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William Shakespeare

König Heinrich VI.

Zweiter Teil

Personen

König Heinrich VI.
Humphrey, Herzog von Gloster, sein Oheim
Kardinal Beaufort, Bischof von Winchester, Großoheim des Königs
Richard Plantagenet, Herzog von York
Eduard und Richard, seine Söhne
Herzog von Somerset,
Herzog von Suffolk,
Herzog von Buckingham,
Lord Clifford
Der junge Clifford, sein Sohn, von der königlichen Partei
Graf von Salisbury,
Graf von Warwick, von der Yorkschen Partei
Lord Scales, Befehlshaber des Turmes
Lord Say
Sir Humphrey Stafford und sein Bruder
Sir John Stanley
Ein Schiffshauptmann, der Patron und sein Gehülfe, und Seyfart Wittmer
Zwei Edelleute, nebst Suffolk gefangen
Ein Herold
Vaux
Hume und Southwell, zwei Pfaffen
Bolingbroke, ein Beschwörer. Ein von ihm aufgerufner Geist
Thomas Horner, ein Waffenschmied
Peter, sein Geselle
Der Schreiber von Chatham
Der Schulz von Sankt-Albans
Simpcox, ein Betrüger
Zwei Mörder
Hans Cade, ein Rebell
Georg Bevis, Johann Holland, Märten der Metzger, Smith der Leinweber, Michel u.a., seine Anhänger
Alexander Iden, ein kentischer Edelmann
[588] Margareta, König Heinrichs Gemahlin
Leonora, Herzogin von Gloster
Grete Jordan, eine Hexe
Simpcoxens Frau
Herren und Frauen von Adel und sonstiges Gefolge; Supplikanten, Aldermänner, ein Büttel, Sheriff und Beamte; Bürger, Lehrbursche, Falkeniere, Wachen, Soldaten, Boten usw.

Die Szene ist abwechselnd in verschiednen Gegenden Englands
Erster Aufzug
Erste Szene

[589] London. Ein Staatszimmer im Palast.

Trompetenstoß, hierauf Hoboen. Von der einen Seite kommen König Heinrich, Herzog von Gloster, Salisbury, Warwick und Kardinal Beaufort; von der andern wird Königin Margareta von Suffolk hereingeführt; York, Somerset, Buckingham und andre folgen.

SUFFOLK.

Wie mir von Eurer höchsten Majestät,
Da ich nach Frankreich ging, der Auftrag ward,
Als Stellvertreter Eurer Herrlichkeit
Zu eh’lichen Prinzessin Margareta:
So, in der alten Reichsstadt Tours, im Beisein
Der Könige von Frankreich und Sizilien,
Der Herzöge von Orleans, Kalabrien,
Bretagne und Alençon, nebst zwölf Baronen,
Sieben Grafen, zwanzig würdigen Prälaten,
Vollbracht’ ich mein Geschäft und ward vermählt.
Und untertänig nun auf meinen Knie’n.
In Englands Angesicht und seiner Pairs,
Liefr’ ich mein Anrecht an die Königin
In Eure gnäd’ge Hand, als die das Wesen ist
Des großen Schattens, den ich vorgestellt;
Das reichste Pfand, das je ein Markgraf bot,
Die schönste Braut, die je ein Fürst empfing.
KÖMIG HEINRICH.
Suffolk, steh auf. – Willkommen, Königin!
Ich weiß kein inn’ger Zeichen meiner Liebe
Als diesen inn’gen Kuß. Herr meines Lebens,
Leih’ mir ein Herz, von Dankbarkeit erfüllt!
Denn in dem schönen Antlitz gabst du mir
[590] Eine Welt von ird’schem Heil für meine Seele,
Wenn Liebes-Eintracht unsern Sinn verknüpft.
MARGARETA.
Mein gnäd’ger Gatte, großer König Englands!
Der trauliche Verkehr, den mein Gemüt
Bei Tag und Nacht, im Wachen und in Träumen,
Im Holkreis und bei meinen Betkorallen
Mit Euch gehabt, mein allerliebster Herr,
Macht um so dreister mich, Euch zu begrüßen
Mit schlichten Worten, wie mein Witz sie lehrt
Und Übermaß der Freude bieten kann.
KÖNIG HEINRICH.
Ihr Anblick schon entzückte; doch nun bringt
Die Anmut ihrer Reden, ihre Worte,
Mit Majestät der Weisheit angetan,
Vom Staunen mich zur Freude, welche weint:
So ist die Fülle meiner Herzenswonne. –
Lords, heißt mit einer Stimme sie willkommenl
ALLE.
Lang’ lebe Margareta, Englands Heil!

Trompetenstoß.

MARGARETA.
Euch allen danken wir.
SUFFOLK.
Mylord Protektor, wenn es Euch beliebt,
Hier sind die Punkte des verglichnen Friedens,
Den unser Herr und König Karl von Frankreich
Auf achtzehn Monat eingegangen sind.
GLOSTER liest. »Zum ersten sind der König von Frankreich, Karl, und William de la Poole, Markgraf von Suffolk, Abgesandter König Heinrichs von England, übereingekommen: daß besagter Heinrich Fräulein Margareten, leibliche Tochter Reigniers, Königs von Neapel, Sizilien und Jerusalem, eh’lichen, und selbige vor dem dreißigsten nächsten Maimonats als Königin von England krönen soll. Ferner, daß das Herzogtum Anjou und die Grafschaft Maine frei gelassen und dem Könige, ihrem Vater, übergeben werden sollen« –
KÖNIG HEINRICH.
Was habt Ihr, Oheim?
GLOSTER.
Gnäd’ger Herr, verzeiht!
Ein plötzlich Übelsein fällt mir aufs Herz
Und trübt die Augen mir zum Weiterlesen.
[591] KÖNIG HEINRICH.
Ich bitt’ Euch, Ohm von Winchester, lest weiter!
KARDINAL liest. »Ferner sind selbige übereingekommen, daß die Herzogtümer Anjou und Maine frei gelassen und dem Könige, ihrem Vater, übergeben werden sollen: auch daß sie auf des Königs eigne Kosten hinübergeschafft werden soll, ohne Mitgift zu erhalten.«
KÖNIG HEINRICH.
Sie stehn uns an. – Lord Markgraf, kniee nieder,
Sei hier ernannt zum ersten Herzog Suffolk
Und mit dem Schwert umgürtet! –
Vetter von York, Ihr seid hiemit entlassen
Von der Regentschaft in den fränk’schen Landen,
Bis achtzehn Monden Zeit verstrichen sind. –
Dank, Oheim Winchester, Gloster, York und Buckingham,
Somerset, Salisbury und Warwick:
Wir danken sämtlich euch für eure Gunst
Bei meines fürstlichen Gemahls Empfang.
Kommt! Machen wir uns auf und sorgen schleunig,
Daß ihre Krönung werde wohl vollbracht.

König. Königin und Suffolk ab.

GLOSTER.
Des Staates Pfeiler, wackre Pairs von England!
Euch schüttet Herzog Humphrey aus sein Leid
Und eures und des Lands gemeines Leid.
Wie! Gab mein Bruder Heinrich seine Jugend
Und Mut und Geld und Volk dem Kriege hin?
Behalf er sich so oft in offnem Feld,
In Winterkält’ und dürrer Sommerhitze,
Sein wahres Erbteil, Frankreich, zu erobern?
Und mühte Bruder Bedford seinen Witz,
Heinrichs Erwerb mit Staatskunst zu behaupten?
Empfingt ihr selbst, Somerset, Buckingbam,
York, Salisbury und der sieghafte Warwick,
In Normandie und Frankreich tiefe Narben?
Oder hat mein Oheim Beaufort und ich selbst,
Samt dem gelehrten Rate dieses Reichs,
So lang’ studiert, im Rathaus aufgesessen
[592] Von früh bis nachts, erwägend hin und her,
Wie man in Ehrfurcht die Franzosen hielte?
Und wurde Seine Hoheit zu Paris
Als Kind gekrönt, den Feinden zum Verdruß?
Und sollen diese Müh’n und Ehren sterben?
Heinrichs Erob’rung, Bedfords Wachsamkeit,
Eu’r Waffenglück und unser aller Rat?
O Pairs von England! Schmählich ist dies Bündnis,
Die Eh’ verderblich; euren Ruhm vertilgt sie,
Streicht eure Namen im Gedenkbuch aus,
Verlöscht die Züge eures Preises, stürzt
Des überwundnen Frankreichs Monumente,
Vernichtet alles, als wär’s nie gewesen.
KARDINAL.
Neffe, was soll die ungestüme Rede?
Das Wortgepränge dieser Vorstellung?
Frankreich ist unser, wir behaupten’s ferner.
GLOSTER.
Ja, Oheim, wir behaupten’s, wenn wir können,
Doch ist’s unmöglich nun, daß es geschehe.
Suffolk, der neue Herzog, der da schaltet,
Hat weggeschenkt die Leh’n Anjou und Maine
Dem armen König Reignier, dessen Titel
Mit seinem magern Beutel übel stimmt.
SALISBURY.
Nun, bei des Tode, der für alle starb!
Zur Normandie die Schlüssel waren sie.
Doch warum weint Warwick, mein tapfrer Sohn?
WARWICK.
Vor Gram, daß sie dahin sind ohne Rettung:
Denn, wenn noch Hoffnung wäre, so vergösse
Mein Schwert heiß Blut, mein Auge keine Tränen.
Anjou und Maine! Ich selbst gewann sie beide,
Erobert’ sie mit diesem meinem Aim;
Und gibt man nun die Städte, die mit Wunden
Ich erst erwarb, zurück mit Friedensworten?
Mort Dieu!
YORK.
Der Suffolk stick’ an seinem Herzogtum,
Der dieses Helden-Eilands Ehre schwächt!
Frankreich hätt’ eh’ mein Herz mir ausgerissen,
Als ich zu diesem Bündnis mich bequemt.
Nie las ich anders, als daß Englands Kön’ge
[593] Mit ihren Weibern Summen Golds erhielten:
Und unser Heinrich gibt sein eignes weg,
Um die zu frein, die keinen Vorteil bringt.
GLOSTER.
Ein schöner Spaß, und nie erhört zuvor,
Daß Suffolk wen’ger nicht als den Fünfzehnten
Für Kosten ihrer Überfahrt begehrt.
Sie mocht’ in Frankreich bleiben und verhungern,
Bevor –
KARDINAL.
Mylord von Gloster, Ihr seid allzu hitzig:
Dem König, unserm Herrn, gefiel es so.
GLOSTER.
Mylord von Winchester, ich kenn’ Euch wohl;
Nicht meine Reden sind’s, die Euch mißfallen,
Nur meine Gegenwart steht Euch im Weg.
Groll muß heraus: hochmütiger Prälat,
Ich seh’ die Wut dir an; verweil’ ich länger,
So fängt das alte Raufen wieder an. –
Lebt wohl, ihr Lords, und sagt nach meinem Scheiden,
Daß ich geweissagt, bald sei Frankreich hin.

Ab.

KARDINAL.
Da geht im Grimme der Protektor fort.
Es ist euch wohl bekannt, er ist mein Feind,
Ja, was noch mehr, uns allen feindgesinnt,
Und, furcht’ ich, nicht des Königs großer Freund.
Denkt, Lords, er ist der Nächste von Geblüt,
An den vermutlich Englands Krone fällt;
Wenn Heinrichs Eh’ein Kaisertum ihm brächte
Und all die reichen Königreich’ im West,
Er hätte Grund zum Mißvergnügen dran.
Lords, seht euch vor, daß nicht sein glattes Reden
Eu’r Herz betört; seid weise und behutsam.
Begünstigt schon ihn das gemeine Volk,
Nennt »Humphrey« ihn, »den guten Herzog Gloster«,
Klatscht in die Händ’ und ruft mit lauter Stimme:
»Jesus erhalt’ Eu’r königliche Gnaden!«
Nebst: »Gott beschirm’ den guten Herzog Humphrey!«
Doch fürcht’ ich, Lords, bei all dem Schmeichelglanz,
Er wird uns ein gefährlicher Protektor.
BUCKINGHAM.
Und warum muß er’s sein bei unserm Herrn.
Der selbst das Alter zum Regieren hat?
[594] Vetter von Somerset, eint Euch mit mir,
Ihr all’ zusammen mit dem Herzog Suffolk:
Wir heben bald den Herzog aus dem Sitz.
KARDINAL.
Es leidet keinen Aufschub dies Geschäft.
Ich will zum Herzog-Suffolk alsobald.

Ab.

SOMERSET.
Vetter von Buckingham, ob Humphreys Stolz
Und Größ’ im Amte schon uns kränkend ist,
Laßt uns den trotz’gen Kardinal bewachen.
Sein Übermut ist unerträglicher
Als aller Prinzen in dem Lande sonst;
Setzt man den Gloster ab, wird er Protektor.
BUCKINGHAM.
Ich oder du, Somerset, wird Protektor,
Zum Trotz dem Herzog und dem Kardinal.

Buckingham und Somerset ab.

SALISBURY.
Stolz ging voran, der Ehrgeiz folgt ihm nach.
Weil diese streben, um sich selbst zu fördern,
Geziemt es uns, zu streben für das Reich.
Nie sah ich anders, als daß Herzog Humphrey
Sich wie ein echter Edelmann betrug.
Oft sah ich’s, daß der trotz’ge Kardinal
Wie ein Soldat mehr als ein Mann der Kirche,
So keck und stolz, als wär’ er Herr von allem,
Geflucht wie ein Bandit und sich gebärdet
Unähnlich dem Regenten eines Staats. –
Warwick, mein Sohn, du meines Alters Trost!
Dein Ruhm, dein schlichtes Wesen, deine Wirtschaft
Gewann die größte Gunst bei den Gemeinen,
Den guten Herzog Humphrey ausgenommen. –
Und Bruder York, in Irland deine Taten,
Da du zur Bürgerzucht sie hast gebracht,
Auch deine Kriegeszüg’ in Frankreichs Herzen,
Als du Regent für unsern Fürsten warst:
Sie machten dich beim Volk geehrt, gefürchtet.
Verbinden wir uns fürs gemeine Wohl,
Mit aller Macht zu zügeln und zu hemmen
Den Hochmut Suffolks und des Kardinals,
Samt Buckinghams und Somersets Ehrbegier;
[595] Und unterstützen bestens Glosters Taten,
Solang’ sie zielen auf des Lands Gewinn.
WARWICK.
Gott helf’ dem Warwick, wie sein Volk er liebt
Und seines Vaterlands gemeines Wohl!
YORK.
Das sagt auch York, er hat am meisten Grund.
SALISBURY.
Nun zeig’ den Eifer, Sohn, wie ich dich mahne.
WARWICK.
Ja, mahne, Vater, mahne! Hin ist Maine,
Das Maine, welches Warwicks Arm errang,
Der stets des Frankenreiches flüchtig Roß
An dieser Mähne festzuhalten hoffte.
Ihr mahnt mich, Vater; mich gemahnt nur Maine,
Das, fall’ ich nicht, bald mein zu sehn ich wähne.

Warwick und Salisbury ab.

YORK.
Anjou und Maine gab man den Franzosen:
Paris ist fort; der Strand der Normandie,
Da jene hin sind, hängt an einem Haar.
Suffolk schloß die Artikel des Vergleichs,
Die Pairs genehmigten, und Heinrich war
Es gern zufrieden, für zwei Herzogtümer
Zu tauschen eines Herzogs schöne Tochter.
Nicht tadeln kann ich sie: was gilt es ihnen?
Dein Gut, und nicht ihr eignes, geben sie.
Seeräuber können leicht spottwohlfeil handeln
Und Freund’ erkaufen und an Dirnen schenken,
Hoch lebend so wie Herrn, bis alles fort:
Indes des Gutes blöder Eigentümer
Darüber weint, die bangen Hände ringt
Und schüttelt seinen Kopf und steht von fern,
Weil alles ausgeteilt wird und verstreut,
Und darf verhungernd nicht, was sein, berühren.
So sitzt nun York und knirscht und beißt die Zunge,
Weil um sein eignes Land gefeilschet wird.
Mich dünkt, die Reiche England, Frankreich, Irland
Sind so verwebt mit meinem Fleisch und Blut,
Als der verhängnisvolle Brand Altheens
Mit jenes Prinzen Herz von Kalydon.
[596] Anjou und Maine an Frankreich abgegeben!
Ein Schlag für mich, der ich auf Frankreich Hoffnung
So wie auf Englands fruchtbar’n Boden hatte.
Es kommt ein Tag, wo York das Seine heischt;
Drum will ich die Partei der Nevils nehmen
Und Liebes tun dem stolzen Herzog Humphrey
Und, wenn ich Zeit erseh’, die Krone fodern,
Denn nach der goldnen Scheibe ziel’ ich nur.
Mein Recht soll Lancaster mir nicht entreißen,
Nicht in der kind’schen Faust das Szepter halten,
Das Diadem nicht tragen um sein Haupt,
Des Pfaffenlaunen nicht zur Krone passen.
Drum, York, sei still, bis dich die Zeit begünstigt,
Paß auf und wache du, wenn andre schlafen,
Geheimnisse des Staates zu erspähn;
Bis Heinrich, schwelgend in der Liebe Freuden
Mit Englands teu’r erkauften Königin
Und Humphrey mit den Pairs in Zwist geraten.
Dann heb’ ich die milchweiße Rose hoch,
Sie soll mit süßem Duft die Luft durchdringen;
Dann führ’ ich im Panier das Wappen Yorks,
Um mit dem Hause Lancaster zu ringen,
Und nehme dem durchaus die Krone wieder,
Des Bücherherrschaft England riß danieder.

Ab.
Zweite Szene

[596] Ebendaselbst. Ein Zimmer im Hause des Herzogs von Gloster.

Gloster und die Herzogin treten auf.

HERZOGIN.

Warum senkt mein Gemahl das Haupt, wie Korn,
Beschwert von Ceres’ überreifer Last?
Was zieht die Brau’n der große Herzog Humphrey,
Als säh’ er finster auf der Welt Gesichter?
Was haftet nur dein Aug’ am dumpfen Boden
Und starrt das an, was dein Gesicht bewölkt?
Was siehst du? König Heinrichs Diadem,
Verbrämt mit allen Ehren dieser Welt?
[597] Ist das, so starr’ und kriech’ auf deinem Antlitz,
Bis dir das Haupt davon umzirkelt ist.
Streck’ aus den Arm nach dem glorreichen Gold!
Ist er zu kurz? Verlängern soll ihn meiner;
Und wenn wir zwei zusammen es gefaßt,
So heben wir das Haupt vereint zum Himmel
Und wollen unser Aug’ nie so erniedern,
Noch eines Blicks den Bodenwert zu halten.
GLOSTER.
Oh, Herzens-Lene, liebst du deinen Gatten,
So bann’ ehrgeiziger Gedanken Wurm!
Sei der Gedanke, wann ich meinem König,
Dem tugendhaften Heinrich, Arges sinne,
Mein letzter Hauch in dieser ird’schen Welt!
Mich macht mein ängst’ger Traum von nachts betrübt.
HERZOGIN.
Was träumte mein Gemahl? Sagt mir, ich lohn’ es
Mit süßer Meldung meines Morgentraums.
GLOSTER.
Mir schien’s, der Stab hier, meines Amtes Zeichen,
Ward mir zerbrochen; ich vergaß, durch wen,
Doch, wie ich denke, war’s der Kardinal;
Und auf den Stücken ward dann aufgesteckt
Der Kopf von Edmund, Herzog Somerset,
Und de la Poole, dem ersten Herzog Suffolk.
Dies war mein Traum: Gott weiß, was er bedeutet.
HERZOGIN.
Ei, das war nichts als ein Beweis, daß der,
Der nur ein Reis in Glosters Lustwald bricht,
Den Kopf für seine Kühnheit soll verlieren.
Doch horch auf mich, mein Humphrey, liebster Herzog!
Mir war, ich säß’ auf majestät’schem Sitz,
Im Dom zu Westminster, und auf dem Stuhl,
Wo Kön’ge man und Königinnen krönt,
Wo Heinrich und Margreta vor mir knieten
Und setzten auf mein Haupt das Diadem.
GLOSTER.
O nein, dann muß ich gradezu dich schelten,
Hochmüt’ge Frau, verzogne Leonore!
Bist du die zweite Frau im Reiche nicht
Und des Protektors Weib, geliebt von ihm?
[598] Steht weltliches Vergnügen dir nicht frei,
Mehr als dein Sinn erreichet und ermißt?
Und mußt du immer schmieden am Verrat,
Um deinen Gatten und dich selbst zu stürzen
Vom Ehrengipfel bis zum Fuß der Schmach?
Hinweg von mir, und laß mich nichts mehr hören!
HERZOGIN.
Wie, mein Gemahl? Seid Ihr mit Leonoren
So heftig, weil sie ihren Traum erzählt?
Ich will für mich die Träume schon behalten
Und nicht gescholten sein.
GLOSTER.
Nun, sei nicht zornig, ich bin wieder gut.

Ein Bote tritt auf.

BOTE.
Mylord Protektor, Seine Hoheit wünscht,
Daß Ihr zum Ritt Euch anschickt nach Sankt-Albans
Zur Falkenjagd mit Ihro Majestäten.
GLOSTER.
Ich geh’. – Komm, Lene, willst du mit uns reiten?
HERZOGIN.
Ja, bester Herr, ich folge gleich Euch nach.

Gloster und der Bote ab.

Vorangehn kann ich nicht, ich muß wohl folgen,
Solange Gloster klein und niedrig denkt.
Wär’ ich ein Mann, ein Herzog, von Geblüt
Der Nächste: diese läst’gen Strauchelblöcke
Räumt’ ich hinweg und ebnete mir bald
Auf den kopflosen Nacken meinen Weg;
Und selbst als Weib will ich nicht lässig sein,
Auch meine Roll’ im Zug des Glücks zu spielen.
Wo seid Ihr denn, Sir John? Nicht bange, Freund!
Wir sind allein, nur du und ich sind hier.

Hume kommt hervor

HUME.
Jesus erhalte Eure Majestät!
HERZOGIN.
Was sagst du, Majestät? Ich bin nur Gnaden.
HUME.
Allein mit Gottes Gnad’ und Humes Rat
Vervielfacht Euer Gnaden Titel sich
[599] HERZOGIN.
Was bringst du, Mann? Hast du dich schon besprochen
Mit Grete Jordan, der verschlagnen Hexe,
Und dem Beschwörer, Roger Bolingbroke?
Und unternehmen sie’s, mir Dienst zu leisten?
HUME.
Dies haben sie gelobt, Euch einen Geist
Heraufzuholen aus der Tiefe drunten,
Der Antwort geben soll auf alle Fragen.
Die Euer Gnaden vorzulegen wünscht.
HERZOGIN.
Genug; ich will auf Fragen mich bedenken.
Sobald wir von Sankt-Albans heimgekehrt
Soll alles dieses in Erfüllung gehn.
Nimm diesen Lohn hier; mach’ dich lustig, Mann,
Mit den Genossen bei der wicht’gen Sache.

Ab.

HUME.
Hume soll sich lustig machen mit dem Gold
Der Herzogin, ei ja, und wird es auch.
Doch wie nun, Sir John Hume? Versiegelt nui
Den Mund und gebt kein Wort von Euch, als: mum!
Die Sache heischt die stillste Heimlichkeit
Frau Leonore gibt mir Gold dafür,
Daß ich die Hexe zu ihr bringen soll;
Wär’ sie ein Teufel, Gold kömmt immer recht.
Doch hab’ ich Gold, das fliegt noch sonst wo her:
Ich darf nicht sagen, von dem reichen Kardinal
Und von dem großen neuen Herzog Suffolk,
Doch find’ ich’s so; denn, grad’ heraus, die zwei,
Frau Leonorens hohes Trachten kennend
Erkauften mich, um sie zu untergraben
Und die Beschwörungen ihr einzublasen.
Man sagt, ein schlauer Schelm braucht keinen Mäkler,
Doch mäkl’ ich Suffolk und dem Kardinal.
Hume, wenn du dich nicht hütest, fehlt nicht viel,
Du nenntest sie ein Paar von schlauen Schelmen.
Nun wohl, so steht’s: und so, befürcht ich, stürzt
Humes Schelmerei zuletzt die Herzogin;
Und überweist man sie, muß Humphrey fallen.
Sei’s, wie es sei, ich ziehe Gold von allen.

Ab.
Dritte Szene

[600] Ein Zimmer im Palast.

Peter und andre Supplikanten kommen mit Bittschriften.

ERSTER SUPPLIKANT. Meisters, tretet dicht heran; Mylord Protektor wird hier gleich vorbeikommen, und dann können wir unsre Gesuche schriftlich überreichen.
ZWEITER SUPPLIKANT. Ei, Gott beschütz’ ihn, denn er ist ein guter Mann. Der Herr Christus segne ihn!

Suffolk und Königin Margareta treten auf.

PETER. Da kommt er, denk’ ich, und die Königin mit ihm: ich will gewiß der erste sein.
ZWEITER SUPPLIKANT. Zurück, du Narr! Das ist ja der Herzog von Suffolk und nicht Mylord Protektor.
SUFFOLK. Nun, Geselle? Wolltest du etwas von mir?
ERSTER SUPPLIKANT.

Ich bitte, Mylord, verzeiht mir; ich hielt
Euch für den Lord Protektor.
KÖNIGIN liest die Überschriften. »An Mylord Protektor.« Sind eure Bittschriften an Seine Herrlichkeit gerichtet? Laßt mich sie sehen! Was betrifft deine?
ERSTER SUPPLIKANT. Meine, mit Euer Gnaden Erlaubnis, ist gegen John Goodman, des Mylord Kardinal seinen Diener, weil er mir mein Haus und Ländereien und Frau und alles vorenthält.
SUFFOLK. Deine Frau auch? Da geschieht dir in der Tat zu nahe. – Was habt Ihr für eine? – Sieh da! Liest. »Wider den Herzog von Suffolk, wegen Einhegung der gemeinen Hut und Weide von Melford.« – Was soll das, Herr Schurke?
ZWEITER SUPPLIKANT. Ach, Herr, ich bin nur ein armer Supplikant für unsre ganze Bürgerschaft.
PETER überreicht seine Bittschrift. Gegen meinen Meister, Thomas Horner, weil er gesagt hat, daß der Herzog von York rechtmäßiger Erbe der Krone wäre.
KÖNIGIN. Was sagst du? Sagte der Herzog von York, er wäre rechtmäßiger Erbe der Krone?
PETER. Mein Meister wäre es? Nein, wahrhaftig; mein Meister sagte, er wäre es, und der König wäre ein Usurpator.
[601] SUFFOLK. Ist jemand da?

Bediente kommen.

Nehmt den Burschen mit herein und schickt sogleich mit einem Gerichtsboten nach seinem Meister. – Wir wollen von Eurer Sache mehr vor dem Könige hören.

Bedienter mit Peter ab.

KÖNIGIN.
Was euch betrifft, die ihr Protektion
Von des Protektors Gnadenflügeln liebt,
Erneuert die Gesuche! Geht an ihn!

Sie zerreißt die Bittschriften.

Fort, ihr Halunken! – Suffolk, laßt sie gehn.
ALLE.
Kommt! Laßt uns gehn!

Supplikanten ab.

KÖNIGIN.
Mylord von Suffolk, sagt, ist das die Art,
Ist das die Sitte so an Englands Hof?
Ist dies das Regiment der Briten-Insel
Und dies das Königtum von Albions Herrn?
Wie? Soll denn König Heinrich immer Mündel
Unter des mürr’schen Glosters Aufsicht sein?
Bin ich im Rang und Titel Königin,
Um einem Herzog untertan zu werden?
Ich sag’ dir, Poole, als du in der Stadt Tours
Zu Ehren meiner Lieb’ ein Rennen hieltest
Und stahlst die Herzen weg den fränk’schen Frauen:
Da dacht’ ich, König Heinrich gliche dir
An Mut, an feiner Sitt’ und Leibsgestalt.
Doch all sein Sinn steht nur auf Frömmigkeit,
Ave Marie am Rosenkranz zu zählen;
Ihm sind Propheten und Apostel Kämpfer,
Und seine Waffen heil’ge Bibelsprüche,
Sein Zimmer seine Rennbahn, seine Liebsten
Kanonisierter Heil’gen eh’rne Bilder.
Daß doch das Kardinal-Kollegium
Zum Papst ihn wählt’ und brächte ihn nach Rom
Und setzt’ ihm die dreifache Kron’ aufs Haupt:
Das wär’ ein Stand für seine Frömmigkeit.
SUFFOLK.
Seid ruhig, gnäd’ge Frau: wie ich gemacht,
[602] Daß Eure Hoheit kam nach England, will ich
In England völlig Euch zufriedenstellen.
KÖNIGIN.
Nächst dem Protektor haben wir noch Beaufort,
Den herrischen Pfaffen; Somerset, Buckingham,
Den murr’nden York: und der geringste dieser
Kann mehr in England als der König tun.
SUFFOLK.
Und der darunter, der am meisten kann,
Kann nicht mehr tun in England als die Nevils:
Salisbury und Warwick sind nicht bloße Pairs.
KÖNIGIN.
Mich kränken halb so sehr nicht all die Lords
Als des Protektors Weib, die stolze Dame.
Sie fährt herum am Hof mit Scharen Frau’n,
Wie eines Kaisers mehr als Herzogs Weib.
Ein Fremder hält sie für die Königin,
Sie trägt am Leib die Einkünft’ eines Herzogs,
Und unsrer Armut spottet sie im Herzen.
Soll ich nicht Rache noch an ihr erleben?
Ein schlechtgebornes Nickel, wie sie ist,
Hat sie bei ihrem Schätzchen jüngst geprahlt,
Der Schlepp von ihrem schlechtsten Rocke sei
Mehr wert als meines Vaters Land, eh’ Suffolk
Zwei Herzogtümer gab für seine Tochter.
SUFFOLK.
Ich hab’ ihr eine Schlinge selbst gelegt
Und eine Schar Lockvögel ausgestellt,
Daß sie sich niederläßt, dem Lied zu horchen,
Und nie mehr aufsteigt und Euch Unruh’ macht.
Drum laßt sie ruhn und hört mich, gnäd’ge Frau,
Ich bin so dreist. Euch hierin Rat zu geben:
Ist schon der Kardinal uns nicht gemütlich,
Verbinden wir mit ihm uns und den Lords,
Bis Herzog Humphrey wir in Schmach gebracht.
Was Herzog York betrifft, die neue Klage
Wird nicht gar viel zu seinem Vorteil tun,
So reuten wir sie nach einander aus,
Und Ihr sollt das beglückte Steuer führen.

König Heinrich, York und Somerset im Gespräch mit ihm; Herzog und Herzogin von Glaster, Kardinal Beaufort, Buckingham, Salisbury und Warwick treten auf.

[603] KÖNIG HEINRICH.
Für mein Teil, edle Lords, ich weigr’ es keinem.
Sei’s Somerset, sei’s York, mir gilt es gleich.
YORK.
Wenn York in Frankreich übel sich benommen,
So schlagt ihm immer die Regentschaft ab.
SOMERSET.
Wenn Somerset der Stell’ unwürdig ist,
Mag York Regent sein, und ich geb’ ihm nach.
WARWICK.
Ob Euer Gnaden würdig ist, ob nicht,
Wird nicht gefragt: York ist der würdigste.
KARDINAL.
Ehrgeiz’ger Warwick, laß die Obern reden.
WARWICK.
Der Kardinal ist nicht im Feld mein Obrer.
BUCKINGHAM.
Hier sind sie alle deine Obern, Warwick.
WARWICK.
Warwick kann Oberster von allen werden.
SALISBURY.
Still, Sohn! – Und gib uns Gründe, Buckingham,
Daß Somerset hiebei sei vorzuziehn.
KÖNIGIN.
Ei, weil der König es so haben will.
GLOSTER.
Der König, gnäd’ge Frau, ist alt genug,
Um selbst zu stimmen; dies sind nicht Fraun-Geschäfte.
KÖNIGIN.
Ist er schon alt genug, was braucht Eu’r Gnaden
Protektor Seiner Herrlichkeit zu sein?
GLOSTER.
Ich bin des Reichs Protektor, gnäd’ge Frau;
Wenn’s ihm beliebt, entsag’ ich meinem Platz.
SUFFOLK.
Entsag’ ihm denn und laß den Übermut!
Seitdem du König warst (wer ist’s, als du?),
Ging täglich das gemeine Wesen unter;
Jenseit des Meers gewann der Dauphin Feld,
Und alle Pairs im Reich und Edle sind
Wie Sklaven deiner Herrschaft hier gewesen.
KARDINAL.
Das Volk hast du geplagt; der Klerisei
Hast du die Säckel leicht und leer gepreßt.
SOMERSET.
Dein prächtig Bau’n und deiner Frauen Schmuck
Hat große Haufen aus dem Schatz gekostet.
BUCKINGHAM.
Dein grausames Gericht, an Missetätern
Geübt, ging über das Gesetz hinaus
Und gibt dich in die Willkür des Gesetzes.
KÖNIGIN.
Dein Ämter-Handel, und mit Städten Frankreichs,
[604] Wär’ er bekannt, wie er verdächtig ist,
Du sprängest bald wohl ohne Kopf herum.

Gloster ab. Die Königin läßt ihren Fächer fallen.

Hebt meinen Fächer auf. Ei, Schätzchen, könnt Ihr nicht?

Sie gibt der Herzogin eine Ohrfeige.

Wart Ihr es? Ja, da bitt’ ich um Verzeihung.
HERZOGIN.
War ich’s? Ja wohl, hochmütige Französin.
Könnt’ ich an Euer schön Gesicht nur kommen,
Ich setzte meine zehn Gebote drein.
KÖNIG HEINRICH.
Still, liebste Tante; es geschah nicht gern.
HERZOGIN.
Nicht gern? Tu’ bald ein Einsehn, guter König,
Sie närrt dich sonst und tänzelt dich wie ein Kind.
Man soll, gibt’s hier gleich Männer ohne Hosen,
Nicht ungerächt Frau Leonoren schlagen.
Herzogin ab.

BUCKINGHAM.
Lord Kardinal, ich folge Leonoren
Und geb’ auf Humphrey acht, wie er sich nimmt.
Sie ist gereizt, ihr Mut braucht keinen Sporn,
Sie rennt schon wild genug in ihr Verderben.

Buckingham ab.

Gloster kommt zurück.

GLOSTER.
Nun, Lords, da meine Galle sich gekühlt
Durch einen Gang um dieses Viereck her,
Komm’ ich, von Staatsgeschäften hier zu reden.
Anlangend eure häm’schen falschen Rügen,
Beweist sie, und ich stehe dem Gesetz.
Doch Gott soll meiner Seele gnädig sein,
Wie ich mein Land und meinen König liebe!
Jedoch zur Sache, welche vor uns liegt.
Mein Fürst, ich sage, York schickt sich am besten,
Regent für Euch im Frankenreich zu sein.
SUFFOLK.
Erlaubt mir, eh’ zur Wahl geschritten wird,
Mit Gründen von nicht kleiner Kraft zu zeigen,
Daß York am schlechtsten sich von allen schickt.
YORK.
Hör’, Suffolk, denn, warum ich schlecht mich schicke:
Erst, weil ich deinem Stolz nicht schmeicheln kann;
Dann, wenn ich zu der Stelle werd’ ernannt,
Wird hier Mylord von Somerset mich halten
Ohn’ Abschluß, ohne Geld und Ausrüstung,
[605] Bis Frankreich in des Dauphins Hand gefallen.
Mußt’ ich doch letzthin ihm zu Willen tanzen,
Bis man Paris berannt und ausgehungert.
WARWICK.
Das zeug’ ich mit, und einen schnödern Streich
Beging im Lande kein Verräter je.
SUFFOLK.
Unbänd’ger Warwick, still!
WARWICK.
Du Bild des Stolzes, warum sollt’ ich schweigen?

Bediente Suffolks führen Horner und Peter vor.

SUFFOLK.
Weil hier ein Mann ist, des Verrats beklagt.
Gott gebe, daß sich Herzog York entschuldigt!
YORK.
Klagt irgendwer York als Verräter an?
KÖNIG HEINRICH.
Was meinst du, Suffolk? Sag mir: wer sind diese?
SUFFOLK.
Beliebt’s Eu’r Majestät, dies ist der Mann,
Der seinen Meister Hochverrats beklagt.
Er hat gesagt, daß Richard Herzog York
Rechtmäß’ger Erbe sei von Englands Krone
Und Eure Majestät ein Usurpator.
KÖNIG HEINRICH.
Sag, Mann, waren das deine Worte?
HORNER. Mit Euer Majestät Erlaubnis, ich habe niemals etwas dergleichen gesagt oder gedacht. Gott ist mein Zeuge, daß ich von dem Bösewicht fälschlich angeklagt werde.
PETER hält die Finger in die Höhe. Bei diesen zehn Gebeinen, gnädige Herren, er sagte es mir eines Abends auf der Dachkammer, als wir Mylords von York Rüstung abputzten.
YORK.
Gemeiner kot’ger Schurk’ und Tagelöhner,
Mir zahlt dein Kopf für die Verräter-Rede.
Ich bitt’ Eu’r königliche Majestät,
Laßt ihn die Strenge des Gesetzes fühlen.
HORNER. Ach, ich will gehängt sein, Mylord, wenn ich die Worte jemals gesagt habe. Mein Ankläger ist mein Lehrbursche, und da ich ihn letzthin für ein Vergehen züchtigte, gelobte er auf seinen Knieen, er wollte es mir vergelten: dafür habe ich gute Zeugnisse. Ich bitte Eure Majestät also, werft einen ehrlichen Mann nicht weg auf die Anklage eines Bösewichts.
KÖNIG HEINRICH.
Oheim, was sagen wir hiezu nach Rechten?
[606] GLOSTER.
Dies Urteil, wenn ich sprechen darf, mein Fürst:
Laßt Somerset Regent in Frankreich sein,
Weil dieses Argwohn wider York erzeugt;
Und diesen da beraumet einen Tag
Zum Zweikampf an, auf angemeßnem Platz:
Denn er hat Zeugen für des Knechtes Bosheit.
Dies ist das Recht und Herzogs Humphreys Spruch.
KÖNIG HEINRICH.
So sei es denn, Mylord von Somerset,
Wir machen zum Regenten Euch in Frankreich.
SOMERSET.
Ich dank’ ergebenst Eurer Majestät.
HORNER.
Und ich bin zu dem Zweikampf gern bereit.
PETER. Ach, gnädiger Herr, ich kann nicht fechten; um Gottes willen, habt Erbarmen! Die Bosheit der Menschen ist mächtig wider mich. O Herr, sei mir gnädig! Ich bin nicht im stande, einen einzigen Streich zu tun. Ach Gott, mein Herz!
GLOSTER.
Ei, Bursch, du mußt nun fechten oder hängen.
KÖNIG HEINRICH.
Fort, schafft sie ins Gefängnis, und der Tag
Zum Zweikampf sei der letzte nächsten Monats. –
Komm, Somerset, damit wir weg dich senden.

Alle ab.
Vierte Szene

[606] Garten des Herzogs von Gloster.

Grete Jordan, Hume, Southwell und Bolingbroke kommen.

HUME. Kommt, Leute: die Herzogin, sag’ ich euch, erwartet die Erfüllung eurer Versprechungen.
BOLINGBROKE. Meister Hume, wir sind darauf geschickt. Will Ihro Gnaden unsre Beschwörungen ansehen und hören?
HUME. Ja wohl; was weiter? Seid wegen ihres Mutes nicht besorgt.
BOLINGBROKE. Ich habe sagen hören, sei sie eine Frau von unüberwindlichem Geist. Aber es wird dienlich sein. Meister Hume, daß Ihr droben bei ihr seid, derweil wir unten beschäftigt sind, und so bitte ich Euch, geht in Gottes Namen und verlaßt uns.

Hume ab.

[607] Mutter Jordan, streckt Euch nieder und kriecht an der Erde; – Johann Southwell, lest Ihr; und laßt uns an unsre Arbeit gehn.

Die Herzogin erscheint auf einem Balkon.
HERZOGIN. Das macht ihr gut, Leute, und seid alle willkommen. Ans Werk! Je eher, je lieber.
BOLINGBROKE.

Geduld nur: Zaubrer wissen ihre Zeit.
Die tiefe, finstre Nacht, das Grau’n der Nacht;
Die Zeit, da Troja ward in Brand gesteckt;
Die Zeit, wo Eulen schrein und Hunde heulen,
Wo Geister gehn, ihr Grab Gespenster sprengen:
Die ziemt sich für das Werk, womit wir umgehn.
Sitzt, gnäd’ge Frau, und bangt nicht: wen wir rufen.
Den binden wir in dem geweihten Kreis.

Hier verrichten sie die gehörigen Zeremonien und machen den Kreis; Bolingbroke oder Southwell liest: Conjuro te etc. Es donnert und blitzt entsetzlich dann steigt der Geist auf.

GEIST.
Adsum.
GRETE JORDAN.
Asmath,
Beim ew’gen Gott, des Namen und Gewalt
Du zitternd hörst, antworte, wie ich frage!
Denn bis du sprichst, sollst du von hinnen nicht.
GEIST.
Frag’, wie du willst. – Hätt’ ich doch erst gesprochen!
BOLINGBROKE liest von einem Zettel ab.
»Zuerst vom König. Was geschieht mit ihm?«
GEIST.
Der Herzog lebt, so Heinrich einst entsetzt.
Jedoch ihn überlebt und stirbt gewaltsam.

So wie der Geist spricht, schreibt Southwell die Antwort auf.

BOLINGBROKE.
»Welch ein Geschick erwartet Herzog Suffolk?«
GEIST.
Durch Seefahrt kommt er um und nimmt sein Ende.
BOLINGBROKE.
»Was wird dem Herzog Somerset begegnen?«
GEIST.
Er meide Burgen;
Viel sichrer wird er sein auf sand’ger Ebne.
Als wo Burgen stehn getürmt.
Mach’ nun ein Ende: mehr ertrag’ ich kaum.
[608] BOLINGBROKE.
Steig’nieder in die Nacht zum feur’gen Sumpf:
Verworfner, heb’ dich weg!

Donner und Blitz. Der Geist versinkt.

York und Buckingham treten eilig mit Wachen und andern auf.

YORK.
Packt die Verräter fest und ihren Plunder!
Altmutter, Euch belau’rten wir aufs Haar! –
Wie, gnäd’ge Frau? Ihr dort? Der König und das Land
Sind Euch für dies Teil Mühe höchst verpflichtet.
Mylord Protektor wird, ich zweifle nicht,
Euch wohl belohnen für so gute Dienste.
HERZOGIN.
Nicht halb so schlimm wie deine für den König,
Verwegner Herzog, der ohn’ Ursach’ droht.
BUCKINGHAM.
Recht, gnäd’ge Frau, ohn’ Ursach’. Kennt Ihr dies?

Er zeigt ihr die Papiere.

Fort mit dem Volk! Sperrt eng sie ein und haltet
Sie auseinander. – Ihr, gnäd’ge Frau, mit uns;
Stafford, nimm sie zu dir! –

Die Herzogin von oben ab.

Eu’r Spielzeug soll nun alles an den Tag. –
Mit allen fort!

Wachen ab mit Southwell, Bolingbroke u.s.w.

YORK.
Lord Buckingham, Ihr habt sie gut belauert.
Ein hübscher Anschlag, um darauf zu baun!
Nun, bitte, laßt des Teufels Handschrift sehn.
Was gibt es hier?
Liest.

»Der Herzog lebt, so Heinrich einst entsetzt,
Jedoch ihn überlebt und stirbt gewaltsam.«
Ja, das ist richtig:
Aio te, Aeacida, Romanos vincere posse.
Gut, weiter nun!
»Sag, welch Geschick erwartet Herzog Suffolk?
Durch Seefahrt kommt er um und nimmt sein Ende.
Was wird dem Herzog Somerset begegnen?
Er meide Burgen.
[609] Viel sichrer wird er sein auf sand’ger Ebne,
Als wo Burgen stehn getürmt.«
Kommt, kommt, ihr Herrn!
Zu den Orakeln kommt man mit Beschwer,
Und schwer versteht man sie.
Der König ist im Zug nun nach Sankt-Albans,
Mit ihm der Gatte dieser werten Dame.
Dahin geht dies nun, so schnell ein Pferd es tragen kann;
Ein traurig Frühstück für Mylord Protektor.
BUCKINGHAM.
Mylord von York, erlaubet mir, daß ich
Der Bote sei, in Hoffnung seines Lohns.
YORK.
Nach Eurem Belieben, bester Lord. – He, ist niemand da?

Ein Bedienter kommt.

Die Lords von Salisbury und Warwick ladet
Mit mir zu speisen morgen abend. – Fort!

Ab.
Zweiter Aufzug
Erste Szene

[610] Sankt-Albans.

König Heinrich, Königin Margareta, Gloster, der Kardinal und Suffolk treten auf, mit Falkenieren, die ein Jagdgeschrei machen.

KÖNIGIN.

Ja, glaubt mir, Lords, zu einem Wasserflug
Gab’s keine beßre Jagd seit langen Jahren.
Allein, verzeiht, der Wind war ziemlich stark,
Und zehn war’s gegen eins, ob Hans nur stiege.
KÖNIG HEINRICH.
Doch welchen Schuß, Mylord, Eu’r Falke tat,
Und wie er über alle flog hinaus!
Wie Gott doch wirkt in seinen Kreaturen!
Ja, Mensch und Vogelschwingen gern sich hoch.
SUFFOLK.
Kein Wunder, mit Eu’r Majestät Erlaubnis,
Daß des Protektors Falken trefflich steigen:
Sie wissen wohl, Ihr Herr ist gern hoch oben
Und denkt hinaus weit über ihren Flug.
GLOSTER.
Mylord, ein niedrig schlecht Gemüt nur strebt
Nicht höher an, als sich ein Vogel schwingt.
KARDINAL.
Ich dacht’ es wohl, er will bis in die Wolken.
GLOSTER.
Ja, Mylord Kardinal! Was meint Ihr? Wär’s nicht gut,
Eu’r Gnaden könnte in den Himmel fliegen?
KÖNIG HEINRICH.
Den reichen Schoß der ew’gen Herrlichkeit!
KARDINAL.
Dein Himmel ist auf Erden; Aug’ und Sinn
Gehn auf die Krone, deines Herzens Schatz.
Gefährlicher Protektor! Schlimmer Pair,
Der Land und König gleisnerisch berückt!
[611] GLOSTER.
Wie, Kardinal? Vermißt sich Euer Priestertum?
Tantaene animis caelestibus irae?
Ein Pfaff so hitzig? Bergt den Groll, mein Ohm!
Bei der Frömmigkeit, wie könnt Ihr?
SUFFOLK.
Kein Groll da, Herr; nicht mehr, als wohl sich ziemt
Für solchen guten Streit und schlechten Pair.
GLOSTER.
Als wer, Mylord?
SUFFOLK.
Nun, als Ihr, Mylord;
Mit Euer Lord-Protektorschaft Erlaubnis.
GLOSTER.
Ja, Suffolk, England kennt schon deinen Trotz.
KÖNIGIN.
Und deinen Ehrgeiz, Gloster.
KÖNIG HEINRICH.
Bitte, Liebste,
Sei still und reiz’ nicht diese heft’gen Pairs;
Gesegnet, die auf Erden Frieden stiften.
KARDINAL.
Mein sei der Segen, wenn ich Frieden stifte
Mit meinem Schwert hier wider den Protektor!
GLOSTER beiseit zum Kardinal.
Traun, frommer Ohm, ich wollt’, es käm’ dahin!
KARDINAL beiseit.
Hast du das Herz, nun gut!
GLOSTER beiseit.
Versammle keine Rotten für die Sache,
Dein eigner Leib steh’ für den Unglimpf ein.
KARDINAL beiseit.
Ja, wo du dich nicht blicken läßt; und wagst du’s,
Heut abend, an des Wäldchens Morgenseite.
KÖNIG HEINRICH.
Was gibt’s, ihr Herrn?
KARDINAL.
Glaubt mir, mein Vetter Gloster,
Barg Euer Knecht den Vogel nicht so schnell,
So gab’s mehr Jagd noch. –

Beiseit.

Du bringst dein doppelt Schwert?
GLOSTER.
Gut, Oheim.
KARDINAL beiseit.
Ihr wißt Bescheid? Des Wäldchens Morgenseite?
GLOSTER beiseit.
Kardinal, ich treff’ Euch an.
KÖNIG HEINRICH.
Nun, Oheim Gloster?
GLOSTER.
Vom Beizen ein Gespräch; sonst nichts, mein Fürst. –

Beiseit.

Bei der Mutter Gottes, Pfaff’, ich schere dir die Platte,
Sonst gilt mein Fechten nichts.
[612] KARDINAL beiseit.
Medice, te ipsum!
Protektor, sieh dich vor! Beschütz’ dich selbst!
KÖNIG HEINRICH.
Der Wind wird stürmisch, Lords, wie euer Mut.
Wie widert meinem Herzen die Musik!
Wie wäre Harmonie zu hoffen da,
Wo solche Saiten einen Mißlaut machen?
Ich bitte, Lords, laßt diesen Zwist mich schlichten.

Ein Einwohner von Sankt-Albans kommt und schreit: »Ein Wunder!«

GLOSTER.
Was soll der Lärm?
Gesell, was für ein Wunder rufst du aus?
EINWOHNER.
Ein Wunder! Ein Wunder!
SUFFOLK.
Komm vor den König und erzähl’ das Wunder.
EINWOHNER.
Ein Blinder, denkt, hat vor Sankt-Albans Schrein
In dieser Stunde sein Gesicht erlangt;
Ein Mann, der lebenslang nicht konnte sehn.
KÖNIG HEINRICH.
Gott sei gelobt, der gläub’gen Seelen Licht
Im Finstern gibt und in Verzweiflung Trost!

Der Schulz von Sankt-Albans und seine Bruder kommen; Simpcox wird von zwei Personen auf einem Sessel getragen, seine Frau und ein großer Haufe Volks folgt ihnen nach.

KARDINAL.
Da kommt die Bürgerschaft in Prozession,
Den Mann bei Eurer Hoheit vorzustellen.
KÖNIG HEINRICH.
Groß ist sein Trost in diesem Erdental,
Vervielfacht sein Gesicht schon seine Sünden.
GLOSTER.
Zurück, ihr Leute! Bringt ihn vor den König,
Seine Majestät geruht mit ihm zu reden.
KÖNIG HEINRICH.
Erzähl’uns hier den Hergang, guter Mensch,
Daß Gott für dich von uns verherrlicht werde.
Sag, warst du lange blind und bist geheilt?
SIMPCOX.
Blind geboren, verzeihn Euer Gnaden.
FRAU.
Ja, fürwahr, das ist er.
SUFFOLK.
Was ist dies für ein Weib?
FRAU.
Seine Frau, mit Euer Hochedlen Erlaubnis.
GLOSTER.
Wärst du seine Mutter, du könntest besser zeugen.
KÖNIG HEINRICH.
Was ist denn dein Geburtsort?
[613] SIMPCOX.
Berwick im Norden Herr, mit Eurer Gunst.
KÖNIG HEINRICH.
Viel Güt’ erwies dir Gott, du arme Seele!
Laß Tag und Nacht fortan geheiligt sein,
Und stets bedenke, was der Herr getan.
KÖNIGIN.
Sag, guter Mensch, kamst du durch Zufall her
Oder aus Andacht zu dem heil’gen Schrein?
SIMPCOX.
Gott weiß, aus bloßer Andacht; denn mich rief
Der gute Sankt Albanus hundertmal
Im Schlaf und öfter; »Simpcox«, sagt’ er, »komm!
Komm, bet’ an meinem Schrein! Ich will dir helfen.«
FRAU.
Wahrhaftig wahr, und manches liebe Mal
Hört’ ich von solcher Stimme selbst ihn rufen.
KARDINAL.
Wie, bist du lahm?
SIMPCOX.
Ja, helf’ mir der allmächt’ge Gott!
SUFFOLK.
Wie wurdest du’s?
SIMPCOX.
Ein Fall von einem Baum.
FRAU.
Ein Pflaumenbaum war’s, Herr.
GLOSTER.
Wie lange bist du blind?
SIMPCOX.
Oh, so geboren, Herr.
GLOSTER.
Was, und du klettertest auf einen Baum?
SIMPCOX.
Mein Lebtag’ nur auf den, als ein junger Mensch.
FRAU.
Ja wohl, und mußte schwer sein Klettern zahlen.
GLOSTER.
Traun, mochtest Pflaumen gern, dich so zu wagen.
SIMPCOX.
Ach, Herr, mein Weib verlangte ein paar Zwetschen
Und ließ mich klettern mit Gefahr des Lebens.
GLOSTER.
Ein feiner Schelm! Doch soll es ihm nichts helfen.
Laß mich deine Augen sehn: drück’ zu, – mach’ auf, –
Nach meiner Meinung siehst du noch nicht recht.
SIMPCOX.
Ja, Herr, klar wie der Tag; ich dank’s Gott und Sankt Alban!
GLOSTER.
Ei so! Von welcher Farb’ ist dieser Mantel?
SIMPCOX.
Rot, Herre, rot wie Blut.
GLOSTER.
Ganz recht. Von welcher Farbe ist mein Rock?
SIMPCOX.
Schwarz, mein’ Treu; kohlschwarz wie Ebenholz.
KÖNIG HEINRICH.
Du weißt also, wie Ebenholz gefärbt ist?
SUFFOLK.
Doch, denk’ ich, sah er nie kein Ebenholz.
GLOSTER.
Doch Röck’ und Mäntel schon vor heut in Menge.
FRAU.
Niemals vor heute, all sein Lebenlang.
[614] GLOSTER.
Sag mir, Kerl, wie ist mein Name?
SIMPCOX.
Ach, Herr, ich weiß nicht.
GLOSTER.
Wie ist sein Name?
SIMPCOX.
Ich weiß nicht.
GLOSTER.
Auch seinen nicht?
SIMPCOX.
Nein, fürwahr, Herr.
GLOSTER.
Wie ist dein eigner Name?
SIMPCOX.
Sander Simpcox, zu Eurem Befehle, Herr.
GLOSTER.
So sitz’ da, Sander, der verlogenste Schelm
Der Christenheit. Denn wärst du blind geboren,
Du hätt’st all unsre Namen wissen können
So gut, als so die Farben nennen, die
Wir tragen. Das Gesicht kann Farben unterscheiden,
Doch alle zu benennen auf einmal,
Das ist unmöglich.
Mylords, Sankt Alban hat ein Wunder hier getan;
Und hieltet ihr’s nicht für eine große Kunst,
Die diesem Krüppel wieder auf die Beine hülf?
SIMPCOX.
O Herr, wenn Ihr das könntet!
GLOSTER. Ihr Leute von Sankt Albans, habt ihr nicht Büttel in eurer Stadt und Dinger, die man Peitschen heißt?
SCHULZ. Ja, Mylord, zu Euer Gnaden Befehl.
GLOSTER. So laßt unverzüglich einen holen.
SCHULZ. He, Bursch! Geh, hol’ sogleich den Büttel her!

Einer aus dem Gefolge ab.

GLOSTER. Nun holt mir geschwind einen Schemel hieher.

Es wird ein Schemel gebracht.

Nun, Kerl, wenn Ihr ohne Peitschen davonkommen wollt, so springt mir über den Schemel und lauft davon.
SIMPCOX. Ach, Herr, ich bin nicht imstande, allein zu stehen: Ihr geht damit um, mich vergeblich zu plagen.

Der Abgeschickte kommt zurück mit dem Büttel.

GLOSTER. Nun, wir müssen Euch an Eure Beine helfen. He, Büttel, peitsch’ ihn, bis er über den Schemel springt.
BÜTTEL. Das will ich, gnädiger Herr. – Komm, Kerl, geschwind mit deinem Wams herunter!
[615] SIMPCOX. Ach, Herr, was soll ich tun? Ich bin nicht imstande zu stehen. Nachdem ihn der Büttel einmal geschlagen hat, springt er über den Schemel und läuft dovon; und das Volk läuft nach und schreit: »Ein Wunder!«
KÖNIG HEINRICH. O Gott, du siehst dies und erträgst so lange?
KÖNIGIN. Ich mußte lachen, wie der Bube lief.
GLOSTER. Dem Schelm setzt nach und nehmt die Metze fort!
FRAU. Ach, Herr, wir taten’s aus bloßer Not.
GLOSTER. Laßt sie durch alle Marktplätze peitschen, bis sie nach Berwick kommen, wo sie her sind.

Der Schulz, Büttel, Frau usw. ab.
KARDINAL.
Ein Wunder ist Herzog Humphrey heut gelungen.
SUFFOLK.
Ja wohl, der Lahme läuft und ist entsprungen.
GLOSTER.
Wohl größre Wunder tatet Ihr als dies,
Der ganze Städt’ auf einmal springen ließ.

Buckingham tritt auf.

KÖNIG HEINRICH.
Was bringt uns Neues Vetter Buckingham?
BUCKINGHAM.
Was Euch mein Herz zu offenbaren bebt.
Ein Haufe Menschen von verworfnem Wandel
Hat unterm Schutze und im Einverständnis
Frau Leonorens, des Protektors Gattin,
Der Rädelsführerin der ganzen Rotte,
Gefährlich wider Euch es angelegt,
Zu Hexen und zu Zauberern sich haltend.
Wir haben sie ergriffen auf der Tat,
Da sie von drunten böse Geister riefen,
Nach König Heinrichs Tod und Leben fragend,
So wie nach andern vom geheimen Rat,
Wie Eure Hoheit soll des weitern wissen.
KARDINAL beiseit zu Gloster.
Und auf die Art, Mylord Protektor, muß
Sich die Gemahlin jetzt in London stellen.
Dies, denk’ ich, wendet Eures Degens Spitze;
Vermutlich haltet Ihr die Stunde nicht.
GLOSTER.
Ehrgeiz’ger Pfaff’! Laß ab, mein Herz zu kränken:
All meine Kraft hat Gram und Leid bewältigt;
[616] Und wie ich bin bewältigt, weich’ ich dir
Und dem geringsten Knecht.
KÖNIG HEINRICH.
O Gott, welch Unheil stiften doch die Bösen
Und häufen so Verwirrung auf ihr eignes Haupt!
KÖNIGIN.
Gloster, da schau den Flecken deines Nestes;
Sieh, ob du rein bist, sorge für dein Bestes.
GLOSTER.
Ich weiß, daß mir der Himmel Zeugnis gibt,
Wie ich den König und den Staat geliebt.
Mit meinem Weib, ich weiß nicht, wie’s da steht;
Es tut mir leid zu hören, was ich hörte:
Sie ist von edlem Sinn, doch wenn sie Ehre
Vergaß und Tugend und mit Volk verkehrte,
Das, so wie Pech, befleckt ein adlig Haus,
So stoß’ ich sie von Bett und Umgang aus,
Und sei sie dem Gesetz, der Schmach verpfändet,
Die Glosters reinen Namen so geschändet.
KÖNIG HEINRICH.
Nun gut, wir wollen diese Nacht hier ruhn,
Nach London morgen wiederum zurück,
Um dieser Sache auf den Grund zu sehn
Und Rechenschaft den Frevlern abzufodern;
Daß Recht den Fall in gleichen Schalen wäge,
So nimmer wankt und sieget allewege.

Trompetenstoß. Alle ab.
Zweite Szene

[616] London. Garten des Herzogs von York.

York, Salisbury und Warwick treten auf.

YORK.

Nun, werte Lords von Salisbury und Warwick,
Nach unserm schlichten Mahl erlaubet mir,
In diesem Laubengang mir g’nugzutun,
Euch fragend, was ihr meint von meinem Anspruch
An Englands Krone, der untrüglich ist.
SALISBURY.
Mylord, ich wünsch’ ausführlich es zu hören.
WARWICK.
Sprich, lieber York; und ist dein Anspruch gut,
So kannst du schalten mit der Nevils Dienst.
[617] YORK.
Dann so:
Eduard der Dritte hatte sieben Söhne;
Erst Eduard Prinz von Wales, der Schwarze Prinz;
Der zweite, William Hatfield; und der dritte,
Lionel, Herzog Clarence; dem zunächst
Kam John von Gaunt, der Herzog Lancaster;
Der fünfte, Edmund Langley, Herzog York;
Der sechste, Thomas von Woodstock, Herzog Gloster;
William von Windsor war der siebt’ und letzte.
Eduard, der Schwarze Prinz, starb vor dem Vater
Und ließ als einz’gen Sohn den Richard nach,
Der nach Eduard des Dritten Tod regierte;
Bis Heinrich Bolingbroke, Herzog Lancaster,
Der ältste Sohn und Erbe Johns von Gaunt,
Der als der vierte Heinrich ward gekrönt,
Das Reich bewältigt, den rechtmäß’gen König
Entsetzt und seine arme Königin
Nach Frankreich fortgesandt, woher sie kam,
Und ihn nach Pomfret: wo der gute Richard,
Wie jeder weiß, verrät’risch ward ermordet.
WARWICK.
Vater, der Herzog redet wahr;
So kam das Haus von Lancaster zur Krone.
YORK.
Die nun sie durch Gewalt, nicht Recht, behaupten:
Nach Richards Tod, des ersten Sohnes Erben,
War an der Reih’ des nächsten Sohns Geschlecht.
SALISBURY.
Doch William Hatfield starb ohn’ einen Erben.
YORK.
Der dritte, Herzog Clarence, von des Stamm
Entsprossen ich die Krone heische, hatte
Nachkommenschaft: Philippa, eine Tochter,
Vermählt mit Edmund Mortimer, Graf von March.
Edmund erzeugte Roger, Graf von March,
Roger erzeugte Edmund, Anna und Lenore.
SALISBURY.
Der Edmund machte, unter Bolingbroke,
Wie ich gelesen, Anspruch an die Krone;
Und wo’s nicht Owen Glendower getan,
So wär’ er König worden: denn der hielt
Ihn in Gefangenschaft bis an den Tod.
Doch weiter!
[618] YORK.
Seine ältste Schwester Anna
Und meine Mutter, als der Krone Erbin,
Heiratete Richard, Graf von Cambridge, Sohn
Von Edmund Langley, fünftem Sohn Eduard des Dritten.
Auf sie bau’ ich den Anspruch: sie war Erbin
Von Roger, Graf von March; der war der Sohn
Von Edmund Mortimer, der Philippen hatte,
Die einz’ge Tochter Lionels von Clarence.
So, wenn des ältern Sohns Nachkommenschaft
Vor der des jüngern vorgeht, bin ich König.
WARWICK.
Das Klarste kann nicht klarer sein als dies.
Heinrich besitzt den Thron von John von Gaunt,
Dem vierten Sohn; York heischt ihn von dem dritten
Bis Lionels Geschlecht erloschen, sollte
Seins nicht regieren; es erlosch noch nicht,
Es blüht vielmehr in dir und deinen Söhnen,
Den schönen Sprößlingen von solchem Stamm.
Drum, Vater Salisbury, laß beid’ uns knien
Und hier am stillen Ort die ersten sein,
Die unsern echten Oberherm begrüßen
Mit Ehren des Geburtsrechts an den Thron.
BEIDE.
Lang’ lebe König Richard, unser Herr!
YORK.
Wir danken euch. Doch, Lords, ich bin nicht König,
Bis ich gekrönt bin und mein Schwert sich färbte
Mit Herzblut von dem Hause Lancaster;
Und das ist übereilt nicht auszuführen,
Mit Klugheit nur und stiller Heimlichkeit.
Tut ihr wie ich in diesen schlimmen Tagen:
Seid blind für Herzog Suffolks Übermut,
Für Beauforts Stolz, die Ehrsucht Somersets,
Für Buckingham und ihre ganze Schar;
Bis sie der Herde Schäfer erst verstrickt,
Den tugendhaften Prinzen, Herzog Humphrey.
Das suchen sie und finden, dieses suchend,
Den eignen Tod, weiß York zu prophezein.
SALISBURY.
Mylord, genug! Wir sind nun unterrichtet.
WARWICK.
Mein Herz beteuert mir, der Graf von Warwick
Macht Herzog York zum König eines Tags.
[619] YORK.
Und, Nevil, dies beteur’ ich selber mir:
Richard erlebt’s und macht den Graf von Warwick
Zum größten Mann in England, nach dem König.

Alle ab.
Dritte Szene

[619] Ebendaselbst. Ein Gerichtssaal.

Trompeten. König Heinrich, Königin Margareta, Gloster, York, Suffolk und Salisbury treten auf; die Herzogin von Gloster, Grete Jordan, Southwell, Hume und Bolingbroke werden von der Wache herein geführt.

KÖNIG HEINRICH.

Kommt vor, Frau Leonore Cobham, Glosters Weib.
Vor Gott und uns ist Eu’r Vergehen groß:
Empfanget des Gesetzes Spruch für Sünden,
Die Gottes Schrift zum Tod verurteilt hat. –
Ihr vier von hier zurück in das Gefängnis,
Von dannen an den Platz der Hinrichtung.
Die Hexe brenn’ in Smithfield man zu Asche,
Und ihr drei sollt erwürgt am Galgen werden. –
Ihr, Herzogin, als edler von Geburt,
Sollt, Eurer Ehre lebenslang beraubt,
Nach dreien Tagen öffentlicher Buße
Im Banne hier in Eurem Lande leben,
Mit Sir John Stanley in der Insel Man.
HERZOGIN.
Willkommen Bann, willkommen wäre Tod.
GLOSTER.
Das Recht hat, Leonore, dich gerichtet;
Rechtfert’gen kann ich nicht, wen es verdammt.

Die Herzogin und die übrigen Gefangnen werden mit Wache abgeführt.

Mein Auge schwimmt, mein Herz ist voller Gram.
Ach, Humphrey, diese Schand’ in deinem Alter
Bringt noch dein Haupt mit Jammer in die Grube! –
Ich bitt’ Eu’r Majestät, weggehn zu dürfen:
Das Leid will Tröstung, und mein Alter Ruh’.
KÖNIG HEINRICH.
Halt, Humphrey, Herzog Gloster! Eh’ du gehst,
[620] Gib deinen Stab mir: Heinrich will sich selbst
Protektor sein; und Gott sei meine Hoffnung,
Mein Schutz, mein Hort und meiner Füße Leuchte!
Und geh in Frieden, Humphrey: noch so wert,
Als da du warst Protektor deinem König.
KÖNIGIN.
Ich sehe nicht, warum ein münd’ger König
Beschützt zu werden brauchte wie ein Kind.
Mit Gott soll Heinrich Englands Steuer führen:
Herr, gebt den Stab und laßt ihn selbst regieren.
GLOSTER.
Den Stab? Hier, edler Heinrich, ist mein Stab.
So willig mag ich selbigem entsagen,
Als mich dein Vater Heinrich hieß ihn tragen;
So willig lass’ ich ihn zu deinen Füßen,
Als andre dran den Ehrgeiz würden büßen.
Leb wohl, mein König! Wenn ich hingeschieden,
Umgebe deinen Thron ruhmvoller Frieden!

Ab.

KÖNIGIN.
Ja, nun ist Heinrich Herr, Margreta Königin,
Und Humphrey, Herzog Gloster, kaum er selbst;
So arg verstümmelt, auf einmal zwei Stöße,
Sein Weib verbannt, und abgehaun ein Glied,
Der überreichte Stab: – hier sei sein Stand,
Wo er sich hingeziemt, in Heinrichs Hand.
SUFFOLK.
So hängt der hohe Fichtenbaum die Zweige,
So geht Lenorens Stolz, noch jung, zur Neige.
YORK.
Lords, laßt ihn ziehn. – Beliebt’s Eu’r Majestät,
Dies ist der Tag, zum Zweikampf anberaumt,
Und Kläger und Beklagter stehn bereit,
Der Waffenschmied und sein Lehrbursch’ an den Schranken
Geruht Eu’r Hoheit das Gefecht zu sehn.
KÖNIGIN.
Ja, mein Gemahl; denn dazu eben kam ich
Vom Hof, um ausgemacht den Streit zu sehn.
KÖNIG HEINRICH.
In Gottes Namen, richtet alles ein:
Hier laßt sie’s enden, und schütze Gott das Recht!
YORK.
Nie sah ich schlechter einen Kerl gemutet,
Noch mehr in Angst zu fechten, als den Kläger,
Den Burschen dieses Waffenschmieds, Mylords.

Von der einen Seite kommt Horner mit seinen Nachbarn, die ihm so viel zutrinken, daß er betrunken ist; er trägt eine Stange mit einem daran[621] befestigten Sandbeutel, und eine Trommel geht vor ihm her; von der andern Seite Peter mit einer Trommel und eben solcher Stange, begleitet von Lehrburschen, die ihm zutrinken.

ERSTER NACHBAR. Hier, Nachbar Horner, trinke ich Euch zu mit einem Glase Sekt; und seid nicht bange, Nachbar, es wird schon gut gehen.
ZWEITER NACHBAR. Und hier, Nachbar, habt Ihr ein Glas Scharneco.
DRITTER NACHBAR. Und hier ist eine Kanne gutes Doppelbier, Nachbar: trinkt, und fürchtet Euch nicht vor Eurem Burschen.
HORNER. Nur her damit, meiner Treu, und ich will euch allen Bescheid tun, und ich frage den Kuckuck nach Peter.
ERSTER LEHRBURSCHE. Hier, Peter, ich trinke dir zu, und sei nicht bange.
ZWEITER LEHRBURSCHE. Lustig, Peter, und fürchte dich nicht vor deinem Meister; schlage dich für die Reputation von uns Lehrburschen.
PETER. Ich danke euch allen; trinkt und betet für mich, ich bitte euch: denn ich denke, ich habe meinen letzten Trunk in dieser Welt zu mir genommen. – Da, Ruprecht, wenn ich sterbe, so gebe ich dir mein Schurzfell, und Fritz, du sollst meinen Hammer haben; und da, Thoms, nimm alles Geld, das ich habe. – O Herr, sei mir gnädig und barmherzig! Ich kann es nimmermehr mit meinem Meister aufnehmen, er hat schon so viel Fechten gelernt.
SALISBURY. Kommt, laßt das Trinken sein und kommt zu den Streichen. Wie ist dein Name, Bursch?
PETER. Je nun, Peter.
SALISBURY. Peter! Wie weiter?
PETER. Puff.
SALISBURY. Puff! Nun, so sieh zu, daß du deinen Meister tüchtig puffst.
HORNER. Leute, ich bin so zu sagen auf Verlangen meines Gesellen hergekommen, um zu beweisen, daß er ein Hundsfott ist und ich ein ehrlicher Mann; und was den Herzog von York anbetrifft, so will ich darauf sterben, daß ich niemals was wider ihn im Sinne gehabt habe, und gegen den König und [622] die Königin auch nicht. Und also sieh dich vor, Peter, ich will tüchtig ausholen.
YORK.
Macht fort, schon lallt die Zunge diesem Schelm.
Trompeten blast, den Kämpfern zum Signal!

Signal von Trompeten. Sie fechten, und Peter schlägt seinen Meister zu Boden.

HORNER. Halt, Peter, halt! Ich bekenne, ich bekenne meine Verräterei. Stirbt.
YORK. Nehmt seine Waffe weg. – Danke Gott, Gesell, und dem guten Wein in deines Meisters Kopf.
PETER. O Gott! Habe ich meinen Feinden in dieser hohen Versammlung obgesiegt? O Peter, du hast deine gute Sache behauptet!
KÖNIG HEINRICH.
Schafft den Verräter weg aus unsern Augen,
Denn seine Schuld beweiset uns sein Tod,
Und offenbart hat der gerechte Gott
Die Treu’ und Unschuld dieses armen Menschen,
Den widerrechtlich er zu morden dachte. –
Komm mit, Gesell, empfange deinen Lohn!

Alle ab.
Vierte Szene

[622] Ebendaselbst. Eine Straße.

Gloster tritt auf, von Bedienten begleitet; sämtlich in Trauermänteln.

GLOSTER.

So hat der hellste Tag manchmal Gewölk,
Dem Sommer folgt der kahle Winter stets
Mit seinem grimm’gen, bitterlichen Frost:
So strömet Freud’ und Leid, wie Zeiten wandeln. –
Was ist die Glocke, Leute?
BEDIENTER.
Zehn, Mylord.
GLOSTER.
Zehn ist die Stunde, die man mir bestimmt,
Zu warten auf mein büßendes Gemahl.
Fast schwer mag sie die stein’gen Straßen dulden,
Mit zartgefühl’gem Fuß sie zu betreten.
Herz-Lene! Schlecht erträgt dein edler Mut
[623] Verworfnes Volk, das ins Gesicht dir gafft,
Mit häm’schen Blicken lachend deiner Schmach,
Das sonst den stolzen Wagenrädern folgte,
Wenn im Triumph du durch die Straßen fuhrst.
Doch still! Da kommt sie, denk’ ich, und nun soll
Mein tränbeschwemmtes Aug’ ihr Elend sehn.

Die Herzogin von Gloster kommt in einem weißen Hemde, Papiere auf dem Rücken geheftet, barfuß, und mit einer brennenden Kerze in der Hand; Sir John Stanley, ein Sheriff und Beamte.

BEDIENTER.
Geruhn Eu’r Gnaden, und wir machen sie
Von Sheriffs Händen los.
GLOSTER.
Nein, rührt euch nicht,
Bei Leib und Leben, laßt vorbei sie ziehn.
HERZOGIN.
Kommt Ihr, Gemahl, um meine Schmach zu sehn?
Nun tust du Buße mit. Sieh, wie sie gaffen!
Sieh, wie die trunkne Schar mit Fingern weist,
Mit Köpfen nickt und Augen auf dich wirft!
Ach, Gloster, birg dich den gehäss’gen Blicken,
Klag’, eingesperrt im Zimmer, meine Schmach
Und fluch’ auf deine Feinde, mein’ und deine!
GLOSTER.
Geduldig, liebe Lene! Vergiß dies Leid!
HERZOGIN.
Ah, Gloster, lehre mir, mich selbst vergessen!
Denn, weil ich denk’, ich bin dein eh’lich Weib
Und du ein Prinz, Protektor dieses Lands,
Dünkt mich, ich sollte so geführt nicht werden,
In Schmach gesteckt, mit Zetteln auf dem Rücken,
Ein Pöbel hinter mir, der meiner Tränen
Und tief geholten Seufzer sich erfreut.
Der grimm’ge Kiesel ritzt die zarten Füße,
Und fahr’ ich auf, so lacht das häm’sche Volk
Und heißt mich Achtung geben, wie ich trete.
Ah, Humphrey, kann ich’s tragen, dieses Joch?
Meinst du, ich werde je die Welt anschaun
Und glücklich achten, wem die Sonne scheint?
Nein, Dunkel sei mein Licht, und Nacht mein Tag,
Und Denken meines Pomps sei meine Hölle.
Dann sag ich: Ich bin Herzog Humphreys Weib,
Und er ein Prinz und ein Regent des Lands;
[624] Doch so regiert’ er und war solch ein Prinz,
Daß er dabei stand, während ich Hülflose
Zum Wunder ward gemacht und zum Gespött
Von jedem müß’gen Buben aus dem Troß.
Sei du nur mild, erröte nicht für mich,
Kehr’ dich an nichts, bis über dir das Beil
Des Todes hängt, wie sicher bald geschieht.
Denn Suffolk, er, der alles ist in allem
Bei ihr, die dich haßt und uns alle haßt,
Und York, und Beaufort, der ruchlose Pfaff’,
Sie alle stellten Vogelruten dir;
Und flieg’ du, wie du kannst, sie fangen dich.
Doch fürchte nichts, bis sich dein Fuß verstrickt,
Und such’ nie deinen Feinden vorzukommen!
GLOSTER.
Ach, Lene, halt! Du zielest gänzlich fehl.
Eh’ muß ich schuldig sein als überwiesen;
Und hätt’ ich zwanzigmal so viele Feinde,
Und jeder hätte zwanzigmal mehr Macht,
Die alle könnten keine Not mir schaffen,
Solang’ ich redlich bin, getreu und schuldlos.
Wollt’st du, ich sollte von dem Schimpf dich retten?
Die Schande wär’ ja dennoch nicht verwischt,
Doch ich gefährdet durch Gesetzes Bruch.
Die beste Hülf ist Ruhe, liebe Lene;
Ich bitt’ dich, füge zur Geduld dein Herz.
Das Aufsehn wen’ger Tage legt sich bald.

Ein Herold tritt auf.

HEROLD. Ich lade Euer Gnaden zu Seiner Majestät Parlament, das zu Bury am Ersten nächstkommenden Monats gehalten werden soll.
GLOSTER.
Und nicht erst meine Beistimmung gefragt!
Das nenn’ ich heimlich. – Gut, ich komme hin.

Herold ab.

Ich scheide, liebe Lene, – und, Meister Sheriff,
Laßt nach des Königs Auftrag nur sie büßen.
SHERIFF.
Mein Auftrag ist hier aus, beliebt’s Eu’r Gnaden;
[625] Und Sir John Stanley ist nunmehr bestallt,
Sie mitzunehmen nach der Insel Man.
GLOSTER.
Habt Ihr, Sir John, in Aufsicht mein Gemahl?
STANLEY.
Ja, gnäd’ger Herr, dies Amt ist mir erteilt.
GLOSTER.
Verfahrt mit ihr nicht härter, weil ich bitte,
Daß Ihr sie schont. Die Welt mag wieder lächeln,
Und ich noch Gutes Euch erweisen, wenn
Ihr’s ihr getan. Und so, Sir John, lebt wohl!
HERZOGIN.
Geht mein Gemahl und sagt mir kein Lebwohl?
GLOSTER.
Die Tränen zeugen, daß ich’s nicht vermag.

Gloster und Bediente ab.

HERZOGIN.
Auch du bist fort? Geh’ aller Trost mit dir!
Denn keiner bleibt bei mir: mich freut nur Tod,
Tod, dessen Namen sonst mich oft geschreckt,
Weil Ewigkeit in dieser Welt ich wünschte. –
Stanley, ich bitt’ dich, geh, nimm mich von hinnen;
Gleichviel wohin, ich bitte nicht um Gunst,
Geleit’ mich nur, wo dir’s befohlen ward.
STANLEY.
Ei, gnäd’ge Frau, das ist zur Insel Man.
Nach Eurem Stand gehalten dort zu werden.
HERZOGIN.
Das wäre schlimm genug: ich bin nur Schimpf,
Und soll ich schimpflich denn gehalten werden?
STANLEY.
Wie eine Herzogin, Humphreys Gemahl:
Nach diesem Stand sollt Ihr gehalten werden.
HERZOGIN.
Sheriff, leb wohl, und besser, als ich lebe,
Wiewohl du Führer meiner Schande warst.
SHERIFF.
Es ist mein Amt, verzeiht mir, gnäd’ge Frau.
HERZOGIN.
Ja, ja, leb wohl! Dein Amt ist nun versehn.
Komm, Stanley, soll’n wir gehn?
STANLEY.
Werft ab dies Hemde, nach getaner Buße,
Und gehn wir, um zur Reis’ Euch anzukleiden.
HERZOGIN.
Die Schande wechsl’ ich mit dem Hemde nicht,
Nein, sie wird an den reichsten Kleidern hängen,
Sich zeigen, wie ich auch mich schmücken mag.
Geh, führe! Mich verlangt in mein Gefängnis.

Ab.
Dritter Aufzug
Erste Szene

[626] Die Abtei zu Bury.

König Heinrich, Königin Margareta, Kardinal Beaufort, Suffolk, York, Buckingham und andre zum Parlament.

KÖNIG HEINRICH.

Mich wundert, daß Mylord von Gloster fehlt:
Er pflegt sonst nicht der letzte Mann zu sein,
Was für ein Anlaß auch ihn jetzt entfernt.
KÖNIGIN.
Könnt Ihr nicht sehn und wollt Ihr nicht bemerken,
Wie fremd sich sein Gesicht verwandelt hat?
Mit welcher Majestät er sich beträgt?
Wie übermütig er seit kurzem ward,
Wie stolz, wie herrisch und sich selbst nicht gleich?
Ich weiß die Zeit, da er noch mild und freundlich war,
Und warfen wir nur einen Blick von fern,
Gleich war er auf den Knieen, daß der Hof
Voll von Bewund’rung war für seine Demut.
Doch trefft ihn jetzt, und sei es morgens früh,
Wann jedermann die Tageszeit doch bietet,
Er zieht die Brau’n und zeigt ein zornig Auge
Und geht mit ungebognem Knie vorbei,
Die Schuldigkeit, die uns gebührt, verschmähend.
Man achtet kleiner Hunde Murren nicht,
Doch Große zittern, wenn der Löwe brüllt,
Und Humphrey ist kein kleiner Mann in England.
Erst merkt, daß er Euch nah ist von Geburt
Und, wenn Ihr fallt, der nächste wär’ zum Steigen.
Drum, deucht mir, ist es keine Politik,
Erwogen, welchen Groll er trägt im Herzen,
[627] Und daß sein Vorteil Eurem Hintritt folgt,
Daß er zu Eurer fürstlichen Person
Und Euer Hoheit Rat den Zutritt habe.
Des Volkes Herz gewann ihm Schmeichelei,
Und wenn’s ihm einfällt, Aufstand zu erregen,
So ist zu fürchten, alles folgt ihm nach.
Jetzt ist es Frühling, und das Unkraut wurzelt
Nur flach noch; duldet’s jetzt, so wuchert es
Im ganzen Garten und erstickt die Kräuter
Aus Mangel einer fleiß’gen Landwirtschaft.
Die ehrerbiet’ge Sorg’ um meinen Herrn
Ließ mich im Herzog die Gefahren lesen.
Wenn’s töricht ist, nennt’s eine Weiberfurcht,
Und können beßre Gründe sie verdrängen,
Gesteh’ ich gern, ich tat zu nah dem Herzog.
Mylord von Suffolk, Buckingham und York,
Stoßt um das Angeführte, wenn ihr könnt;
Wo nicht, laßt meine Worte gültig sein.
SUFFOLK.
Wohl schaut Eu’r Hoheit diesen Herzog durch,
Und hätt’ ich erst die Meinung äußern sollen,
Ich hätt’ in Euer Gnaden Sinn gestimmt.
Die Herzogin begann auf seinen Antrieb,
So wahr ich lebe, ihre Teufelskünste;
Und war er nicht Mitwisser dieser Schuld,
Doch hat Erwägung seiner hohen Abkunft,
Da nach dem König er zum Thron der Nächste,
[Und derlei Prahlen mit des Blutes Adel]
Die hirnverbrannte Herzogin gereizt,
Böslich nach unsers Fürsten Fall zu trachten.
Wo tief der Bach ist, läuft das Wasser glatt,
Und sein so schlichter Schein herbergt Verrat;
Der Fuchs bellt nicht, wann er das Lamm will stehlen.
Nein, nein, mein König! Gloster ist ein Mann,
Noch unergründet und voll tiefen Trugs.
KARDINAL.
Erfand er, dem Gesetz zuwider, nicht
Für kleine Fehler fremde Todesarten?
YORK.
Und hob er nicht in der Protektorschaft
Im Reiche große Summen Gelds für Sold
[628] Des Heers in Frankreich, den er niemals sandte,
Weshalb die Städte täglich sich empörten?
BUCKINGHAM.
Pah! Dies sind kleine Fehler, neben jenen
Verborgnen, welche bald die Zeit ans Licht
Am gleisnerischen Herzog Humphrey bringt.
KÖNIG HEINRICH.
Mylords, mit eins: die Sorge, die ihr tragt
Die Dornen wegzumähn vor unsern Füßen,
Heischt Lob; doch soll ich nach Gewissen reden?
So rein ist Oheim Gloster, auf Verrat
An unsrer fürstlichen Person zu sinnen,
Als eine sanfte Taub’, ein säugend Lamm;
Der Herzog ist zu tugendsam und mild,
Er träumt kein Arg und sucht nicht mein Verderben.
KÖNIGIN.
Ah, wie gefährlich ist dies blinde Zutrau’n!
Er eine Taub’? Entlehnt ist sein Gefieder,
Denn wie der arge Rab’ ist er gesinnt.
Ist er ein Lamm? Sein Fell muß ihm gelieh’n sein,
Denn räuberischen Wölfen gleicht sein Mut.
Wer trügen will, kann einen Schein wohl stehlen.
Herr, seht Euch vor: die Wohlfahrt von uns allen
Hängt an dem Fallen dieses falschen Manns.

Somerset tritt auf.

SOMERSET.
Heil meinem gnäd’gen Herrn!
KÖNIG HEINRICH.
Seid uns willkommen,
Lord Somerset! Was gibt’s in Frankreich Neues?
SOMERSET.
Daß alles Euer Teil an dort’gen Landen
Euch gänzlich ist benommen: alles hin!
KÖNIG HEINRICH.
Schlimm Glück, Lord Somerset! Doch, wie Gott will.
YORK beiseit.
Schlimm Glück fürmich! Ich hatt’ auf Frankreich Hoffnung,
So fest ich auf das reiche England hoffe.
So sterben meine Blüten in der Knospe,
Und Raupen zehren meine Blätter weg;
Allein in kurzem steur’ ich diesem Handel,
Sonst kauft mein Anspruch mir ein rühmlich Grab.

Gloster tritt auf.

[629] GLOSTER.
Heil sei und Glück dem König, meinem Herrn!
Vergebt, mein Fürst, daß ich so lang’ verzog.
SUFFOLK.
Nein, Gloster, wisse, du kamst allzu früh.
Du müßtest treuer, als du bist, denn sein:
Denn ich verhafte dich um Hochverrat.
GLOSTER.
Gut, Suffolk, nicht erröten sollst du mich
Noch Mienen ändern sehn um den Verhaft:
Ein fleckenloses Herz zagt nicht so leicht.
Der reinste Quell ist nicht so frei von Schlamm,
Als ich’s bin von Verrat an meinem Herrn.
Wer klagt mich an, und wessen bin ich schuldig?
YORK.
Man glaubt, Mylord, daß Frankreich Euch bestochen,
Und daß Ihr unterschlugt der Truppen Sold,
Was Seine Hoheit dann um Frankreich brachte.
GLOSTER.
Man glaubt es nur? Wer sind sie, die das glauben?
Ich raubte nie den Truppen ihren Sold
Und hatte keinen Pfennig je von Frankreich.
So helf’ mir Gott, wie ich des Nachts gewacht,
Ja Nacht für Nacht, auf Englands Wohlfahrt sinnend!
Der Deut, den ich dem König je entrungen,
Der Grosche, den ich aufgehäuft für mich,
Sei am Gerichtstag wider mich gebracht.
Nein, manches Pfund von meinen eignen Mitteln,
Weil ich das dürft’ge Volk nicht wollte schatzen,
Hab’ ich an die Besatzungen gezahlt
Und meinen Vorschuß nie zurück verlangt.
KARDINAL.
Es steht Euch an, Mylord, das zu behaupten.
GLOSTER.
Ich sag’ die Wahrheit nur, so Gott mir helfe!
YORK.
In der Protektorschaft erfandet Ihr
Für Missetäter unerhörte Martern,
Daß England ward verschrien um Tyrannei.
GLOSTER.
Weiß doch ein jeder, daß ich als Protektor
Allein des Mitleids Fehler an mir hatte.
Ich schmolz bei eines Missetäters Tränen.
Demüt’ge Worte lösten ihr Vergehn.
War’s nicht ein blut’ger Mörder oder Dieb,
Der tückisch arme Reisende geplündert,
So gab ich niemals die verwirkte Strafe.
[630] Mord zwar, die blut’ge Sünde, martert’ ich
Noch über Diebstahl oder was auch sonst.
SUFFOLK.
Herr, dies sind leichte Fehl’, und bald entschuldigt,
Doch größerer Verbrechen zeiht man Euch,
Wovon Ihr nicht so leicht Euch rein’gen könnt.
Ich geb’ Euch Haft in Seiner Hoheit Namen
Und überliefr’ Euch dem Lord Kardinal,
Auf ferneres Verhör Euch zu verwahren.
KÖNIG HEINRICH.
Ich hoff’ absonderlich, Mylord von Gloster,
Von allem Argwohn Euch befreit zu sehn:
Ihr seid unschuldig, sagt mir mein Gewissen.
GLOSTER.
Ach, gnäd’ger Herr, gefahrvoll ist die Zeit!
Die Tugend wird erstickt vom schnöden Ehrgeiz,
Und Nächstenliebe fortgejagt vom Groll;
Gehäss’ge Anstiftungen walten vor,
Und Billigkeit ist aus dem Reich verbannt.
Ich weiß, ihr Anschlag zielet auf mein Leben;
Und wenn mein Tod dies Eiland glücklich machen
Und ihre Tyrannei beenden könnte,
Ich gäb’ es dran mit aller Willigkeit.
Doch meiner ist nur ihres Stücks Prolog;
Mit Tausenden, die noch Gefahr nicht träumen,
Ist ihr entworfnes Trauerspiel nicht aus.
Beauforts rotfunkelnd Aug’ schwatzt seinen Groll aus,
Und Suffolks düstre Stirn den stürm’schen Haß;
Der scharfe Buckingham entladet sich
Der häm’schen Last des Herzens mit der Zunge;
Der mürr’sche York, der nach dem Monde greift,
Und des vermeßnen Arm ich rückwärts riß,
Zielt mir mit falscher Klage nach dem Leben.
Und Ihr auch, meine Fürstin, mit den adern,
Habt grundlos Schmähung auf mein Haupt gelegt
Und meinen besten Oberherrn gereizt,
Mit eifrigstem Bemühn, mein Feind zu sein.
Ja, alle stakt zusammen ihr die Köpfe, –
Ich wußte selbst von euren Konventikeln, –
Und bloß, mein schuldlos Leben wegzuschaffen.
Mich zu verdammen gibt’s wohl falsche Zeugen,
[631] Und Haufen von Verrat, die Schuld zu mehren;
Das alte Sprichwort wird bewährt sich zeigen:
Einen Hund zu schlagen, find’t sich bald ein Stock.
KARDINAL.
Mein Oberherr, sein Schmähn ist unerträglich.
Wenn die, so Eure fürstliche Person
Vor des Verrats verstecktem Dolch bewahren,
Getadelt so, gehöhnt, gescholten werden
Und man dem Schuld’gen Raum zu reden gibt,
Es muß den Eifer für Eu’r Gnaden kühlen.
SUFFOLK.
Hat er nicht unsre Fürstin hier gezwackt
Mit schmäh’nden Worten, klüglich zwar gestellt,
Als ob sie Leute angestiftet hätte,
Zum Umsturz seiner Würde falsch zu schwören?
KÖNIGIN.
Ich kann ja den Verlierer schelten lassen.
GLOSTER.
Viel wahrer als Ihr’s meintet! Wohl verlier’ ich:
Fluch den Gewinnern, denn sie spielten falsch!
Wer so verliert, der hat wohl Recht zu reden.
BUCKINGHAM.
Er wird mit Deuteln hier den Tag verbringen.
Lord Kardinal, er ist in Eurer Haft.
KARDINAL.
Ihr, bringt den Herzog fort, verwahrt ihn sicher!
GLOSTER.
Ach, so wirft Heinrich seine Krücke weg,
Eh’ seine Beine stark sind, ihn zu tragen;
So schlägt man dir den Schäfer von der Seite,
Und Wölfe blecken, wer dich erst soll schlingen.
Ach, wäre meine Furcht, wär’ sie doch Wahn!
Dein Unheil, guter König, seh’ ich nahn.

Einige aus dem Gefolge mit Gloster ab.

KÖNIG HEINRICH.
Lords, was das beste eurer Weisheit dünkt,
Beschließt, verwerft, als ob wir selbst hier wären.
KÖNIGIN.
Eu’r Hoheit will das Parlament verlassen?
KÖNIG HEINRICH.
Ja, Margareta! Gram ertränkt mein Herz,
Und seine Flut ergießt sich in die Augen;
Umgürtet ist mein Leib mit Elend ganz,
Denn kann elender was als Mißmut sein?
Ach, Oheim Humphrey! Dein Gesicht enthält
Den Abriß aller Ehr’ und Biederkeit,
Und noch, du Guter, soll die Stunde kommen,
[632] Wo ich dich falsch erprobt und dir mißtraut.
Welch finstrer Stern beneidet jetzt dein Glück,
Daß diese großen Lords und mein Gemahl
Dein harmlos Leben zu verderben trachten?
Du kränktest niemals sie und kränktest keinen;
Und wie das Kalb der Metzger nimmt und bindet’s,
Und schlägt das arme, wenn es abwärts schweift,
So haben sie ihn grausam weggeführt.
Und wie die Mutter brüllend läuft umher,
Hinsehend, wo ihr Junges von ihr geht,
Und kann nichts tun, als um ihr Herzblatt jammern:
So jammr’ ich um des guten Glosters Fall
Mit hülflos leid’gen Tränen, seh’ ihm nach
Mit trübem Aug’, und kann nichts für ihn tun,
So mächtig sind, die Feindschaft ihm geschworen.
Drum will ich gehn und weinen um sein Los,
Und zwischen jedem Ächzen sag’ ich immer:
Wer ist Verräter? Gloster nun und nimmer!

Ab.

KÖNIGIN.
Ihr freien Lords, Schnee schmilzt vom Sonnenstrahl.
Heinrich, mein Gatt’, ist kalt in großen Dingen,
Zu voll von blödem Mitleid; und Glosters Schein
Betört ihn, wie das traur’ge Krokodil
Mit Weh gerührte Wanderer bestrickt,
Wie eine Schlang’, auf Blumenhöh’n geringelt,
Mit gleißend buntem Balg, den Knaben sticht,
Dem sie der Schönheit halb vortrefflich dünkt.
Glaubt mir, wenn niemand weiser wär’ als ich
(Und doch lob’ ich hierin den eignen Witz),
Der Gloster würde dieser Welt bald los,
Von unsrer Furcht vor ihm uns loszumachen.
KARDINAL.
Zwar, daß er sterb’, ist würd’ge Politik,
Doch braucht’s Beschönigung für seinen Tod.
Man muß ihn nach des Rechtes Lauf verdammen.
SUFFOLK.
Nach meinem Sinn wär’ das nicht Politik.
Der König wird sich mühn für seine Rettung;
Das Volk steht auf vielleicht für seine Rettung;
Und dennoch haben wir nur kahlen Grund,
Mehr als Verdacht, des Tods ihn wert zu zeigen.
[633] YORK.
Demnach begehrt Ihr seinen Tod nicht sehr.
SUFFOLK.
Ah, York, kein Mensch auf Erden wünscht ihn mehr!
YORK.
York hat am meisten Grund zu seinem Tod. –
Doch, Mylord Kardinal, und Ihr, Mylord von Suffolk,
Sagt, wie ihr denkt, und sprecht vom Herzen weg:
Wär’s nicht all eins, den hungrigen Adler setzen
Zum Schutz des Küchleins vor dem gier’gen Geier
Und Herzog Humphrey zum Protektor stellen?
KÖNIGIN.
So wär’ des armen Küchleins Tod gewiß.
SUFFOLK.
Ja, gnäd’ge Frau; und wär’s nicht Raserei,
Dem Fuchs der Hürde Aufsicht zu vertraun?
Verklagte man als schlauen Mörder ihn,
So würd’ es seine Schuld nur schlecht bemänteln,
Daß er den Vorsatz noch nicht ausgeführt.
Nein, sterb’ er, sintemal ein Fuchs er ist,
Als Feind der Herde von Natur bewährt,
Eh’ purpurn Blut den Rachen ihm befleckt,
Wie Gloster, unsers Herrn erwiesner Feind.
Und hängt an Skrupeln nicht, wie man ihn töte:
Sei es mit Fallen, Schlingen, Schlauigkeit,
Im Schlaf, im Wachen, das gilt alles gleich,
Ist er nur tot: denn das ist guter Trug,
Der den erst schlägt, der erst sich legt auf Trug.
KÖNIGIN.
Du sprichst entschlossen, dreimal edler Suffolk?
SUFFOLK.
Entschlossen nicht, wenn es nicht auch geschieht,
Denn oft sagt man ein Ding und meint es nicht.
Doch daß mein Herz mit meiner Zunge stimmt,
Weil für verdienstlich ich die Tat erkenne,
Und meinen Herrn von seinem Feind zu retten:
Sagt nur das Wort, ich will sein Priester sein.
KARDINAL.
Ich aber wünscht’ ihn tot, Mylord von Suffolk,
Eh’ Ihr Euch könnt zum Priester weihen lassen.
Sagt, Ihr stimmt bei und heißet gut die Tat,
Und einen Henker will ich ihm besorgen,
So wert ist mir des Fürsten Sicherheit.
SUFFOLK.
Hier meine Hand, die Tat ist tuenswert.
[634] KÖNIGIN.
Das sag’ auch ich.
YORK.
Und ich; und nun wir drei es ausgesprochen,
Verschlägt’s nicht viel, wer unsern Spruch bestreitet.

Ein Bote tritt auf.

BOTE.
Ihr großen Lords, von Irland eilt’ ich her,
Zu melden, daß Rebellen dort erstanden,
Die mit dem Schwert die Englischen vertilgen.
Schickt Hülfe, Lords, und hemmt die Wut beizeiten,
Bevor die Wunde noch unheilbar wird;
Denn, da sie frisch, steht Hülfe sehr zu hoffen.
KARDINAL.
Ein Bruch, der schleunigst ausgefüllt muß werden!
Was ratet Ihr bei diesem wicht’gen Fall?
YORK.
Daß Somerset gesandt werd’ als Regent.
Den glücklichen Regierer muß man brauchen;
Das Glück bezeugt’s, das er in Frankreich hatte.
SOMERSET.
Wenn York mit all der feinen Politik
Statt meiner dort Regent gewesen wäre,
Er wär’ in Frankreich nicht so lang’ geblieben.
YORK.
Nein, nicht wie du, um alles zu verlieren:
Mein Leben hätt’ ich zeitig eh’ verloren,
Als eine Last von Schande heimzubringen
Durch Bleiben, bis verloren alles war.
Zeig’ eine Narb’, auf deiner Haut geritzt!
Nicht leicht gewinnt, wer so den Leib beschützt.
KÖNIGIN.
Ja, dann wird dieser Funk’ ein wütend Feuer,
Wenn Wind und Zunder, ihn zu nähren, kommt.
Nicht weiter, guter York! Still, lieber Somerset!
Dein Glück, York, wärst du dort Regent gewesen,
Es konnte leicht weit schlimmer sein als seins.
YORK.
Wie? Schlimmer als nichts? Ja dann, Schand’ über alles!
SOMERSET.
Und über dich zugleich, der Schande wünscht!
KARDINAL.
Mylord von York, versucht nun Euer Glück.
Die rohen Kerns von Irland sind in Waffen
Und feuchten Leim mit Blut der Englischen.
Wollt Ihr nach Irland führen eine Schar
[635] Erlesne Leut’, aus jeder Grafschaft ein’ge,
Und Euer Glück im ir’schen Krieg versuchen?
YORK.
Ja, wenn es Seiner Majestät beliebt.
SUFFOLK.
Ei, unser Wort ist seine Beistimmung,
Und, was wir festgesetzt, bestätigt er.
Drum, edler York, nimm dies Geschäft auf dich.
YORK.
Ich bin’s zufrieden: schafft mir Truppen, Lords,
Indes ich Ordnung stell’ in meinen Sachen.
SUFFOLK.
Ein Amt, Lord York, das ich besorgen will.
Doch kommt nun wieder auf den falschen Humphrey.
KARDINAL.
Nichts mehr von ihm: ich will’s mit ihm so machen,
Daß er uns ferner nicht beschweren soll.
Der Tag ist fast vorbei, laßt auf uns brechen;
Lord Suffolk, Ihr und ich, müßt von dem Ausgang sprechen.
YORK.
Mylord von Suffolk, binnen vierzehn Tagen
Erwart’ ich nun zu Bristol meine Macht;
Denn dorten schiff’ ich sie nach Irland ein.
SUFFOLK.
Es soll mit Fleiß geschehn, Mylord von York.

Alle ab außer York.

YORK.
Jetzt oder nie, York, stähle die Gedanken
Voll Sorg’ und wandle Zweifel in Entschluß:
Sei, was du hoffst zu sein, sonst beut dem Tode
Das, was du bist; ‘s ist nicht Genießens wert.
Laß bleiche Furcht bei niedern Menschen hausen,
Nicht einer königlichen Brust sich nahn.
Wie Frühlingsschauer strömen die Gedanken,
Und kein Gedanke, der nicht Würde denkt.
Mein Hirn, geschäft’ger als die fleiß’ge Spinne,
Webt mühsam Schlingen zu der Feinde Fang.
Gut, Edle, gut! Ihr tut politisch dran,
Mit einem Heer mich auf die Seit’ zu schicken.
Ich sorg’, ihr wärmt nur die erstorbne Schlange,
Die euch, gehegt am Busen, stechen wird.
Ich brauchte Menschen, und ihr gebt sie mir.
Das nehm’ ich gut: doch seid gewiß, ihr gebt
In eines Tollen Hände scharfe Waffen.
[636] Weil ich ein mächtig Heer in Irland nähre,
Will ich in England starken Sturm erregen,
Der an zehntausend Seelen schleudern soll
Zu Himmel oder Höll’; und der soll toben,
Bis auf dem Haupte mir der goldne Reif,
So wie der hehren Sonne klare Strahlen,
Die Wut des tollerzeugten Wirbels stillt.
Und als das Werkzeug dieses meines Plans
Verführt’ ich einen strudelköpf’gen Kenter,
John Cade aus Ashford,
Aufruhr zu stiften, wie er’s wohl versteht,
Unter dem Namen von John Mortimer.
In Irland sah ich den unbänd’gen Cade
Sich einer Schar von Kerns entgegensetzen;
Und focht so lang’, bis seine Schenkel fast
Von Pfeilen starrten wie ein Stachelschwein;
Und, auf die Letzt gerettet, sah ich ihn
Grad’ aufrecht springen wie ein Mohrentänzer,
Die blut’gen Pfeile schüttelnd wie die Glocken.
Gar oftmals, als ein zott’ger schlauer Kern,
Hat er Gespräch gepflogen mit dem Feind
Und ist mir unentdeckt zurückgekommen
Und hat mir ihre Büberei’n gemeldet.
Der Teufel sei mein Stellvertreter hier,
Denn dem John Mortimer, der jetzt gestorben,
Gleicht er von Angesicht, von Sprach’ und Gang.
Daran werd’ ich des Volks Gesinnung merken,
Ob sie geneigt dem Haus und Anspruch Yorks.
Nehmt an, man fing’ ihn, quält’ und foltert’ ihn:
Ich weiß, kein Schmerz, den sie ihm können antun,
Preßt es ihm aus, daß ich ihn angestiftet.
Setzt, ihm gelingt’s, wie’s allen Anschein hat,
Ja, dann komm’ ich mit meiner Macht von Irland
Und ernte, was der Bube hat gesät.
Denn, ist nur Humphrey tot, was bald wird sein,
Und Heinrich weggeschafft, wird alles mein.

AZweite Szene

[637] Bury. Ein Zimmer im Palast.

Ein paar Mörder kommen eilig herein.

ERSTER MÖRDER.

Lauft zu dem Lord von Suffolk, meldet ihm,
Daß wir den Herzog nach Befehl befördert.
ZWEITER MÖRDER.
O wär’ es noch zu tun! Was taten wir?
Hast jemals wen bußfertiger gesehn?

Suffolk tritt auf.

ERSTER MÖRDER.
Da kommt Mylord.
SUFFOLK.
Nun, Leute, habt ihr’s abgetan?
ERSTER MÖRDER.
Ja, bester Herr, er ist tot.
SUFFOLK.
Nun, das ist schön. Geht, macht euch in mein Haus,
Ich will euch lohnen für die dreiste Tat.
Der König und die Pairs sind hier zur Hand;
Habt ihr das Bett zurecht gelegt? und alles
In Ordnung so, wie ich euch angewiesen?
ERSTER MÖRDER.
Ja, bester Herr.
SUFFOLK.
Fort! Packt euch!

Die Mörder ab.

König Heinrich, Königin Margareta, Kardinal Beaufort, Somerset und andre treten auf.

KÖNIG HEINRICH.
Geht, ladet unsern Oheim gleich hieher;
Wir wollen Seine Gnaden heut verhören,
Wiefern er schuldig ist nach dem Gerücht.
SUFFOLK.
Ich will sogleich ihn rufen, gnäd’ger Herr.

Ab.

KÖNIG HEINRICH.
Lords, nehmt euch Plätze. – Und ich bitt’ euch alle,
Verfahrt nicht schärfer gegen unsern Oheim,
Als er auf wahrhaft Zeugnis, guter Art,
In seinen Taten schuldig wird erkannt.
KÖNIGIN.
Verhüte Gott, daß irgend Tücke walte,
Die schuldlos einen Edelmann verdammt!
Gott gebe, daß er von Verdacht sich löst!
[638] KÖNIG HEINRICH.
Margreta, habe Dank! Dies Wort erfreut mich sehr –

Suffolk kommt zurück.

Nun, warum siehst du bleich? Was zitterst du?
Wo ist mein Oheim? Was ist begegnet, Suffolk?
SUFFOLK.
Herr, tot in seinem Bett; Gloster ist tot.
KÖNIGIN.
Verhüt’ es Gott!
KARDINAL.
Das sind die heimlichen Gerichte Gottes!
Ich träumte diese Nacht, stumm sei der Herzog,
Und nicht im stand, ein einzig Wort zu sprechen.

Der König fällt in Ohnmacht.

KÖNIGIN.
Was macht mein Fürst? – Helft, Lords! Der König stirbt.
SOMERSET.
Man richt’ ihn auf, man kneip’ ihn an der Nase.
KÖNIGIN.
Lauft, geht, helft, helft! – O Heinrich, schlag’ die Augen auf!
SUFFOLK.
Er lebt schon auf; seid ruhig, gnäd’ge Frau.
KÖNIG HEINRICH.
O großer Gott!
KÖNIGIN.
Wie fühlt sich mein Gemahl?
SUFFOLK.
Getrost, mein Fürst! Getrost, mein gnäd’ger Heinrich!
KÖNIG HEINRICH.
Wie will Mylord von Suffolk mich getrösten?
Sang er nicht eben mir ein Rabenlied,
Des grauser Ton die Lebenskräfte hemmte;
Und denkt er nun, daß des Zaunkönigs Zirpen,
Indem es Trost zuruft aus hohler Brust,
Den erst vernommnen Laut verjagen kann?
Birg nicht dein Gift in solchen Zuckerworten,
Leg’ nicht die Händ’ an mich: ich sage, laß!
Wie Schlangenstiche schreckt mich ihr Berühren.
Unsel’ger Bot’, aus dem Gesicht mir fort!
Auf deinen Augen sitzt in grauser Hoheit
Mörd’rische Tyrannei, die Welt zu schrecken.
Sieh mich nicht an! Dein Auge blickt verwundend. –
Und dennoch, geh nicht weg! Komm, Basilisk,
Und töte den unschuldigen Betrachter!
[639] Denn in des Todes Schatten find’ ich Lust,
Im Leben zwiefach Tod, da Gloster hin.
KÖNIGIN.
Was scheltet Ihr Mylord von Suffolk so?
Wiewohl der Herzog ihm ein Feind gewesen,
Beklagt er doch höchst christlich seinen Tod.
Was mich betrifft, so sehr er Feind mir war,
Wenn helle Tränen, herzbeklemmend Stöhnen
Und blutverzehrend Seufzen ihn erweckte:
Ich wollte blind mich weinen, krank mich stöhnen,
Bleich sehn von Seufzern, die das Blut wegtrinken,
Und alles um des edlen Herzogs Leben.
Wie weiß ich, was die Welt von mir wohl meint?
Denn unsre hohle Freundschaft war bekannt,
Man glaubt vielleicht, ich hab’ ihn weggeräumt.
So wird Verleumdung meinen Ruf verwunden,
Und Fürstenhöfe füllt mein Vorwurf an.
Dies schafft sein Tod mir. Ach, ich Unglücksel’ge!
Gekrönt, mit Schande Königin zu sein!
KÖNIG HEINRICH.
Ach! Weh um Gloster, um den armen Mann!
KÖNIGIN.
Wehklag’ um mich, die ärmer ist als er!
Wie? Wendest du dich weg und birgst dein Antlitz?
Kein Aussatz macht mich scheußlich, sieh mich an.
Was? Bist du wie die Natter taub geworden?
Sei giftig auch und stich dein arm Gemahl.
Ist all dein Trost in Glosters Grab verschlossen?
Ja, dann war nie Margreta deine Lust;
Dann stell’ ihn auf in Marmor, bet’ ihn an
Und laß mein Bild ein Bierhaus-Schild nur sein.
War’s darum, daß ich fast zur See gescheitert?
Daß unbequemer Wind von Englands Küste
Mich zweimal rückwärts nach der Heimat trieb?
Was deutet’ es, als daß der Wind wohlmeinend
Zu warnen schien: »Such’ kein Skorpionennest
Und fuße nicht an dem feindsel’gen Strand!«
Was tat ich, als den milden Stürmen fluchen
Und dem, der sie aus eh’rner Höhle ließ
Und hieß sie wehn nach Englands Segensstrand,
[640] Wo nicht, auf starren Fels das Steuer treiben?
Doch wollte Aeolus Kein Mörder sein,
Dir überließ er das verhaßte Amt.
Es weigerte die spielend hohe See
Mich zu ertränken, wissend, daß du mich
Am Lande würdest durch unfreundlich Wesen
In Tränen, salzig wie die See, ertränken.
Die Klippen senkten sich in flachen Sand,
Mich nicht an ihren Zacken zu zerschmettern,
Daß, härter noch als sie, dein Kieselherz
In deinem Schloß verdürbe Margareten.
So weit ich deine Kreidefelsen spähte,
Als uns der Sturm zurück vom Ufer schlug,
Stand in dem Wetter ich auf dem Verdeck;
Und als der Dunst um deines Landes Anblick
Mein emsig gaffend Aug’ begann zu täuschen,
Nahm ich vom Hals ein köstliches Juwel
(Es war ein Herz, gefaßt in Diamanten)
Und warf’s dem Lande zu; die See empfing es,
Und so, wünscht’ ich, möcht’ auch dein Leib mein Herz;
Und jetzt verlor ich Englands holden Anblick
Und hieß die Augen mit dem Herzen wandern
Und nannte blinde, trübe Brillen sie,
Weil ihnen Albions teure Küste schwand.
Wie oft versucht’ ich Suffolks Zunge nicht,
Die Botin deines schnöden Unbestands.
Mich zu bezaubern, wie Ascanius tat,
Wann er der irren Dido all die Taten
Des Vaters machte kund seit Trojas Brand!
Schwärm’ ich nicht so wie sie? Bist du nicht falsch wie er?
Weh mir, ich kann nicht mehr! Stirb Margareta!
Denn Heinrich weint, daß ich so lang’ gelebt.

Draußen Getöse. Warwick und Salisbury treten auf.

Das Volk drängt sich zur Türe herein.

WARWICK.
Es will verlauten, mächt’ger Oberherr,
Der gute Herzog Humphrey sei von Suffolk
Und Kardinal Beaufort meuchlerisch ermordet.
[641] Das Volk, wie ein erzürnter Bienenschwarm,
Der seinen Führer mißt, schweift hin und her
Und fragt nicht, wen es sticht in seiner Wut.
Ich stillte selbst die wilde Meuterei,
Bis sie den Hergang seines Todes hören.
KÖNIG HEINRICH.
Sein Tod ist, guter Warwick, allzu wahr;
Doch wie er starb, Gott weiß es, Heinrich nicht.
Geht in sein Zimmer, schaut den Leichnam an
Und macht die Deutung seines jähen Tods.
WARWICK.
Das will ich tun, mein Fürst. – Bleib’, Salisbury,
Beim rohen Haufen, bis ich wiederkehre.

Warwick geht in ein inneres Zimmer, und Salisbury zieht sich zurück.

KÖNIG HEINRICH.
O du, der alles richtet, hemm’ in mir
Gedanken, welche mein Gemüt bereden,
Gewaltsam sei an Humphrey Hand gelegt!
Wenn falsch mein Argwohn ist, verzeih’ mir, Gott!
Denn das Gericht gebühret einzig dir.
Gern möcht’ ich seine bleichen Lippen wärmen
Mit tausend Küssen und auf sein Gesicht
Einen Ozean von salzen Tränen schwemmen;
Dem tauben Körper meine Liebe sagen
Und die fühllose Hand mit meiner fühlen;
Doch all umsonst ist diese Leichenfeier,
Und so sein tot und irdisch Bild beschaun,
Was wär’ es, als mein Leid nur größer machen?
Die Flügeltüre eines innern Zimmers öffnet sich, und man sieht den Gloster tot in seinem Bett; Warwick und andre stehn umher.

WARWICK.
Kommt her, mein gnäd’ger Fürst, seht diese Leiche!
KÖNIG HEINRICH.
Das heißt, wie tief mein Grab gemacht ist, sehn;
Mit seiner Seele floh mein weltlich Heil,
Ihn sehend, seh’ ich nur im Tod mein Leben.
WARWICK.
So sicher meine Seele hofft zu leben,
Bei jenem furchtbar’n König, der auf sich
[642] Den Stand der Menschen nahm, uns zu befrein
Von dem ergrimmten Fluche seines Vaters,
Glaub’ ich, es ward gewaltsam Hand gelegt
An dieses hochberühmten Herzogs Leben.
SUFFOLK.
Ein grauser Eid, und feierlich geschworen!
Was führt Lord Warwick an für seinen Schwur?
WARWICK.
Seht, wie sein Blut sich ins Gesicht gedrängt!
Oft sah ich einen zeitig Abgeschiednen,
Aschfarb von Ansehn, mager, bleich und blutlos,
Weil alles sich ums Herz hihabgezogen,
Das in dem Kampf, den mit dem Tod es hält,
Es an sich zieht zur Hülfe wider seinen Feind,
Wo’s mit dem Herzen kalt wird und nicht rückkehrt,
Die Wangen noch zu röten und verschönen.
Doch sein Gesicht ist schwarz und voller Blut,
Die Augen mehr heraus, als da er lebte,
Entsetzlich starrend, dem Erwürgten gleich,
Das Haar gesträubt, die Nüstern weit vom Ringen,
Die Hände ausgespreizt, wie wer nach Leben
Noch zuckt’ und griff und überwältigt ward.
Schaut auf die Laken, seht sein Haar da kleben,
Sein wohlgestalter Bart verworr’n und rauh,
So wie vom Sturm gelagert Sommerkorn.
Es kann nicht anders sein, er ward ermordet;
Das kleinste dieser Zeichen wär’ beweisend.
SUFFOLK.
Wer, Warwick, sollt’ ihm wohl den Tod antun?
Ich selbst und Beaufort hatten ihn in Obhut;
Und wir, ich hoffe, Herr, sind keine Mörder.
WARWICK.
Doch wart ihr zwei geschworne Feinde Humphreys
Und mußtet, traun! den guten Herzog hüten.
Ihr pflegtet ihn als Freund vermutlich nicht,
Und, wie sich’s kund gibt, fand er einen Feind.
KÖNIGIN.
So scheint’s, Ihr argwöhnt diese hohen Lords
Als am unzeit’gen Tod des Herzogs schuldig.
WARWICK.
Wer findet tot das Rind und frisch noch blutend,
Sieht dicht dabei den Metzger mit dem Beil
Und argwöhnt nicht, daß der es abgeschlachtet?
[643] Wer find’t das Rebhuhn in des Habichts Nest,
Der sich nicht vorstellt, wie der Vogel starb,
Fliegt schon der Geier mit unblut’gem Schnabel?
Ganz so verdächtig ist dies Trauerspiel.
KÖNIGIN.
Seid Ihr der Schlächter, Suffolk? Wo ist Eu’r Messer?
Heißt Beaufort Geier? Wo sind seine Klau’n?
SUFFOLK.
Kein Messer trag’ ich, Schlafende zu schlachten;
Doch hier ein rächend Schwert, von Ruh’ gerostet,
Das will ich dem im tück’schen Herzen scheuern,
Der mit des Mordes Purpurmal mich brandmarkt.
Sag, stolzer Lord von Warwick, wo du darfst,
Ich habe Schuld an Herzog Humphreys Tod.

Der Kardinal, Somerset und andre ab.

WARWICK.
Was darf, getrotzt vom falschen Suffolk, Warwick nicht?
KÖNIGIN.
Er darf nicht seinen Schmähungsgeist bezähmen,
Noch abstehn von der übermüt’gen Rüge,
Und trotzt ihm Suffolk zwanzigtausend Mal.
WARWICK.
Still, gnäd’ge Frau! Ich sag’s mit aller Achtung:
Denn jedes Wort, zu Gunsten ihm gesprochen,
Bringt Eurer königlichen Würde Schimpf.
SUFFOLK.
Stumpfsinn’ger Lord, unedel im Betragen!
Wenn je ein Fräulein den Gemahl so kränkte,
Nahm deine Mutter in ihr sträflich Bett
Einen groben, unerzognen Bauer auf
Und impfte auf den edlen Stamm das Reis
Von einem Wildling, dessen Frucht du bist,
Und nimmer von der Nevils edlem Stamm.
WARWICK.
Nur daß die Schuld des Mordes dich beschirmt,
Und ich den Henker brächt’ um seinen Lohn,
Von tausendfacher Schande so dich lösend;
Und daß mich meines Fürsten Beisein sänftigt:
Sonst wollt’ ich, falsche mörderische Memme,
Dich auf den Knie’n für die geführte Rede
Verzeihung bitten und dich sagen lassen,
Du habest deine Mutter nur gemeint
Und seist nach Bastardweise selbst erzeugt;
[644] Und, nach der ganzen Huldigung aus Furcht,
Gäb’ ich den Sold dir, schickte dich zur Hölle,
Blutsauger, der die Schlafenden vertilgt!
SUFFOLK.
Wann ich dein Blut vergieße, sollst du wachen,
Wagst du mit mir aus diesem Kreis zu gehn.
WARWICK.
Fort alsobald, sonst schlepp’ ich dich hinaus!
Unwürdig, wie du bist, besteh’ ich dich,
Um Herzog Humphreys Geiste Dienst zu leisten.

Suffolk und Warwick ab.

KÖNIG HEINRICH.
Gibt’s einen Harnisch wie des Herzens Reinheit?
Dreimal bewehrt ist der gerechte Streiter,
Und nackt ist der, obschon in Stahl verschlossen,
Dem Unrecht das Gewissen angesteckt.

Man hört draußen Lärm.

KÖNIGIN.
Was für ein Lärm?

Suffolk und Warwick kommen mit gezogenen Degen zurück.

KÖNIG HEINRICH.
Nun, Lords? Entblößt hier die ergrimmten Waffen
In unserm Beisein? Dürft ihr’s euch vermessen?
Was gibt es hier für Schreien und Tumult?
SUFFOLK.
Der falsche Warwick und das Volk von Bury
Stürmt alles auf mich ein, erhabner Fürst.

Draußen Lärm von einem großen Gedränge.

Salisbury kommt zurück.

SALISBURY.
Halt! Eu’r Begehren soll der König wissen. –
Euch meldet, hoher Herr, das Volk durch mich,
Wird nicht der falsche Suffolk gleich gerichtet
Oder verbannt aus Englands schönem Reich,
So wollen sie aus Eurem Schloß ihn reißen
Und peinlich langsam ihn zu Tode foltern.
Sie sagen, daß der gute Herzog Humphrey
Durch ihn gestorben sei; sie sagen ferner
Sie fürchten Euer Hoheit Tod von ihm,
Und bloßer Trieb der Lieb’ und treuen Eifers,
Von frecher, widerspenst’ger Absicht frei,
[645] Als wollten Eurem Wunsch sie widersprechen,
Geb’ ihnen ein die Fod’rung seines Banns.
Sie sagen, für Eu’r hohes Wohl besorgt:
Wenn Eure Hoheit nun zu schlafen dächte
Und anbeföhle, niemand sollt’ Euch stören
Bei Eurer Ungnad’ oder Todesstrafe;
Doch, ungeachtet solches Strafgebots,
Würd’ eine Schlange mit gespaltner Zunge
Hinschleichend zu Eu’r Majestät gesehn,
So wär’ es unumgänglich, Euch zu wecken,
Auf daß nicht Euren Schlummer voller Harm
Das tödliche Gewürm zum ew’gen machte.
Und darum schrein sie, daß sie trotz Verboten
Euch hüten wollen, willig oder nicht,
Vor solchen Schlangen wie der falsche Suffolk,
Durch des verderblichen und gift’gen Stich
Eu’r lieber Oheim, zwanzigmal ihn wert,
Des Lebens schändlich, sagen sie, beraubt sei.
VOLK draußen.
Bescheid vom Könige, Mylord von Salisbury!
SUFFOLK.
Sehr glaublich, daß das Volk, ein roher Haufe,
Dem Fürsten solche Botschaft senden konnte!
Doch Ihr, Mylord, nahmt gern den Auftrag an,
Um Eure feine Redekunst zu zeigen.
Doch aller Ruhm, den Salisbury erworben,
Ist, daß er Abgesandter einer Rotte
Von Kesselflickern an den König war.
VOLK draußen.
Bescheid vom Könige, wir brechen sonst hinein!
KÖNIG HEINRICH.
Geh, Salisbury, und sag von meinetwegen
Für ihr so liebend Sorgen allen Dank;
Und wär’ ich nicht von ihnen aufgefodert,
So hab’ ich’s doch beschlossen, wie sie bitten.
Denn, wahrlich, stündlich prophezeit mein Sinn
Von Suffolks wegen Unheil meinem Thron.
Und drum – ich schwör’s bei dessen Majestät,
Des ich unwürd’ger Stellvertreter bin, –
Sein Atem soll nicht diese Luft verpesten
Mehr als drei Tage noch, bei Todesstrafe!
Salisbury ab.

[646] KÖNIGIN.
O laß mich für den holden Suffolk reden!
KÖNIG HEINRICH.
Unholde Königin, ihn hold zu nennen!
Nicht weiter, sag’ ich; wenn du für ihn redest,
Wirst du nur höher steigern meinen Zorn.
Ich hielte Wort, und hätt’ ich’s nur gesagt,
Doch wenn ich schwöre, ist’s unwiderruflich.
Wenn nach drei Tagen Zeit man hier dich findet
Auf irgend einem Boden, wo ich herrsche,
So kauft die Welt dein Leben nicht mehr los. –
Komm, Warwick! Lieber Warwick, geh mit mir!
Denn Großes hab’ ich mitzuteilen dir.

König Heinrich, Warwick, Lords u.s.w. ab.

KÖNIGIN.
Unheil und Kummer folg’ Euch auf dem Fuß!
Und Herzeleid und bitterste Bedrängnis
Sei’n die Gespielen, die sich Euch gesellen!
Sind Euer zwei, der Teufel sei der dritte!
Dreifache Rache laur’ auf Eure Wege!
SUFFOLK.
Halt inne, holde Königin, mit Flüchen:
Laß deinen Suffolk traurig Abschied nehmen.
KÖNIGIN.
Pfui, feiges Weib! weichherziges Geschöpf!
Hast du nicht Mut, zu fluchen deinen Feinden?
SUFFOLK.
Weh ihnen! Warum sollt’ ich sie verfluchen?
Wär’ Fluchen tödlich wie Alraunen-Ächzen,
So wollt’ ich bittre, scharfe Wort’ erfinden,
So rauh, verrucht und greulich anzuhören,
Durch die geknirschten Zähn’ herausgetobt,
Mit so viel Zeichen eingefleischten Hasses,
Als wie der hagre Neid in ekler Höhle.
Die Zunge sollt’ in heft’ger Rede straucheln,
Die Augen wie geschlagne Kiesel sprühn,
Mein Haar wie einem Rasenden sich sträuben,
Ja, alle Glieder mitzufluchen scheinen;
Und eben jetzt bräch’ mein belastet Herz,
Wenn ich nicht fluchte. Gift sei ihr Getränk!
Gall’, und was bittrer noch, ihr Leckerbissen!
Ihr bester Schatten ein Zypressenwald!
Ihr schönster Anblick grimme Basilisken!
[647] Eidechsenstich’ ihr sanftestes Berühren!
Sei ihr Konzert wie Schlangenzischen gräßlich,
Und fall’ ein Chor von Unglückseulen ein!
Der mächt’gen Hölle wüste Schrecken alle –
KÖNIGIN.
Genug, mein Suffolk, denn du quälst dich selbst,
Und diese Flüche, wie die Sonn’ auf Glas,
Wie überladne Büchsen, prallen rückwärts
Und wenden ihre Stärke wider dich.
SUFFOLK.
Ihr heißt mich fluchen: heißt Ihr’s nun mich lassen?
Bei diesem Boden, den der Bann mir wehrt!
Leicht flucht’ ich eine Winternacht hinweg,
Stünd’ ich schon nackt auf eines Berges Gipfel,
Wo scharfe Kälte keinen Halm läßt keimen,
Und hielt’ es nur für ‘ner Minute Scherz.
KÖNIGIN.
Oh, auf mein Flehn laß ab! Gib mir die Hand,
Daß ich mit traur’gen Tränen sie betaue:
Des Himmels Regen netze nie die Stelle,
Mein wehevolles Denkmal wegzuwaschen.

Küßt seine Hand.

Oh, prägt’ in deine Hand sich dieser Kuß,
Daß, bei dem Siegel, du an diese dächtest,
Durch die ich tausend Seufzer für dich atme!
So mach’ dich fort, daß ich mein Leid erfahre;
Derweil du noch dabei stehst, ahnd’ ich’s nur,
Wie ein Gesättigter an Mangel denkt.
Ich will zurück dich rufen, oder wagen,
Des sei gewiß, verbannt zu werden selbst;
Und bin ich doch verbannt, wenn nur von dir.
Geh! Rede nicht mit mir! Gleich eile fort! –
Oh, geh noch nicht! – So herzen sich und küssen
Verdammte Freund’ und scheiden tausendmal,
Vor Trennung hundertmal so bang als Tod.
Doch nun fahr’ wohl! Fahr’ wohl mit dir mein Leben!
SUFFOLK.
So trifft zehnfacher Bann den armen Suffolk,
Vom König einer, dreimal drei von dir.
Mich kümmert nicht das Land, wärst du von hinnen:
Volkreich genug ist eine Wüstenei,
Hat Suffolk deine himmlische Gesellschaft.
Denn wo du bist, da ist die Welt ja selbst.
[648] Mit all und jeden Freunde in der Welt,
Und wo du nicht bist, hoffnungslose Öde.
Ich kann nicht weiter: leb’ du froh des Lebens,
Ich über nichts erfreut, als daß du lebst.

Vaux tritt auf.

KÖNIGIN.
Wohin geht Vaux so eilig? Sag, was gibt’s?
VAUX.
Um zu berichten Seiner Majestät,
Kardinal Beaufort lieg’ in letzten Zügen.
Denn jählings überfiel ihn schwere Krankheit,
So daß er keicht und starrt und schnappt nach Luft,
Gott lästernd und der Erde Kindern fluchend.
Bald spricht er, als ob Herzog Humphreys Geist
Zur Seit’ ihm stände; ruft den König bald
Und flüstert in sein Kissen, wie an ihn,
Der schwerbeladnen Seele Heimlichkeiten.
Und melden soll ich Seiner Majestät,
Daß er jetzt eben laut nach ihm geschrien.
KÖNIGIN.
Geh, sag dem König diese traur’ge Botschaft.

Vaux ab.

Weh mir! Was ist die Welt? Welch neuer Vorfall?
Doch klag’ ich einer Stunde armen Raub,
Suffolk im Bann vergessend, mein Herz-Kleinod?
Was traur’ ich, Suffolk, einzig nicht um dich,
Und eifr’ in Tränen mit des Südens Wolken,
Das Land befeuchtend die, mein Leid die meinen?
Nun mach’ dich fort: du weißt, der König kommt;
Es ist dein Tod, wirst du bei mir gefunden.
SUFFOLK.
Ich kann nicht leben, wenn ich von dir scheide;
Und neben dir zu sterben, wär’ es mehr
Als wie ein süßer Schlummer dir im Schoß?
Hier könnt’ ich meine Seele von mir hauchen,
So mind und leise wie das Wiegenkind,
Mit seiner Mutter Brust im Munde sterbend;
Da, fern von dir, ich rasend toben würde
Und nach dir schrein, mein Auge zuzudrücken,
Mit deinen Lippen meinen Mund zu schließen:
[649] So hieltest du die flieh’nde Seel’ entweder,
Wo nicht, so haucht’ ich sie in deinen Leib,
Da lebte dann sie in Elysium.
Bei dir zu sterben, hieß’ im Scherz nur sterben:
Entfernt von dir, wär’ mehr als Todesqual.
O laß mich bleiben, komme, was da will!
KÖNIGIN.
Fort! Ist die Trennung schon ein ätzend Mittel,
Sie dient für eine Wunde voller Tod.
Nach Frankreich, Suffolk! Laß von dir mich hören,
Denn, wo du seist auf diesem Erdenball,
Soll eine Iris dich zu finden wissen.
SUFFOLK.
Ich gehe.
KÖNIGIN.
Und nimm mein Herz mit dir.
SUFFOLK.
Ein Kleinod in dem wehevollsten Kästchen,
Das je ein köstlich Ding umschlossen hat.
Wie ein zertrümmert Schiff, so scheiden wir:
Ich sinke hier zum Tod hinab.
KÖNIGIN.
Ich hier.

Beide von verschiedenen Seiten ab.
Dritte Szene

[649] London. Kardinal Beauforts Schlafzimmer.

König Heinrich, Salisbury, Warwick und andre. Der Kardinal im Bette, Bediente um ihn her.

KÖNIG HEINRICH.

Wie geht’s dir, Beaufort? Sprich zu deinem Fürsten!
BEAUFORT.
Bist du der Tod, ich geb’ dir Englands Schätze,
Genug, zu kaufen solch ein zweites Eiland,
So du mich leben läßt, und ohne Pein.
KÖNIG HEINRICH.
Ach, welch ein Zeichen ist’s von üblem Leben,
Wenn man des Todes Näh’ so schrecklich sieht!
WARWICK.
Beaufort, es ist dein Fürst, der mit dir spricht.
BEAUFORT.
Bringt zum Verhör mich, wann ihr immer wollt.
Er starb in seinem Bett: wo sollt’ er sterben?
Kann ich zum Leben einen Menschen zwingen? –
Oh, foltert mich nicht mehr! Ich will bekennen. –
Nochmal lebendig? Zeigt mir, wo er ist,
[650] Ich gebe tausend Pfund, um ihn zu sehn. –
Er hat keine Augen, sie sind blind vom Staub. –
Kämmt nieder doch sein Haar: seht! seht! es starrt,
Leimruten gleich fängt’s meiner Seele Flügel! –
Gebt mir zu trinken, heißt den Apotheker
Das starke Gift mir bringen, das ich kaufte.
KÖNIG HEINRICH.
O du, der Himmel ewiger Beweger,
Wirf einen Gnadenblick auf diesen Wurm!
Oh, scheuch’ den dreist geschäft’gen Feind hinweg,
Der seine Seele stark belagert hält,
Und rein’ge seinen Busen von Verzweiflung!
WARWICK.
Seht, wie die Todesangst ihn grinsen macht.
SALISBURY.
Verstört ihn nicht, er fahre friedlich hin.
KÖNIG HEINRICH.
Wenn’s Gott geliebt, mit seiner Seele Frieden! –
Lord Kardinal, denkst du an ew’ges Heil,
So heb’ die Hand zum Zeichen deiner Hoffnung. –
Er stirbt und macht kein Zeichen: Gott, vergib ihm!
WARWICK.
Solch übler Tod verrät ein scheußlich Leben.
KÖNIG HEINRICH.
O richtet nicht, denn wir sind alle Sünder.
Drückt ihm die Augen zu, zieht vor den Vorhang,
Und laßt uns alle zur Betrachtung gehn.

Alle ab.
Vierter Aufzug
Erste Szene

[651] Kent. Die Seeküste bei Dover.

Man hört zur See feuern. Alsdann kommen aus einem Boot ein Schiffshauptmann, der Patron und sein Gehülfe, Seyfart Wittmer und andre; mit ihnen Suffolk und andre Edelleute als Gefangne.

SCHIFFSHAUPTMANN.

Der bunte, plauderhafte, scheue Tag
Hat sich verkrochen in den Schoß der See;
Lautheulend treiben Wölfe nun die Mähren,
Wovon die schwermutsvolle Nacht geschleppt wird,
Die ihre trägen Fitt’ge, schlaff gedehnt,
Auf Grüfte senken und aus dunst’gem Schlund
Die Nacht mit ekler Finsternis durchhauchen.
Drum bringt die Krieger des genommnen Schiffs;
Weil unsre Jacht sich vor die Dünen legt,
So sollen sie sich lösen hier am Strand,
Wo nicht, mit ihrem Blut ihn mir verfärben. –
Patron, hier den Gefangnen schenk’ ich dir;
Du, sein Gehülfe, zieh’ Gewinn von dem;
Der andre, Seyfart Wittmer, ist dein Teil.

Auf Suffolk zeigend.

ERSTER EDELMANN.
Was ist mein Lösegeld, Patron? Sag an!
PATRON.
Eintausend Kronen, oder Kopf herunter.
GEHÜLFE.
Das gleiche gebt Ihr mir, sonst fliegt der Eure.
SCHIFFSHAUPTMANN.
Was? Dünkt’s euch viel, zweitausend Kronen zahlen,
Und nennt und habt euch doch wie Edelleute?
Hals ab den beiden Schurken! Ihr müßt sterben:
Das Leben unsrer eingebüßten Leute
Wiegt solche kleine Summe längst nicht auf.
[652] ERSTER EDELMANN.
Ich zahl’ sie, Herr, und also schont mein Leben.
ZWEITER EDELMANN.
Ich auch, und schreibe gleich darum nach Haus.
WITTMER su Suffolk.
Mein Auge büßt’ ich bei dem Entern ein,
Und darum, das zu rächen, sollst du sterben,
Und, wenn mein Wille gölte, diese mit.
SCHIFFSHAUPTMANN.
Sei nicht so rasch! Nimm Lösung, laß ihn leben.
SUFFOLK.
Sieh mein Georgenkreuz, ich bin von Adel:
Schätz’ mich, so hoch du willst, du wirst bezahlt.
WITTMER.
Das werd’ ich schon; mein Nam’ ist Seyfart Wittmer.
Nun, warum starrst du so? Wie? Schreckt der Tod?
SUFFOLK.
Mich schreckt dein Nam’: in seinem Klang ist Tod.
Mir stellt’ ein weiser Mann das Horoskop
Und sagte mir, durch Seefahrt käm’ ich um.
Doch darf dich das nicht blutbegierig machen;
Dein Nam’ ist Siegfried, richtig ausgesprochen.
WITTMER.
Sei’s Siegfried oder Seyfart, mir ist’s gleich.
Nie hat noch unsern Namen Schimpf entstellt,
Daß unser Schwert den Fleck nicht weggewischt.
Drum, wenn ich mit der Rache Handel treibe,
Zerbreche man mein Schwert, mein Wappenschild,
Und ruf’ als Memme durch die Welt mich aus!

Greift den Suffolk.

SUFFOLK.
Halt, Wittmer! Dein Gefangner ist ein Prinz,
Der Herzog Suffolk, William de la Poole.
WITTMER.
Der Herzog Suffolk, eingemummt in Lumpen?
SUFFOLK.
Ja, doch die Lumpen sind kein Teil vom Herzog;
Ging Zeus doch wohl verkleidet: sollt’ ich’s nicht?
SCHIFFSHAUPTMANN.
Doch Zeus ward nie erschlagen, wie du jetzt.
SUFFOLK.
Gemeiner Bauer! König Heinrichs Blut,
Das ehrenwerte Blut von Lancaster,
Darf nicht vergießen solch ein Knecht vom Stall.
[653] Gabst du nicht Kußhand, hieltest meinen Bügel,
Liefst neben meinem Saumtier unbedeckt
Und hieltest dich beglückt, wenn ich dir nickte?
Wie oft bedientest du mich bei den Bechern,
Bekamst den Abhub, knietest an der Tafel,
Wann ich mit Königin Margreta schmauste?
Gedenke dran, und laß dich’s niederschlagen
Und dämpfen deinen fehlgebornen Stolz.
Wie standest du im letzten Vorgemach
Und harrtest dienstbar, bis ich nun erschien?
Zu deinen Gunsten schrieb hier diese Hand,
Drum feßle sie die wilde Zunge dir.
WITTMER.
Durchbohr’ ich den Verworfnen? Hauptmann, sprich!
SCHIFFSHAUPTMANN.
Erst ich mit Worten ihn, so wie er mich.
SUFFOLK.
Sind deine Worte stumpf doch, Sklav’, wie du!
SCHIFFSHAUPTMANN.
Fort, und an unsers großen Bootes Rand
Schlagt ihm den Kopf ab!
SUFFOLK.
Wagst du deinen dran?
SCHIFFSHAUPTMANN.
Ja, Poole.
SUFFOLK.
Poole?
SCHIFFSHAUPTMANN.
Poole? Sir Poole? Lord?
Ja, Pfütze, Pfuhl, Kloak, des Kot und Schlamm
Die Silberquelle trübt, wo England trinkt.
Nun stopf’ ich diesen aufgesperrten Mund,
Der unsers Reiches Schatz verschlungen hat;
Die Lippen, so die Königin geküßt,
Schleif’ ich am Boden hin; und du, der einst
Des guten Herzogs Humphrey Tod belächelt,
Sollst nun umsonst fühllosen Winden grinsen,
Die, wie zum Hohn, zurück dir zischen werden.
Und mit der Hölle Hexen sei verbunden,
Weil du verlobt hast einen mächt’gen Herrn
Der Tochter eines nichtgeacht’ten Königs,
Ohn’ Untertanen, Gut und Diadem.
Du wurdest groß durch Teufels-Politik
Und, wie der kühne Sylla, überfüllt
Mit Zügen Bluts aus deiner Mutter Herzen.
[654] Anjou und Maine ward durch dich verkauft;
Durch dich verschmähn abtrünnige Normannen
Uns Herrn zu nennen; und die Pikardie
Schlug die Regenten, fiel in unsre Burgen
Und sandte wund, zerlumpt, das Kriegsvolk heim.
Der hohe Warwick und die Nevils alle,
Die nie umsonst die furchtbar’n Schwerter ziehn,
Stehn wider dich aus Haß in Waffen auf;
Das Haus von York nun, von dem Thron gestoßen
Durch eines wackern Königs schnöden Mord
Und stolze frevelhafte Tyrannei,
Entbrennt von Rachefeuer, und es führt
In hoffnungsvollen Fahnen unsre Sonne
Mit halbem Antlitz, strebend durchzuscheinen,
Wobei geschrieben steht: Invitis nubibus.
Das Volk von Kent hier regt sich in den Waffen,
Und endlich hat sich Schmach und Bettelarmut
In unsers Königes Palast geschlichen,
Und alles das durch dich. Fort! Schafft ihn weg!
SUFFOLK.
O wär’ ich doch ein Gott, den Blitz zu schleudern
Auf diese dürft’gen, weggeworfnen Knechte!
Elende sind auf kleine Dinge stolz:
Der Schurke hier, als Hauptmann einer Jacht,
Droht mehr als der illyrische Pirat,
Der mächt’ge Bargulus. Die Drohne saugt
Nicht Adlers-Blut, sie stiehlt aus Bienenstöcken;
Es ist unmöglich, daß ich sterben sollte
Durch solchen niedern Untertan als du.
Dein Reden weckt nur Wut, nicht Reu’ in mir.
Nach Frankreich sendet mich die Königin:
Ich sag’ es dir, schaff’ sicher mich hinüber!
SCHIFFSHAUPTMANN.
Seyfart, –
WITTMER.
Komm, Suffolk! daß ich dich zum Tode schaffe.
SUFFOLK.
Pene gelidus timor occupat artus: – dich fürcht’ ich.
WITTMER.
Du findest Grund zur Furcht, eh’ ich dich lasse.
Wie, bist du nun verzagt? Willst nun dich beugen?
[655] ERSTER EDELMANN.
Mein gnäd’ger Lord, gebt ihm doch gute Worte!
SUFFOLK.
Des Suffolks Herrscherzung’ ist streng und rauh,
Weiß zu gebieten, nicht um Gunst zu werben.
Fern sei es, daß wir Volk wie dieses da
Mit unterwürf’gen Bitten ehren sollten.
Nein, lieber neige sich mein Haupt zum Block,
Eh’ diese Knie vor irgendwem sich beugen,
Als vor des Himmels Gott und meinem König;
Und eher mag’s auf blut’ger Stange tanzen,
Als stehn entblößt vor dem gemeinen Knecht.
Der echte Adel weiß von keiner Furcht:
Mehr halt’ ich aus, als ihr vollbringen dürft.
SCHIFFSHAUPTMANN.
Schleppt ihn hinweg, laßt ihn nicht länger reden!
SUFFOLK.
Soldaten, kommt! Zeigt eure Grausamkeit!
Daß diesen meinen Tod man nie vergesse.
Durch Bettler fallen große Männer oft:
Ein röm’scher Fechter und Bandit erschlug
Den holden Tullius; Brutus’ Bastard-Hand
Den Julius Cäsar; wildes Inselvolk
Den Held Pompejus; und Suffolk stirbt durch Räuber.

Suffolk mit Wittmer und andern ab.

SCHIFFSHAUPTMANN.
Von diesen, deren Lösung wir bestimmt,
Beliebt es uns, daß einer darnach reise.
Ihr also kommt mit uns und laßt ihn gehn.

Alle ab, außer der erste Edelmann.

Wittmer kommt mit Suffolks Leiche zurück.

WITTMER.
Da lieg’ sein Haupt und sein entseelter Leib,
Bis ihn die traute Königin bestattet!

Ab.

ERSTER EDELMANN.
Oh, ein barbarisches und blut’ges Schauspiel!
Ich will zum König seine Leiche tragen:
Rächt der ihn nicht, so werden’s seine Freunde,
Die Königin, die lebend hoch ihn hielt.

Ab mit der Leiche.
Zweite Szene

[656] Blackheath. Georg Bevis und Johann Holland treten auf.

GEORG. Wohlan! Schaff’ dir einen Degen, und wenn er auch nur von Holz wäre; seit zwei Tagen sind sie schon auf den Beinen.
JOHANN. Desto nötiger tut’s ihnen, sich jetzt hinzusetzen.
GEORG. Ich sage dir, Hans Cade, der Tuchmacher, denkt das gemeine Wesen aufzustutzen und es zu wenden und ihm die Wolle von neuem zu krausen.
JOHANN. Das tut ihm Not, denn es ist bis auf den Faden abgetragen. Nun, das weiß ich, es gab kein lustiges Leben mehr in England, seit die Edelleute aufgekommen sind.
GEORG. O die elenden Zeiten! Tugend wird an Handwerksleuten nichts geachtet.
JOHANN. Der Adel hält es für einen Schimpf, im ledernen Schurz zu gehn.
GEORG. Was noch mehr ist: des Königs Räte sind keine guten Arbeitsleute.
JOHANN. Ja, und es steht doch geschrieben: arbeite in deinem Beruf; was so viel sagen will: die Obrigkeiten sollen Arbeitsleute sein; und also sollten wir Obrigkeiten werden.
GEORG. Richtig getroffen! Denn es gibt kein besser Zeichen von einem wackern Gemüt, als eine harte Hand.
JOHANN. Ich seh’ sie kommen! Ich seh’ sie kommen! Da ist Bests Sohn, der Gerber von Wingham, –
GEORG. Der soll das Fell unsrer Feinde kriegen, um Hundsleder daraus zu machen.
JOHANN. Und Märten, der Metzger, –
GEORG. Nun, da wird die Sünde vor den Kopf geschlagen wie ein Ochse, und die Ruchlosigkeit wird abgestochen wie ein Kalb.
JOHANN. Und Smith, der Leinweber, –
GEORG. Ergo ist ihr Lebensfaden abgehaspelt.
JOHANN. Kommt, schlagen wir uns zu ihnen!

Trommeln. Cade, Märten der Metzger, Smith der Leinweber und andre in großer Anzahl kommen.

[657] CADE. Wir, Johann Cade, von unserm vermeintlichen Vater so benannt, denn unsre Feinde sollen vor uns niederfallen; vom Geist getrieben, Könige und Fürsten zu stürzen, – befehlt Stillschweigen!
MÄRTEN. Still!
CADE. Mein Vater war ein Mortimer, –
MÄRTEN beiseit. Es war ein ehrlicher Mann und ein guter Maurer.
CADE. Meine Mutter eine Plantagenet, –
MÄRTEN beiseit. Ich habe sie recht gut gekannt, sie war eine Hebamme.
CADE. Meine Frau stammt vom Geschlecht der Lacies, –
MÄRTEN beiseit. Wahrhaftig, sie war eines Hausierers Tochter und hat manchen Latz verkauft.
SMITH beiseit. Aber seit kurzem, nun sie nicht mehr im stande ist, mit ihrem Tornister herumzugehn, wäscht sie zu Hause für Geld.
CADE. Folglich bin ich aus einem ehrenwerten Hause.
MÄRTEN beiseit. Ja, meiner Treu! Das freie Feld ist aller Ehren wert, und da ist er zur Welt gekommen, hinterm Zaun; denn sein Vater hatte kein ander Haus als das Hundeloch.
CADE. Mut habe ich.
SMITH beiseit. Das muß er wohl, denn zum Betteln gehört Mut.
CADE. Ich kann viel aushalten.
MÄRTEN beiseit. Das ist keine Frage: ich habe ihn drei Markttage nacheinander peitschen sehn.
CADE. Ich fürchte mich weder vor Feuer noch Schwert.
SMITH beiseit. Vor dem Schwerte braucht er sich nicht zu fürchten, die Stiche werden vorbeigehn, denn sein Rock hält längst keinen Stich mehr.
MÄRTEN beiseit. Aber mich dünkt, vor dem Feuer sollte er sich fürchten, da sie ihm für seine Schafdieberei ein Zeichen in die Hand gebrannt haben.
CADE. Seid also brav, denn euer Anführer ist brav und gelobt euch Abstellung der Mißbräuche. Sieben Sechser-Brote sollen künftig in England für einen Groschen verkauft werden; die dreireifige Kanne soll zehn Reifen halten, und ich will es für ein Hauptverbrechen erklären, Dünnbier zu trinken. [658] Das ganze Reich sollen alle in gemein haben; in Cheapside geht euch mein Klepper auf die Weide. Und wenn ich König bin, – wie ich es denn bald sein werde, –
ALLE. Gott erhalte Eure Majestät!
CADE. Ich danke euch, lieben Leute! – so soll es kein Geld mehr geben, alle sollen auf meine Rechnung essen und trinken, ich will sie alle in eine Livrei kleiden, damit sie sich als Brüder vertragen und mich als ihren Herrn ehren.
MÄRTEN. Das erste, was wir tun müssen, ist, daß wir alle Rechtsgelahrte umbringen.
CADE. Ja, das gedenk’ ich auch zu tun. Ist es nicht ein erbarmenswürdig Ding, daß aus der Haut eines unschuldigen Lammes Pergament gemacht wird? daß Pergament, wenn es bekritzelt ist, einen Menschen zu Grunde richten kann? Man sagt, die Bienen stechen, aber ich sage: das Wachs der Bienen tut es, denn ich habe nur ein einziges Mal etwas besiegelt, und seit der Zeit war ich niemals wieder mein eigner Herr. Nun, was gibt’s? Wen habt ihr da?

Es kommen Leute, die den Schreiber von Chatham vorführen.

SMITH. Den Schreiber von Chatham: er kann lesen und schreiben und Rechnungen aufsetzen.
CADE. Oh, abscheulich!
SMITH. Wir ertappten ihn dabei, daß er den Jungen ihre Exempel durchsah.
CADE. Das ist mir ein Bösewicht!
SMITH. Er hat ein Buch in der Tasche, da sind rote Buchstaben drin.
CADE. Ja, dann ist er gewiß ein Beschwörer.
MÄRTEN. Ja, er kann auch Verschreibungen machen und Kanzleischrift schreiben.
CADE. Es tut mir leid: der Mann ist, bei meiner Ehre, ein hübscher Mann; wenn ich ihn nicht schuldig finde, so soll er nicht sterben. – Komm her, Bursch, ich muß dich verhören. Wie ist dein Name?
SCHREIBER. Emanuel.
MÄRTEN. Das pflegen sie an die Spitze der offenen Sendschreiben zu setzen. – Es wird Euch schlimm ergehn.
[659] CADE. Laßt mich allein machen. Pflegst du deinen Namen auszuschreiben, oder hast du ein Zeichen dafür, wie ein ehrlicher schlichter Mann?
SCHREIBER. Gott sei Dank, Herr, ich bin so gut erzogen, daß ich meinen Namen schreiben kann.
ALLE. Er hat bekannt: fort mit ihm! Er ist ein Schelm und ein Verräter.
CADE. Fort mit ihm, sage ich: hängt ihn mit seiner Feder und Tintenfaß um den Hals!

Einige mit dem Schreiber ab. Michel kommt.

MICHEL. Wo ist unser General?
CADE. Hier bin ich, du spezieller Kerl.
MICHEL. Flieht! Flieht! Flieht! Sir Humphrey Stafford und sein Bruder mit der Heeresmacht des Königs sind ganz in der Nähe.
CADE. Steh, Schurke, steh, oder ich haue dich nieder. Er soll es mit einem ebenso tüchtigen Mann zu tun bekommen, als er selber ist. Er ist nichts mehr als ein Ritter, nicht wahr?
MICHEL. Nein.
CADE. Um es ihm gleich zu tun, will ich mich selbst unverzüglich zum Ritter schlagen. Steh auf als Sir John Mortimer! Nun auf ihn los!

Sir Humphrey Stafford und sein Bruder William kommen mit Truppen unter Trommelschlag.

STAFFORD.
Rebellisch Pack, der Kot und Abschaum Kents,
Zum Galgen reif! Legt eure Waffen nieder,
Zu euren Hütten heim, verlaßt den Knecht!
Wenn ihr zurückkehrt, ist der König gnädig.
WILLIAM STAFFORD.
Doch zornig, wütend und auf Blut gestellt,
Treibt ihr es fort; drum fügt euch oder sterbt!
CADE.
Mir gelten nichts die taftbehangnen Sklaven;
Zu euch, ihr guten Leute, red’ ich nur,
Die ich in Zukunft zu regieren hoffe,
Da ich des Throns rechtmäß’ger Erbe bin.
[660] STAFFORD.
Du Schelm, dein Vater war ein Mauerntüncher;
Tuchscherer bist du selber: bist du’s nicht?
CADE.
Und Adam war ein Gärtner.
WILLIAM STAFFORD.
Was soll das hier?
CADE.
Nun, das soll’s: – Edmund Mortimer, Graf von March,
Nahm sich zur Eh’ des Herzogs Clarence Tochter; nicht?
STAFFORD.
Ja wohl.
CADE.
Von ihr bekam er auf einmal zwei Kinder.
WILLIAM STAFFORD.
Das ist nicht wahr.
CADE.
Nun ja, das fragt sich; doch ich sag’, es ist so.
Der ältre, den man in die Kost gegeben,
Ward weggestohlen durch ein Bettelweib;
Und, seiner Abkunft und Geburt nicht kundig,
Ward er ein Maurer, wie er kam zu Jahren.
Sein Sohn bin ich, und leugnet’s, wenn Ihr könnt.
MÄRTEN. Ja, es ist wahrhaftig wahr: darum soll er unser König sein.
SMITH. Herr, er hat eine Feueresse in meines Vaters Hause gebaut, und die Backsteine leben noch bis auf diesen Tag, die es bezeugen können; also leugnet es nicht.
STAFFORD.
So glaubt ihr dieses Tagelöhners Worten,
Der spricht, er weiß nicht was?
ALLE. Jawohl, das tun wir; also packt euch nur!
WILLIAM STAFFORD. Hans Cade, Euch lehrte dies der Herzog York.
CADE beiseit. Er lügt, ich habe es selbst erfunden. – Wohlan, ihr da, sagt dem Könige von meinetwegen: Um seines Vaters willen, Heinrichs des Fünften, zu dessen Zeit die Jungen Hellerwerfen um französische Kronen spielten, sei ich es zufrieden, daß er regiere; ich wolle aber Protektor über ihn sein.
MÄRTEN. Und ferner wollen wir Lord Says Kopf haben, weil er das Herzogtum Maine verkauft hat.
CADE. Und das von Rechts wegen, denn dadurch ist England verstümmelt und müßte am Stabe einhergehen, wenn ich es nicht aufrecht erhielte. Ich sage euch, ihr Mitkönige, Lord Say hat das gemeine Wesen verschnitten und zum Eunuchen gemacht; und was mehr ist, so kann er französisch sprechen, und also ist er ein Verräter!
[661] STAFFORD. O grobe, klägliche Unwissenheit!
CADE. Ja, antwortet mir, wenn Ihr könnt. Die Franzosen sind unsre Feinde; nun gut, ich frage Euch nur: kann jemand, der mit der Zunge eines Feindes spricht, ein guter Ratgeber sein oder nicht?
ALLE. Nein, nein, und also wollen wir seinen Kopf haben.
WILLIAM STAFFORD.
Wohl, da gelinde Worte nichts vermögen,
So greift sie mit dem Heer des Königs an!
STAFFORD.
Fort, Herold, und in jeder Stadt ruf’ aus
Die mit dem Cade Empörten als Verräter,
Auf daß man die, so aus dem Treffen fliehn,
In ihrer Frau’n und Kinder Angesicht
Zur Warnung hänge vor den eignen Türen. –
Und ihr, des Königs Freunde, folgt mir nach!

Die beiden Staffords mit den Truppen ab.

CADE.
Und ihr, des Volkes Freunde, folgt mir nach!
‘s ist für die Freiheit, zeigt euch nun als Männer:
Kein Lord, kein Edelmann soll übrig bleiben;
Schont nur, die in gelappten Schuhen gehn,
Denn das sind wackre, wirtschaftliche Leute,
Die, wenn sie dürften, zu uns überträten.
MÄRTEN. Sie sind schon in Ordnung und marschieren auf uns zu.
CADE. Wir sind erst recht in Ordnung, wenn wir außer aller Ordnung sind. Kommt, marschiert vorwärts!

Alle ab
Dritte Szene

[661] Ein andrer Teil von Blackheath.

Getümmel. Die zwei Parteien kommen und fechten, und beide Staffords werden erschlagen.

CADE. Wo ist Märten, der Metzger von Ashford?
MÄRTEN. Hier.
CADE. Sie fielen vor dir wie Schafe und Ochsen, und du tatest, als wenn du in deinem eigenen Schlachthause wärest; deshalb will ich dich folgendermaßen belohnen: die Fasten sollen [662] noch einmal so lang sein, und du sollst eine Konzession haben, für hundert weniger einen zu schlachten.
MÄRTEN. Ich verlange nicht mehr.
CADE. Und, in Wahrheit, du verdienst nichts Geringeres. Dies Andenken des Sieges will ich tragen, und die beiden Leichen soll mein Pferd nachschleifen, bis ich nach London komme, wo wir uns das Schultheißen-Schwert wollen vortragen lassen.
MÄRTEN. Wenn wir Gedeihen haben und was ausrichten wollen, so laßt uns die Kerker aufbrechen und die Gefangnen herauslassen!
CADE. Sorge nicht, dafür stehe ich dir. Kommt, marschieren wir nach London!
Alle ab.
Vierte Szene

[662] London. Ein Zimmer im Palast.

König Heinrich, der eine Supplik liest; der Herzog von Buckingham und Lord Say neben ihm; in der Entfernung Königin Margareta, die über Suffolks Kopf trauert.

KÖNIGIN.

Oft hört’ ich, Gram erweiche das Gemüt,
Er mach’ es zaghaft und entart’ es ganz:
Drum denk’ auf Rache und laß ab vom Weinen.
Doch wer ließ’ ab vom Weinen, der dies sieht?
Hier liegt sein Haupt an meiner schwell’nden Brust:
Wo ist der Leib, den ich umarmen sollte?
BUCKINGHAM.
Welche Antwort erteilt Eure Hoheit auf die Supplik der Rebellen?
KÖNIG HEINRICH.
Ich send’ als Mittler einen frommen Bischof.
Verhüte Gott, daß so viel arme Seelen
Umkommen durch das Schwert! Ich selber will,
Eh’ sie der blut’ge Krieg vertilgen soll,
Mit ihrem General, Hans Cade, handeln.
Doch still, ich will’s noch einmal überlesen.
KÖNIGIN.
Ah, die Barbaren! Hat dies holde Antlitz
Mich wie ein wandelnder Planet beherrscht?
[663] Und konnt’ es nicht die nöt’gen, einzuhalten,
Die nicht verdienten, nur es anzuschaun?
KÖNIG HEINRICH.
Lord Say, Hans Cade schwört, er will nicht ruhn,
Als bis er Euren Kopf in Händen hat.
SAY.
Ja, doch ich hoffe, Eure Hoheit wird
Bald seinen haben.
KÖNIG HEINRICH.
Nun, Gemahlin! Wie?
Wehklagend stets und traurend um Suffolks Tod?
Ich fürchte, Herz, wenn ich gestorben wär’,
Du hättest nicht so sehr um mich getrauert.
KÖNIGIN.
Nein, mein Herz, ich trau’rte nicht, ich stürb’ um dich.

Ein Bote tritt auf.

KÖNIG HEINRICH.
Nun dann, was gibt’s? Was kommst du so in Eil’?
BOTE.
Die Meuter sind in Southwark: flieht, mein Fürst!
Hans Cade erklärt sich für Lord Mortimer,
Vom Haus des Herzogs Clarence abgestammt,
Nennt öffentlich Eu’r Gnaden Usurpator
Und schwört, in Westminster sich selbst zu krönen.
Ein abgelumpter Haufen ist sein Heer
Von Bauersknechten, roh und unbarmherzig;
Sir Humphrey Staffords Tod und seines Bruders
Gab ihnen Herz und Mut, es fortzutreiben;
Gelehrte, Rechtsverständ’ge, Hof und Adel
Wird falsch Gezücht gescholten und zum Tod verdammt.
KÖNIG HEINRICH.
O ruchlos Volk! Es weiß nicht, was es tut.
BUCKINGHAM.
Mein gnäd’ger Herr, zieht Euch nach Kenelworth,
Bis man ein Heer versammelt, sie zu schlagen.
KÖNIGIN.
Ach, lebte Herzog Suffolk nun, wie bald
Wär’ diese kent’sche Meuterei gestillt!
KÖNIG HEINRICH.
Lord Say, dich haßt die Rotte:
Deswegen fort mit uns nach Kenelworth!
SAY.
Das könnte meines Herrn Person gefährden,
Mein Anblick ist in ihrem Aug’ verhaßt;
Und darum will ich in der Stadt nur bleiben
Und hier so heimlich, wie ich kann, es treiben.

Ein andrer Bote tritt auf.
[664] ZWEITER BOTE.
Hans Cade ist Meister von der London-Brücke,
Die Bürger fliehn vor ihm aus ihren Häusern;
Das schlechte Volk, nach Beute dürstend, tritt
Dem Frevler bei: so schwören sie, die Stadt
Und Euren königlichen Hof zu plündern.
BUCKINGHAM.
Dann zaudert nicht, mein Fürst! Zu Pferde, fort!
KÖNIG HEINRICH.
Margreta, komm! Gott, unsre Hoffnung, hilft uns.
KÖNIGIN.
Da Suffolk starb, ist meine Hoffnung hin.
KÖNIG HEINRICH zum Lord Say.
Lebt wohl, Mylord! Traut nicht den kent’schen Meutern!
BUCKINGHAM.
Traut keinem, aus Besorgnis vor Verrat!
SAY.
Auf meine Unschuld gründ’ ich mein Vertraun,
Und darum bin ich kühn und unverzagt.

Alle ab.
Fünfte Szene

[664] Der Turm.

Lord Scales und andre erscheinen auf den Mauern; dann treten unten einige Bürger auf.

SCALES. Nun, ist Hans Cade erschlagen?
ERSTER BÜRGER. Nein, Mylord, und es hat auch keinen Anschein dazu, denn sie haben die Brücke erobert und bringen alle um, die sich widersetzen. Der Schultheiß bittet Euer Edeln um Beistand vom Turm, um die Stadt gegen die Rebellen zu verteidigen.
SCALES.

Was ich nur missen kann, ist Euch zu Dienst,
Zwar werd’ ich hier von ihnen selbst geplagt,
Die Meuter wollten sich des Turms bemeistern.
Doch macht Euch nach Smithfield und sammelt Volk,
Und dahin send’ ich Euch Matthias Gough.
Kämpft für den König, Euer Land und Leben,
Und so lebt wohl, denn ich muß wieder fort.

Alle ab.
Sechste Szene

[665] Die Kanonenstraße.

Hans Cade mit seinem Anhange. Er schlägt mit seinem Stabe auf den Londner Stein.

CADE. Nun ist Mortimer Herr dieser Stadt. Und hier, auf dem Londner Steine sitzend, verordne ich und befehle, daß in diesem ersten Jahr unsers Reichs auf Stadts-Unkosten durch die Seigerinne nichts als roter Wein laufen soll. Und hinfüro soll es Hochverrat sein, wenn irgendwer mich anders nennt als Lord Mortimer.

Ein Soldat kommt gelaufen.

SOLDAT. Hans Cade! Hans Cade!
CADE. Schlagt ihn gleich zu Boden!

Sie bringen ihn um.

SMITH. Wenn der Bursche klug ist, wird er Euch niemals wieder Hans Cade nennen: ich meine, er hat einen guten Denkzettel bekommen.
MÄRTEN. Mylord, es hat sich eine Heersmacht bei Smithfield versammelt.
CADE. So kommt, laßt uns mit ihnen fechten. Aber erst geht und setzt die London-Brücke in Brand, und wenn ihr könnt, brennt auch den Turm nieder. Kommt, machen wir uns fort!

Ab.
Siebente Szene

[665] Smithfield.

Getümmel. Von der einen Seite kommen Cade und sein Anhang; von der andern Bürger und königliche Truppen, angeführt von Matthias Gough. Sie fechten; die Bürger werden in die Flucht geschlagen, und Gough fällt.

CADE. So, Leute: nun geht und reißt das Savoyische Quartier ein; andre zu den Gerichtshöfen, nieder mit allen zusammen!
MÄRTEN. Ich habe ein Gesuch an Eure Herrlichkeit.
[666] CADE. Und wär’ es eine Herrlichkeit, für das Wort soll’s dir gewährt sein.
MÄRTEN. Bloß, daß die Gesetze von England aus Eurem Munde kommen mögen.
JOHANN beiseit. Sapperment, dann werden’s heillose Gesetze sein, denn er ist mit einem Speer in den Mund gestochen, und das ist noch nicht heil.
SMITH beiseit. Nein, Johann, es werden stinkende Gesetze sein, denn er stinkt aus dem Munde nach geröstetem Käse.
CADE. Ich habe es bedacht, es soll so sein. Fort, verbrennt alle Urkunden des Reichs; mein Mund soll das Parlament von England sein.
JOHANN beiseit. Dann werden wir vermutlich beißende Statuten bekommen, wenn man ihm nicht die Zähne ausbricht.
CADE. Und hinfüro soll alles in Gemeinschaft sein.

Ein Bote tritt auf.

BOTE. Mylord, ein Fang! ein Fang! Hier ist der Lord Say, der die Städte in Frankreich verkauft hat; der uns einundzwanzig Funfzehnte hat bezahlen lassen und einen Schilling auf das Pfund zur letzten Kriegssteuer.

Georg Bevis kommt mit Lord Say.

CADE. Gut, er soll zehnmal dafür geköpft werden. – O Say, du sämischer, juchtener, rindslederner Lord! Nun stehst du recht als Zielscheibe unsrer königlichen Gerichtsbarkeit. Wie kannst du dich vor meiner Majestät deshalb rechtfertigen, daß du die Normandie an Musje Baisemoncu, den Dauphin von Frankreich, abgetreten hast? Kund und zu wissen sei dir hiemit durch Gegenwärtiges, namentlich durch gegenwärtigen Lord Mortimer, daß ich der Besen bin, welcher den Hof von solchem Unrat, wie du bist, rein kehren muß. Du hast höchst verräterischer Weise die Jugend des Reiches verderbet, indem du eine lateinische Schule errichtet; und da zuvor unsere Voreltern keine andern Bücher hatten als die Kreide und das Kerbholz, so hast du das Drucken aufgebracht, und hast zum Nachteil des Königs, seiner Krone und Würde, eine Papiermühle gebaut. Es wird dir ins Gesicht bewiesen werden, daß du Leute um dich hast, die [667] zu reden pflegen von Nomen und Verbum und dergleichen scheußliche Worte mehr, die kein Christenohr geduldig anhören kann. Du hast Friedensrichter angestellt, daß sie arme Leute vor sich rufen über Dinge, worauf sie nicht im stande sind zu antworten. Du hast sie ferner gefangen gesetzt, und weil sie nicht lesen konnten, hast du sie hängen lassen, da sie doch bloß aus dem Grunde am meisten verdienten zu leben. Du reitest auf einer Decke, nicht wahr?
SAY. Nun, was täte das?
CADE. Ei, du solltest dein Pferd keinen Mantel tragen lassen, derweil ehrlichere Leute als du in Wams und Hosen gehn.
MÄRTEN. Und im bloßen Hemde arbeiten obendrein; wie ich selbst zum Beispiel, der ich ein Metzger bin.
SAY. Ihr Männer von Kent, –
MÄRTEN. Was sagt Ihr von Kent?
SAY. Nichts als dies: es ist bona terra, mala gens.
CADE. Fort mit ihm! Fort mit ihm! Er spricht Latein.
SAY.
Hört nur und führt mich dann, wohin ihr wollt.
Kent heißt in dem Bericht, den Cäsar schrieb,
Der ganzen Insel freundlichstes Gebiet:
Das Land ist reich, mit Gütern wohl begabt,
Das Volk willfährig, tapfer, tätig, reich;
Was mich auf Mitleid von euch hoffen läßt.
Ich hab’ nicht Maine und Normandie verkauft,
Gern kauft’ ich sie zurück mit meinem Leben.
Das Recht hab’ ich mit Güte stets geübt,
Mich rührten Bitten, Tränen, niemals Gaben,
Wann hab’ ich was von eurer Hand erpreßt,
Zum Schutz für Kent, für König, Land und euch?
Gelahrten Männern gab ich große Summen,
Weil Buch und Schrift beim König mich befördert,
Und weil ich sah, es sei Unwissenheit
Der Fluch von Gott, und Wissenschaft der Fittig,
Womit wir in den Himmel uns erheben.
Seid ihr von Höllengeistern nicht besessen,
So könnt ihr nicht den Mord an mir begehn.
Bei fremden Kön’gen hat die Zunge hier
Für euch gesprochen, –
[668] CADE. Pah! Wann hast du irgendeinen Streich im Felde geführt?
SAY.
Der Großen Arm reicht weit: oft traf ich Menschen
Die nie mich sahn, und traf zum Tode sie.
GEORG. O die abscheuliche Memme! Die Leute hinterrücks anzufallen!
SAY. Die Wangen wacht’ ich bleich in eurem Dienst.
CADE. Gebt ihm eine Ohrfeige, so werden sie schon wieder rot werden.
SAY.
Das lange Sitzen, um der armen Leute
Rechtshändel zu entscheiden, hat mich ganz
Mit Krankheit und Beschwerden angefüllt.
CADE. So sollt Ihr einen hänfnen Magentrank haben, und mit einem Beil soll man Euch helfen.
MÄRTEN. Was zitterst du, Mann?
SAY. Der Schlagfluß nötigt mich und nicht die Furcht.
CADE. Ja, er nickt uns zu, als wollte er sagen: »Ich will es mit euch aufnehmen.« Ich will sehn, ob sein Kopf auf einer Stange fester stehen wird; schafft ihn fort und köpft ihn!
SAY.
Sagt mir, worin verging ich mich am meisten?
Begehrt’ ich Reichtum oder Ehre? Sprecht!
Sind meine Kisten voll erpreßten Goldes?
Und ist mein Aufzug kostbar anzuschaun?
Wen kränkt’ ich, daß ihr meinen Tod so sucht?
Kein schuldlos Blut vergossen diese Hände,
Und diese Brust herbergt kein schnödes Falsch.
O laßt mich leben!
CADE. Ich fühle Mitleiden in mir mit seinen Worten, aber ich will es in Zaum halten; er soll sterben, und wär’ es nur, weil er so gut für sein Leben spricht. Fort mit ihm! Er hat einen Hauskobold unter der Zunge sitzen, er spricht nicht im Namen Gottes. Geht, schafft ihn fort, sage ich, und schlagt ihm gleich den Kopf ab; und dann brecht in das Haus seines Schwiegersohnes Sir John Cromer und schlagt ihm den Kopf ab, und bringt sie beide auf zwei Stangen her!
ALLE.
Es soll geschehn.
SAY.
Ach, Landesleute! Wenn bei euren Bitten
Gott so verhärtet wäre wie ihr selbst,
[669] Wie ging’ es euren abgeschiednen Seelen?
Darum erweicht euch noch und schont mein Leben!
CADE. Fort mit ihm, und tut, was ich euch befehle!

Einige ab mit Lord Say.

Der stolzeste Pair im Reich soll keinen Kopf auf den Schultern tragen, wenn er mir nicht Tribut zahlt; kein Mädchen soll sich verheiraten, ohne daß sie mir ihre Jungfernschaft bezahlt, eh’ ihr Liebster sie kriegt; alle Menschen sollen unter mir in capite stehn, und ich verordne und befehle, daß ihre Weiber so frei sein sollen, als das Herz wünschen oder die Zunge sagen kann.
MÄRTEN. Mylord, wann sollen wir nach Cheapside gehn und mit unsern Hellebarden halbpart machen?
CADE. Ei, sogleich!
ALLE. O herrlich!

Es kommen Rebellen zurück mit den Köpfen des Lord Say und seines Schwiegersohnes.

CADE. Aber ist dies nicht noch herrlicher? – Laßt sie einander küssen, denn sie sind sich bei Lebzeiten zugetan gewesen. Nun haltet sie wieder aus einander, damit sie nicht ratschlagen, wie sie noch mehr französische Städte übergeben wollen. Soldaten, schiebt die Plünderung der Stadt auf bis nachts, denn wir wollen durch die Straßen reiten und diese Köpfe wie Szepter vor uns hertragen lassen, und an jeder Ecke sollen sie sich küssen. Fort!

Alle ab.
Achte Szene

[669] Southwark.

Getümmel. Cade mit seinem Gesindel tritt auf.

CADE. Die Fischerstraße herauf! Die Sankt-Magnus- Ecke hinunter! Totgeschlagen! In die Themse geworfen!

Es wird zur Unterhandlung geblasen, hierauf zum Rückzug.

[670] Was für einen Lärm hör’ ich? Wer darf so verwegen sein, zum Rückzug oder zur Unterhandlung zu blasen, wenn ich sie alles totschlagen heiße?

Buckingham und der alte Clifford treten auf mit Truppen.

BUCKINGHAM.

Hier sind sie, die das dürfen, und die dich
Verstören wollen. Wisse, Cade, denn:
Als Abgesandte kommen wir vom König
Zum Volke, welches du mißleitet hast,
Und künden hier Verzeihung jedem an,
Der dich verläßt und friedlich heim will gehn.
CLIFFORD.
Was sagt ihr, Landsgenossen? Gebt ihr nach
Und weicht der Gnade, weil man sie euch bietet?
Oder soll Gesindel in den Tod euch führen?
Wer unsern König liebt und die Verzeihung
Benutzen will, der schwinge seine Mütze
Und sage: »Gott erhalte Seine Majestät!«
ALLE. Gott erhalte den König! Gott erhalte den König!
CADE. Was, Buckingham und Clifford, seid ihr so brav? – Und ihr, schlechtes Bauernvolk, glaubt ihr ihm? Wollt ihr denn durchaus mit eurem Pardon um den Hals aufgehängt sein? Ist mein Schwert dazu durch das Londner Tor gebrochen, daß ihr mich beim weißen Hirsch in Southwark verlassen solltet? Ich dachte, ihr wolltet eure Waffen nimmer niederlegen, bis ihr eure alte Freiheit wieder erobert hättet: aber ihr seid alle Abtrünnige und feige Memmen und habt eine Freude daran, in der Sklaverei des Adels zu leben. So mögen sie euch denn den Rücken mit Lasten zerbrechen, euch die Häuser über den Kopf wegnehmen, eure Weiber und Töchter vor euren Augen notzüchtigen; was mich betrifft, ich will jetzt nur für einen sorgen, und euch alle möge Gottes Fluch treffen!
ALLE.
Wir folgen unserm Cade! Wir folgen unserm Cade!
CLIFFORD.
Ist Cade Sohn Heinrichs des Fünften,
Daß ihr so ausruft, ihr wollt mit ihm gehn?
Führt er euch wohl in Frankreichs Herz und macht
Den kleinsten unter euch zum Graf und Herzog?
[671] Ach, er hat keine Heimat, keine Zuflucht,
Und kann nicht anders leben als durch Plünd’rung,
Indem er eure Freund’ und uns beraubt.
Welch eine Schmach, wenn, während ihr euch zankt,
Die scheuen Franken, die ihr jüngst besiegt,
Die See durchkreuzten und besiegten euch?
Mich dünkt, in diesem bürgerlichen Zwist
Seh’ ich sie schon in Londons Gassen schalten
Und jeden rufen an mit: »Villageois!«
Eh’ laßt zehntausend niedre Cades verderben,
Als ihr euch beugt vor eines Franken Gnade!
Nach Frankreich! Frankreich! Bringt Verlornes ein!
Schont England, euren heimatlichen Strand!
Heinrich hat Geld, und ihr seid stark und männlich:
Gott mit uns, zweifelt nicht an eurem Sieg!
ALLE. Clifford hoch! Clifford hoch! Wir folgen dem König und Clifford.
CADE. Ist eine Feder wohl so leicht hin und hergeblasen als dieser Haufe? Der Name Heinrich des Fünften reißt sie zu hunderterlei Unheil fort und macht, daß sie mich in der Not verlassen. Ich sehe, daß sie die Köpfe zusammen stecken, um mich zu überfallen: mein Schwert muß mir den Weg bahnen, denn hier ist meines Bleibens nicht. – Allen Teufeln und der Hölle zum Trotz will ich recht mitten durch euch hindurch, und ich rufe den Himmel und die Ehre zu Zeugen, daß kein Mangel an Entschlossenheit in mir, sondern bloß der schnöde und schimpfliche Verrat meiner Anhänger mich auf flüchtigen Fuß setzt. Ab.
BUCKINGHAM.
Ist er entflohn? Geh’ wer und folg’ ihm nach;
Und der, der seinen Kopf zum König bringt,
Soll tausend Kronen zur Belohnung haben.

Einige ab.

Folgt mir, Soldaten; wir ersinnen Mittel,
Euch alle mit dem König zu versöhnen.

Alle ab.
Neunte Szene

[672] Die Burg zu Kenelworth.

König Heinrich; Königin Margareta und Somerset auf der Terrasse der Burg.

KÖNIG HEINRICH.

Saß wohl ein König je auf ird’schem Thron,
Dem nicht zu Dienst mehr Freude stand wie mir?
Kaum kroch ich aus der Wiege noch, als ich,
Neun Monden alt, zum König ward ernannt.
Nie sehnt’ ein Untertan sich nach dem Thron,
Wie ich mich sehn’, ein Untertan zu sein.

Buckingham und Clifford treten auf.

BUCKINGHAM.
Heil Eurer Majestät und frohe Zeitung!
KÖNIG HEINRICH.
Sag, Buckingham, griff man den Frevler Cade?
Wie, oder wich er nur, sich zu verstärken?

Es erscheint unten ein Haufen von Cades Anhängern, mit Stricken um den Hals.

CLIFFORD.
Er floh, mein Fürst, und all sein Volk ergibt sich
Und demutsvoll, mit Stricken um den Hals,
Erwarten sie von Euer Hoheit Spruch
Nun Leben oder Tod.
KÖNIG HEINRICH.
Dann, Himmel, öffne deine ew’gen Tore,
Um meines Danks Gelübde zu empfangen! –
Heut löstet ihr, Soldaten, euer Leben,
Ihr zeigtet, wie ihr euren Fürsten liebt
Und euer Land: bewahrt so guten Sinn,
Und Heinrich, wenn er unbeglückt schon ist,
Wird niemals, seid versichert, lieblos sein.
Und so, euch allen dankend und verzeihend,
Entlass’ ich euch, in seine Heimat jeden.
ALLE.
Gott erhalte den König! Gott erhalte den König!

Ein Bote tritt auf.

BOTE.
Vergönnen mir Eu’r Gnaden, zu berichten,
Daß Herzog York von Irland jüngst gekommen
[673] Und mit gewalt’ger, starker Heeresmacht
Von Galloglassen und von derben Kerns
Hieher ist auf dem Marsch mit stolzem Zug;
Und stets erklärt er, wie er weiter rückt,
Er kriege bloß, um weg von dir zu schaffen
Den Herzog Somerset, den er Verräter nennt.
KÖNIG HEINRICH.
So steh’ ich, zwischen Cade und York bedrängt,
Ganz wie ein Schiff, das einem Sturm entronnen
Kaum ruhig, von Piraten wird geentert.
Nur erst verjagt ist Cade, sein Volk zerstreut,
Und schon ist York bewehrt, ihm beizustehn. –
Ich bitt’ dich, Buckingham, geh ihm entgegen,
Frag’ um die Ursach’ seiner Waffen, sag ihm,
Ich sende Herzog Edmund in den Turm, –
Und, Somerset, dort will ich dich verwahren,
Bis seine Schar von ihm entlassen ist.
SOMERSET.
Mein Fürst,
Ich füge willig dem Gefängnis mich,
Dem Tode selbst, zu meines Landes Wohl.
KÖNIG HEINRICH.
Auf jeden Fall seid nicht zu rauh in Worten.
Denn er ist stolz, ihn reizen harte Reden.
BUCKINGHAM.
Das will ich, Herr, und hoff’ es zu vermitteln,
Daß alles sich zu Eurem Besten lenkt.
KÖNIG HEINRICH.
Komm, Frau, laß besser uns regieren lernen,
Denn noch hat England meinem Reich zu fluchen.

Alle ab.
Zehnte Szene

[673] Kent. Idens Garten.

Cade tritt auf.

CADE. Pfui über den Ehrgeiz! Pfui über mich selbst, der ich ein Schwert habe und doch auf dem Punkte bin, Hungers zu sterben! Diese fünf Tage habe ich mich in diesen Wäldern versteckt und wagte nicht, mich blicken zu lassen, weil mir das ganze Land auflauert: aber jetzt bin ich so hungrig, daß [674] ich nicht länger warten könnte, und wenn ich mein Leben auf tausend Jahre dafür in Pacht bekäme. Ich bin also über die Mauer in diesen Garten geklettert, um zu sehen, ob ich Gras essen oder mir wieder einen Salat pflücken kann, was einem bei der Hitze den Magen recht gut kühlt.

Iden kommt mit Bedienten.

IDEN.

Wer möchte wohl im Hofesdienst sich mühn,
Der solche stille Gänge kann genießen?
Dies kleine Erb’, das mir mein Vater ließ,
G’nügt mir und gilt mir eine Monarchie.
Ich mag durch andrer Fall nicht Größe suchen,
Noch samml’ ich Gut, gleichviel mit welchem Neid:
Ich habe, was zum Unterhalt mir g’nügt,
Der Arme kehrt von meiner Tür vergnügt.
CADE. Da kommt der Eigentümer und wird mich wie einen Landstreicher greifen, weil ich ohne seine Erlaubnis auf sein Grundstück gekommen bin. – Ha, Schurke, du willst mich verraten, um tausend Kronen vom Könige zu erhalten, wenn du ihm meinen Kopf bringst: aber ich will dich zwingen, Eisen zu fressen wie ein Strauß und meinen Degen hinunter zu würgen wie eine große Nadel, ehe wir auseinander kommen.
IDEN.
Ei, ungeschliffner Mensch, wer du auch seist!
Ich kenn’ dich nicht: wie sollt’ ich dich verraten?
Ist’s nicht genug, in meinen Garten brechen
Und wie ein Dieb mich zu bestehlen kommen,
Gewaltsam meine Mauern überkletternd?
Mußt du mir trotzen noch mit frechen Worten?
CADE. Dir trotzen? Ja, bei dem besten Blut, das jemals angezapft worden ist, und das recht ins Angesicht. Sieh mich genau an: ich habe in fünf Tagen keine Nahrung genossen, und doch, komm du nur mit deinen fünf Gesellen, und wenn ich euch nicht alle mausetot schlage, so bitte ich zu Gott, daß ich nie wieder Gras essen mag.
IDEN.
Nein, solang’ England lebt, soll man nicht sagen,
Daß Alexander Iden, ein Esquire von Kent,
[675] Mit einem Hungerleider ungleich kämpfte.
Dein starrend Auge setze gegen meins,
Sieh, ob du mich mit Blicken übermeisterst.
Setz’ Glied an Glied, du bist bei weitem schwächer.
Bei meiner Faust ist deine Hand ein Finger,
Dein Bein ein Stock, mit diesem Stamm verglichen;
Mein Fuß mißt sich mit deiner ganzen Stärke,
Und wenn mein Arm sich in die Luft erhebt,
So ist dein Grab gehöhlt schon in der Erde.
Statt Worte, deren Größe Wort’ erwidert,
Verkünde dieses Schwert, was ich verschweige.
CADE. Bei meiner Tapferkeit, der vollkommenste Klopffechter, von dem ich jemals gehört habe. – Stahl, wenn du nun deine Spitze biegst oder diesen pfündigen Tölpel nicht in lauter Schnittchen Fleisch zerhackst, ehe du wieder in der Scheide ruhst, so bitte ich Gott auf meinen Knieen, daß du in Hufnägel magst verwandelt werden.

Sie fechten, Cade fällt.

Oh, ich bin hin! Hunger und nichts anders hat mich umgebracht. Laßt zehntausend Teufel über mich herfallen, gebt mir nur die zehn verlornen Mahlzeiten wieder, und ich böte allen die Spitze. – Verdorre, Garten! und sei in Zukunft ein Begräbnisplatz für alle, die in diesem Hause wohnen, weil in dir die unüberwindliche Seele Cades entflohn ist.
IDEN.
Schlug ich den greulichen Verräter Cade?
Du sollst geweiht sein, Schwert, für diese Tat
Und nach dem Tod mir übers Grab gehängt.
Nie sei dies Blut gewischt von deiner Spitze,
Wie einen Heroldsmantel sollst du’s tragen,
Um zu verkünden deines Herren Ruhm!
CADE. Iden, leb wohl und sei stolz auf deinen Sieg. Sage den Kentern von meinetwegen, daß sie ihren besten Mann verloren haben, und ermahne alle Welt, feige Memmen zu sein: denn ich, der ich mich nie vor keinem gefürchtet, muß dem Hunger erliegen, nicht der Tapferkeit. Stirbt.
IDEN.
Wie du zu nah mir tust, sei Gott mein Zeuge!
Stirb, deren Fluch, die dich gebar, Verruchter!
[676] Und wie mein Schwert dir deinen Leib durchstieß,
So stieß’ ich gern zur Hölle deine Seele.
Ich schleife häuptlings fort dich an den Fersen
Auf einen Misthauf’, wo dein Grab soll sein;
Da hau’ ich ab dein frevelhaftes Haupt,
Das ich zum König im Triumph will tragen,
Den Kräh’n zur Speise lassend deinen Rumpf.
Ab mit der Leiche, die er hinausschleift.
Fünfter Aufzug
Erste Szene

[677] Ebnen zwischen Dartford und Blackheath.

Des Königs Lager an der einen Seite, von der andern kommt York mit seinem Heer von Irländern, mit Trommeln und Fahnen.

YORK.

So kommt von Irland York, sein Recht zu fodern,
Von Heinrichs schwachem Haupt die Kron” zu reißen.
Schallt, Glocken, laut! Brennt, Freudenfeuer, hell!
Um Englands echten König zu empfangen.
Ah, sancta majestas! Wer kaufte dich nicht teuer?
Gehorchen mag, wer nicht zu herrschen weiß;
Die Hand hier ist gemacht, nur Gold zu führen.
Ich kann nicht meinen Worten Nachdruck geben,
Wenn sie ein Schwert nicht oder Szepter wägt;
Wenn eine Seel’ mir ward, wird ihr ein Szepter,
Worauf ich Frankreichs Lilien schleudern will.

Buckingham tritt auf.

Wer kommt uns da? Buckingham, mich zu stören?
Der König sandt’ ihn sicher, ich muß heucheln.
BUCKINGHAM.
York, wenn du’s wohl meinst, sei mir wohl geglüßt!
YORK.
Humphrey von Buckingham, den Gruß empfang’ ich.
Bist du ein Bote, oder kommst aus Wahl?
BUCKINGHAM.
Ein Bote Heinrichs, unsers hohen Herrn,
Zu fragen, was der Feldzug soll im Frieden?
Weswegen du, ein Untertan wie ich,
Dem Eid und der Vasallentreu’ zuwider,
Solch großes Heer versammelst ohn’ Erlaubnis
Und es so nah dem Hof zu führen wagst?
[678] YORK beiseit.
Kaum kann ich sprechen vor zu großem Zorn,
Oh, Felsen könnt’ ich spalten, Kiesel schlagen,
So grimmig machen mich die schnöden Worte.
Und jetzt, wie Ajax Telamonius, könnt’ ich
Die Wut an Schafen und an Ochsen kühlen!
Ich bin weit hochgeborner als der König,
Mehr einem König gleich, und königlicher:
Doch muß ich eine Weil’ schön Wetter machen,
Bis Heinrich schwächer ist und stärker ich. –
O Buckingham, ich bitte dich, verzeih’,
Daß ich die ganze Zeit nicht Antwort gab:
Von tiefer Schwermut war mein Geist verstört.
Der Grund, warum ich hergebracht dies Heer,
Ist, Somerset, den stolzen, zu entfernen
Vom König, dem er wie dem Staat sich auflehnt.
BUCKINGHAM.
Das ist zu große Anmaßung von dir:
Doch, hat dein Kriegszug keinen andern Zweck,
So gab der König deiner Fodrung nach:
Der Herzog Somerset ist schon im Turm.
YORK.
Auf Ehre sage mir: ist er gefangen?
BUCKINGHAM.
Ich sag’ auf Ehre dir: er ist gefangen.
YORK.
Dann, Buckingham, entlass’ ich meine Macht. –
Habt Dank, Soldaten, und zerstreut euch nur;
Trefft morgen mich auf Sankt Georgen-Feld,
Ich geb’ euch Sold und alles, was ihr wünscht. –
Und meinen Herrn, den tugendsamen Heinrich,
Laßt meinen ältsten Sohn, ja alle Söhne
Als Pfänder meiner Lieb’ und Treu’ begehren:
So willig, als ich lebe, send’ ich sie.
Land, Güter, Pferde, Waffen, was ich habe,
Ist ihm zu Dienst, wenn Somerset nur stirbt.
BUCKINGHAM.
Die sanfte Unterwerfung lob’ ich, York,
Und gehn wir zwei in Seiner Hoheit Zelt.
König Heinrich tritt auf mit Gefolge.

KÖNIG HEINRICH.
Buckingham, sinnt York kein Arges wider mich,
Daß du mit ihm einhergehst Arm in Arm?
[679] YORK.
In aller Unterwürfigkeit und Demut
Stellt York vor Euer Hoheit selbst sich dar.
KÖNIG HEINRICH.
Wozu denn diese Heersmacht, die du führst?
YORK.
Um den Verräter Somerset zu bannen
Und mit dem Erzrebellen Cade zu fechten,
Von dessen Niederlag’ ich nun gehört.

Iden tritt auf mit Cades Kopf.

IDEN.
Wenn ein so schlichter Mann, so niedern Standes,
Der Gegenwart des Königs nahn sich darf,
Bring’ ich Eu’r Gnaden ein Verräter-Haupt,
Des Cade Haupt, den ich im Zweikampf schlug.
KÖNIG HEINRICH.
Des Cade Haupt? Gott, wie gerecht bist du!
O laßt mich dessen Antlitz tot beschaun,
Der lebend mir so große Nöten schaffte!
Sag mir, mein Freund, warst du’s, der ihn erschlug?
IDEN.
Ich war’s, zu Euer Majestät Befehl.
KÖNIG HEINRICH.
Wie nennt man dich, und welches ist dein Rang?
IDEN.
Alexander Iden ist mein Name;
Ein armer Squire von Kent, dem König treu.
BUCKINGHAM.
Wenn’s Euch beliebt, mein Fürst, es wär’ nicht unrecht,
Für seinen Dienst zum Ritter ihn zu schlagen.
KÖNIG HEINRICH.
Iden, knie nieder!

Er kniet.

Steh als Ritter auf!
Wir geben tausend Mark dir zur Belohnung
Und wollen, daß du künftig uns begleitest.
IDEN.
Mög’ Iden solche Gunst dereinst verdienen,
Und leb’ er nie, als seinem Fürsten treu!
KÖNIG HEINRICH.
Sieh, Buckingham! Somerset und mein Gemahl:
Geh, heiße sie vor York ihn schleunig bergen.

Königin Margareta und Somerset.

KÖNIGIN.
Vor tausend Yorks soll er sein Haupt nicht bergen,
Nein, kühnlich stehn und ins Gesicht ihm schaun.
YORK.
Was soll dies sein? Ist Somerset in Freiheit?
Dann, York, entfeßle die Gedanken endlich
Und laß die Zung’ es gleich tun deinem Herzen!
[680] Soll ich den Anblick Somersets ertragen?
Was brachst du, falscher König, mir dein Wort,
Da du doch weißt, wie schwer ich Kränkung dulde?
Ich nannte König dich? Du bist kein König,
Nicht fähig, eine Menge zu beherrschen,
Der nicht Verräter zähmen kann noch darf.
Dies Haupt da steht zu einer Krone nicht;
Den Pilgerstab mag fassen deine Hand,
Und nicht ein würdig Fürstenszepter schmücken.
Dies Gold muß diese meine Brau’n umgürten,
Des Dräun und Lächeln, wie Achilles’ Speer,
Durch seinen Wechsel töten kann und heilen.
Die Hand hier kann empor den Szepter tragen
Und bindendes Gesetz damit vollstrecken.
Gib Raum! Bei Gott, du sollst nicht mehr beherrschen
Den, so der Himmel dir zum Herrscher schuf.
SOMERSET.
O Erzverräter! – Ich verhafte dich
Um Hochverrates wider Kron’ und König.
Gehorch’, verwegner Frevler! Knie’ um Gnade!
YORK.
Knien soll ich? Laß mich diese fragen erst,
Ob sie es dulden, daß ich wem mich beuge. –
Ihr da, ruft meine Söhne her als Bürgen;

einer vom Gefolge ab

Ich weiß, eh’ sie zur Haft mich lassen gehn,
Verpfänden sie ihr Schwert für meine Lösung.
KÖNIGIN.
Ruft Clifford her, heißt alsobald ihn kommen

Buckingham ab.

Zu sagen, ob die Bastard-Buben Yorks
Des falschen Vaters Bürgschaft sollen sein.
YORK.
O blutbefleckte Neapolitanerin!
Auswurf von Napel! Englands blut’ge Geißel!
Yorks Söhne, höher von Geburt als du,
Sind die Gewähr des Vaters; wehe denen,
Die meiner Buben Bürgschaft weigern wollen!

Von der einen Seite kommen Eduard und Richard Plantagenet mit Truppen; von der andern, gleichfalls mit Truppen, der alte Clifford und sein Sohn.

[681] Da sind sie: seht! Ich steh’ euch ein, sie tun’s.
KÖNIGIN.
Und hier kommt Clifford, die Gewähr zu weigern.
CLIFFORD kniet.
Heil sei und Glück dem König, meinem Herrn!
YORK.
Ich dank’ dir, Clifford! Sag, was bringst du Neues?
Nein, schreck’ uns nicht mit einem zorn’gen Blick,
Wir sind dein Lehnsherr, Clifford, kniee wieder:
Dir sei verziehn, daß du dich so geirrt.
CLIFFORD.
Dies ist mein König, York, ich irre nicht;
Du irrst dich sehr in mir, daß du es denkst. –
Nach Bedlam mit ihm! Ward der Mensch verrückt?
KÖNIG HEINRICH.
Ja, Clifford, eine toll ehrsücht’ge Laune
Macht, daß er wider seinen Herrn sich setzt.
CLIFFORD.
Ein Hochverräter! Schafft ihn in den Turm
Und haut herunter den rebell’schen Kopf!
KÖNIGIN.
Er ist verhaftet, doch will nicht gehorchen;
Die Söhne, spricht er, sagen gut für ihn.
YORK.
Wollt ihr nicht, Söhne?
EDUARD.
Wenn unser Wort was gilt: gern, edler Vater.
RICHARD.
Und gilt es nicht, so sollen’s unsre Waffen.
CLIFFORD.
Ei, welche Brut Verräter gibt es hier!
YORK.
Sieh in den Spiegel, nenne so dein Bild:
Ich bin dein König, du bist ein Verräter. –
Ruft her zum Pfahl mein wackres Bärenpaar,
Daß sie, durch bloßes Schütteln ihrer Ketten,
Die laurenden erbosten Hunde schrecken;
Heißt Salisbury und Warwick zu mir kommen.

Trommeln. Salisbury und Warwick kommen mit Truppen.

CLIFFORD.
Sind dies da deine Bären? Gut, wir hetzen
Zu Tode sie, der Bärenwärter soll
In ihren Ketten dann gefesselt werden,
Wenn du sie in die Schranken bringen darfst.
RICHARD.
Oft sah ich einen hitz’gen, kecken Hund,
Weil man ihn hielt, zurück sich drehn und beißen,
Der, ließ man nun ihn an des Bären Tatze,
Den Schwanz nahm zwischen seine Bein’ und schrie:
[682] Dergleichen Dienste werdet Ihr verrichten,
Wenn Ihr Euch mit Lord Warwick messen wollt.
CLIFFORD.
Fort, Last des Zornes! Unbeholfner Klump,
Der krumm von Sitten ist wie von Gestalt!
YORK.
Schon gut, wir heizen gleich Euch tüchtig ein.
CLIFFORD.
Daß Eure Hitz’ Euch nur nicht selbst verbrennt!
KÖNIG HEINRICH.
Wie, Warwick? Hat dein Knie verlernt sich beugen?
Scham deinen Silberhaaren, Salisbury,
Der toll den hirnverbrannten Sohn mißleitet!
Willst du den Wildfang auf dem Todbett spielen
Und Herzeleid mit deiner Brille suchen? –
Oh, wo ist Treu’? Wo ist Ergebenheit?
Wenn sie verbannt ist von dem frost’gen Haupt,
Wo findet sie Herberge noch auf Erden? –
Gräbst du ein Grab auf, um nach Krieg zu spähn,
Und willst mit Blut dem ehrlich Alter schänden?
Was bist du alt, wenn dir Erfahrung mangelt?
Wenn du sie hast, warum mißbrauchst du sie?
O schäm’ dich! Beuge pflichtgemäß dein Knie,
Das sich zum Grabe krümmt vor hohen Jahren.
SALISBURY.
Mein Fürst, erwogen hab’ ich bei mir selbst
Den Anspruch dieses hochberühmten Herzogs,
Und im Gewissen acht’ ich Seine Gnaden
Für echten Erben dieses Königsthrons.
KÖNIG HEINRICH.
Hast du nicht mir Ergebenheit geschworen?
SALISBURY.
Das hab’ ich.
KÖNIG HEINRICH.
Kannst du vor Gott dich solchem Schwur entziehn?
SALISBURY.
Der Sünde schwören, ist schon große Sünde;
Doch größre noch, den sünd’gen Eid zu halten.
Wen bände wohl ein feierlicher Schwur
Zu einer Mordtat, jemand zu berauben,
Der reinen Jungfrau Keuschheit zu bewält’gen,
An sich zu reißen eines Waisen Erb’,
Gewohntes Recht der Witwe abzuprassen;
Und zu dem Unrecht hätt’ er keinen Grund,
Als daß ein feierlicher Schwur ihn binde?
KÖNIGIN.
Verräterlist bedarf Sophisten nicht.
[683] KÖNIG HEINRICH.
Ruft Buckingham und heißt ihn sich bewaffnen.
YORK.
Ruf Buckingham und alle deine Freunde:
Ich bin auf Hoheit oder Tod entschlossen.
CLIFFORD.
Das erste bürg’ ich dir, wenn Träume gelten.
WARWICK.
Ihr mögt zu Bett nur gehn und wieder träumen,
Um Euch zu schirmen vor dem Sturm der Schlacht.
CLIFFORD.
Ich bin auf einen größern Sturm gefaßt,
Als den du heut herauf beschwören kannst;
Und schreiben will ich das auf deinen Helm,
Kenn’ ich dich nur am Zeichen deines Hauses.
WARWICK.
Bei meines alten Vater Nevil Zeichen!
Den steh’nden Bär, am knot’gen Pfahl gekettet,
Ich trag’ ihn heut auf meinem Helme hoch,
Der Zeder gleich auf eines Berges Gipfel,
Die jedem Sturm zum Trotz ihr Laub bewahrt,
Um dich zu schrecken durch den Anblick schon.
CLIFFORD.
Und dir vom Helme reiß’ ich deinen Bär
Und tret’ ihn in den Staub mit allem Hohn,
Zum Trotz dem Bärenwärter, der ihn schützt.
CLIFFORD SOHN.
Und zu den Waffen so, sieghafter Vater!
Zu der Rebellen Sturz und ihrer Rotte!
RICHARD.
Pfui! Glimpflich! Wollt Euch nicht so hart erweisen!
Ihr müßt zu Nacht mit dem Herrn Christus speisen.
CLIFFORD SOHN.
Das ist mehr, schnödes Brandmal, als du weißt!
RICHARD.
Wo nicht im Himmel, in der Hölle speist!

Alle ab.
Zweite Szene

[683] Sankt Albans.

Getümmel. Angriffe.Warwick tritt auf.

WARWICK.

Clifford von Cumberland, der Warwick ruft!
Und wenn du nicht dich vor dem Bären birgst,
Jetzt, da die zornige Trompete schmettert
Und Sterbender Geschrei die Luft erfüllt,
So sag’ ich: Clifford, komm und ficht mit mir!
[684] Du stolzer nord’scher Lord von Cumberland,
Warwick hat heiser sich an dir gerufen!

York tritt auf.

Was gibt’s, mein edler Lord? Wie, so zu Fuß?
YORK.
Cliffords Vertilger-Hand erschlug mein Roß,
Doch tat ich Gleiches ihm um Gleiches an
Und machte sein geliebtes wackres Tier
Zur Beute für des Aases Kräh’n und Geier.

Clifford tritt auf.

WARWICK.
Die Stund’ ist da für einen von uns beiden.
YORK.
Halt, Warwick! Such’ dir einen andern Fang:
Ich selbst muß dieses Wild zu Tode jagen.
WARWICK.
Dann wacker, York! Du fichtst um eine Krone. –
So wahr ich, Clifford, heut Gedeihen hoffe,
Dich unbekämpft zu lassen, kränkt mein Herz.

Ab.

CLIFFORD.
Was siehst du, York, an mir? Was zauderst du?
YORK.
In dein mannhaftes Tun würd’ ich verliebt,
Wärst du nicht mein so ausgemachter Feind.
CLIFFORD.
Auch deinem Mute würde Preis zu teil,
Wenn du nicht schimpflich im Verrat ihn zeigtest.
YORK.
So helf’ er jetzt mir wider dies dein Schwert,
Wie ich bei Recht und Wahrheit ihn beweise!
CLIFFORD.
Ich setze Seel’ und Leib an dieses Werk.
YORK.
Furchtbare Waage! Mach’ dich gleich bereit

Sie fechten, und Clifford fällt.

CLIFFORD.
La fin couronne les œuvres.

Stirbt.

YORK.
Krieg gab dir Frieden nun, denn du bist still.
Mit deiner Seele Frieden, so Gott will!

Ab.

Der junge Clifford tritt auf.

CLIFFORD SOHN.
Scham und Verwirrung! Alles flüchtet sich;
Die Furcht schafft Unordnung, und statt zu schirmen,
Verwundet sie. O Krieg, du Sohn der Hölle,
Gebraucht zum Werkzeug von des Himmels Zorn!
Wirf in die frost’gen Busen unsers Volks
Der Rache heiße Kohlen! – Keiner fliehe:
[685] Wer wahrhaft sich dem Krieg gewidmet, hat
Selbstliebe nicht, und wer sich selbst noch liebt,
Führt nicht dem Wesen nach, zufällig nur,
Des Tapfern Namen. –

Er erblickt seinen toten Vater.

O ende, schnöde Welt!
Des Jüngsten Tags vorausgesandte Flammen,
Macht eins aus Erd’ und Himmel!
Es blase die Gerichtstrompete nun,
Daß Unbedeutendheit und kleine Laute
Verstummen! – War’s verhängt dir, lieber Vater,
In Frieden deine Jugend hinzubringen,
Des reifen Alters Silbertracht zu führen
Und in der Ehr’ und Ruhe Tagen so
In wilder Schlacht zu sterben? – Bei dem Anblick
Versteinert sich mein Herz, und steinern sei’s,
Solang’ es mein ist! – York schont nicht unsre Greise:
Ich ihre Kinder nicht; der Jungfrau’n Tränen,
Sie sollen mir wie Tau dem Feuer sein,
Und Schönheit, die Tyrannen oft erweicht,
Soll Öl mir gießen in des Grimmes Flammen.
Ich will hinfort nichts von Erbarmen wissen;
Treff’ ich ein Knäblein an vom Hause York,
Ich will’s zerhauen in so viele Bissen,
Als am Absyrtus wild Medea tat:
Ich suche meinen Ruhm in Grausamkeit.
Komm, neue Trümmer von des alten Cliffords Haus!

Nimmt die Leiche auf.

So trug Aeneas einst den Greis Anchises,
So trag’ ich dich auf meinen Mannesschultern.
Doch trug Aeneas da lebend’ge Last:
Nichts ist so schwer als dies mein Herzeleid.

Ab.
Richard Plantagenet und Somerset kommen fechtend, Somerset wird umgebracht.

RICHARD.
So, lieg’ du da! –
Denn unter einer Schenke dürft’gem Schild,
Der Burg Sankt Albans, machte Somerset
Die Zauberin durch seinen Tod berühmt.
[686] Schwert, bleib’ gestählt! Dein Grimm ist, Herz, vonnöten!
Für Feinde beten Priester, Prinzen töten.

Ab.

Getümmel. Angriffe. König Heinrich, Königin Margareta und andre kommen, auf dem Rückzuge begriffen.

KÖNIGIN.
So langsam, mein Gemahl! Fort! Schämt Euch! Eilt!
KÖNIG HEINRICH.
Entläuft man wohl dem Himmel? Beste, weilt!
KÖNIGIN.
Wie seid Ihr doch? Ihr wollt nicht fliehn noch fechten.
Jetzt ist es Mannheit, Weisheit, Widerstand,
Dem Feinde weichen und uns sicher stellen
Durch was wir können, und das ist nur Flucht.
Getümmel in der Ferne.

Wenn man Euch finge, säh’n wir auf den Boden
All unsers Glücks; allein entrinnen wir,
Wie, wenn nicht Ihr versäumt, wir leichtlich können,
So ist uns London nah, wo man Euch liebt;
Wo dieser Riß, in unser Glück gemacht,
Gar bald zu heilen ist.

Der junge Clifford tritt auf.

CLIFFORD SOHN.
Wär’ nicht mein Herz gestellt auf künftig Unheil,
Gott wollt’ ich lästern, eh’ ich fliehn Euch hieße.
Doch müßt Ihr fliehn: unheilbare Verwirrung
Regiert im Herzen unsers ganzen Heers.
Fort, Euch zu retten! Und ihr Los erleben
Einst wollen wir und ihnen unsres geben.
Fort, gnäd’ger Herr! Fort! Fort!

Alle ab.
Dritte Szene

[686] Das Feld bei Sankt Albans.

Getümmel und Rückzug. Trompetenstoß; hierauf kommen York, Richard Plantagenet, Warwick und Soldaten mit Trommeln und Fahnen.

YORK.

Vom Salisbury, wer meldet mir von ihm,
Dem Winterlöwen, der vor Wut vergißt
[687] Verjährte Lähmung und den Rost der Zeit.
Und, wie ein Braver in der Jugend Glanz,
Vom Anlaß Kraft leiht? Dieser frohe Tag
Gleicht nicht sich selbst, kein Fußbreit ward gewonnen,
Ist Salisbury dahin.
RICHARD.
Mein edler Vater,
Ich half ihm heute dreimal auf sein Pferd,
Beschritt ihn dreimal, führt’ ihn dreimal weg,
Beredet’ ihn, nichts weiter mitzutun:
Doch stets, wo nur Gefahr, da traf ich ihn,
Und, wie in Hütten köstliche Tapeten,
So war sein Will’ im alten schwachen Leibe.
Doch seht ihn kommen, edel wie er ist!
Salisbury tritt auf.

SALISBURY.
Bei meinem Schwert! Du fochtest heute gut;
Beim Kreuz! wir insgesamt. – Ich dank’ Euch, Richard:
Gott weiß, wie lang’ ich noch zu leben habe,
Und ihm gefiel es, daß Ihr dreimal heut
Mich schirmen solltet vor dem nahen Tod.
Wohl, Lords! Noch ist, was wir erlangt, nicht unser:
Daß unsre Feinde flohn, ist nicht genug,
Da ‘s ihre Art ist, leicht sich herzustellen.
YORK.
Ich weiß, nur ihnen folgen, sichert uns.
Der König floh nach London, wie ich höre,
Und will alsbald ein Parlament berufen.
Verfolgen wir ihn, eh’ die Schreiben ausgehn.
Was sagt Ihr, Warwick: soll’n wir ihnen nach?
WARWICK.
Was? Ihnen nach? Nein, ihnen vor, wo möglich!
Bei meiner Treu’, Lords, glorreich war der Tag.
Sankt Albans Schlacht, vom großen York gewonnen,
Wird hochgepreis’t durch alle Folgezeit. –
Auf, Kriegsmusik! – Nach London alle hin!
Und oft beglück’ uns solchen Tags Gewinn!

Alle ab.

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