringres Weib kann fordern:
Gelehrte, die frei für sie sprechen dürfen.

König. Jawohl, die besten; meine Gunst besitzt,
Wer es am besten tut. Ei, da sei Gott für!
Ruft, bitt ich, Gardiner, meinen neuen Schreiber,
Den Menschen find ich recht geschickt.

Der Kardinal geht hinaus und kommt zurück mit Gardiner.

Wolsey. Gebt mir die Hand; ich wünsch Euch Gunst und Freude:
Ihr seid des Königs jetzt.

Gardiner (beiseite zum Kardinal).
Doch stets im Dienst
Des teuern Gönners, dessen Hand mich hob.

König. Kommt hierher, Gardiner.

(Geht beiseite und redet leise mit Gardiner.)

Campejus. War nicht, Lord York, vorher ein Doktor Pace
In dieses Mannes Stelle?

Wolsey. Ja, das war er.

Campejus. Und galt er nicht für hochgelahrt?

Wolsey. Gewiß.

Campejus. Glaubt mir, dann ist ein schlimm Gerücht, Mylord,
Sogar von Euch verbreitet.

Wolsey. Wie! Von mir?

Campejus. Man steht nicht an, des Neides Euch zu zeihn;
Aus Furcht, daß seine Tugend hoch ihn höbe,
Hieltet Ihr ihn entfernt: das kränkt’ ihn so,
Daß er im Wahnsinn starb.

Wolsey. Des Himmels Fried ihm!
Soviel als Christ: lebendge Lästerer
Kann man noch strafen. Dieser war ein Narr,
Ein Tugendheld durchaus: der gute Mensch da,
Wo ich gebiete, folgt er meinem Wink.
Kein andrer muß so nah stehn. Lernt das, Bruder,
Nie darf ein kleinrer Mann uns irgend hemmen.

König. Bringt dies der Königin mit aller Ehrfurcht. –

(Gardiner ab.)

Der beste Ort, den ich mir denken kann,
Zur Aufnahm solcher Weisheit ist Blackfriars.
Dort treffet euch in dieser wichtgen Sache;
Mein Wolsey, ordnet alles. Oh, Mylord,
Muß nicht ein wackrer Mann mit Gram verlassen
Solch süßes Ehweib? Doch, Gewissen! Gewissen! –
Es ist ein zarter Fleck; ich muß sie lassen. (Alle ab.)

Dritte Szene

Vorzimmer der Königin

Anna Bullen und eine alte Hofdame treten auf

Anna. Auch deshalb nicht: – hier ist der Dorn, der sticht:
Der Herr, der so lang mit ihr lebte; sie
So gut, daß keine Zunge jemals konnte
Was Schlechtes von ihr sagen – o nein, wahrlich,
Sie wußte nicht, was Kränken heißt; und nun
So manchen Sonnenumlauf Königin,
In Pomp und Majestät stets wachsend, die
Zu lassen tausendmal noch bittrer ist
Als süß, sie zu erlangen – nun, nach allem,
Sie fortzujagen! oh, ‘s ist zum Erbarmen
Und rührt’ wohl Ungeheur.

Hofdame. Die härtsten Seelen
Zerschmelzen, sie beklagend.

Anna. Himmel! besser,
Sie kannte nie den Pomp! Zwar ist er weltlich;
Doch wenn das Glück, die Zänkerin, ihn scheidet
Vom Eigner, ists ein Leid, so stechend, wie
Wenn Seel und Leib sich trennen.

Hofdame. Arme Fürstin!
Zur Fremden ward sie wieder! –

Anna. Um so mehr
Muß Mitleid auf sie tau’n. Wahrlich, ich schwöre,
Viel besser ists, niedrig geboren sein
Und mit geringem Volk zufrieden leben
Als aufgeputzt im Flitterstaat des Grams
Und goldner Sorgen.

Hofdame. Ja, Zufriedenheit
Ist unser bestes Gut.

Anna. Auf Treu und Unschuld,
Ich möchte keine Kön’gin sein!

Hofdame. Mein Seel, ich wohl
Und wagte dran die Unschuld; so auch Ihr,
Trotz Eurer süßgewürzten Heuchelei:
Ihr, die Ihr alle Reize habt des Weibs,
Habt auch ein Weiberherz, das immer noch
Nach Hoheit geizte, Reichtum, Herrschermacht,
Und die, gestehts, sind Seligkeit; die Gaben
(Wie Ihr auch zimpert) fänden doch wohl Raum
In Eurem saffian-zärtlichen Gewissen,
Wenn Ihrs nur dehnen wolltet! –

Anna. Nein, auf Treu!

Hofdame. Treu hin, Treu her! – Ihr wärt nicht gerne Fürstin?

Anna. Nein, nicht um alle Güter unterm Mond.

Hofdame. Kurios! Ei, mich bestäch ein krummer Dreier,
Kön’gin zu sein, so alt ich bin: doch, bitte,
Was meint Ihr zu ‘ner Herzogin? Habt Ihr
Zu solcher Bürde Kraft?

Anna. Nein, wahrlich nicht.

Hofdame. Dann seid Ihr allzu schwach! Nun, noch eins tiefer:
Ich trät Euch nicht als junger Graf entgegen,
Um mehr als ein Erröten: kann Eur Rücken
Die Last nicht tragen, seid Ihr auch zu schwächlich,
Um Kinder zu erzeugen.

Anna. Wie Ihr schwatzt!
Ich schwör noch eins, ich wär nicht Königin
Um alle Welt.

Hofdame. Seht, um das kleine England
Würd Euch der Mund schon wässern: mir schon für
Carnarvonshire, wenn auch nichts anders sonst
Zur Krone mehr gehörte. Wer kommt da?

Der Lord-Kämmerer tritt auf.

Kämmerer. Guten Morgen, Fräulein! Wieviel wärs wohl wert
Zu wissen, welch Geheimnis ihr bespracht?

Anna. Kaum Eurer Frage, lieber Lord, verlohnt sichs;
Wir klagten über unsrer Herrin Leid.

Kämmerer. Ein löblich Thema, das sich trefflich ziemt
Für brave Frauen. Noch ist Hoffnung da,
Daß alles gut wird.

Anna. Amen, geb es Gott! –

Kämmerer. Ihr habt ein freundlich Herz; des Himmels Segen
Folgt Euresgleichen. Daß Ihr seht, Mylady,
Wie wahr ich red und wie den höchsten Blicken
Von Eurer reichen Tugend Kenntnis ward:
Hochachtungsvoll grüßt Euch des Königs Gnade,
Und will Euch mit nicht mindrer Ehre schmücken
Als einer Markgräfin von Pembroke; ferner
Fügt er zu solchem Titel tausend Pfund
Als Jahrgehalt hinzu.

Anna. Noch weiß ich kaum
Der treuen Unterwerfung Form zu wählen.
Mehr als mein alles ist noch nichts; mein Beten
Nicht heilig gnug, noch meine Wünsche mehr
Als leerer Schall: doch Wünsche und Gebete
Sind, was ich darzubieten hab. Ich bitt Euch,
Geruht zu schildern meines Danks Gehorsam,
Als einer tief beschämten Magd, dem König,
Für dessen Heil und Kron ich bete.

Kämmerer. Fräulein,
Ich eil, in seiner günstgen Meinung noch
Zu stärken meinen Herrn. (Beiseite.) Wohl prüft ich sie;
Schönheit und Zucht sind so verwebt in ihr,
Daß sie den Herrn umstrickten; und wer weiß,
Ob ihr nicht ein Juwel entsprießen mag,
Dies ganze Land durchstrahlend. – Jetzt zum König,
Ihm melden, daß ich Euch gesehn.

Anna. Mein teurer Lord. –

(Kämmerer ab.)

Hofdame. Da haben wirs! Nun seht einmal, nun seht!
Ich habe sechzehn Jahr’ am Hof gebettelt,
Bin stets noch bettelhaft am Hof, und zwischen
Zu zeitig und zu spät traf ichs noch nie,
Warb ich um ein’ge Pfund. Und Ihr? O Schicksal!
Ihr, noch ein junger Weißfisch (Zeter über
Dies aufgedrängte Glück!), kriegt voll den Mund,
Eh Ihr die Lippen öffnet!

Anna. Seltsam, in Wahrheit!

Hofdame. Wie schmeckts? Ists bitter? Ich wett ‘nen Taler, nein!
Es war mal eine Dam’ (erzählt ein Märchen),
Die wollte Königin nicht sein, durchaus nicht,
Um allen Schlamm Ägyptens nicht. Kennt Ihr’s?

Anna. Geht, Ihr seid munter.

Hofdame. Ich, in Eurer Stelle
Flög über Lerchen weg. Markgräfin Pembroke!
Eintausend Pfund des Jahrs! Aus bloßer Achtung!
Und von Verpflichtung nichts! Bei meinem Leben,
Mehr Tausende verspricht das. Der Ehre Schlepp
Ist länger als ihr Vorderkleid. Nun, jetzo
Tragt Ihr wohl auch die Herzogin? Nicht wahr?
Seid Ihr nicht stärker schon?

Anna. Mein gutes Fräulein,
Ergötzt Euch selbst mit Euren eignen Grillen,
Und laßt mich aus dem Spiel. – Stürb ich doch lieber,
Wenn dies mein Blut erhitzt; nein, es bedrückt mich
Zu denken, was mag folgen. –
Die Königin ist trostlos, wir vergeßlich,
Sie so allein zu lassen. Bitt Euch, sagt nicht,
Was Ihr gehört.

Hofdame. Was denkt Ihr nur von mir? (Beide ab.)

Vierte Szene

Ein Saal in Blackfriars

Trompetenstoß; Zinken und Hörner. Zwei Hatschiere treten auf, mit kurzen Silberstäben; nach ihnen zwei Schreiber in Doktorkleidung; darauf der Erzbischof von Canterbury allein; nach ihm die Bischöfe von Lincoln, Ely, Rochester und St. Asaph. Dann folgt in einer kleinen Entfernung ein Edelmann, der die Tasche mit dem großen Siegel und einen Kardinalshut trägt; alsdann zwei Priester, jeder mit einem silbernen Kreuz; hernach ein Zeremonienmeister mit entblößtem Haupt, mit einem Herold, der ein silbernes Zepter trägt; ferner zwei Edelleute mit zwei silbernen großen Pfeilern. Ihnen folgen, nebeneinander gehend, die zwei Kardinäle Wolsey und Campejus; endlich zwei Kavaliere mit Schwert und Zepter. Der König nimmt Platz unter dem Baldachin; die beiden Kardinäle sitzen unter ihm als Richter. Die Königin nimmt ihren Platz in einiger Entfernung vom Könige. Die Bischöfe setzen sich an jede Seite des Gerichtshofes, nach Art eines Konsistoriums; unter ihnen die Schreiber. Die Lords sitzen zunächst den Bischöfen. Der Rufer und der übrige Teil des Gefolges steht in gebührender Ordnung um die Bühne

Wolsey. Bis unsre römsche Vollmacht abgelesen,
Laßt Stille rings gebieten.

König. Zu was Ende?
Sie ward schon einmal öffentlich verlesen
Und ihre Rechtskraft allerseits erkannt;
Drum spart die Zeit.

Wolsey. So sei’s; dann schreitet weiter.

Schreiber. Ruft: Heinrich, König von England, erscheine vor Gericht!

Ausrufer. Heinrich, König von England erscheine vor Gericht!

König. Hier.

Schreiber. Ruft: Katharine, Königin von England, erscheine vor Gericht!

Ausrufer. Katharine, Königin von England, erscheine vor Gericht!

(Die Königin antwortet nicht, steht von ihrem Sitze auf, geht an der Versammlung vorüber, kommt zum König, kniet zu seinen Füßen und spricht darauf:)

Königin. Herr, Recht begehr ich und Gerechtigkeit,
Und daß Ihr Euer Mitleid mir gewährt,
Der sehr beklagenswerten Frau, der fremden,
In Eurem Reich nicht heimischen, der hier
Kein Richter unparteilich, keine Aussicht
Auf billge Freundschaft und Begegnis bleibt.
Ach, lieber Herr, wie tat ich Euch zu nah?
Wie gab ich solchen Anlaß Eurem Zorn,
Daß Ihr sogar auf mein Verstoßen sinnt,
Mir jede Lieb und Gunst entzogt? Gott weiß,
Ich war Euch stets ein treu ergeben Weib,
Zu allen Zeiten fügsam Eurem Willen,
In steter Furcht, zu zünden Euren Unmut,
Ja, dienend Eurem Blick, trüb oder fröhlich,
Nach dem ich Euch bewegt sah. Welche Stunde
Erschien ich je mit Eurem Wunsch in Streit,
Und der nicht auch der meine ward? Wann liebt ich
Nicht Eure Freunde, kannt ich schon sie oft
Als meine Feinde? Welchem meiner Freunde,
Der Euern Zorn gereizt, erhielt ich länger
Mein Zutraun? Gab ich nicht alsbald Euch Kunde,
Daß er mir fremd geworden? Denkt, o Herr,
Wie ich in solcher Folgsamkeit Eur Weib
An zwanzig Jahr gewesen, und gesegnet
Durch Euch mit Kindern. Wenn Ihr irgend etwas
Im Lauf und Fortgang dieser Zeit entdeckt
Und mirs beweist, das meiner Ehr entgegen,
Dem Bund der Eh und meiner Lieb und Pflicht
Für Eure heilige Person: dann stoßt
In Gottes Namen mich hinweg, es schließe
Hohn und Verachtung hinter mir die Pforten,
Und gebt mich preis der schärfsten Ahndung. Denkt,
Der König, Euer Vater, ward gepriesen
Ein höchst vorsichtger Fürst, von herrlichem,
Unübertroffnem Geist und Urteil: Ferdinand,
Mein Vater, Spaniens König, galt gleich ihm
Als weisester Regent, der dort geherrscht
Seit vielen Jahren; und kein Zweifel ist,
Daß weise Räte sie von jedem Reich
Um sich versammelt, dies Geschäft erwägend,
Die gültig unsre Eh erkannt. Drum fleh ich
In Demut, Herr, verschont mich, bis mir Rat wird
Von meinen span’schen Freunden, deren Einsicht
Ich heischen will; wo nicht, gescheh Eur Wille
In Gottes Namen.

Wolsey. Fürstin, Ihr habt hier
Nach eigner Auswahl diese würdgen Väter,
Männer von seltner Redlichkeit und Kenntnis,
Ja, dieses Landes Zierde, heut versammelt,
Euch zu verteidigen. Darum wär es zwecklos,
Verschöbt Ihr länger das Gericht, sowohl
Für Eure eigne Ruh, als zu beschwichtigen
Des Königes Verstimmung.

Campejus. Seine Gnaden
Sprach gut und treffend: darum, Fürstin, ziemts,
Daß weiter schreite diese Ratsversammlung
Und ungesäumt die beiderseitgen Gründe
Vernommen werden.

Königin. Mylord Kardinal
Ich sprech zu Euch!

Wolsey. Was wünscht Ihr, Fürstin?

Königin. Herr,
Mir ist das Weinen nah; doch denk ich, daß
Wir eine Kön’gin sind – (es mindstens lang
Geträumt) und sicher eines Königs Tochter,
Wandl ich die Tränen um in Feuerfunken.

Wolsey. Faßt Euch nur in Geduld!

Königin. Ich wills, wenn Ihr demütig seid, ja früher,
Wo nicht, dann strafe mich der Herr! – Ich glaube
Und bin gestützt auf mächtge Gründ, Ihr seid
Mein Feind; und so erklär ich meinen Einspruch:
Ihr sollt mein Richter nimmer sein. Denn Ihr
Bliest zwischen mir und meinem Herrn die Glut,
Die Gottes Tau mag dämpfen! Drum noch einmal:
Verabscheun muß ich, ja, aus tiefster Seele
Verwerf ich Euch als meinen Richter, der,
Ich wiederhols, mein schlimmster Feind mir scheint
Und nicht ein Freund der Wahrheit.

Wolsey. Ich gestehe,
Ich find Euch selbst nicht wieder, die Ihr sonst
Sanftmut geübt, Euch milder stets gezeigt
Und weiser, als es andern Frauen je
Gegeben ward. Ihr tut mir unrecht, Fürstin,
Ich heg Euch keinen Groll, noch tat ich Euch,
Noch jemand unrecht. Was bisher geschehn
Und noch geschieht, verbürgt gemeßne Vollmacht,
So uns erteilt vom geistlichen Gericht,
Roms ganzem geistlichen Gericht. Ihr zeiht mich,
Ich schüre diese Glut; das leugne ich.
Der König ist zugegen; wär ihm kund,
Ich spräche Wahrheit nicht, wie würd er schlagen,
Und sehr mit Recht, die Falschheit? Ja, so stark
Wie meine Wahrheit Ihr. Er sieht, mich trifft
Eur Vorwurf nicht, doch sieht er mich verletzt.
Deshalb ist jetzt an ihm, mich herzustellen,
Und dies geschieht, indem er solcherlei
Gedanken Euch entfernt. Bevor deshalb
Noch seine Hoheit spricht, ersuch ich Euch,
Sehr gnädge Frau, nicht denkt mehr, was Ihr spracht,
Und sprecht es nie mehr aus.

Königin. Mylord, Mylord,
Ich bin ein einfach Weib, zu schwach, zu ringen
Mit Euren Künsten. Ihr seid mild, sprecht Demut;
Ihr spielt Beruf und Amt im vollsten Schein,
Mit Mild und Demut; Euer Herz jedoch
Ist voll von Hochmut, Anmaßung und Tücke.
Durch Glück und Seiner Hoheit Gunst stiegt Ihr
Leicht über niedre Stufen; nun erhoben,
Ist die Gewalt Euch Stütz: und Eure Worte
Sind Knechte, Eurem Willen dienend, wie’s
Euch gut dünkt, sie zu brauchen. Leugnet nicht,
Ihr strebet mehr nach Eurer eignen Ehre,
Als nach dem heiligen Beruf. Noch einmal:
Ich will Euch nicht zum Richter; vor euch allen
Beruf ich mich in dieser ganzen Sache
Auf seine Heiligkeit den Papst; er soll
Mein Urteil fällen.

(Sie verneigt sich vor dem Könige und will weggehn.)

Campejus. Störrisch widerspricht
Die Königin dem Recht, verklagt es und
Entzieht sich schmähend ihm: das ist nicht gut.
Sie geht hinweg.

König. Ruft sie zurück.

Ausrufer. Katharine, Königin von England, erscheine vor dem Gericht!

Griffith. Man ruft Euch Königin.

Königin. Was braucht Ihr drauf zu hören? Geht nur weiter:
Kehrt um, wenn man Euch ruft: – Nun helf mir Gott,
Mehr ist es, als man dulden kann! – Geht weiter:
Ich bleibe nicht, gewiß nicht; werd auch nimmer
Vor keiner ihrer Sitzungen hinfort
In dieser Sach erscheinen.

(Die Königin mit Griffith und ihrem Gefolge ab.)

König. Geh nur, Käthe!
Wer in der Welt sich rühmen wollt, er hab
Ein besser Weib, dem soll man traun in nichts,
Denn darin log er. Du bist Königin
(Wenn seltne Eigenschaften, holde Milde,
Sanftmut wie Heilge, weiblich echte Würde,
Gehorchen im Beherrschen – all dein Sinn
So königlich wie fromm dich schildern könnten
Vor allen irdschen Königinnen. Sie ist edlen Stamms;
Und ihrem hohen Adel angemessen war
Auch ihr Betragen gegen mich.

Wolsey. Mein Fürst,
Tief untertänigst bitt ich Eure Hoheit,
Ihr wollt geruhn, mir Zeugnis zu erteilen
Vor diesem Kreis – (denn wo ich Raub und Fessel
Erlitten, muß ich losgebunden sein,
So mir auch völlig nicht genug geschieht),
Ob dies Geschäft wohl, hoher Herr, von mir
Zuerst Euch in den Weg gelegt, ob ich wohl je
Euch Skrupel aufgeworfen, die Euch konnten
Zum Untersuchen führen; ob das kleinste Wort –
Anders als frommen Dank für solche Herrin –
Ich jemals sprach, das Nachteil bringen konnte,
So ihrem gegenwärtigen Rang, wie ihrem
Höchst tugendhaften Wesen?

König. Mylord, ich
Entschuldge Euch; noch mehr, bei meiner Ehre,
Ich sprech Euch frei. Wohl lernt Ihr nicht durch mich,
Wie viele Feind Ihr habt, die selbst kaum wissen,
Weshalb sie’s sind, und doch, Dorfhunden gleich,
Mitbellen, wenns die andern tun; sie reizten
Die Königin zum Zorn. Ihr seid entschuldigt:
Wollt Ihr noch mehr Rechtfertigung? Ihr wünschtet,
Daß stets die Sache schlafen möchte; niemals
Habt Ihr sie aufgeregt, nein, oft gehemmt,
Geschlossen oft den Weg. Auf meine Ehre,
Genau so sprach der Kardinal, und völlig
Sprech ich ihn frei. Nun aber, was mich reizte
(- Jetzt fordr’ ich Zeit und aufmerksam Gehör),
Merkt nun den Anfang. Also kams: gebt acht. –
Meinem Gewissen ward die erste Regung,
Skrupel und Stich, wegen gewisser Reden
Des Bischofs von Bayonne, Frankreichs Gesandten;
Er kam, den Ehebund zu unterhandeln
Mit unserm Kind Maria und dem Herzog
Von Orleans; im Fortgang des Geschäfts,
Bevor Entschluß gefaßt, verlangt’ er da
(Der Bischof, mein ich) eine Frist von uns,
Dem König, seinem Herrn, anheimzustellen,
Ob unsre Tochter stammt aus gültger Ehe,
Rücksichtlich jener Heirat mit der Witib,
Die unsers weiland Bruders Weib. Die Frist
Erschütterte die Seele mir, drang ein
Und mit zertrümmernder Gewalt, daß bebte
So Herz wie Brust; dies sprengte weiten Weg,
Daß viel verwirrte Zweifel sich nun drängten
Und preßten, dieser Mahnung halb. Erst, dacht ich,
Ich sei nicht in des Himmels Gnade; welcher
Natur befahl, daß meiner Frauen Leib,
Wenn er ein männlich Kind mir trug, nicht mehr
Ihm Dienste sollte tun, als wie das Grab
Dem Toten tut: denn alle Knaben starben,
Wo sie erschaffen, oder bald nachdem
Sie hier im Licht: da macht ich mir Gedanken,
Dies sei mir Himmelsstrafe; daß mein Reich,
Des allerbesten Erben wert, nicht sollte
Durch mich so glücklich sein. Nun kams, daß ich
All die Gefahren meines Lands erwog,
Daß mir kein Erbe ward; und das erpreßte
Mir manchen Herzensseufzer. Treibend so
In des Gewissens wilder See, hab ich
Nach diesem Halt gesteuert, warum wir
Nun hier versammelt sind; das heißt, ich dachte
Mir herzustellen mein Gewissen – welches
Ich ganz krank fühlt’, und jetzt noch nicht gesund –
Durch all’ ehrwürdgen Väter hier im Land,
Und würdige Doktoren. Erst, geheim
Fing ich mit Euch, Lord Lincoln, an; Ihr wißt,
Wie schwer ich ächze unter meiner Last,
Als ichs zuerst eröffnet.

Lincoln. Jawohl, mein Fürst.

König. Ich sprach schon lang; gefällts Euch, selbst zu sagen,
Wie weit Ihr mich beruhigt?

Lincoln. Mein Gebieter,
Ihr hattet mich zuerst so sehr bestürzt –
Da dieser Fall so hochgewichtig war
Und furchtbar in den Folgen – daß die kühnsten
Gedanken ich dem Zweifel übergab:
Und Eurer Hoheit diesen Weg empfahl,
Den Ihr anjetzt gewählt.

König. Dann fragt ich Euch,
Lord Canterbury, und holt Erlaubnis ein
Zur heutigen Versammlung. Unbefragt
Blieb kein ehrwürdig Mitglied dieser Sitzung.
Nein, jeder gab mir seine Zustimmung
Mit Schrift und Siegel. Deshalb fahret fort,
Weil kein Mißfallen an der teuern Königin
Person, nein, einzig jene scharfen Stacheln
Der vorerwähnten Gründe dies betrieben.
Erweist nur gültig jene Eh, und wahrlich,
Bei unserm Königsthron, wir sind zufriedner,
Des Lebens irdsche Zukunft ferner noch
Mit Katharinen, unsrer Königin,
Als mit dem schönsten Frauenbild zu teilen,
Das je die Welt geschmückt.

Campejus. Vergönnt, mein Fürst,
Der Königin Entfernung fordert wohl
Vertagung dieser Sitzung bis auf weitres;
Inzwischen muß ein ernstliches Ermahnen
Ergehn an ihre Hoheit, abzustehn
Von dem Rekurs an Seine Heiligkeit.

(Alle stehen auf, um auseinander zu gehen.)

König (vor sich).
Ich seh, die Kardinäle trieben Spiel
Mit mir; ich hasse solche Zögerung
Und Künste Roms. Oh, kämst du bald zurück,
Mein kluger, vielgeliebter Diener Cranmer!
Denn deine Ankunft, weiß ich, führt zugleich
Mir Trost herbei. – Hebt die Versammlung auf;
Ich sage, gehn wir.

(Alle ab, in derselben Ordnung, in der sie kamen.)

Dritter Aufzug

Erste Szene

Zimmer der Königin

Die Königin und ihre Frauen, an der Arbeit

Königin. Nimm deine Laute, Kind, mich trübt der Kummer;
Zerstreu ihn, wenn du kannst; laß deine Arbeit.

Lied.

Orpheus’ Laute hieß die Wipfel,
Wüster Berge kalte Gipfel,
Niedersteigen, wenn er sang.
Pflanz und Blüt und Frühlingssegen
Sproßt’, als folgten Sonn und Regen
Ewig nur dem Wunderklang.

Alle Wesen, so ihn hörten,
Wogen selbst, die sturmempörten,
Neigten still ihr Haupt herab.

Solche Macht ward süßen Tönen;
Herzensweh und tödlich Sehnen
Wiegten sie in Schlaf und Grab.

Ein Edelmann tritt auf

Königin. Was ist?

Edelmann. Geruht’ Eur Hoheit, draußen warten
Die beiden großen Kardinäle.

Königin. Wollen
Sie mit mir reden?

Edelmann. Ihr Begehren war,
Eur Hoheit sie zu melden.

Königin. Bittet sie,
Hereinzutreten. (Edelmann ab.) Was nur führt die zwei
Zu mir, der armen, gunstverstoßnen Frau? –
Ich lieb ihr Kommen nicht, bedenk ichs recht!
Sie sollten fromm sein, würdig ist ihr Amt;
Allein die Kappe macht den Mönch nicht aus.

Die Kardinäle Wolsey und Campejus treten auf.

Wolsey. Fried Eurer Hoheit!

Königin. Eure Gnaden sehn
In einer Hausfrau Weise mich beschäftigt;
Das Schlimmste fürchtend, denk ich gern auf alles
Was steht zu eurem Dienst, hochwürdge Herrn?

Wolsey. Gefällts Euch, edle Frau, mit uns allein
In Euer Kabinett zu gehn, so sollt Ihr
Vernehmen unsrer Ankunft Ursach.

Königin. Sagt mirs
Nur immer hier: noch hab ich, Gott sei Dank,
Nichts je verübt, das Winkel müßte suchen,
Und allen Fraun wünscht ich ein solch Gewissen.
Mich kümmerts wenig – dieses Glück, Mylords,
Ward mir vor vielen andern – ob mein Tun
Auf aller Zungen wohnt, in aller Augen,
Ob Arglist, bös Geschwätz auf mich gehetzt wird;
So rein war stets mein Leben. Kamt ihr her,
Wie ich als Weib gewandelt, auszuforschen,
Nur dreist heraus damit, Wahrheit ist schlicht und grade.

Wolsey. Tanta est erga te mentis integritas, regina serenissimaSo rechtschaffen meint es mein Sinn mit Euch, gestrengste Königin. –

Königin. Oh, kein Latein, Mylord;
Ich war so müßig nicht, seit meiner Ankunft,
Die Sprach, in der ich lebte, nicht zu lernen.
In fremder Zunge scheint mein Fall noch fremder,
Verdächtger noch; sprecht, bitt Euch, Englisch, mancher
Weiß Euch hier Dank, wenn Ihr die Wahrheit redet,
Um seiner armen Herrin willen. Glaubt mirs,
Man tut ihr sehr zu nah. Lord-Kardinal,
Ihr könnt, selbst was ich je gefehlt mit Vorsatz,
Gewiß in Englisch absolvieren.

Wolsey. Fürstin,
Es dünkt mich hart, daß meine Redlichkeit,
Mein Eifer, unserm Herrn und Euch zu dienen,
Bei solcher Treu soviel Verdacht erzeugt.
Wir nahn nicht auf dem Wege der Beschuldgung
Die Ehr zu schmähn, die alle Frommen segnen,
Noch irgend neuem Gram Euch auszuliefern;
Ihr habt zuviel schon, edle Frau; vielmehr
Zu forschen Eure Wünsch und wahre Meinung
In jenem wichtgen Zwist, und Euch dagegen
Redlich und frei auch unsre Sinnesansicht
Und Tröstung zu erteilen.

Campejus. Hohe Fürstin,
Mylord von York, in seiner edlen Art
Und warmen Treu, so er Euch stets geweiht,
Denkt wohlgesinnt des letzten Angriffs nicht
Auf seine Ehr und ihn – Ihr gingt zu weit –
Und beut, wie ich, als Zeichen der Versöhnung,
Euch Dienst und Beistand.

Königin (beiseite).
Um mich zu verraten. –
(Laut.) Mylords, ich dank euch euren guten Willen,
Ihr sprecht wie Ehrenmänner: (Gott geb, ihr seids)!
Doch hastge Antwort gleich bereit zu halten
In so gewichtgem Fall, so nah der Ehre
(Vielleicht dem Leben näher noch), mit meinem
Geringen Witz, und Männern so gelehrt
Und ernst – das weiß ich nicht. Ich war in Arbeit
Mit meinen Fraun, Gott weiß, mich wenig fassend
Auf solcherlei Besuch, noch solch Geschäft.
Ihr drum zuliebe, die ich war – ich fühle
Der Hoheit letzte Regung; werte Herrn –
Gönnt mir für meine Sache Zeit und Rat.
Ich bin ein Weib – ach, freundlos, hoffnungslos! –

Wolsey. Erhabne Frau, Ihr kränkt des Königs Liebe
Mit solcher Furcht; Eur Hoffen, Eure Freunde
Sind noch unendlich.

Königin. Hier in England kaum
Von Nutzen; glaubt ihr selbst, Mylords, es wage
Ein einzger Englischer mir Rat zu geben?
Mir offen Freund zu sein, dem Herrn entgegen?
Wollt einer so verzweifelnd ehrlich sein
Als Untertan, er lebte? Nein, die Freunde,
Die meines Kummers ganze Last nachfühlen,
Auf die ich trauen darf, sie sind nicht hier,
Sie sind, wie all mein Trost, weit, weit von hier,
In meinem Vaterlande.

Campejus. Gnädge Frau, ich wünschte,
Ihr ließt den Gram und hörtet mich.

Königin. Was meint Ihr?

Campejus. Stellt Euren ganzen Fall des Königs Schutz
Anheim, er ist liebreich und gut: so wärs
Für Eure Ehr und Euren Vorteil günstger.
Denn wenn des Rechtes Ausspruch Euch verdammt,
Dann scheidet Ihr mit Schmach.

Wolsey. Er rät Euch gut.

Königin. Er rät mir, was ihr beide wünscht – Verderben!
Ist das christlicher Beistand? Schand auf euch!
Noch steht der Himmel, droben thront ein Richter,
Den nie ein Fürst besticht.

Campejus. Eur Zorn verkennt uns.

Königin. So schmählicher für euch; – Ihr wähnt euch heilig,
Zwei kardinale Tugenden; jetzt find ich
Nur kardinale Laster, hohle Herzen.
O schämt und bessert euch! Ist dies eur Trost?
Die Herzensstärkung der gebeugten Fürstin?
Der Frau, durch euch gestürzt, verlacht, verhöhnt?
Ich wünsch euch nicht die Hälfte meines Elends,
Ich bin zu gut – doch sagt, ich warnt euch einst!
Habt acht! um Gott, habt acht, daß plötzlich nicht
Die Bürde meiner Sorgen auf euch falle! –

Wolsey. Fürstin, Ihr scheint in Wahrheit außer Euch;
In Arglist wandelt Ihr die gute Meinung.

Königin. Ihr aber wandelt mich in nichts. Weh euch!
Weh allen Gleisnern! Wie! ihr ratet mir
(Wenn euch noch irgend Güt’ und Mitleid blieb,
Wenn ihr mehr seid als Kleider nur des Priesters),
Mein krankes Recht dem Todfeind zu vertraun?
Ach! schon verbannt’ er mich aus seinem Bett,
Aus seiner Liebe längst: – ich werde alt,
Und was mir noch von Ehgemeinschaft bleibt,
Ist mein Gehorsam. Was kann Schlimmres mir
Als dieses Elend kommen? All eur Streben
Bringt mir den Fluch.

Campejus. Das Schlimmst ist Eure Furcht.

Königin. Lebt ich so lang (ja, laßt mich selber reden,
Tugend hat keinen Freund!) ein treues Weib,
Ein Weib – (ich darfs beteuern ohne Ruhmsucht),
Zu keiner Zeit erreichbar dem Verdacht?
Begegnet ich mit ganzer, voller Neigung
Dem König stets, liebt’ ihn nächst Gott, gehorcht’ ihm,
War ich aus Zärtlichkeit ihm abergläubisch,
Vergaß, ihn zu erfreun, fast mein Gebet,
Und werd ich so belohnt? Oh, das ist hart!
Zeigt mir ein Weib, das, ihrem Ehherrn treu,
Nie keine Freude träumte als sein Wohlsein;
Und wenn sie alles tat, so hab ich doch
Noch einen Kranz voraus – große Geduld! –

Wolsey. Weg flieht Ihr von dem Gut, das wir Euch gönnten. –

Königin. Mylord, ich lade nie die Schuld auf mich,
Dem edlen Rang freiwillig zu entsagen,
Dem euer Herr mich hat vermählt: nur Tod
Soll von dem Thron mich scheiden.

Wolsey. Hört, ich bitt Euch –

Königin. Hätt ich doch nie dies britsche Land betreten,
Noch seiner Schmeicheleien Frucht gekostet –
Ihr habt der Engel Antlitz, doch die Herzen
Kennt Gott. Was wird aus mir, der ärmsten Frau?
Der unglückseligsten in aller Welt? (Zu ihren Frauen.)
Ihr Armen, ach! Wo bleibt auch euer Glück?
An einem Strand gescheitert, wo kein Mitleid,
Kein Freund, kein Hoffen; wo kein Blutsfreund weint,
Man kaum ein Grab mir gönnt! – Der Lilie gleich,
Die einst der Fluren Herrin war und blühte,
Neigt sich mein Haupt und stirbt.

Wolsey. Wüßt ich nur erst
Eur Gnaden überzeugt, wir meintens redlich,
Das gäb Euch Trost! Weshalb nur, werte Fürstin,
Zu welchem End Euch kränken? Unsre Würde,
Die Weise unsers Amts verbeut es schon;
Wir solln den Kummer heilen, nicht ihn säen.
Erwägt um ‘s Himmels willen, was Ihr tut;
Wie Ihr Euch selbst könnt schaden, ja durchaus
Dem König Euch durch dieses Tun, entfremden.
Der Fürsten Herzen küssen den Gehorsam,
So lieblich dünkt es ihnen; doch die Starrheit
Schwellt sie empor, reißt sie zu Ungewittern.
Ich weiß, Ihr habt ein adlig mild Gemüt,
Sanft, gleich der Meeresstille; glaubt uns ja
Nach unserm Amt Ruhstifter, Freunde, Diener.

Campejus. So sollt Ihr uns erfinden. Eure Tugend
Kränkt Ihr durch Weiberfurcht. Ein hoher Geist,
Wie Ihr ihn hegt, wirft solche Zweifel weit
Wie falsche Münze weg. Der König liebt Euch;
Gebt acht, daß Ihr dies nicht verliert. Gefällts Euch,
Uns zu vertraun, sind wir für Euch erbötig,
Das Äußerste in Eurem Dienst zu tun.

Königin. Tut, was ihr wollt, ihr Herrn; und mir verzeiht,
Wenn ich nicht höflich gegen euch gewesen.
Ihr wißt, ich bin ein Weib, mir fehlt die Kunst,
Mit euresgleichen wie’s geziemt zu reden.
Bringt Seiner Hoheit meine Ehrfurcht dar,
Er hat mein Herz, auch mein Gebet ist sein,
Solang ich lebe. Kommt, hochwürdge Väter,
Enthüllt mir euren Rat – es bittet jetzt,
Die nicht geahnt, als sie betrat dies Land,
Für welchen Preis sie ihre Kron erstand. – (Alle ab.)

Zweite Szene

Vorzimmer des Königs

Der Herzog von Norfolk, Herzog von Suffolk, Graf von Surrey und der Lord-Kämmerer treten auf

Norfolk. Wenn ihr euch jetzt in euren Klagen einigt
Und mit Bestand sie geltend macht, so kann
Der Kardinal nicht widerstehn. Doch nehmt ihr
Die Gunst des Augenblicks nicht wahr, dann droht
Der neuen Schmach euch nur noch immer mehr
Zu jener schon erlittnen.

Surrey. Mich erfreut
Der kleinste Anlaß, der mir das Gedächtnis
Des Herzogs, meines Schwähers, ruft zurück,
Um Rache mir zu schaffen.

Suffolk. Welcher Pair
Blieb ungekränkt durch ihn? ward mindstens nicht
Schnöd übersehn? An wem wohl hat er je
Des Adels Stempel noch gewürdiget
Als an sich selbst?

Lord-Kämmerer. Ihr sprecht, Herrn, eure Wünsche:
Was er verdient an euch und mir, das weiß ich;
Doch ob ihm beizukommen, wenn die Zeit
Auch günstig scheint, zweifl’ ich noch sehr. Könnt ihr
Den Zugang nicht zum König ihm versperren,
So unternehmt noch nichts; denn Zauberkraft
Übt seine Zung an ihm.

Norfolk. Oh, fürchtet nicht,
Darin ists aus mit seiner Macht; der König
Hat einen Strauß mit ihm, der wohl auf immer
Den Honig seiner Reden gällt. Er steckt,
Um nicht mehr loszukommen, fest in Ungunst.

Surrey. Wie gern vernähm ich Neuigkeit wie diese
In jeder Stunde!

Norfolk. Glaubt mir, dies ist wahr.
Während der Scheidungssach hat sich durchaus
Sein zwiefach Spiel enthüllt; und nun erscheint er,
Wie meinem Feind ichs wünschte.

Surrey. Sagt, wie kam
Sein Trug ans Licht?

Suffolk. Höchst seltsam.

Surrey. Sagt, o sagt! –

Suffolk. Des Kardinals Brief an den Papst ging fehl
Und kam dem König zu Gesicht: er las,
Wie Seiner Heiligkeit Rat wird erteilt,
Das Scheidungsurteil nicht zu fälln; «wofern
Es statt noch fände,» schreibt er, «ahn ich deutlich,
Wie weit des Königs Neigung schon gefesselt
‘ne Magd der Kön’gin, Fräulein Anna Bullen.»

Surrey. Hat dies der König?

Suffolk. Glaubt mir!

Surrey. Wird dies wirken?

Lord-Kämmerer. Der König sieht daraus, wie jener ihm
Den eignen Weg umschleicht und sperrt: doch hierin
Zerscheitern alle Künst, und die Arznei
Kommt nach des Kranken Tod: der König ward
Dem schönen Fräulein schon vermählt.

Surrey. Oh, wär ers!

Suffolk. Mög euer Glück in diesem Wunsche liegen,
Denn ich bezeug, er ward erfüllt.

Surrey. Nun, Freude
Und Heil dem Bund!

Suffolk. Mein Amen auch!

Norfolk. Und aller! –

Suffolk. Befehle sind schon da zu ihrer Krönung;
Dies ist noch frisch, mein Treu, und nicht gemacht
Für aller Ohr. Doch in der Tat, ihr Herrn,
Sie ist ein lieblich Wesen, tadelsfrei
An Geist und Zügen; ja, ich ahn, es wird
Dem Reich ein Segen noch entblühn durch sie
Für späte Zeiten.

Surrey. Aber wird der König
Das Schreiben unsers Kardinals verdaun?
Gott wend es ab! –

Norfolk. Amen, sag ich.

Suffolk. Nein! nein!
Ihm summen noch mehr Wespen vor dem Ohr,
Die diesen Stich beschleun’gen. Kardinal Campejus
Ist heimlich abgereist nach Rom, ohn Abschied
Und ohne dies Geschäft zu schlichten: er
Ist fortgeschickt als Wolseys Unterhändler,
Um dessen List zu fördern. Ich versichr’ euch,
Der Herr, als ers erfuhr, rief: Ha! –

Lord-Kämmerer. Nun, Gott
Entzünd ihn, laß ihn, ha! noch lauter rufen!

Norfolk. Doch wann, Mylord, kehrt Cranmer wieder heim?

Suffolk. Er ist schon hier, der alten Meinung treu:
Und die, samt allen Fakultäten fast
Der Christenheit, rechtfertigt den Monarchen
Hinsichtlich seiner Scheidung. Kurz, ich glaube,
Sein zweites Ehbett, ihre Krönung, werden
Dem Volk verkündigt; Katharinen bleibt
Der königliche Titel nicht, sie wird
Die Witwe des Prinz Artur künftig heißen.

Norfolk. Der Cranmer ist ein tüchtger Mensch und hat
Sich in des Königes Geschäft gar sehr
Bemüht.

Suffolk. Gewiß; auch sehn wir ihn dafür
Sehr bald als Erzbischof.

Norfolk. So hör ich.

Suffolk. Ja,
So ists. – Der Kardinal –

Wolsey und Cromwell treten auf.

Norfolk. Seht, wie verstimmt! –

Wolsey. Und gabt Ihr, Cromwell, das Paket dem König?

Cromwell. Zu eigner Hand in seinem Schlafgemach.

Wolsey. Sah er den Inhalt an?

Cromwell. Ja, augenblicklich
Entsiegelt’ ers: was er zuerst ergriff,
Las er mit Ernst, es lag auf seinen Zügen
Gespannte Achtsamkeit. Er hieß Euch drauf
Heut früh ihn hier erwarten.

Wolsey. Ist er schon
Fertig gekleidet?

Cromwell. Jetzo, denk ich wohl.

Wolsey. Laßt mich ein Weilchen. –
Die Herzogin von Alençon solls sein,
Die Schwester Königs Franz; die soll er frein –
Anna Bullen! – Nein! keine Anna Bullens will ich für ihn! –
Ein schön Gesicht reicht hier nicht hin – Wie! Bullen?
Wir wollen keine Bullen! Hätt ich nur
Nachricht von Rom! – Die Markgräfin von Pembroke!

Norfolk. Er ist sehr mißvergnügt.

Suffolk. Vielleicht vernahm er,
Wie gegen ihn der König wetzt den Zorn.

Surrey. Recht scharf nur, Himmel, wenn gerecht du bist!

Wolsey. Der Königin Fräulein! Eines Ritters Tochter
Der Herrin Herrin! Ihrer Königin Königin!
Dies Licht brennt trüb; an mir ists, es zu schneuzen;
So; dann gehts aus. – Ist sie gleich tugendhaft
Und ehrenwert, doch kenn ich sie als heftge
Luthranerin; nicht heilsam unsrer Sache,
Daß sie am Busen sollte ruhn von unserm
Nur schwer regierten Herrn. Dann noch ein Ketzer
Schoß auf, ein arger Ketzer, jener Cranmer,
Der eingeschlichen in des Königs Gunst
Und sein Orakel ist.

Norfolk. Es wurmt ihn was.

Surrey. Zernagt’ es ihm die stärkste Sehne doch,
Des Herzens Ader! –

Der König, der einen Zettel liest, und Lovell treten auf.

Suffolk. Der König kommt, der König! –

König. Welch eine Masse Golds hat er gehäuft
Als Eigentum! Und welch ein Aufwand
Entströmt ihm stündlich! Wie, in Gewinstes Namen,
Scharrt er all das zusammen! – Nun, ihr Herrn,
Saht ihr den Kardinal?

Norfolk. Wir standen, Herr,
Hier, gaben acht auf ihn. Seltsamer Aufruhr
Ist ihm im Hirn: er beißt die Lipp, fährt auf,
Hält plötzlich an den Schritt, blickt auf die Erde,
Legt dann die Finger an die Schläfe; stracks
Springt wieder auf, läuft schnell, steht wieder still,
Schlägt heftig seine Brust; und gleich drauf wirft er
Die Augen auf zum Mond: seltsame Stellung
Sahn wir hier an ihm wechseln.

König. Möglich wohl,
Daß sein Gemüt in Aufruhr. Diesen Morgen
Schickt’ er zur Durchsicht mir, wie ich gefordert,
Staatsschriften; und, wißt ihr, was ich gefunden,
Gewiß nur unbewußt dazu gelegt?
Ein Inventar, wahrhaftig, so bedeutend –
Von allen Schätzen, silbernen Geschirren,
Goldstoffen, Prunkgerät, solch Übermaß,
Daß es Besitz des Untertanen, mein ich,
Weit übersteigt.

Norfolk. Es ist des Himmels Wille;
Ein Geist schob dieses Blatt in das Paket,
Eur Aug mit ihm zu segnen.

König. Dächten wir,
Sein Sinnen schwebt’ anschauend jetzt gen Himmel,
Geheftet auf das innre Licht, dann möcht er
In seinem Brüten bleiben; doch ich fürchte,
Es weilt sein Trachten unterm Mond, unwert
So eifriger Beratung.

(Der König setzt sich und redet mit Lovell, der zum Kardinal geht.)

Wolsey. Gott verzeih mir! –
Der Himmel segn Eur Hoheit!

König. Werter Lord,
Ihr seid erfüllt von geistgen Schätzen, tragt
Ein Inventar der reichsten Gnad im Herzen,
Das Ihr wohl eben durchlast, und Ihr habt
Kaum Zeit, der frommen Muß ein kurzes Scherflein
Für irdsche Buchführung zu rauben. Traun,
Ihr scheint mir darin fast ein schlechter Hauswirt,
Und freut michs, meinesgleichen Euch zu finden.

Wolsey. Ich habe meine Zeit, Herr, für die Andacht,
Zeit für den Anteil an Geschäften, die ich
Dem Staate schuldig: endlich heischt Natur
Für ihr Erhalten eine Zeit, die leider
Ich, ihr hinfällger Sohn, ihr pflichten muß.
Wie jeder Sterbliche.

König. Sehr wohl gesprochen.

Wolsey. Mög Eure Hoheit stets,
Wie ichs verdienen will, mein gutes Reden
Mit guter Tat gepaart an mir erfinden!

König. Aufs neue wohl gesagt;
Und ‘s ist ‘ne Art, gut handeln, gut zu reden,
Obgleich das Wort noch keine Tat. Mein Vater
Liebt’ Euch, er sagt’ es Euch und hat sein Wort
Mit seiner Tat gekrönt. Und seit ich ihm
Gefolgt, wart Ihr der Liebste mir; ich braucht Euch,
Wo Euch der höchste Vorteil sicher traf,
Ja, ich entzogs der eignen Hab, um Wohltat
Auf Euch zu häufen.

Wolsey (beiseite).
Wo will dies hinaus?

Surrey (beiseite).
Gott gebe gut Gedeihen!

König. Hob ich Euch
Nicht zu des Reiches erster Würd? – Ich bitt Euch,
Sagt, wenn Euch Wahrheit dünkt, was ich jetzt rede,
Und wollt Ihrs eingestehn, so sagt zugleich,
Ob Ihr Verbindlichkeit uns habt, ob nicht?
Was meint Ihr? –

Wolsey. Ja, ich gesteh, mein Fürst, die hohen Gnaden,
Täglich auf mich geschüttet, waren mehr,
Als all mein emsig Sinnen mocht erwidern,
Wie menschliches Bemühn dies überstieg.
Mein Tun war wen’ger stets als meine Wünsche,
Doch meinen Kräften gleich. Was ich mir suchte,
War so nur mein, daß es stets zielt’ aufs Beste
Eurer geheiligten Person, wie auf
Des Staates Vorteil. Jenen hohen Gnaden,
Auf mich gehäuft, den Armen, Unverdienten,
Kann nur mein unterwürfger Dank erwidern
Und mein inbrünstiges Gebet: die Treue,
Die immer wuchs, und stets noch wachsen soll,
Bis Tod sie, jener Winter, hinrafft.

König. Schön.
Die Antwort schildert ganz den Untertan,
Den treuen: Ehre dem, der also wandelt;
So wie das Gegenteil die Schande straft.
Nun glaub ich, daß, wie meine Hand Euch offen,
Liebe mein Herz, mein Thron Euch Ehren schenkte,
Euch mehr denn irgendwem: so müßten auch
Eur Herz und Hirn und Hand und jede Kraft,
Außer der allgemeinen Pflicht der Treue
Noch, sozusagen, in besondrer Liebe
Mir, mehr als andern hingegeben sein.

Wolsey. Auch hehl ichs nicht, wie Eurer Hoheit Wohl
Mir mehr als meines stets am Herzen lag;
So bin, so halt ichs, und so will ich bleiben,
Ob auch die ganze Welt den Eid Euch bräche
Und aus der Brust ihn bannt’; und ob Gefahren
Sich häuften, dichter, als sichs denken läßt,
Und in entsetzlichern Gestalten: dennoch,
Wie Felsen in den stürmschen Wogen, würde
Mein treues Herz dem wilden Strom ein Damm sein,
Und Euer bleiben sonder Wanken –

König. Trefflich
Geredet; merkt, ihr Herrn, welch treues Herz!
Denn offen saht ihrs. – (Gibt ihm Papiere.) Lest dies durch!
Und darauf dies: und dann zum Morgenimbiß,
Mit soviel Eßlust Euch noch bleibt.

(Der König geht ab und wirft einen zornigen Blick auf Wolsey. Die Hofleute drängen sich ihm nach und flüstern und lächeln untereinander.)

Wolsey. Was war dies?
Welch jähe Laun’, und wie erweckt ich sie?
Er ging in Zorn von mir, als sprühte Tod
Aus seinem Blick: so schaut der grimme Löwe,
Wenn ihn der kühne Jägersmann verletzt,
Vertilgt ihn dann. Lesen muß ich das Blatt:
Die Ursach, fürcht ich, seines Zorns. – So ists.
Dies Blatt hat mich vernichtet – ‘s ist die Summe
Des unermeßnen Reichtums, den ich sparte
Zu meinem Zweck: im Grunde für das Papsttum,
Die Freund in Rom zu zahlen. Nachlässigkeit,
Durch die ein Narr nur stürzt! Welch böser Teufel
Schob mir dies Hauptgeheimnis ins Paket,
Das ich dem König gab? Kein Weg zur Heilung?
Kein Kunstgriff, ders ihm aus dem Sinne schlüge?
Ich weiß, es reizt ihn heftig; doch ich finde
Noch einen Weg, der mich dem Glück zum Trotz
Herausziehn soll. –Was seh ich? – «An den Papst?»
Der Brief, bei Gott! die ganze Unterhandlung,
Wie ichs dem Papst vertraut. – Nun, dann ists aus!
Ich stand auf meiner Größe höchster Sprosse,
Und von der Mittagslinie meines Ruhms
Eil ich zum Niedergang. Ich werde fallen,
Wie in der Nacht ein glänzend Meteor,
Und niemand mehr mich sehn. –

Die Herzöge von Norfolk und Suffolk, der Graf von Surrey und der Lord-Kämmerer treten auf

Norfolk. Vernehmt des Königs
Gefallen, Kardinal: er heißt Euch, schleunig
Das große Siegel an uns abzuliefern
Zu eigner Hand, und Euch zurückzuziehn
Nach Asherhouse, als Eurem Bischofssitz,
Bis Ihr ein Weitres werdet hören.

Wolsey. Halt!
Wo habt Ihr Vollmacht? Nimmer tragen Worte
Solch wichtgen Auftrag.

Suffolk. Wer darf widersprechen,
Wenn sie aus Königs Mund Befehle senden?

Wolsey. Bis ich mehr seh als Absicht nur und Worte
Und Eure Falschheit: wißt, geschäftge Lords,
Daß ichs verweigern werd und muß. Jetzt merk ich,
Aus welchem schnöden Erz ihr seid gegossen,
Aus Neid. Wie emsig meinem Fall ihr folget,
Als nährt’ er euch! und wie so weich und glatt
Ihr alles heuchelt, bringt mirs nur Verderben! –
Folgt eurer tückschen Art, Männer der Bosheit!
Stützt euch auf euer christlich Recht, es wird
Zu seiner Zeit euch wohl belohnt. Das Siegel,
Das ihr so heftig fordert, gab der König
(Mein Herr und eurer) mir mit eigner Hand,
Verhieß es mir, zugleich mit Würd und Amt,
Aufs Leben: und, zu festgen seine Gnade,
Bestätigt’ ers durch offnen Brief. Wer nimmts mir?

Surrey. Der König, ders Euch gab.

Wolsey. So tu ers selber.

Surrey. Du bist ein stolzer Hochverräter, Pfaff! –

Wolsey. Das lügst du, stolzer Lord!
Vor vierzig Stunden hätte Surrey lieber
Die Zunge weggebrannt, als dies gesagt.

Surrey. Dein Ehrgeiz, du scharlachne Sünd, entriß
Uns Weinenden den edlen Buckingham.
Die Häupter aller Kardinäl auf Erden,
Und dich und all das Best an dir dazu,
Ersetzten noch kein Haar von ihm. Fluch Euch!
Ihr schicktet als Regenten mich nach Irland,
Vom König fern, von seiner Hilf und allem,
Was Gnad dem Fehl, den du erfandst, konnt schaffen,
Indes aus heilgem Mitleid Eur Erbarmen
Mit einem Beil ihn absolviert.

Wolsey. Dies alles,
Und was des Lords Geschwätz mir Weitres mag
Vorwerfen, ist nur Lug. Nach Rechten fand
Der Herzog seinen Tod: und daß ich schuldlos sei
An seinem Fall durch niedern Haß, bewähren
Die schlechte Sach und seine edlen Richter.
Liebt’ ich viel Worte, Lord, ich könnt Euch zeigen,
Wie Ihr sowenig Ehr als Gradheit habt:
Und daß ich auf des treuen Rechttuns Pfad
Dem König, meinem stets erhabnen Herrn,
Mich besser nennen darf, als Surrey ist
Und alle Freunde seiner Torheit.

Surrey. Priester! –
Dich schützt dein langes Kleid, sonst fühltest du
Mein Schwert in deinem Herzblut. Werte Herrn,
Ertragt ihrs, solchen Hochmut anzuhören
Von diesem Menschen? Sind wir erst so zahm,
Daß uns ein Scharlachmantel höhnt und zwickt,
Dann, Adel, fahre wohl; dann, Bischof, vorwärts! –
Scheuch uns mit deiner Kappe, gleichwie Lerchen! –

Wolsey. Dir wird zum Gift die Frommheit selbst verkehrt.

Surrey. Die Frommheit, die des ganzen Landes Mark
In Eurer Hand vereint hat durch Erpressung,
Die Frommheit jener aufgefangnen Blätter,
Die Ihr dem Papst geschrieben, Eure Frommheit,
Weil Ihr mich reizet, werd höchst offenkundig.
Lord Norfolk – wenn Ihr stammt aus hohem Blut,
Wenn Euch gemeines Wohl am Herzen liegt,
Des Adels Kränkung, unsrer Söhne Heil,
Die, lebt er, kaum noch Edle werden heißen –
Verlest sein Schuldregister, seines Wirkens
Gesammelt Unheil. – Schrecken will ich Euch
Mehr denn die Meßglock, wenn Eur braunes Mädchen
Euch küssend lag im Arm, Lord-Kardinal.

Wolsey. Wie sehr doch möcht ich diesen Mann verachten,
Bewahrte mich die Nächstenliebe nicht!

Norfolk. Es liegt, Mylord, die Klage selbst beim König.
Und sie erscheint sehr häßlich.

Wolsey. Um so schöner
Und fleckenlos soll meine Unschuld leuchten,
Wenn er die Wahrheit hört.

Surrey. Das hilft Euch nichts;
Ich hab ein gut Gedächtnis; ich behielt
Verschiedne Punkt’ und diese sollt Ihr hören.
Errötet nun, ruft «schuldig!», Kardinal,
So zeigt Ihr noch ein wenig Tugend.

Wolsey. Sprecht nur,
Trotz jeder Klag; erröt ich, so geschiehts,
Den Edlen hier zu sehn, dem Sitte fehlt.

Surrey. Die miß ich lieber als den Kopf. So hört denn
Zuerst, daß ohne Königs Will und Wissen
Ihr Euch bestrebtet, hier Legat zu werden
Und der Prälaten Recht im Land zu lähmen.

Norfolk. Dann, daß Ihr Briefe schriebt nach Rom und sonstwärts
An fremde Höf und stets die Form gebraucht:
Ego et rex meus: was den König dartat
Als Euren Diener.

Suffolk. Dann, daß ohne Kenntnis
Des Königs, noch des Rats, Ihr Euch erkühnt,
Als Ihr zum Kaiser wurdet abgesandt,
Des Reichs Sigill nach Flandern mitzuführen.

Surrey. Sodann gabt Ihr weitläufge Vollmacht hin
An den Gregor von Cassalis, zum Abschluß
Des Bundes Seiner Hoheit mit Ferrara,
Wovon nicht Staat noch König unterrichtet.

Suffolk. Dann, daß aus eitel Ehrsucht Euern Hut
Ihr prägen ließt auf unsers Königs Münze.

Surrey. Dann, daß Ihr unermeßlich Gold gesandt
(Und wie erworben, ist Euch wohl bewußt),
Rom zu bestechen, und den Weg zu bahnen
Für höhre Würden; alles dies zum Unheil
Dem ganzen Land. Noch gibts der Dinge mehr,
Die, weil von Euch sie und abscheulich sind,
Den Mund wir nicht entweihen solln.

Lord-Kämmerer. O Herr,
Drängt den Gefallnen nicht so hart, ‘s ist unrecht;
Sein Fall liegt offen dem Gesetz, es strafe
Das Recht, nicht Ihr. Fast weint mein Herz, zu schaun
Die Trümmer solcher Hoheit!

Surrey. Ich vergeb ihm.

Suffolk. Dann ist des Königs Will, Herr Kardinal,
Weil alles, was vorletzt durch Euch begonnen,
Kraft des Legatenamts in diesem Reich,
In den Bereich des Praemunire fällt,
Daß gegen Euch ein Achtsbefehl ergeh,
Der Eurer Güter, Länderein und Lehn
Und Eurer Schlösser Euch verlustig spricht,
Gesetzlos Euch erklärt. Dies ist mein Auftrag.

Norfolk. Und somit habt Ihr Raum zu Selbstbeschauung
Und frommem Wandel. Jene störrische Antwort
Von wegen des verlangten großen Siegels
Erfährt der König jetzt und dankts Euch sicher.
Fahrt wohl dann ferner, Ihr mein kleiner guter
Lord-Kardinal! (Alle ab außer Wolsey.)

Wolsey. Fahrwohl dem kleinen Guten,
Das mir von euch gekommen ist! Fahrwohl,
Ein langes «Fahre wohl» all meiner Größe! –
So ist des Menschen Treiben: heute sprießen
Der Hoffnung zarte Knospen, morgen blühn sie
Und kleiden ihn in dichten Blumenschmuck;
Und übermorgen, tödlich, kommt ein Frost,
Und wenn er wähnt, der gute sichre Mann,
Die Größe reife – nagt ihm der die Wurzel
Und fällt ihn so wie mich. Ich trieb dahin
Gleich wilden Knaben, die auf Blasen schwimmen,
So manchen Sommer auf der Ehrsucht Wogen,
Doch viel zu weit: mein hochgeschwellter Stolz
Brach endlich unter mir und gibt mich jetzt,
Müd und im Dienst ergraut, der Willkür hin
Des wüsten Stroms, der ewig nun mich birgt.
Ich haß euch, eitler Pomp und Glanz der Welt,
Mein Herz erschließt sich neu. O traurig Los
Des Armen, der an Fürstengunst gebunden!
Denn zwischen jenem Lächeln, so ersehnt,
Der Fürsten Huld, und unserm Abgrund liegt
Mehr Qual und Angst, als Krieg und Weiber haben;
Und wenn er fällt, fällt er wie Luzifer,
Der Hoffnung ewig bar – – –

Cromwell tritt auf, voll Bestürzung.

Was ist dir, Cromwell?

Cromwell. Mir stockt die Sprache, Herr!

Wolsey. Wie, so bestürzt.
Ob meinem Unglück? Kanns dich wundern, wenn
Ein großer Mann hinsinkt? Nein, wenn du weinst,
Dann fiel ich wirklich.

Cromwell. Herr, wie gehts Euch?

Wolsey. Wohl;
Noch nie so wahrhaft glücklich, guter Cromwell.
Jetzt kenn ich selber mich, jetzt fühl ich Frieden
In mir, hoch über aller irdschen Würde
Ein ruhig, still Gewissen. Diese Heilung
Dank ich dem König demutsvoll, er nahm
Mitleidig dieser Schultern morschen Säulen
Die Last, die Schiffe senkte – zuviel Ehre.
Oh, ‘s ist ‘ne Bürde, Cromwell, eine Bürde
Zu schwer dem Mann, der auf den Himmel hofft!

Cromwell. Mich freuts, Mylord, daß Ihrs so richtig nehmt.

Wolsey. Ich hoff, ich tu’s; mich dünkt, ich sei bereit,
Durch meiner Seele neu empfundne Stärke
Mehr Leiden zu erdulden, und viel größre,
Als mir die schwachen Feinde können drohn.
Was gibt es Neues?

Cromwell. Nun, das Härtste bleibt:
Des Königs Ungunst wider Euch.

Wolsey. Gott schütz ihn!

Cromwell. Dann, daß Sir Thomas Morus Kanzler ward
An Eurer Statt.

Wolsey. Das find ich etwas schnell,
Doch ists ein kundger Mann. Erhalt er sich
Des Königs Gunst noch lang und warte recht
Nach Wahrheit und Gesetz’, daß seinem Staub,
Wenn er den Lauf vollbracht und ruht in Gott,
Ein Grabmal werde von der Waisen Tränen!
Was mehr?

Cromwell. Die Rückkunft Cranmers, seine Gunst
Und Wahl zum Erzbischof von Canterbury.

Wolsey. Wohl ist das neu!

Cromwell. Dann endlich, daß man heut
Die Lady Anna, schon vorlängst dem König
Heimlich vermählt, als Königin offenbar
Zur Kirche gehen sah, und jetzt allein
Von ihrer Krönung das Gerücht ergeht.

Wolsey. Das war die Last, der ich erlag. Oh, Cromwell,
Der König täuschte mich, all meine Würden
Verlor ich durch dies eine Weib auf immer.
Nie führt ein Morgen meinen Glanz zurück,
Vergoldet je die edlen Scharen wieder,
Die meines Lächelns harrten. Geh nur, Cromwell,
Ich bin ein armer Mann, gestürzt und unwert
Dein Herr zu sein und Meister. Geh zum König!
Die Sonne, hoff ich, sinkt nicht! – Ich erzählt ihm,
Wer und wie treu du seist; er wird dich fördern,
Ein klein Erinnern meiner wird ihn treiben;
Sein Sinn ist edel, sicher weist er nicht
So hoffnungsvolle Dienste ab. Mein Cromwell,
Vermeid ihn nicht; benutz ihn jetzt und sorge
Für deine künftge Sicherheit.

Cromwell. O Herr,
So muß ich von Euch weichen? muß durchaus
Solch guten, edlen, echten Herrn verlieren?
Sei Zeuge, wer kein Herz von Eisen trägt,
Wie traurig Cromwell seinen Herrn verläßt.
Dem König widm’ ich meinen Dienst; doch Euch
Für immerdar und ewig mein Gebet.

Wolsey. Ich dachte keine Träne zu vergießen
All meinem Elend; doch du zwangst mich eben
In deiner schlichten Treu, das Weib zu spielen.
Trocknen wir uns die Augen; hör mich, Cromwell.
Wenn ich vergessen bin – und das ist bald –
Und schlaf im stummen, kalten Stein, wo niemand
Mich nennen wird – dann sag, ich lehrt es dich –
Sag, Wolsey – der einst ging des Ruhmes Pfad,
Der Ehre Bänk und Klippen all erkundet –
Fand dir den Weg zur Höh aus seinem Schiffbruch,
Den wahren, sichern, den er selbst verlor.
Denk nur an meinen Fall, und was mich stürzte!
Cromwell, bei deinem Heil, wirf Ehrsucht von dir!
Die Sünde hat die Engel selbst betört,
Wie frommte sie dem Menschen, Gottes Bilde?
Fleuch Eigenliebe, segne selbst die Feinde;
Bestechung führt dich weiter nicht als Treu.
Stets in der Rechten halte milden Frieden,
Dann schweigt die Bosheit. Handle recht, nichts fürchte;
Dein Ziel sei immer Ziel auch deines Landes,
Wie deines Gottes und der Wahrheit: dann,
O Cromwell! wenn du fällst, fällst du im Tod
Als sel’ger Märtyrer. Dem König diene,
Und – bitt dich, führe mich hinein:
Mach ein Verzeichnis dort all meines Guts,
Bis auf den letzten Pfennig; ‘s ist des Königs.
Mein Priesterkleid, und mein aufrichtig Herz
Vor Gott, mehr blieb mir nicht. Oh, Cromwell, Cromwell,
Hätt ich nur Gott gedient mit halb dem Eifer,
Den ich dem König weiht, er gäbe nicht
Im Alter nackt mich meinen Feinden preis! –

Cromwell. Geduldig, lieber Herr! –

Wolsey. Ich bins. Fahr hin,
Du Glanz des Hofs! Zum Himmel strebt mein Sinn.

(Gehn ab.)

Vierter Aufzug

Erste Szene

Straße in Westminster

Zwei Edelleute, die einander begegnen

Erster. Seid abermal willkommen!

Zweiter. So auch Ihr.

Erster. Ihr stellt Euch wohl, um Lady Annen hier
Zu schaun, wie sie vom Krönungsfeste kommt?

Zweiter. Ja, eben das. Als wir uns jüngst hier trafen,
Kam Herzog Buckingham aus dem Verhör.

Erster. Jawohl! Doch jene Zeit war trüb und bang,
Heut allgemeines Fest! –

Zweiter. Mit Recht. Die Bürger
Sind alle treu und königlich gesinnt;
Und, wahr zu sprechen, immerdar bereit,
Zur Feier solches Tags, mit manchem Schauspiel,
Mit Festgepräng und Aufzug.

Erster. Doch nie prächtger,
Und nie, versichr ich, besser eingerichtet.

Zweiter. Wenn Ihrs vergönnt, wüßt ich den Inhalt gern
Von jenem Blatt in Eurer Hand.

Erster. Seht hier.
‘s ist das Verzeichnis aller hohen Würden,
Die heut am Krönungsfest ihr Amt versehn.
Der Herzog Suffolk geht voran, er nimmt
Den Rang als Oberhofmeister; dann, als Marschall
Herzog von Norfolk; lest die andern selber.

Zweiter. Ich dank Euch, Herr; kennt ich den Brauch nicht schon,
Wär ich für dieses Blatt Euch sehr verpflichtet.
Doch sagt mir noch, was ward aus Katharinen?
Der Fürstinwitwe? Wie steht deren Sache?

Erster. Das sollt Ihr gleichfalls hören. Der Erzbischof
Von Canterbury, in Begleitung andrer
Gelahrter, würdger Väter hohen Rangs,
Hielt einen Tag zu Dunstable, sechs Meilen
Von Ampthill, wo die Fürstin wohnt; wohin
Sie oft geladen, nimmer doch erschien:
Und wegen Nichterscheinens und des Königs
Gewissensskrupel hat einmütig Urteil
Der weisen Väter Scheidung hier erkannt,
Und wird die vorge Eh für null erklärt.
Seitdem ist sie nach Kimbolton entfernt,
Wo Krankheit sie befallen.

Zweiter. Arme Fürstin! –
Hört die Musik; steht still; die Königin naht.

Ordnung der Krönungszuges.

Ein lebhafter Trompetenstoß.
Zwei Richter.
Der Lord-Kanzler mit Tasche und Stab vor ihm her.
Singende Chorknaben.
Der Mayor von London, der den Stab trägt; darauf der Erste Herold in seinem Wappenrock, auf dem Haupt eine kupferne vergoldete Krone.
Der Marquis von Dorset mit einem goldnen Zepter, auf dem Kopf eine goldne Halbkrone. Neben ihm der Graf von Surrey, der den silbernen Stab mit der Taube und auf dem Haupt eine Grafenkrone trägt; um den Hals ritterliche Ketten.
Der Herzog von Suffolk in seiner Staatskleidung, mit der Herzogskrone auf dem Haupt, in der Hand einen langen weißen Stecken, als Oberhofmeister. Neben ihm der Herzog von Norfolk mit dem Marschallstabe, eine Herzogskrone auf dem Haupt. Beide mit ritterlichen Ketten um den Hals.
Der Thronhimmel, von vieren der Barone von den fünf Häfen getragen: unter demselben die Königin im Krönungsgewande; ihr Haar reich mit Perlen geschmückt, gekrönt. Zu ihren beiden Seiten die Bischöfe von London und Winchester.
Die alte Herzogin von Norfolk, mit einer kleinen, goldnen, mit Blumen durchflochtnen Krone; sie trägt die Schleppe der Königin.
Verschiedne Edelfrauen und Gräfinnen mit schlichten goldnen Reifen um den Kopf, ohne Blumen.
(Sie ziehn in feierlicher Ordnung über die Bühne.)

Zweiter. Ein stolzer Zug, fürwahr! Sieh! diese kenn ich:
Wer aber trägt den Zepter?

Erster. Marquis Dorset,
Und dort der Graf von Surrey mit dem Stab.

Zweiter. Ein kühner, wackrer Herr! Dort, mein ich, folgt
Der Herzog Suffolk?

Erster. Ja, der Oberhofmeister.

Zweiter. Dann Mylord Norfolk.

Erster. Ja.

Zweiter (indem er die Königin erblickt).
Gott sei mit dir!
Solch süß Gesicht als deins erblickt ich nie!
Bei meinem Leben, Herr, sie ist ein Engel.
Der König hält ganz Indien in den Armen,
Und viel, viel mehr, wenn er die Frau umfängt:
Ich tadle sein Gewissen nicht.

Erster. Die Träger
Des Ehrenbaldachins sind vier Barone
Von den fünf Häfen.

Zweiter. Glücklich sind die Herrn,
Und so sind alle, die ihr nahen dürfen.
Dann war wohl jene, so die Schleppe trug
Die alte, hohe Herzogin von Norfolk?

Erster. Ja, und die andern alle Gräfinnen.

Zweiter. Das deuten ihre Krönchen. Sterne sinds,
Und die mitunter fallen.

Erster. Still davon! –

(Die Prozession geht vorüber unter Trompetenschall)

Ein dritter Edelmann kommt hinzu.

Gott grüß Euch, Freund! Aus welchem Feuer kommt Ihr?

Dritter. Vom dicksten Drängen der Abtei, wo kaum
Ein Finger einzuzwängen ist. Fast bin ich
Erstickt vor lauter Freud und Lust.

Zweiter. Ihr saht
Die Zeremonie?

Dritter. Ja.

Zweiter. Wie wars damit?

Dritter. Wohl wert, gesehn zu werden.

Zweiter. Oh, erzählt uns.

Dritter. Soviel ich kann. Nachdem der reiche Strom
Der Lords und Edelfraun die Königin
Zu ihrem Sitz geleitet auf das Chor,
Trat er zurück: indessen ihre Hoheit
Sich niederließ, ein Weilchen auszuruhn,
Auf einem prächtgen Throne frei dem Volk
Entgegenstellend ihrer Schönheit Glanz.
Glaubt nur, sie ist das herrlichste Geschöpf,
Die je an Mannes Seite lag. Als nun dem Volk
Ihr Anblick ward gegönnt, entstand ein Rauschen,
Wie man’s zur See im Sturm vom Tauwerk hört,
So laut und mannigfalt. Die Hüt und Mäntel,
Ja selbst die Wämser flogen in die Höh,
Und wären die Gesichter los gewesen,
Heut gingen sie verloren. Solchen Jubel
Erblickt ich nie zuvor. Hochschwangre Weiber,
Acht Tage kaum vom Ziele, drängten vorwärts,
Gleich Widdern aus der alten Kriegeszeit,
Und machten Breschen vor sich: Keiner konnte
Wohl sagen: «Dies ist meine Frau»; so seltsam
War alles hier verweht in eins.

Zweiter. Nun, weiter?

Dritter. Dann trat sie vor und ging, bescheidnen Schritts,
Zum Altar, kniet’ und hub gleich einer Heilgen
Den schönen Blick empor, andächtig betend;
Erhob sich dann und neigte sich dem Volk,
Weil ihr der Erzbischof von Canterbury
Die königlichen Zeichen all erteilte,
Das heilge Öl, die Krone König Eduards,
Den Stab, die Friedenstaub und allen Krönungs-
Ornat: worauf in Einklang, hoch vom Chor,
Von den gewähltsten Stimmen unsers Landes
Der Lobgesang erscholl. Drauf wandte sich
Der Zug im vollen, ernsten Prunk zurück
Nach York-Palast, wo Tafel wird gehalten.

Erster. Sagt York-Palast nicht mehr, das ist vorbei,
Denn seit des Wolsey Sturz erlosch der Name;
Dem König fiel er heim und heißt Whitehall.

Dritter. Ich weiß; doch ists so neu, daß mir geläufger
Der alte Name blieb.

Zweiter. Wer waren, sagt,
Die zween Bischöfe zu der Fürstin Seiten?

Dritter. Stokesly und Gardiner; der von Winchester
Und kurz vorher noch Schreiber unsers Königs,
Jener von London.

Zweiter. Der von Winchester
Gilt nicht als Herzensfreund des Erzbischofs,
Des frommen Cranmer.

Dritter. Das ist weltbekannt.
Doch ist die Spaltung noch nicht groß, und wird sie’s,
So hat der Cranmer einen wackren Freund.

Zweiter. Wen meint Ihr, sagt, ich bitt Euch?

Dritter. Thomas Cromwell,
Ein Mann, höchst wert dem König und in Wahrheit
Ein würdger Freund. Der König hat ihn schon
Zum Reichswardein ernannt und einen Platz
Im Staatsrat ihm verliehn.

Zweiter. So steigt er wohl
Noch höher.

Dritter. Ohne Zweifel tut er das.
Jetzt, liebe Herrn, geht meinen Weg; ich führ euch
An’ Hof, dort sollt ihr meine Gäste sein.
Etwas vermag ich schon. Auf unserm Gang
Erzähl ich mehr.

Beide. Wir sind zu Eurem Dienst. (Alle ab.)

Zweite Szene

Kimbolton

Die verwitwete Königin Katharina, krank, von Griffith und Patienza geführt, tritt auf

Griffith. Wie gehts Eur Hoheit?

Katharina. Tödlich krank, o Griffith!
Es sinken mir, beschwerten Ästen gleich,
Die Knie zur Erd und wichen gern der Last. –
Reich einen Sessel – so! – jetzt wird mirs leichter.
Sagtst du mir nicht, als du mich führtest, Griffith,
Der große Sohn des Ruhms, der Kardinal,
Sei tot? –

Griffith. Ja, Fürstin, doch Eur Hoheit, wie ich glaubte,
Vernahm mich kaum in Ihrem heftgen Schmerz.

Katharina. Sag, guter Griffith, bitt dich, wie er starb;
Wenn fromm, so ging er mir vielleicht voran
Als Beispiel.

Griffith. Fromm, erzählt man mir, verschied er.
Denn als der kühne Graf Northumberland
Zu York ihn festgesetzt, und ungesäumt
Als einen Hartbeschuldigten verhört,
Erkrankt’ er plötzlich schwer, und konnte nicht
Auf seinem Maultier sitzen.

Katharina. Armer Mann! –

Griffith. Endlich, nach häufger Rast, erreicht’ er Leicester,
Wo ihn im Klosterhof der würdge Abt
Samt dem Konvent mit aller Ehr empfing.
Dem sagt’ er dieses Wort: «O Vater Abt!
Ein Greis, zerknickt im wilden Sturm des Staats,
Legt hier bei Euch sein müdes Haupt zur Ruh;
Gönnt aus Erbarmen ihm ein wenig Erde!»
Man bracht ihn gleich zu Bett; die Krankheit stieg
Anhaltend heftger, und am dritten Abend,
Just um die achte Stund, in der er selbst
Vorausgesagt sein Ende – gab er reuig
Versenkt in Tränen, Sorg und tiefer Andacht,
Der irdschen Welt den eitlen Ruhm zurück,
Sein geistlich Teil dem Herrn, und starb in Frieden.

Katharina. So schlaf er auch, leicht sei’n ihm seine Fehle! –
Das einzge, Griffith, sag ich noch von ihm,
Und doch in aller Lieb – er war ein Mann
Von ungezähmtem Stolz, der Fürsten stets
Sich gleich gezählt; ein Mann, des heimlich Trachten
Das Reich gefesselt; geistlich Recht war feil,
Gesetz sein Wille; Wahrheit widerrief er
Am Hof, zweizüngig überall erscheinend
In Red und Sinn; nie zeigt’ er Mitleid je,
Als wenn er Untergang beschloß im Herzen.
Sein Wort, gleich seinem vorgen Selbst, gewaltig,
Doch sein Erfüllen nichtig, gleich dem jetzgen.
Er sündigte im Fleisch, und gab dadurch
Dem Klerus schlechtes Beispiel.

Griffith. Edle Frau,
Der Menschen Tugend schreiben wir in Wasser,
Ihr böses Treiben lebt in Erz: vergönnt Ihr
Mir jetzt wohl auch sein Lob?

Katharina. Ja, guter Griffith,
Sonst wär ich boshaft.

Griffith. Dieser Kardinal,
Wenn schon von niederm Stand, war unbezweifelt
Für großen Ruhm geschaffen seit der Wiege.
Er war ein Hochgelahrter, reif und tüchtig,
Unendlich klug, beredsam, überzeugend,
Den Abgeneigten herb und schroff gesinnt,
Allein dem Freunde liebreich wie der Sommer.
Und war er gleich im Nehmen unersättlich
(Was sündlich ist), so zeigt’ er, Fürstin, sich
Im Geben königlich – des zeugen ewig
Des Wissens Zwillinge, so er euch schuf,
Ipswich und Oxford! – Jenes fiel mit ihm,
Nicht wollt es seine Wohltat überleben;
Dies aber, zwar unfertig, doch so glänzend,
So trefflich in der Kunst, so stet im Wachsen,
Daß in Europa nie sein Ruhm vergehn wird.
Sein Sturz hat Heil gesammelt über ihm,
Denn nun – und nicht bis dahin – kannt er sich
Und sah den Segen ein, gering zu sein,
Und daß er höhern Ruhm dem Alter schüfe,
Als der von Menschen kommt, starb er, Gott fürchtend.

Katharina. Nach meinem Tod wünsch ich zum Herold mir,
Der meines Lebens Taten aufbewahre
Und meinen Leumund rette vor Verwesung,
So redlichen Chronisten als mein Griffith.
Den ich zumeist gehaßt, den muß ich nun
Durch deine fromme Wahrheitslieb und Demut
Im Grab noch ehren. Friede sei mit ihm! –
Patienza, geh nicht von mir; leg mich tiefer,
Du hast nicht lang mehr all die Mühe – Griffith,
Laß die Musik die trübe Weise spielen,
Die ich mein Grabgeläute hab genannt,
Derweil ich sitz und denk an den Gesang
Der Himmel, dem ich bald entgegensehe.

(Eine ernste und feierliche Musik.)

Griffith. Sie schläft – setz still dich nieder, liebes Mädchen,
Sonst wecken wir sie. Sacht, gute Patienza!

(Traumgesicht. Sechs Gestalten in weißen Gewändern, Lorbeerkränze auf dem Haupt, goldne Masken vor dem Gesicht und Palmenzweige in den Händen, schweben langsam auf die Bühne. Sie begrüßen Katharinen und tanzen darauf. Bei gewissen Wendungen halten die ersten zwei einen Lorbeerkranz über ihrem Haupt, während die vier übrigen sich ehrerbietig neigen. Dann wiederholt das nächstfolgende und endlich das letzte Paar dieselbe Handlung. Die Fürstin gibt schlafend Zeichen der Freude, wie durch höhere Eingebung, und streckt beide Hände gen Himmel. Darauf verschwinden die Gestalten und nehmen den Kranz mit sich hinweg. Die Musik währt fort.)

Katharina. Wo seid ihr, sel’ge Geister? All’ verschwunden?
Und laßt mich hier zurück in meinem Elend?

Griffith. Hier sind wir, gnädge Frau.

Katharina. Euch rief ich nicht;
Doch saht Ihr niemand, als ich schlief?

Griffith. Nein, Fürstin.

Katharina. Nicht? Kam nicht eben jetzt ein Chor von Engeln,
Zum Festmahl mich zu laden, deren Glanz
Mich gleich der Sonn in tausend Strahlen hüllte?
Die ewge Seligkeit verhießen sie
Und reichten Kränze mir, die ich zu tragen
Mich noch nicht würdig fühle; doch ich werd es
Gewißlich einst.

Griffith. Mich freut, daß Euren Sinn so süße Träume
Erquicken.

Katharina. Laßt nun enden die Musik,
Sie dünkt mich rauh und lästig.

(Die Musik hört auf.)

Patienza. Seht Ihr wohl,
Wie Ihre Hoheit plötzlich sich verändert?
Wie lang ihr Antlitz, ihre Züge bleich,
Und kalt und erdig? Seht Ihr wohl die Augen?

Griffith. Sie stirbt, Kind, bete! bete!

Patienza. Herr, sei mit ihr! –

Ein Bote tritt auf.

Bote. Eur Gnaden wird – – –

Katharina. Geh, unverschämter Mensch!
Ist das die schuldge Ehrfurcht?

Griffith. Ihr tut unrecht,
Da Ihr es wißt, sie will den Rang nicht lassen,
Daß Ihr so roh Euch zeigt! So kniet denn nieder.

Bote. Ich bitt Eur Hoheit demutsvoll um Nachsicht,
Die Eile ließ mich fehlen. Draußen harrt
Ein Herr, gesandt vom König, Euch zu sehen.

Katharina. Gewährt ihm Zutritt, Griffith; doch diesen Menschen
Laßt nie mich wieder sehen.

(Griffith und der Bote ab.)

Griffith kommt zurück mit Capucius.

Irr ich nicht,
Seid Ihr des Kaisers, meines edlen Neffen,
Botschafter, und Capucius ist Eur Name.

Capucius. Derselbe, Fürstin, Euer Knecht.

Katharina. Oh, Herr,
Titel und Zeiten, seit Ihr jüngst mich saht,
Sind sehr verändert. Sagt mir jetzt, ich bitt Euch,
Was führt Euch her zu mir?

Capucius. Erhabne Frau,
Vor allem eignes Pflichtgefühl; demnächst
Des Königs Auftrag, Euch hier zu besuchen.
Es grämt ihn Eure Krankheit sehr, er meldet
Sein fürstliches Empfehlen Euch durch mich
Und wünscht von Herzen Euch den besten Trost.

Katharina. O werter Herr, dies Trösten kommt zu spät,
‘s ist wie Begnadgen nach der Hinrichtung.
Zur rechten Zeit war die Arznei mir Heilung,
Jetzt brauchts der Tröstung keine als Gebet.
Wie geht es meinem Herrn? –

Capucius. In bestem Wohlsein.

Katharina. Das bleib ihm immer. Blühe stets sein Glück,
Wenn ich bei Würmern wohne, wenn mein Name
Verbannt wird sein aus diesem Reich! Patienza,
Hast du mein Schreiben abgeschickt?

Patienza. Nein, Fürstin.

Katharina. Dann bitt ich Euch in Demut, meinem Herrn
Dies einzuhändgen.

Capucius. Fürstin, zählt darauf.

Katharina. Empfohlen hab ich seiner Gnad und Milde
Sein Töchterlein, das Abbild unsrer Liebe;
In Fülle träuf auf sie des Himmels Segen! –
Sie gläubig aufzuziehn ersuch ich ihn;
Sie ist noch jung, von edler, sittger Art,
Und übt die Tugend, hoff ich. Dann, ein wenig
Sie auch zu lieben, ihrer Mutter wegen,
Die ihn geliebt, der Himmel weiß, wie teuer! –
Weiter bitt ich demütig ihn um Mitleid
Für meine armen Fraun, die mir so lang
Treulich gefolgt in gut und bösem Glück,
Von denen wahrlich keine – so behaupt ich,
Und lügen darf ich jetzt nicht –, die durch Tugend,
Durch wahre Seelenschönheit, strenge Sitte
Und fein Betragen nicht den besten Mann
Verdient; und daß er ja von Adel sei!
Denn glücklich ist gewiß, wer sie erlangt.
Zuletzt nenn ich die Diener (arm sind alle,
Doch Armut wandte keinen je von mir);
Man woll auch ferner ihren Lohn nicht weigern,
Noch etwas drüber, mir zum Angedenken;
Dafern mir Gott gegönnt ein längres Leben
Und reichern Schatz, wir schieden wohl nicht also.
Das ist der ganze Inhalt, teurer Herr;
Bei allem, was Euch wert ist in der Welt,
Und wie Ihr christlich’ Ruh den Toten wünscht,
Seid dieser armen Leute Freund und mahnt
Den König an dies letzte Recht!

Capucius. Das will ich,
So wahr mir Gott ein menschlich Herz verliehn! –

Katharina. Ich dank Euch, würdger Herr. Gedenkt auch meiner
In aller Ehrfurcht gegen Seine Hoheit,
Sagt, seine lange Sorge scheide jetzt
Von hinnen, sagt, ich segnet ihn im Tode,
Denn also will ichs tun – mein Aug wird dunkel –
Lebt wohl! – Griffith, lebt wohl. Nein, geh noch nicht,
Patienza, ruf die andern Fraun, ich muß
Zu Bett. – Wenn ich erst tot bin, gutes Mädchen,
Setzt mich mit Ehren bei; bestreut mein Grab
Mit jungfräulichen Blumen, daß man sehe,
Ich war bis an den Tod ein keusches Weib.
Ihr sollt mich balsamieren, dann zur Schau
Ausstellen: zwar nicht Kön’gin, doch begrabt mich
Als Königin und eines Königs Tochter.
Ich kann nicht mehr! –

(Die Königin wird hinweggeführt.)

Fünfter Aufzug

Erste Szene

Eine Galerie im königlichen Palast

Gardiner, Bischof von Winchester, tritt auf; ein Page mit einer Fackel vor ihm her. Sir Thomas Lovell begegnet ihm

Gardiner. Die Uhr ist eins, nicht wahr?

Page. Es hat geschlagen.

Gardiner. Dies sollten Stunden sein für den Bedarf,
Nicht für Vergnügung; Zeit, Natur zu stärken
Durch Schlafs Erquickung, zum Vergeuden nicht
Bestimmt. – Gott schenk Euch gute Nacht, Sir Thomas;
Wohin so spät?

Lovell. Mylord, kommt Ihr vom König?

Gardiner. Soeben erst; ich ließ ihn beim Primero
Mit Herzog Suffolk.

Lovell. Ich muß auch zu ihm,
Eh er sich schlafen legt. Auf Wiedersehn!

Gardiner. Noch nicht, Sir Thomas Lovell; sagt, was gibts?
Ihr scheint in großer Eil, und wollt Ihrs nicht
Auslegen als Beleidgung – teilt dem Freund
Die Ursach mit so später Hast; Geschäfte,
Die mitternächtlich umgehn wie die Geister,
Sind wildrer Art in sich, als was bei Tag
Erledgung sucht.

Lovell. Ich liebe Euch, Mylord;
Und möcht Euch ein Geheimnis wohl vertraun,
Viel wichtiger noch als dies. Die Königin ist in Wehen,
Man sagt, in äußerster Gefahr; sie fürchten,
Es werd ihr Ende sein.

Gardiner. Für ihre Frucht
Will ich von Herzen beten, wünsch ihr auch
Gedeihn und Leben; doch den Stamm, Sir Thomas,
Laßt immer jetzt vertilgen.

Lovell. Dazu sprech ich
Das Amen mit, und dennoch sagt mein Herz,
Sie sei ein gut Geschöpf und liebes Weib,
Und beßrer Wünsche wert.

Gardiner. Doch, Herr, Herr, hört
Mich an, Sir Thomas: Ihr seid ein Mann, wie ich,
Der echten Kirche; ich kenn Euch weise, fromm;
Und laßt Euch sagen, besser wirds nicht, eh –
Nicht eh, Sir Thomas Lovell, darauf baut –,
Bis Cranmer, Cromwell, ihre beiden Hände,
Und sie – im Grabe ruhn.

Lovell. Ei, Sir, Ihr nennt
Die Mächtigsten im Reiche. Cromwell stieg
Vom Kronwardein erst jüngst zum Archivar
Und Rat des Königs, steht noch überdies
Recht auf dem Sprung zu weitrer Förderung,
Und harrt nur auf die Zeit; – der Erzbischof
Ist Zung und Hand des Königs; wer nur wagt
Ein Wörtlein wider den?

Gardiner. Doch, doch, Sir Thomas,
Noch wagt es einer wohl; ich selbst erdreistete
Mich auszusprechen, ja noch heut am Tag
(Euch darf ich mich vertraun) schürt ich die Flamme
Den Herrn vom Staatsrat, hoff ich; zeigt’, er sei
(Das, weiß ich, ist er, sie auch wissen es),
Ein erzverruchter Ketzer, eine Pest,
Die unser Land verdirbt; Sie haben, ganz erregt,
Den König unterrichtet. Dieser lieh
So weit Gehör der Klag (aus hoher Huld
Und königlicher Fürsicht all das Unheil,
Das unsre Gründ ihm dargelegt, erwägend),
Daß vor den Staatsrat er ihn fordern ließ
Auf morgen früh. Dies böse Unkraut, Sir,
Muß ausgerottet werden. Doch zu lang
Halt ich Euch auf; ich wünsch Euch gute Nacht.

Lovell. Gut Nacht gleichfalls, Mylord; ich bleib Eur Diener.

(Gardiner mit dem Pagen ab.)

Der König mit dem Herzog von Suffolk tritt auf.

König. Karl, länger spiel ich diesen Abend nicht,
Ich bin zerstreut, Ihr seid mir heut zu stark.

Suffolk. Herr, ich gewann zuvor von Euch noch nie.

König. Nur selten, Karl,
Und sollt auch nie, wenn ich nur achtsam bin. –
Nun, Lovell, von der Königin? Wie stehts?

Lovell. Ich konnte nicht persönlich überbringen,
Was Ihr gebotet; doch durch ihre Fraun
Sandt ichs ihr zu. Die Fürstin sagt Euch Dank
In tiefster Demut und ersucht Eur Hoheit,
Herzlich für sie zu beten.

König. Was sagst du? Wie?
Für sie zu beten? Wie? Ist sie in Wehen?

Lovell. Das sagten ihre Fraun; und daß der Schmerz
Ihr Qualen fast zum Tode gibt.

König. Die Arme! –

Suffolk. Gott woll ihr leichtlich ihre Bürde nehmen,
Mit lindem Weh, um bald mit einem Erben
Eur Hoheit zu erfreun.

König. ‘s ist Mitternacht;
Bitt dich, geh schlafen, und gedenk im Beten
Der armen Königin. Laß mich allein;
Mir kreuzen sich Gedanken, denen wenig
Gesellschaft frommt.

Suffolk. Ich wünsch Eur Majestät
Gut Nacht, und meiner teuren Herrin will ich
Gedenken im Gebet.

König. Karl, gute Nacht. (Suffolk ab.)

Sir Anthony Denny tritt auf.

Nun, Sir, was gibts?

Denny. Mylord, den Erzbischof bracht ich Eur Hoheit,
Wie Ihr befahlt.

König. Ah, den Canterbury?

Denny. Ja, bester Herr.

König. ‘s ist wahr. Wo ist er, Denny?

Denny. Er harrt im Vorsaal.

König. Führ ihn her zu mir.

(Denny ab.)

Lovell (beiseite).
Das ist, wovon der Bischof zu mir sprach;
Ich kam zur guten Stunde.

Denny kommt zurück mit Cranmer.

König. Verlaßt die Galerie.

(Lovell scheint zu zögern.)

Ha! sagt ichs nicht?
Fort da! – Was! –

(Lovell und Denny ab.)

Cranmer (beiseite).
Ich bin voll Furcht – warum die finstre Stirn?
Das ist sein Schreckensblick. Es steht nicht gut.

König. Nun, Mylord? Wissen wollt Ihr wohl, weshalb
Ich Euch ließ rufen?

Cranmer (kniend).
‘s ist mir Pflicht, Eur Hoheit
Befehlen stets zu g’nügen.

König. Steht nur auf,
Mein guter, würdger Lord von Canterbury.
Kommt, gehn wir auf und nieder miteinander.
Ich habe Neuigkeiten hier für Euch,
Kommt näher, kommt, und gebt mir Eure Hand.
Ach, guter Lord, es schmerzt mich sehr, zu sagen,
Und geht recht nah, was folgt, Euch auszusprechen.
Ich hab – und widerwillig – jüngst vernommen,
Von mancher schweren – ja, so muß ich sagen,
Schweren Beschuldgung wider Euch; worauf
Wir uns entschieden haben, samt dem Staatsrat
Euch morgen zu vernehmen; und ich weiß,
Ihr könnt so frei und rein Euch schwerlich läutern,
Daß bis zur fernen Untersuchung nicht
Der Punkte, so Ihr widerlegen sollt,
Ihr Euch gedulden müßtet und bereiten,
Eur Haus in unserm Turm zu suchen. Also
Ziemt sichs für Euch, als Pair, weil sonst kein Zeuge
Aufträte gegen Euch.

Cranmer. Eur Hoheit dank ich
Und freu mich sehr zu solchem ernsten Anlaß
Sorgfältger Sichtung, die den Weizen völlig
Von meiner Spreu wird sondern; denn ich weiß,
Mich Armen treffen mehr Verleumderzungen
Als irgendeinen.

König. Knie nicht, Canterbury:
Dein Recht, dein reiner Sinn schlug tiefe Wurzel
In Uns, in deinem Freund. Gebt mit die Hand,
Kommt, gehn wir noch. – Nun, bei der Mutter Gotts,
Was seid Ihr für ein Mann denn? Dacht ich doch,
Ihr würdet jetzt mich dringend supplizieren,
Auf daß ich mich verwendete, nur schnell
Die Gegner Euch zu stellen, und demnächst
Euch ferner hörte sonder Haft.

Cranmer. Mein Fürst,
Der Schutz, auf den ich trau, sind Recht und Gradheit;
Verließen die mich, würd ich mit den Feinden
Mich meines Sturzes freun, denn ohne sie
Könnt ich mich selbst nicht achten. Doch ich fürchte
Nichts, was sie sagen mögen.

König. Wißt Ihr nicht
(Was alle Welt weiß), wie Ihr mit der Welt steht?
Sehr viel sind Eurer Feind’,
Und kleine nicht; und deren Ränke sind
Wie sie beschaffen: und nicht stets gewinnt
Wahrheit und Recht, wie’s sollte, Lossprechung
In dem Prozeß. Wie leicht erkaufen nicht
Verderbte Seelen gleich verderbte Schurken,
Zu schwören gegen Euch? So was geschieht!
Die Gegner sind Euch stark, und ihrer Macht
Gleicht ihre Bosheit. Hofft Ihr günstger Glück
Im Punkt meineidger Zeugen denn Eur Heiland,
Dem Ihr als Diener folgt, solang er wallte
Auf dieser schnöden Erde? – Wie? Ei! Ei!
Euch dünkt ein Abgrund kein gewagter Sprung,
Ihr werbt Euch selbst den eignen Untergang!

Cranmer. So mögen Gott und Eure Majestät
Beschützen meine Unschuld, sonst vermeid ich
So viele Schlingen nicht!

König. Seid guten Muts;
Sie solln nicht weiter gehn, als wir gestatten.
Bleibt nur getrost und schickt Euch an, heut morgen
Vor ihnen zu erscheinen. Kommts, daß sie
Anklagen auf Verhaftung legen dar,
So laßt nicht ab, die besten Gegengründe
Zu häufen, scheut auch nicht ein heftges Wort,
Wie’s Euch der Anlaß eingibt; wenn alsdann
Eur Dringen fehlschlägt, zeigt nur diesen Ring,
Und wendet Euch sofort in ihrem Beisein
An mein Entscheiden. – Seht, der Gute weint!
Der ist getreu, auf Ehre! – Bei Christi Mutter!
Ich schwörs, er ist von Gold, das beste Herz
In unserm Königreich. – Nun geht und tut,
Wie ich Euch sagte. Seine Sprach ist ganz
Erstickt in Tränen. (Cranmer ab.)

Eine alte Hofdame tritt auf. Lovell folgt ihr.

Edelmann (hinter der Szene).
Bleibt zurück! Was wollt Ihr?

Hofdame. Ich bleibe nicht zurück! Ich habe Zeitung,
Die Dreistigkeit gesittet macht. – Dein Haupt
Umschweben gute Engel, und ihr Fittich
Beschatte dich! –

König. Aus deinen Blicken les ich
Die Botschaft – Ist die Königin entbunden?
Sprich ja, und von ‘nem Knaben?

Hofdame. Ja! ja! mein König,
Von einem süßen Knaben. Herr im Himmel,
Beschütz sie nun und ewig! – ‘s ist ein Mädchen,
Das künftge Knaben wohl verspricht. Die Königin
Harrt Eures Kommens, Herr, und Eurer ersten
Bekanntschaft mit dem kleinen Ankömmling.
Er gleicht Euch wie ein Ei dem andern – –

König. Lovell –

Lovell. Herr!

König. Gib ihr hundert Mark. Ich will zur Königin. (König ab.)

Hofdame. Nur hundert Mark? Beim Himmel! ich will mehr,
Für einen Stallknecht wär es Lohn genug.
Mehr muß ich haben, sonst keif ichs ihm ab:
Sagt ich deshalb, das Mädchen seh ihm gleich?
Ich muß mehr haben, sonst nehm ichs ganz zurück,
Und nun das Eisen, weils noch heiß, zum Amboß! (Ab.)

Zweite Szene

Vor dem Zimmer des Staatsrats

Cranmer tritt auf. Türsteher und Bediente draußen wartend

Cranmer. ‘s ist, hoff ich, nicht zu spät, und doch empfahl mir
Der Bote, den der Staatsrat mir gesandt,
So große Eil. – Noch zu? Was heißt das? He! –
Wer hat den Dienst? Ihr kennt mich doch?

Türsteher. O ja,
Mylord; doch kann ich Euch nicht helfen.

Cranmer. Wie! –

Türsteher. Ihr müßt noch stehn, Mylord, bis man Euch ruft.

Cranmer. So? –

Doktor Butts tritt auf.

Butts (für sich).
Nun, das ist rechte Bosheit! Ich bin froh,
Daß ich zum Glück den Weg hier nahm. – Der König
Soll dies sogleich erfahren. (Ab.)

Cranmer. Das ist Butts,
Des Königs Arzt. Als er vorüberging,
Wie ernst er seinen Blick auf mich geheftet!
Wenn er nur nicht mein Unglück weiß! Gewiß ists
Absichtlich angelegt durch meine Feinde
(Gott beßre sie, nie reizt ich ihre Tücke! –)
Zu meinem Schimpf, sonst schämten sie sich wohl,
Mich vor der Tür zu lassen, ihresgleichen
Im Staatsrat, unter Troß und Knechten. Mag
Ihr Wille doch geschehn, ich warte ruhig.

Der König und Butts, oben am Fenster.

Butts. Ich zeig Eur Hoheit den seltsamsten Auftritt –

König. Was meinst du?

Butts. Ich denk, Eur Hoheit sah dies wohl nicht oft.

König. Zum Element! Wo ists? –

Butts. Seht hier, mein Fürst,
Das Standserhöhn Mylords von Canterbury,
Der Hof hält vor der Tür mit Häschern, Pagen
Und Dienertroß.

König. Ha, wirklich! Er ists selbst!
Auf solche Weise ehren sie einander?
Gut, daß noch einer höher ist. Ich dachte,
Sie alle hätten soviel Sinn für Recht
(Zum mindsten gute Sitte), nicht zu dulden,
Daß solchen Rangs ein Mann, und uns so nah,
Hier ihrer Gnaden Wohlgefalln erwarte,
Und an der Tür, wie ‘n Postknecht mit Paketen!
Butts, bei der Mutter Gotts, so handeln Schufte!
Doch laß sie nur, ziehn wir den Vorhang zu,
Wir werden weiter sehn. –

Das Zimmer des Staatsrats. Der Lord-Kanzler setzt sich oben an die Tafel zur Linken; ein Sitz über ihm bleibt leer, welcher dem Erzbischof von Canterbury gehört. Die Herzöge von Norfolk, Suffolk, Surrey, der Lord-Kämmerer und der Bischof von Winchester setzen sich nach der Ordnung zu beiden Seiten der Tafel. Cromwell als Sekretär zuunterst.

Kanzler. Beginnt den Vortrag jetzt, Herr Sekretär.
Was führt uns heut zusammen?

Cromwell. Gnädge Herrn,
Der Fall betrifft Mylord von Canterbury.

Gardiner. Gab man ihm Nachricht?

Cromwell. Ja.

Norfolk. Wer wartet dort?

Türsteher. Dort draußen?

Gardiner. Ja.

Türsteher. Nun, der Herr Erzbischof,
Der Eures Winks seit einer Stunde harrt.

Kanzler. Laßt ihn herein.

Türsteher. Eur Gnaden kann jetzt kommen.

Cranmer nähert sich der Versammlung.

Kanzler. Werter Herr Erzbischof! – Mit tiefem Kummer
Sitz ich allhier und sehe jenen Stuhl
Erledigt; doch wir alle sind nur Menschen,
Schwachheit ist unser Erb, nur wen’ge sind,
Im Fleisch noch wandelnd, Engel; so hat Schwachheit
Und Weisheitsmangel denn auch Euch verführt,
Der uns das beste Beispiel sollte geben,
Euch zu versündgen, und fürwahr, nicht leicht!
Zuerst am König; dann am Recht, indem
Das Reich durch Euch und Eurer Pfarrherrn Lehre
(Denn so verlautets) neuer Irrtum füllt,
Sektierung und Gefahr, kurz, Ketzerei,
Die, nicht gedämpft, Verderbnis muß erzeugen.

Gardiner. Und solche Dämpfung tut uns eilend not,
Ihr edlen Herrn; wer wilde Hengste zähmt,
Dem reicht die Hand nicht aus, sie fromm zu ziehn,
Er zwängt ihr Haupt mit scharfem Zaum und spornt sie,
Bis sie der Führung weichen. Dulden wir
Nach unsrer Lässigkeit und kindscher Sorgfalt
Für eines Mannes Ruf solch schnöde Pest,
Dann, Heilkunst, fahre wohl! Was wird die Folge?
Aufruhr, Empörung, allgemeine Seuche
Des ganzen Staats, wie kürzlich unsre Nachbarn
Im Niedern Deutschland teuer gnug bezeugt,
Darob noch frisch in uns das Mitleid lebt.

Cranmer. Ich hab bisher danach gestrebt, Mylords,
In meines Amts und Lebens ganzem Fortgang
Und nicht mit kleiner Mühe, daß mein Wort
Und meines Lehreransehns fester Gang
Die gleiche Bahn bewahrten, und das Gute
Blieb stets mein Ziel. Auch lebt auf Erden wohl –
Das sag ich treuen Herzens, edle Lords –
Nicht einer, der die Störer heimschen Friedens
Mehr haßt als ich, und mehr als ich bekämpft
Im eignen Innern und in seinem Amte.
Gott geb, es diente keiner je dem König
Mit mindrer Treu und Liebe! Wem der Neid,
Die krumme Arglist Nahrung gibt, des Biß
Wagt an die Besten sich. Ich bitt euch, Herrn,
Laßt meine Kläger mir in dieser Sache,
Wer sie auch sei’n, hier gegenüberstehn,
Und ohne Rückhalt zeugen.

Suffolk. Nein, Mylord,
Das geht nicht an; Ihr seid des Staatsrats Mitglied,
Und solche Würde schützt vor aller Klage.

Gardiner. Mylord, weil uns Bedeutenders noch obliegt,
Seid kürzlich abgefertigt! Seine Hoheit,
Nach unserm Schluß, zu beßrer Untersuchung,
Verlangt, daß Ihr Euch gleich zum Turm begebt,
Wo Ihr, Privatmann wiederum geworden,
Erfahren sollt, wieviel Ihr Kläger habt;
Und, fürcht ich, mehr, als Ihr gewärtig seid.

Cranmer. Ei, werter Lord von Winchester, ich dank Euch,
Wart Ihr doch stets mein Freund; nach Eurem Wunsch
Spracht Ihr zugleich die Klage wie das Urteil,
So menschlich seid Ihr. Euer Trachten seh ich,
‘s ist mein Verderben; Lieb und Demut, Lord,
Ziemt frommen Hirten mehr als Sucht der Ehre; –
Gewinnt mit Glimpf verirrte Seelen wieder,
Verstoßt sie nicht. Daß ich mich rein’gen werde,
Und beugt Ihr auch mir gänzlich die Geduld,
Bleibt mir kein Zweifel, gleich wie Euch kein Skrupel
Für täglich Unrecht. Mehr noch könnt ich sagen,
Doch mahnt die Achtung für Eur Amt zu Maß.

Gardiner. Mylord, Mylord, Ihr seid ein Sektenstifter,
Das liegt am Tag; Eur gleißend heller Firnis
Hüllt Schwäch und leere Worte nimmer ein.

Cromwell. Mylord von Winchester, verzeiht in Gnaden,
Ihr dünkt mich fast zu hart. So edle Männer,
Wenngleich im Irrtum, sollten Achtung finden
Für das, was sie gewesen. Grausam ists,
Den Fallenden zu drängen.

Gardiner. Mein Herr Schreiber,
Verzeihung, Euer Gnaden, dieses Wort
Ziemt Euch von allen hier am schlechtsten.

Cromwell. Wie?

Gardiner. Kenn ich Euch etwa nicht als zugetan
Der neuen Sekt? Ihr seid nicht rein.

Cromwell. Nicht rein? –

Gardiner. Nicht rein, sag ich.

Cromwell. Wärt Ihr nur halb so ehrlich,
Dann folgt’ Euch Segen nach, wie jetzt die Furcht.

Gardiner. Des frechen Worts gedenk ich.

Cromwell. Immerhin,
Doch Eures frechen Lebens auch.

Lord-Kämmerer. Zuviel! –
Ihr Herrn, hört auf!

Gardiner. Ich bin zu End.

Cromwell. Ich auch.

Lord-Kämmerer. Was Euch betrifft, Mylord, so glaub ich, ward
Einstimmig der Beschluß gefaßt, zum Turm
Euch als Gefangnen schleunig abzusenden,
Wo Ihr verbleibt, bis fernrer Auftrag uns
Vom König kommt. Mylords, sind alle einig?

Alle. Das sind wir.

Cranmer. Ist für mich kein mildrer Weg,
Muß ich durchaus zum Turm, ihr Herrn?

Gardiner. Welch andrer
Bleibt wohl für Euch? Ihr seid sehr überlästig!
Ruft von der Wache wen hieher!

Cranmer. Für mich?
So stellt Ihr mich Verrätern gleich?

(Es treten einige von der Wache in den Saal.)

Gardiner. Empfangt ihn
Und führt ihn in den Turm.

Cranmer. Halt, gute Lords,
Gönnt mir zwei Worte noch. – Seht, werte Herrn,
Kraft dieses Ringes nehm ich meine Sache
Aus böser Menschen Klau’n und gebe sie
Einem höhern Richter, meinem Herrn und König.

Lord-Kämmerer. Das ist des Königs Ring.

Surrey. ‘s ist kein verfälschter.

Suffolk. Der echte Ring; bei Gott, ich sagt euch gleich,
Als wir den schlimmen Fels ins Rollen brachten,
Er fiele auf uns selbst.

Norfolk. Glaubt ihr, Mylords,
Der König lasse diesem Mann auch nur
Den kleinen Finger kränken?

Lord-Kämmerer. Nur zu wahr!
Und wieviel mehr liegt ihm an diesem Leben!
Ich wollt, ich wär heraus.

Cromwell. Mir ward es klar,
Als ihr noch Kundschaft suchtet und Verdacht
Wider solchen Mann, des Redlichkeit allein
Der Teufel und sein Anhang sieht mit Neid.
Ihr schürtet selbst das Feuer, das euch brennt:
Nun mögt ihrs haben! –

Der König tritt herein und sieht mit zürnenden Blicken auf die Herren vom Staatsrat. Dann setzt er sich.

Gardiner. Erhabner Fürst, wie danken wirs dem Himmel
Alltäglich, der uns solchen Herrn gegönnt,
Nicht nur höchst weis und gut, doch fromm vor allem:
Ein König, der die Kirch in seiner Demut
Zum Ziel des höchsten Ruhms sich wählt und selbst,
Um solche Pflicht zu kräftgen, voller Huld
Der heutgen Sitzung naht, um ihren Rechtsfall
Mit jenem Hauptverbrecher zu vernehmen.

König. Lobreden aus dem Stegreif scheint Eur Fach,
Bischof von Winchester; doch komm ich nicht,
Solch Schmeicheln mir ins Antlitz jetzt zu hören,
Zu dünn und schal, um Unrecht zu verhüllen.
Ihr reicht nicht hoch genug – dem Schoßhund ähnlich,
Meint Ihr mit Zungenspiel mich zu gewinnen;
Doch, wie von mir du denken magst, ich weiß,
Du hegst grausame, blutge Sinnesart. –
Setz dich, mein guter Cranmer. Nun, laßt sehn!
Laßt nun den Kecksten, der am meisten wagt,
Nur seinen Finger heben wider dich!
Beim Himmel! besser tät er, zu verhungern,
Als dächt er, dieser Platz sei dir zu gut.

Surrey. Gefall Eur Hoheit –

König. Nein, Sir, es mißfällt mir.
Ich dacht, ich hätte Männer von Verstand
Und Einsicht hier im Rat, doch täuscht ich mich.
Wars klug getan, ihr Herrn, hier diesen Mann,
Den guten Mann – wen nennt ich so von euch? –
Den Ehrenmann, gleich einem lumpgen Knecht
Stehn lassen vor der Tür? Ihn, der euresgleichen? –
Ei, welche Schmach! hieß meine Vollmacht nur
So gänzlich euch vergessen? Ich erlaubt euch,
Ihn zum Verhör zu ziehn als Staatsrat, nicht
Als Pferdeknecht. Ich seh hier manchen zwar,
Der mehr aus Arglist, denn aus reinem Eifer,
Vermöcht ers, ihm das Ärgste zuerkennte:
Allein das sollt ihr nie, weil ich noch lebe.

Kanzler. Bis hieher, höchster Herr, vergönn Eur Hoheit
Den Hergang zu entschuldgen. Was beliebt ward,
Anlangend sein Gefängnis, traf vielmehr,
Wenn Treu und Glauben gelten, ein Verhör
Und Rein’gung vor der Welt, als bösen Zweck;
In mir zum mindsten.

König. Ehrt ihn denn, ihr Herrn:
So nehmt ihn auf und liebt ihn, er verdient es.
Ich sage nur soviel von ihm: kann je
Ein Fürst dem Untertan verpflichtet sein,
Bin ich es ihm für seine Lieb und Dienste;
Macht keine Umständ mehr, umarmt ihn alle;
Seid Freunde, schämt euch, Lords! – Lord Canterbury,
Ich hab ‘ne Bitt an Euch, versagt mirs nicht:
Noch fehlt die Tauf ‘nem artgen kleinen Fräulein,
Ihr müßt Gevatter sein und sie vertreten.

Cranmer. Der größte König würd erfreut und stolz
Durch solche Ehre; wie verdien ich soviel! –
Ich, Eur geringer, schwacher Untertan.

König. Geht, geht, Mylord; ich glaub, Ihr spartet gern
Die Patenlöffel. – Ich besorg Euch noch
Zwei würdige Gehilfen: Lady Norfolk
Und Marquis Dorsets Frau: gefällts Euch so?
Noch einmal, Mylord Winchester, ich sags Euch,
Umarmt den Mann und liebt ihn.

Gardiner. Brüderlich
Und treuen Herzens tu ichs.

Cranmer. Und der Himmel
Bezeug es, wie mich dieses Wort erfreut!

König. Du Redlicher!
Die Freudenträne zeigt dein treues Herz.
Des Volkes Stimme seh ich hier bewährt,
Die oft gesagt: Spielt Mylord Canterbury
‘nen schlimmen Streich, dann habt Ihr ihn zum Freund. –
Kommt Herrn, die Zeit ist edel, mich verlangt
Als Christin meine Kleine bald zu sehn.
Doch ihr bleibt einig, wie ihr jetzt euch zeigt,
Daß meine Macht wie eure Wohlfahrt steigt. (Alle ab.)

Dritte Szene

Der Schloßhof

Geräusch und Tumult hinter der Bühne. Der Pförtner und sein Knecht treten auf

Pförtner. Werdet ihr bald mit Lärmen aufhören, ihr Esel? Meint ihr, der Schloßhof sei ein Bärengarten? Ihr wüsten Gesellen, laßt das Brüllen.

Einer von drinnen. Lieber Meister Pförtner, ich gehöre zur Speisekammer.

Pförtner. Gehört zum Galgen und laßt Euch hängen, Ihr Maulaff. Ist dies der Ort, solch ein Gebrüll zu verführen? Holt mir ein Dutzend Schwarzdornknüttel, von den stämmigsten. Diese hier sind alle nur wie Reitgerten. Ich werde euch die Köpfe krauen; müßt ihr auf Kindtaufen sein? Steht euch der Sinn auf Bier und Kuchen hier, ihr wüsten Esel?

Knecht. Seid ruhig, lieber Herr, ‘s ist gleich unmöglich –
Wir fegen denn sie mit Kanonen heim –
Sie zu zerstreun, als sie zum Schlaf zu bringen
Am Maitagmorgen, nimmer setzt Ihrs durch:
Wir brächten wohl Sankt Paul so leicht zum Weichen.

Pförtner. Wie kamen sie, zum Henker, denn herein?

Knecht. Ich weiß nicht, Herr; wie bricht die Flut herein?
Was ein gesunder Prügel von vier Fuß
Austeilen konnte – seht die winzgen Reste –,
Herr, daran spart ich nichts.

Pförtner. Nichts tatet Ihr.

Knecht. Ich bin kein Simson, kein Ritter Guy, kein Riese Colbrand, daß ich sie vor mir niedermähen könnte; wenn ich aber einen verschont habe, der einen Kopf zum Treffen hatte, jung oder alt, er oder sie, Hahnrei oder Hahnreimacher, so will ich nie wieder einen Rippenbraten vor Augen sehn, und das möcht ich nicht für eine ganze Kuh. Gott tröste sie!

Von drinnen. Hört Ihr, Meister Pförtner?

Pförtner. Gleich werd ich bei Euch sein, lieber Meister Hasenfuß. Halt die Tür fest zu, Kerl.

Knecht. Was wollt Ihr, daß ich tun soll?

Pförtner. Was sollt Ihr anders tun, als sie bei Dutzenden zu Boden schlagen? Ist dies Moorfields, wo gemustert wird? Oder haben wir einen ausländischen Indianer mit einem großen Schweif am Hofe, daß die Weiber uns so belagern? Gott behüte, was für unzüchtiges Gesindel sich da vor der Tür herumtreibt! Bei meiner christlichen Taufe, dieser eine Täufling bringt ihrer tausend neue zuwege – hier kommen Vater, Gevatter und alle Welt zusammen.

Knecht. Desto dichter fallen die Löffel, Herr. Dort steht ein Kerl so ziemlich nah an der Türe, der muß ein Kupferschmied sein nach seinem Gesicht; denn, mein Seel, zwanzig Hundstage regieren ihm in der Nase; alle, die um ihn her stehn, sind unter der Linie, sie brauchen keine Strafe weiter; diesen Feuerdrachen traf ich dreimal auf den Kopf, und dreimal gab seine Nase Feuer auf mich; er steht wie ein Mörser da, um auf uns loszubrennen. Neben ihm sah ich ein abgeschmacktes Trödelweib, das auf mich schimpfte, bis ihre zackige Suppenschüssel ihr vom Kopf fiel, weil ich solch einen Brand im gemeinen Wesen anschürte. Ich verfehlte das Feuermeteor einmal und traf dieses Weib, das gleich rief.«Knüttel her!» Worauf ich alsbald an die vierzig Stabschwinger ihr zu Hilfe kommen sah, die Hoffnung des Strand, den sie bewohnt. Sie griffen an, ich hielt mich tapfer; zuletzt waren sie auf Besenstiellänge an mir, noch immer bot ich Trotz, als plötzlich eine Reihe von Jungen hinter ihnen, Heckfeuerschützen, solch einen Hagel von Steinen gegen mich abschickte, daß ich die Segel einzog und froh sein mußte, das Feld zu räumen. Der Teufel war unter ihnen, glaub ich sicher.

Pförtner. Das sind die Schlingel, die im Theater trommeln und sich um angebißne Apfel prügeln; solche, die kein Zuhörer aushalten kann, als einer von der Trübsalgilde zu Towerhill, oder von ihrer teuern Brüderschaft, den Limehouse-Lümmeln. Ein paar von ihnen hab ich in limbo patrum, wo sie wohl diese drei Tage durchtanzen könnten, außer dem ambulierenden Bankett zweier Büttel, das ihnen noch bevorsteht.

Der Lord-Kämmerer tritt auf.

Lord-Kämmerer. Gott steh uns bei, was für ein Schwarm ist dies!
Er wächst stets noch, es drängt von allen Seiten,
Als gäb es Jahrmarkt! Wo sind hier die Pförtner,
Die faulen Schelme? Schöne Arbeit, he! –
Ein saubrer Haufe hier im Hof! Sind dies
Die werten Freunde von der Vorstadt her?
Gewiß, den Damen bleibt viel Platz noch offen,
Wenn sie vom Taufsaal kommen.

Pförtner. Sieht Eur Gnaden,
Wir sind nur Menschen: was da möglich war
Untotgeschlagener Weise, das geschah;
Ein ganzes Heer bezwingt sie nicht.

Lord-Kämmerer. Beim Himmel,
Wenn mich der König schilt, so sollt ihr all
Ins Eisen mit den Fersen, unverzüglich,
Und eure Köpfe trifft ‘ne runde Buße.
Ihr klappert mit dem Krug, ihr faulen Schelme,
Ob auch der Dienst drum stillsteht. Hört! man bläst;
Sie kommen von der Taufe schon zurück.
Geht, brecht mir durchs Gedräng und macht euch Bahn
Und Raum dem Zug, sonst such ich euch sofort
Ein Kloster aus, das euch sechs Wochen herbergt.

Pförtner. Macht Platz für die Prinzessin! –

Knecht. Ihr großer Kerl, geht auf die Seite, oder ich will Euch Kopfweh machen.

Pförtner. Ihr da, in dem gesteiften Wams, packt Euch aus den Schranken, oder ich werf Euch über die Pfeiler.

(Alle ab.)

Vierte Szene

Im Palast

Blasende Trompeter; darauf zwei Aldermänner; der Lord-Mayor; der Herold; Cranmer, der Herzog von Norfolk mit dem Marschallstabe; der Herzog von Suffolk; zwei Edelleute, die große, aufrechtstehende Schalen als Taufgeschenke tragen; darauf vier Edelleute, die einen Thronhimmel halten, unter welchem die Herzogin von Norfolk als Gevatterin das Kind trägt. Sie ist reich in einen Mantel gekleidet, eine Hofdame hält ihre Schleppe. Ihr folgen die Marquise von Dorset, als zweite Gevatterin, und andre Damen. Der Zug geht einmal über die Bühne, dann spricht der Wappenherold

Wappenherold. Der Himmel verleihe nach seiner endlosen Güte Gedeihen, langes und immer glückliches Leben der hohen und mächtigen Prinzessin von England, Elisabeth!

Trompetenstoß. Der König und sein Gefolge treten auf.

Cranmer. Und meiner edlen Mitgevattern Flehn
Und meins für Eure Königliche Hoheit
Und unsre teure Königin ist dies:
Mög alle Freud und Tröstung, so der Himmel
Je aufgespart, zwei Eltern zu beglücken,
In diesem holden Kind euch stündlich wachsen! –

König. Ich dank Euch, wertester Lord-Erzbischof.
Wie ist ihr Nam?

Cranmer. Elisabeth.

König. Steht auf!

(indem er die Prinzessin küßt)

Mein Segen mit dem Kuß! Gott sei mit dir,
In seine Hand leg ich dein Leben! –

Cranmer. Amen!

König. Ihr habt zuviel gespendet, edle Paten,
Ich dank euch; auch dies Fräulein tuts dereinst,
Sobald ihr Englisch ausreicht.

Cranmer. Laßt mich reden,
Gott will’s; und achte keiner hier mein Wort
Für Schmeichelei, denn Wahrheit sollt ihr’s finden.
Dies Königskind – (stets sei mit ihr der Himmel!)
Ob in der Wiege noch, verheißt dein Reich
Tausend und abertausend Segensfülle,
Die Zeit zur Reife führt. Sie wird dereinst
(Nur wen’ge, jetzt am Leben, schaun es noch)
Ein Muster aller Kön’ge neben ihr
Und die nach ihr erscheinen. Sabas Fürstin
Hat Weisheit nicht und Tugend mehr geliebt,
Als diese holde Unschuld. Jede Zier,
Jedwede Anmut so erhabnen Haupts,
Und jede Tugend, die den Frommen schmückt,
Ist doppelt stark in ihr. Die Wahrheit nährt sie,
Himmlische Andacht wird ihr ratend beistehn,
Geliebt wird sie, gefürchtet sein; gesegnet
Von ihren Freunden.
Die Feinde zittern gleich geschlagnen Halmen,
Gebeugt das Haupt in Gram. Heil wächst mit ihr,
In ihren Tagen ißt in Frieden jeder
Unter dem eignen Weinstock, was er pflanzte.
Des Friedens heitre Klänge tönen rings,
Gott wird erkannt in Wahrheit; ihre Treuen,
Durch sie geführt zum wahren Pfad der Ehre,
Erkämpfen hier sich Größe, nicht durch Blut.
Auch schläft mit ihr der Friede nicht; nein, wie
Der Wundervogel stirbt, der Jungfraun-Phönix,
Erzeugt aus ihrer Asche sich der Erbe,
So wunderwürdig auch, wie sie es war;
So läßt sie einem andern allen Segen
(Ruft sie der Herr aus Wolken dieses Dunkels),
Der, aus der heilgen Asche ihrer Ehre,
Sich, ein Gestirn, so groß wie sie, erhebt,
Glanzhell: Schreck, Friede, Fülle, Lieb und Treu,
Die Diener waren dieses hehren Kindes,
Sind seine dann, wie Reben ihn umschlingend;
Wo nur des Himmels helle Sonne scheint,
Da glänzt sein Ruhm, die Größe seines Namens,
Und schaffet neue Völker; er wird blühn
Und weit, wie Berges Zedern, seine Zweige
Auf Ebnen strecken. – Unsre Kindeskinder
Sie sehn, Gott preisend, dies.

König. Ha, du sprichst Wunder.

Cranmer. Sie wird zu Englands schönstem Ruhm gesegnet
Mit hohen Jahren, viele Tage sieht sie
Und keinen doch ohn’ eine Tat des Ruhms.
Oh, säh ich weiter nicht! Doch sterben muß sie,
Sie muß, die Heilgen wolln sie: doch als Jungfrau,
Als fleckenlose Lilie senkt man sie
Hinab zur Erd, und alle Welt wird trauern.

König. Lord-Erzbischof,
Ihr habt mich jetzt zum Mann gemacht; kein Kind
Erzeugt ich noch vor diesem selgen Wesen
Dies Trostorakel hat mich so beglückt,
Daß ich dereinst im Himmel wünschen werde,
Das Tun des Kinds zu sehn, und Gott zu preisen.
Ich dank euch allen. Euch, werter Lord-Mayor,
Und Euren Brüdern bin ich höchst verbunden;
Ich ward geehrt durch Eure Gegenwart,
Ich will mich dankbar zeigen. Kommt, ihr Herrn,
Ihr müßt die Königin noch alle sehn:
Euch alle muß sie ihres Danks versichern,
Sonst wird sie nicht genesen. Heut soll keiner
Des Hauses warten, alle bleibt als Gäste;
Durch diese Kleine wird der Tag zum Feste.

(Alle ab.)

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